Hitzige Debatte, dreistimmig

Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ich, wie schön ich es finde, wenn die Kinder anfangen, das Familienleben mitzugestalten. Dass mich Karlsson beim Wort nehmen und mir ein paar Tage später ein Heft mit dem Titel „Kleine Vortragsstücke für die Altblockflöte“ aus dem Brockenhaus mitbringen würde, ahnte ich damals natürlich nicht. „Das könntest du doch üben und ich könnte dich am Klavier begleiten“, meinte er und als ich ein paar Tage später noch keinen Ton gespielt hatte, liess er mich wissen, er habe das ernst gemeint mit dem gemeinsamen Musizieren. Da ich ein typisches Kind meiner Zeit bin, lieferten sich darauf drei innere Stimmen eine erbitterte Debatte:

1. Stimme (panisch): „Altblockflöte? Nein, bitte nicht! Ich bin noch immer traumatisiert von dieser schrecklich langweiligen Lehrerin, die mich dazu gezwungen hat, die Sopranblockflöte aufzugeben.“

2. Stimme (genervt): „Nun hab dich mal nicht so. Hast du es nicht immer und immer wieder bereut, dass du die Musik komplett aufgegeben hast? Das ist deine Chance, endlich wieder dort anzuknüpfen, wo du vor Jahren aufgehört hast.“

1. Stimme (jammernd): „Aber ich kann doch nicht! Diese Griffe verwirren mich komplett. Das habe ich schon damals nicht geschafft und wenn ich mir heute diese Grifftabelle ansehe, wird mir ganz mulmig zumute. Sopranblockflöte ginge ja noch. Aber Altblockflöte? Das schaffe ich nie und nimmer. Ich hab dir doch gesagt, ich bin traumatisiert. Ohne Therapie kriege ich das nicht hin…“

3. Stimme (mahnend): „Stichwort Therapie: Was glaubst du, was Karlsson tun wird, wenn du dich verweigerst?“

1. Stimme (etwas kleinlaut): „Er wird vielleicht ein bisschen sauer sein…“

3. Stimme (entrüstet): „Ein bisschen sauer? Weisst du denn nicht mehr, was junge Menschen tun, wenn sie von ihren Eltern enttäuscht werden? Die rennen zum Therapeuten und jammern ihm die Ohren voll über ihre herzlosen Eltern, die ihnen mit der kaltblütigen Ablehnung ihrer Passion fast das Herz aus der Brust gerissen haben. Wenn dir Karlsson etwas bedeutet, machst du dich gleich morgen ans Üben.“

1. Stimme (kläglich): „Aber ich kann doch nicht. Ich bin total blockiert.“

3. Stimme (drohend): „Du willst doch wohl nicht riskieren, dass er dich eines schönen Tages ins Altersheim abschiebt…“

1. Stimme (schluchzend): „Nein, aber ich kann doch nicht… Glaub mir doch bitte, diese Flötenstunden waren der reinste Horror. Mir rinnt jetzt noch der kalte Schweiss über den Rücken, wenn ich dran denke.“

2. Stimme (beschwichtigend): „So schlimm war das nun auch wieder nicht. Okay, diese Lehrerin war tatsächlich eine Schlaftablette und du warst ja auch mitten in der Pubertät und hattest andere Sorgen. Aber später dann, am Gymnasium, hat dir das Flötenspiel doch wieder richtig Spass gemacht.“

1. Stimme (kleinlaut): „Schon, aber…“

3. Stimme (barsch): „Kein Aber! Denk ans Altersheim…“

1. Stimme (ängstlich): „Du machst mir Angst. Ich kann das doch nicht. Karlsson wird mich auslachen. Er hat mich in Sachen Musik doch längst überholt.“

3. Stimme (belehrend): „Das scheint ihm aber nichts auszumachen. Er will mit seiner Mutter musizieren und wenn du ihm diesen Wunsch nicht erfüllst, landet er auf der Couch des Psychiaters und dann kannst du ja sehen, ob du deine Enkelkinder jemals zu Gesicht bekommst.“

1. Stimme (flehend): „Nun hör doch endlich auf, den Teufel an die Wand zu malen. So schaffe ich das erst recht nicht. Unter Druck kriege ich nichts zustande, das weisst du doch.“

3. Stimme (angewidert): „Ich kann es ja nicht fassen, dass du noch immer dieses Psychogeschwätz aus den Neunzigern drauf hast. Man sollte meinen, das Leben mit fünf Kindern hätte dich gelehrt, Hürden zu meistern. Stattdessen ziehst du jammernd den Schwanz ein.“

