Wenn…dann

Wenn…

…Karlsson sehnsüchtig darauf wartet, bis ich abends meine Runde im Garten drehe, wo er mir in aller Ruhe alles erzählen kann, was ihn tagsüber beschäftigt hat,…

…Luise nach einem heftigen Streit zu spät von der Schule nach Hause kommt, weil sie in die Bäckerei gegangen ist, um mir als Wiedergutmachung ein Erdbeertörtchen zu kaufen,…

…der FeuerwehrRitterRömerPirat mir einfach aus dem Nichts um den Hals fällt und danach nicht mehr von meiner Seite weicht, weil er mit mir über die alten Griechen und die moderne Weltraumforschung reden will,…

…der Zoowärter morgens nicht aus dem Haus geht, ehe er mit mir sein ganz eigenes Abschiedsritual durchgespielt hat, das stets mit den Worten „Bye Bye Chrigi“ endet,…

…das Prinzchen nach seinem erneuten Zahnunfall schluchzend auf meinem Schoss sitzt und wieder ganz klein und anschmiegsam wird,…

…dann

bin ich einfach nur dankbar, Mutter von fünf einzigartigen Menschen zu sein.

img_8285-small

Überstanden

Angedeutet hatte er es schon öfters, seit heute aber ist es offiziell: „Meiner“ und ich sind unfair, haben ihn immer nur an der kurzen Leine gehalten, erlauben ihm nichts, aber auch wirklich gar nichts, die jüngeren Geschwister hingegen dürfen alles, sie können tun und lassen, was sie wollen. Keine zehn Schritte darf er aus dem Haus machen, es ist ein Wunder, dass wir ihn überhaupt in die Schule gehen lassen. Unsere Behauptung, wir hätten ihn immer mal wieder dazu ermutigt, grössere Schritte zu wagen, ist eine fette Lüge. Er hätte ja schon gewollt, aber wir haben immer alles zu verhindern gewusst. Okay, er weiss auch nicht so recht, was er denn überhaupt hätte machen wollen, aber hätte er eine Idee gehabt, hätten wir ganz bestimmt nein gesagt. Wie immer, wenn er etwas will. Wenn aber die anderen fragen, sagen wir immer ja. Immer… Er schäumte vor lauter Wut und auch mir fiel es alles andere als leicht, die Fassung zu bewahren, vor allem, als er… Nein, das schreibe ich hier nicht, das ist privat und ich hätte es auch nicht geschätzt, wenn meine Mutter so etwas breitgeschlagen hätte.

So schnell, wie der grosse Zorn aufgezogen war, war er auch wieder verflogen. Bald konnten wir wieder ganz vernünftig miteinander reden und inzwischen bin ich froh, dass wir endlich unsere erste halbwegs heftige pubertätsbedingte Auseinandersetzung hatten, denn je länger sie ausbleibt, umso mehr fürchtet man sich vor ihr. Mir kommt es vor, als hätten sich die Auseinandersetzungen in der Trotzphase nach einem ganz ähnlichen Muster abgespielt, wenn auch damals mit weniger direkten Angriffen auf „Meinen“ und mich. Die Trotzphase haben wir auch irgendwie überstanden, also werden wir auch das mit den Teenagerjahren irgendwie packen. Auch wenn er uns natürlich in ein paar Jahren – teilweise zu Recht – vorwerfen wird, mit den kleinen Geschwistern seien wir viel weniger streng gewesen als mit ihm.

img_8029-small

Wer ist hier der Vorstand?

„Welche Ausbildung hat der Haushaltsvorstand zuletzt abgeschlossen?“, wurde ich heute in einer Online-Umfrage gefragt. Der Haushaltsvorstand? Das variiert von Stunde zu Stunde.

Heute Nachmittag um halb vier hätte die Antwort gelautet, der Haushaltsvorstand habe noch nicht mal mit seiner Ausbildung begonnen und bringe es dennoch mit gezielt eingesetzten Trotzanfällen fertig, die ganze Familie nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. 

