Nie, ausser montags

Im Grunde genommen habe ich mir die Sache mit dem Selbstmitleid abgewöhnt. Verschiedene Umstände in den vergangenen Monaten haben mich erkennen lassen, dass ich schlicht keine Berechtigung dazu habe. Da gibt es einerseits zu viel Gutes in meinem Leben, zu viele offene Türen, zu viel Überfluss, andererseits zu viele Menschen, die von alldem, was mein Leben bereichert, nur träumen können. Klar, auch ich beisse mir an gewissen Dingen fast die Zähne aus, die finsteren Täler des Lebens sind mir nicht vollkommen fremd, doch im Grossen und Ganzen kann ich nur dankbar sein und darum steht es mir einfach nicht zu, mich selbst zu bemitleiden.

Nie, ausser montags. Denn seitdem ich vor vier Monaten den Montag zu meinem heiligen Schreibtag erklärt habe, alles in die Wege geleitet habe, um die Kinder gut betreut zu wissen und dafür auch Geld bezahle, hat es nicht ein einziges Mal geklappt mit dem ungestörten Schwimmen im Schreibfluss. Anfangs war ich vielleicht noch selber Schuld, denn zu leicht liess ich mich ablenken durch Anrufe, angeblich dringende Mails und andere Kleinigkeiten. Seitdem sich aber die Tür fürs Schreiben und Veröffentlichen weit geöffnet hat, ist der Montag zu dem Tag geworden, dem ich die restlichen sechs Tage der Woche entgegenfiebere. Okay, ich schreibe natürlich nicht nur montags, aber dieser eine Tag, der mir Raum lässt, voll und ganz in die Welt der Worte einzutauchen, ist einzigartig.

Oder wäre einzigartig, wenn denn nicht dauernd irgend etwas dazwischen käme. Ich gehe hier nicht in die Details, denn darüber geklagt habe ich bereits ausgiebig in diversen Posts. Reden wir also nur von heute Morgen. Da hatte ich geglaubt, endlich die todsichere Methode gefunden zu haben, um meinen ungestörten Schreibmontag zu bekommen. Die Idee stammt zwar nicht von mir, ist aber dennoch grandios: In den Zug sitzen, eine möglichst weite Strecke ohne Umsteigen fahren, schreiben, die Landschaft betrachten, nachdenken, wieder schreiben, am Zielort ein kurzer, inspirierender Aufenthalt und wieder schreibend nach Hause fahren. „Das ist es“, jubelte ich, als man mich auf diesen Gedanken brachte und so plante ich für heute eine lange Zugfahrt ohne Umsteigen ins Tessin. Sieben Stunden ungestörte Schreibzeit und das ohne Fluchtmöglichkeit. Einfach genial.

Tja, und dann entschied sich das Prinzchen heute Morgen um sieben dazu, der SVP beizutreten. „Ich will nicht in die Krippe!“, brüllte er, „Ich will bei dir bleiben, ich will nicht, dass du weggehst!“ Alles Reden, Hätscheln, Drohen, Trösten und Bestechen half nichts, das Prinzchen tat weiterhin so, als sei die – gewöhnlich über alles geliebte – Krippe der schlimmste Ort auf diesem Planeten. Nach zwei Stunden heulen und zetern sah er aus wie eines der Staatskinder aus dem SVP-Extrablatt und ich wohl so gar nicht wie die kaltherzige Karrierefrau, die ihr Kind ins Kindergefängnis steckt, von der die SVP immer schwadroniert, sondern viel eher wie eine verzweifelte, überforderte Hippie-Tante, die ganz dringend einen Termin beim Guru braucht. Irgendwie schaffte ich es, meinen renitenten Sohn in der Krippe abzugeben, musste mich aber damit abfinden, dass heute nichts aus schreiben im Zug wird. Ich muss nämlich in Reichweite bleiben, falls das Prinzchen auch den Betreuerinnen die Ohren voll heult und früher abgeholt werden muss.

