Zur Kenntnisnahme

Früher Morgen, die Kontaktlinse will auch beim zwanzigsten Anlauf nicht in Karlssons rechtes Auge und allmählich wird der Junge nervös, weil gleich die Schule beginnt. Damit er keinen Rüffel kassiert, wenn er ein paar Minuten zu spät kommt, gebe ich ihm ein Brieflein für den Lehrer mit, als die Linse endlich im Auge ist. „Problem mit Kontaktlinse, darum zu spät, bitte entschuldigen Sie, bla bla bla…“

Naiv, wie ich bin, glaube ich, die Sache sei damit erledigt, doch ich irre mal wieder. Karlsson bringt nämlich einen Zettel nach Hause, den wir Eltern gefälligst unterzeichnen sollen. Als Zeichen, dass wir das verspätete Erscheinen unseres Sohnes zur Kenntnis genommen haben. Dieser Zettel wird in Karlssons Sündenregister abgelegt, nachdem auch die Klassenlehrerin über das Vergehen unseres Sohnes ins Bild gesetzt worden ist. 

Obwohl selber auch Lehrer, will „Meiner“ nicht einsehen, weshalb wir Eltern unterzeichnen müssen, was wir bereits begründet haben. Er will auch nicht verstehen, weshalb es einen Eintrag ins Sündenregister gibt, wenn es eine plausible – wenn auch sehr banale – Erklärung für die sieben Minuten Verspätung gibt. Weil ich die Meinung meines Herrn Gemahl teile, entschliessen wir uns, den Fackel zwar zu unterschreiben, gleichzeitig aber nachzufragen, weshalb das Entschuldigungsbrieflein, das ich in meiner schönsten Handschrift am frühen Morgen zwischen Kakaotassen, Hausaufgabenblättern und Einzelsocken verfasst habe, nichts gilt. Karlsson überbringt uns die Antwort mündlich. Irgend etwas mit „Wenn ich wegen dieser Verspätung einen Zeugniseintrag bekäme, würde der Zettel gelöscht, aber sonst bleibt er, weil man ja wissen muss, wie oft ich zu spät gekommen bin.“

Nun gut, es mag sein, dass Karlsson die Antwort des Lehrers nicht ganz wortgetreu übermittelt hat, eins aber steht unmissverständlich fest: Als Mittel zur Lehrerbesänftigung hat das elterliche Entschuldigungsbrieflein ausgedient.

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Vergleicht doch nicht Äpfel mit Birnen

Man redet wieder vermehrt von der Grossfamilie. Nicht erst seit Federers zweitem Zwillingspaar, aber jetzt natürlich erst recht. Die Grossfamilie – also alles, was mehr als zwei Kinder hat – ist nämlich wieder auf dem Vormarsch und was tun meine gewöhnlich hoch geschätzten Journalistenkollegen, wenn ein neuer Trend feststellbar ist? Sie greifen sich Promis heraus, die mehr als die durchschnittlichen 1,5 Kinder haben – aktuell also Familie Federer – und schreiben darüber, wie der Alltag dieser Grossfamilie aussieht, oder wie er aussehen könnte, denn meistens schirmen die Promis ihre Kinder ja so gut als möglich von der Presse ab.

Ergänzend lassen die Journalisten dann irgend eine 08:15-Familie  zu Wort kommen, die zufällig eine ähnliche Familienkonstellation hat wie der Promi, um dessen Grossfamilienleben sich gerade alles dreht. Momentan sind es die wenigen Mehrfachzwillingsmütter, die der Presse gegenüber bestätigen dürfen, dass es wirklich ziemlich anstrengend ist, mehrere Zwillingspaare grosszuziehen. Sie dürfen sagen, wie wichtig es ist, darauf zu achten, als Mutter und Vater nicht zu kurz zu kommen und sie dürfen schliessen mit der Bemerkung, das Leben mit den vielen Zwillingen sei zwar wunderbar, es treibe einen aber ganz schön an die Grenzen der eigenen Kräfte. Mehr sollen die 08:15-Eltern bitte nicht erzählen, denn es geht hier nicht um sie, sondern um die Reichen und Schönen, die sich gerade sehr erfolgreich fortgepflanzt haben.

