Karfreitag

Vermutlich würde man erwarten, dass eine christliche Familie, wie „Meiner“ und ich sie zu leben versuchen, Karfreitag, den höchsten aller christlichen Feiertage, besonders heiligt. Aber allzu heilig ging es bei uns heute nicht zu und her. Der Tag fing damit an, dass ich um zehn Uhr morgens völlig verkatert – habe wiedermal zu lange gequatscht und zu viel Lesestoff konsumiert letzte Nacht – aus dem Bett gekrochen kam und die Kinder anschnauzte. Es blieb uns genau eine Stunde Zeit, um sieben Personen ausgehfertig zu machen, weil wir um elf Uhr eingeladen waren. Dies führte natürlich zu viel Stress, mehr Herumbrüllen und einigen geknallten Türen. Nein, wirklich nicht sehr heilig, aber immerhin hatte ich danach ein anschauliches Beispiel zur Hand, um den Kindern zu erklären, warum das Geschehen von Karfreitag so wichtig ist für mich. Doch bei diesem einen Wort zum Karfreitag blieb es, denn nachher waren die Kinder vollauf beschäftig mit Ostereierfärben, Pecan-Pie in sich hineinzustopfen und Barbapapa zu schauen, während „Meiner“ und ich die Zeit mit unseren Freunden genossen. Okay, in einem Anfall von religiösem Eifer schmiss das Prinzchen die Buddha-Statue unserer Freunde auf den Fussboden, aber das ist ja eigentlich nicht die Art von Christentum, die wir unseren Kindern zu vermitteln versuchen. Als ich dann, kaum zu Hause, dazu gezwungen war, den Staubsauger in Betrieb zu nehmen, weil das Prinzchen sämtliche Schwarztees auf den Teppich verschüttet hatte, da war mir endgültig klar, dass es heute wohl nichts wird aus Meditation und Besinnlichkeit.

Früher hätte ich mich furchtbar schuldig gefühlt, einen Karfreitag so zu begehen. Ich brauchte die Feiertage, um mir vor Augen zu führen, was meinen Glauben so wichtig für mich macht. Das ganze Jahr über hetzte ich durchs Leben und versuchte mehr schlecht als recht, Regeln einzuhalten, die ich für  besonders christlich hielt. Und an Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten wurde ich still, liess mich berühren von den Geschehnissen und danach hetzte ich wieder weiter. In den letzten Jahren aber hat sich mein Glaube verändert. Ich habe gelernt, nicht mehr so sehr auf die äusseren Formen zu schauen, nicht mehr einen Katalog von Regeln einzuhalten und stattdessen zu versuchen, das, was ich glaube, in meinen Alltag einzubauen. Und plötzlich kommt es vor, dass ich an einem ganz banalen Dienstag das Gefühl habe, Gott ganz nahe zu sein. Dass ich mich irgendwann, mitten im Jahr berühren lasse von den Geschehnissen an Karfreitag und Ostern. Und dass ich einen Karfreitag erlebe, der zwar schön ist, aber sich nicht im Geringsten unterscheidet von einem ganz normalen wunderbar turbulenten Tag mit meiner Familie.

Alte Tante

Etwas mehr als zwanzig Jahre ist es her, seit ich zum ersten Mal Tante wurde. Ich war eine junge Tante, gerade mal fünfzehn Jahre alt und so stolz, dass ich unablässig von den wunderschönen Augen meines ersten Neffen schwärmte, während die anderen Mädchen meiner Klasse dem Mathelehrer tief in die Augen schauten. Meine zahlreichen Geschwister waren fruchtbar und mehrten sich und bald schon war ich heiss begehrte Babysitterin von vielen kleinen süssen Neffen und Nichten. Und weil „Meiner“ keine Minute von mir getrennt sein wollte, begleitete er mich brav zu meinen diversen Einsätzen. Und so kam es, dass „Meiner“ und ich lange bevor wir eigene Kinder hatten bestens im Bild waren über durchwachte Nächte, Koliken und Kleinkinder, die unbedingt noch etwas trinken müssen und dann noch aufs WC müssen und dann noch eine zehnte Gutenachtgeschichte brauchen und dann noch das Schmusetier vermissen und dann wieder Durst haben und dann noch einen Witz erzählen müssen und dann Angst vor dem bösen Räuber haben und dann kalte Füsse haben und dann aufbleiben wollen, bis Mama und Papa wieder zu Hause sind. Ja, einer meiner damals noch sehr kleinen Neffen schaffte es damals schon, mich zum Heulen zu bringen, weil er partout nicht schlafen wollte und das ausgerechnet ein paar Tage vor meinen Maturprüfungen, für die ich bestens ausgeschlafen sein wollte. Ach ja, und einmal schrieb ich in letzter Minute einen Vortrag mit einer heulenden Nichte auf den Knien. Und ein andermal teilte ich mein Bett mit einer Anderthalbjährigen, die mir alle paar Sekunden ein Knie in den Bauch oder einen Ellbogen in die Rippen rammte. Man sieht also: Ich genoss ein ausgezeichnetes Training, bevor ich selber Kinder hatte.

