Romantisch?

Die Wellnesstempel in der Schweiz haben aufgerüstet, mit langweiligem Thermalbaden, wie man es in meiner Kindheit noch tat, gibt sich kein Kunde mehr zufrieden. Speziell muss es sein, oder zumindest danach klingen. Die Sauna, die „Meiner“ und ich gelegentlich besuchen, wirbt zum Beispiel jeden Dienstag mit einem romantischen Abend mit Kerzenschein & Co. In der Realität sieht dieser romantische Abend dann so aus:

Da hat es erst mal ganze Rudel von alleinstehenden Männern, die sich zum Schwitzen und Quatschen treffen. Während des Aufgusses fühlt es sich deshalb an, als wäre man in eine Stammtischrunde geraten, bei der jeder dem anderen beweisen will, wie hart er ist. Wieherndes Gelächter und doofe Sprüche, als der Mitarbeiter, der für warme Luft sorgen soll, sein Hüfttuch verliert. Die wenigen Paare erkennt man an diesem Abend daran, dass sie sich verzweifelt an ihn klammert, damit er nicht plötzlich von der fröhlichen Männerrunde mitgerissen wird und sie alleine im Dampfbad – Sauna ist ihr zu heiss – schmoren lässt. Für das Romantikprogramm sorgt ein Alleinunterhalter, der abwechslungsweise auf der Querflöte, am Saxophon oder singend das komplette Schnulzen-Repertoire der vergangenen siebzig Jahre zum Besten gibt. Eine Geräuschkulisse also wie in einer Hotellobby in den Neunzigern, die „Meinen“ dazu veranlasst, so zu tun, als würde er mitsingen, was ich ihm aber verbiete, da er den Kerl nicht ermutigen soll, noch lauter zu heulen. Kerzen sucht man übrigens vergeblich, dafür hat es ein paar Feuerschalen mit lodernden Scheiten im Aussenbereich, um die sich die Raucher zu einer geselligen Runde versammeln. 

Eine wirklich eigenartige Vorstellung von Romantik haben die, aber mir ist das eigentlich egal. Ein Abend ganz alleine mit „Meinem“ ist romantisch genug für mich. 

oggi conto le lenticchie; prettyvenditti.jetzt

oggi conto le lenticchie; prettyvenditti.jetzt

An die Menschen, die ähnlich denken wie ich…

Genau wie ich regt ihr euch auf über dieses unerträgliche Geschwätz von Toni, Christoph, Christoph, Roger und Konsorten. Ihr könnt es kaum ertragen, wenn sie so tun, als würden sie die Interessen von uns allen vertreten. Ihr schämt euch, wenn ihr im Ausland in den gleichen Topf geworfen werdet wie sie. Ihr wollt eine andere Schweiz als sie und darum setzt ihr fröhlich euer „Gefällt mir“, wenn irgendwo in den sozialen Medien ein kritischer Beitrag über sie veröffentlicht wird. Leisten sie sich Geschmacklosigkeiten, schreit ihr entrüstet auf. Satire, die sich gegen sie richtet, findet ihr zum Brüllen komisch.

Wenn ich mich so umsehe und umhöre, habe ich den Eindruck, es gebe viele von euch, ich sei bei Weitem nicht die einzige, die sich ärgert. Und doch stehen sie an so vielen Wahl- und Abstimmungstagen als grinsende Sieger da. Wieder haben sie die Mehrheit hinter sich. Nicht die Mehrheit der Bevölkerung, wie sie gerne behaupten, sondern die Mehrheit jener, die sich dazu bequemt haben, den Zettel auszufüllen und einzuwerfen. Okay, ich weiss, die anderen, die in Bern mitmischen, sind alles andere als perfekt und auch ich kenne keine Partei, die voll und ganz das vertritt, was ich für richtig halte. Aber man kann doch nicht vier Jahre lang lästern, bei jeder verlorenen Abstimmung bestürzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, sich für Volksentscheide schämen und dann den Wahlzettel ins Altpapier schmeissen.

