Ein bisschen mehr Toleranz, bitte!

Habe ich denn gestern ein Theater veranstaltet, als Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nachts um halb zwölf mit Papa von der Open-Air-Kinovorführung nach Hause kamen? Nein, habe ich nicht. Ich habe gelächelt, habe gefragt, wie der Film war und die Kinder ohne nur den leisesten Anflug einer Ermahnung umgehend ins Bett geschickt. Und dies, obschon sie für die heutige Einsegnung des Prinzchens hätten fit sein sollen. Ich war das Musterbeispiel der toleranten Mutter, die ihren Kindern auch mal eine Ausnahme erlaubt, die ihnen die Freude gönnt, auch wenn dies beinhaltet, dass sie sich den Bauch nach dem Abendessen mit Zuckerwatte, Popcorn und Crêpes füllen.

Doch was ist der Dank, den ich für meine Toleranz bekomme? Ein Geschrei am nächsten Abend, weil die Kinder ausnahmsweise schon um Viertel nach sieben und nicht erst um acht ins Bett müssen. „Aber Mama, du hast uns versprochen, dass wir nie früher als um halb acht im Bett sein müssen!“, brüllt Karlsson. Habe ich das wirklich jemals versprochen? Und wenn auch: Habe ich gestern etwas gesagt, als sie drei Stunden und dreissig Minuten später als gewöhnlich im Bett waren? Da wird man fünfundvierzig Minuten zu früh wohl noch verkraften können. Wo bitte bleibt deine Toleranz, mein lieber Karlsson?

Doch der sonst so vernünftige Karlsson lässt sich nicht überzeugen, dass dies auf zwei Tage verteilt immer noch zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten ausmacht, die er widerrechtlich ausserhalb des Bettes verbracht hat. Muss ich ihm jetzt wirklich eine Lehre erteilen und die schlaflosen Minuten, die er auf Vorschuss erhalten hat, wieder einziehen, indem ich ihn bis Freitag jeden Abend eine halbe Stunde zu früh ins Bett schicke?

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Wie viel ist zu viel?

Wie viel müssen oder dürfen Geschwister einander helfen und wie oft dürfen sie zu Recht fragen „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Zum Glück habe ich vor langen Jahren einmal diese Diskussion mit einem militanten Einzelkind geführt, sonst wäre ich als Grossfamilienkind wohl nie für dieses wichtige Thema sensibilisiert worden. Wo es für mich doch vollkommen normal war, dass die älteste Schwester nachts um drei mein Erbrochenes aufwischte.

Was ein militantes Einzelkind sein soll, höre ich meine Leser  fragen. Nun, in meiner Erfahrung gibt es drei Sorten von Einzelkindern. Da sind erstens mal die, die mit ihrer Familie vollkommen zufrieden sind. Klar hätten sie gerne mal ab und zu einen grossen Bruder gemietet, aber im Grossen und Ganzen waren sie so glücklich wie alle anderen Kinder auch, mal mehr, mal weniger. Dann gibt es die, die mit ihrer Familie vollkommen unglücklich sind. „Meiner“ gehört zu dieser Kategorie. Noch heute bedauert er zutiefst, dass er ohne Geschwister aufwachsen musste. Darum hat er ja auch mich geheiratet. Andere Männer heiraten ihre Frauen des Geldes wegen, „Meiner“ heiratete mich meines unüberschaubaren Clans wegen. Von dem Moment an, als er die Namen meiner sämtlichen Brüder, Schwestern, Schwägerinnen, Schwager, Neffen und Nichten  auf dem Papier sah, vergötterte er mich.