Fünfzehn Jahre später waren meine Neffen und Nichten gross genug, um meine Kinder zu hüten, ja, sie ermöglichten gar „Meinem“ und mir, zum ersten Mal nach vielen Jahren ein paar Tage alleine zu verreisen. Die Kinder, die ich eben noch in den Schlaf gewiegt hatte, wiegten jetzt meine Kinder in den Schlaf. Die Kinder, denen ich eben noch die Windeln gewechselt hatte, wechselten jetzt die Windeln meiner Kinder. Die Kinder, die mich eben noch zum Wahnsinn getrieben hatten, weil sie der Tante auf der Nase rumtanzten, mussten sich plötzlich von meinen Kindern auf der Nase rumtanzen lassen. Und eines Tages werden sie froh sein, dass sie mit ihren kleinen Cousins und Cousinen schon mal das Kinderhaben üben konnten.

Aber meine Neffen und Nichten sind nicht nur gute Babysitter, sie sind inzwischen auch zu Erwachsenen herangewachsen, mit denen ich stundenlang quatschen könnte. Sie erzählen mir, was sie so alles erleben und machen mir damit Mut, dass am Ende der Pubertät ein äusserst gelungener junger Mensch dastehen kann. Sie freuen sich, wenn ich ihnen erzähle, wie sie früher mal waren. Sie fragen mich, wie ich dies und jenes sehe und immer wieder geben sie mir das Gefühl, dass sich jede Minute, die ich ihnen damals, vor vielen Jahren geschenkt habe, gelohnt hat. Und manchmal, zum Beispiel heute, passiert es, dass mich eine Nichte anruft und fragt, wie es mir denn so gehe, sie habe geträumt von mir. Dann wird mir ganz warm ums Herz, wir quatschen eine Stunde lang miteinander und mir wird bewusst, dass ich inzwischen zwar eine ziemlich alte Tante bin – immerhin sind die „Kinder“ jetzt so alt wie ich war, als ich „Meinen“ kennengelernt habe und das ist Ewigkeiten her -, aber dass ich eine überglückliche alte Tante bin.

Also mal ganz ehrlich…

Wenn kinderlose Menschen gefragt werden, was sie an Kindern besonders mögen, dann kommt in 99,9 Prozent aller Fälle eine Antwort, die der folgenden gleicht: „Ich bin t-o-t-a-l fasziniert von dieser Unverfälschtheit, von dieser Ehrlichkeit, die Kinder haben. Kinder machen dir nie etwas vor und das finde ich einfach s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l! Diese Direktheit ist genial!“ Wenn ich solche Schwärmereien höre oder lese, muss ich stets auf den Stockzähnen grinsen. „Wenn die mal eine Geburtstagsparty mit zwölf Siebenjährigen erlebt hätten, fänden sie die Direktheit der Kinder nicht mehr ganz so s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l“, sage ich dann jeweils zu „Meinem“ und er nickt nur wissend.