Nichts gegen Federers und die anderen Promi-Grossfamilien und erst recht nichts gegen die Mütter und Väter, denen man in diesem Zusammenhang mal gnädig ein Ohr leiht, aber eine solche Berichterstattung treibt mir die Galle hoch. Warum?

Weil Federer & Co. sich nie die Frage werden stellen müssen, weshalb sie trotz fleissiger Arbeit und anständigen Lohnes auf keinen grünen Zweig kommen. Weil sie sich nie werden fragen müssen, wie sie ihren Kindern den Instrumentalunterricht ermöglichen sollen. Weil dringend benötigte Ferien für sie nie unerschwinglich sein werden. Weil es an genügend und vor allem kinderfreundlichem Wohnraum für sie nie mangeln wird. Weil es sie nicht zu stören braucht, dass der Familienrabatt oft maximal zwei Kinder erlaubt. Weil sie sich nicht die Zähne ausbeissen müssen an einer Volksschule, die für Grossfamilien besonders schwer zu ertragen ist, wenn beim dritten Kind im gleichen Schulhaus noch immer die gleichen ungelösten Probleme das Familienleben belasten. Weil es für sie nie zu teuer sein wird, sich Entlastung ins Haus zu holen, wenn Entlastung dringend nötig ist. Weil Menschen mit viel Geld die Zusatzaufgaben wie vermehrtes Putzen, Futter anschleppen, Wäscheberge etc., welche für uns Normalsterblichen einfach dazugehören, leichter auslagern können. Weil es für sie um ein Vielfaches einfacher ist, das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu lösen. Weil man ihre Kinder im Zug nie  zusammenstauchen wird, bloss weil sie sich erfrechen ein ganzes Viererabteil in Anspruch nehmen.

Nein, ich will nicht über das Grossfamilienleben jammern, wir haben diese Lebensform bewusst und aus Überzeugung gewählt.  Zwar treibt es uns immer mal wieder an die Grenzen, etwas Schöneres könnte ich mir dennoch nicht wünschen. Ich bin nicht mal neidisch auf Federers & Co., denn ich bin mir sicher, dass sie in ihrem nach aussen hin glanzvollen Leben mit Problemen zu kämpfen haben, von denen ich ebenso wenig eine Ahnung habe, wie sie von meinen. Mich ärgert nur, dass gewisse Journalisten meinen, man könne das eine mit dem anderen vergleichen. Das kann man nicht, also hört bitte auf damit, meine lieben Journalistenkollegen.

Hört aber bitte nicht damit auf, über die Grossfamilien zu schreiben. Egal ob im Trend oder nicht, in Sachen Grossfamilien – ja, überhaupt in Sachen Familien – liesse sich in der Schweiz nämlich noch so Einiges verbessern. Fragt doch mal nach bei den 08:15-Grossfamilien, die ihr so gerne interviewt. Die wüssten euch bestimmt interessantere Fragen zu beantworten als diejenige, wie Mirka und Roger sich wohl derzeit fühlen mögen. 

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Notfall-Date

Allzu romantisch war es nicht, unser Tête à Tête im Fast-Food-Tempel. Zu laute Musik, ungesundes „Essen“, unsympathische Gäste. Aber nachdem wir uns tagelang wegen Banalitäten in den Haaren gelegen hatten, musste es einfach sein. Wir mussten raus aus unseren vier Wänden. Raus aus der dicken Luft, die sich angestaut hatte. Raus aus den Rollen des strengen Papas und der besänftigenden Mama, diesen doofen Rollen, die wir immer dann einnehmen, wenn wir uns sogar im Bereich der Kindererziehung heftige Kämpfe liefern, weil wir einander so sehr auf die Nerven fallen. 

