Natürlich war meine Nervosität vollkommen unbegründet, für einmal war nicht einmal die Kleiderfrage ein Problem, alles lief bestens, die Suppe war so gut, wie Kürbissuppe immer ist, die Gäste waren zufrieden und auch wenn sie nicht in Scharen kamen, so war es doch ein wunderschöner Abend. Wie immer in solchen Fällen hätte ich mir die ganze Aufregung sparen können, denn im Grunde genommen spielt es ja keine Rolle, ob ich meinen Kindern oder meinen Gästen vorlese. Vielleicht lerne ich eines Tages, dies schon im Voraus zu erkennen und auf das ganze nervöse Getue zu verzichten. Vielleicht aber kann ich einfach nicht anders, weil es mir einfach sehr viel bedeutet, mein Geschriebenes und die Menschen, die es lesen, zusammenzubringen.
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Mama Venditti bereitet sich auf eine Lesung vor
08:15 Der Wecker klingelt, ich stelle fest, dass Prinzchen und Herr Gemahl mich mal wieder an die äusserste Bettkante gedrängt haben. Doch was heisst hier „an“? Auf die Bettkante haben die Herren mich gedrängt, darum rapple ich mich mit ziemlich müden Knochen auf, um den Tag in Angriff zu nehmen.
08:25: Ein Glas Wasser runterkippen und dann auf zum Markt, Kürbisse kaufen.
08:45: Die ersten zwei Kürbisse sind gekauft, Schwatz mit der Marktfrau über Wachtelhaltung. Wie sind wir überhaupt von Kürbissen zu Wachteln gekommen? Keine Ahnung mehr, aber die Frau freut sich, dass ich durch so viele Fehler gelernt habe und ihr jetzt ziemlich genau sagen kann, wie sie es nicht machen soll, wenn sie sich dann mal Wachteln zulegt.
08:50: Der nächste Kürbis ist gekauft. Dazu frisch gepressten Apfelsaft. Kurzer Schwatz, dann weiter zum nächsten Stand.
08:53: Bewundern der Kürbis-Auslage am Stand mit dem Pro Specie Rara-Gemüse. Eine Kundin neben mir erzählt mir, wie sie Kürbisse zubereitet und will mir einen Schutzengel verkaufen. Als ich ihr sage, dass ich fünf Kinder und gerade nicht allzu viel Geld für Krimskrams übrig habe, bedauert sie, dass sie gerade kein Gemüse dabei habe, das sie mir schenken könne. Ob ich Selbstgestricktes brauchen könne. Ich erkläre ihr, dass wir ganz gut über die Runden kommen, aber ihre fürsorgliche Art wärmt mir trotzdem das Herz.
09:00: Der letzte Kürbis, den ich kaufe, bringt satte 10 Kilo auf die Waage und weil ich den Ganzen nehme, bekomme ich ihn günstiger. Grossmäulig behaupte ich, ich würde es schon schaffen, all die Kürbisse und den Apfelsaft zum Auto zu schleppen, ich hätte ja auf dem Frauenparkplatz parkiert, das sei ja nicht weit…
09:12: Schwer atmend stehe ich im Durchgang und überlege mir, wie ich meine Bagage besser verteilen kann. Noch 150 Meter bis zum Auto und ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie ich das hinkriegen soll. Eine Verkäuferin, die ihren Schmuckstand ganz in der Nähe hat, bietet mir ihren Transportwagen an. Die nette Geste rührt mich fast zu Tränen. Ob ich allmählich ein wenig nervös werde? So sentimental bin ich doch nun auch wieder nicht…
10:05: Nach einem kurzen Zwischenstopp zu Hause – Kürbisse aus- und Kinder einladen – bin ich bereit zu neuen Taten. Drei Kinder sind für den Tag am Spielturnier versorgt, die anderen zwei helfen zu Hause. Vielleicht. Jetzt also noch Getränke besorgen, mehr Mehl, Kerzen, Rahm, Wacholderlatwerge,… Ein erster Anflug von Panik…
10:20: Getränke sind gekauft, Rahm und Kerzen auch. Panik wächst. Oder ist es der Hunger. Für Frühstück war ich zu aufgeregt heute Morgen. Ich erinnere mich daran, dass ich noch den winzigen Gummi-Hamburger habe, den mir der Mann, der heute neben dem Markt Handzettel für die 1:12 Initiative verteilte, geschenkt hat. Das Ding ist wirklich winzig, aber es ist essbar, also runter damit.
