So einfach ist das doch, oder?

Gestern Abend in der Sendung "Giacobbo/Müller" des Schweizr Fernsehens. Zu Gast sind der fünffache Vater Filippo Leutenegger und die vierfache Mutter Sandra Studer. Während man bei Leutenegger erst von seinen Kindern erfährt, nachdem man sich eingehend mit seiner politischen Einstellung befasst hat, lautet die erste Frage an Studer: "Sandra, wer betreut denn jetzt deine vier Kinder?".
Diese Frage könnte direkt von Silvia Blocher stammen. Und eigentlich ist sie auch komplett unnötig. Denn es ist hinlänglich bekannt, dass ein Vater nie und nimmer seine Kinder verlassen würde. Wenn er dies (aus ganz und gar uneigennützigen Gründen, versteht sich) dennoch tun muss, sorgt er dafür, dass die Kinder von einer Rund-um-die Uhr- Nanny, im Volksmund auch Ehefrau genannt, bestens betreut sind. Wir Mütter kennen da weniger Skrupel. Verlassen wir (natürlich aus ganz und gar egoistischen Gründen) das Haus, ist es uns vollkommen egal, was mit den Kindern passiert. Gewöhnlich stellen wir ihnen einfach einen Fressnapf und etwas frisches Wasser hin, um danach unsere eigenen Bedürfnisse ausgiebig zu stillen. Meinen wir es ganz gut mit den Kleinen, schalten wir ihnen den Fernseher ein. Ist bei unserer Rückkehr die Wohnungseinrichtung zertrümmert, binden wir die Kleinen beim nächsten Mal eben an.
Leider ist es eine Tatsache, dass heute immer mehr Frauen so handeln. Und darum darf es nicht verwundern, wenn Dreijährige bereits rauchen, Fünfjährige Einbrüche auf dem Kerbholz haben und Siebenjährige mit Drogen dealen. Jugendgewalt, Jugendkriminalität, Rauschtrinken und wie die Schlagworte alle heissen, gehen voll und ganz auf das Konto egoistischer Mütter, oder nicht?
Also, sperren wir die Frauen doch endlich wieder ein. Dann ist die Welt wieder in Ordnung, Silvia Blocher wieder glücklich und die dummen Fragen an vierfache Mütter erübrigen sich ganz von selbst.
Das Schlimmste ist nämlich, dass Sandra Studer sich dazu verpflichtet fühlte, die dumme Frage wahrheitsgetreu zu beantworten.

Muttertag

Früher hat man ja nur darüber gelacht. Dieser lächerliche Tag, an dem die kleineren Kinder ihren Müttern am Morgen das Frühstück ans Bett bringen und dabei eine riesige Sauerei anrichten, so dass die Mutter für den Rest des Tages mit Aufräumen beschäftigt ist. An dem die erwachsenen Kinder pflichtbewusst mit einem Heuchlerbesen bei Mama erscheinen, die stundenlang in der Küche geschwitzt hat, um für ihre Brut mal wieder ein anständiges Essen auf den Tisch zu zaubern. Und ausserdem ist alles bloss reiner Kommerz.

Diese Haltung hat sich etwas geändert und daran ist, wie an so Vielem, die Schwiegermutter Schuld. Ist es denn gerecht, dass man Jahr für Jahr eine Frau feiern muss, die vor mehr als dreissig Jahren ein Kind geboren hat und sich noch immer nicht damit abgefunden hat, dass man mit diesem einzigen Kind selber ein paar Kinder gezeugt hat und diese nun grosszuziehen versucht? Ein wenig Schuld trägt natürlich auch die Werbung. Denn wenn einem überall suggeriert wird, man hätte es verdient, einen Tag lang gefeiert zu werden, fällt einem ein, dass man in den letzten Jahren tatsächlich schon zwei oder drei Mal wegen der Kinder seine eigenen Interessen in den Hintergrund gestellt hat. Dass Papa dies ebenso oft getan hat, übersehen wir hier geflissentlich…

Dieses Jahr ist alles ein wenig anders. Angefangen hat es damit, dass die Spielgruppenleiterin in die Falle der allgemeinen Verunsicherung über das tatsächliche Datum des Muttertages 2008 getappt ist. So überreichte der Vierjährige sein erstes Muttertaggeschenk an einem ganz banalen Montag. Muttertagsgeschenk Nummer zwei wurde am Freitag abgegeben, als man mitten im herrlichsten Chaos von Mittagessenkochen und hungrige Kinder in Schach halten steckte. Die Tochter hatte schon seit zwei Wochen kein anderes Thema als das Muttertagsgeschenk mehr gekannt, und so war klar, dass sie nicht mehr länger warten konnte. Leider endete die Sache in Tränen, denn die Kindergärtnerin hatte nicht bemerkt, dass die sorgfältig bemalte Vase einen Sprung hatte und die Rose deshalb bald auf dem Trockenen stand.