Da bleibt mir doch einfach nichts anderes übrig, als ein kurzes Bad im Selbstmitleid, ehe ich mich daran mache, in den Räumen, denen ich heute hatte entfliehen wollen, die Inspiration zusammenzukratzen, die sich irgendwo, zwischen schmutzigem Frühstücksgeschirr, vergessenen Schulaufgaben der Kinder und halbfertigen Strickarbeiten verborgen hat.

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Wunderhaus

Als ich am Mittwoch das Mini- Gewächshaus besorgte, in dem bald schon Peperoni, Melonen und Auberginen wachsen sollen, fürchtete ich Schlimmes. Das Ding stammt aus einem Baumarkt, kommt in einer Schachtel voller Einzelteile daher und kostete fast gar nichts. Jeder, der schon einmal etwas aus dem Baumarkt zusammengebaut hat, weiss, was das bedeutet: Fehlende Schrauben, Teile, die nicht richtig aufeinander passen, keine passenden Werkzeuge und Ehekrach.

Die Anmerkungen zu Beginn der Anleitung verstärkte meine Befürchtungen zusätzlich. Da hiess es nämlich, man solle das Haus nicht aufbauen, wenn man müde sei, an Schwindelanfällen leide oder unter dem Einfluss von Drogen stehe. Nun gut, das mit den Drogen brauchten wir nicht zu beachten, dafür aber stellte die Sache mit der Müdigkeit ein echtes Problem dar, müssten wir doch bis zu unserem Lebensende warten mit dem Aufbau, wollten wir diese Warnung berücksichtigen. Nach einigem Zögern entschlossen wir uns dazu, es trotz Müdigkeit zu versuchen, hielten uns dafür aber sklavisch an die Anleitung, sogar in dem Punkt, dass Kinder von der „Baustelle“ fernzuhalten seien.

Und siehe da, wir haben das Unmögliche geschafft, das Häuschen steht und zwar erstaunlich stabil. Das alles ganz ohne verzweifelte Suche nach verlorenen Schrauben, ohne Zurechtbiegen von unpassenden Teilen, ohne Schimpftiraden auf unbrauchbare Skizzen, ja, sogar ohne eheliches Gezanke. Nur die Kinder mussten wir zwei oder dreimal in die Schranken weisen, aber darauf hatte uns die Anleitung ja bereits hingewiesen. Hätte „Meiner“ am Ende nicht die Tür verkehrtherum angebracht, wir hätten heute Abend auf unseren Erfolg anstossen können.

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Beängstigend

Gestern Abend, als ich wie gewohnt so gegen Mitternacht ins Bett ging, wähnte ich mich im Jahr 2013, heute Morgen aber bei der Zeitungslektüre musste ich feststellen, dass mich irgendjemand auf eine Reise in die Vergangenheit geschickt hat. Nun gut, eigentlich sieht meine Welt so gar nicht nach Vergangenheit aus, da stehen noch immer die gleichen Geräte in der Küche, iPad & Co. sind wie gewohnt im Einsatz und auch die Kleider sehen noch gleich aus wie gestern. Aber was ich in der Zeitung lese, beweist mir klar und deutlich: Wir sind auf dem besten Weg, wieder dorthin zu gelangen, wo unsere Vorfahren schon mal waren. Damals war eine Frau, die zuviel wusste, eine Hexe, ein Mensch jüdischen Glaubens ein Brunnenvergifter, ein Querdenker ein Ketzer.

Und heute? Heute sind wir natürlich viel weiter. Jeder hat das Recht, so zu leben, zu denken und im Grossen und Ganzen auch so zu handeln, wie er will. Die persönliche Freiheit steht über allen Verpflichtungen, oft auch über den Werten, die wir grundsätzlich als richtig erachten. Jeder darf nach seinem Glück streben, seine Träume verwirklichen, sein Leben nach den eigenen Wünschen gestalten. Dies gestehen wir jedem zu. Zumindest, solange er die „richtige“ Herkunft hat, ohne Sozialhilfe auskommt und ein „funktionierendes“ Mitglied der Gesellschaft ist.