11:00: Alles eingekauft, jetzt schnell nach Hause. Panik sehr gross. Was, wenn keiner kommt? Was, wenn zu viele kommen? Wenn die Suppe nicht reicht? Wenn sie anbrennt? Wenn ich meine Stimme verliere? Keine Ahnung, wie das geschehen sollte, aber man kann nie wissen…
11:30: Zu Hause. Das Prinzchen schenkt mir ein Bild, das er nach dem Vorbild seines Papas gemalt hat. Ich könnte schon wieder heulen…Einkäufe hoch schleppen, Sauna einschalten, Vorteig mit Mehl, Hefe und Zucker füttern, nachdenklich das Chaos in der Küche betrachten, Beruhigungsbloggen, geschäumte Milch schlürfen und ab in die Sauna.
Fortsetzung folgt. Vielleicht. Wenn ich meine Nerven in den Griff bekomme…
Gotlandbrot-Erkenntnisse
Da ich den Besuchern meiner Lesung frisches Gotlandbrot versprochen habe, bin ich heute wieder am Backen. Hier einige Erkenntnisse:
Wie der Abdruck auf dem Tuch, mit dem ich die Schüssel bedeckt habe, beweist, hat der erste Vorteig einen Hang zum Perfektionismus…
…das zweite Kneten und Gehenlassen macht dem Perfektionismus jedoch schnell den Garaus…
…Sophie mag es nicht, wenn man den zweiten Vorteig auch nur eine Minute länger als die im Kochbuch angegebenen 45 Minuten gehen lässt…
…Gottegris mag es nicht, wenn Sophie laut wird. Mein zerkratzter Hintern ist Zeuge. Nein, fragt nicht, glaubt mir einfach….
….manchmal muss man eben doch mehr Mehl als im Rezept angegeben zufügen…
…doch der fertige Teig ist jedes Mal schön anzusehen…
…anstelle von Melasse habe ich diesmal Wacholderlatwerge genommen. Ist weniger klebrig und schmeckt meiner Meinung nach besser. Und hier ein Bild für alle, die nicht wissen, was Wacholderlatwerge ist:
…Anis schmeckt – und riecht – eindeutig besser als Ajwar…
… und einmal mehr bin ich überzeugt, dass sich der ganze Aufwand lohnt. Mag sein, dass der eine oder andere Besucher, der morgen zur Lesung kommt, meine Bücher nicht mag. Wenn er aber dieses Brot nicht liebt, ist ihm nicht mehr zu helfen…
Ihr Nachbarskinderlein kommet…
Spielt mit unseren Kindern, klettert auf unsere Bäume, streichelt Kaninchen und Katzen, macht Hausaufgaben mit unseren Kindern, pflückt Beeren, rennt ums Haus, bringt eure Freunde mit, fragt mir ein Loch in den Bauch, spielt Karten, esst Brot, Joghurt, Obst…, denkt euch abenteuerliche Geschichten aus, bleibt zum Abendessen, wenn ihr wollt, könnt ihr auch bei uns übernachten. Unser Haus und mein Herz stehen euch offen, ehrlich. Nur meine Nerven machen nach ein paar Stunden Dauerbetrieb leider schlapp und darum muss ich euch trotz aller Zuneigung bitten, hin und wieder für eine oder zwei Stunden bei euren Eltern zu Hause Radau zu machen. Nur, damit ihr Mama Venditti nicht von ihrer genervten Seite kennen lernen müsst…
Lasst doch den armen November sein, wie er ist
Okay, ich frage mich ja manchmal auch, wie ein einziger Monat dazu kommt, so viel unterdrückte Wut loszuwerden. Sturmböen, kalter Regen, schwere, graue Wolken und wenn sich das Wetter beruhigt, kommt der Hochnebel. Ganz klar, der November bräuchte ganz dringend jemanden, dem er mal sein Herz ausschütten könnte, damit er seinen Frust nicht immer an der Allgemeinheit auslassen müsste. Doch solange er keinen findet, der ihm zuhört, muss man sich wohl damit abfinden, dass der November ist, wie er nun mal ist, seit Jahrhunderten schon.