Die grösste Überraschung lieferte dieses Jahr ausgerechnet die Schwiegermutter. Währenddem wir uns noch krampfhaft am Überlegen waren, wie wir denn die mühsame Prozedur dieses Jahr über die Bühne bringen sollten, rief sie an und fragte, ob wir nicht einfach am Samstag zusammen in die Stadt gehen könnten, um ein wenig einzukaufen. Keine Heuchelei und keine überteuerte Restaurantrechung! Das müsste Tradition werden.

Gestern Abend dann haben wir in Vorfreude auf den ersten freien Muttertag seit Menschengedenken so richtig über die Stränge gehauen. Wir haben bei einer Tasse Tee bis nachts um 1 die x-te Fernsehausstrahlung von Notting Hill geschaut und danach noch ganz unvernünftig bis halb zwei geredet.

Das dritte noch zu erwartende Muttertagsgeschenk hatten wegen der wilden Nacht natürlich ganz vergessen. Es kam pünktlich um sieben, schön verpackt und mit einer rührenden Karte. Eines muss man ja anerkennen: Die Muttertagsbastelei hat gewaltige Fortschritte gemacht. Es gibt keine mit filziger Wolle verklebten Serviettenringe mehr wie zu unseren Zeiten. Die heutigen Geschenke haben Stil und man kann die Kinder ohne einen Hauch von Heuchelei für ihre Werke loben.

Müde ist Mama dennoch. Und während Papa weiterhin im Bett vor sich hinschnarcht, versucht Mama die Kinder noch eine Weile zu ignorieren, um mit diesen Sätzen fertig zu werden. Lange wird sich das Frühstück allerdings nicht mehr herauszögern lassen. Der Erste hat bereits einen Kakao bestellt.

Ave Caesar

Papa ist im Klassenlager und heute ist Tag drei. Das bedeutet, dass die Nerven inzwischen ziemlich blank liegen. Besonders jetzt, abends um 10, wenn die Abfallsäcke sich irgendwie vom dritten Stock aufs Trottoir bewegen sollten, ohne die Nachbarn aufzuwecken. Wenn sich die trockene Wäsche noch von selbst zusammenfalten müsste, um wieder Platz für die nasse Wäsche zu schaffen. Wenn zwei von vier Kindern noch immer nicht schlafen und einen im Minutentakt davon abhalten, endlich zur Ruhe zu kommen. Gibt es Mütter, die in einer solchen Situation nicht ausrasten? Doch das Schreien macht das Ganze nur noch schlimmer.

Nun, die Kinder wissen inzwischen, wie sie eine solche Situation entschärfen müssen. Plötzlich steht er da, der fast Vierjährige, grinst und sagt in fehlerfreiem Latein: „Ave Caesar. Morituri te salutant!“. Sieg für die Kinder: Die Mutter lacht! Für heute können wir sie getrost in Ruhe lassen, sie hat das Lachen noch nicht verlernt.

Drei Minuten später herrscht in den Kinderzimmern absolute Ruhe.