Eine Geburtstagsparty mit zwölf Siebenjährigen beginnt meist damit, dass die Kinderhorde zuckersüss lächelnd und erwartungsfroh auf dem Sofa sitzt und sich auf den Spass freut, der da ganz bestimmt kommen wird. Und natürlich sind „Meiner“ und ich bestens vorbereitet: Er unterhält die Meute, ich assistiere im Hintergrund, lege alles bereit, was benötigt wird, mache den Tellerwäscher und den Besenwagen, kaum ist die Horde weitergezogen. So funktioniert die Sache tadellos. Bis nach zwanzig Minuten das erste Kind laut verkündet, dass unser Programm sterbenslangweilig sei und dass es jetzt lieber nach draussen gehen möchte. „Meiner“ und ich schauen uns kurz an und denken: „Es sind eben Kinder. Die sagen stets gerade heraus, was sie fühlen“ und „Meiner“ macht weiter den Pausenclown, während ich weiter die Trinkbecher nachfülle. Fünf Minuten später klagt das nächste Kind, es wolle bei diesem Spiel nicht mehr mitmachen, weil es ein absolut blödes Spiel sei. Dann bemerkt ein anderes Kind, dass das Prinzchen nerve, weil er immer im Weg sei. „Meiner“ und ich sagen nichts. Das Fest ist ja wirklich schön, die Kinder sind brav und wenn sie hin und wieder etwas direkt sind, dann muss man eben kommen damit. Nur nichts persönlich nehmen.

Das geht so lange gut, bis der Kuchen serviert wird. Kind 1 findet den Kuchen total hässlich. Und plötzlich habe ich Mühe, die Sache nicht persönlich zu nehmen, denn immerhin habe ich für diesen Kuchen eigens eine Backform gemietet und heute Morgen habe ich eine geschlagene Stunde damit verbracht, ihn liebevoll zu verzieren. „Hat es hier Lebensmittelfarbe drin?“, fragt Kind 2. „Ich hasse Lebensmittelfarbe!“ So langsam fühle ich mich leicht angegriffen, aber natürlich behalte ich mein freundliches Lächeln auf. „Igitt, in diesem Kuchen hat’s Zucker! Ich mag keinen Zucker“, schimpft Kind 3  und greift sich ein Caramelbonbon. „Nicht persönlich nehmen, nicht persönlich nehmen, nicht persönlich nehmen“, brumme ich innerlich vor mich hin. Doch leicht enttäuscht bin ich schon, dass mein Meisterwerk so harsch kritisiert wird.

Ich mag diese Kinder alle sehr gern, ich freue mich, dass sie mit meiner Tochter Geburtstag gefeiert haben, ich finde es toll, dass sie so fröhlich und aufgedreht sind, dass jedes mit seinem einzigartigen Wesen das Leben unserer Tochter bereichert und ich finde es rührend, wie sich jedes einzelne darum bemüht hat, Luise ein spezielles Geschenk auszusuchen. Ich finde diese Kinder grossartig, ganz ehrlich. Von mir aus hätten sie noch lange bleiben dürfen. Einzig die von Kinderlosen hochgelobte Direktheit hat mir mit der Zeit etwas zugesetzt.

Deshalb sehne ich mich heute Abend nach zwei Dingen: Nach einem heissen Bad und nach einer extragrossen Portion währschafter erwachsener Heuchelei.

Komm, putt putt putt

Wenn das bloss keine herbe Enttäuschung wird für den Zoowärter! Heute hat er von der Spielgruppe ein Osterei mit nach Hause gebracht. Schön blau – seine Lieblingsfarbe – und mit einem Häschensticker beklebt. Ein richtiges Kleinkinder- Osterei eben, das er mir voller Stolz gezeigt hat. „Mama, wenn man das Ei aufmacht, dann kommt ein Küken raus“, erklärte er mir und strahlte wie ein Maikäfer. Anfangs sagte ich nicht viel, doch als er mir wieder und wieder versicherte, dass da ganz bestimmt ein Küken rauskommen würde und sich vor lauter Vorfreude kaum mehr halten konnte,  wurde mir klar, dass ich ihm reinen Wein einschenken musste. Wenn meine zartbesaitete Seele eines nicht ertragen kann, dann der enttäuschte Blick eines kleines Kindes. Das geht mir jeweils so sehr zu Herzen, dass ich selber beinahe heulen muss. Und deshalb machte ich den Zoowärter vorsichtig darauf aufmerksam, dass da kein Küken rauskommen werde. Was er mir natürlich nicht glaubte. Worauf ich die Sache noch einmal mit anderen Worten erklärte und wieder auf Unglauben stiess. Schliesslich versuchte Karlsson sein Glück und erzählte seinem kleinen Bruder, dass da nur Eiweiss und Eigelb drin sei. Worauf der Zoowärter entgegnete: „Nein, kein Eigelb, sondern Eigrün. Und ein Küken.“

Tja, was soll man da machen? Der Kleine ist und bleibt unbelehrbar in Sachen Osterei und ich fürchte, ich muss damit leben, dass er eine herbe Enttäuschung erlebt. Es sei denn, es gelänge mir, ein paar Küken aufzutreiben. Und ein Hühnerhaus. Und ein Auslaufgitter. Wie? Das kostet eine ganze Stange Geld? Aber das macht doch nichts. Hauptsache, der Zoowärter wird nicht enttäuscht…

Ach, wie ich mich freu‘!