Mir gelingt das eigentlich ganz gut: Nur noch aus dem Haus gehen, wenn Prinzchen in den Kindergarten muss oder wenn Vögel, Wachteln und Kaninchen neues Futter brauchen, literweise Tee, überall Kerzen, warme Socken an die Füsse, Computer an und schreiben, was gerade geschrieben werden muss, dazwischen Suppe kochen, Kartoffelbrei oder sonst etwas, was die Seele wärmt. Viel mehr erwarte ich nicht vom November und darum macht es mir auch nichts aus, wenn er draussen wütet. Soll er doch, wenn er keinen anderen Weg findet, seine Probleme zu verarbeiten.
Eigentlich gibt es nur eine Sache, die mir im November nicht passt: Die Leute, die über ihn herziehen. Ja, der Kerl führt sich vollkommen daneben auf, aber das ist nun mal seine Natur und da braucht man doch nicht so zu tun, als hätte man mit Sonnenschein und 30 Grad Hitze gerechnet und statt dessen Sturm und Regen geliefert bekommen. Was soll dieses Geschwätz von „Ist doch einfach nicht normal, dieses Wetter“? Natürlich ist es normal, man kann doch von einem Monat nicht erwarten, dass er sich an den Klimawandel hält, bloss weil alle anderen Monate dies tun. Es gibt nun mal solche, die altmodischer sind als andere und nicht gleich jedem neuen Trend aufsitzen. Also hört auf zu jammern, lasst den November tun, was er schon seit jeher am besten konnte und verzieht euch in eure Höhlen. Ist doch herrlich gemütlich dort, wenn der Wind um die Hausecken heult…
Meine lieben Miteltern
Mir ist schon klar, dass ihr uns manchmal durch den Kakao zieht. Bei so vielen Familienmitgliedern lässt sich ja auch immer einer finden, der etwas ausgefressen hat. Und es macht mir im Grunde genommen auch nichts aus, ich ergebe mich selber auch immer wieder mit Genuss dem verwerflichen Laster des Lästerns, wohl wissend, dass mich danach das schlechte Gewissen wieder plagen wird. Ich war nicht umsonst Klassenbeste in der Sonntagsschule…
Nein, meine lieben Miteltern, ich finde es wirklich nicht schlimm, dass ihr hinter unserem Rücken über uns tratscht, ich habe sogar Verständnis dafür, dass ihr es in Hörweite eurer Kinder tut. Passiert mir auch immer wieder. Aber wenn eure Kinder schon mithören, könntet ihr ihnen vielleicht endlich beibringen, dass das, was im Vertrauen in der Familie gesagt wird, nicht nach draussen gehört? Okay, bei einem Dreijährigen kann es schon mal geschehen, dass er sich trotzdem verplappert. Bei einem Vier- oder Fünfjährigen auch. Aber bei einer Elfjährigen? Die sollte doch allmählich wissen, dass man um des lieben Friedens Willen gewisse Dinge besser für sich behält.