Vereinssitzung

Es spielt keine Rolle, welcher Verein es war, wer dabei war, wo die Sitzung stattfand. Denn vermutlich laufen sie alle gleich ab, die Sitzungen von Frauen, deren Leidenschaft der Verein ist, die das Abhalten von Sitzungen lieber den Männern überlassen, sich aber dennoch ungemein wichtig fühlen, wenn sie sagen können: „Heute Abend kann ich nicht, ich hab‘ eine Sitzung“, denen es grosse Befriedigung verschafft, wenn für einmal der Mann – in diesen Kreisen „Meiner“ genannt – zu Hause bleiben muss, um auf die Kinder aufzupassen. Es spielt auch keine Rolle, warum man selber an besagtem Abend dabei war. Es sei hier aber asdrücklich festgehalten, dass dies der letzte Anlass dieser Art war, bei dem man seine kostbare Zeit verschwendet hat.
Die Sitzung wird eröffnet mit der wichtigen Frage, wer Kaffee, wer Tee, wer etwas anderes möchte. Wer sich für Kaffee entscheidet, bekommt diesen in einer Designertasse mit kunstvoll geschwungenem Unterteller serviert; wer sich frecherweise für etwas anderes entscheidet, muss mit einer normalen Tasse zufrieden sein. Nachdem die Frage, ob alle genug Zucker haben, befriedigend erörtert ist, kann man zu den wichtigen Geschäften übergehen.
Es geht darum, wie man sich an einem wichtigen Dorfanlass als Verein einbringen will. Eigentlich hat man dies alles schon bei einer früheren Sitzung beschlossen. Man hat gesagt, dass man es machen wird wie jedes Jahr. Aber man muss das doch noch einmal genau besprechen. Gibt es Bratwürste, Grillschnecken oder Cervelats? Nun ja, seien wir doch originell! Bieten wir alles an! Dafür verzichtet man auf Pommes Frites. Wer keine Wurst will, muss eben selber schauen, dass er nicht verhungert. Das Thema der Vegetarier klammern wir hier mal aus. Es wäre gefährlich, sich hier auf eine Diskussion einzulassen.
Viel wichtiger ist es, wer die Würste grillt. „Meiner kommt? Und Deiner, hat der auch Zeit?“ „Meiner kann nicht, der muss auf die Kinder aufpassen.“ „Dafür kommt Meiner, der macht das gern.“ So geht dies einige Zeit, bis klar ist, dass garantiert keine Frau den Grill bedienen wird. Dann sind die Getränke dran. Will man damit das grosse Geld machen, oder will man familienfreundlich sein? Eine Frau, die bis jetzt geschwiegen hat, leistet nun ihren Beitrag zur Diskussion, und dies etwa zehn Mal in Folge: „Lieber etwas billiger, dafür verkaufen wir zwei drei Flaschen mehr. Das haben wir schon immer so gemacht.“ Wie teuer aber soll die Flasche sein? Die Diskussion dauert an und vergeblich versucht man darauf aufmerksam zu machen, dass es wenig sinnvoll ist, Verkaufspreise festzulegen, solange die Einkaufspreise nicht bekannt sind.
Nachdem die wichtige Frage geklärt ist, wer welchen Kuchen backt, kommt man zum Schlechtwetterprogramm. Diverse Varianten werden sofort verworfen, andere etwas eingehender geprüft und dann auch als untauglich abgetan. Schliesslich fassen die Frauen einen Beschluss: Es braucht kein Schlechtwetterprogramm, es wird schön sein „wie jedes Jahr“. Nun ja, hat es im Juni schon je geregnet? Wer also für den 21. Juni ein Picknick plant, darf ruhig jetzt schon definitve Pläne schmieden, denn wir haben beschlossen, dass das Wetter schön sein wird. Das meiste ist jetzt besprochen und es ist klar, dass bis auf einige wenige Handreichungen, die eine Frau, mit Unterstützung von „Ihrem“, alles organisieren wird.
Bleibt noch das wichtigste Traktandum: Herziehen über Abwesende. Dieses könnte sich bis Mitternacht ziehen, denn es ist klar, dass keine die Runde als erste Verlassen wird. Man könnte etwas verpassen. Ausserdem riskiert man bei einem verfrühten Aufbruch, durch den Kakao gezogen zu werden, bevor die Haustür hinter einem zugefallen ist. Die Rettung kommt per Telefon: „Ich muss nach Hause. Meiner hat einen Notfall bei der Arbeit“, verkündet eine Teilnehmerin. Damit ist die Sitzung offiziell beendet.
„Meiner“ hat sich krank gelacht, als ich ihm von dem Abend erzählte.

