Angekommen

Eigentlich bin ich ja viel zu müde zum Schreiben, aber das muss ich nun doch noch loswerden: Prag mag von Italienischen Touristen überschwemmt sein, das Warenhaus, in dem „Meiner“ vor vielen Jahren einen schlecht sitzenden, stinkbilligen braunen Anzug gekauft hat, mag verschwunden sein und stattdessen mögen Debenhams, Marks & Spencer und Starbucks eingezogen sein, die Preise mögen gestiegen sein, aber wenn ich auf der Karlsbrücke stehe, muss ich dennoch fast heulen vor lauter Glück. Prag mag sich verkleiden, wie es will, wenn ich hier ankomme, fühle ich mich dennoch, als wäre ich nach langer Zeit wieder bei mir selber angekommen.

Wie? Ich klinge schwärmerisch? Aber das ist doch kein Wunder, wo ich mich doch in der berauschendsten aller Städte befinde.

Reise(un)fertig

Seit Tagen schon hatten wir alle auf morgen hingefiebert. Die Kinder, weil sie es kaum erwarten können, bis sie endlich drei Tage mit (Paten)tante, Grossvater, Freunden,  Au Pair und was es sonst noch für liebe Menschen auf diesem Planeten gibt, verbringen dürfen, „Meiner“ und ich, weil wir nach bald zehn Jahren mal wieder einen Kurzausflug nach Prag machen dürfen. Prag, das ist die Stadt, die wir am meisten lieben. Die Stadt, die wir wenige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf der Maturareise besuchten, die Stadt, die wir ein paar Jahre später auf unserem Interrail-Trip durch Osteuropa kaum mehr wieder erkannten, weil sie so touristisch geworden war, die Stadt, die unser erstes Reiseziel nach Karlssons Geburt war. Und morgen früh wollen wir uns ein viertes Mal auf den Weg machen, diesmal mit dem Ziel, dem Alltag mit all seinen Belastungen, die in letzter Zeit ein Übermass angenommen haben, für ein paar Tage zu entfliehen. Damit das Ganze nicht allzu sehr nach Freizeit aussieht, habe ich dem Kurztrip den Anstrich einer Vor-Ort-Recherche verpasst, denn es gibt da in der Nähe von Prag etwas, was in einer Geschichte, die vielleicht eines Tages werden soll, eine Rolle spielt.

Darauf also haben wir uns alle gefreut und Luise hat mich diese Woche immer und immer wieder gefragt: „Wann geht ihr denn endlich weg? Ich will euch jetzt los sein.“ Fas schon hätte ich mir ihre Bemerkungen zu Herzen genommen und einmal mehr an meinen mütterlichen Qualitäten gezweifelt. Aber weil ich meine Tochter nur zu gut kenne, habe ich der Sache dann doch nicht zu viel Bedeutung beigemessen. Und siehe da, heute Abend beim Gutenachtsagen kamen die Tränen. Erstaunlicherweise war der FeuerwehrRitterRömerPirat der Erste, der still und leise in seinen Riesenteddy schluchzte, aber bald stimmte auch Luise ein und Karlsson sass mit besorgtem Gesichtsausdruck still daneben. Der Zoowärter begriff zwar noch nicht so ganz, weshalb alle so traurig waren, aber wo die Stimmung schon so gedrückt war, konnte er ja auch gleich nach seinem winzigen Plastikkönig schreien, den er heute aus dem Dreikönigskuchen gefischt hatte. Einzig das Prinzchen blieb gelassen und mahnte die anderen, sie müssten doch nicht so traurig sein. Auch „Meiner“ und ich heulten nicht, aber nur, weil wir nicht wollten, dass der Abschied noch trauriger wird. Ich weiss ja nicht, wie es „Meinem“ dabei erging, aber ich für meinen Teil musste mich ganz gewaltig zusammennehmen, damit ich nicht zum Telefon griff, um die Reise abzusagen.

Ich habe es dann doch nicht getan. Weil ich weiss, dass die Kinder bestens aufgehoben sind. Weil ich weiss, dass „Meiner“ und ich mal wieder eine Auszeit brauchen. Weil ich weiss, dass Prag mich erneut in seinen Bann ziehen wird, auch wenn es bestimmt wieder ganz anders sein wird als beim letzen Mal.

