Lasst doch den armen November sein, wie er ist

Okay, ich frage mich ja manchmal auch, wie ein einziger Monat dazu kommt, so viel unterdrückte Wut loszuwerden. Sturmböen, kalter Regen, schwere, graue Wolken und wenn sich das Wetter beruhigt, kommt der Hochnebel. Ganz klar, der November bräuchte ganz dringend jemanden, dem er mal sein Herz ausschütten könnte, damit er seinen Frust nicht immer an der Allgemeinheit auslassen müsste. Doch solange er keinen findet, der ihm zuhört, muss man sich wohl damit abfinden, dass der November ist, wie er nun mal ist, seit Jahrhunderten schon.

Mir gelingt das eigentlich ganz gut: Nur noch aus dem Haus gehen, wenn Prinzchen in den Kindergarten muss oder wenn Vögel, Wachteln und Kaninchen neues Futter brauchen, literweise Tee, überall Kerzen, warme Socken an die Füsse, Computer an und schreiben, was gerade geschrieben werden muss, dazwischen Suppe kochen, Kartoffelbrei oder sonst etwas, was die Seele wärmt. Viel mehr erwarte ich nicht vom November und darum macht es mir auch nichts aus, wenn er draussen wütet. Soll er doch, wenn er keinen anderen Weg findet, seine Probleme zu verarbeiten. 

Eigentlich gibt es nur eine Sache, die mir im November nicht passt: Die Leute, die über ihn herziehen. Ja, der Kerl führt sich vollkommen daneben auf, aber das ist nun mal seine Natur und da braucht man doch nicht so zu tun, als hätte man mit Sonnenschein und 30 Grad Hitze gerechnet und statt dessen Sturm und Regen geliefert bekommen. Was soll dieses Geschwätz von „Ist doch einfach nicht normal, dieses Wetter“? Natürlich ist es normal, man kann doch von einem Monat nicht erwarten, dass er sich an den Klimawandel hält, bloss weil alle anderen Monate dies tun. Es gibt nun mal solche, die altmodischer sind als andere und nicht gleich jedem neuen Trend aufsitzen. Also hört auf zu jammern, lasst den November tun, was er schon seit jeher am besten konnte und verzieht euch in eure Höhlen. Ist doch herrlich gemütlich dort, wenn der Wind um die Hausecken heult…

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Meine lieben Miteltern

Mir ist schon klar, dass ihr uns manchmal durch den Kakao zieht. Bei so vielen Familienmitgliedern lässt sich ja auch immer einer finden, der etwas ausgefressen hat. Und es macht mir im Grunde genommen auch nichts aus, ich ergebe mich selber auch immer wieder mit Genuss dem verwerflichen Laster des Lästerns, wohl wissend, dass mich danach das schlechte Gewissen wieder plagen wird. Ich war nicht umsonst Klassenbeste in der Sonntagsschule…

Nein, meine lieben Miteltern, ich finde es wirklich nicht schlimm, dass ihr hinter unserem Rücken über uns tratscht, ich habe sogar Verständnis dafür, dass ihr es in Hörweite eurer Kinder tut. Passiert mir auch immer wieder. Aber wenn eure Kinder schon mithören, könntet ihr ihnen vielleicht endlich beibringen, dass das, was im Vertrauen in der Familie gesagt wird, nicht nach draussen gehört? Okay, bei einem Dreijährigen kann es schon mal geschehen, dass er sich trotzdem verplappert. Bei einem Vier- oder Fünfjährigen auch. Aber bei einer Elfjährigen? Die sollte doch allmählich wissen, dass man um des lieben Friedens Willen gewisse Dinge besser für sich behält.

Oh ja, ihr fragt euch jetzt, wie ich mir so sicher sei, dass die bissige Bemerkung den Eltern nachgeplappert ist. Es gibt da ein paar Indizien, die mich auf die Idee gebracht haben. Zuerst einmal der Inhalt der Bemerkung: „Tja, sowas geschieht halt, wenn man nicht nach seinen Kindern schaut“ und das in einem Moment, wo ich gerade sehr intensiv damit beschäftigt war, mich um mein jüngstes Kind zu kümmern und die Bemerkung nicht im Geringsten passte. Dann war da noch der Tonfall. Genau wie der Papa, wenn er am Lästern ist. Ja, genau, der Papa dieses Kindes und ich haben auch schon zusammen gelästert, darum weiss ich, wie es tönt, wenn er andere durch den Kakao zieht. Zu guter Letzt ist auch der Zeitpunkt ziemlich auffällig: Drei Tage, nachdem ich das halbe Dorf nach meinen Kindern und Prinzchens bestem Freund absuchen musste, weil die Racker der Nachbarin entlaufen waren. Auf der Suche traf ich auch euch an und fragte, ob ihr vielleicht vier kleine bis mittelgrosse Ausreisser getroffen hättet.