Sisyphos

Sisyphos war in Wirklichkei eine Hausfrau, allenfalls auch ein Hausmann, falls es solche in der Antike schon gegeben hat. Ein typischer Tag im Leben des Sysiphus muss etwa so ausgesehen haben: Er stand am Morgen auf, räumte das schmutzige Geschirr vom Vorabend weg, holte aus dem Geschirrspüler das saubere Geschirr, um darin das Frühstück zu servieren, räumte das jetzt ebenfalls schmutzige Geschirr wieder in den Geschirrspüler, liess diesen laufen, putzte den Tisch, wischte den Boden, steckte die Kinder in Kleider, die er am Vorabend gewaschen hatte, im besten Wissen, dass dieselben Kleider spätestens in fünf Stunden wieder in der Waschmaschine landen würden, entfernte die Zahnpastaspuren aus dem Waschbecken, faltete saubere Wäsche zusammen, räumte auf, wischte den Boden, holte sauberes Geschirr aus dem Geschirrspüler, räumte es nach dem Essen wieder zurück in den Geschirrspüler, liess diesen laufen, putzte den Tisch, wischte den Boden, steckte die Kinder in frische Kleider, entfernte die Zahnpastaspuren aus dem Waschbecken, räumte auf, holte das saubere Geschirr aus dem Geschirrspüler, räumte das schmutzige Geschirr nach dem Essen wieder in den Geschirrspüler, putzte den Tisch, wischte den Boden, räumte auf, steckte die Kinder in frische Pijamas, entfernte die Zahnpastaspuren aus dem Waschbecken, steckte die schmutzigen Kleider in die Waschmaschine, hängte die nasse Wäsche auf und sank danach todmüde und im vollen Bewusstsein, den ganzen Tag nicht etwas gleistet zu haben, das Bestand haben würde, ins Bett.
Doch weil dies alles zu wenig glamourös klang, hat man aus Sisyphos einen König gemacht, der erst nach allen erdenklichen Patzern zu seinem sinnlosen Dasein verdammt wurde. Fragt sich nur, womit all die armen Hausfrauen- und männer die Götter erzürnt haben…

Panini

Gestern waren Panini noch Brötchen, heute sind es Bildchen. Hunderte von Bildchen, die meisten mit einem hässlichen Fussballer drauf, sündhaft teuer und völlig unnütz. Und dennoch überlebenswichtig, wenn der Siebenjährige während der nächsten zwei Monate nicht allein auf dem Pausenplatz herumstehen will. Es gibt ja alle Arten von Tauschbildchen, mit denen man den Kindern das Geld aus dem Sack ziehen kann. Doch während man bei all den Monstern, Diddls und was es sonst noch alles geben mag, immer jemanden in der Nachbarschaft findet, der sie seinem Kind verbietet, stösst Panini bei allen auf Akzeptanz. Bei allen anderen Sammelbildchen wird das Kind einen Verbündeten finden, der diese ebenfalls blöd findet, doch bei den Fussballbildchen steht es plötzlich ganz alleine da.
Fussballer taugen schelcht als Feindbild. Früher konnte man wenigstens noch behaupten, die Kerle hätten alle ihr Hirn in den Waden, doch heute verfügen auch Fussballer über Universitätsabschlüsse oder haben zumindest eine kaufmännische Lehre absolviert. Zudem soll Sport ja gesund sein.
So kommt es, dass die Mama verschämt am Kiosk aufkreuzt und nach Panini-Bildchen fragt. So elend müssen sich Teenager fühlen, wenn sie zum ersten Mal den Playboy kaufen. Zu Hause stürzen sich die Kinder begeistert auf die Bildchen. Nachdem alle Briefchen aufgerissen und die ersten Fussballer schief eingeklebt sind, verflüchtigt sich die Begeisterung. Irgendwer muss dem Chaos wieder Herr werden. Und so verbringt die Mama den Rest des Tages mit dem säuberlichen Einkleben von Magnin, Henry und wie sie alle heissen. Und irgendwann packt sie der Ehrgeiz: Das Album muss voll werden! Denn wo sonst kann man als Mutter noch die längst verdrängte Sehnsucht nach Perfektion und Ordnung so ungehemmt ausleben?

Wer darf die Geschichte erzählen?