Bio oder billig?

Wenn man jeweils so über unser Leben liest, könnte man auf den irrigen Gedanken kommen, dass „Meiner“ und ich die perfekte Ehe führen und dass wir uns in allem und jedem einig sind. Es ist ja tatsächlich so, dass wir ziemlich gut harmonieren, aber es gibt da so eine Sache, bei der wir uns so langsam aber sicher immer weiter voneinander entfernen. Nämlich in der Frage Bio oder billig, Reformhaus oder Aldi, umweltgerecht oder budgetverträglich.

Dass es so kommen würde war schon von Anfang an absehbar. Nämlich damals, als „Meiner“ und ich einen ganzen sonnigen Sommermorgen im Schwimmbad der Frage nachgingen, ob zwischen einem Bio-Joghurt und einem gewöhnlichen Joghurt tatsächlich ein geschmacklicher Unterschied bestehe, oder ob man sich dies bloss einbilde, weil man für den Bio-Joghurt mehr bezahlt hat. Und wie das so ist im zarten Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren, vertrat jeder die Meinung, die am weitesten von seiner Herkunft entfernt war. „Meiner“, der aus einer Familie stammt, in der man gar keinen Joghurt ass, weil das viel zu gesund und deshalb anrüchig war, vertrat vehement die Meinung, dass ein Bio-Joghurt zehnmal besser sei als jeder herkömmliche Mist aus der Migros. Ich mit meinem grünen Hintergrund – handgestrickte Jacken aus handgesponnener Wolle von den eigenen Schafen, hausgemachtes Brot aus frisch gemahlenen Körnern und Sonnenkollektoren auf dem Dach – war hingegen der Ansicht, dass Bio bloss Geldmacherei sei.

Wie das so ist im Leben, nähert man im Laufe der Jahre, wenn man fertig rebelliert hat, wieder seiner Herkunft an und so kommt es, dass „Meiner“ und ich heute die gleiche Diskussion mit umgekehrten Vorzeichen führen. Während bei mir die Dinge immer ökologischer, sozialverträglicher und natürlicher sein müssen, zieht es „Meinen“ immer öfter zum Regal mit den Billigstprodukten. Das führt dann dazu, dass „Meiner“ mir freundlich anerbietet, den Einkauf zu übernehmen, was ich im Wissen, dass er wieder billig statt Bio anschleppen wird, zu verhindern suche. Schliesslich aber muss ich ihn hin und wieder doch ziehen lassen, weil ich einfach zu viel anderes um die Ohren habe und am Ende haben wir wieder Zoff, weil „Meiner“ Eier aus Bodenhaltung gekauft hat und sich mit der faulen Ausrede „Sei doch froh, dass ich keine ausländischen Eier genommen habe“ herausredet. Dann wieder gerät „Meiner“ in Rage, wenn gegen Ende des Geldes noch ein ganzes Stück Monat übrig ist und ich dennoch darauf bestehe, möglichst viel Bio und Fairtrade zu kaufen.

So banal die Sache ist, für unsere Beziehung birgt sie erstaunlich viel Zündstoff, streiten wir doch über kaum etwas öfter, als über dieses Thema. Weshalb wir uns dennoch immer wieder versöhnen? Weil „Meiner“ insgeheim sehr genau weiss, dass ökologisch, und fair besser wäre. Und weil ich sehr genau weiss, dass unser Budget leider nicht immer ökologisch und fair verkraften kann.

Lernen

Neues Jahr, neuer Job, neue Lektion zu lernen: Abschalten, wenn die Arbeit getan, das Pensum erfüllt ist. Den Job hinter mir lassen und voll und ganz Mama sein. Mit „Meinem“ über das ganze Leben reden, nicht nur über die Arbeit. Zeiten der Stille finden und diese nicht mit Gedankenarbeit füllen. Dem Schreiben Raum geben und es mir nicht nehmen lassen durch alles, was so dringend erledigt werden will. Das Leben geniessen, wenn sich ein Moment dazu bietet. Kurz: Ich sein, mit allem, was mich ausmacht, nicht nur mit meiner Arbeit.

Gar nicht so einfach, wie ich das in Erinnerung hatte.