Wir mussten einfach wieder mal Paar sein, und sei es nur für diese eine Stunde am späten Abend. Einfach irgendwo hin, wo sie am Sonntagabend offen haben, an einen Ort, wo sie einen nach der Bestellung in Ruhe lassen, damit man mal wieder ein paar Worte wechseln kann. Nein, romantisch war es wirklich nicht, aber der kurze Szenenwechsel hat dennoch gut getan. Einfach quatschen – „Was hältst du vom Thema ‚Hochsensibilität‘? Nur wieder ein Modethema, oder ein echtes Problem?“ „Wie wollen wir eigentlich unseren Vierzigsten feiern?“ „Bundesrat Maurer war ja wieder mal voll peinlich.“ -, ein oder zwei Missverständnisse aus dem Weg räumen und unbeschwert sein.

Es hat gut getan, kurz wegzugehen. Es war beruhigend, zu merken, dass da kein Graben ist zwischen uns, sondern manchmal einfach zu viel Alltagskram, der uns daran hindert, einander zu verstehen. Auch wenn es nicht romantisch war, war es doch schön, wieder mal nur zu zweit zu sein.

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Söhne

Sie bringen es fertig, den Abfluss im Bad mit einem Messer zu verstopfen. Fragt mich bitte nicht, wie man es schafft, ein Messer so tief hineinzustecken, dass oben nichts mehr herausschaut, aber wenn man sich richtig bemüht, geht es. 

Sie setzen sich in die massgefertigten Schubladen, für die wir vor Jahren viel Geld ausgegeben haben und spielen, es sei ein… ja, was eigentlich? Keine Ahnung. Aber am Ende des Spiels ist die Schublade kaputt. 

Sie verstecken ihre schmutzige Wäsche im hintersten Winkel ihrer Zimmer, anstatt – wie vereinbart – einmal die Woche den Weg zur Waschküche unter die Füsse zu nehmen. Und dann heulen sie, weil sie keine sauberen Kleider haben.

Sie hüpfen bei strömendem Regen auf dem Trampolin und ziehen sich dazu nicht etwa Badehosen an, sondern behalten die letzte saubere Hose am Leib. Die nach dem Hüpfen natürlich nicht mehr sauber ist, was am nächsten Morgen erneut zu Tränen führt, weil jetzt gar keine sauberen Kleider mehr da sind. (Das ist dann meist der Moment, in dem ich auf der Suche nach der allerletzten sauberen Hose die versteckte Dreckwäsche aufspüre.)

Wo sie mal waren, hinterlassen sie ihre Spuren: Angebissene Tomaten (Ja, ich weiss, ich sollte mich glücklich schätzen, dass sie freiwillig Tomaten essen), ausgezogene Socken, Legoteilichen (Die ganz kleinen, die so richtig wehtun, wenn man auf sie tritt), Darvida-Verpackungen, die Papierfetzchen, die übrig bleiben, wenn man (für Mama) einen schönen Scherenschnitt geschnitten hat, Stecken, halb volle Gläser (Ihr seht, ich bin heute wirklich optimistisch drauf), die Überreste vom Bleistiftspitzen, in allerkleinste Teilchen gezupfte Radiergummis, Bananenschalen – oder einfach das, was übrig bleibt, wenn ein Geistesblitz, den man unbedingt gleich hat umsetzen müssen, sich so schnell wieder verflüchtigt, wie er gekommen ist. 

Im Zorn gehen sie mit so viel Aggressivität aufeinander los, dass mir Angst und Bang wird. (Sie umarmen sich dann aber auch wieder, wenn alles vorbei ist.)

Sie kommen später als vereinbart vom Fussballplatz zurück und behaupten dann, ich hätte ihnen nicht gesagt, wann ich sie zurück erwarte. 