Wie gesagt, meine lieben Miteltern, es macht mir nichts aus, dass ihr nach dieser Begegnung über uns gelästert habt, aber bitte bringt eurer Tochter bei, in Zukunft den Mund zu halten. Es wäre mir lieber gewesen, ich wüsste nicht, wie ihr wirklich über unseren Erziehungsstil denkt. Im direkten Gespräch wäre ich nämlich nie auf die Idee gekommen, dass wir die Dinge so anders sehen als ihr.

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Ich bin die langweilige Mama

Die Mama, die am Sonntagnachmittag lieber schlafen will, als ins Hallenbad zu gehen. Die Mama, die sich einfach nicht dazu bewegen lässt, mit Luise Bäume auszureissen. Die Mama, die findet, nachmittags um halb fünf sei es zu spät, um noch einen Ausflug zu machen, mit dem Velo, zum Beispiel, oder nach Bern. Die Mama, die erklärt, sie brauche nun mal etwas mehr Ruhe, wo doch Papa an drei Wochenenden hintereinander weg gewesen sei und nun auch noch zwei Tage mit einem Käfer auf dem Sofa gelegen habe. Die Mama, die findet, es sei halt einfach etwas viel, wenn man Samstag und Sonntag den Laden auch noch alleine schmeissen müsse, immer nur Futter zubereiten, Küche aufräumen, wieder Futter zubereiten, wieder Küche aufräumen,… Die Mama, die behauptet, sie möchte ja schon etwas unternehmen, aber sie sei heute einfach zu müde, um sich aufzuraffen. Unsere Söhne kommen ganz gut klar mit der langweiligen Mama, aber Luise tut sich ziemlich schwer mit ihr.

So eine Mama hatte ich auch mal, nur hätte ich es nie und nimmer gewagt, sie dafür zu kritisieren. Klar fand ich das langweilig, aber so war es nun mal. Den Sonntagnachmittag verbrachte sie auch meist schlafend und dann griff ich eben zu Backbuch, Eiern, Mehl und Zucker. So lernte ich backen und meine Mama war danach wieder fit genug, um die Sauerei, die ich hinterlassen hatte, wegzuräumen.

Heute ist meine Mama längst keine langweilige Mama mehr. Im Gegenteil, sie ist die unterhaltsame Grossmama, bei der Luise und ihre Brüder Zuflucht finden, wenn Mama mal wieder langweilig ist. Sie spielt Spiele mit mit den Kindern, erzählt von früher, knetet mit ihnen und lässt sie im Spielzimmer herumtollen. Meist merke ich erst nach dem Mittagsschlaf, dass die Kinder wieder nach unten abgehauen sind. Dann plagt mich das schlechte Gewissen, weil unsere Kinder meine Mama am Mittagsschlaf gehindert haben.

Aber vielleicht ist das ja einfach der Lauf der Dinge. Vielleicht muss ich jetzt sonntags einfach ausgiebig mittagsschlafen, damit ich die unterhaltsame Grossmama sein kann, wenn Luise mal die langweilige Mama ist.

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Gotlandbrot

Einige (Facebook)-Freundinnen wollten wissen, wie ich das Gotland-Brot gebacken habe, mit dem ich heute auf meinem Profil geprahlt habe und wenn ich mir schon die Mühe nehme, das Rezept aufzuschreiben, kann ich es gleich hier tun, dann haben alle etwas davon. Das Rezept habe ich aus dem Kochbuch „Natürlich Schwedisch“ von Carina Brydling, aber ich habe es ein wenig angepasst, da ich in meiner Küche nicht alle Zutaten finden konnte und da ich die Tendenz habe zu glauben, ich wisse alles besser. Also, dann fangen wir mal an…

Gut, eigentlich muss man eine Woche früher anfangen, zumindest wenn man seine eigene Sauerteigkultur verwenden will. Wie man Sauerteig macht, kann man an jeder Ecke im www herausfinden, ich verzichte also auf eine langfädige Erläuterung. Natürlich kann man das Zeug auch im Reformhaus kaufen, aber wenn schon hausgemacht, dann richtig, finde ich.