Bob de Soumaa

Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind gross geworden. Das merkt man nicht nur daran, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat seinen ersten Zahn verloren hat, Luise keine Lust mehr auf Rosa und Hello Kitty mehr hat und Karlsson unverschämt grinst, wenn wir Eltern einen Witz machen, der nur für Erwachsene gedacht ist. Auch nicht nur daran, dass sie jeden zweiten Satz mit „Früher, als ich noch klein war…“ anfangen. Nein, man merkt es auch daran, dass all die Helden ihrer frühen Kindheit – Bob der Baumeister, Franklin, Pingu und wie sie alle heissen – plötzlich nur noch doof sind. Nannte ich den Mann mit dem gelben Helm vor zwei Jahren „Bob de Soumaa“ (Bob der Saumann) schrieen sie alle entsetzt auf, heute sagen sie weitaus Schlimmeres über ihn und seine Rita. Kaum zu glauben, wie da über die Helden des Kinderzimmers gelästert wird.

Was von mir aus gesehen völlig in Ordnung wäre, finde ich doch die meisten Figuren, welche die Kinder unterhalten sollten, reichlich platt und fantasielos. Das Problem ist aber, dass es da noch zwei kleinere Kinder gibt in unserer Familie. Für diese zwei kleineren Kinder ist niemand grösser als Pingu und Bob der Baumeister. Diese zwei kleineren Kinder mögen es nicht ausstehen, wenn man ihre Helden beleidigt. Und das gibt Zoff. Jedes Mal, wenn die Grossen lachen, heulen die Kleinen und wenn die Kleinen jubeln, spotten die Grossen. Zwar nicht über die Kleinen, aber diese fühlen sich dennoch persönlich angegriffen. Schaut nämlich der Zoowärter ein Pingu-Filmchen, ruft er mich immer wieder herbei und sagt: „Schau mal, Mama, was ich mache! Ich rutsche gerade mit Pinga über das Eis.“ Dann dämmert mir, dass der Zoowärter im Film nicht Pingu, sondern sich selber sieht und darum beleidigt derjenige, der über Pingu spottet, nicht einen Pinguin aus Knete, sondern einen kleinen Zoowärter, der sich selber sehr ernst nimmt und der deswegen rasend wird, wenn man lacht.

Als jüngstes von sieben Kindern kann ich den Zorn des Zoowärters nur zu gut verstehen, habe ich doch selbst unzählige Male erlebt, wie meine grossen Geschwister über etwas gelacht haben, was mir heilig war. Anfangs habe ich noch geheult, später dann habe ich so getan, als würde ich mitlachen und irgendwann habe ich es aufgegeben, ein Kleinkind zu sein. Heute aber, als Mutter, sehe ich nicht nur die Sicht des Kleinkindes. Ich sehe auch, dass es für die Grossen wichtig ist, sich abzugrenzen, sich zu lösen von dem, was nicht mehr in ihr Leben passt. Und darum ist das Problem nicht gelöst, wenn ich den Grossen verbiete, Witze zu machen. Das Problem ist aber auch nicht gelöst, wenn ich die Grossen einfach machen lasse, denn das würde unweigerlich dazu führen, dass der Zoowärter und das Prinzchen eines Tages nicht mehr den Mut aufbringen, klein zu sein.

Wie also bringen wir es fertig, jedem unserer Kinder die Freiheit zuzugestehen, so gross oder so klein zu sein, wie es ist? Eine Patentlösung habe ich nicht, aber ich ahne, dass es etwas damit zu tun haben könnte, dass ich den Kindern lehre, den anderen in seiner Art zu respektieren. Weiter muss ich wohl oder übel versuchen, nicht mitzumachen, wenn die Grossen ihre Witze reissen, so sehr es mich auch reizen würde. Und schliesslich werde ich Bob dem Baumeister, Pingu und Konsorten noch ein paar Jährchen länger den Heldenstatus zubilligen müssen. Was mir gar nicht so schwer fallen dürfte, schaue ich doch jetzt schon mit einer gewissen Wehmut dem Tag entgegen, an dem auch mein jüngstes Kind nicht mehr entsetzt aufschreien, sondern lauthals lachen wird, wenn ich von „Bob de Soumaa“ rede.

Wie werden sie mal über uns reden?