Eine halbe Stunde später hätte ich gesagt, der Haushaltsvorstand habe vier Beine, ein schön gemustertes Fell und gerade fünf hinreissende Kinder zur Welt gebracht, die jeder sehen will, weshalb man ständig gezwungen sei, die Zimmer halbwegs in Ordnung zu halten. Dieser Haushaltsvorstand hält es nämlich nicht für nötig, uns im Voraus bekannt zu geben, wann er Audienz hält.

Würde man mich gerade jetzt fragen, lautete die Antwort, die Stelle des Haushaltsvorstands sei vakant, weil gerade keiner von uns beiden, die wir noch wach sind, das geringste Bedürfnis verspürt, sich des Haushalts anzunehmen. 

Morgen früh – zu früh für einen Samstagmorgen – würde ich vermutlich sagen, der Haushaltsvorstand habe lange, blonde Haare, eine durchdringende Stimme und sei gerade mal zehn Jahre alt. Dieser Haushaltsvorstand bestimmt im Alleingang, wann es Zeit ist für die Tagwache, egal, wie sehr man sich gegen diese diktatorische Herrschaftsform auflehnt.

Allzu lange wird es aber nicht dauern, bis der Nächste das Szepter übernimmt. Mit seinen sechs Jahren weiss er schon sehr genau, was morgen auf dem Programm zu stehen hat und Wehe mir, sollte ich keine Lust verspüren, mich unter die Leute zu mischen. Dieser Haushaltsvorstand hat mir nämlich schon am Montag mitgeteilt, dass er am Samstag auf der Hüpfburg zu sein wünscht und er duldet keine faulen Ausreden.

Könnte aber auch sein, dass einer auf passiven Widerstand macht, sich ein Buch schnappt und dem oben genannten Haushaltsvorstand einen Strich durch die Rechnung macht, was natürlich unweigerlich zu Zoff führen wird, so dass nicht mehr klar sein wird, wer von den beiden jetzt wirklich das Sagen hat. Kampf der Haushaltsvorstände, sozusagen. Im schlimmsten Fall wird sich noch einer in die Sache einmischen, er wird verkünden, er hätte keine Lust auf Babykram, dafür sei er jetzt zu gross. Er wird sich ebenfalls ein Buch schnappen und erklären, wer nicht mitgehen wolle, solle sich ruhig ihm anschliessen, er werde schon für Ordnung und Disziplin sorgen zu Hause. Schon wäre die Familie in zwei Lager aufgeteilt und eine Einigung kaum mehr zu erreichen.

Um einen wüsten Kampf um den obersten Posten im Haushalt zu verhindern, werde ich die ganze Macht an mich reissen müssen –  der Co-Haushaltsvorstand ist morgen abwesend – , ich werde mit Machtworten um mich schmeissen müssen, damit alle wieder wissen, wo es langgeht.

Weil es fast immer auf dieses Szenario hinausläuft und es im Fragebogen keinen Platz für Ausführungen hatte, habe ich in der Umfrage frech behauptet, der Haushaltsvorstand sei ich. Worauf ich gefragt wurde „Studieren Sie?“ Äh, nein, nicht mehr, ich führe gerade einen Feldversuch in Konfliktmanagement durch.

P9110054-small

 

 

 

Busgespräch

Neulich sass ich im Bus hinter zwei jungen Frauen, die – wie man aus ihrem Gespräch erfahren konnte – zusammen zur Schule gegangen waren und nun in einem Praktikum ihre ersten Erfahrungen im Berufsleben sammelten.