Darum meine Bitte an euch, die ihr euch zwischen den Wahlen über Toni & Co. grün und blau ärgert: Füllt diesen elenden Wahlzettel aus – von mir aus auch mit Namen aus dem bürgerlichen Lager – und werft ihn ein. Nur mit Katzenjammer und Spott ist es nämlich nicht getan. 

peperoni freddi; prettyvenditti.jetzt

peperoni freddi; prettyvenditti.jetzt

Jetzt wird es richtig kompliziert

Sommerferien 1999:

„Wollen wir nicht doch noch ein wenig wegfahren?“, fragte ich „Meinen“ eines schönen Morgens. „Warum nicht? Hast du eine Idee, wohin?“, antwortete er. „Hmmm, man sagt, Sardinien sei noch schön“, gab ich zurück. Wir starteten den Computer auf, um ins Internet zu gelangen, was damals noch eine ganze Weile dauerte, suchten nach ansprechenden Angeboten, was ebenfalls eine ganze Weile dauerte, weil die Verbindung zu jenen Zeiten noch sehr sehr langsam war, doch irgendwann fanden wir eine halbwegs vertrauenswürdige Seite, auf der man Fährverbindungen buchen konnte. Drei Tage später waren wir unterwegs nach Sardinien, fünf Tage später überlegten wir uns, ob wir die Insel nicht wieder fluchtartig verlassen sollten, weil wir die Langeweile des Strandlebens kaum aushalten konnten. Wir entschlossen uns, zu bleiben und klapperten in der Folge sämtliche Museen Sardiniens ab, um uns irgendwie die Zeit bis zur Rückreise totzuschlagen. 

Sommerferien zwischen 2001 und 2009:

Viel wichtiger als das Ziel waren die Dauer des Anfahrtsweges, die Babyausstattung am Ferienort und die Möglichkeit, sich zweimal am Tag an einen gedeckten Tisch setzen zu können. Ziemlich kleinkariert, fanden wir, für spannendere Dinge waren wir aber schlicht zu müde. Ziemlich kompliziert, fanden wir auch, denn das Kofferpacken fühlte sich jeweils an, als würden wir in den Dschungel auswandern und nicht etwa, als würden wir für zwei Wochen ins Nachbarland fahren. 

Sommerferien zwischen 2010 und 2015:

Reiseziel aussuchen, im Internet Ferienhäuser anschauen, buchen, Transport organisieren, Koffer packen, abreisen, Ferien geniessen. Fast so einfach wie in kinderlosen Zeiten, wenn auch mit etwas mehr Gepäck. Würde es so weitergehen, kämen wir glatt in Versuchung, uns allmählich nach etwas exotischeren Reisezielen umzusehen, weil es ja inzwischen so gut läuft mit den Familienferien.

Aber eben, es wird nicht so weitergehen, denn nächsten Sommer wird es kompliziert: 

Zuerst einmal sind da die verschobenen Feriendaten. Die Kinder müssen eine Woche länger durchhalten als „Meiner“, dafür werden sie noch in den Federn liegen, wenn er nach den Sommerferien seine neuen Schüler begrüsst. Auf dem Papier sind das immerhin vier gemeinsame Ferienwochen. In der Praxis aber gehen zwei dieser vier Wochen für Ferienlager drauf, die unsere Kinder um nichts in der Welt verpassen wollen. Je nachdem, in welcher Ferienwoche diese Lager stattfinden, bleiben uns eine oder zwei Wochen, um gemeinsam zu verreisen. Okay, theoretisch könnten wir die Kinder natürlich dazu zwingen, sich unserem Programm anzupassen, aber unser Leidenswille ist nicht gross genug, um uns einen Sommer lang anzuhören: „Eigentlich könnte ich jetzt mit meinen Freunden am Lagerfeuer sitzen, aber ihr habt mich ja dazu genötigt, mit euch an diesen öden Ort zu fahren. Ich werde jetzt vier Wochen lang schmollen. Und glaubt bloss nicht, dass ich mit euch in dieses doofe Museum komme.“ Dann stellt sich natürlich auch die Frage, was wir mit den Kindern anstellen, die während der Lagerwochen zu Hause bleiben. Ein Spezialprogramm organisieren, das die Abtrünnigen vor Neid erblassen lässt? Oder doch lieber jemanden suchen, bei dem sie unterkommen können, damit wir mal ein paar Tage für uns haben? Was dann allerdings die Gefahr mit sich brächte, dass wir völlig kopflos spontan irgendwo hin verreisen, nicht wissen, was wir dort anstellen sollen und dann wären wir fast wieder dort, wo wie angefangen haben. 

