Was bin ich doch für ein toleranter Mensch…

Okay, vielleicht habe ich meinen Mund etwas voll genommen, als ich vor ein paar Tage an dieser Stelle forderte, wir Mütter sollten einander leben lassen, egal, ob wir nun vollzeitlich zu Hause sind oder ob wir einer bezahlten Arbeit nachgehen. Denn was schiesst mir als Erstes durch den Kopf, als mir heute eine Mutter mit leuchtenden Augen erzählt, wie erfüllend es doch sei, den lieben langen Tag mit den Kindern zu Hause zu sein? Was genau ich gedacht habe, behalte ich lieber für mich, denn es war nicht besonders nett, aber es ging so in Richtung: „Armes Muttchen…“. Ja, so tolerant bin ich, wenn  das Programm „Jeder muss selber wissen, was richtig ist für seine Familie“ wieder mal ausgestiegen ist. Immerhin verkneife ich mir die dummen Bemerkungen.

Überhaupt: Was hätte ich denn schon zu sagen? Dass ich eigentlich gar nicht Vollzeithausfrau wäre, wenn da nicht diese doofe Wirtschaftskrise wäre? Dass ich schon ganz interessante Projekte auf die Beine gestellt hätte, wenn ich mich besser verkaufen könnte? Dass „Meiner“ und ich eine sehr moderne Rollenteilung leben würden, wenn wir nicht durch ein paar Fehlentscheide in unserer sehr altmodischen Rollenteilung festgefahren wären? Vermutlich liegt es gerade an diesem „hätte, wäre, würde“, dass mich glückliche Vollzeithausfrauen zuweilen so auf die Palme bringen. Denn jede glückliche Vollzeithausfrau führt mir vor Augen, dass sie mit etwas zufrieden sein kann, was mich in tiefste Unzufriedenheit stürzt.

Ach ja, wenn wir schon beim Geständnis sind: Es treibt mich auch auf die Palme, wenn ein Mann sagt, die Küche sei das Reich seiner Frau, das Esszimmer Seines. Habe ich heute auch gehört. Aber  mit solch hoffnungslosen Fällen beschäftige ich mich lieber nicht zu lange, sonst geht meine christliche Nächstenliebe endgültig flöten…

Arme kleine Eismaschine

Okay, das teuerste Modell habe ich ja nicht bestellt. Aber dass die neue Eismaschine zumindest so lange funktioniert, bis das Budget ein Qualitätsprodukt zulässt, hätte man schon erwarten können. Doch nichts gewesen. Das Ding tut keinen Wank, egal wie oft ich die Gebrauchsanweisung durchlese. Schliesslich greife ich zum Telefon und beschwere mich beim Versandhaus. Freundlich weise ich die Telefonistin darauf hin, dass ich erwartet hätte, ein funktionierendes Gerät geliefert zu bekommen. Ob ich denn nicht wüsste, dass man ein Gerät nach der Lieferung zehn Stunden lang nicht in Betrieb nehmen dürfe, werde ich ziemlich unfreundlich und von oben herab belehrt. „Das Gerät ist nicht mehr in seinem Element, es muss sich an die neue Umgebung gewöhnen“, erklärt man mir. Ach so, Haushaltgeräte sind neuerdings sensibel.

Vielleicht ist die Eismaschine ja wirklich leicht überfordert mit dem Trubel bei Vendittis. Wäre es besser gewesen, ich hätte sie nicht in Anwesenheit des völlig aufgeregten Zoowärters ausgepackt? Der Junge konnte es kaum erwarten, das geheimnisvolle Ding zu sehen.  Habe ich sie vielleicht zu sehr erschreckt? Sorgfältig lege ich das Sensibelchen auf die Fensterbank und wache den ganzen Tag sorgsam darüber, dass ihm niemand etwas zuleide tut. Erst nachdem die zehn Stunden um sind, wage ich es, das Gerät wieder zu testen. Noch immer läuft nichts. War der Schock zu gross? Ich weiss gar nicht, was ich jetzt tun soll. Ist es besser, das Gerät zurückzuschicken, oder soll ich uns alle gleich morgen früh zur Familientherapie anmelden?


Hört doch endlich auf damit!

