Die Instagram-Krise

Keine Frage, unsere Teenager befinden sich derzeit auf Konfrontationskurs. Kaum hat sich die Zahnfee-Krise gelegt, ist heute die Instagram-Krise ausgebrochen. Schuld daran ist einzig und alleine Luises Fleiss, der sich in letzter Zeit ganz gewaltig entwickelt hat. Das Kind hat sich ein Ziel gesetzt und um dieses Ziel zu erreichen, muss sie sich hinter die Bücher machen. Das haben nicht wir ihr gesagt, das hat sie selbst begriffen und darum lernt sie mit einem Eifer, den sie gewöhnlich nur für neue Schuhe, neugeborene Tiere, die Jungschar oder Familienfeste aufbringt. (Himmel, wie schafft sie das nur, sich im zarten Alter von elf Jahren nicht nur Ziele zu setzen, sondern diese auch zu verfolgen? Ich musste erst mal fünfzehn werden, einen anständigen Mathelehrer bekommen und mich von einigen schlechten Einflüssen distanzieren, ehe ich in der Lage war, mir zum Ziel zu setzen, wenigstens in Deutsch, Geschichte, Englisch und Französisch ganz vorne mitzumischen.)

Nun also, wo sie so fleissig war und sich die ersten Früchte ihrer Arbeit zeigten, war für Luise die Zeit gekommen, sich eine Belohnung zu gönnen und diese Belohnung sollte auf den klingenden Namen Instagram hören. Die hat sie sich dann auch sogleich ohne Rücksprache mit uns heruntergeladen und in Betrieb genommen. Nun gut, Luise behauptet natürlich, ich hätte die Erlaubnis erteilt. Offenbar verstand sie mein „Lass uns mal in Ruhe darüber sprechen“, das ich zwischen Tür und Angel aussprach, als „Aber natürlich darfst du dir Instagram herunterladen. Und wo du schon dabei bist, könntest du dir doch auch noch ein Facebook-Profil einrichten.“ Mit glänzenden Augen teilte sie mir heute mit, sie hätte bereits drei Freunde auf Instagram und werde jetzt dann gleich noch den Papa anfragen. Ob ich wisse, wie der auf Instagram heisst. 

Ich war nicht gerade erfreut ob dieser Nachricht, war aber nach einigem Nachdenken gewillt, Luise diese Belohnung zu gönnen. Immerhin wird sie in ein paar Monaten zwölf und da sie sich der Gefahren von Social Media nicht nur bewusst ist, sondern diese auch sehr ernst nimmt und mir freiwillig alles Unangenehme, das ihr bei WhatsApp begegnet, haarklein schildert, glaubte ich, ihr Instagram zutrauen zu können. „Meiner“ sah das ähnlich und Luise durfte ihre weiteren Schritte auf Instagram mit elterlicher Genehmigung machen. Zu dumm, dass Luise schon bald einmal ihrem grossen Bruder in die virtuellen Arme lief  – war vielleicht nicht besonders schlau von ihr, sein Bild zu liken – und dieser war alles andere als erfreut über die Begegnung mit seiner Schwester. 

Das Gewitter der Entrüstung entlud sich natürlich über mir. Nie habe ich ihm etwas erlaubt, immer musste er warten, bis ich endlich mein Einverständnis gab. Luise muss nicht mal fragen, er aber musste mich auf den Knien anflehen. Dann macht er ab jetzt eben auch einfach, was er will und nein, er wird mir nie verzeihen, egal, wie sehr ich mich darum bemühe, die Sache wieder ins Lot zu bringen, etc. Wer mit einem Teenager unter einem Dach lebt oder nicht vergessen hat, wie er selber mal war, kennt die Leier. Und diese Leier hat durchaus ihre Berechtigung. Stelle ich mich auf Karlssons Position, kann ich nämlich die Ungerechtigkeit, die ihn zur Weissglut treibt, durchaus erkennen.