1. Stimme (wehklagend): „Ich gebe mir doch jede erdenkliche Mühe und mit neuen Herausforderungen werde ich ja auch irgendwie fertig. Aber wie soll ich meistern, was ich in meiner Jugend schon nicht geschafft habe? Ich kann das einfach nicht…“

3. Stimme (spöttisch): „Pffff! Wer lässt sich denn schon von einer Grifftabelle kleinkriegen?“

2. Stimme (resolut): „Könnt ihr wohl endlich die Klappe halten? Ich muss mich konzentrieren. Ich mag eine Niete sein auf der Altblockflöte, aber irgendwie habe ich richtig Lust bekommen, es noch einmal zu versuchen. Macht doch bestimmt Spass, mit Karlsson zu musizieren und vielleicht kann ich von ihm ja noch ein paar Dinge lernen. Also lasst mich gefälligst in Ruhe diese Grifftabelle studieren, damit ich bald mit Üben anfangen kann. Karlsson wird allmählich ungeduldig…“

So schwer kann das ja wohl wirklich nicht sein…

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Life around the clock

Später Abend, „Meiner“ und ich wären allmählich für Feierabend zu haben, aber in Zoowärters Zimmer tobt noch immer das Leben. Weil Schulferien sind, sehen die drei jüngeren Kinder nicht ein, weshalb sie schlafen sollten. Nach einem kleineren Donnerwetter kehrt dann doch Ruhe ein.

Gegen Mitternacht gehen „Meiner“ und ich ins Bett. Die Ruhe im Haus ist nicht von Dauer, denn bald macht sich Luise auf die Suche nach einem gemütlicheren Schlafplatz. Aus unerfindlichen Gründen sagt ihr das eigene Bett heute nicht zu und sie kann den Tag erst abschliessen, als sie es sich auf dem Sofa bequem gemacht hat. 

Einige Stunden Schlaf. Um fünf Uhr früh wird „Meiner“ wach, weil aus dem Badezimmer Kinderlachen zu vernehmen ist. Prinzchen und Zoowärter nehmen ein Bad. „Der Zoowärter hat geglaubt, es sei Morgen“, erklärt das Prinzchen. 

Noch einmal zwei Stunden Schlaf, dann geht der Wecker. Eigentlich hätten „Meiner“ und ich die Stille des Morgens zum Arbeiten brauchen wollen, aber nach der kurzen Nacht fällt das Aufstehen schwer. Der Wecker lärmt weiter, wird aber ignoriert. 

Nachdem der Wecker endlich schweigt, herrscht einige Minuten lang Stille, dann rumort es oben in Karlssons Zimmer. Heute haben wir Glück. Er bearbeitet zuerst das Cembalo in seinem Zimmer und lässt das Klavier im Wohnzimmer vorerst in Ruhe. Das bedeutet, dass sich die Tagwache noch ein paar Momente hinauszögern lässt. 

Eine halbe Stunde später hat Karlsson genug vom Cembalo, er muss jetzt einfach ans Klavier. Damit ist definitiv Tagwache. „Meiner“ und ich kommen aus dem Bett gekrochen. 

Wenig später kommen die zwei, die seit ihrem frühmorgendlichen Bad kein Auge mehr zugetan haben, runter ins Wohnzimmer. Luise schreckt sofort vom Sofa hoch, als die kleinen Brüder zu spielen anfangen. (Karlssons Klavierspiel hat sie erstaunlicherweise nicht zu wecken vermocht.) Also bekommen der Zoowärter und das Prinzchen ihren vollen morgendlichen Zorn zu spüren. Was fällt den beiden eigentlich ein, sie vor dem Mittagessen zu wecken? 

Nun lässt sich der Tag definitiv nicht mehr aufhalten und so tun wir eben, was Vendittis so tun, wenn Schulferien sind.

Na ja, immerhin kommt der Feierabend heute etwas früher. Luise, der Zoowärter und das Prinzchen haben noch verpassten Schlaf nachzuholen.