Gestern Abend also mischte ich 900 Gramm Roggenmehl, 500 Gramm Weissmehl, ca. 1.9 Liter warmes Wasser (Frau Brydling empfiehlt 2,1 Liter, aber das schien mir dann doch etwas viel) und 1 Deziliter Sauerteig zu einem Vorteig. Faul, wie ich nun mal bin, liess ich Sophie diese Arbeit erledigen, damit ich mich im der Zwischenzeit um den Sirup kümmern konnte.

In Schweden nimmt man dafür „dunklen Sirup“, ich nahm Melasse. Dann käme noch die Schale einer Pomeranze hinzu, doch die hatte ich auch nicht zur Hand, also nahm ich Bio-Zitrone. Schliesslich bräuchte man noch Anis und Fenchelsamen, doch aus mir unerklärlichen Gründen fand ich weder das eine noch das andere in meinem Gewürzschrank, also half ich mir mit Ajwar aus. Ob man sich nun an das eine oder an das andere Rezept hält, der Sirup wird immer auf die gleiche Weise zubereitet: 2 Deziliter Wasser (Wasser) mit 1 Deziliter Melasse (dunklem Sirup), 2 Messerspitzen Ajwar (je einer Messerspitze Anis und Fenchelsamen) und Streifen der Zitronen (Pomeranzen-)schale aufkochen. Frau Brydling würde jetzt noch das Weisse aus der Schale entfernen und das Zeug kleinschneiden, aber ich habe darauf verzichtet und das Ganze über Nacht stehengelassen. Das Gleiche habe ich mit dem Vorteig getan: Tuch drüber und ab ins Bett. Und auf gar keinen Fall mehr Mehl beigeben, die Masse muss glatt und klebrig sein!

Am Morgen löste ich zwei Würfel Bio-Hefe (ca. 80 Gramm) mit ca. 80 Gramm Zucker in 3 Deziliter warmem Wasser auf. Frau Brydling nimmt 150 Gramm Zucker, aber wir wollen mal nicht übertreiben. Den Sirup goss ich durch ein Sieb, dann kamen Sirup, aufgelöste Hefe, 300 Gramm Weizenvollkormnehl, 150 Gramm Roggenmehl und 150 Gramm Weissmehl in den Vorteig. Das Kneten überliess ich wieder Sophie, denn Frau Brydling hatte mich gewarnt, dass dies eine „sehr klebrige und schwere Arbeit“ sei. Sophie scheint mit ihr einig zu gehen, aber das ist nun mal ihr Job. Der Teig war tatsächlich ziemlich klebrig und sehr feucht, doch ich widerstand der Versuchung, mehr Mehl zuzugeben. Stattdessen legte ich wieder mein Tuch über die Schüssel und liess den Teig 45 Minuten ruhen.

Als diese Zeit um war, quoll der Teig schon fast über den Rand der Schüssel. Darum liess ich Sophie noch einmal ein wenig arbeiten, ehe ich die weiteren Zutaten zufügte: 50 Gramm Salz (Frau Brydling nimmt 75 Gramm), 3 Deziliter Melasse (dunklen Sirup), 200 Gramm Roggenmehl, 300 Gramm Weissmehl und 500 Gramm Weizenvollkornmehl. Sophie durfte dann noch einmal kräftig kneten, dann ruhte der Teig, der jetzt übrigens ohne weitere Wasser- oder Mehlzugabe perfekt war, noch einmal 45 Minuten unter dem Tuch, allerdings nicht mehr in Sophies Schüssel, sondern in einem grösseren Gefäss, da der Teig ein wenig voluminös geworden war.

Den aufgegangenen Teig formte ich zu vier Brotlaiben, die noch einmal 10 Minuten ruhen durften, ehe ich sie in den 200 Grad heissen Ofen schob, wo sie 50 Minuten (bei Frau Brydling dauert es eine Stunde, aber die hat vielleicht keinen Umluftofen) blieben. Zum Schluss mischte ich dann noch etwas Kaffee mit Melasse und bestrich die warmen Brote damit.