sorgenfrei; prettyvenditti.jetzt

sorgenfrei; prettyvenditti.jetzt

Lieblingsmoment

Nicht immer endet Prinzchens Tag so, wie er es eigentlich gerne hätte. Mal verbiete ich ihm, abends um neun, wenn er eigentlich schon längst im Bett sein sollte, bei Grossmama anzuklopfen und zu fragen, ob er bei ihr übernachten darf, mal haben die grossen Geschwister sämtliche Zimtwecken weggefuttert, mal verbieten wir die letzte Runde mit dem Velo, weil es draussen bereits dunkel wird. Wenn der Tag mies endet, braucht Prinzchen Trost, um einschlafen zu können und Trost bekommt er in solchen Momenten am liebsten in Form der immer gleichen schwedischen Kinderlieder. Lieder, die er nun schon seit mehr als zwei Jahren zu hören bekommt und die er doch immer und immer wieder vorgesungen haben will. Früher jeden Abend, jetzt nur noch, wenn er findet, es habe sich mal wieder alles gegen ihn verschworen.

Die stets gleichen Melodien vertreiben seine Traurigkeit im Nu, so dass er bald wieder zufrieden in seinem Bett sitzt und Bilderbücher anschaut oder Kapla-Türme baut. Ganz selten nur noch gesellt sich dann die Müdigkeit zu ihm, sein Kopf wird schwer, sinkt auf den Bären, der noch immer Prinzchens liebstes Kopfkissen ist, die Augenlider beginnen zu flattern und bald schläft er selig lächelnd ein. Ein heiliger Moment, in dem ich so überaus dankbar bin, dass ich meinem grossen kleinen Jungen noch immer hin und wieder den Kummer von der Seele singen darf. 

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Herbstferien

Luftschloss:

Ganze Tage im Garten arbeiten, viel Zeit mit Freunden verbringen, ein paar Ausflüge machen oder vielleicht auch zwei Tage wegfahren, ein wenig ausschlafen, wenn es mit dem Garten gut vorangeht, damit anfangen, die Küche aufzumöbeln.

Realität:

Kinderärztin mit Luise, Physiotherapie mit Luise (4 x), Spezialärztin mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten (2x), Zaharzt („Meiner“), Spezialärztin (nicht die gleiche wie vorher, da für „Meinen“), tagelang über die Hochbeetfrage diskutieren, anstatt Hochbeete zu bauen (Okay, die Frage ist jetzt ausdiskutiert und falls es hinhaut, wird es guuuut), Hetbstschuhe kaufen, aufräumen, putzen, arbeiten, Rechnungen bezahlen, neues Handy für Luise ersteigern (alleine dies wäre eigentlich ein Fulltime-Job), Klaviertransport organisieren (auch das beinahe ein Fulltime-Job, weil der Transporteur sich rar macht) neuen Fernseher installieren… und das alles sind natürlich nur die Fixpunkte, dazwischen gibt es zu klären, wer wann ans neue Klavier darf, wer sich am Magenbrot vergriffen hat, wie man Zoowärters Albtraum bekämpft, woher man spät abends Lesenachschub für den FeuerwehrRitterRömerPiraten bekommt und wie man Prinzchens Quetschung an den Fingern am besten lindert. Business als usual also und ich frage mich, warum ich nach fast fünfzehn Jahren Familienleben noch immer blöd genug bin, zum Ferienbeginn Luftschlösser zu bauen. 

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Ganz schön kindisch

Neulich schrieb ich über Geschwisterkonstellationen (das Resultat meiner Arbeit könnt ihr hier nachlesen) und wie ich beim Durchackern von Fachliteratur feststellte, ist das Thema nicht ganz unumstritten. Das Spektrum reicht von „Geschwister haben nicht den geringsten Einfluss“ bis zu „Nenn mir deine Position in der Geschwisterfolge und ich sage dir, wer du bist“. Ich selber stehe mit meiner Meinung irgendwo zwischen diesen zwei Extremen, sehe ich doch in meinem familiären Umfeld die Thesen mal glasklar bestätigt, dann wieder eindeutig widerlegt. Soweit die Theorie. In der Praxis…

…fing ich an, über Erstgeborene zu schreiben, was ich ganz und gar sachlich und emotionslos tun konnte.

…schrieb ich weiter über Zweitgeborene, was zwar nicht ganz so einfach war, aber immer noch ganz und gar sachlich vor sich ging.