Karlsson klimpert derweilen noch ein wenig auf dem Cembalo…

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Vernünftig

Am späten Nachmittag schaut meine älteste Schwester kurz bei uns vorbei, um mir etwas zu erzählen und mich zu fragen, was ich von der Sache halte. Der FeuerwerhRitterRömerPirat sitzt im Wohnzimmer und lauscht unserer Unterhaltung. Als meine Schwester wieder weg ist, hat er eine wichtige Frage:

„Mama, könnte es sein, dass Menschen vernünftiger werden, wenn sie erwachsen sind?“

„Nun ja, das ist nicht immer der Fall, aber bei manchen Menschen ist das schon so. Warum meinst du?“

„Ich habe gehört, dass deine grosse Schwester dich nach deiner Meinung gefragt hat.“ 

„Das stimmt, aber was hat das jetzt mit deiner Frage zu tun?“

„Deine Schwester ist doch viel älter als du…“

„Ja, das ist sie, aber ich verstehe immer noch nicht ganz, worauf du hinaus willst…“

„Tja, weisst du, Karlsson und Luise würden mich nie nach meiner Meinung fragen, also nehme ich an, dass nur Erwachsene vernünftig genug sind, auch mal ihre jüngeren Geschwister um Rat zu fragen.“

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Worauf es im Leben ankommt

Er war Inhalt von so manchem „Frau Venditti, wir müssen reden“-Gespräch…

Die eine oder andere Lehrerin fühlte sich durch ihn veranlasst, an den Erziehungsfähigkeiten von „Meinem“ und mir zu zweifeln.

Die praktischen Anforderungen des Schulalltags zwangen ihn beinahe in die Knie. 

Tönten wir bei Elterngesprächen an, er habe wohl deutlich mehr auf dem Kasten, als seine Schulnoten vermuten liessen, wurden wir mitleidig belächelt.

Ich wünschte, seine ehemaligen Lehrerinnen hätten ihn heute sehen können, wie er ergründete, was wahre Nächstenliebe bedeutet, wie wenig der Mensch eigentlich bräuchte, um wahrhaft glücklich zu sein, warum die Welt nicht besser wird, wenn wir alle immer mehr besitzen wollen und weshalb es in seinen Augen ökologisch fragwürdig ist, ein anderes Transportmittel als die eigenen Füsse zu benützen. 

Die Pädagoginnen, die in ihm stets nur den störrischen, schweigsamen Jungen mit der schlechten Handschrift und dem nicht ganz sauberen Pullover gesehen haben, hätten ihn wohl kaum wieder erkannt, wie er mir lückenlos und ausgesprochen wortgewandt seine Überzeugungen darlegte. Aber vielleicht hätten sie ihm auch gar nicht zugehört, denn vermutlich war sein Pullover auch heute nicht ganz sauber und natürlich war er mehr oder weniger ungekämmt. Und das ist es ja, worauf es im Leben ankommt und nicht etwa die Frage, die ihn so antreibt, nämlich, wie man verhindern könnte, dass die Welt gänzlich vor die Hunde geht.

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Und sie mögen sich doch…

Im Winter, wenn es draussen garstig und kalt ist…

… und wir aufgrund unseres ausgeprägten Hanges zum Stubenhockertum dazu gezwungen sind, viel dichter aufeinander zu sitzen, als es uns allen gut tun kann,…

…eine Serie von Feiertagen die Kinder daran hindert, sich mit denen zu treffen, die sie sich als Weggefährten ausgesucht haben und sie stattdessen darauf angewiesen sind, dass diejenigen, die ihnen von Geburt an gegeben sind, bei dem mitspielen, was sie gerade unbedingt spielen wollen,…

…das Nervenkostüm derjenigen, die nicht mehr krank, aber auch noch nicht ganz gesund sind, ausgesprochen dünn ist,…

…und ich immer öfter Sätze wie „Wollt ihr denn einander noch die Butter vom Brot vergönnen?“ oder „Himmel, lass deinen Bruder am Leben!“ von mir gebe,…

dann zweifle ich zuweilen daran, ob es so etwas wie Liebe unter Geschwistern überhaupt gibt.

Doch just dann kommt einer daher, der mit sanfter Stimme verkündet, er werde sich heute vorwiegend im Kinderzimmer aufhalten, denn er wolle sich um seinen kranken Bruder kümmern. Wenn er dann tatsächlich mehrmals am Tag frischen Tee kocht, eine warme Decke besorgt und uns fragen kommt, ob wir nicht vielleicht ein Medikament hätten, der Arme hätte solche Schmerzen, dann weiss ich wieder, dass sie eben doch füreinander da sind, wenn sie einander brauchen.

Und das ist ja eigentlich das, was zählt, nicht wahr?

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Wo soll das bloss hinführen?