Was also tun? Eigentlich haben „Meiner“ und ich mal klipp und klar gesagt, Social Media gäbe es erst ab dem Alter, ab dem der jeweilige Dienst freigegeben ist und Luise hat diesen Entscheid untergraben. Andererseits gab es für Karlsson, als er in Luises Alter war, ein eigens für ihn ausgedachtes Mathe-Lern-Belohnungssystem, das Luise weder will noch braucht, weil sie sich selber motiviert. Ein Entgegenkommen in Sachen Instagram wäre also durchaus vertretbar…

Uns stehen wohl noch ein paar harte Krisengespräche bevor, ehe wir zu einem für beide Seiten fairen Entscheid gelangt sind. Immerhin aber haben die ersten Gespräche am runden Tisch bewirkt, dass die Zwei sich nicht mehr gegenseitig anknurren, wenn sie einander im Flur begegnen.

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Schlechtes Vorbild

Zuerst war’s ja noch ganz in Ordnung. Mit dem Anschleppen von Regenwürmern anstelle von Mäusen und Singvögeln zeigte sie meiner Meinung nach sogar so etwas wie ein ökologischen Bewusstsein. Es sah fast so aus, als ahnte sie, dass die Unmengen von Katzen, die in unseren Quartieren spazieren, das ökologische Gleichgewicht allmählich etwas überstrapazieren. 

Auch die Phase mit den Plastiksäcken konnte ich ihr noch halbwegs nachsehen. Gut, ich war nicht gerade erfreut über die zerfetzten Znünisäckli, die jeden Tag vor unserer Wohnungstür lagen. Immerhin aber nahm sie mir so die Arbeit ab, selber durchs Gebüsch zu kriechen um aus unserem Garten zu entfernen, was meine eigenen und die unzähligen fremden Schulkinder, die an unserem Haus vorbeigehen, liegen lassen. 

Die Holzphase, die dann folgte, war sogar ganz in Ordnung. So musste „Meiner“ nicht immer alles selber anschleppen, was er für seine Fotoprojekte braucht. 

Jetzt aber geht sie eindeutig zu weit. Nach dem zweiten Päckli „Marlboro Gold“ vor der Tür unseres Nichtraucherhaushaltes wird es Zeit für ein klärendes Gespräch mit Katzenmama Henrietta. Was gibt sie denn ihren Teenie-Töchtern für ein Vorbild ab? Und sie soll mir bloss nicht mit der Ausrede kommen, sie sei eben die überschüssigen Pfunde von der letzten Schwangerschaft nicht losgeworden und hätte darum angefangen. 

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Kleinkariert

Nun soll es also in der Innerschweiz dem Frühfranzösisch am den Kragen gehen. Zu anspruchsvoll für die Kinder, zu gering der Erfolg und überhaupt ist Englisch heutzutage viel wichtiger. Zugegeben, ich kann die Zweifel an der Methode, wie unseren Kindern Französisch beigebracht wird, durchaus nachvollziehen. Auch ich frage mich ernsthaft, wozu der FeuerwehrRitterRömerPirat drei zusätzliche Stunden in der Schule sitzt, wo er doch nach etwas mehr als einem Jahr nicht viel mehr als „Bonjour, je m’appelle FeuerwehrRitterRömerPirat et je parle un peu de Français“ fehlerfrei sagen kann. Dennoch stehe ich voll und ganz hinter der Idee, die Kinder früh mit Fremdsprachen – insbesondere mit Französisch – in Berührung zu bringen. 

Ja, ich weiss, das Französisch ziert sich gerne, wenn man versucht, es sich anzueignen; es zeigt sich längst nicht so zugänglich wie das Englisch, das vorgibt, fast gleich wie das Deutsch zu sein. Obendrein zwingt es einen, bei gewissen Lauten so zu tun, als hätte man sich eine schlimme Halskrankheit zugezogen. Erst wenn man die Sprache ein wenig beherrscht, zeigt sich ihre wahre Schönheit und bis es soweit ist, müssen sogar die Sprachbegabten unter uns ein wenig leiden.  Aber wir leben nun mal in einem Land, in dem man nur wenige Kilometer fahren muss, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, die lieber beurre als Butter auf ihr Brot schmieren und da ist es meiner Meinung nach absolut peinlich, wenn man sich mit seinen Landsleuten auf Englisch unterhalten muss, weil das die einzige gemeinsame Sprache ist, die man spricht. 