Es ist ein umwerfendes Bild: Die neu eingesetzte Spanische Verteidigungsministerin, die hochschwanger die Ehrengarde abschreitet. Und was dahinter steckt, ist noch umwerfender: Da ist ein Chef, der in einer Schwangerschaft kein Hindernis sieht, der nicht davon ausgeht, dass eine Frau, die geboren hat, nicht mehr kompetent ist, der ihr ein Amt zutraut, ja sogar eines, dass normalerweise in Männerhand ist. Ein Chef, dem es egal ist, dass die Frau ein paar Wochen Mutterschaftsurlaub beziehen wird.
Warum nur ist dies noch immer die grosse Ausnahme? So gross, dass sämtliche Zeitungen das Bild auf der Frontseite bringen? So aussergewöhnlich, dass darüber Kommentare geschrieben werden müssen? Warum nur sieht die Realität für die meisten schwangeren Frauen noch immer anders aus, zumindest in der Schweiz und ganz sicher auch anderswo?
Dann noch eine andere Frage zu einem anderen Thema, das dennoch dasselbe ist: Warum hört man lieber Vätern zu statt Müttern? „Jetzt reden die Väter“ titelt der Beobachter, wenn es um Familie geht. Das Migros Magazin bringt anrührende Stories über allein erziehende Väter, Kolumnist Bänz Friedli darf Woche für Woche aus seinem Leben als Hausmann erzählen.
Man verstehe mich nicht falsch. Ich finde es grossartig, dass es heute für Männer selbstverständlich ist, Kinder zu wickeln, es interessiert mich, wie sie das Leben mit der Doppelbelastung Familie und Beruf erleben und ich liebe die Kolumnen von Bänz Friedli. Aber seien wir doch ehrlich: Hiesse der Bänz nicht Bänz, sondern Bernadette, kein Schwein würde sich für seine Texte interessieren. Wäre er eine Frau, würde man ihr vorwerfen, sie könne nichts als jammern, sie hätte mal eine Horizonterweiterung nötig, sie sei eine frustrierte Hausfrau, die nicht zu schätzen wisse, wie erfüllend es sei, für eine Familie zu sorgen. Aber weil der Bänz ein Mann ist, wird er von den Leserinnen verehrt, veröffentlicht er Bücher, darf er Lesungen abhalten und keiner fragt, wer denn während seiner Abwesenheit die Kinder betreue.
Familie ist plötzlich ein Thema und dies nicht nur, weil der Generationenvertrag ins Wanken kommt. Seitdem die Männer Fläschchen wärmen, Windeln wechesln, Brei kochen und laufende Nasen putzen ist es plötzlich ein Thema, ob man dabei immer so erfüllt ist, wie es die Werbung vorgaukelt. Plötzlich interessiert es alle, wie der Familienalltag aussieht. Wie der aussieht, hätten Frauen schon seit Jahrzehnten erzählen können. Sie hätten davon erzählen können, wie es ist, wenn man plötzlich nicht mehr als Mensch wahrgenommen wird, wenn man vor lauter Überforderung nichts anderes mehr tun kann als schreien. Wie man sich fühlt, wenn man mit einer Magen-Darm-Grippe Mittagessen kochen muss. Wie sich die Erschöpfungsdepression schleichend ins Leben frisst. Sie häten auch erzählen können, was für ein unbeschreibliches Gefühl es ist, ein Wesen, dass während Monaten im Bauch herangewachsen ist, in den Armen zu halten. Dass es nichts Schöneres gibt, als von klebrigen Kinderhänden gestreichelt zu werden. Dass es manchmal erschütternd ist, zu erkennen, dass man diesen Menschen, die man über alles liebt, nie ganz gerecht werden kann.
All dies und noch viel mehr hätten sie erzählen können. Doch es interessierte keinen, denn es waren „Frauenthemen“. Es geht hier nicht darum, Männer gegen Frauen auszuspielen. Warum aber dürfen jetzt die Väter erzählen, während die Mütter noch immer nicht ernst genommen werden?

Unvernunft?

Die Frage, ob man unvernünftig wird, wenn einen die Kinder nicht dazu zwingen, erwachsen zu sein, ist noch nicht geklärt. Die vergangenen Tage haben auch nicht wirklich dazu beigetragen, einer Antwort näher zu kommen. Den grössten Teil unserer freien Zeit haben wir mit Lesen und Diskutieren verbracht, und da ist nun wirklich nichts Unvernüftiges dabei. Erschreckend war bloss, dass wir viel mehr gelacht haben als an normalen Tagen. Dabei sollte man doch mit Kindern viel zu Lachen haben. Doch der Alltagsstress und die jahrelange Erschöpfung haben da wohl einiges an Unbeschwerteheit verschüttet.
Es ist also dringend an der Zeit, die fröhlichen Seiten des Lebens wieder ins Zentrum zu rücken. Tut man dies nicht, ist die Gefahr wohl ziemlich gross, dass man früher oder später in ein pubertäres Stadium zurückfällt und tatsächlich unvernünftig wird und auch unvernünftige Entscheide mit weitreichenden Konsequenzen fällt. Die Verbissenheit kommt wohl zwangsläufig, wenn man über Jahre im Dampfkochtopf von Kindern, Job, Existenzsicherung, Hausbau, etc. vor sich hin schmort. Irgendwann ist der Druck dann einfach zu gross und man begeht die grössten Dummheiten.
Das Einzige, was man dagegen tun kann, ist wieder mit dem Leben zu beginnen, sich nicht mehr mit einer freudlosen Existenz abzuquälen und neben allem, was schief läuft, vor allem auch das Schöne wieder zu sehen. Dankbar zu sein. Und vielleicht kommt dann einmal der Tag, an dem die Kinder nicht mehr fragen müssen „Mama, warum lachst du nie?“. Und vielleicht schafft man es wieder, jeden Tag, vollkommen familien- und partnerschaftstauglich, ein kleines Bisschen unvernünftig zu sein.