Erfüllt einer diese Voraussetzungen nicht, na ja, dann gilt das alles natürlich nicht, das muss man doch verstehen. Man kann doch nicht einfach jeden Dahergelaufenen als gleichwertigen Menschen behandeln. Wo kämen wir denn da hin? Und weil man so denkt, sagt man heute ganz ungeniert, was man vor ein paar Jahren noch nicht mal hinter vorgehaltener Hand zu äussern gewagt hätte.

„Die Asylsuchenden sind unterbeschäftigt. Wir haben einen schönen Dorfplatz, dort sind unsere schönen Frauen. Das gibt Probleme“, lässt sich zum Beispiel heute der Ammann einer Aargauer Gemeinde in der Zeitung zitieren und sagt damit ziemlich unverblümt, dass sein Dorfplatz nicht jedem offen steht. Weiter unten im Artikel ist folgendes zu lesen: „Die Asylsuchenden würden unterirdisch untergebracht. Oberirdisch gebe es keine Möglichkeit für Aufenthaltsräume. ‚Unsere Schüler müssten sich also die Ausbildungs- und Pausenplätze mit dem Asylbewerbern teilen‘, so die Schule.“ Man stelle sich einmal dieses Schreckensszenario vor: Da könnten erwachsene Landwirtschaftsschüler mit erwachsenen Asylbewerbern in Kontakt, ja, vielleicht sogar ins Gespräch kommen. Gott bewahre! Am Ende würden die beiden Gruppen noch erkennen, dass sie alle nur Menschen sind. Aber soweit wird es nicht kommen, denn der Gemeindeamman verspricht, man werde alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um die Asylunterkunft zu verhindern, die Bevölkerung erwarte das so. 

Weil das die Bevölkerung nicht nur in dieser Gemeinde so erwartet, sondern fast überall in der Schweiz, wo Asylsuchende eine vorübergehende Bleibe finden sollen, werden immer wieder ähnliche Sätze fallen, vermutlich auch noch viel giftigere und irgendwann wird kaum einer mehr aufhorchen, nicht mal mehr wir, die wir heute noch darüber heulen könnten. Und das macht Angst.

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Logorrhoe

„Nun sagt schon hallo“, musste ich die drei Grossen jeweils ermahnen. „Die Leute machen euch nichts, ihr dürft ihnen getrost ins Gesicht schauen, wenn ihr sie grüsst. Ihr könnt ihnen auch mal was erzählen, die glauben sonst noch, ihr wäret stumm. Keine Angst, ihr dürft zeigen, was ihr draufhabt. Nun kommt schon, ich muss doch nicht immer für euch antworten. Wenn wir alleine sind, seid ihr doch auch nicht so schüchtern…“ So ging das Jahr um Jahr um Jahr, beim Elterngespräch hiess es regelmässig, es wäre nett, etwas mehr von den Kindern zu hören und noch heute kommt es immer mal wieder vor, dass Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat erst dann auftauen, wenn die Gäste zum Aufbruch bereit sind.

Auf das, was nun der Zoowärter und das Prinzchen bieten, war ich absolut nicht vorbereitet. Untersuchungen bei der Kinderärztin dauern dreimal so lange wie früher, weil die zwei alles erzählen müssen, was seit dem letzten Arztbesuch alles passiert ist. Fragen wollen sie selbstverständlich selber beantworten und so bestrafen sie mich immer mal wieder mit bösen Blicken, weil ich aus lauter Gewohnheit für die Kinder geantwortet habe. Neulich musste die Ärztin dem Zoowärter gar ins Wort fallen, damit sie mir endlich sagen konnte, was ich unbedingt noch wissen musste.

Vorbei sind auch die Zeiten, als erwachsene Gäste meine Gäste waren. Während Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich noch immer ziemlich unhöflich zurückhalten, bedenken Zoowärter und Prinzchen die Leute mit einem nicht enden wollenden Redeschwall. Alles, was nur halbwegs neu ist, muss gezeigt werden, jeder Film, der in den vergangenen sechs Monaten über den Bildschirm geflimmert ist, muss zusammengefasst und rezensiert werden und dann hat man ja auch noch ein paar Familienmitglieder, die man so schön durch den Kakao ziehen kann. Nett, wie unsere Gäste nun mal sind – etwas anderes kommt uns nicht ins Haus -, hören sie geduldig zu, fragen nach und lachen mit.