„Aber die Romands geben sich ja auch keine Mühe, Deutsch zu lernen“, begehren jene auf, die den Französischunterricht bei jeder Gelegenheit geschwänzt haben. Sie beklagen sich über das – angebliche? – Desinteresse der Welschen, ohne zu merken, dass sie das, was sie den anderen ankreiden, ebenso sich selber vorwerfen könnten. Und ein paar Sätze später beginnen sie dann zu schwärmen, wie herrlich romantisch doch dieses Rumantsch sei und wie viel besser es doch wäre, man würde das in der Schule lernen. Eine äusserst kleinkarierte Haltung von Menschen, die in einem Land leben, das sich seiner Vielsprachigkeit rühmt, finde ich. Leider aber auch eine weit verbreitete und darum fürchte ich, es wird noch eine ganze Weile dauern, bis jeder Schulabgänger ganz selbstverständlich mindestens zwei unsrer vier Landessprachen halbwegs anständig beherrscht. 

(Und ja, Englisch ist auch wichtig. Aber es spricht ja nichts dagegen, sich mehr als eine Fremdsprache anzueignen.)

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Die Zahnfee-Krise

Gestern Abend, kurz vor zehn Uhr, Luise kommt zu mir in die Küche: „Mama, der Zoowärter hat einen Zahn verloren und ihn unter sein Kopfkissen gelegt, damit die Zahnfee ihn holen kommt. Du musst ihm unbedingt ein kleines Geschenk unters Kissen legen.“

Ich: „Warum soll ich jetzt plötzlich die Zahnfee spielen? Das habe ich bei euch doch auch nie gemacht.“

Luise: „Wenn du wüsstest, wie sehr ich immer gehofft habe, die Zahnfee würde kommen…“

Ich: „Du armes Kind! Warum hast du mir nichts davon gesagt? Nicht im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, dass du an die Zahnfee glaubst. Woher auch? Ich habe euch diesen Bären ja nicht aufgebunden. Es tut mir ganz schrecklich leid…“

Luise (unterbricht mich): „Ist schon okay, Mama. Aber der Zoowärter muss unbedingt etwas bekommen. Er wünscht es sich doch so sehr. Stell dir vor, wie traurig er sein wird, wenn morgen der Zahn noch immer unter dem Kissen liegt.“ (Irre ich mich, oder schwingt in Luises Stimme ein Hauch von bitterer Erfahrung mit?)

Ich: „Na gut, dann leg ihm eben dieses Fläschchen Fruchtnektar unters Kopfkissen.“

Heute Morgen am Frühstückstisch. Der Zoowärter streckt mir freudestrahlend den Fruchtnektar entgegen: „Sie mal, Mama, die Zahnfee war bei mir!“

Karlsson: „Die Zahnfee war hier? Zu mir ist die nicht ein einziges Mal gekommen und dabei habe ich mir das immer so sehr gewünscht.“

Ich: „Aber Karlsson, warum hast du mir das denn nie gesagt?“

Karlsson: „Abend für Abend habe ich meine ausgefallenen Zähne unter mein Kopfkissen gelegt und Morgen für Morgen war ich enttäuscht, weil kein Geschenk unter dem Kopfkissen lag…“

Zoowärter: „Aber zu mir ist sie gekommen!“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Zu mir ist sie nur ein einziges Mal gekommen. Sie hat mir Smarties gebracht.“

Karlsson: „Und zu mir nicht ein einziges Mal. Bei den Kleinen macht man plötzlich Dinge, an die bei mir keiner gedacht hat.“

Ich: „Ich hätte überhaupt nichts gemacht, wenn Luise mich nicht bestürmt hätte.“

Karlsson: „Es ist trotzdem unfair.“

Ich: „Natürlich ist es das und es tut mir auch ganz schrecklich leid, aber ich wusste doch gar nicht, dass du an die Zahnfee glaubst. Glaub mir, hätte ich gewusst, wie sehr du dir das wünschst, ich hätte dir sofort etwas unters Kopfkissen gelegt. Es tut mir wirklich von Herzen leid. Aber ich habe euch doch immerhin sonst mal die eine oder andere Überraschung geboten…“