Tja, das war’s dann auch schon und wenn Frau Brydling nicht übertreibt, halten sich die Brote in Küchentücher eingeschlagen bis zu zwei Wochen. Ich werde dies vermutlich nie überprüfen können, denn länger als drei Tage werden die Brote bei uns nicht überleben. Soll ja auch das beste Brot der Welt sein, wie die Autorin ganz unbescheiden behauptet.

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Wunsch erfüllt

Wie sehr habe ich mir doch immer ein ordnungsliebendes Kind gewünscht. Kein Pedant, das natürlich nicht, aber ein Kind, das zu seinen Sachen Sorge trägt, nicht immer alles überall herumliegen lässt und sein Zimmer halbwegs in Ordnung hält. Meinem sehnlichen Wunsch wurde entsprochen, vor fünf Jahren wurde mir nach einer ziemlich kurzen Geburt ein ordnungsliebendes Kind in den Arm gelegt. Das wussten wir damals natürlich noch nicht, doch je älter das Kind wird, umso deutlicher tritt die Liebe zur Ordnung zutage. Wäre ich keine liebende Mutter, sondern eine psychologisch geschulte Fachfrau, müsste ich sagen, dass dieses Kind – gemeint ist übrigens das Prinzchen – einen ausgeprägten Hang zum Perfektionismus hat. Noch versuche ich, die Dinge schönzureden und das Ganze als Phase abzutun, doch allmählich beschleicht mich das Gefühl, ich hätte den Wunsch nach einem ordnungsliebenden Kind etwas zu oft geäussert.

Ich meine, es ist ja nett, wenn ein kleiner Mensch seine Schätze abends so versorgt, dass er sie am Morgen gleich wieder zur Hand hat, ohne lange nach Einzelteilen suchen zu müssen und Mama, Papa, Geschwister und Katzen des Diebstahls zu bezichtigen, weil er die Dinge nicht mehr finden kann. Aber muss denn gleich jedes winzige Teilchen an seinem Ort sein? Das Körpermodell, welches sich das Prinzchen zum Geburtstag gewünscht und auch bekommen hat, hätte die Nacht bestimmt auch ohne Leber, Herz und linken Lungenflügel überstanden. Es sollte doch wohl reichen, dass die Teile auf dem selben Tisch liegen, damit man sie morgens wieder einsetzen kann. Aber nein, das darf nicht sein. Erst als der arme Kerl mit dem offenen Bauch dank meiner Hilfe sein Herz wieder auf dem rechten Fleck hatte, war das Prinzchen zufrieden. Mit dem Körpermodell zumindest, danach mussten noch das Augenmodell und der Schädel wieder tadellos in Stand gesetzt sein, die Michel-Müsse musste den richtigen Platz am Kopfende von Prinzchens Bett finden, für die Legoschachtel musste der perfekte Ort her, ein Ort, wo sie nahtlos hineinpasst, der Arztkittel brauchte einen Kleiderbügel und… Irgendwann liess ich das Prinzchen alleine perfektionieren, denn im Wohnzimmer waren noch Gäste, mit denen ich mich zu gerne unterhalten hätte (währenddem ich Prinzchens Lego-Ambulanz zusammenbaute, damit diese auch noch an den richtigen Ort gestellt werden konnte). Noch lange nachdem ich unseren Jüngsten offiziell ins Bett gebracht hatte, hörte man ihn im dunklen Zimmer rumoren.

Heute Morgen musste alles für den Tag eingerichtet werden, ehe das Prinzchen in den Kindergarten gehen konnte. Also Legoschachtel ans Kopfende des Bettes, rotes Stethoskop in die Tasche, Müsse auf den Kopf, schwarzes Stethoskop auf den Tisch, Fiebermesser etwas weiter nach rechts… Alles perfekt eben, als stünde demnächst eine wichtige OP an. Ziemlich nervenaufreibend für eine Mutter, die ihr Kind abends rechtzeitig im Bett und morgens rechtzeitig im Kindergarten sehen möchte. Aber die Ordnung, das könnt ihr mir glauben, die Ordnung ist wirklich perfekt.