Seit Karlsson am Gymnasium ist, wird am Esstisch öfter mal über Chemie, Physik und dergleichen gesprochen. Anfangs war das eher ein grosses Gejammer, doch mit der Zeit hat unser Ältester gemerkt, dass das Zeug ganz interessant sein kann, wenn man sich vertieft damit auseinandersetzt. Weil Prinzchen grundsätzlich alles cool findet, was Karlsson tut und er ausserdem einen naturwissenschaftlich interessierten Freund gefunden hat, wurden Chemie, Physik und dergleichen auch für unseren Jüngsten zum Thema.

Als im Herbst Prinzchens Geburtstag nahte, bekam ich eines Tages eine Liste in die Hand gedrückt mit den Titeln sämtlicher Kindersachbücher, die auf dem Gabentisch erwünscht waren. Chemie, Physik, Astronomie, Mathematik… (Okay, da stand auch ein Buch über berühmte Komponisten und eins über den ersten Weltkrieg auf der Liste, aber die Stossrichtung war eindeutig.)

Einige Wochen nach dem Geburtstag verkündete der kleine Prinz, er wolle dereinst Chemiker und Mathematiker werden. Mein einziger Trost bei diesen beunruhigenden Nachrichten war die falsche Betonung von „Mathematiker“. Wer die Berufsbezeichnung nicht richtig aussprechen kann, wird ja wohl kaum so richtig wissen, was er will, nicht wahr? 

Zu Weihnachten musste ein Experimentierkasten her. Natürlich der Grösste, der zu haben war. 

Heute hielt er mir die Begleitbroschüre seines Experimentierkastens unter die Nase. Er wollte das Periodensystem der Elemente erklärt bekommen. Mehr als die rudimentärsten Basics konnte er von mir natürlich nicht in Erfahrung bringen, denn mein bruchstückhaftes Grundwissen liegt schon längst tief begraben unter dem ganzen Kram, der sich seit der Matura in meinem Kopf angesammelt hat. 

Ob man es als Glück bezeichnen darf, dass eine Freundin zugegen war, die dem Prinzchen mit lebendigen Schilderungen erklären konnte, was es mit der bunten Tabelle auf sich hat? Für ihn ganz bestimmt, denn er bekam nicht nur viele gute Antworten auf seine Fragen, es wurde auch sein Appetit nach mehr geweckt. Für mich hingegen… Na ja, welche Mutter nimmt es schon locker, wenn sie erkennen muss, dass ihr Stern gerade sehr tief gesunken ist, weil sie ihrem Sohn nicht erklären kann, was ihn brennend interessiert? 

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Männerschnupfen?

Prinzchens Gesundheit ist ausgesprochen robust. So robust, dass ich mich an einen einzigen krankheitsbedingten Besuch bei der Kinderärztin erinnern kann. Das war die Sache mit den Windpocken, die er im zarten Alter von fünf Wochen unbedingt auch haben musste, weil seine zwei grösseren Brüder gerade so begeistert waren von den Dingern. Aber sonst? Ab und zu eine kleine Grippe oder eine Erkältung, aber in der Regel macht er nicht mal bei dem grossen Magen-Darm-Hype mit, dem wir in unsrer Familie so gerne kollektiv verfallen.

Falls das prinzliche Immunsystem doch mal gegen Käfer kämpfen muss, geht der Junge die Sache an wie ein echter Mann: Mit Stöhnen, Jammern, Schluchzen und Klagen. Keiner ist so krank wie er, keiner kann sich vorstellen, was er gerade durchmacht, keiner ist in der Lage, sein Leiden zu lindern. Mit schwachem Stimmchen bittet er um einen honigsüssen Tee, mit leidender Miene schlürft er seinen Fiebersaft. 

Zum Glück leben in unserem Haus auch männliche Wesen, die ihre Erkältungen und Grippen mit mehr Fassung tragen, denn beim Anblick des leidenden Prinzchens könnte man glatt auf die Idee kommen, es gäbe ihn tatsächlich, den Männerschnupfen.

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Mama mit den Superschuhen

Draussen ist es zum ersten Mal in diesem Herbst so richtig kalt. Prinzchen sitzt auf dem Fussboden, zieht sich Socken an und schaut mir dabei zu, wie ich mit nackten Füssen in meine halboffenen Schuhe schlüpfe.