Ja, und dann gibt es die dritte Kategorie, die militanten Einzelkinder, die zutiefst davon überzeugt sind, dass jede andere Familienform menschenunwürdig ist. So ähnlich wie gewisse zwanzigfache Mütter jedem predigen, er müsse sich grenzenlos vermehren, predigen sie, es sei verantwortungslos, mehr als ein Kind grosszuziehen. Mit eben so einem Einzelkind diskutierte ich vor Jahren die Frage, wie viel Verantwortung Geschwister füreinander tragen sollen. Dass sie sich auf diesem Gebiet für eine Expertin hielt, spricht für sich…

Seither also beschäftigt mich diese Frage. Auf dem Papier ist ja alles ganz einfach: Nicht zu viel und nicht zu wenig. Auch in der Praxis gibt es Fälle, die sonnenklar sind. Dass zum Beispiel Luise „Meinem“ und mir das Sorgerecht für das Prinzchen entziehen und alleine für ihn sorgen will, geht nun mal einfach nicht. Und dass Karlsson ohne Gebrüll ein Papierfetzchen aufheben kann, auch wenn es der FeuerwehrRitterRömerPirat auf den Boden geschmissen hat, sollte eigentlich keine Frage sein. Aber schon diese glasklaren Fälle lösen, je nach Laune der Kinder, heftige Diskussionen aus.

Je weiter wir uns in die Grauzone wagen, umso ausgedehnter werden die Verhandlungen. Muss Luise ihr Zimmer selber aufräumen, auch wenn eigentlich der Zoowärter, der das Konzept von  Ordnung noch nicht verinnerlicht hat, das Chaos angerichtet hat? Ist es zumutbar, dass Karlsson für zehn Minuten seine Hausaufgaben unterbricht, um auf den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten aufzupassen? Damit Mama nicht die ganze Horde mitschleppen muss, wenn sie Luise zur Ballettstunde fährt. Kann man vom Zoowärter  verlangen, dass er seine Schokolade mit den Grossen teilt, auch wenn er noch nicht ganz versteht warum? Kann man umgekehrt von Luise erwarten, dass sie dem Zoowärter etwas von ihrem Schleckstengel abgibt, den sie von der Geburtstagsparty mitgebracht hat?

Für meine Diskussionspartnerin vor vielen Jahren wäre die Antwort auf alle Fragen dieselbe gewesen: Nein, nein und nochmals nein. Für mich hingegen ist es ein tägliches Abwägen, wie ich es schaffe, keinem zu viel Verantwortung aufzubürden, keinen zu bevorzugen, jedem seinen Freiraum einzugestehen, jedem zu zeigen, dass er zwar wichtig und einzigartig,  nicht aber der Nabel der Welt ist.  Dies alles mit dem Ziel, die fünf zu mehr oder weniger gesellschaftsfähigen Menschen zu erziehen (die ihre Geschwister auch als Erwachsene noch lieben…).

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Naiv

Jetzt bin ich aber wahrhaftig tief gesunken. Jahrelang habe ich jeglichem Lärmspielzeug getrotzt. Habe mich geweigert, all den überteuerten Mist zu kaufen, den man den Eltern andrehen will, weil sie bekanntlich für ihre einzigartigen Sprösslinge keine Kosten scheuen. Habe gewettert gegen all die gewieften Geschäftemacher, die jeden Plastikhaufen zu einer Goldgrube für ihr Geschäft machen, indem sie ihm das Prädikat „pädagogisch wertvoll“ aufstempeln. Und heute, am 24. August 2009, bin ich eingeknickt, habe mich der Macht der Werbung gebeugt, habe mich wider alle Vernunft verführen lassen von leeren Versprechungen und habe dem Zoowärter ein Musik-Töpfchen bestellt. Ja, so ein doofes Ding, das beim Pinkeln das Geräusch von Wasserrauschen von sich gibt und nach vollendeter Tat das Kind mit einem Liedchen, das garantiert blechig und falsch klingen wird, belohnt.

Wer mich kennt, wird daraus den richtigen Schluss ziehen: Ich bin verzweifelt. Ich habe es einfach satt,  Tag für Tag rund zehnmal Windeln zu wechseln, zwei übervolle Windeleimer im Badezimmer stehen zu haben, Woche für Woche eine, in schlimmen Zeiten sogar zwei Tuben Wundschutzcrème zu verbrauchen. Das Fass zum Überlaufen brachte eine Bekannte, die mich neulich fragte, wie viele Windeln ich wohl in den letzten Jahren gewechselt hätte. Als ich mir auszumalen begann, wie viele Bücher ich in dieser Zeit hätte lesen können, wurde mir bewusst, dass jetzt wirklich langsam Schluss sein muss. Zumindest für den Zoowärter, das Prinzchen darf sich noch etwas Zeit lassen.