Karlsson: „Ja schon, aber die Zahnfee ist halt trotzdem nie gekommen…“

Irgendwann verlief das Gespräch im Sande und ich blieb alleine mit meinem schlechten Gewissen in der Küche zurück. Kein Zweifel, in Sachen Zahnfee habe ich komplett versagt, weil es mir nicht im Traum in den Sinn gekommen wäre, diesen mir vollkommen fremden Brauch zu pflegen. Und das Dümmste an der Sache ist: Ich kann es nicht wieder gut machen, indem ich bei den Kleinen nachhole, was ich bei den Grossen verpasst habe, ohne die Grossen vor den Kopf zu stossen. Die Zahnfee weiterhin ignorieren geht wohl auch nicht mehr, denn nach der heutigen Krise weiss auch das Prinzchen, was Kinder zu erwarten haben, wenn sie ihre Milchzähne verlieren. Mir bleibt also gar nichts anderes übrig, als auf diesem Gebiet weitere Fehler zu begehen.

Blöde Zahnfee.

Und zu mir ist sie auch nie gekommen. Nicht ein einziges Mal. 

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Bloggerfrust

Nein, keine Angst, das Bloggen ist mir nicht verleidet. (Na ja, vielleicht wären ein paar Menschen da draussen gar nicht so unglücklich, wenn ich endlich genug hätte davon…) Es gibt nur gewisse Tage, an denen ich etwas frustriert bin über das, was bei der Leserschaft ankommt.

Da brütest du tagelang über ein paar klugen Sätzen zu einem gesellschaftlich relevanten Thema. Du diskutierst mit „Deinem“ und mit anderen Mitmenschen, du schreibst, verwirfst, drehst und wendest und bevor du auf „Publizieren“ klickst, lässt du „Deinen“ noch einmal gegenlesen, damit deine Argumentation auch ganz bestimmt lückenlos und stringent ist. Ist das Kind deiner Gedanken endlich geboren, bist du fast ein wenig stolz auf das, was du geleistet hast. Zwar wirst du damit nicht die Welt verändern, aber immerhin hast du dafür gesorgt, dass ein paar hundert Leute durch deine Arbeit zum Mitdenken angeregt werden. Du kannst es kaum erwarten, bis die ersten Reaktionen kommen und du im virtuellen Austausch mit deiner Leserschaft anfangen kannst, an der Verbesserung der Welt zu arbeiten. Doch dann geschieht – nichts. Okay, vielleicht ein oder zwei „Gefällt mir“ auf Facebook, doch das war’s dann schon mit dem Austausch.

Schreibst du hingegen spät abends mit schlechtem Gewissen über die Zusammenführung von getrennten Sockenpaaren – Wen interessieren denn schon von meine Hausfrauenprobleme? -, hast du bereits am frühen Morgen Kommentare, „Gefällt mir“ und fröhlich grinsende Smileys.

Versteht mich bitte nicht falsch, ihr lieben Menschen da draussen, die ihr euch samstags im Morgengrauen die Mühe macht, mir zu erzählen, wie ihr das nervige Problem der hohen Sockenscheidungsrate in Angriff nehmt. Ich freue mich sehr über eure Beiträge und es rührt mich zutiefst, dass mein Geschriebenes euch zum Zurückschreiben motiviert. Es gibt mir ein sehr gutes Gefühl, zu wissen, dass ich über Dinge schreibe, die euch auch bewegen. Manchmal aber wüsste ich zu gerne, ob ihr auch durch die Artikel, in denen ich über weniger banale lebensnahe Dinge schreibe, zum Mitdenken angeregt werdet. Lasst es mich doch bitte hin und wieder wissen. Solange die Kommentare frei von Beleidigungen sind, freue ich mich darüber nämlich mindestens so sehr wie über eure Beiträge zu den getrennten Socken.