Was wäre ein Frühling ohne Baumaschinen, klaffende Löcher in den Strassen, rot-weisse Abschrankungen und den unvergesslichen Sound eines Presslufthammers? Das gehört doch einfach dazu, nicht wahr? Dieses Jahr sah es lange danach aus, als müssten wir ohne die obligate Baustelle in der Nachbarschaft auskommen, doch heute brachte der Pöstler endlich den erlösenden Brief: Wir bekommen eine Baustelle. Zwar nicht direkt vor dem Haus, aber immerhin in der nächsten Strasse. Zuerst war ich ja ein wenig enttäuscht. Immer dürfen die anderen den ganzen Spass haben und wir müssen zuschauen. Aber dann habe ich den Brief gelesen und was die da versprechen, stimmt mich wieder fröhlich: Die Zufahrt zu unserer Liegenschaft wird erschwert, ja, sie ist gar zum grössten Teil „nicht gewährleistet“, vor allem nicht während der „regulären Arbeitszeit“. Deshalb werden wir gebeten, unser Auto ausserhalb der Baustelle abzustellen. Das wird ein Spass, wenn ich die Wocheneinkäufe durchs halbe Dorf schleppen darf! Endlich muss ich nicht mehr auf den Hometrainer.

Aber das ist noch nicht alles, wir bekommen noch mehr: „Während dem Belagseinbau“ – Was bitte sehr ist hier mit dem Genitiv schief gelaufen? – also eben „Während dem Belagseinbau ist die Strasse für einen Tag und die darauf folgende Nacht für den rollenden Verkehr total gesperrt.“ Und das ist noch nicht alles, wir werden in diesem Jahr so richtig verwöhnt, denn das Ganze dauert „maximal drei Monate“. Das wird ein Traumfrühling!

Nur Eines enttäuscht mich: Die Kehrichtsäcke und die Grünabfallcontainer darf ich wie gewohnt vor unserem Haus deponieren, die Bauarbeiter werden sie dann zu einer geeigneten Stelle transportieren. Dabei habe ich mich doch so darauf gefreut, die bis oben mit schmutzigen Windeln gefüllten Säcke durchs Quartier zu schleppen. Aber bei Reklamationen darf ich mich ja direkt an den Bauführer Herrn Hochstrasser wenden, steht im Brief. Herr Hochstrasser wird bestimmt dafür sorgen, dass ich das All-inclusive-Programm bekomme, wenn ich ihn ganz nett darum bitte.

Mamas Sohn

Heute hat das Prinzchen ein für alle Mal klargestellt, welcher Mutter Sohn er ist: Nachdem er sich, wie jeden Tag, entnervt die Socken von den Füsschen gerissen hatte, nahm er die lästigen Dinger, marschierte zum Abfallkübel und entsorgte sie. Recht hat er! Wer braucht denn schon Socken?

Ausgrabungen

Als ich vor etwas mehr als zwei Jahren zu bloggen anfing, – Gab es überhaupt ein Leben vor dem Blog? –  schrieb ich in meinem ersten Post den folgenden Satz: „So läuft die besagte Mutter durch die Welt und schreibt, jedoch immer nur im Kopf. Und wenn dann abends endlich Ruhe ist, sind die Sätze weg. Verschwunden unter Wäschebergen, ersoffen im Putzkessel, zu Boden getrampelt von vier Paar hinreissend schönen, aber gegenüber mütterlichen Gedanken äusserst unsensiblen Kinderfüssen.“ Damals hatte ich geglaubt, einzig mein Schreiben habe unter meinem Dasein als Hausfrau gelitten. Das Schreiben habe ich inzwischen wieder zurückerobert, aber als ich neulich mal wieder in den Wäschebergen zu graben anfing und im Putzkessel fischte, kamen da noch ein paar andere Dinge hervor, die ich schon längst verloren geglaubt hatte. Zum Beispiel meine Leidenschaft für das Backen. Vor lauter unangenehmen Haushaltspflichten hatte ich ganz vergessen, wie überaus befriedigend es ist, irgend ein kompliziertes Rezept hervorzukramen und zu testen, wie das Zeug schmeckt. Und plötzlich folgt auf einen schlecht gelaunten Plunderteig ein äusserst gut gelaunter Plunderteig. Und weil man gerade so schön in Schwung ist, kann man ja die Brötchen für die „Sloppy Joes“ auch gleich selber backen.