So langsam geht mir das Ganze gehörig auf die Nerven. Immer dieses elende „Entweder – Oder“, dieses „Wer macht’s besser?“, dieses „Es gibt nur einen richtigen Weg und ich weiss, welcher das ist“. Es geht um die Frage der Steuererleichterung für Familien, die ihre Kinder fremdbetreuen lassen. Ein wichtiger Entscheid, der aber ganz klar auch ungerecht ist gegenüber Eltern, die auf ein zweites Einkommen verzichten um ihre Kinder zu Hause zu betreuen. Was macht man da? Sucht man nach gerechteren Lösungen? Versetzt man sich in die Haut des anderen, um zu verstehen, warum er dafür oder dagegen ist? Muss man überhaupt dafür oder dagegen sein, oder gibt es auch ein „Ja, aber vergesst die anderen nicht“?

Anstatt sich diesen Fragen zu stellen, tritt man lieber wieder die ewige Diskussion los, ob Mamas (die Rede ist noch immer nicht von den Papas) die besseren Mamas sind, wenn sie zu Hause bleiben oder ob sie „das Recht“ haben, auswärts zu arbeiten. Wieder müssen wir uns SVP-Frauen anhören, die erklären, dass sie selber es sich niiiiiiieeeee vorstellen könnten, ihre Kinder fremdbetreuen zu lassen, dass es aber selbstverständlich Familien gibt, die „das müssen“. Wobei der saure Gesichtsausdruck klar macht, dass „müssen“ nur gilt, wenn es finanziell nicht anders geht und nicht etwa, wenn Mama draufgeht, weil sie ausschliesslich zu Hause ist. Auf der anderen Seite reden dann die Karrierefrauen, die jede Frau als rückständiges Muttchen betrachten, wenn sie ihren beruflichen Erfolg in den Hintergrund stellt wegen der Kinder.

Ach hören wir doch endlich auf damit! Es ist doch klar: Wer sich für Kinder entscheidet, hat ein unendlich reiches Leben, bezahlt aber auch einen hohen finanziellen Preis dafür. Ob wir nun auf ein zweites Einkommen verzichten um die Kinder zu Hause zu betreuen, oder ob wir unser sauer verdientes Geld für die Kinderbetreuung ausgeben, am Ende des Monats stehen wir alle (oder zumindest die durchschnittlich Verdienenden) etwa gleich da: Das Konto ist leer, die Rechnungen türmen sich. Wir haben wieder einmal alles gegeben und wissen doch nie, ob es genug war und ob wir im nächsten Monat endlich einmal genug Geld auf der Seite haben werden um uns dieses wohlverdiente Candle-light Dinner inklusive Babysitter zu leisten.

Hören wir doch auf mit den ewigen Grabenkämpfen und sorgen wir dafür, dass sich die Bedingungen für alle Familien endlich verbessern. Ob die anderen nun die gleichen Entscheide getroffen haben wie wir oder nicht.

Elternhysterie

War das ein Aufmarsch heute Morgen! Eine Meute von Eltern, Grosseltern und anderen Fans, die um eine Gruppe von verschüchterten Erstklässlern schwirrte, als wären sie Celebrities auf irgend einem roten Teppich an irgend einem glamourösen Ort. Kameras blitzten, Eltern rempelten einander an, traten einander auf die Füsse, forderten ihre Sprösslinge auf, in die Kamera zu lächeln, vermasselten einander die Bilder, weil jeder zuvorderst sein wollte.

Mitten im Getümmel ich mit meinen drei Jüngsten, das Prinzchen unter den Arm geklemmt, die Kamera hoch erhoben, so dass ich trotz meiner vertikalen Herausforderung einen guten Schnappschuss von Luises erstem Schultag erhasche. Ob der Hysterie hätte ich beinahe das Heulen vergessen. Aber nur beinahe. Ein paar Tränen konnte ich mir nicht verkneifen, als ich sie dastehen sah, so klein und doch schon so gross. Dann schnell die Tränen trocknen, ein letzter verzweifelter Blick auf Luise, die inzwischen etwas verloren aber glücklich im Schulbank sitzt.

Viel Zeit für Sentimentalitäten bleibt uns Karrieremüttern nicht. Es wartet der nächste herzzerreissende Termin im Kindergarten. Dort komme ich nicht einmal zum Tränenvergiessen. Kaum hat er gesehen, dass er neben der Kindergärtnerin sitzen wird, würdigt mich der FeuerwehrRitterRömerPirat keines Blickes mehr. Zeit, mich zurückzuziehen und einer anderen den Platz als wichtigste Frau im Leben meines Sohnes zu überlassen.