Sie haben auch schon Tasten aus dem Klavier gebrochen (als sie noch sehr klein waren und unter der „Aufsicht“ einer Person, die bei dieser Gelegenheit den Beweis für ihre Inkompetenz erbrachte), Fensterscheiben eingeschlagen (natürlich ganz und gar unabsichtlich), die teure Tapete im Treppenhaus von der Wand gerissen (man muss doch mal schauen, wie es darunter aussieht), Wettpinkeln veranstaltet, volle Windeln aus dem Dachfenster geschmissen (das ist zum Glück schon seeeeehr lange her) und die Felgen des Autos mit wasserfestem Stift verziert (Zugegeben, es sah hübsch aus.). Noch heute, wo sie doch alle aus dem Gröbsten raus sein sollten, habe ich immer das Gefühl, sie seien mir mindestens anderthalb Nasenlängen voraus. Mein Gehirn ist gar nicht dazu in der Lage, sich die Dinge auszudenken, die für sie ganz selbstverständlich in die Kategorie „Ich wollte nur mal sehen, was passiert“ gehören. 

Manchmal könnten wir durchdrehen, „Meiner“ und ich. Doch dann erinnere ich mich wieder daran, was meine Brüder alles angestellt haben, als sie in dem Alter waren und dann sage ich zu „Meinem“: „Weisst du, so schlimm sind sie eigentlich gar nicht, unsere Söhne. Immerhin ist noch keiner in die Kläranlage gefallen.“

(Ach ja, ich weiss, Töchter haben auch ihre Macken, aber weil wir nur eine davon haben, bietet das, was sie anstellt,  eine angenehme Abwechslung.)

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So habe ich das nicht gemeint

Genau das, was ich nie hätte tun wollen, habe ich getan: Ich habe Kleinkind-Eltern entmutigt. Ich habe geschrieben, was sie jetzt durchmachten sei nichts im Vergleich zu dem, was später noch kommt. Gut, genau so habe ich das gar nicht gemeint, aber man kann meinen gestrigen Text sehr wohl so verstehen, wenn man mich nicht näher kennt.

Wie habe ich es doch gehasst, wenn man mir damals, als ich völlig übernächtigt und am Rande meiner Kräfte war, zu verstehen gab, dass das noch gar nichts sei. „Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, sagten gewisse Mütter mit vielsagendem Blick und ich konnte mich nur mit Mühe davon zurückhalten, ihnen an die Gurgel zu springen. Manchmal frage ich mich, weshalb ich es nicht getan habe, in meinem übernächtigten Zustand hätte ich vor Gericht bestimmt auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren können…

Nun, ich mag den Spruch heute noch nicht ausstehen, denn mir wird je länger je mehr bewusst, dass jeder Wegabschnitt, den wir mit unseren Kindern gehen, seine eigenen Herausforderungen, aber auch seine eigenen Freuden mit sich bringt. Darum möchte ich allen, die sich durch meinen gestrigen Text entmutigt gefühlt haben, sagen: Es wird weder besser noch schlimmer, es wird einfach anders und wenn ihr bis jetzt einen Weg gefunden habt, euer Elternleben zu meistern, dann werdet ihr ihn auch in der nächsten Phase wieder finden. Und in der übernächsten auch…

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Paarzeiten

Babies und Kleinkinder schaden dem Beziehungsleben, darüber sind sich so ziemlich alle einig, die keine Babies oder Kleinkinder haben. Mit wenig Schlaf, einem veränderten weiblichen Körper, einem rund um die Uhr zu versorgenden kleinen Menschlein und wenig Raum für Zweisamkeit muss eine Beziehung doch einfach zu kurz kommen, denkt man. Gut, vollkommen falsch ist das nicht. Es ist tatsächlich eine ziemlich grosse Umstellung vom Paar zur Familie, doch wenn die Kleinen erst mal einen gewissen Rhythmus gefunden haben, ist es gar nicht mehr so schwierig, auch wieder Paarzeiten einzuschalten. Zumindest, wenn man sich damit abfinden kann, dass die Knöpfe die sorgfältigste Planung zu jeder Zeit mit einem kleinen Virus oder einem überraschenden Armbruch zu Fall bringen können. 