Oh ja, ihr fragt euch jetzt, wie ich mir so sicher sei, dass die bissige Bemerkung den Eltern nachgeplappert ist. Es gibt da ein paar Indizien, die mich auf die Idee gebracht haben. Zuerst einmal der Inhalt der Bemerkung: „Tja, sowas geschieht halt, wenn man nicht nach seinen Kindern schaut“ und das in einem Moment, wo ich gerade sehr intensiv damit beschäftigt war, mich um mein jüngstes Kind zu kümmern und die Bemerkung nicht im Geringsten passte. Dann war da noch der Tonfall. Genau wie der Papa, wenn er am Lästern ist. Ja, genau, der Papa dieses Kindes und ich haben auch schon zusammen gelästert, darum weiss ich, wie es tönt, wenn er andere durch den Kakao zieht. Zu guter Letzt ist auch der Zeitpunkt ziemlich auffällig: Drei Tage, nachdem ich das halbe Dorf nach meinen Kindern und Prinzchens bestem Freund absuchen musste, weil die Racker der Nachbarin entlaufen waren. Auf der Suche traf ich auch euch an und fragte, ob ihr vielleicht vier kleine bis mittelgrosse Ausreisser getroffen hättet.
Wie gesagt, meine lieben Miteltern, es macht mir nichts aus, dass ihr nach dieser Begegnung über uns gelästert habt, aber bitte bringt eurer Tochter bei, in Zukunft den Mund zu halten. Es wäre mir lieber gewesen, ich wüsste nicht, wie ihr wirklich über unseren Erziehungsstil denkt. Im direkten Gespräch wäre ich nämlich nie auf die Idee gekommen, dass wir die Dinge so anders sehen als ihr.
Ich bin die langweilige Mama
Die Mama, die am Sonntagnachmittag lieber schlafen will, als ins Hallenbad zu gehen. Die Mama, die sich einfach nicht dazu bewegen lässt, mit Luise Bäume auszureissen. Die Mama, die findet, nachmittags um halb fünf sei es zu spät, um noch einen Ausflug zu machen, mit dem Velo, zum Beispiel, oder nach Bern. Die Mama, die erklärt, sie brauche nun mal etwas mehr Ruhe, wo doch Papa an drei Wochenenden hintereinander weg gewesen sei und nun auch noch zwei Tage mit einem Käfer auf dem Sofa gelegen habe. Die Mama, die findet, es sei halt einfach etwas viel, wenn man Samstag und Sonntag den Laden auch noch alleine schmeissen müsse, immer nur Futter zubereiten, Küche aufräumen, wieder Futter zubereiten, wieder Küche aufräumen,… Die Mama, die behauptet, sie möchte ja schon etwas unternehmen, aber sie sei heute einfach zu müde, um sich aufzuraffen. Unsere Söhne kommen ganz gut klar mit der langweiligen Mama, aber Luise tut sich ziemlich schwer mit ihr.
So eine Mama hatte ich auch mal, nur hätte ich es nie und nimmer gewagt, sie dafür zu kritisieren. Klar fand ich das langweilig, aber so war es nun mal. Den Sonntagnachmittag verbrachte sie auch meist schlafend und dann griff ich eben zu Backbuch, Eiern, Mehl und Zucker. So lernte ich backen und meine Mama war danach wieder fit genug, um die Sauerei, die ich hinterlassen hatte, wegzuräumen.
Heute ist meine Mama längst keine langweilige Mama mehr. Im Gegenteil, sie ist die unterhaltsame Grossmama, bei der Luise und ihre Brüder Zuflucht finden, wenn Mama mal wieder langweilig ist. Sie spielt Spiele mit mit den Kindern, erzählt von früher, knetet mit ihnen und lässt sie im Spielzimmer herumtollen. Meist merke ich erst nach dem Mittagsschlaf, dass die Kinder wieder nach unten abgehauen sind. Dann plagt mich das schlechte Gewissen, weil unsere Kinder meine Mama am Mittagsschlaf gehindert haben.