Ich hatte ja auf den Sommer und auf meinen schlauen Zoowärter gehofft. Ein Kind, das im zarten Alter von zweieinhalb schon perfekte Passiv-Sätze konstruiert und mal ganz nebenbei den Konjunktiv anwendet, wird wohl keine Mühe haben, sich der Windel zu entledigen, dachte ich. Aber egal, wie gut ich ihm zurede, er will einfach nicht wahrhaben, dass grosse Jungen keine Windeln mehr brauchen. Ich muss euch doch bitten, ihr erfahrenen Mütter, hört auf, über mich zu lachen! Ich weiss, ich bin hoffnungslos naiv. Noch immer, obschon doch schon der FeuerwehrRitterRömerPirat „Ave Caesar, morituri te salutant“ vor sich hinbrabbelte, währenddem er sich mit stoischer Ruhe in die Hose machte.

Ob ich denn nicht weiss, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht? Aber natürlich weiss ich es. Doch lasst mich wenigstens einmal glorreich scheitern mit meinen Ambitionen. Gewöhnlich dränge ich ja meine Kinder nicht,  also darf ich für einmal eine Ausnahme machen. Ausserdem lässt sich das Töpfchen ja auch als Fussschemel benützen und von denen brauchen wir dringend einen Zweiten. Aber warum überhaupt ausgerechnet ein Musik-Töpfchen? Hätte es nicht auch ein leiseres Modell getan? Nun, der Zoowärter hört so gerne Bach und singt den ganzen Tag „Det äne am Bergli“. Da müssen wir doch die musikalische Früherziehung noch etwas weiter pushen, sonst wird nie ein Genie aus ihm… :-)

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Nichts als die Wahrheit

Wie viel Wahrheit braucht ein Kind? Wie viel kann es ertragen? Wie viel ist zu viel? Dies sind die grossen Fragen, die uns Eltern immer mal wieder beschäftigen. Und eigentlich ist für mich die Antwort ziemlich klar: Wenn man dem Kind die Wahrheit schonend beibringt, sie so präsentiert, dass das Kind sie auch ertragen kann, darf man ihm eigentlich alles sagen.

Alles, ausser die Tatsache, dass Eisbären vermutlich aussterben werden. Zumindest, wenn das Kind Karlsson heisst und nichts inniger liebt als seinen Plüscheisbären, der ob dieser innigen Liebe noch viel stärker vom Aussterben bedroht ist als seine lebenden Artgenossen. Ausgerechnet diesem Kind muss „Meiner“ heut die ungeschminkte Wahrheit sagen. Was er denn malen solle, fragt Karlsson seinen Papa. „Mal doch einen Eisbären“, schlägt „Meiner“ vor. Karlsson will wissen warum. Anstatt ihm zu antworten, Eisbären seien doch seine Lieblingstiere, oder Eisbären seien so schön weiss, oder so unglaublich stark oder so imposant, sagt „Meiner“ geradeheraus: „Weil Eisbären aussterben werden.“

Ach, „Meiner“! Du bist ein grossartiger Vater, aber musstest du ausgerechnet das sagen? Die Quittung für seine Unbedachtheit bekommen wir abends präsentiert. Karlsson schreit sich die Seele aus dem Leib, kann sich kaum mehr beruhigen und schluchzt auch dann noch herzzerreissend, als ich ihm erklärt habe, dass es auf jeden Einzelnen von uns ankommt, ob seine geliebten Eisbären tatsächlich aussterben werden. Und weil es mir fast das Herz bricht, zu hören, wie Karlsson sich in den Schlaf weint, steht für mich fest: Wenn es um Eisbären geht, wird ab jetzt eiskalt gelogen.