Ich bin natürlich stolz, dass es kleine Vendittis auch in einer weniger schüchternen Version gibt. Trotzdem suche ich inzwischen nach dem Pausenknopf, mit dem man den Zoowärter und das Prinzchen gelegentlich für fünf oder zehn Minuten zum Schweigen bringen kann, denn im Gegensatz zu unseren grösseren Kindern bin ich grundsätzlich gesprächsbereit. Vor allem dann, wenn ich Gäste eingeladen habe. 

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Wahrer Luxus

Frühbeet gekauft, Saatgut für Setzlinge angesät und dabei dem Schnurren der Katze zugehört.

Die ersten Sätze Schwedisch gelernt, im Café die Hausaufgaben erledigt und danach alles mit Prinzchen, Luise und „Meinem“ geübt.

Dem Zoowärter ein Stück Torte gekauft und mich selber an seinem Genuss sattgesehen.

Die Sonne gesehen und gespürt.

Ganz überraschend einen Rabatt bekommen.

Endlich wieder eine saubere Wohnung.

Nur noch ein halbkrankes Kind zu Hause. Das Sahnehäubchen obendrauf: Das halbkranke Kind erwachte zum ersten Mal seit Tagen wieder einmal mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Krokusse und Schneeglöckchen in rauhen Mengen gesehen und nur ganz wenige verblasste Primeln dazwischen.

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Hätte ich früher gewusst, was ich heute weiss…

… dann hätte ich auf ganz viel Babykram verzichtet und das Geld in eine anständige Babyhängematte investiert.

… dann hätte ich nie Spielsachen gekauft. Weil Kinder ohnehin nur mit Küchenutensilien spielen und weil Spielsachen ganz von selbst kommen, wenn Kinder da sind.

… dann hätte ich das elterliche Büro zu einem äusserst gefährlichen Ort erklärt, in dem jedes Kind in einen Regenwurm verwandelt wird, kaum hat es die Türklinke berührt.

… dann hätte ich nicht ein einziges Ehrenamt angenommen, solange noch nicht alle nachts durchschlafen.

…dann hätte ich einen einzigen grossen Schlafraum mit Matratzen ausgelegt und mir dadurch die fast allabendliche Matratzen-Schlepperei erspart, weil ja doch immer alle auf einem Haufen schlafen wollen.

…dann hätte ich mehr auf die Qualität als auf den Preis geachtet.

…dann hätte ich weniger Angst gehabt.

…dann hätte ich weniger auf andere Mütter und überhaupt nicht auf das Geschwätz der Besserwisser gehört. Und ich hätte dieser blöden Kuh, die Karlsson einmal, als er etwa drei war, mit einer Ohrfeige drohte, weil er sich die Seele aus dem Leib schrie… Ach nein, hätte ich nicht, denn ich hätte ja gar nicht auf ihr dummes Geschwätz gehört.

…dann hätte ich öfters mal Nein gesagt zu Menschen, die etwas von mir wollten, dafür öfters mal Ja zu den Kindern.

…dann hätte ich darauf geachtet, dass wir immer genügend Knetmasse im Haus haben, weil es einfach keine bessere Beschäftigung gibt.

…dann hätte ich alles, was mir wirklich wichtig ist, an einem kindersicheren Ort verstaut.

…dann wäre ich das eine Mal lieber früher zum Arzt gerannt, das andere Mal dafür überhaupt nicht.

…dann wäre ich viel ruhiger und gelassener gewesen, aber weil ich damals ja nicht wusste, was ich heute weiss, konnte ich gar nicht ruhiger und gelassener sein.