Das alles ist nichts, im Vergleich zu dem, was kommt, wenn die Kleinen erst mal grösser sind. Abends um acht verschwinden sie nicht brav auf ihren Zimmern, nein, dann kommen sie erst aus ihren Löchern hervorgekrochen und wollen reden. Oder Hilfe bei den Hausaufgaben. Oder mit Mama einen Chick-Flick schauen. Oder streiten. Die Sache mit der Geheimsprache kannst du dir auch abschminken, wenn sie mal aufgeklärt genug sind, um zumindest erahnen zu können, was sich Mama und Papa zwischen Suppenschüssel und ausgeleerten Saftgläsern mitzuteilen versuchen. Zweisamkeit wird zum Fremdwort, weil immer einer von beiden jemanden irgendwohin chauffieren oder von dort wieder abholen muss. Vielleicht schaffst du es gerade noch, „Deinem“ im Vorbeigehen zwischen Tür und Angel zu sagen, dass du ihn vermisst und gerne mal wieder etwas Zeit mit ihm verbringen möchtest. Wenn du Glück hast, erinnert er sich daran, wer du bist und fragt sich nicht, wer diese mittelalterliche Tussi ist, die ihn da einfach so anbaggert. 

Sollte es dir dennoch einmal gelingen, ihn zu einem gemeinsamen Tässchen Tee zu verführen, kommt ganz bestimmt ein Teenager daher und will ebenfalls ein Tässchen haben. Und du kannst es ihm nicht mal verwehren, denn die Ausrede „Du kannst nicht schlafen, wenn du nachmittags um vier Schwarztee trinkst“, quittiert er mit einem Schulterzucken und „Muss ohnehin lange wach bleiben, weil ich noch für diesen Test üben muss. Hilfst du mir?“ Falls dann doch irgendwann vor Mitternacht Ruhe einkehrt, versuchst du verzweifelt, „Deinen“ aus dem Sofa-Tiefschlaf zu rütteln, damit ihr die Nacht immerhin –  mit Katze und  einem von der Angst geplagten Kind –  im gleichen Bett verbringt. 

Wie, ihr glaubt, ich würde übertreiben? Aber klar tue ich das. Wenn nicht gerade Schulferien sind haben „Meiner“ und ich ja jeden Freitagmittag fünfzig Minuten nur für uns. Zeit genug, um einander bei einem Sandwich zu versichern, dass wir alles in unserer Macht stehende unternehmen werden, um unsere Zweisamkeit durch die Teenagerjahre unserer Kinder hindurch zu retten. 

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Furchtlos

Sie schaffte es, kleine Kätzchen zuerst zu waschen, mit Flohshampoo einzureiben und dann noch einmal zu waschen. Klar, sie bekam dabei ein paar Kratzer ab, doch kaum waren sie trocken, liessen sich die Kleinen wieder von ihr hätscheln und streicheln.

Nur sie war fähig, unseren Katzen die Entwurmungstabletten so in den Mund zu schieben, dass sie drin blieben. 

Sie war die Einzige, die unsere – inzwischen leider entlaufenen – Kaninchen kämmen konnte.

Als sich die Wachteln noch gegenseitig die Köpfe hackten, verarztete sie geduldig die blutenden Wunden, bis sie wieder verheilt waren.

Katze Henrietta lässt sich von ihr den schwangeren Bauch abtasten, gerade so, als hätte sie sich bei ihr zur Vorsorgeuntersuchung eingefunden. 

Dass Luise mit ihrer speziellen Mischung aus Zärtlichkeit und Strenge so ziemlich jede schwierige Situation mit unseren Tieren meistert, wissen wir schon seit einiger Zeit. Dennoch hat uns ihr heute geleistetes Paradestück fast aus den Socken gehauen. Kater Leone kam mit drei widerlichen, vollgesogenen Zecken an Kopf und Nacken von einem Ausflug nach Hause. „Meiner“, der ansonsten Widerlichkeiten keineswegs abgeneigt ist, weigerte sich, hinzusehen und ich hätte es ihm gleichgetan, hätte ich nicht das Pech gehabt, die Biester als Erste zu entdecken. Während wir Eltern uns noch gegenseitig dazu zu drängen versuchten, den armen Kater von den Blutsaugern zu befreien, zog Luise sie ihm mit sicherer Hand aus der Haut. Danach betrachtete sie die Biester eingehend und sinnierte darüber nach, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, dass sie sich leicht entfernen lassen.