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Danke für’s Kompliment, Alina

Ich bin schön. Nein, keine Angst, ich verliere nicht ganz allmählich den Bezug zur Realität. Ich bin auch nicht immer zufrieden, wenn ich in den Spiegel schaue. Und ich gehöre jetzt auch nicht zu den Frauen, die jedem Dahergelaufnen von ihrer „inneren Schönheit“ vorschwärmen. Aber wenn die kleine Alina, die eben erst „vieri gsii“ ist, im Schwimmbad eigens ihre Mutter herholen muss, damit sie „diese schöne Frau“ bewundern kann, darf man sich  für einmal schon geschmeichelt fühlen. Gerade weil das Ganze im Schwimmbad passiert ist, wo  Mängel besonders schonungslos aufgedeckt werden. Und wo meine eigenen Kinder erbarmungslos darauf hinweisen, dass es auf meinen Oberschenkeln „so komische Streifen“, an meinem Bauch „so dicke Falten“ hat. Da tut es doch einfach gut, dass die kleine Alina über all dies hinweg sieht und so hingerissen ist von meiner „Schönheit“, dass sie keine Gelegenheit auslässt, um noch etwas länger in meiner Nähe zu sein.

Sollte ich mich je wieder hässlich fühlen, denke ich in Zukunft einfach an Alina.

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Freitagmorgen

Freitagmorgen, fünf vor acht, alle fünf Venditti-Kinder sind geputzt, gestriegelt und satt, das Prinzchen gebadet, gewickelt und schon wieder im Land der Träume, die Mama frisch geduscht und noch ohne Flecken auf dem T-Shirt. Eine echte Leistung! Und das alles in nur vierzig Minuten. Im Vergleich zu mir ist Usain Bolt eine lahme Ente. An so einem Tag kann doch einfach nichts mehr schief gehen?

Aber klar doch. Alles was es braucht, ist ein Gewitter pünktlich um acht und schon ist die ganze Sache im Eimer. Nun gut, immerhin sind Karlsson und Luise bereits auf dem Schulweg als es losgeht, somit hat’s wenigstens bei Zweien geklappt mit geputzt, gestriegelt, satt und pünktlich. Wenn man mal davon absieht, dass die Beiden wohl vollkommen durchnässt in der Schule ankommen werden… Aber eben, die richtige Action spielt sich, wie immer, zu Hause ab. Als der FeuerwehrRitterRömerPirat sieht, dass es aus Kübeln giesst, zieht er den richtigen Schluss und holt Gummistiefel für sich und den Zoowärter. Braves Kind. So brav, dass er auch gleich darauf besteht, dass man nicht ohne Socken in Gummistiefel schlüpft und sei die Mama noch so dagegen, dass man jetzt wegen eines Paars blöder Socken – Socken sind immer blöd –  den ganzen Erfolg aufs Spiel setzt.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat bleibt hart, die Socken werden angezogen, die Mama macht sich derweil auf die Suche nach Regenschirmen. Der Erste ist kaputt, der Zweite klemmt, der Dritte ist rosarot. Und mit einem rosaroten Regenschirm geht der FeuerwehrRitterRömerPirat, dieser kleine Macho, nicht aus dem Haus. Das gleiche Kind, das vor wenigen Augenblicken noch darauf bestanden hat, bei Regenwetter alles richtig zu machen, will nicht begreifen, dass es für die Perfektion auch einen Schirm braucht. Und wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat keinen Schirm will, will der Zoowärter auch keinen. Aber bis der Zoowärter ohne Schirm allen Schnecken auf der Strasse Guten Tag gesagt haben wird, wird das Kind nass sein bis auf die Knochen. Da bleibt er doch besser bei der Grossmutter währenddem ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten in den Kindergarten begleite. Bei der Grossmutter will der Zoowärter heute aber ausnahmsweise mal nicht bleiben, auch nicht für fünf Minuten. Es gibt ein Gebrüll, Mama verliert die Nerven und der FeuerwehrRitterRömerPirat nutzt die Gelegenheit, sich derweil mit Gummistiefeln aber ohne Regenschirm im Garten zu verstecken. Und zwar so gut, dass ich ihn erst finde, nachdem ich so laut nach ihm gerufen habe, dass das ganze Quartier weiss, dass die Alte Venditti heute Morgen ihre Kleinen mal wieder nicht im Griff hat. Dabei hatte doch alles so gut angefangen…