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Tut mir Leid, ich kann da nicht weiterhelfen

Seit längerer Zeit habe ich mich nicht mehr damit befasst, was Leser bei mir zu finden hoffen. Weil mir jedoch in den vergangenen Tagen eine Suchanfrage immer wieder ins Auge gestochen ist, habe ich das Gefühl, klarstellen zu müssen, wo ich nicht weiterhelfen kann.

Die Suchanfrage, die mich nachdenklich gestimmt hat, lautete folgendermassen: „Wie mache ich meinen Chef von mir abhängig?“ Zwei Dinge finde ich daran äusserst beunruhigend, nämlich 1. Was für eine Art Mensch bist du, wenn du deinen Chef von dir abhängig machen willst? Ich meine, ist das wirklich erstrebenswert, einen Menschen zu haben, der dauernd hinter dir her hechelt, weil er sich ohne deine Hilfe nicht mehr zurechtfindet? Was, wenn der Schuss nach hinten losgeht, und der Chef  nicht mehr ohne dich entscheiden kann, welche Krawatte er anziehen soll, was am Abend auf den Tisch kommt und was er seine Schwiegermama zum Muttertag schenken könnte? 2. finde ich es äusserst bedenklich, dass der Hilfesuchende ausgerechnet bei mir gelandet ist. Wenn man bei mir eines lernen kann, dann dies, wie man einen Chef davon überzeugen kann, dass es auch ohne dich geht. Ich könnte dir sagen, zu welchem Zeitpunkt du ein Kind bekommen solltest, damit deine Stelle schmerzlos wegrationiert werden kann, ich kann dir beibringen, wie du erfolgreich an deinem Chef vorbeiredest und eine Mauer aus Missverständnissen aufbaust. Aber damit wirst du kaum erreichen, dass der Kerl von dir abhängig wird, also frag mich bitte nicht mehr danach, okay?

Auch auf die Frage „Wie kann man so verantwortungslos sein mit Tieren?“ weiss ich leider keine Antwort, obschon ich schon mein halbes Leben danach suche. Ich kann dir höchstens sagen, wie ich selber mit der Problematik umzugehen versuche: Kein Fleisch essen, für die Familie nur Fleisch aus anständiger Herkunft zubereiten, Haustiere möglichst artgerecht halten, nach Möglichkeiten suchen, wie der Garten zum Lebensraum für Kleinlebewesen werden kann und den Kindern beibringen, dass Tiere wertvolle Geschöpfe sind, die es verdient haben, mit Sorgfalt und Liebe behandelt zu werden. Mehr kann ich leider nicht tun, aber glaub mir, sobald ich herausgefunden habe, wie man die Verantwortungslosigkeit gegenüber Tieren stoppt, werde ich meine Erkenntnisse mit dir teilen. Versprochen.

Leider muss ich auch euch enttäuschen, die ihr bei mir Hilfe zum Ämtliplan sucht. Ich weiss, euer Bedürfnis, mehr Ordnung in die Erledigung von Haushaltpflichten zu bringen, ist gross, aber da seid ihr bei mir eindeutig an der falschen Adresse. Klar, ich habe auch schon Ämtlipläne erstellt, von daher könnte ich euch zumindest in gestalterischer Hinsicht ein paar Tipps geben, aber meist liegt das Problem ja in der Umsetzung, nicht in der Gestaltung. Und bei der Umsetzung hapert’s bei mir wohl noch mehr als bei euch.

Auch in anderen von euch gesuchten Bereichen – von der Nuggi-Entwöhnung über das Moderieren von Gottesdiensten bis hin zu „Magen Darm 2013“ – bin ich schlicht zu wenig qualifiziert, um euch weiterzuhelfen. Vielleicht könnte ich euch den einen oder anderen Hinweis zum erfolgreichen Scheitern mit auf den Weg geben, mehr aber leider nicht. In einem einzigen von euch gesuchten Bereich bin ich ein wahrer Experte: Bei „Majestix ich fühle mich so müde“ bin ich kaum zu übertreffen. Nicht nur, weil ich die alten – und nur diese, auf die Neuen pfeife ich – Asterix-Bände in- und auswendig kenne, sondern vor allem, weil ich im Fach Müdesein Majestix, den Chef, locker übertreffe.

