Gewohnt ungewöhnlich

Er ist gekommen, der Tag, an dem ich zur nicht ganz schmerzfreien Erkenntnis komme, dass es gewöhnliche Tage in meinem Leben ganz einfach nicht gibt. Ich meine diese Tage, an denen du abends zufrieden sagen kannst, dass du mehr oder weniger das erreicht hast, was du dir am Morgen vorgenommen hast. Tage, die so vollkommen frei waren von Drama, dass du abends nicht so recht weisst, was du bloggen sollst. Okay, manchmal schreibe ich abends wirklich nicht mehr, dann aber meistens, weil ich vollkommen durch den Wind bin, weil der Tag mal wieder gemacht hat, was er will.

Dabei gibt es in meinem Leben inzwischen durchaus Tage, die das Potential dazu hätten, ganz vorhersehbar und langweilig zu werden. Heute zum Beispiel standen die Chancen so gut wie noch selten: Vier Kinder von acht bis halb drei auf Sternwanderung, „Meiner“ mit seiner Schulklasse ebenfalls irgendwo im Wald und Karlsson auf einer Betriebsbesichtigung im Medienhaus, weil er sich – unter gewissen Umständen, vielleicht, wenn nichts anderes interessanter ist – vorstellen könnte, irgendwann mal in Mamas journalistische Fussstapfen zu treten. Eine seltene Gelegenheit also, mal in aller Seelenruhe meine Zeitungskolumne zu schreiben, ein paar Interviewpartnerinnen anzurufen, einen Text fertig zu stellen und später vielleicht bei einem Waldspaziergang die Herbstsonne zu geniessen. Mit etwas Glück würde ich sogar noch ein wenig an meinem Nicht-Pflichtstoff weiter schreiben. Ein halbes Kapitel, vielleicht sogar ein ganzes…

Natürlich kam es mal wieder anders: Ein Anruf der Kindergärtnerin aus dem Wald. Das Prinzchen habe sich am Kopf verletzt, ich müsse ihn holen kommen. Kein Problem, Frau Kindergärtnerin, ich lasse selbstverständlich alles stehen und liegen, teile der Redaktion mit, dass die Kolumne sich verspätet und dann sehe ich mal, wo ich ein Auto auftreiben kann, weil unseres gerade nicht zu Hause ist. Meine Schwester kann einspringen, allerdings nicht allzu lange, denn nachher muss ihr Mann zur Arbeit. Eine halbe Stunde lang kurven wir durch den Wald, finden zahlreiche Schulklassen, doch leider nicht die Kindergartenklasse des Prinzchens und weil die Leute aus dem Dorf leider auch nicht wissen, wo der gesuchte Weg ist, fahren wir zurück nach Hause, wo ich noch einmal die Kindergärtnerin anrufe (Nein, ich habe leider derzeit kein Handy und nein, ich will nicht erzählen, wie es dazu gekommen ist. Diese Geschichte ist schlicht zu langweilig.) Ich bekomme eine etwas exaktere Wegbeschreibung, der Nachbar ist so freundlich, mich diesmal in den Wald zu chauffieren. Wieder finden wir den gesuchten Weg nicht, wieder nach Hause, um die Kindergärtnerin um eine noch etwas genauere Wegbeschreibung zu bitten. Und ihr zu sagen, sie solle doch bitte, bitte, bitte, wenn es sich irgendwie machen liesse, an die Strasse runter kommen mit dem Prinzchen, damit wir ihn diesmal auch ganz sicher finden würden.

Das klappt, fast zwei Stunden nach dem Anruf und damit auch deutlich nach dem Abgabetermin meiner Kolumne nehme ich ein ziemlich trauriges aber Gott sei Dank nur leicht verletztes Prinzchen in Empfang. Nach der Erstversorgung ist klar, dass es für einmal ohne Notarzt geht und so kann ich mich –  ohne mir vorwerfen zu müssen, eine Rabenmutter zu sein –  meinem Text zuwenden, bis die Mittagspause der Apotheke vorbei ist und ich Pflasterstreifen holen kann.

Ist es unzerbrüchlicher Optimismus oder grenzenlose Naivität, dass ich mir am Ende des Schreibens und vor der Apotheke ein kurzes Bad gönnen will, um wenigstens noch einen Hauch von Freiheit zu geniessen? Egal, was von beidem es ist, nach dem dritten Anruf innerhalb von zehn Minuten ist klar, dass so etwas einfach nicht geht. Mama Venditti soll sich unterstehen, mitten in der Woche so zu tun, als hätte sie Anrecht auf eine kleine Verschnaufpause. 

Tja, und dann, als Prinzchens Wunde endlich geklebt ist, sind auch schon wieder alle zu Hause und der Teil des Tages, der für einmal ganz langweilig und vorhersehbar mir hätte gehören sollen, ist in gewohnter Ungewöhnlichkeit an mir vorbeigegangen. 

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