Prinzchen: „Warum muss ich Socken anziehen, wenn du selber nie welche trägst?“

Ich: „Na ja, eigentlich wäre es klug, Socken anzuziehen, aber ich hasse es, warme Füsse zu haben.“

Prinzchen: „Aber warum frierst du denn nicht an die Füsse, wenn du ohne Socken nach draussen gehst?“

Ich: „Weisst du, manchmal friere ich schon auch, aber meistens ist mir eher zu warm als zu kalt, auch dann, wenn es draussen kalt ist. Ich glaube, ich bin halt einfach ein Mensch, der selten friert.“

Prinzchen: „Ach so. Ich habe immer gedacht, du müsstest nie Socken tragen, weil du Spezialschuhe hast, in denen man gar nicht frieren kann.“

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Wenn der töchterliche Ehrgeiz erwacht,…

… und gute Noten nicht nur dort gewünscht sind, wo ein Vendittti mit wenig Anstrengung auf einen grünen Zweig kommt, sondern auch dort, wo man erst einmal nur Bahnhof versteht, also zum Beispiel in Physik,…

… dann findest du dich als Mutter am Sonntagabend plötzlich nicht mehr hinter deiner Sonntagszeitung wieder, sondern am Esstisch, wo deine Tochter verzweifelt versucht, aus den Notizen schlau zu werden, die schon im Unterricht keinen Sinn ergeben haben.

Tja, und dann versuchst du eben, mit dem Wenigen, das du vor Jahren nicht begriffen hast, du aber heute halbwegs verständlich findest, ihr zu erklären, weshalb die Geschwindigkeit als zusammengesetzte physikalische Grösse bezeichnet wird und wie sie ausrechnen muss, wie weit ein Gepard in einer Stunde kommt. 

Es ist zu hoffen, dass Karlsson, der sich ebenfalls an den Erklärungsversuchen beteiligte, dabei aber für mehr Verwirrung sorgte, weil er irgend etwas von SI-Einheiten brabbelte und andauernd die Stirne runzelte, wenn die mütterlichen Ausführungen etwas anders formuliert waren als diejenigen seines Physiklehrers,

… der von Physik ähnlich wenig versteht wie seine Mutter, dessen rudimentäres Verständnis aber noch nicht verschüttet ist von ganz viel Leben, in dem die Theorie von v = s / t eine untergeordnete Rolle spielt, weil man ohnehin kaum zum Denken kommt bei diesem rasenden Alltagstempo, 

… und der es auch noch wagt, zu behaupten, er fände Physik eigentlich ganz spannend, er habe einfach noch nicht so ganz den Zugang dazu gefunden,…

… dass also dieser Karlsson begriffen hat, weshalb er im Physikunterricht gefälligst ganz gut aufpassen und viel lernen soll. Entgegen der landläufigen Meinung braucht man das Zeug eben doch irgendwann im Leben wieder. Nämlich dann, wenn man dem eigenen Nachwuchs –  der sich gerade fragt, wozu er das Zeug lernen soll, weil man das ja doch nie wieder im Leben braucht – zu guten Noten verhelfen sollte. 

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Geburtstags-Absurditäten

Wenn die lebenslange Raucherin, die sich sogar in schlimmen Krankheitszeiten geweigert hat, den Tabakkonsum zu reduzieren, ihrem Enkel zum sechzehnten Geburtstag eine Glückwunschkarte, die ihr die Lungenliga zum Spendensammeln ins Haus geschickt hat, zukommen lässt. 

Wenn die Vegetarierin, die ihrem Sohn jedes Jahr Leberpastete und andere Schweinereien zubereiten musste, überall herumerzählt, er habe sich jetzt gemässigt, sie werde nie wieder Leber anrühren müssen, am Vorabend des Geburtstags trotzdem wieder mit spitzen Fingern Innereien in die Küchenmaschine schmeisst.

Wenn zwei Kinder hungrig vom Tisch gehen, weil sich unter all den Leckereien, die sich der grosse Bruder gewünscht hat, nichts findet, was sie mögen. Nein, nicht einmal Nudeln ohne Sauce und Käse, denn es gibt Kinder die zwar Teigwaren mögen, aber keine Nudeln. (Fragt nicht bitte nicht, was der Unterschied zwischen Teigwaren und Nudeln sein soll…)

Wenn der Jüngste, der so dünn ist, dass man seine Rippen zählen kann, dreissig Minuten nach dem üppigen Geburtstagsmahl, hinter einem vierstöckigen Sandwich sitzt und verkündet, er müsse jetzt Zvieri essen, sonst werde er kläglich verhungern. 

Wenn die Mutter, die den ganzen Tag in der Küche steht, um die kulinarischen Wünsche ihres Sohne zu erfüllen, irgendwann auf die Frau zu schimpfen beginnt, die den Jungen dermassen verwöhnt hat.

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