Generationenfragen

Meine Tageszeitung meldet, mehrtägige Schulreisen und Klassenlager würden immer öfter im Hotel mit Voll- oder Halbpension gebucht. Vorbei seien die Zeiten, als man in einer einfachen Behausung nächtigte, selber kochte und  in unfair zusammengestellten Gruppen den schmutzigen Geschirrbergen zu Leibe rückte. Ein bedauernswerter Umstand, finde ich, der einen über ganz verschiedene Dinge nachdenken liesse.

Man könnte zum Beispiel feststellen, dass jene, die sich früher für eine ganze Woche aus ihrem Alltag verabschiedeten, um in einer schlecht ausgerüsteten Lagerhausküche warme Malzeiten zuzubereiten, heute meistens irgendwo in Lohn und Brot stehen und darum kaum eine ganze Ferienwoche opfern, um sieben Tage lang dreissig hungrige Mäuler mit Riz Casimir, Spaghetti Bolognese und Toast Hawaii zu stopfen. Na ja, vielleicht stehen sie auch gar nicht selber in Lohn und Brot, sondern hüten einfach an drei Tagen die Woche die Kinder ihrer Kinder, damit diese in Lohn und Brot stehen können. Man stelle sich einmal vor, was mit dem ohnehin schon fragilen innerfamiliären Betreuungssystem geschähe, wenn sich Oma und Opa für ein paar Tage ins Klassenlager verabschiedeten. Und überhaupt, hätten irgendwelche Mütter oder Väter noch die Zeit zum Helfen, würden sie als Gegenleistung für ihren Einsatz am Ende noch bessere Noten für den Nachwuchs fordern. Auf eine solche Hilfe verzichten die Lehrer dann doch ganz gerne, vielen Dank auch. Aber wie steht’s eigentlich mit den Studenten? Die haben doch früher während der Semesterferien ganz gerne… Semesterferien? War da mal was?

Es liesse sich auch darüber sinnieren, ob es überhaupt noch einen Unterschied macht, ob man in der Jugendherberge oder im Hotel absteigt. Den Abwasch erledigt inzwischen an beiden Orten das Personal, beim Übernachtungspreis muss man den Unterschied schon längst mit der Lupe suchen. Ganz Verwegene wagen vielleicht sogar, sich daran zu erinnern, dass doch die Wohngemeinde früher mal diese Gruppenunterkunft in diesem abgelegenen Tal im Bünderland hatte, die dann aber bei der vorletzten Sparrunde dem Rotstift zum Opfer gefallen ist. Ach, und wo wir schon beim Sparen sind: Wie hoch ist nochmal der Gemeindebeitrag ans Klassenlager? Reicht der noch, um der Köchin zum Dank ein kleines Taschengeld zu spendieren, oder käme es dann doch günstiger in diesem Hotel mit Halbpension? 

Wahrlich viele Fragen, denen man in diesem Zusammenhang nachgehen könnte. Was der Journalist ansatzweise auch tut. Aber erst, nachdem er die Frage stellt, welche die Mehrheit der wenigen verbliebenen Zeitungsleser wohl noch immer am allerliebsten liest: „Sind unsere Kinder zu verwöhnt?“ 

Ist ja klar. Wenn es anstatt ins Lagerhaus ins Hotel geht, dann liegt das an den Kindern. Und nicht etwa an der Generation, die diese Kinder gezeugt und gross gezogen hat. 

happiness; prettyvenditti.jetzt

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5 Kommentare zu “Generationenfragen

  1. Ich glaub eher, Kinder sind das Produkt, was man ihnen vorlebt. Es geht inzwischen auch kaum einer mehr zelten.
    Urlaub ist heutzutage sehr viel komfortabler als früher. Es ist nicht unbedingt Anspruchsverhalten, eher Gewöhnung. Kinder kennen das nicht mehr. Ob das nun Fortschritt ist oder fehlende Nostalgie ist wahrscheinlich Ansichtssache 😉

      • Ich glaube aber, dass es schon immer so war, ein gewisses Unbehagen, dass die Jugend sich anders entwickelt. Vielleicht spielt da auch eine gewisse Angst und Neid mit, dass sie alles noch vor sich haben. Gelassenheit wäre da eher angebracht!

      • Allzu beliebt war sie wohl tatsächlich noch nie, die Jugend. Dabei ist sie doch ganz sympathisch, finde ich.

      • da stimme ich Dir 100%ig zu ! Eigentlich sind sie aufregend für alle Generationen, wenn man die Größe hat, das zu erkennen !

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