Die Glucke und ich

Nein, als die klassische Glucke würde ich mich nicht bezeichnen. Ich muss nicht jeden Schritt meiner Kinder überwachen, muss auch nicht rund um die Uhr mit ihnen zusammen sein und Händchen halten. Aber vor Tagen wie morgen wird mir jeweils klar, dass da irgendwo, tief in mir drinnen, doch eine Glucke schlummern muss.

Luise kommt in die Schule. Was dazu führt, dass ich schon Wochen vorher davon träume, wie ich flennend auf dem Pausenplatz stehe. Und ganz bestimmt werde ich das morgen auch tun, denn meine einzige Tochter ist endgültig kein Baby mehr. Auch kein Kleinkind. Jetzt will sogar schon fast kein Rosa mehr tragen. Schrecklich, nicht wahr? Da freut man sich jahrelang auf den Tag, an dem Luise lesen und schreiben kann und plötzlich taucht die Glucke auf, die einem leise ins Ohr flüstert, dass es nach dem ersten Schultag noch zwei, vielleicht drei Wochen geht, bis das Kind erwachsen ist und nichts mehr von Mama wissen will.

Aber es kommt noch schlimmer. Morgen geht nämlich der FeuerwehrRitterRömerPirat zum ersten Mal in den Kindergarten. Eben noch habe ich ihm die Windeln gewechselt – und ach, was bin ich froh, dass ich das nicht mehr tun muss! – und schon muss ich schauen, wie ich die Zeit am Morgen ohne ihn totschlagen kann. Bisher hat er nämlich immer dafür gesorgt, dass mir keine Sekunde langweilig war. Weil er sonst das Bad unter Wasser setzte, Kacke in die Ecke schmierte oder schmutzige Windeln aus dem Dachfenster schmiss. Sorry, das war unappetitlich, aber es ist leider die ganze Wahrheit. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat mich aber an seinen freien Vormittagen auch immer wieder aufs Sofa gelockt, wo wir zusammen Bücher erzählt, Lieder gesungen und die Welt verbessert haben. Das alles dürfen jetzt die Kindergärtnerinnen mit ihm tun. Ich fürchte (und hoffe zugleich), dass die etwas schwierigere Seite meines dritten Kindes weiterhin mir überlassen bleibt.

Als wäre das alles nicht genug, um die Glucke in mir aufzuschrecken, kommt Karlsson morgen in die dritte Klasse. Erst gestern noch war ich selber in der dritten Klasse und jetzt ist schon mein Ältester soweit. Noch einmal die läppischen neun Jährchen, die ich jetzt schon Mutter bin und Karlsson ist volljährig. Grössere Füsse als ich hat er jetzt schon und übermorgen wächst er mir über den Kopf.

Was mich an dem Ganzen am meisten befremdet, ist, dass sich die Glucke im Bezug auf die Kleinsten vollkommen still hält. Das Prinzchen versucht, ohne fremde Hilfe zu stehen? Die Glucke schert sich einen Dreck darum. Er will keinen Brei mehr essen? Ist der Glucke doch völlig egal. Der Zoowärter kommt in die Spielgruppe? Beschimpft zum ersten Mal seinen Erzeuger als „domme Papa“? Die Glucke verschliesst die Augen ob der Tatsache, dass auch der Zweitjüngste von Tag zu Tag unabhängiger wird. Sie lässt es klaglos zu, dass Mama über jeden Fortschritt jubelt, dass sie sich über jedes Fetzchen wiedergewonnener Unabhängigkeit freut. Die Glucke wird sich erst dann wieder zu Wort melden, wenn auch die beiden Kleinen nicht mehr wirklich klein sind.

Das wird dann wohl der Tag sein, an dem ich zum ersten Mal erwähnen werde, dass ich ganz gerne ein Enkelkind hätte…

Durchgeknallt?