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Ja zum Kaninchen

Nein, auf Kaninchen hatte ich mich nie wieder einlassen wollen. Die Geschichte mit Elisa und Giuliano hatte mir gereicht. Die schwarze Elisa und der beigefarbene Giuliano, die „Meiner“ und ich einander unabhängig voneinander zum Geburtstag geschenkt hatten. Die Zwei wurden nicht glücklich miteinander, darum suchte Elisa eines Tages das Weite, liess sich nicht wieder einfangen und wurde vom Hund des Nachbarn aufgefressen. Da wir Giuliano keine neue Gefährtin zumuten wollten, liessen wir ihn kastrieren und schenkten ihn einem einsamen verwöhnten Jungen. Noch einmal würden wir es nicht mit Kaninchen versuchen. Sind ja ohnehin nicht besonders interessant, diese Tiere, lassen sich nicht mal richtig streicheln. Zwar versuchte Luise mehrmals, mich umzustimmen, weil sie ja so gerne ein „Häschen“ haben möchte, doch ich liess nicht mit mir reden.

Dann bekam ich heute Morgen dieses winzige, handzahme Tierchen mit schneeweissem Fell und blauen Augen in die Hand gedrückt. Glaubt mir, ich wollte wirklich unbeeindruckt bleiben, denn eigentlich war ich ja wegen der Nymphensittiche gekommen, die nach dem Verschwinden der undankbaren Doris in unsere Volière einziehen sollten. Doch dann schmiegte sich dieses flauschige Tierchen an mich, legte die Ohren flach, als ich es streichelte und eroberte mein Herz. Von wegen Kaninchen lassen sich nicht richtig streicheln! Als die Besitzerin mir sagte, Kaninchen liessen sich problemlos mit Wachteln und Sittichen halten, wurde mir bewusst, dass es keinen einzigen Grund gibt, hart zu bleiben, wo ich doch ohnehin täglich meine Runde bei den Gefiederten machen muss. Damit sich das Schneeweisse nicht einsam fühlen muss, nahm ich ein Rabenschwarzes dazu, beides Weibchen, wie mir die Züchterin versicherte.

Jetzt sind sie also bei uns, die Zwei, sind offenbar ganz glücklich in ihrem neuen Zuhause und alleine schon Luises überglücklicher Blick überzeugte mich sofort, dass mein Ja richtig gewesen war.

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Einem geschenkten Gaul, oder Kamel, oder Papagei, oder was auch immer…

Was hätte ich denn tun sollen? Das Geschenk ausschlagen? Ich meine, das sind immerhin 180 Franken, die man uns da einfach so geschenkt hat, weil der Zoowärter bei einem Wettbewerb mitgemacht hat. Klar wollen die, dass wir im Gegenzug zu ihrer Krankenkasse wechseln, aber die werden uns ohnehin nicht nehmen, mit all unseren Asthmatikern. Also doch ein Geschenk, auch wenn es eigentlich eine Bestechung hätte sein sollen.

Und die Kinder hatten uns ja schon seit Jahren in den Ohren gelegen. „Wir wollen auch mal in diesen Zirkus. Alle anderen waren schon dort…“ Sie meinten den Grössten, den Teuersten, den mit den Tieren und den Akrobaten aus China. „Irgendwann werden wir dann schon gehen. Wenn das Geld reicht…“, antworteten „Meiner“ und ich und hofften, dass sie bald dem Zirkusalter entwachsen würden. Ich meine, das sind immerhin 180 Franken, die man liegen lässt, um mit fünf Kindern die Vorstellung zu besuchen, Popcorn und Zuckerwatte nicht inbegriffen. Als wir dann diese Gutscheine zugeschickt bekamen, war klar, dass wir gehen müssen. Ja, wir hätten sie verfallen lassen können, aber ihr glaubt doch nicht etwa, dass unsere Kinder uns das je verziehen hätten. Noch wenn wir im Altersheim unser Püriertes löffeln, würden sie uns vorwerfen, dass wir nicht ein einziges Mal mit ihnen in diesem Zirkus waren, im Grössten, Teuersten mit den vielen Tieren und den Akrobaten aus China. „Und dabei hättet ihr die Tickets gratis haben können“, würden sie sagen. „Was wart ihr doch für miese Eltern. Geizig und vollkommen versessen auf eure engstirnigen Prinzipien…“

Nein, so etwas wollten wir auf gar keinen Fall riskieren, also holten wir endlich die Tickets für die Vorstellung in Thun. Natürlich hatte der Zirkus auch bei uns in der Gegend gastiert, aber da waren wir gerade nicht in der Gegend und darum mussten wir eben warten, bis er wieder halbwegs in der Nähe ist. Na ja, so nah ist Thun auch  nicht, darum lärmten unsere Kinder ja gestern Abend um Viertel vor zehn noch im Familienwaggon, aber immerhin nah genug, damit man ohne grosse Umstände hinfahren kann. 