Mama Venditti sitzt auf dem Sofa und sinnt darüber nach, wie ihre Kinder wohl dereinst, wenn sie erwachsen sind, über sie und „Ihren“ reden werden. Man mag sich fragen, weshalb Mama Venditti über solche Dinge Gedanken macht. Doch wenn man bedenkt, dass sie zu einer Generation gehört, die für alles, was im Leben schief läuft, die Schuld bei den eigenen Eltern sucht, dann ist es nicht mehr als normal, dass Mama Venditti sich diese Frage stellt. Lange ist sie nicht alleine mit ihren Gedanken, denn bald gesellen sich der Optimismus und der Pessimismus zu ihr, die beide ihren Senf zum Thema geben wollen.

„Also ich bin mir sicher, dass eure Kinder ganz zufrieden sein werden mit eurer Leistung“, sagt der Optimismus. „Die werden sich daran erinnern, wie ihr jeweils zusammen Kuchen gebacken und Lieder gesungen habt, welchen Spass ihr auf Ausflügen hattet und wie wunderschön es jeweils an Weihnachten war.“

„Ist doch vollkommener Quatsch“, mischt sich der Pessimismus ein, noch ehe Mama Venditti etwas zur Sache sagen kann. „Wenn die Kinder sich ans gemeinsame Backen erinnern werden, dann werden sie bloss daran denken, wie gereizt du jeweils nachher beim Aufräumen warst. Und von den Ausflügen werden sie nur in Erinnerung behalten, wie oft ihr im Zug geschimpft habt, weil die Kinder sich wie eine Horde wild gewordener Wikinger aufführten. Glaub mir, den Kindern bleibt nur das Schlechte in Erinnerung. Das weisst du doch von deiner eigenen Kindheit…“

„Aber ich erinnere mich doch auch an viel Schönes“, wehrt sich Mama Venditti. „Klar, es war nicht alles perfekt und es gab auch eine Zeit, da habe ich unter den Fehlern meiner Eltern gelitten. Aber inzwischen habe ich erkannt, dass meine Eltern eben auch nur Menschen sind, die ihre guten und schlechten Seiten, ihre guten und schlechten Tage haben…“

„Siehst du, genau so wird es bei dir und deinen Kindern auch sein: Sie werden dir ein paar Dinge übel nehmen, aber im Grossen und Ganzen werden sie dir dankbar sein für das, was du ihnen mitgegeben hast“, ermutigt der Optimismus.

„Pah! Von wegen! Hast du schon mal erlebt, dass Kinder ihren Eltern dankbar waren?“, spottet der Pessimismus.

Mama Venditti schaut etwas verwirrt vom einen zum anderen und weiss nicht so recht, was sie sagen soll. Also redet der Pessimismus weiter: „Und überhaupt. Wofür sollen dir deine Kinder je dankbar sein? Etwa dafür, dass du sie angebrüllt hast? Oder dafür, dass du dich so viele Stunden hinter dem Computer verschanzt hast, um dich deinem Geschreibsel zu widmen?“

„Halt, das geht jetzt aber zu weit!“, schaltet sich der Optimismus sich ein. „Es könnte ja auch sein, dass sich die Kinder voller Stolz daran erinnern, dass ihre Mutter ihnen ein Buch gewidmet hat. Ich glaube, die Kinder werden alles Negative vergessen und sich nur an all das Schöne erinnern, was sie mit dir und ‚Deinem‘ erlebt haben.“

Der Pessimismus schüttelt mitleidig den Kopf und meint: „Ach, was bist du doch naiv. Denk doch mal daran, was die Leute ihren Eltern alles vorhalten. Die einen beklagen sich, sie hätten nie Taschengeld gekriegt, die andern jammern, sie hätten immer zuviel davon gehabt. Die einen finden, ihre Eltern hätten keine Zeit für sie gehabt, die anderen beklagen sich über Überbehütung. Es ist doch einfach so: Was immer man als Eltern auch macht, in den Augen der Kinder ist es falsch und der Tag wird kommen, an dem sie dir die wüstesten Vorwürfe machen werden. So sie denn überhaupt noch mit dir reden werden…“