Wir Eltern sind schon sonderbare Wesen. Was wir den lieben langen Tag so machen, muss für Aussenstehende so ziemlich schräg aussehen. Nie werde ich vergessen, wie wir als Kinder über die Bekannte gelacht haben, die ihrem Baby nach jeder Breimahlzeit mit der Zunge den Mund sauber geleckt hat. Und heute ertappe ich mich selber bei so mancher Eigenart. Mich, oder manchmal auch die anderen, zum Beispiel unseren Nachbarn.

Nein, nicht den ewigen Junggesellen. Der hat ja keine Kinder. Aber unseren Freund, Vater von vier Kinder. Der übrigens weiss, dass ich heute über ihn schreibe, weshalb dieser Text sozusagen autorisiert ist. Sonntags fahren wir immer gemeinsam mit dem Bus zur Kirche, wir mit unseren fünf, die Nachbarn mit ihren vier Kindern. Und mit einer Haarbürste. Die einzige Haarbürste, die im Haushalt unserer Nachbarn noch auffindbar ist, fährt Sonntag für Sonntag mit zur Kirche. Okay, unser Nachbar findet, dass ich masslos übertreibe. Es sei erst dreimal vorgekommen, behauptet er steif und fest. Aber das Bild, wie er frühmorgens an der Bushaltestelle drei seiner Kinder kämmt, zuerst die Jüngste, dann die Buben, hat sich mir derart eingebrannt, dass ich glaube, es gehöre zum Sonntag wie die Anbetungszeit. Als ob wir vier Erwachsenen mit den neun Kindern nicht auch ohne Haarbürste genug auffallen würden!

Das Beste an der Sache ist übrigens, dass ich unseren Nachbarn bestens verstehe. Wann hat man denn schon Zeit, die Kinder zu kämmen? Ich habe ja auch schon die Zahnbürste mit der Zahnpasta drauf mitgeschleppt, wenn wir dringend weg mussten. Oder das Kind erst unterwegs fertig angezogen, weil wir zu spät dran waren. Jeder, der ab und zu mit einer Horde von Kindern unterwegs ist, versteht unseren Nachbarn. Genauso, wie er versteht, warum wir Eltern immer wieder den Breilöffel abschlecken, wenn wir ein Baby füttern (Für Unerfahrene hier der wahre Grund: Weil wir Eltern sonst verhungern würden, weil wir nie Zeit zum Essen finden). Oder warum wir immer so tun, als würden wir die Sandkuchen unserer Kinder tatsächlich essen. Oder warum wir jedes Gekritzel unserer Kinder loben, als sei es das grösste Kunstwerk. Oder warum wir immer auf so unappetitliche Weise an unseren Babies riechen um herauszufinden, ob die Windel voll ist. Oder warum wir plötzlich bei jedem Schimpfwort, das ein Kinderloser unbedacht von sich gibt, zusammenzucken.

Ja, wir Eltern verstehen perfekt, warum andere Eltern so sonderbar sind. Aber was denken wohl die Kinderlosen über uns? Wahrscheinlich halten sie unseren Nachbarn mit der Haarbürste, und uns anderen mit ihm, für vollkommen durchgeknallt. Genauso, wie wir als Kinder die Bekannte, die dem Baby den Mund sauber leckte für vollkommen durchgeknallt hielten. Was ich übrigens auch heute noch genauso sehe…

Wie schaffen wir das bloss?

Immer wieder mal fragt man mich, wie ich es fertig bringe, bei all dem Chaos die Nerven zu behalten. Und immer wieder muss ich antworten, dass ich es sehr oft überhaupt nicht schaffe. Dass ich durchaus auch mal herumschreie, obschon ich mir immer geschworen hatte, dies nie zu tun. Dass ich täglich meine Erziehungsgrundsätze verrate, weil ich in der Hitze des Gefechts nicht mehr nachdenke, sondern einfach versuche, den Schaden zu begrenzen. Dass mir gar schon die Hand ausgerutscht ist, obschon ich finde, dass es nichts Falscheres gibt, als ein Kind zu schlagen. Wie man sieht, schaffe ich es also längst nicht immer, die Mutter zu sein, die ich sein will.

Aber ich weiss schon, was mit der Frage gemeint ist. Als Mutter von vielen Kindern ist man wahrscheinlich wirklich in vielen Momenten ruhiger, reagiert weniger panisch, kann es sich gar nicht leisten, aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen – was übrigens nicht nur Vorteile hat. Manchmal übersieht man nämlich auch ein echtes Problem, weil man sich mit so vielen Bagatellen herumschlägt.