„Mann ey“, klagte die eine „ich muss immer so früh raus am Morgen. Musst du auch so früh anfangen?“

„Na ja, es geht“, antwortete die andere. „Ich kann anfangen, wann ich will, ich muss einfach spätestens um halb neun dort sein, aber meistens fange ich schon um acht an.“

„So gut möchte ich es auch haben. Bei mir motzen sie immer, wenn ich nur ein kleines bisschen zu spät bin. Und dann muss ich auch immer so blöde Arbeiten machen, dabei reicht mein Lohn kaum für die Miete.“

„Wie viel bekommst du denn?“

„Siebenhundert und dann bekomme ich noch etwas von den Eltern, aber das geht alles für Miete, Krankenkasse und Essen drauf. Ich kann fast nicht mehr in den Ausgang.“

„Ich bekomme auch siebenhundert.“

„Was musst du denn so machen im Betrieb?“

„Na ja, anfangs vor allem Briefe abtippen und einpacken und so, aber jetzt lassen die mich manchmal auch den Empfang machen. Ist voll cool…“

„Wahnsinn! Ich muss ja immer nur diese doofen Sachen machen, Boden wischen und so. Du hast es voll easy und mir sagen sie, vielleicht werde ich die Probezeit nicht bestehen.“

„Dann bau jetzt bloss keinen Mist.“

„Ja, Mann, ich weiss. Aber mich kotzt das halt so an, immer so lange arbeiten und dann dieser kleine Lohn. Darfst du die Leute dort duzen?“

„Anfangs habe ich alle gesiezt, aber da hat die Chefin gesagt, ich dürfte alle duzen, ausser den Personalchef natürlich. Erst habe ich mich fast nicht getraut, aber jetzt ist es voll cool…“

„Voll doof bei mir, ich muss alle siezen. Und dann reden die auch nie mit mir…“

„Wir haben es voll lustig miteinander. In der Pause quatschen wir immer endlos.“

„Ey Mann, voll unfair, ich will auch. Ich muss immer arbeiten, voll anstrengend und dabei verdiene ich fast nichts. Ich glaub‘ ich mach das nicht mehr lange mit.“

„Komm, bau keinen Mist. Ist ja nicht lang, dieses Praktikum.“

„Ja, aber du hast es voll easy und bei mir ist alles so streng. Und die Miete kann ich mir auch fast nicht leisten.“

„Bist ja auch früh ausgezogen.“

„Ja, Mann, die Wohnung ist eben echt der Hammer. Sechseinhalb Zimmer zu zweit, alles neu und ein riesiger Balkon…“

„Wie viel bezahlt ihr denn?“

„Zweitausend, aber mit meinem Lohn bleibt da fast nichts mehr übrig für den Ausgang. Mann, wenn ich es doch so easy hätte wie du…“

Nur mit Mühe gelang es mir, mich aus diesem Gespräch herauszuhalten. Zum Glück für die arme Praktikantin war die Busfahrt hier aber zu Ende, sonst hätte ich sie vielleicht irgendwann am Kragen gepackt und tüchtig durchgeschüttelt, in der Hoffnung, sie dadurch aus ihrem Traum von der ach so ungerechten Welt, die sich gegen sie verschworen hatte, aufzuwecken.

img_6992

 

 

Kann mir mal einer erklären…

…weshalb die Leute jetzt, wo es endlich Frühling geworden ist, nur darüber reden, dass es bestimmt bald wieder kalt sein wird?

…weshalb Deutsche Ärzte, die genau gleich freundlich und kompetent sind wie ihre Schweizer Kollegen, nie – aber auch wirklich gar nie – auf die Idee kommen, dem Patienten zu erklären, was läuft?

…weshalb die Keimlinge meiner Chioggia-Randen wunderbar gedeihen, die Keimlinge meiner goldenen Rande aber kläglich abserbeln, obschon sie gleich viel Wasser, Licht, Wärme und Zuneigung bekommen haben?

…weshalb unserer Kinder nach all den Jahren den Satz „Bitte lasst weder Joghurtbecher noch Schokoladenpapier draussen herumliegen, wenn ihr ein Picknick veranstaltet“ noch immer nicht verstehen?