Der Optimismus unterbricht und schimpft: „Jetzt hör doch mal auf, solchen Mist zu erzählen. Von wegen, die werden nicht mehr reden mit dir! Schau doch nur, wie offen ihr heute miteinander reden könnt. Glaubst du wirklich, dass so etwas verloren gehen kann? Wo ihr doch sogar ganz offen über euer Versagen redet und euch bei euren Kindern entschuldigt, wenn ihr etwas falsch gemacht habt. Wie sollen die Kinder euch da nur etwas nachtragen können?“

„Und ob die euch etwas nachtragen können: Die werden keinen Respekt haben vor euch, weil ihr jedes Mal zu Kreuze kriecht, wenn ihr versagt habt. Und glaub mir, eure Entschuldigungen nützen einen alten Hut, denn es reicht nicht, wenn man versucht, sein Bestes zu geben. Man muss der Beste sein, um vor dem strengen Urteil der Kinder bestehen zu können“, sagt der Pessimismus.

In diesem Stil tobt die Diskussion weiter. So lange, bis Mama Venditti nicht mehr hinhören mag, sich die Finger in die Ohren stopft und vor sich hin murmelt: „Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als zu sehen, was die Zukunft bringt. Und immer schön gesprächsbereit bleiben, damit wir später, wenn die Vorwürfe kommen, noch miteinander reden können, um die Missverständnisse wieder aus dem Weg zu räumen. Denn was immer wir auch falsch machen, eigentlich meinen wir es ja nur gut, ‚Meiner‘ und ich…“

2010 in review

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Healthy blog!

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Crunchy numbers

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The busiest day of the year was September 5th with 816 views. The most popular post that day was Gedankenkarussell.

Where did they come from?

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Attractions in 2010

These are the posts and pages that got the most views in 2010.

1

Gedankenkarussell September 2010
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2

Who’s who? – Die Bilder August 2009
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3

Who’s who? – Die Hauptdarsteller dieses Blogs May 2009
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4

Zuckerwattenkunst September 2009
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5

Leone & Belladonna August 2010
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Befreiend

Endlich ist es draussen. Schon lange war die Sache im Raum gestanden, aber keiner wollte der Erste sein, der es laut und deutlich ausspricht. Gut, ich hatte hin und wieder eine Bemerkung fallen lassen, aber „Meiner“ hatte stets abgewiegelt. „Nein, so schlimm ist es nicht“, hatte er gesagt. Oder: „Ach komm schon, bei mir wäre es doch auch nicht besser.“ Oder: „Wenn die Kinder dann grösser sind, wird das schon wieder.“ So redeten wir um den heissen Brei herum, aber so richtig wohl war uns beiden nicht. Mir nicht, weil mich das schlechte Gewissen plagte, ihm nicht, weil er zwar sah, dass der gute Wille da war, das Resultat aber dennoch äusserst bescheiden ausfiel.

Gestern endlich nannte er das Kind beim Namen und ich war froh, dass die Sache so offen zur Sprache kam. Ich weiss nicht genau, weshalb wir ausgerechnet gestern die nötige Offenheit aufbringen konnten, um darüber zu reden. Vielleicht lag es daran, dass „Meiner“ in den vergangenen Tagen mal wieder für Ordnung gesorgt hatte. Vielleicht ist es aber auch so, dass „Meiner“ jetzt, wo ich endlich wieder eine feste Anstellung habe und nicht mehr ausschliesslich Hausfrau bin, sich freier fühlt, Dinge anzusprechen, die mich vorher verletzt hätten. Was auch immer der Grund war, ich bin froh, dass er es gesagt hat. „Meine liebe Frau“, sagte er „du hast zwar sehr viele Talente, aber im Haushalten bist du eine Niete.“ Er sagte es nicht vorwurfsvoll, nicht herablassend und schon gar nicht im Zorn. Nein, er sprach einfach das aus, was wir beide schon lange wussten, es aber nicht offen ansprechen konnten, weil wir ohnehin keinen Weg sahen, die Dinge zu ändern.