Auch mich beschäftigt die Frage, wie ich das schaffe. Ich und all die anderen Mütter und Väter, die sich die Mühe nehmen, sich ihren Kindern zu widmen und sie nicht von der Playstation erziehen lassen. Es spielt dabei keine Rolle, wie viele Kinder jemand hat. Wer sich auf Kinder einlässt, bewältigt immer eine immense Aufgabe und zwar eine ohne Erfolgsgarantie. Ja, wie schaffen wir das? Ich kann nur für mich selber und vielleicht noch ein bisschen für „Meinen“ reden. Ohne unser kleines bisschen Eigenleben, diesen winzigen Winkel, in dem unsere eigenen Projekte, unsere Träume und Ideen spriessen können, schaffen wir es nicht. Ohne den Ort, an den wir uns zurückziehen können, um nur uns selber zu sein und das zu leben, was neben dem Elternsein auch noch in uns steckt, schaffen wir es nicht, die Nerven zu behalten.

Konkret gesagt: Ohne Blog keine entspannte Mama, zumindest bei Vendittis nicht. So einfach ist das.

Alles bereit?

Jedes Jahr wird die Liste etwas länger: Turnschuhe, Malschürzen, Trinkbecher, Finken, Turnhosen, Etuis, Turnsäcke, Anti-Rutsch-Socken, Haarbürsten und und und. Mit Karlsson, Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten im Schlepptau mache ich mich auf zur grossen Einkaufstour zum Schuljahresbeginn. Alles ist minutiös geplant. Zuerst kommt der Schuhladen bei der Bushaltestelle, dann der Schuhladen beim Bankomaten, dann die Migros, dann C & A, und wenn danach noch etwas fehlen sollte, werden wir weitersehen. Ist doch keine Sache, oder?

Natürlich ist es eine Sache! Im ersten Schuhladen sind die Finken zu teuer, doch Karlsson will unbedingt die mit dem Tiger drauf. „Kommt nicht in Frage“, findet die knausrige Mama und schleppt die Kinder zur nächsten Station. Dort hat es alles, aber niemand will das, was ich will. Luise will die rosaroten Finken mit den Blümchen, aber die gibts in allen Grössen ausser in ihrer. Karlsson will keine Finken mit Fledermäusen drauf, Luise will keine mit Hello-Kitty-Aufdruck, Karlsson will weisse Turnschlärpli, Luise will Babyfinken und keine Turnschuhe und der FeuerwehrRitterRömerPirat will weder Finken, noch Turnschuhe, noch Turnschlärpli. Er will fernsehen.

Irgendwie schaffen wir es dann doch, die drei mit Schuhwerk für jede Gelegenheit auszustatten. Auf zur nächsten Station. Die ganzen Diskussionen nochmals von vorn, diesmal einfach über Turnbekleidung. Luise will lange Hosen, Karlsson kurze und der FeuerwehrRitterRömerPirat sucht vergeblich nach einem Fernseher. So langsam habe ich die Nase voll von dem Gezänke und so merke ich nicht, dass ich für Karlsson Mädchenkleider gekauft habe, was in seinem Alter nun wirklich nicht mehr durchgehen kann. Wir wollen ja nicht, dass er zum Gespött der ganzen Schule wird.

Nach zwei Stunden, die sich wie drei Tage anfühlen, sind wir endlich mit allen Einkäufen am Ende und  vor allem natürlich mit unseren Nerven. Weshalb ich heute nur so gereizt sei, schnauzt mich „Meiner“ an. Wie bitte? Darf man denn nicht einmal ein bisschen rummotzen, wenn man sich stundenlang durch die Läden gekämpft hat und versucht hat, den Wünschen der Kinder, der Lehrer und des Budgets gerecht zu werden? Und das alles mit einer Magen-Darm-Grippe? Wart nur, „Meiner“. Nächstes Jahr bist du dran mit dem Grosseinkauf. Und wehe, du wagst es, zu motzen…

Das Kind, dein Abfallkübel

Es spielt ja keine Rolle, wer unseren Kindern all diesen Mist geschenkt hat. Wir wollen hier niemanden an den Pranger stellen. Aber zu Denken gibt es einem schon, womit gewisse Leute den Kindern ihre Zuneigung zeigen wollen. Da ist zum Beispiel der feuerrote Plastiklastwagen, den der Zoowärter bekommen hat. Es ist nicht ganz klar, ob es ein Feuerwehrauto, ein Coca-Cola-Lieferwagen oder ein Rettungswagen ist. Ebenso unklar ist, wie viele Giftstoffe in dem Gefährt stecken.