…weshalb Filme, die ab 6 Jahren freigegeben sind, meist nicht mal für Erwachsene geeignet sind, weil der Inhalt so deprimierend ist?

…weshalb eine Zehnjährige besser als mancher Kinderbuchautor weiss, was ein gutes Kinderbuch ausmacht?

…weshalb Karlsson mir direkt ins Gesicht sagt, dass er meine Witze nicht lustig findet, wo er das doch eigentlich hinter meinem Rücken sagen müsste?

…weshalb die grössten Kinderfeinde ihre Sätze über Kinder stets mit „Ich habe nichts gegen Kinder…“ anfangen?

…weshalb alle zu lachen beginnen, wenn wir von der Schwan-Attacke erzählen?

…weshalb man böse Blicke und giftige Bemerkungen erntet, wenn man im Spitalflur hohe Absätze trägt?

…weshalb die Menschheit je so dumm war, zu glauben, mit der Erfindung einiger nützlicher Maschinen würde das Leben einfacher?

…weshalb der Drucker immer in der Formular-Hochsaison den Geist aufgibt?

DSC08244-small

 

Schulimpressionen

Natürlich gebe ich vor, nur wegen meiner eigenen Kinder zum Besuchstag zu gehen, in Wirklichkeit will ich bloss das Sozialverhalten der heutigen Jugend beobachten. Hier ein paar Beispiele, selbstverständlich mit geänderten Namen:

Die Pause ist vorbei, die Schüler begeben sich auf ihre Plätze, Julian kommt etwas zu spät, humpelnd. Meredith, seine linke Banknachbarin, geht zum Lavabo, um ihm aus Papierhandtüchern einen kühlenden Umschlag zu machen, den er auf sein schmerzendes Knie legen kann. Die Schüler holen ihre Laptops, Julian humpelt durchs Klassenzimmer, bittet den Lehrer um Salbe. Carmela, Julians rechte Banknachbarin startet ihm derweilen den Computer auf, loggt sich für ihn ein, sucht einige Bilder, die ihm für seinen Vortrag nützlich sein könnten, fügt sie in sein Arbeitsblatt ein und erklärt ihm, als er endlich wieder auf seinen Platz sitzt, was sie gemacht hat. Zum Dank tritt Julian Carmela wenig später gegen das Schienbein, zwickt sie in den Arm und lässt eine abwertende Bemerkung fallen. Carmela kichert und hilft ihm Augenblicke später schon wieder aus der Patsche, weil er nicht mehr weiter weiss. 

Zwei Kindergärtner sitzen am Tisch, malen konzentriert, drei weitere balancieren auf Holzbrettern, die auf eine Röhre gelegt sind. Nach einer Weile möchten sich auch die malenden Kinder ein wenig bewegen, es hat aber nur drei Balancier-Bretter. Was jetzt folgt, lässt mich zweifeln, ob ich wirklich wach bin, oder ob ich mich am Ende in einen Erziehungsratgeber verirrt habe: „Komm, wir wechseln uns ab. Du darfst zuerst“, sagt Eugène zu  Penelope. Eine Weile lang wechseln sich alle gegenseitig ab, die Stimmung ist äusserst friedlich. „Hör mal, Stefan“, wendet sich Eugène freundlich an seinen Spielkameraden, „du solltest jetzt weiter malen, sonst wirst du wieder nicht fertig.“ „Eugène hat Recht“, pflichtet Marcel seinem Freund bei und Stefan geht folgsam zu seinem Platz, wo er – etwas widerwillig zwar, aber doch ganz brav – seine Osterhasenbilder fertig ausmalt.