Aber vielleicht ist das ja einfach der Lauf der Dinge. Vielleicht muss ich jetzt sonntags einfach ausgiebig mittagsschlafen, damit ich die unterhaltsame Grossmama sein kann, wenn Luise mal die langweilige Mama ist.
Gotlandbrot
Einige (Facebook)-Freundinnen wollten wissen, wie ich das Gotland-Brot gebacken habe, mit dem ich heute auf meinem Profil geprahlt habe und wenn ich mir schon die Mühe nehme, das Rezept aufzuschreiben, kann ich es gleich hier tun, dann haben alle etwas davon. Das Rezept habe ich aus dem Kochbuch „Natürlich Schwedisch“ von Carina Brydling, aber ich habe es ein wenig angepasst, da ich in meiner Küche nicht alle Zutaten finden konnte und da ich die Tendenz habe zu glauben, ich wisse alles besser. Also, dann fangen wir mal an…
Gut, eigentlich muss man eine Woche früher anfangen, zumindest wenn man seine eigene Sauerteigkultur verwenden will. Wie man Sauerteig macht, kann man an jeder Ecke im www herausfinden, ich verzichte also auf eine langfädige Erläuterung. Natürlich kann man das Zeug auch im Reformhaus kaufen, aber wenn schon hausgemacht, dann richtig, finde ich.
Gestern Abend also mischte ich 900 Gramm Roggenmehl, 500 Gramm Weissmehl, ca. 1.9 Liter warmes Wasser (Frau Brydling empfiehlt 2,1 Liter, aber das schien mir dann doch etwas viel) und 1 Deziliter Sauerteig zu einem Vorteig. Faul, wie ich nun mal bin, liess ich Sophie diese Arbeit erledigen, damit ich mich im der Zwischenzeit um den Sirup kümmern konnte.
In Schweden nimmt man dafür „dunklen Sirup“, ich nahm Melasse. Dann käme noch die Schale einer Pomeranze hinzu, doch die hatte ich auch nicht zur Hand, also nahm ich Bio-Zitrone. Schliesslich bräuchte man noch Anis und Fenchelsamen, doch aus mir unerklärlichen Gründen fand ich weder das eine noch das andere in meinem Gewürzschrank, also half ich mir mit Ajwar aus. Ob man sich nun an das eine oder an das andere Rezept hält, der Sirup wird immer auf die gleiche Weise zubereitet: 2 Deziliter Wasser (Wasser) mit 1 Deziliter Melasse (dunklem Sirup), 2 Messerspitzen Ajwar (je einer Messerspitze Anis und Fenchelsamen) und Streifen der Zitronen (Pomeranzen-)schale aufkochen. Frau Brydling würde jetzt noch das Weisse aus der Schale entfernen und das Zeug kleinschneiden, aber ich habe darauf verzichtet und das Ganze über Nacht stehengelassen. Das Gleiche habe ich mit dem Vorteig getan: Tuch drüber und ab ins Bett. Und auf gar keinen Fall mehr Mehl beigeben, die Masse muss glatt und klebrig sein!
Am Morgen löste ich zwei Würfel Bio-Hefe (ca. 80 Gramm) mit ca. 80 Gramm Zucker in 3 Deziliter warmem Wasser auf. Frau Brydling nimmt 150 Gramm Zucker, aber wir wollen mal nicht übertreiben. Den Sirup goss ich durch ein Sieb, dann kamen Sirup, aufgelöste Hefe, 300 Gramm Weizenvollkormnehl, 150 Gramm Roggenmehl und 150 Gramm Weissmehl in den Vorteig. Das Kneten überliess ich wieder Sophie, denn Frau Brydling hatte mich gewarnt, dass dies eine „sehr klebrige und schwere Arbeit“ sei. Sophie scheint mit ihr einig zu gehen, aber das ist nun mal ihr Job. Der Teig war tatsächlich ziemlich klebrig und sehr feucht, doch ich widerstand der Versuchung, mehr Mehl zuzugeben. Stattdessen legte ich wieder mein Tuch über die Schüssel und liess den Teig 45 Minuten ruhen.