Das allein war schon ziemlich beeindruckend. Noch beeindruckender aber war, dass Luise mit ihren Schilderungen „Meinen“ dazu brachte, sich mit leicht grünlichem Gesicht abzuwenden und sie anzuflehen, sofort mit diesem Gerede von Zecken aufzuhören, weil er sich sonst erbrechen müsse. Ich glaube, auch diese Leistung hat ausser ihr noch keiner fertig gebracht. 

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Wenn sich ein Versicherungsvertreter ankündigt…

… dann schaffen „Meiner“ und ich es zum ersten Mal in diesen Frühlingsferien, vor den Kindern aus dem Bett zu kommen und ein paar ungestörte Minuten zum Tagesstart zu geniessen. 

…dann herrscht endlich wieder mal Ordnung im Haus, weil wir uns dazu gezwungen sehen, ein wenig aufzuräumen.

…dann diskutieren wir im Voraus darüber, ob wir glücklich sind mit unserer Krankenkasse, oder ob wir uns eine Neue aufschwatzen lassen sollen.

…dann legen wir eine Zeitlimite für das Gespräch fest, damit wir uns nicht wieder in den Beziehungsproblemen des Vertreters verheddern und ihm stundenlang zuhören müssen.

…dann wünschen wir uns, wir hätten nicht ja gesagt zu diesem Termin.

Und wenn dann der Herr Versicherungsvertreter einfach nicht erscheinen will, sitzen wir plötzlich in einer aufgeräumten Wohnung, vor uns ein nettes kleines Zeitgeschenk, das wir ganz nach unserem Belieben nutzen können. „Meiner“ hat sich dazu entschieden, das Esszimmer neu zu streichen und ich habe derweilen mit dem Umtopfen meiner unzähligen Tomatensetzlinge dafür gesorgt, dass die Wohnung nicht allzu lange sauber bleibt. Manchmal ist es eben doch nicht so schlecht, einen Versicherungsvertreter einzuladen. Ich hoffe bloss, er steht dann nicht morgen oder übermorgen vor der Tür…

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Nur kurz mal plaudern…

„Meiner“, leise, damit es die Kinder nicht hören: „Komm, wir gehen mal fünf Minuten hinters Haus und unterhalten uns über den Tag.“

Ich: „Okay, muss nur noch schnell…“

Zoowärter: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat….“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Das stimmt überhaupt nicht. Der Zoowärter und das Prinzchen haben…“

Ich: „So schlimm ist das nun auch wieder nicht. Das könnt ihr selber regeln.“

„Meiner und ich gehen um die Hausecke und setzen uns an den Gartentisch.

„Meiner“: „Heute Nachmittag habe ich…“

Luise und Karlsson kommen angerannt. 

Luise: „Papa, kannst du mal schnell…?“

„Meiner“: „Mama und ich möchten uns kurz unterhalten….“

Luise: „Ja, aber kannst du trotzdem mal schnell…?“

Ich: „Luise, hast du nicht gehört? Papa und ich möchten uns kurz unterhalten.“

Karlsson: „Dann dürfen wir uns also nicht zu euch setzen?“

„Meiner“: „Doch, schon. Aber Mama und ich möchten uns unterhalten. Also, heute Nachmittag habe ich in der Schule…“

Luise: „Aber nachher kommst du sofort, Papa.“

„Meiner“: „Ja, nachher. Also, heute Nachmittag habe ich in der Schule diese…“

Ich: „Moment schnell, die Kleinen sind mir eindeutig zu wild. Ich muss denen sagen, dass das nicht geht.“

„Meiner“: „Okay, ich erzähl’s dir also nachher….“

Luise: „Papa, jetzt könntest du doch schnell….“

„Meiner“: „Nein, zuerst will ich der Mama erzählen, dass ich heute in der Schule…“

Luise macht sich entnervt aus dem Staub, Karlsson folgt ihr, endlich sind wir alleine.