Die Hälfte der Klasse arbeitet am Laptop, die andere Hälfte hat Arbeitsblätter zu erledigen. Fabrice und Hakan – nicht die begeistertsten Schüler – haben sich mit ihren Geräten gleich neben mich gesetzt, im hintersten Winkel des Raums. Dass Prinzchen und ich ihnen unweigerlich über die Schultern schauen müssen, lässt sie vollkommen kalt, unbeirrt suchen sie das Internet nach „ugly fat people“ ab, sie lachen sich krank über die Gestalten, die sie aus dem Bildschirm angrinsen, scheren sich einen Dreck darum, dass der Lehrer sie zur Eile antreibt. Ich bin tief beeindruckt von den Zweien, denn obschon sie kaum einen fehlerfreien Satz auf Deutsch zu Papier bringen und die Klasse noch nicht eine einzige Lektion Englisch gehabt hat, wissen sie nicht nur, wie man „ugly fat people“ schreibt, sie sprechen es auch akzentfrei aus. Fabrice und Haken haben bereits begriffen, was ihre Schulkameraden erst nach Abschluss ihrer Schulzeit erkennen werden: Ein Grossteil des Schulwissens geht ohnehin verloren, bleiben wird nur das, was man im Leben weiterhin braucht. 

DSC08525-small

Zweisam

Man kann es in jedem Babyratgeber nachlesen: Kommt Nachwuchs, wird es schwieriger, Zeit zu zweit zu finden. Wer aber sagt dir, dass es später, wenn die Kinder grösser sind, eher noch etwas schwieriger wird? Hier ein paar Erschwernisse, vor denen kaum einer warnt und die der Beziehung ganz schön zusetzen können:

Hausaufgaben: In der Theorie werden sie erledigt, kaum hat das Kind einen Zvieri im Bauch. In der Praxis sitzt das Kind an gewissen Tagen durchaus bis neun Uhr abends hinter den Büchern – mal, weil auf dem Tagesprogramm noch andere Dinge standen, mal weil der Lehrer einen ganzen Berg Hausaufgaben aufgegeben hat, mal weil das Kind die Sache zu lange vor sich hergeschoben hat. Und nun versuch mal, Feierabend zu machen, solange nicht die allerletzte Aufgabe gelöst ist…

Sorgen: Grosse Kinder verdrängen ihre Alltagssorgen oft erfolgreich, solange der Tag noch in vollem Gang ist. Abends aber, wenn es ruhiger wird, sind die Sorgen wieder präsent und dann muss geredet werden. Weil du so dankbar bist, dass dein Teenager mit dir reden will, wirst du ihm das Gespräch ganz bestimmt nicht verweigern.

Müdigkeit: Du glaubst doch nicht etwa, nach der Babyphase lasse sich das wieder ins Lot bringen? Klar, irgendwann werden die durchwachten Nächte weniger und die körperliche Anstrengung lässt nach. Die Verantwortung für die Kinder aber bleibt, lastet vielleicht sogar schwerer als früher auf deinen Schultern, der Job fordert dich voll und ganz, früher oder später lässt die Gesundheit von Eltern und Schwiegereltern nach und du wirst voll gefordert. Weil du dich mit der Geburt deiner Kinder daran gewöhnt hast, deine eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen, wirst du damit vermutlich nicht ausgerechnet in dieser Phase aufhören. Weil du aber in der Zwischenzeit nicht jünger geworden bist, zehrt das Ganze an deinen Kräften und so geschieht es schnell, dass man den Abend dösend vor dem Fernseher verbringt, anstatt in trauter Zweisamkeit.

Babysitter: Gar nicht so einfach, für grössere Kinder einen Babysitter zu finden und zwar darum, weil die Kinder partout nicht einsehen wollen, weshalb ihr ihnen noch keinen sturmfreien Abend gönnen wollt.

Volles Programm: Früher warst vielleicht du der Chef, aber heute bestimmen Sportvereine, Jugendgruppen, Freunde und Freizeitveranstaltungen das Programm. So kommt es, dass du am Samstagabend um halb elf den Chauffeur machst, anstatt mit „Deinem“ bei Kerzenschein und einer guten Tasse Tee den Abend zu geniessen.