Umso klarer ist aber, dass das Ding nicht eine Woche in einem Kinderzimmer überleben wird. Du musst es nur einmal böse anschauen und schon fällt das erste Rad ab. Nachdem du das Rad zum dritten Mal wieder angesteckt hast, bricht die Achse. Spätestens jetzt geht die Freude am Spielzeug flöten. Nächsten Donnerstag wird es von der Müllabfuhr mitgenommen, zusammen mit dem Dutzend Plastikautos, die der FeuerwehrRitterRömerPirat bekommen hat. Auch hier dauert die Freude am Geschenk nicht länger als fünf Minuten. Dann bricht der erste Spoiler. Na ja, immerhin habe ich anhand solcher Autos endlich herausgefunden, was ein Spoiler ist…

Wenn man bedenkt, dass solcher Mist nicht bloss eine Beleidigung für jedes Kind ist, sondern dass bei der Herstellung und dem Transport auch noch Menschen ausgebeutet und die Umwelt zerstört werden, wird es einem übel. Ach hätte doch die Wirtschaftskrise all den Fabriken, die solchen Müll produzieren, für immer den Todesstoss versetzt!

Noch schlimmer als die Spielsachen sind die „Esswaren“, welche zusammen mit dem Spielzeug den Weg zu uns gefunden haben. Einzeln in Plastik eingeschweisst, in einer riesigen, bunt bedruckten Kartonschachtel wird den Kindern als Lebensmittel verkleideter Abfall schmackhaft gemacht. In der „confettura extra“ habe es echte  Erdbeeren und Kirschen, die das Kind beim Essen sehen und spüren könne, gefüllt sei das Ganze mit einer köstlichen Füllung aus Milch und der Teig sei mit reiner Bierhefe versetzt und somit wie ein echtes Brot aufgegangen. Bla bla bla. In Wirklichkeit ist das Ganze nämlich eine unansehnliche Mischung aus Glukosesirup, Geliermitteln, diversen Fetten, Säuren, Zuckerarten und anderen Scheusslichkeiten. Kein Erwachsener, der etwas auf sich gibt, würde seinem Magen so etwas zumuten. Aber die Kinder haben doch Freude daran, nicht wahr? Und in der Werbung haben sie doch gesagt, das Zeug sei so gesund und kalorienarm.

Wer jetzt noch immer nicht weiss, wer die Geschenke mitgebracht hat, kennt unsere Verwandtschaft schlecht…

Gute Vorsätze

Ein letzter Versuch noch, und wenn es diesmal nicht klappt, habe ich für den Rest meines Lebens eine Ausrede dafür, dass ich nicht fitter bin. Da bemüht man sich aufrichtig darum, einen Ergometer zu ersteigern und immer im letzten Moment wird man überboten. Natürlich, Ergometer gibt’s wie Sand am Meer bei Ricardo. Aber wer will denn schon mehr als 100 Franken bezahlen für so ein Ding? Wo doch jeder weiss, dass die Leute  sich die Dinger in einem Anfall von guten Vorsätzen in die Wohnung holen, wo sie dann still und leise vor sich hingammeln. Warum sonst würde bei jedem zweiten Angebot „neuwertig“, „nur dreimal gebraucht“ oder „in Topzustand“ stehen?

Warum ich denn einen Ergometer will, wo ich doch jetzt schon weiss, dass ich ihn nie benützen werde? Na, weil mir mein schlechtes Gewissen mal wieder ein paar gute Vorsätze eingeredet hat. Ob ich die dann auch einhalte, wird einzig der Ergometer wissen. Und der wird sein Geheimnis erst dann preisgeben, wenn er „in Topzustand“ auf Ricardo zum erneuten Verkauf stehen wird. Und falls es mit dem Ersteigern in den nächsten Tagen nicht klappen sollte, verfliegen meine guten Vorsätze wie von selbst und das Foltergerät darf an einem anderen Ort still und leise verstauben.