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Sockenpaare

Nach einer längeren Pause betätige ich mich seit einiger Zeit wieder in der Sockenzusammenführung. Die Pause war nötig geworden, weil ich es einfach nicht mehr länger mitansehen konnte, wie harmonische Sockenpaare scheinbar grundlos getrennte Wege gehen, manche erst nach mehreren Jahren, andere bereits kurz nach dem Einkauf. Es wollte mir beinahe das Herz brechen, wenn ich nutzlose Einzelsocken irgendwo in einem der vielen Winkel unserer Wohnung liegen sah und doch sah ich irgendwann keinen Sinn mehr darin, mich dem Kitten der gescheiterten Sockenbeziehungen zu widmen. Zwar konnte ich mich nicht dazu durchringen, die sitzengelassenen Einzelsocken zu entsorgen – dies tat jeweils „Meiner“, der in solchen Dingen weniger sentimental veranlagt ist als ich -, ich bot aber auch keine ausgedehnten Therapiesitzungen für Sockenpaare, die ihrer Beziehung eine neue Chance geben wollten, mehr an. Ich hatte schlicht und einfach resigniert ob der immensen Scheidungswelle. Meinen Kindern machte das übrigens nichts aus. Die schnappten sich einfach zwei Einzelsocken, die sich entfernt ähnlich sahen. 

Eine Weile lang ging das ganz gut so, doch in letzter Zeit begann ich mich zu fragen, ob es denn nicht doch einen Weg gäbe, die getrennten Socken wieder zusammenzuführen. Seither beauftrage ich die Sockenpatrouille wieder vermehrt, die Einzelsocken in den Kinderzimmern aufzuspüren. Die Patrouille zeigt sich nicht gerade begeistert über diesen Auftrag, doch durch einen gezielten Verzicht auf Sockenwaschen ist es mir gelungen, den Nachschub in den Kleiderschränken derart zu verknappen, dass sich die Patrouille gezwungen sieht, alles einzusammeln, was noch da ist. Die – gewöhnlich schmutzigen – Einzelsocken kommen gemeinsam mit den intakten Sockenpaaren in ein gesondertes Waschbecken, so dass keiner in Versuchung kommen kann, sich in Kissenbezügen, Hosenbeinen und dergleichen zu verkriechen. Ist das Sockenbecken voll, kommt alles in ein Waschnetz, um zu verhindern, dass sich trennungswillige Socken mithilfe der gefrässigen Waschmaschine aus dem Staub machen. Zuweilen will es der Zufall, dass sich getrennte Paare bereits im Waschnetz wieder finden, alle anderen Einzelsocken kommen nach dem Waschen in die Sockenauffangstation, wo sich eine geduldige Expertin – meine Mutter – um die Zusammenführung der getrennten Paare kümmert. 

Mit diesem ausgeklügelten System und meinem neu gefundenen Elan hoffe ich, die Scheidungsrate in der Sockenschublade deutlich zu senken. Damit ich am Ende meines Lebens behaupten kann, zumindest ein Problem des modernen Lebens hätte ich aus der Welt geschafft. 

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Expertengespür

Von Anfang an hat die Kinderärztin es mir eingeschärft: „Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Kind nicht mehr zu kennen, dann sollten Sie zum Arzt gehen. Sie kennen Ihr Kind am allerbesten und spüren darum auch am besten, wenn etwas nicht mehr stimmt.“ Ein einleuchtender Grundsatz, und doch hat es viele Jahre gedauert, bis ich nicht nur verstand, was sie damit meinte, sondern auch entsprechend zu handeln lernte. Mir fehlte das Selbstbewusstsein, dass ich zwar keine Expertin in Sachen Medizin bin, sehr wohl aber eine Expertin in Sachen Karlsson, Luise, FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen. Zu gross war mein Respekt vor dem medizinischen Wissen, über das entsprechend ausgebildete Menschen verfügen, das mir aber mangels einer solchen Ausbildung fehlt. 

Geändert hat sich dies erst, als ich mehrmals erlebte, wie ich mit meiner mütterlichen Intuition den Ärzten eine halbe Nasenlänge voraus war. So konnte man zum Beispiel Luises Blinddarmentzündung erst dann zweifelsfrei belegen, als der miese Kerl entfernt war, mir aber war bereits bei der Anmeldung auf der Notaufnahme klar, dass er es sein musste, der mein Töchterchen vor lauter Schmerzen schreien liess. Zwei oder drei ähnliche Begebenheiten führten mir endlich vor Augen, was ich in meinem Kopf bereits wusste: Als Mutter spürst du sehr genau, wann du deinem Kind selber helfen kannst und wann es medizinische Hilfe braucht.