Den Kindern hat es natürlich gefallen, keine Frage. Okay, Luise empfand ziemlich viel Mitleid mit den Pferden und den Elefanten, der Zoowärter brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass der Komiker der Clown war und das Prinzchen wäre auch mit der ersten Halbzeit zufrieden gewesen, aber alles in allem war es das, was Zirkus für Kinder sein sollte: Staunen, Nervenkitzel, Gelächter, Träumerei. Der Stoff, aus dem die schönsten Kindheitserinnerungen gemacht sind. 

Und ich? Ich war glücklich, dass wir den Kindern diese Erinnerung schenken konnten, ohne Geld auszugeben. Natürlich staunte ich auch, lachte, bangte und applaudierte. Die Fragen, ob Zirkuselefanten glücklich sein können, ob den Papageien die überlaute Musik nicht zusetzt, ob das, was ich in diesem schlimmen Dokumentarfilm über Artisten aus China gesehen habe, auch wirklich stimmt, ob das Kamel die Verachtung, die in seinem Blick liegt, auch tatsächlich empfindet, diese Fragen konnte ich nicht ganz aus meinem Kopf verbannen, obschon ich es versuchte. Ich bin nun mal kein Kind mehr, das vorbehaltlos geniessen kann, was es präsentiert bekommt. Immerhin aber bin ich anständig genug, einem geschenkten Gaul – oder Kamel oder was auch immer – nicht vor allen anderen ins Maul zu schauen und darum habe ich meine kritischen Gedanken für mich behalten. Zumindest solange mich die Kinder nicht fragten, ob mir die Tiere nicht auch ein wenig Leid getan hätten…

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Keine Rücksicht

Wir leben in einem Land, in dem es dir abends um Viertel vor zehn passieren kann, dass du grob angefahren wirst, weil deine übermüdeten Kinder nach einem Ausflug, der ausnahmsweise etwas länger gedauert hat, im Familienwaggon des Zuges laut sind. Oh ja, sie waren wirklich laut, „Meiner“ und ich haben sie mehrmals darum gebeten, etwas leiser zu sein. Aber sie waren die einzigen Kinder, die Rutschbahn und Holzboot in Anspruch nahmen, es hatte genügend freie Plätze im Zug, so dass man unseren Kindern aus dem Weg gehen konnte, FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen tobten nur dort herum, wo herumtoben ausdrücklich erlaubt ist und wir sassen gerade mal fünfundzwanzig Minuten lang in diesem Zug.

Darum antwortete ich, als ein junger Schnösel gehässig fragte, ob ich denn meinen Kindern nicht endlich sagen könne, sie sollten ruhig sein, dass ich dies weder tun könne noch wolle, weil wir hier im Familienwaggon seien. Wenn ihm der Kinderlärm nicht passe, solle er sich eben anderswo hinsetzen. Es sei ihm egal, ob das hier der Familienwaggon sei, es sei jetzt schliesslich abends um zehn und meine Kinder gehörten ins Bett, nicht in den Familienwaggon, schnauzte er mich an, doch für einmal weigerte ich mich, Rücksicht zu nehmen.

Weil wir an allen anderen Orten Rücksicht nehmen, oder es zumindest versuchen. Im Bus, im Laden, im gewöhnlichen Zugabteil, im Museum, beim Öffnen einer schweren Tür,an der Bushaltestelle, im Schuhgeschäft, auf dem Trottoir, auf dem Waldweg, im Café, im Schwimmbad, ja, sogar auf dem Spielplatz, wenn andere Kinder dort spielen – überall sind wir pausenlos damit beschäftigt, unsere Kinder zur Rücksichtnahme aufzufordern. „Geh zur Seite, da möchte jemand mit seinem Pferd durch“, tönt es auf dem Waldweg. „Nein, du kannst diese Türe nicht alleine öffnen, die Leute hinter uns werden schon ungeduldig“, erklären wir, wenn ein kleiner Mensch beweisen möchte, wie stark er ist. „Spring nicht ins Wasser! Die Frau dort drüben möchte nicht, dass ihr Haar beim Schwimmen nass wird“, ermahnen wir im Schwimmbad. Und wehe, wir weisen unsere Kinder nicht rechtzeitig in die Schranken!