„Meiner“: „Also, heute Nachmittag habe ich in der Schule diese Sache vorbereitet. Weisst du, das Projekt…“

Luise kommt zurück, das Telefon in der Hand: „Papa, da will dich jemand sprechen…“

Na ja, vielleicht finden „Meiner“ und ich morgen eine Gelegenheit, uns gegenseitig die Belanglosigkeiten des heutigen Tages zu erzählen. 

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Was mich ermüdet

Ich bin in einer Grossfamilie aufgewachsen, was mir grundsätzlich sehr gut gefiel. Einzig die fehlende Privatsphäre fiel mir auf die Nerven. Ein Badezimmer für neun Personen, mehr brauche ich dazu ja wohl nicht sagen. Meine Mittelgrossfamilie – so richtig gross ist sie in meinen Augen nicht – sollte es einmal besser haben, das schwor ich mir. Darum wohnen wir heute ziemlich weitläufig – zu weitläufig in den Augen einer Bekannten, die schon angedeutet hat, sie würde gerne mit ihren zwei Kindern bei uns einziehen, wir hätten ja viel zu viel Platz. Weil ich jedoch sehr viel Wert darauf lege, dass jeder seinen Raum für sich hat, habe ich ihr gesagt, wir hätten nicht genügend freie Zimmer. Ihr seht also, ich gehe so weit, andere Menschen vor den Kopf zu stossen, um die Privatsphäre jedes einzelnen Familienmitglieds – auch meine eigene – zu garantieren. 

Und was machen die lieben Familienmitglieder mit dieser hart erkämpften Privatsphäre? Halten sie sie heilig und erbieten ihr die Ehre? Von wegen! Sie treten sie mit Füssen. Sie dringen in Zimmer ein, deren Türen ganz offensichtlich geschlossen sind und ich muss dann wieder den Streit schlichten. Sie vergreifen sich an fremden Musikinstrumenten, obschon sie schon hundertmal gehört haben, dass sich das nicht gehört. Sie toben sich heimlich in meiner Küche aus, obschon ich diese offiziell zu meinem Territorium erklärt habe. Das Putzen bleibt natürlich an mir hängen; ist ja meine Küche, nicht ihre. Sie durchwühlen Schubladen, die sie ganz eindeutig nicht durchwühlen dürften und stellen nachher indiskrete Fragen, die nicht mal ich, die ich doch eigentlich ziemlich offen bin, beantworten möchte. Sie vergreifen sich am Inhalt des väterlichen Kleiderschranks und empören sich, wenn der Herr Papa verlangt, dass die Kleider zurück an ihren angestammten Ort wandern. Sie stören unzählige Male den elterlichen Mittagsschlaf, obschon der Zeitrahmen klar abgesteckt und die Zimmertür geschlossen ist. Sie poltern unablässig an die verschlossene WC-Tür, auch wenn man schon zehnmal gebrüllt hat, man sei gleich soweit, sie sollten sich noch ein wenig gedulden, oder eines der anderen WCs aufsuchen, weil wir ja nicht bloss eines hätten. 

Als sie noch klein waren, konnte ich mit diesen ewigen Grenzüberschreitungen ziemlich gut leben. Sie wussten es halt einfach nicht besser. Jetzt aber wären sie eigentlich gross genug, um den Unterschied zwischen mein und dein nicht bloss zu erkennen, sondern auch zu respektieren. Aber sie tun es nicht und darum predigen „Meiner“ und ich unablässig die gleiche Predigt: Anklopfen. Ein Nein respektieren. Die Finger von fremden Angelegenheiten halten. Fragen, bevor man sich im Zimmer eines anderen breit macht. Nicht einfach nehmen, was einem nicht gehört. Die anderen so behandeln, wie man selber auch behandelt werden möchte… Wir reden, sie tun so, als hätten sie verstanden – und überschreiten drei Minuten später die nächste Grenze.

Ach, wenn sie doch nur endlich begreifen würden, wie viel netter und geduldiger ihre Mama wäre, wenn sie endlich damit aufhörten, der armen Privatsphäre so viel Gewalt anzutun. 

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