Etwas anderes habe ich auch wieder gefunden: Diese unglaubliche Zufriedenheit, die man verspürt, wenn man sich so richtig viel Zeit für die Kinder nehmen kann. Wenn es nichts ausmacht, dass das Prinzchen auch nach zehn Mal „Joggeli, chasch au riite“ (Für diejenigen, die den Joggeli nicht kennen: so ähnlich wie „Hoppe Hoppe Reiter“) nach mehr verlangt. Wenn man dem Zoowärter das Bilderbuch auch noch ein zweites Mal erzählen kann. Wenn man sich freut, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat noch ein wenig mehr über die Römer erfahren will. Wenn es durchaus drinliegt, mit Luise auch noch beim neugeborenen Fohlen vorbeizuschauen. Wenn Karlsson ausführlich vom neusten Geolino-Bericht erzählen darf, ohne dass man ihn unterbrechen muss. Wenn man die schönen Seiten des Familienlebens wieder geniessen kann.

Dann habe ich noch ein paar Dinge gefunden, von denen ich kaum mehr wusste, wie man sie nannte. Lachen, zum Beispiel. Oder Unverkrampftheit. Oder Experimentierfreude. So viel Lebensfreude lag unter den Wäschebergen verschüttet, so viel Lebensqualität war im Putzkessel ertsoffen und das alles, weil ich zu lange geglaubt hatte, dass ich als Mutter zugleich auch Hausfrau sein müsse. Weil ich mich zu lange dagegen gesperrt hatte, eine Putzfrau einzustellen, ein wenig Geld in ein Au-Pair zu investieren. Weil ich nicht den Mut hatte, dazu zu stehen, dass ich mit Ausnahme von kochen, backen, einkaufen und Wäsche aufhängen sämtliche Hausarbeit nicht nur so ein kleines bisschen doof finde, sondern aus tiefstem Herzen hasse. Wie viele Ausraster hätte ich mir ersparen können, wenn ich mich von Wäschebergen und schmutzigen Toiletten nicht so sehr hätte stressen lassen? Wie viele  Bilderbücher habe ich nicht erzählt, wie viele Lider nicht vorgesungen, wie viele Sorgen nicht wahrgenommen? Wie oft habe ich nicht gelacht über ein aberwitzige Situation, weil ich schon wieder ans Aufräumen danach dachte? Wenn ich zurückschaue und sehe, wie sehr meine Abscheu für die Hausarbeit unser Familienleben belastet hat, dann könnte ich mich selber ohrfeigen dafür, dass ich nicht früher eine Veränderung in die Wege geleitet habe.

Launisch

Heute bin ich schlecht gelaunt. Sehr schlecht gelaunt. Warum? Ich weiss es nicht, aber es könnte etwas damit zu tun haben, dass das Prinzchen mich entgegen seiner Gewohnheit um sechs Uhr früh geweckt hat. Und das nachdem ich mich eine volle Woche auf einen gemütlichen Samstagmorgen gefreut hatte. Vielleicht liegt es auch an den Unmengen von Koffein, die ich in mich hineingeschüttet habe, weil ich mich wach halten musste. Oder vielleicht bin ich einfach nur genervt, weil ich mich auf einen friedlichen Nachmittag mit dem Prinzchen gefreut hatte, der aber ins Wasser fiel, weil Karlsson sich weigerte, in die Jungschar zu gehen und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf gar keinen Fall den Rest der Familie zum türkischen Kochkurs begleiten wollte.