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Peinlich? Ich doch nicht!

Er will nicht, dass ich bis zum Feuerwehrmagazin komme, er verbietet es mir geradezu. Bis zur Bank darf ich ihn begleiten, aber dann soll ich verschwinden. „Ich will doch nicht, dass du mich vor all den anderen umarmst, mir Ratschläge mit auf den Weg gibst, am Ende gar noch heulst“, erklärte er, als ich wissen wollte, weshalb er mir so klare Grenzen setze. „Ich fahre ja nur für eine Woche ins Skilager und so, wie ich dich kenne, wirst du wieder sentimental.“ 

Ich, sentimental? Habe ich dem Jungen jemals den Eindruck vermittelt, ich könnte mich in Anwesenheit seiner Freunde und Schulkameraden wie eine überbehütende Glucke aufführen? Ich weiss doch auch, dass man Teenager nicht in aller Öffentlichkeit umarmt und küsst, es käme mir auch nicht im Traum in den Sinn, ihn mit einem lauten „Und vergiss nicht, ich hab‘ dich lieb!“ zu verabschieden, aber er bleibt dabei: Zum Feuerwehrmagazin, wo ihn der Bus abholt, geht er alleine. Gerade so, als ob er sich mit mir blamieren müsste.

Ob ich Karlsson gestehen soll, was ich über seine Abwesenheit denke? Soll ich ihm sagen, dass ich ganz froh bin, wenn er und Luise sich fünf Tage lang nicht sehen? Nach einer Woche, während der die zwei im Krankenbett lagen und sich etwa alle zehn Minuten in die Haare gerieten, kommt mir ein bisschen mehr Familienfrieden nämlich ganz gelegen. Was Karlsson wohl dazu sagen würde, wenn er das wüsste? Vermutlich würde er mich auf den Knien anflehen, ihn nicht nur bis zum Feuerwehrmagazin, sondern gar bis zur Bustüre zu begleiten. Vermisst werden will er nämlich unbedingt, egal, wie peinlich er mich findet.

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Neugierde

Es ist Jahre her, seitdem ich letztmals etwas Neues gelernt habe. Okay, da waren ein paar Weiterbildungen, die dienten aber lediglich dazu, bereits vorhandenes Wissen zu vertiefen, vielleicht auch zu erweitern. Es war nicht die Wissbegierde, die mich in diese Weiterbildungen trieb, sondern das Leben, das mich vor eine neue Herausforderung stellte, für die ich mir Rüstzeug besorgen wollte. Das alles war zwar ganz interessant, aber so richtig Neuland betreten habe ich damit nicht. 

Jetzt aber, wo die Kinder grösser sind und mir in den vergangenen Monaten zugleich einen Haufen Ballast abgenommen wurde, erwacht die Neugierde allmählich wieder; der Wunsch, Dinge zu lernen, von denen ich keinen Schimmer habe, ist wieder da. Schwedisch lernen, zum Beispiel. Zweiundzwanzig Jahre ist es her, seitdem ich zum letzten Mal eine Sprache gelernt habe und ich habe keine Ahnung, ob ich so etwas überhaupt noch hinkriege. Vielleicht werde ich ja eine dieser peinlichen Schülerinnen, die auch nach Jahren fleissigen Lernens nie mehr als ein paar verkorkste Sätze zustandebringen, aber ich will das jetzt einfach mal probieren, weil ich es schon lange tun wollte und endlich auch die passende Ausrede habe, es zu tun. Man kann ja nicht einfach nach Schweden reisen, ohne nur ein einziges Wort Schwedisch zu sprechen.