Obschon es mich zuweilen gewaltig nervt, die Kinder pausenlos an der kurzen Leine halten zu müssen, so akzeptiere ich doch, dass es in einem kleinen, dicht besiedelten Land oft nicht anders geht. Wenn unsere Kinder sich aber an einem eigens für Kinder eingerichteten Ort wie Kinder aufführen, fühle ich mich nicht zur Rücksichtnahme verpflichtet. Auch dann nicht, wenn einer, der vor wenigen Jahren selber noch Kind war, felsenfest davon überzeugt ist, dass der Familienwaggon nur ein Familienwaggon ist, solange es draussen noch hell ist.

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Welche Weltanschauung darf’s denn heute sein?

Schlenderst du an einem sonnigen Samstagnachmittag durch die Innenstadt, wird dir spätestens nach fünf Minuten eine Weltanschauung angeboten. Mal sind es die Scientologen, die dich dazu bewegen wollen, dein Lebensglück bei ihnen zu kaufen, mal sind es Zeugen Jehovas, die dir den „Wachtturm“ schenken möchten, dann wieder sind es Politiker jeder Couleur, die dir sagen wollen, was du bei der nächsten Abstimmung auf den Zettel schreiben sollst. Heute warben wenige Schritte voneinander entfernt Moslems für mehr Interesse am Islam und konservative Christen für mehr Interesse am Christentum. Es war ganz unterhaltsam, zu beobachten, wie verschleierte Frauen und Frauen in langen Röcken einander gegenseitig zu bekehren versuchten. Wenn ich mich nicht irre, waren sie gerade dabei, Traktate auszutauschen, als das Prinzchen und ich an ihnen vorbeigingen.

Währenddem wir in Richtung Bushaltestelle gingen, sinnierte ich darüber nach, ob die beiden Frauengruppen sich nicht ähnlicher sind, als ihnen lieb sein kann und ob ich als aktive Kirchgängerin überhaupt so etwas denken darf über andere Christinnen. Vor lauter Nachdenken merkte ich nicht, dass ich einem Unterschriftensammler direkt in die Arme lief. Er sei gegen die Sexualerziehung an den Schulen, erklärte er mir, als ich ihn fragte, worum es denn gehe. Es könne doch nicht sein, dass der Staat überall seine Finger drin habe und das würde ja auch Millionen kosten und… Ich unterbrach seinen Redeschwall und erklärte ihm, dass in meiner idealen Welt, von der ich jeweils träume, die Eltern für eine sorgfältige und kindergerechte Sexualerziehung zuständig seien und dass „Meiner“ und ich diese Verantwortung auch wahrnehmen, dass es aber in der realen Welt, in der ich lebe, leider auch Fünfjährige gebe, deren Sexualerziehung darin bestehe, dass ihnen der grosse Bruder einen Porno zeige. Das sei aber gar nicht gut, fand der Mann, aber der böse Staat und die bösen Lehrer und die verdorbene Welt…

Wieder sah ich mich dazu gezwungen, den Redeschwall zu unterbrechen. Es sei doch keine Lösung, nur zu schimpfen, man müsse doch Wege finden, wie Kinder, deren Eltern sich nicht um die Sexualerziehung kümmern, auf eine angemessene Art aufgeklärt werden. Es wäre ja schön, wir hätten lauter intakte, glückliche Familien in der Schweiz, doch leider sei ich schon zu vielen Eltern begegnet, die nichts auf die Reihe kriegen. „Na, dann sollen diese Leute eben keine Kinder bekommen“, schnauzte mich der Unterschriftensammler an und wandte sich einem neuen – hoffentlich weniger widerspenstigen – Opfer zu.

