Ist ja ganz nett, aber…

Das Home Office wird allmählich populär. Endlich. Man scheint zu begreifen, dass man gewisse Arbeiten auch zu Hause am Computer erledigen kann, anstatt erst lange im Stau zu stehen und sich danach im Grossraumbüro durch das Geschwätz der Mitarbeitenden ablenken zu lassen. Einige Chefs haben sogar endlich verstanden, dass Mitarbeitende Kinder haben und gerne Wege finden, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. 

Weil Home Office populär ist, gibt’s jetzt auch Werbung zum Thema. Da sieht man dann den Papa mit Augenklappe und Piratenkopftuch, wie er glücklich und zufrieden an seinem Laptop bei der Arbeit sitzt. Eben noch hat er mit seinen Jungs herumgealbert und jetzt wendet er sich für eine Weile seiner anderen Arbeit zu. Ein hübsches Bild, ich geb’s zu, aber leider eines, das nicht ganz der Realität entspricht.

Das Werbebild des fröhlich arbeitenden Piraten-Papa vermittelt den Eindruck, Home Office müsse man nicht so ganz ernst nehmen, das sei mehr Spass als Arbeit. Es sieht nach purem Vergnügen aus, nicht nach Arbeit, die ebenso seriös erledigt sein will, wie wenn wir mit unseren Kollegen im Büro sässen. Es sieht aus, als könnten wir ganz locker unseren Kindern volle Aufmerksamkeit schenken und zugleich beste Arbeit liefern. Dabei müssen auch wir, die wir zu Hause arbeiten, eine klare Trennung zwischen Familie und Arbeit hinkriegen, denn sonst kümmern wir uns am Ende dann um die Kinder, wenn wir eigentlich arbeiten müssten und dann um die Arbeit, wenn eigentlich die Kinder dran wären. 

„Ist ja bloss eine Werbung. Muss man nicht so ernst nehmen“, mag der eine oder andere einwenden, aber ganz so einfach ist es leider nicht. Wird Home Office nicht ebenso ernst genommen wie Arbeit ausser Hause, dann geschieht das, was ich immer und immer wieder erlebe: Die Lehrerin schickt das Kind wegen einer Bagatelle nach Hause, da „die Mama ja ohnehin da ist“. Bekannte platzen jederzeit zum Kaffee rein, weil man im Home Office ja auch später noch arbeiten kann.   Sogar die eigene Familie erwartet zuweilen stillschweigend, dass man den eigenen Arbeitsplan den Plänen der verschiedenen Familienmitglieder unterordnet, weil man ja flexibel ist. 

Klar, einer der grossen Vorteile von Home Office ist tatsächlich, dass wir umdisponieren können, wenn es mal wirklich brennt. An den anderen Tagen aber möchten auch wir ganz gerne möglichst geregelt unserer Arbeit nachgehen. Damit wir dann, wenn wir fertig sind, die Augenklappe montieren können, um das Schiff zu entern.

Na ja, ich würde mir wohl eher ein Lieder- oder Bilderbuch schnappen oder mit den Kindern in den Garten gehen. Wenn ich denn nicht andauernd in den Bildschirm starren müsste, weil die Arbeit wegen andauernder Unterbrechungen liegen geblieben ist.

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4 Kommentare zu “Ist ja ganz nett, aber…

  1. Du greifst wirklich wichtige Punkte auf.
    Ich arbeite zwar ganz normal im Büro, aber habe ich habe zum Glück ein Gleitzeit-Modell und mein Arbeitsort ist auch nur 20min von Zuhause entfernt. Doch ich erledige durch die Woche oft auch Arbeiten für die Kirche und die möchte ich nicht nur am Abend machen, wenn mein Sohn schläft. Aber es ist auch nicht einfach, meinem Sohn (3 1/2) zu erklären, dass ich jetzt am PC arbeite und nicht „sinnlos“ spiele und jetzt wirklich keine Ablenkung möchte.
    Zuhause arbeiten braucht wirklich ein gutes Zeitmanagement und auch deutliche Kommunikation, nicht nur familienintern, sondern auch extern. Aber wie du sagt, Homeoffice wird oft nicht „ernst“ genommen… andererseits gilt das auch für normale Hausarbeit. Da hört man ja auch oft neidische Sprüche und Spott über die angeblich freie Zeit 😉

    • Oh ja, die ganz normale Hausarbeit wird noch geringer geschätzt. Gerade so, als wäre sie irgend ein skurriles Hobby, dem nur beschränkte Hausfrauen nachgingen…

  2. Und wie machst du das mit dem unerwarteten Besuch? Ich schaffe es nie, sie mit der Ansage *ich bin jetzt am Arbeiten* wieder nach Hause zu schicken. Es gibt dann eben eine Kaffeepause, allerdings verratscht man sich da auch leicht…der Rest vom Homeoffice ist leichter geworden, seit die Kinder in der Schule sind. Aber kurz vor Abgabetermin werde ich immer gereizt, wenn die Kinder dann noch die volle Aufmerksamkeit wollen, dann schnauze ich sie schn mal an, ob sie denn nicht sehen dass ich arbeite und mich konzentrieren muss… Trotz der vielen Vorteile – ein Homeoffice ist härteste Disziplinsache, und die fällt mir auch nach Jahren nicht immer leicht.

    • Bei uns hilft die räumliche Trennung von Wohn- und Arbeitsbereich, da ich oben die Klingel nicht hören kann. Leider hindert mich aber das Telefon allzu oft daran, den Wohnbereich zu verlassen und nach oben an die Arbeit zu gehen.

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