…schrieb ich über Sandwichkinder, was mir erstaunlich leicht von der Hand ging, was wohl daran lag, dass auch hier nicht ein Hauch von Emotionen im Spiel war. 

Tja, und dann kam ich zu den Jüngsten…Himmel, was musste ich mich zusammenreissen! „Die Jüngsten werden immer für verwöhnt gehalten“, wollten meine Finger in die Tasten hauen, „aber das stimmt überhaupt gar nicht, denn die bekommen immer nur aufs Dach von ihren grossen Geschwistern. Nie werden sie für voll genommen, andauernd quält man sie mit Ratschlägen und die Freiheiten, die sich die Grossen ganz selbstverständlich rausgenommen hatten, wollen sie beim Jüngsten verboten sehen, weil sie inzwischen selber so furchtbar erwachsen und vernünftig geworden sind. Schule ist für Jüngste grundsätzlich öde, weil sie den ganzen Kram schon hundertmal von den grossen Geschwistern gehört haben und nie geht man mit ihnen in den Zoo, weil die Eltern die Nase voll haben davon, zum hunderttausendsten Mal zu sagen: ‚Sieh mal, ein Baby-Elefäntchen! Ist das nicht süss?‘ Beachtung gibt’s nur, wenn man den Clown macht, ansonsten gilt man als lästiges Anhängsel. Jeder meint, es sei wunderbar, ein Nesthäkchen zu sein, dabei ist es die doofste Position von allen. Es sei denn, man bringe es fertig, einen auf schwach und unbeholfen zu machen, damit sie gezwungen sind, einem aus der Patsche zu helfen.“ 

Fragt nicht, wie ich es hingekriegt habe, doch noch eine halbwegs objektive Sicht der Dinge zu formulieren. Auf jeden Fall weiss ich jetzt, dass das Nesthäkchen in mir nicht nur äusserst lebendig, sondern auch ganz schön kindisch ist. 

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Bitte nicht die Mottenkiste!

Schon früh wusste ich: Wenn ich mal nicht mehr ganz jung wäre, dann würde ich zu den Menschen gehören, die der Jugend keine Steine in den Weg legen. Ich würde mich freuen an ihrem Drang, die Welt verändern zu wollen, würde ihnen den Rücken stärken, wenn andere Leute meiner Generation sich gegen ihre Anliegen stemmten und hätte stets ein offenes Ohr für ihre Sicht der Dinge. 

Sofern Jugendliche mehr oder weniger ticken wie ich, bin ich tatsächlich so, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber in meinen rosaroten Träumen rechnete ich nicht mit einem Phänomen, das ich in letzter Zeit – vor allem im kirchlichen Bereich, aber auch anderswo – beobachte. Da gibt es junge Menschen, die sich an der Mottenkiste, die wir unter grossen Mühen und nach vielen Kämpfen mit der älteren Generation endlich auf den Estrich verfrachtet hatten, zu schaffen machen. Nun ja, das an sich wäre nichts Besonderes, denn auch wir haben hin und wieder in den alten Sachen unserer Vorväter herumgewühlt, allerdings haben wir uns dabei halb krank gelacht. Heute aber begegne ich manchmal sehr ernsthaften jungen Menschen, die dem, was sie in der Mottenkiste finden, gerne wieder einen Ehrenplatz einräumen möchten. „Sieh mal, wie edel, wie schön, wie gut“, sagen sie zueinander. „Warum nur war die Generation vor uns so kurzsichtig, das Zeug auf dem Estrich verschwinden zu lassen? Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass diese Sachen wieder ihren gebührenden Platz bekommen.“ 

Ich kann sie ja verstehen, die jungen Menschen. Auf den ersten Blick sehen die Dinge, die wir ihrer Meinung nach achtlos entsorgt haben, wirklich beeindruckend aus und in einer Welt, in der man manchmal nicht mehr weiss, was man denken soll, weil alles drunter und drüber geht, verleihen sie einem ein Gefühl der Sicherheit. Dass diese Sicherheit, die heute so verlockend aussieht, für uns einher ging mit einer bedrückenden Enge, mit verurteilender Härte, mit zerstörerischer Angstmacherei, können sie nicht wissen, solange sie uns nicht fragen, warum wir uns von diesen Dingen getrennt haben, ja, haben trennen müssen, um halbwegs frei durchs Leben gehen zu können. Sie haben keinen Schimmer, was es in einigen von uns auslöst, wenn wir uns plötzlich wieder mit Gespenstern einer Vergangenheit konfrontiert sehen, die wir so gerne hinter uns lassen möchten.