Ich bin erstaunt, wie viel Druck von mir abgefallen ist durch diese einzige Feststellung. Denn eigentlich ist mir selber ja nicht neu, dass ich die Sache mit dem Haushalt nicht auf die Reihe kriege. Aber solange „Meiner“ noch den Schein aufrecht erhalten hatte, dass alles halb so schlimm sei, hatte ich mich unter Druck gefühlt, zumindest eine halbwegs passable Hausfrau zu sein. Denn wenn ich zwar wusste, dass ich nichts taugte, „Meiner“ aber doch in vielen Dingen auf mich zählte, musste ich mich eben abmühen, zumindest das zu schaffen, was man mir zutraute. Jetzt aber, mit dem befreienden Wissen, dass „Meiner“ in Sachen Haushalt nicht auf mein Können zählt, kann ich aufatmen. Wenn man nichts von mir erwartet, dann fällt es mir viel leichter, das Wenige, das ich auf die Reihe zu kriegen, auch richtig zu machen.

Nach diesem offenen Gespräch fühlte ich mich so erleichtert, dass ich es heute doch tatsächlich nach langer Zeit wieder mal fertig gebracht habe, die Wohnung zu putzen, ohne dabei alle anzuraunzen und wie ein wild gewordenes Wildschwein durch die Wohnung zu stürmen. Und weil ich danach noch so schön in Schwung war, zauberte ich gleich eine halbwegs gelungene Luzerner Chügelipastete, die ich unseren Gästen morgen servieren werde. (Ja, ich habe daran gedacht, dass man die Füllung erst kurz vor dem Servieren einfüllt, also keine Haushaltstipps, wenn ich bitten darf.) Vielleicht werde ich jetzt, wo ich nichts mehr beweisen muss, doch noch zu einer halbwegs passablen Hausfrau.

 

Abstinenzler

„Meiner“ und ich haben es nicht so mit dem Alkohol. Hin und wieder ein Frauenbier – so genannt, weil „Meiner“ jedes Mal belächelt wird, wenn er eins bestellt – alle paar Monate ein Schluck Likör in den Kaffee und ganz selten mal ein halbes Glas Wein, mehr nicht. Also wirklich nicht viel, oder? Nun, in den Augen unserer Kinder ist auch das zuviel. Die Predigten, die Karlsson mir jeweils hält, wenn ich ausnahmsweise mal Alkoholisches kaufe, bringen mich regelrecht ins Schwitzen. Dabei bin ich mir in Bezug auf Abstinenzpredigten einiges gewohnt, besuchten wir als Kinder doch Woche für Woche den „Hoffnungsbund“ des Blauen Kreuzes. Dort warnte uns ein alter, herzensguter Mann, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, die Jugend vor dem Alkohol zu bewahren, vor der Gefahr aus der Flasche. Er predigte aber nicht nur, er liess uns auch mit Blasrohren auf Flaschen, die er aus Sperrholz ausgesägt hatte, schiessen. Wer es schaffte, die Schnapsflasche, die am kleinsten war, umzublasen, bekam einen Preis. Dazu lehrte er uns das Sprüchlein „Bier, Schnaps, Wein – Nein!“, woraus wir Kinder natürlich „Bier, Schnaps, Wein – Fein!“ machten.

Nun, diese Zeiten sind längst vorbei und wie man sieht, hat der Hoffnungsbund mich zwar nicht zur Abstinenzlerin, wohl aber zu einer sehr zurückhaltenden Alkoholkonsumentin gemacht. Dennoch fühlte ich mich heute wie eine notorische Säuferin, als mir Karlsson ins Gewissen redete, bloss weil sich unter den Bergen an Einkäufen auch vier Flaschen Bier befanden. Frauenbier, wohlverstanden. „Mama, bist du verrückt geworden, so viel Bier zu kaufen?“, entrüstete sich Karlsson. Ich erklärte, das sei nun wirklich nicht besonders viel für zwei Menschen, zumal wir ja nicht alles an einem Abend trinken würden. „Das ist trotzdem zuviel“, beharrte Karlsson. „Ich will doch nicht, dass Papa und du morgen besoffen seid. Und überhaupt: Glaubst du, ich will, dass die uns ins Heim bringen?“ Verständnislos schaute ich unseren Ältesten an. „Warum sollen die euch ins Heim bringen?“ „Weil die euch die Kinder wegnehmen, wenn ihr besoffen seid“, erklärte Karlsson und zwar laut vernehmlich mitten im Supermarkt.