Ist ja auch nicht so wichtig, warum ich schlecht gelaunt bin, Tatsache ist, dass ich so stinkig bin, dass mir nur noch eines bleibt: Backen. Das mache ich immer, wenn ich sauer bin. Nun ja, manchmal mache ich es auch, wenn ich nicht sauer bin, aber  bei schlechter Laune überkommt mich ein unwiderstehlicher Drang etwas zu backen und zwar sofort. Je mieser die Laune, umso aufwendiger muss die Sache sein. Heute muss meine miese Laune einen neuen Höhepunkt erreicht haben, denn ich wagte mich tatsächlich nach Jahren des Zögerns an meinen ersten hausgemachten Plunderteig. Tour für Tour bearbeitete ich meinen Ärger mit dem Wallholz, Tour für Tour schimpfte ich auf den armen unschuldigen Teig, bis die ganze Butter aufgebraucht war und meine miese Laune sich noch immer nicht gebessert hatte.

Jetzt liegt meine schlechte Laune, ähm, Pardon, der Plunderteig, im Kühlschrank und wartet darauf, zu Croissants verarbeitet zu werden. Eine Wiedergutmachung für meine Familie, die heute eine nörgelnde, stänkernde, herumbrüllende Mama ertragen musste.

Grenzenlos naiv…

…. sind „Meiner“ und ich auch noch beim fünften Kind. Das heisst, so richtig naiv bin wohl ich und „Meiner“ hat einfach nichts dagegen unternommen, weil er sich als Einzelkind ganz auf mein Urteil verlässt, wenn es darum geht, auch beim jüngsten Kind darauf zu achten, dass es nicht zu kurz kommt. Als jüngstes von sieben Kindern weiss ich ja sehr genau, welche Fehler man nicht machen sollte. Und mache deshalb genau das Gegenteil, was ebenso falsch ist. Und deshalb hat das Prinzchen wie alle seine Geschwister zu seinem ersten Geburtstag einen grossen Bären bekommen, den grössten, den die Migros im Angebot hatte. Genauer gesagt im Sonderangebot hatte und das hätte mich eigentlich stutzig machen sollen. Hatten wir nicht ziemlich genau acht Jahre zuvor ebenfalls im Sonderangebot einen gewissen Eisbären erstanden, der grösser war als das Kind, das ihn geschenkt bekam und der von da an mit besagtem Kind verwachsen war wie ein siamesischer Zwilling? Hatten wir uns nicht geschworen, wir würden nie mehr den grössten Bären nehmen, sondern vielleicht den zweit- oder drittgrössten? Natürlich hatten wir uns das geschworen, aber weil Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter an ihren zweit- oder drittgrössten Bären kaum je Interesse zeigten, glaubten wir, eine derart enge Beziehung wie Karlsson zu seinem David pflegt, komme nur einmal pro Familie vor. Und so griff ich gedankenlos zu, als der Riesenbär im Sonderangebot zu haben war und „Meiner“ hielt mich nicht zurück.

Und jetzt haben wir den Schlamassel: Den ganzen Tag schleppt das Prinzchen seinen Riesenbären mit sich herum – Wer sagt denn, dass nur Ameisen fähig sind, Gegenstände mit sich herumzuschleppen, die ein Mehrfaches ihrer eigenen Körpergrösse haben? -, kuschelt sich an ihn, wenn er müde ist und will sogar mit ihm zusammen gewickelt werden. Was gar nicht so einfach ist, weil man unter dem Bären das Prinzchen kaum mehr finden kann. Und ausserdem muss man aufpassen, dass der Bär dabei nicht schmutzig wird, denn für die Waschmaschine ist er zu gross. Eigentlich hätten wir schon vor ein paar Monaten ahnen müssen, dass das Prinzchen und sein Bär zu einem untrennbaren Gespann würden und zwar an dem Tag, als das Prinzchen seinen Bären zum ersten Mal „Bä!“ nannte. Hatte nicht Karlsson seinen David anfangs auch so genannt und man sieht ja, was daraus geworden ist. Aber naiv wie wir sind, haben „Meiner“ und ich damals nicht die Konsequenzen gezogen und den Bären verschwinden lassen, bevor er das Prinzchenherz vollständig erobert hatte. Nein, wir haben dabei zugesehen und „ach, wie süss!“ gesäuselt. Von erfahrenen Eltern sollte man eigentlich erwarten, dass sie sich nicht mehr von diesem zuckersüssen Gehabe einwickeln lassen, aber nein, wir sind und bleiben so butterweich wie eh und je, wenn es um den „Jööööh-Faktor“ geht.