Zugegeben, dieses Gespür kommt nicht über Nacht. Erst einmal brauchst du ein paar Jahre, um herauszufinden, wie jedes deiner Kinder in Sachen Krankheit tickt. Die einen – Karlsson, zum Beispiel – machen wegen jeder Bagatelle ein Geschrei, werden dann aber plötzlich ganz still und schlucken ihren Schmerz tapfer hinunter, wenn es ernst ist. Andere wiederum – bei uns der FeuerwehrRitterRömerPirat – sind so meisterhaft im Vortäuschen von Beschwerden, dass du ziemlich viel Übung brauchst, um zu erkennen, wann sie wirklich krank sind. Am einfachsten in Sachen Krankheit sind wohl Kinder wie der Zoowärter: Fast nie krank, wenn aber, dann gleich richtig und dann können sie dir auch sehr genau sagen, wo und wie es wehtut. 

Nicht nur das Verhalten der Kinder, auch der mütterliche Umgang mit diesem Gespür hat einen Einfluss darauf, wie wirksam es ist. Die leise innere Stimme lässt sich zum Beispiel ganz leicht mit Panikmache übertönen. Im Internet und im Gespräch mit der Schwiegermutter lässt sich ausreichend Material finden, mit dem man sich so richtig schön in eine Panikattacke hochschaukeln kann. Dann geschieht es, dass du heulend vor den Pforten der Notaufnahme stehst, obschon du tief in deinem Inneren wüsstest, dass du getrost noch abwarten könntest. Du kannst dir dieses Gespür auch klein reden lassen von irgend einem schnöseligen Assistenzarzt, der noch nicht begriffen hat, dass Eltern die besten Partner sind, wenn es um die Gesundheit eines Kindes geht und darum herablassend meint: „Woher wollen Sie denn wissen, dass es der Blinddarm ist?“ (Dies, meine Lieben, ist ein wortgetreues Zitat.) Natürlich kannst du dieses Gespür auch zur alleingültigen Wahrheit erheben. Schmerzhaft, wenn du dir irgendwann kleinlaut eingestehen musst, dass du dieses eine Mal vielleicht doch besser auf den Arzt gehört hättest. 

Mir scheint, inzwischen hätten auch viele Ärzte gelernt, dem Gespür der Eltern ein gewisses Gewicht beizumessen. Immer öfter fallen auf der Visite Fragen wie „Wie erleben Sie ihr Kind? Haben Sie den Eindruck, es spreche gut an auf die Behandlung? Antwortet es verlangsamt, oder entspricht dies seiner Art?“ So allmählich scheint man zu begreifen, dass Kinder am besten gesund werden, wenn man sie selber und auch ihre Eltern in die Behandlung mit einbezieht.

Auch ich fange endlich an, etwas zu begreifen und zwar dies: Im Spital pflegen sie dein Kind nur so lange, bis keine Gefahr mehr besteht und es gesund genug ist, um nach Hause zu gehen. Ob es auch gesund genug ist, den Alltag wieder in Angriff zu nehmen, liegt in meinem Ermessen, denn jetzt, wo die Experten getan haben, was ich nicht tun konnte, ist wieder meine Expertenwissen gefragt. Und dieses Wissen sagt mir, dass der Zoowärter noch längst nicht fit genug ist für Kopfarbeit. Darum ignoriere ich auch die Bemerkung der Lehrerin, der Zoowärter solle doch bitte übers Wochenende schon mal ein paar Hausaufgaben machen. 

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Bagatelle

Da meine geschätzte Leserschaft inzwischen bestimmt die Nase voll hat von Spitalgeschichten, in meinem Kopf derzeit aber nicht viel anderes herumschwirrt, heute nur diese kleine Begebenheit:

Da gehe ich abends um halb neun am Empfangsschalter der Notaufnahme vorbei. Es wimmelt von aufgeregten Eltern und weinenden Kindern und aus dem Stimmengewirr höre ich, wie die Dame am Empfang mit einer kaum wahrnehmbaren Spur von Ungeduld in der Stimme einen ziemlich forsch auftretenden Vater fragt: „Sie waren also gestern Abend bereits hier und man hat nichts Schwerwiegendes herausgefunden?“ 

Mehr brauchte ich nicht zu hören, um dem lieben Gott zu danken, dass ich damals, als es um die Berufswahl ging, nicht den Weg in Richtung Pflege eingeschlagen habe. Nicht einen Tag würde ich Eltern aushalten, die es tagsüber nicht fertig bringen, ihr Kind zum Arzt zu bringen, dann aber abends die Notfallstation wegen Bagatellfällen aufsuchen. 