Als diese Zeit um war, quoll der Teig schon fast über den Rand der Schüssel. Darum liess ich Sophie noch einmal ein wenig arbeiten, ehe ich die weiteren Zutaten zufügte: 50 Gramm Salz (Frau Brydling nimmt 75 Gramm), 3 Deziliter Melasse (dunklen Sirup), 200 Gramm Roggenmehl, 300 Gramm Weissmehl und 500 Gramm Weizenvollkornmehl. Sophie durfte dann noch einmal kräftig kneten, dann ruhte der Teig, der jetzt übrigens ohne weitere Wasser- oder Mehlzugabe perfekt war, noch einmal 45 Minuten unter dem Tuch, allerdings nicht mehr in Sophies Schüssel, sondern in einem grösseren Gefäss, da der Teig ein wenig voluminös geworden war.
Den aufgegangenen Teig formte ich zu vier Brotlaiben, die noch einmal 10 Minuten ruhen durften, ehe ich sie in den 200 Grad heissen Ofen schob, wo sie 50 Minuten (bei Frau Brydling dauert es eine Stunde, aber die hat vielleicht keinen Umluftofen) blieben. Zum Schluss mischte ich dann noch etwas Kaffee mit Melasse und bestrich die warmen Brote damit.
Tja, das war’s dann auch schon und wenn Frau Brydling nicht übertreibt, halten sich die Brote in Küchentücher eingeschlagen bis zu zwei Wochen. Ich werde dies vermutlich nie überprüfen können, denn länger als drei Tage werden die Brote bei uns nicht überleben. Soll ja auch das beste Brot der Welt sein, wie die Autorin ganz unbescheiden behauptet.
Wunsch erfüllt
Wie sehr habe ich mir doch immer ein ordnungsliebendes Kind gewünscht. Kein Pedant, das natürlich nicht, aber ein Kind, das zu seinen Sachen Sorge trägt, nicht immer alles überall herumliegen lässt und sein Zimmer halbwegs in Ordnung hält. Meinem sehnlichen Wunsch wurde entsprochen, vor fünf Jahren wurde mir nach einer ziemlich kurzen Geburt ein ordnungsliebendes Kind in den Arm gelegt. Das wussten wir damals natürlich noch nicht, doch je älter das Kind wird, umso deutlicher tritt die Liebe zur Ordnung zutage. Wäre ich keine liebende Mutter, sondern eine psychologisch geschulte Fachfrau, müsste ich sagen, dass dieses Kind – gemeint ist übrigens das Prinzchen – einen ausgeprägten Hang zum Perfektionismus hat. Noch versuche ich, die Dinge schönzureden und das Ganze als Phase abzutun, doch allmählich beschleicht mich das Gefühl, ich hätte den Wunsch nach einem ordnungsliebenden Kind etwas zu oft geäussert.
Ich meine, es ist ja nett, wenn ein kleiner Mensch seine Schätze abends so versorgt, dass er sie am Morgen gleich wieder zur Hand hat, ohne lange nach Einzelteilen suchen zu müssen und Mama, Papa, Geschwister und Katzen des Diebstahls zu bezichtigen, weil er die Dinge nicht mehr finden kann. Aber muss denn gleich jedes winzige Teilchen an seinem Ort sein? Das Körpermodell, welches sich das Prinzchen zum Geburtstag gewünscht und auch bekommen hat, hätte die Nacht bestimmt auch ohne Leber, Herz und linken Lungenflügel überstanden. Es sollte doch wohl reichen, dass die Teile auf dem selben Tisch liegen, damit man sie morgens wieder einsetzen kann. Aber nein, das darf nicht sein. Erst als der arme Kerl mit dem offenen Bauch dank meiner Hilfe sein Herz wieder auf dem rechten Fleck hatte, war das Prinzchen zufrieden. Mit dem Körpermodell zumindest, danach mussten noch das Augenmodell und der Schädel wieder tadellos in Stand gesetzt sein, die Michel-Müsse musste den richtigen Platz am Kopfende von Prinzchens Bett finden, für die Legoschachtel musste der perfekte Ort her, ein Ort, wo sie nahtlos hineinpasst, der Arztkittel brauchte einen Kleiderbügel und… Irgendwann liess ich das Prinzchen alleine perfektionieren, denn im Wohnzimmer waren noch Gäste, mit denen ich mich zu gerne unterhalten hätte (währenddem ich Prinzchens Lego-Ambulanz zusammenbaute, damit diese auch noch an den richtigen Ort gestellt werden konnte). Noch lange nachdem ich unseren Jüngsten offiziell ins Bett gebracht hatte, hörte man ihn im dunklen Zimmer rumoren.