Und so sind „Meiner“ und ich ganz selber Schuld, wenn unsere Zukunft mit dem Prinzchen genau gleich aussehen wird, wie unser bisheriges Leben mit Karlsson: Der Bär kommt überall mit, sogar ins Flugzeug – zum Glück haben wir inzwischen das Fliegen aufgegeben -, der Bär erfährt jedes Geheimnis, der Bär stinkt zum Himmel, weil man ihn nicht waschen kann und noch immer drückt das Kind seine Nase daran platt, der Bär zerfällt in alle Einzelteile und muss unzählige Male operiert werden, weil er trotz seiner Hässlichkeit noch immer innig geliebt wird etc. Und „Meiner“ und ich werden kein Sterbenswörtchen dagegen zu sagen haben, denn diesmal sind wir mit offenen Augen ins Desaster gerannt. Aber wie sagt doch Nigella Lawson – ja, auch ich habe inzwischen der verführerischen Mischung von üppiger Schlemmerei und witziger Formulierung nicht mehr widerstehen können – so schön: „… the sad truth about parenting is that it’s virtually impossible to learn from your mistakes. The whole business is a Dantesque punishment: you’re trapped in the cycle, knowing what you’re doing, but seemingly unable to stop.“ Wie man sieht, brauche ich keine Erziehungsratgeber, ich kann mir meine Erziehungstipps auch beim Backen von Pfannkuchen holen.

Wie sehr liebst du mich, Mama?

Seit Tagen schon hörte ich von nichts anderem mehr als vom Besuchsmorgen an Schule und Kindergarten. „Mama, kommst du am Freitag?“, wollte der FeuerwehrRitterRömerPirat wissen. „Mama, zu wem gehst du zuerst? Zu mir? Versprichst du mir, dass du zuerst zu mir kommst? Bitte bitte bitte! Sonst werde ich wütend!“, liess mich Karlsson immer und immer wieder wissen. „Mama, bleibst du bei mir am längsten?“, säuselte Luise. Zwar sprach es keines der Kinder so aus, aber was sie wirklich von mir wissen wollten war dies: „Mama, liebst du mich mehr als die anderen? Oder zumindest ebenso sehr?“ Da mochte ich noch hundertmal erklären, dass es keine Rolle spiele, zu wem ich zuerst ginge, weil ich ohnehin alle drei unendlich liebe. Da mochte ich immer und immer wieder betonen, dass ich nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein könne, da ich mich ja unmöglich dreiteilen könne, es sei denn, sie wollten die Mama loswerden.

Die kleinen Kinderköpfe wollten einfach nicht begreifen, dass es schon Liebesbeweis genug ist, wenn Mama an einem Freitagmorgen ihre angefangene Geschichte liegen lässt, sich so früh als möglich aus dem Haus begibt und von Schulzimmer zu Schulzimmer zieht, um mit eigenen Augen zu sehen, dass die Schule trotz aller hitzigen bildungspolitischen Debatten noch immer die Gleiche ist wie vor dreissig Jahren. Sie konnten einfach nicht verstehen, dass es nichts mit Bevorzugung zu tun hat, wenn ich zuerst bei Karlsson reinschaute, weil die Tür zum Werkraum gerade offen stand und dass ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht weniger liebe, bloss weil ich mir den Kindergartenbesuch bis zuletzt aufgespart habe, weil ich keine Lust hatte, am frühen Morgen beim Turnunterricht zuzuschauen. Es reicht doch eigentlich, dass ich bei jedem Kind exakt dreissig Minuten geblieben bin, dass ich den Lehrerinnen bewiesen habe, dass ich trotz meiner fünf Kinder Zeit finde für jedes Einzelne. Und ist es nicht der grösste Beweis für die Mutterliebe, dass Mama bei allen aufgehängten Kinderzeichnungen immer nach der Schönsten sucht, weil Mama felsenfest davon überzeugt ist, dass die eigenen Kinder am schönsten zeichnen?

Für dieses Jahr ist der Besuchsmorgen überstanden. Wie aber schaffe ich das in zwei Jahren, wenn auch der Zoowärter im Kindergarten ist? Und wie in vier Jahren, wenn ich an einem einzigen Morgen fünf Kinder besuchen soll? Vielleicht bilde ich mich bis dahin in Zeitmanagement weiter…