Will ich damit sagen, das Familienleben sei der Tod der Beziehung? Nein,auf gar keinen Fall, ich bin da ganz optimistisch. Aber es bleibt wohl eine Herausforderung, Zeiten zu finden, in denen man nur füreinander da ist. Vielleicht muss man in der Gestaltung noch ein wenig kreativer werden als man es als Eltern ohnehin schon sein muss, weil der Abend nicht mehr automatisch der Partnerschaft gehört. Dafür vielleicht der Samstagnachmittag, eine Mittagspause oder sonst ein Tag, an dem ausnahmsweise mal alle gleichzeitig Programm haben.

Na ja, dann sollte man natürlich noch schlau genug sein, diese neuen Gelegenheiten zu erkennen, aber da haben zumindest „Meiner“ und ich noch einiges zu lernen.

IMG_5928

Peinlich? Ich doch nicht!

Er will nicht, dass ich bis zum Feuerwehrmagazin komme, er verbietet es mir geradezu. Bis zur Bank darf ich ihn begleiten, aber dann soll ich verschwinden. „Ich will doch nicht, dass du mich vor all den anderen umarmst, mir Ratschläge mit auf den Weg gibst, am Ende gar noch heulst“, erklärte er, als ich wissen wollte, weshalb er mir so klare Grenzen setze. „Ich fahre ja nur für eine Woche ins Skilager und so, wie ich dich kenne, wirst du wieder sentimental.“ 

Ich, sentimental? Habe ich dem Jungen jemals den Eindruck vermittelt, ich könnte mich in Anwesenheit seiner Freunde und Schulkameraden wie eine überbehütende Glucke aufführen? Ich weiss doch auch, dass man Teenager nicht in aller Öffentlichkeit umarmt und küsst, es käme mir auch nicht im Traum in den Sinn, ihn mit einem lauten „Und vergiss nicht, ich hab‘ dich lieb!“ zu verabschieden, aber er bleibt dabei: Zum Feuerwehrmagazin, wo ihn der Bus abholt, geht er alleine. Gerade so, als ob er sich mit mir blamieren müsste.

Ob ich Karlsson gestehen soll, was ich über seine Abwesenheit denke? Soll ich ihm sagen, dass ich ganz froh bin, wenn er und Luise sich fünf Tage lang nicht sehen? Nach einer Woche, während der die zwei im Krankenbett lagen und sich etwa alle zehn Minuten in die Haare gerieten, kommt mir ein bisschen mehr Familienfrieden nämlich ganz gelegen. Was Karlsson wohl dazu sagen würde, wenn er das wüsste? Vermutlich würde er mich auf den Knien anflehen, ihn nicht nur bis zum Feuerwehrmagazin, sondern gar bis zur Bustüre zu begleiten. Vermisst werden will er nämlich unbedingt, egal, wie peinlich er mich findet.

P9040049-small

Du merkst, dass deine Kinder gross werden,…

… wenn du beim Überqueren der Strasse wieder darauf achten kannst, nur auf die gelben Streifen zu treten, weil deine Kinder es dir endlich gleichtun können.

… wenn du regelmässig vergisst, Windeln zu kaufen, weil eine Packung inzwischen für mehr als einen Monat reicht.

… wenn du die Verkäuferin verständnislos anschaust, die dich beim gelegentlichen Windelkauf auf die 3 für 2 – Aktion aufmerksam macht.

… wenn du dir vorstellen kannst, mit ihnen eines Tages vielleicht doch noch die Welt ausserhalb Europas zu erkunden.

… wenn du dich in Gegenwart deines Ältesten nur noch hochhackig gross fühlst.

… wenn du die deine Freunde – und ihre Macken – deinen Kindern gegenüber zu verteidigen anfängst.

… wenn du ahnst, dass der Code, den „Deiner“ und du für persönliche Nachrichten bei Tisch anwenden, geknackt ist.