Dann hat mich noch dieser Drang gepackt, mir einen grünen Daumen wachsen zu lassen. Ja, ich weiss, den sollte man eigentlich bei der Geburt geliefert bekommen, aber vielleicht gibt es da doch auch ein paar Dinge, die jemand, der mit ganz gewöhnlichen Daumen zur Welt gekommen ist, lernen kann. Man könnte zum Beispiel etwas über Nützlinge und Schädlinge lernen, oder über die Vorzüge von Wintersalat oder sonst irgend etwas. Dinge eben, die einen etwas näher an die Natur und etwas weiter weg von den Lebensmittelkonzernen bringen. Nein, nicht noch ein Kurs, aber immerhin ein wenig Recherche, ein wenig Versuch und Irrtum, ein wenig Nachfragen bei Leuten, die mehr von der Sache verstehen.

Ach ja, und dann wäre da noch der Wunsch, endlich einmal dabei zuzusehen, wie sich die Blätter an den Bäumen entfalten. Schon seit Jahren träume ich davon, aber wenn ich meinen Terminkalender – und denjenigen der Kinder – anschaue, denke ich, dass ich damit vielleicht noch ein wenig warten sollte. Zumindest bis zu Prinzchens Konfirmation, vielleicht auch bis zur Pensionierung.

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Wiedereinstieg

Gewisse Dinge verlernt man nie. Das weiss jeder, der schon mal in einen alten Job zurückgekehrt ist. Anfangs ist man vielleicht noch etwas eingerostet, aber spätestens nach ein paar Wochen ist man zurück in der alten Routine. Das ist bei mir genau gleich.

Die Sache mit der Arbeitskleidung, zum Beispiel, hatte ich sofort wieder im Griff. In meinem alten Job prüfte jeden Morgen sorgfältig, ob auch wirklich alles passt, seit einiger Zeit aber halte ich mich wieder streng an den Dresscode meines jetzigen Berufs: Irgendwann zwischen Frühstück und Mittagessen werfe ich mir etwas über, was mir gerade in die Finger kommt und erst wenn ich dann zufällig im Laufe des Tages meinem Spiegelbild begegne, fällt mir auf, dass Hose, Oberteil, Jacke und Schuhe zueinander passen wie Himbeersorbet, Gorgonzola, Lebertran und Wasabi.

Auch meine Beziehung zur Zimmerdecke ist wieder so angespannt wie eh und je. Zu Beginn der Woche kann ich noch so tun, als wäre sie nicht hier, spätestens am Mittwoch aber lässt sie sich nicht mehr ignorieren. Am Donnerstag fühle ich mich schon ziemlich unterdrückt, am Freitagnachmittag kracht sie mir mit Getöse auf den Kopf. 

Natürlich hat auch die Überlebenslektüre rasch wieder Einzug in meinen Berufsalltag gehalten. Nicht zu anspruchsvoll darf sie sein, denn man muss der Geschichte auch folgen können, währenddem man das Lösen der Hausaufgaben überwacht. Ein bisschen Spannung muss sie bieten, damit man den Drang verspürt, zwischen zwei eintönigen Arbeiten eine Lesepause einzulegen, allzu viel darf es aber auch nicht sein, denn sonst wird man ans Buch gefesselt und vergisst, das Mittagessen auf den Tisch zu bringen. 

Ist also mein Wiedereinstieg gelungen? Zum Teil ja, in gewissen Bereichen aber kämpfe ich noch ziemlich mit dem rasanten Tempo meines Jobs. So komme ich zwar mit dem Abtragen des Wäscheberges ganz gut klar, das Wachstum des Geschirrberges unterschätze ich allerdings noch immer. Zudem muss es mir wieder in Fleisch und Blut übergehen, Arbeiten dann zu erledigen, wenn sie anstehen und nicht zuzuwarten, bis es peinlich wird, dass es noch nicht getan ist. Eine schlechte Gewohnheit aus der Zeit, als weder ich noch „Meiner“ so richtig Zeit hatten, uns um die Dinge zu kümmern. Will ich aber beweisen, dass ich im Job noch etwas tauge, muss ich dies ganz schnell wieder in den Griff bekommen, sonst wird das nichts aus der Karriere als Superhausfrau.

Die Frage ist bloss, ob ich überhaupt genügend ambitioniert bin.

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