Touristenfalle

Nach ein paar kinderfreien Tagen, die man krankheitsbedingt zwischen Bett, Speisesaal und Sauna verbracht hat, ist es wohl normal, dass einem die Decke auf den Kopf fällt. Irgendwie ist alles ganz anders, als man es sich vorgestellt hatte, man mag die fetten alten Männer in der Sauna nicht mehr sehen. Diese Männer, die noch nicht begriffen haben, dass ihr Anblick nicht mehr besonders ästhetisch ist und dass sie deswegen beim Saunagang ruhig etwas mehr Diskretion walten lassen dürften. Immerhin begegnet man sich ein paar Stunden später wieder beim Buffet.

So nimmt man nach drei Tagen den Bus, um etwas anderes zu sehen. Man könnte wieder mal Shoppen. Die Kinder warten ja auch auf Souvenirs. Nach zwanzig Minuten Busfahrt kommt man im nächst gelegenen Städtchen an. Städtchen? Wohl eher eine Touristenfalle, die den Besuchern eine heile Schwarzwälder Welt vorgaukeln soll. Souvenirshop reiht sich an Souvenirshop, dazwischen Kaffeehäuser mit riesigen Torten in der Auslage, ab und zu ein "Fremdenzimmer", für die Fremden, die hier bitte ihr Geld abgeben sollen, sonst aber fremd bleiben sollen. Der ganze Ort ist überlaufen von Schweizern der übelsten Sorte: Ältere Semester auf der Suche nach dem billigsten Schnaps, dem schönsten Dirndl, dem grössten Schnitzel. Dazwischen ein paar Japaner, die auch nicht besser sind, die man aber zum Glück nicht versteht.

Nach fünfzehn Minuten hat mans gesehen, der nächste Bus fährt aber erst in einer Stunde. Immerhin erstehen wir zwei Souvenirs für die Kinder: Eine Glitzerkugel mit einem Clown drin und einen Holzsäbel, der den kampfbegeisterten Dritten in helle Aufregung setzten wird. Leider vergisst die Verkäuferin, das Ding in eine Tüte zu stecken. So ziehen wir säbelschwingend durch die Idylle und träumen davon, all die Souvenirshops kurz und klein zu schlagen.

Vielleicht wird man unvernünftig, wenn keine Kinder da, sind, die einen dazu zwingen, erwachsen zu sein?

Ferien

Ferien. Zum ersten Mal seit bald acht Jahren sechs Tage ohne Kinder. Alles ist perfekt organisiert. Die Kinderbetretreuung topmotiviert, der Kühlschrank voll mit lauter ungesundem Esssen, die Taschen gepackt, die Kinder gesund. Der Abschied fällt leichter als erwartet und so kann man endlich alles mal hinter sich lassen und sich erholen.

Nach kurzer Fahrt Ankunft im Hotel, einem Familienhotel, denn ein kalter Entzug wäre vielleicht doch etwas viel. Alles läuft reibungslos, das Zimmer ist perfekt. Endlich einmal Zeit, das zu tun, was man schon lange wollte: Krank sein! Das Gepäck ist noch nicht ausgepackt, da beginnt man zu frösteln, nach dem ersten Rundgang durchs Hotel schmerzen sämtliche Glieder, eine halbe Stunde später liegt man im Bett, die Decke weit über die Ohren gezogen.

Am nächsten Tag mit heiserer Stimme der erste Anruf zu Hause. Die Tochter hat Fieber, leidet an Heimweh, der Zweitjüngste macht auch schon an einer Erkältung herum und der Jüngste will nicht essen. Nur der Älteste ist zufrieden. Er durfte Jakobsmuscheln essen. Die Fertigmenus vergammeln derweil im Kühlschrank.

War es wirklich richtig, zu verreisen? Soll man nicht besser nach Hause gehen? Leiden die Kinder nicht zu sehr? Die Fragen beantworten sich von selbst: Wir sind eingeschneit. Und das im April.