In ihren Augen sind wir die Engstirnigen, die nicht gesehen haben, wie wertvoll das alles war, denn für sie ist es neu und aufregend. In unseren Augen sind sie die Unvorsichtigen, die nicht wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie die Büchse der Pandora öffnen.

Ich muss mir wohl eingestehen, dass die Sache zwischen den Generationen nicht ganz so einfach ist, wie ich mir das früher jeweils vorgestellt habe. Zumindest dann nicht, wenn manche Jugendliche konservativer sind als wir. 

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Nebenschauplatz

Zum Streiten kommt man in so einer Ehe mit Kindern ja nicht mehr richtig. Sind die Kinder noch wach, wird ihnen Angst und Bange, wenn Mama und Papa einander gegenseitig anbrüllen und mit Tellern um sich schmeissen. Sind die Kinder im Bett ist man zu müde, um sich noch Gehässigkeiten an den Kopf zu werfen. Sollte man es tatsächlich mal schaffen, ein paar Stunden ohne Kinder zu sein, gibt es noch so viele andere Dinge zu tun, dass Streit nicht den ersten Platz auf der Prioritätenliste einnehmen kann. Also muss man die Kämpfe, die ja irgendwie zu einer funktionierenden Beziehung dazugehören, auf einem Nebenschauplatz austragen. Bei uns ist das aktuell gerade der Garten.

Ich demontiere ganz und gar respektlos die potthässliche, instabile, klotzige Rankhilfe, die er vor einem oder zwei Jahren in mühevoller Kleinarbeit gebaut hat. 

Um sich an mir zu rächen, führt er das Mäuerchen des Halbrundbeetes einfach zur anderen Seite des Gartenpfades weiter, obschon ich ihm klipp und klar gesagt habe, dass ich das nicht haben will. Und dann erwartet er auch noch Komplimente, für sein unglaublich tolles Gartendesign.

Ich würde mir natürlich lieber die Zunge abbeissen, als ihm das erwünschte Kompliment zu schenken. (Obschon das Resultat seiner Bemühungen ganz ansprechend aussieht, aber wehe, einer von euch verrät mich!)

Er kritisiert, ich hätte das Moorbeet ganz und gar falsch angelegt. Nicht dass er etwas vom Anlegen von Moorbeeten verstünde –  den Ratgeber habe ich gelesen -, aber optisch passt es dem Herrn Gemahl nicht. 

Dann ändere ich halt die Form des Moorbeets, weil ich diese Niederlage aber nicht einfach so einstecken kann, schnappe ich mir das einzige gerade auffindbare Schäufelchen und buddle Tulpenzwiebeln in den Boden, wohl wissend, dass er ohne das Schäufelchen an seinem Mäuerchen nicht weiter werkeln kann. (Das hat man eben davon, wenn man ohne Rücksprache mit mir längere Mäuerchen baut und an meinen Moorbeeten rummäkelt.)

Irgendwann gelingt es ihm, sich das Schäufelchen zu schnappen und dann stehe ich da mit meinen Tulpenzwiebeln und weiss nicht, wie ich die in den Boden bringen soll und dann beginne ich zu jammern, weil das zweite Schäufelchen mal wieder spurlos verschwunden ist und daran ist ganz bestimmt nur „Meiner“ schuld, denn der schiebt ja immer die Steine von einem Ort zum anderen, anstatt sie endlich zu entsorgen, aber das sage ich natürlich nicht laut, sonst würden wir ja offen streiten. 

Ihn lässt das alles kalt, denn er muss jetzt schaufeln, sonst trocknet der Mörtel ein. 

Die Menschen, die am Haus vorbeigehen, freuen sich an dem netten Paar, das in froher Eintracht in der Erde wühlt, die kleineren Kinder machen fröhlich den Handlanger, die grösseren Kinder plündern oben in der Wohnung den Kühlschrank und keiner merkt, dass wir einen erbitterten Kampf austragen, weil wir bei all dem nicht ein einziges böses Wort verlieren. Warum sollten wir auch, wo doch das Resultat unseres kleinen Machtkampfes durchaus ansprechend aussieht? (Also ja, mal abgesehen von dem verlängerten Mäuerchen, das ich im Kreise der Familie erst dann als schön bezeichnen werde, wenn „Meiner“ vergessen hat, wie sehr ich mich gegen seine Idee gestemmt habe.)