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Das Schreckgespenst gibt sich zahm

Die Hirnhautentzündung ist ein Schreckgespenst, vor dem nicht nur ich grossen Respekt habe. Die meisten von uns bekommen ein mulmiges Gefühl, wenn wir davon hören und vor allem wir Eltern rennen lieber einmal zu viel zum Arzt, aus Angst vor dem, was es anrichten könnte. Inzwischen kann ich dieses Schreckgespenst bereits zum zweiten Mal aus nächster Nähe bei seiner furchterregenden Arbeit beobachten und allmählich dämmert mir, dass es ganz unterschiedlich kann.

Bei „Meinem“ erzwang es mit furchterregend hohem Fieber, heftigen Gleichgewichts- und Sprachstörungen und extremer Schwäche einen längeren Berufsausfall und noch heute, fast zwei Jahre später, erinnert es uns mit Lärmempfindlichkeit und kleinen Gedächtnislücken daran, dass es ihn mal besucht hat. Und das Ganze war noch harmlos im Vergleich zu dem, was andere erleben.

Beim Zoowärter hingegen gibt es sich ganz zahm. Okay, da sind die heftigen Kopfschmerzen, die ohne regelmässige Gabe von Schmerzmitteln nicht zu ertragen wären. Ansonsten aber tut das Gespenst so, als wäre es gar nicht da. Kein Fieber und auch sonst keine Beeintächtigungen, mal abgesehen von einer Appetitlosigkeit, die dem gut genährten Kind aber nicht schadet. Und weil es derzeit ganz danach aussieht, als sei das Gespenst auf ganz anderem Weg zum Zoowärter gekommen als zu „Meinem“, redet man bereits davon, dass der Junge das Spital morgen wieder verlassen kann, denn die Medikamente kann man ihm auch zu Hause verabreichen.

Meinen Respekt vor dem Schreckgespenst habe ich durch diese zwei Begegnungen nicht verloren, aber immerhin habe ich das Gefühl, es jetzt ein wenig zu kennen. Und weil man mit Bekannten offener reden kann als mit Fremden, werde ich es höflich bitten, uns in Zukunft nicht mehr zu besuchen. Denn auch wenn es sich beim Zoowärter äusserst gesittet aufführt, so finde ich doch, wir hätten jetzt genug miteinander zu tun gehabt.

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Wunsch erfüllt oder so ähnlich

Nach Langeweile habe ich mich gesehnt und so etwas in der Richtung habe ich auch bekommen. Tagwache irgendwann zwischen Morgengrauen und sieben Uhr, Frühstück um halb acht, um halb neun muss das Bett auf dem Balkon stehen, Mittagessen um halb zwölf, Abendessen um Viertel nach fünf, dazwischen Sirup reichen, am Kiosk kleine Überraschungen kaufen, trösten, Fragen beantworten, Fragen stellen, Trinkprotokoll führen und warten. Alles schön vorhersehbar und geregelt.

Alles? Na ja, nicht ganz, denn wie heftig Zoowärters Hirnhautentzündung ist, was diese verursacht hat und wie es weitergeht, das lässt sich nicht vorhersehen, sondern nur Schritt für Schritt nehmen. Dankbar sein, dass die Ursache für seine unerträglichen Kopfschmerzen gefunden ist, noch dankbarer, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht und hoffen, dass die Genesung rasch und ohne Komplikationen voranschreitet. Mehr gibt es im Moment nicht zu tun. Zumindest hier im Spitalzimmer nicht.

Zu Hause hingegen, na ja, da gäbe es schon zwei oder drei Dinge zu erledigen, aber das muss – und darf – jetzt halt warten.

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