Gerne hätte ich den Mann darauf hingewiesen, dass eine anständige Sexualerziehung vielleicht im einen oder anderen Fall verhindert hätte, dass junge Menschen Eltern werden, ehe sie reif dazu sind. Stattdessen nahm ich das Prinzchen an der Hand und ging. Auf dem Weg zur Bushaltestelle machte ich einen weiten Bogen um alle, die mit Klemmbrettern und Handzetteln herumstanden.

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Was mir zu meinem Glück noch alles fehlt

Es gab eine Zeit, da war jedem klar, dass man erdverbundenen Menschen das Geld nicht so leicht aus dem Sack ziehen kann, weil sie bei jeder Anschaffung zuerst überlegen, was Mama Erde wohl dazu sagen würde. Inzwischen sieht das etwas anders aus. Ich weiss nicht, ob die erdverbundenen Menschen einen Weg gefunden haben, Mama Erde zum Schweigen zu bringen, wenn sie mal wieder den mahnenden Zeigefinger hebt, oder ob clevere Geschäftsleute entdeckt haben, wie man in einem Menschen, der eher dem Feinstofflichen zugetan ist, materielle Gelüste weckt. Auf alle Fälle gibt es inzwischen ein beeindruckendes Angebot an Produkten, die einen guten Menschen zu einem noch besseren machen sollen. Hier eine Auswahl aus einem Katalog, der mir neulich in die Finger geraten ist:

Da gibt es zum Beispiel das Waffeleisen „Blume des Lebens“, dank dessen Hilfe Waffeln nicht nur gut schmecken und sichtbare Spuren auf den Hüften hinterlassen, sondern zugleich mit ganz viel Lebensenergie aufgeladen werden. Wie das gehen soll? Nun, ganz einfach: Die Waffeln kommen nicht in der üblichen profanen Herzchenform aus dem Gerät, sondern in der Form der „Blume des Lebens“, dem Symbol, das „seit 5000 Jahren für Lebensenergie“ steht, wie es im Katalog heisst. Und das für gerade mal 90 Franken. Ja, diese Blume des Lebens muss es wirklich in sich haben. Es gibt sie nämlich auch auf Fussmatten, Matratzenbezügen und Hausschuhen, natürlich alles mit sattem Preisaufschlag, weil ein mit Lebensenergie aufgeladener Artikel eben viel mehr Wert ist. Wer jetzt denkt, ich würde dies nur wegen meiner christlichen Gesinnung schreiben, dem sei gesagt, dass ich es ebenso lächerlich finde, wenn man überteuerte Fussabtreter mit Kreuzsymbol verkauft.

Ganz toll ist auch der „Yoga-Frosch“. Ich hätte ja auf den ersten Blick gedacht, da wolle sich einer über Yoga lustig machen, denn das Ding sieht aus wie etwas, was ein Teenager im Zweifrankenshop kaufen würde, doch der Begleittext klärte mich darüber auf, dass der Yoga-Frosch Heiterkeit verbreitet und den Betrachter an die wichtigsten Übungen erinnert. Vielleicht müsste ich mit Yoga anfangen, damit ich die Botschaft des Frosches verstehen könnte. Und damit ich dazu bereit wäre, 26 Franken zu bezahlen, um ihn zu bekommen.

Die haben übrigens auch Fixleintücher in diesem Katalog. Die gleichen hässlichen Farben wie überall, das gleiche Material, die gleiche Verarbeitung, aber doppelt so teuer. Vermutlich, weil die Dinger einen Haufen Lebensenergie getankt haben, als sie im Lagerregal zwischen Waffeleisen und Yoga-Frosch lagen.

Wahrscheinlich sollte ich mir auch das Buch „Die Schnurr-Therapie – Wie Katzen heilen“ mit integrierter CD kaufen. Für nur gerade 30 Franken erfahre ich alles über die „von Katzen beim Schnurren ausgestrahlten Wellen“, die „einen positiven Einfluss auf den menschlichen Körper und Geist“ haben. So wenig Geld für einen „mächtigen Anti-Stress-Faktor“, einen „Verstärker der Abwehrkräfte“ und obendrein „eine wertvolle Unterstützung der Psychomotorik“. Und ich arme, unerleuchtete Närrin habe geglaubt, mein kleiner roter Kater hätte sein volles Potential bereits ausgeschöpft, wenn er sich mit Schnurren und Schmusen bei mir einschmeichelt, nachdem er unter unser Bett gekackt hat.

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