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Darf man noch…?

Eines Tages würde wieder einer diese Frage stellen, das wusste ich ganz genau. Na ja, „wissen“ ist vielleicht das falsche Wort, ich ahnte es wohl eher, als die Dinge auf dieser Welt anfingen, so aus dem Ruder zu laufen, dass wir nicht mehr einfach so tun konnten, als ginge uns das alles nichts an. Ich habe sie kommen sehen, diese Frage, weil sie mir in meinem Leben schon unzählige Male begegnet ist, mal garniert mit einem Hauch Selbstgerechtigkeit, dann wieder gewürzt mit dem unverkennbaren Geschmack einer tiefen inneren Zerrissenheit. „Darf man noch…? Wo doch die im Ostblock…?“, hiess es in meiner Kindheit. „Darf man noch…? Wo doch in Nordkorea….?“, fragte man etwas später. „Darf man noch…? Wo doch in Syrien…? In Griechenland…? In Eritrea…?“, lautet die Frage heute.

Berechtigte Fragen, finde ich, denn immer nur so tun, als ginge uns das alles nichts an, das geht nicht. Einfach nur ans eigene Vergnügen denken, wo doch andere ums nackte Überleben kämpfen, ist meiner Meinung nach schlicht und ergreifend unanständig. Und doch geht mir dieses „Darf man noch…?“ zuweilen gehörig auf den Geist. Wenn Menschen auf die kleinen Freuden ihres Alltags verzichten, nicht etwa, weil sie die gewonnene Zeit dazu verwenden, um etwas zu bewirken, sondern einfach nur, um ihr Gewissen zu beruhigen, dann bringt das nicht nur keinem etwas, sie machen sogar die Welt ein kleines bisschen schlechter, weil sie mit ihrer Leidensmiene anderen den Tag vermiesen. 

Darum sind mir Menschen lieber, die fragen: „Was kann ich…?“ Die machen nicht nur die Welt ein klein wenig besser, die erlauben sich auch, etwas zu dürfen, nachdem sie getan haben, was sie konnten.

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Mode für die Frau ab ääähm 12

Luise ist im Klassenlager, weil aber im Klassenlager wandern angesagt ist und Luise noch immer mit Gips unterwegs ist, habe ich heute Hütedienst in der Westschweiz. Luise zu hüten bedeutet, durch die Kleiderläden zu ziehen und Geld loszuwerden. Kleiderläden, die für heutige Teenager attraktiv sind, sehen in dieser Saison aus, wie Kleiderläden für die Generation 50+ aussahen, als ich ein Teenager war. Also so:

Gesteppte Daunengilets in Bordeaux, Marineblau und Schlammbraun

Hosen in den dazu passenden Farben, wenn’s ganz bunt sein soll, vielleicht noch in Senfgelb

Pullover mit Rosenaufdruck

Kleider mit Mustern, die irgendwie an Erbrochenes erinnern

Karohemden fürs Country-Konzert

Blazer im Hahnentrittmuster

Blümchenblüschen

Kunstpelzbesetzte Parkas in Schlammgrün, wie ich sie zuletzt vor Jahren in einer BBC-Doku über die Fuchsjagd gesehen habe (Diese Doku habe ich mir nur aus Höflichkeit angesehen, weil Schwiegermama irgendwann mal erkannt hat, dass ich kein italienisches Fernsehen mag, weshalb sie auf BBC umschaltete, denn ohne Fernsehen kann man ihrer Meinung nach unmöglich glücklich sein.)

Fehlen nur noch die Mephisto-Schuhe, der Faltenrock und der Pullunder und die Ü-50-Kluft meiner Jugendzeit wäre komplett. Luise, die natürlich nicht wissen kann, was ich weiß, fragt mich allen Ernstes, was sie sich von dem Zeug kaufen soll und mir fällt nichts anderes ein als: „Kind, spar dir dein Geld, bis der Neokonservatismus nicht mehr in Mode ist. Kannst doch nicht rumlaufen wie eine Oma.“

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