… wenn du sagst: „Nun hab dich doch nicht so. Zu meiner Zeit war es im Gottesdienst viel langweiliger.“

… wenn du dir nicht mehr vorstellen kannst, dass diese Riesen einmal in deinem Bauch Platz hatten.

… wenn sie für ihre (ausserhäuslichen) Verpflichtungen mehr Disziplin an den Tag legen als du für deine (innerhäuslichen).

… wenn man zu dir sagt: „Weisst du, eigentlich brauche ich gar kein Schlaflied mehr, aber wenn du unbedingt eins singen willst, dann ist das okay.“

… wenn du die „NZZ am Sonntag“ mit zwei Familienmitgliedern teilen musst.

… wenn du dich fragst, ob du ihnen irgendwann den Code deiner Bankkarte anvertrauen wirst.

… wenn du beim Wäschefalten nicht mehr sicher bist, ob die Hose deinem Mann oder deinem Sohn gehört.

… wenn du neugeborene Eltern mit einer Mischung aus Nostalgie und Mitleid ansiehst.

… wenn der Schrei eines Neugeborenen bei dir ein verklärtes Lächeln und bei „Deinem“ ein aus tiefstem Herzen kommendes „Gott sei Dank haben wir das hinter uns“ auslöst.

IMG_5375

Der Mama-Vergleich

„Mama, Julia hat gesagt, sie wünschte sich, ihre Mama hätte sie davor gewarnt, ihrer Puppe die Augen auszustechen, als sie noch klein war. Du hast mir ja immer gesagt, ich würde das später bereuen und darum habe ich es nicht getan.“

„Mama, bei Mia zu Hause ist immer alles so schön aufgeräumt, nicht so ein Chaos wie bei uns.“

„Timo findet, du seist eine total coole Mama.“

„Estelles Mama trägt immer Nike-Schuhe. Voll cool! Warum trägst du immer nur Tussi-Schuhe?“

„Estelles Mama trägt immer Nike-Schuhe. Sowas von hässlich! Zum Glück hast du mehr Geschmack.“

„Danke Mama! Marcos Mama würde so etwas nie erlauben.“

„Die anderen dürfen alle, nur du bist mal wieder stur und verbietest mir meinen Spass.“

„Die Mama von Milena macht ein Riesentheater um den Sport. Das arme Kind muss immer trainieren und wenn sie ein Spiel verliert, ist die Mama tagelang sauer auf sie. Wenn ich Milena wäre, würde ich mich vollfressen und den ganzen Tag vor der Glotze sitzen. Sowas macht doch keinen Spass…“

„Andere Eltern schauen sogar beim Training zu und ihr kommt nur, wenn wir einen Match haben.“

„Wow, das Mittagessen bei Hugentoblers war der Hammer! Spaghetti Carbonara mit Rüeblisalat. Warum machst du das nie?“

„Zum Glück muss ich fast nie bei Hugentoblers essen. Dort gibt es immer das Gleiche und meistens ist es auch noch verkocht. Zum Glück kochst du besser, sonst würde ich ausziehen.“

Je grösser die Kinder werden, umso öfter werden meine Leistungen an den Leistungen anderer Mamas gemessen. Dabei ziehe mal ich den Kürzeren, mal die Vergleichsmama. Hart fällt das Urteil allemal aus, denn der Glaube an die elterliche Unfehlbarkeit wird mehr und mehr erschüttert. Gar nicht so leicht, das zu schlucken, aber wohl unumgänglich.

Ich hoffe einfach, dass die Kinder dereinst, wenn die Wirren des Erwachsenwerdens überstanden sind und alle meine Fehler in Vergessenheit geraten sind – also dann, wenn sie im Altersheim sitzen -, mit feuchten Augen sagen werden: „Unsere Mama war doch einfach die Beste.“ Von dieser Erkenntnis würde ich dannzumal zwar nicht mehr profitieren, aber immerhin wäre ich in den Augen der Nachwelt rehabilitiert.

20121229-233922.jpg