Heute Morgen musste alles für den Tag eingerichtet werden, ehe das Prinzchen in den Kindergarten gehen konnte. Also Legoschachtel ans Kopfende des Bettes, rotes Stethoskop in die Tasche, Müsse auf den Kopf, schwarzes Stethoskop auf den Tisch, Fiebermesser etwas weiter nach rechts… Alles perfekt eben, als stünde demnächst eine wichtige OP an. Ziemlich nervenaufreibend für eine Mutter, die ihr Kind abends rechtzeitig im Bett und morgens rechtzeitig im Kindergarten sehen möchte. Aber die Ordnung, das könnt ihr mir glauben, die Ordnung ist wirklich perfekt.
Ja zum Kaninchen
Nein, auf Kaninchen hatte ich mich nie wieder einlassen wollen. Die Geschichte mit Elisa und Giuliano hatte mir gereicht. Die schwarze Elisa und der beigefarbene Giuliano, die „Meiner“ und ich einander unabhängig voneinander zum Geburtstag geschenkt hatten. Die Zwei wurden nicht glücklich miteinander, darum suchte Elisa eines Tages das Weite, liess sich nicht wieder einfangen und wurde vom Hund des Nachbarn aufgefressen. Da wir Giuliano keine neue Gefährtin zumuten wollten, liessen wir ihn kastrieren und schenkten ihn einem einsamen verwöhnten Jungen. Noch einmal würden wir es nicht mit Kaninchen versuchen. Sind ja ohnehin nicht besonders interessant, diese Tiere, lassen sich nicht mal richtig streicheln. Zwar versuchte Luise mehrmals, mich umzustimmen, weil sie ja so gerne ein „Häschen“ haben möchte, doch ich liess nicht mit mir reden.
Dann bekam ich heute Morgen dieses winzige, handzahme Tierchen mit schneeweissem Fell und blauen Augen in die Hand gedrückt. Glaubt mir, ich wollte wirklich unbeeindruckt bleiben, denn eigentlich war ich ja wegen der Nymphensittiche gekommen, die nach dem Verschwinden der undankbaren Doris in unsere Volière einziehen sollten. Doch dann schmiegte sich dieses flauschige Tierchen an mich, legte die Ohren flach, als ich es streichelte und eroberte mein Herz. Von wegen Kaninchen lassen sich nicht richtig streicheln! Als die Besitzerin mir sagte, Kaninchen liessen sich problemlos mit Wachteln und Sittichen halten, wurde mir bewusst, dass es keinen einzigen Grund gibt, hart zu bleiben, wo ich doch ohnehin täglich meine Runde bei den Gefiederten machen muss. Damit sich das Schneeweisse nicht einsam fühlen muss, nahm ich ein Rabenschwarzes dazu, beides Weibchen, wie mir die Züchterin versicherte.
Jetzt sind sie also bei uns, die Zwei, sind offenbar ganz glücklich in ihrem neuen Zuhause und alleine schon Luises überglücklicher Blick überzeugte mich sofort, dass mein Ja richtig gewesen war.