So langsam wurde mir die Sache peinlich. Und deshalb versuchte ich Karlsson zu erklären, dass ich nichts davon halte, wenn man Alkohol verbietet. Ich erzählte ihm von Bekannten, die mit striktem Alkoholverbot aufgewachsen waren und die später, als sie alt genug waren, vom Saufen nicht genug bekommen konnten. Ich legte ihm dar, dass ein Unterschied darin besteht, ob jemand Abend für Abend sein Feierabendbier braucht, oder ob er sich alle paar Monate mal etwas Alkoholisches gönnt. Doch je länger ich erklärte, umso skeptischer wurde Karlsson und am Ende fühlte ich mich wie ein Alkoholiker, der krampfhaft versucht, sein Laster kleinzureden. Vor allem dann, als Karlsson auch noch anfing, meine Jugendsünden, die ich ihm in einem schwachen Moment einmal gestanden hatte, auszubreiten: „Also wenn ich du wäre, würde ich mich ja heute noch schämen. Zweimal schon bist du betrunken gewesen.“ „Ja, als ich fünfzehn war“, verteidigte ich mich, aber Karlsson liess mein Hinweis auf meinen jugendlichen Leichtsinn nicht durchgehen.

Ich durfte mir dann noch den ganzen Heimweg lang anhören, wie ungesund so ein Bier sei – „Stell dir mal vor, wie viel Zucker es in so einer Flasche hat!“ – und dass das alles ja bloss herausgeschmissenes Geld sei und jetzt, wo die Kinder im Bett sind und ich eigentlich Zeit hätte, mit „Meinem“ den Abend gemütlich ausklingen zu lassen, ist mir die Lust auf unseren kleinen Genuss vergangen. Ich meine, man stelle sich mal vor, was geschehen würde, wenn ich danach besoffen wäre. Die würden uns ja die Kinder wegnehmen…

Was ist hier falsch?

Dialog zwischen Mama Venditti und Karlsson, November 2010

Karlsson: „Kaum zu glauben, dass schon wieder Weihnachten ist. Das Jahr hat doch eben erst angefangen.“

Mama starrt ihr Kind mit offenem Mund an und meint, sie hätte sich verhört. Noch ehe sie etwas sagen kann, fährt Karlsson fort:

„Mama, findest du es nicht völlig verrückt, wie schnell die Zeit vergeht? Mir kommt es vor, als hätten wir den Tannenbaum eben erst weggeräumt und jetzt kaufen wir schon bald einen Neuen.“

Mama schaut ihren Ältesten nachdenklich an und sagt: „Als ich ein Kind war, hatte ich immer das Gefühl, ein Jahr würde eine halbe Ewigkeit dauern.“

Karlsson, ebenfalls nachdenklich, meint: „Ja, so war das bei mir auch, als ich noch klein war. Aber jetzt vergeht die Zeit wie im Fluge.“

Schrecklich, die Jugend von heute! Zu meinen Zeiten galt es noch nicht als jugendfrei, darüber zu jammern, dass die Zeit zerrinnt wie Sand zwischen den Fingern.

Und dann noch ein Gespräch, das mir in den letzten Wochen zu Denken gegeben hat

Dialog zwischen Mama Venditti und Luise, kurz bevor der Blinddarm raus musste:

Mama: „Du siehst so besorgt aus. Hast du Angst vor der Operation?“

Ein leicht spöttisches Lächeln huscht über das Gesicht des Kindes. „Aber Mama, ich habe doch keine Angst vor der Operation. Am liebsten möchte ich wach bleiben, damit ich alles mitkriege.“ Dann wird das Kind wieder ganz ernst: „Aber ich habe Angst wegen der Schule. Ich kann doch nicht so lange fehlen, sonst verpasse ich so viel und das muss ich dann alles wieder nachholen. Und die Lehrerin hat doch gesagt…“

Mama unterbricht Luise: „Jetzt mach dir mal keine Gedanken um die Schule. Das Wichtigste ist, dass du jetzt wieder gesund wirst. Alles andere hat Zeit…“

Luise: „Aber ich werde so viel nachholen müssen…“

Noch einmal die Jugend von heute. Zu meinen Zeiten durfte man sich frühestens dann, wenn es so langsam Richtung Berufswahl ging, Sorgen über verpassten Schulstoff machen. Aber wer weiss, vielleicht machen die ja schon in der zweiten Klasse einen ersten Test für die Berufswahl…