Endlich habe ich die beiden soweit, dass wir gehen können. Weil jetzt ohnehin alles vermasselt ist, können wir auch gleich das Auto nehmen. Ist der Ruf erst ruiniert, … Ausserdem habe ich nach all dem Theater keine Lust, auch noch tropfnass zu werden.

Himmel, wann endlich werden diese Gewitter am Freitagmorgen verboten?!

Karriere

Das neue Schuljahr bringt neben neuen Lehrerinnen, neuen Stundenplänen und neuem Schulmaterial auch eine neue Rollenteilung mit sich, zumindest am Dienstag. Dieser Tag gehört ab sofort mir und meiner „Berufstätigkeit“, zumindest, wenn Luise nicht wegen eines unglücklichen Kopfsturzes frühzeitig aus der Schule nach Hause kommt. Am Vormittag sind die Kinder ausser Hauses, am Nachmittag schmeisst „Meiner“ den Laden und ich gehe meiner ach so wichtigen „Arbeit“ nach und tue so, als ob ich von all dem Trubel zu Hause nichts mitbekäme, obschon ich natürlich alles höre. Es liegt ja auch bloss eine Bürotür zwischen mir und meinem Alltag. Doch egal, wie laut das Gebrüll auf der anderen Seite der Tür auch sein mag, es geht mich nichts an. Soviel Ausblenden muss nach fast neun Jahren Mutterschaft einfach möglich sein.

Weil ich aber weiss, wie nervenaufreibend solche Nachmittage mit fünf Kindern sind und wie gut es tut, ausgiebig zu jammern, höre ich geduldig zu, als mir „Meiner“ abends ausführlich schildert, was ihn so alles auf die Palme gebracht hat. Er erzählt mir des Langen und Breiten von einem mühsamen Spaziergang mit drei widerspenstigen Venditti-Kindern. Insgeheim warte ich darauf, dass er endlich auf den Punkt kommt und mir erzählt, was daran soooooo schlimm war. Aber es kommt nur das Übliche: Der FeuerwehrRitterRömerPirat wollte um alles in der Welt den Kinderwagen schieben, was aber gehörig daneben ging, weshalb „Meiner“ nicht vom Fleck kam. Derweil rannte der Zoowärter auf die Kreuzung zu und liess sich durch keine väterliche Ermahnung bremsen. All das hat dazu geführt, dass der ganze Trupp zu spät nach Hause kam, weshalb das Abendessen nicht rechtzeitig auf dem Tisch stand, die Küche im Chaos unterging und Karlsson nicht Geige üben konnte. Weitere Details sind mir entfallen, aber klar ist: Es war der ganz normale Wahnsinn, mit dem ich mich tagtäglich herumschlage. Deshalb konnte  ich nicht anders, als irgendwann in schallendes Gelächter auszubrechen.

Was ist denn nur mit „Meinem“ los? Der gute Mann hat schon mindestens so viele Windeln gewechselt wie ich, ist nachts wohl noch häufiger aufgestanden als ich, ist schon vier Tage alleine mit vier Kindern in die Ferien gefahren und hat sie jahrelang abends alleine zu Bett gebracht, währenddem ich mich darum bemühte, meinen Englischschülern das „s“ in der dritten Person Singular einzuprügeln. So einen Mann haut doch nichts mehr aus den Socken, nicht wahr? Leider doch wahr: Der ganz normale (Schul)alltag mit den Kindern ist eben noch eine Stufe anspruchsvoller als all das, was „Meiner“ bis anhin geleistet hat.

Bin ich nicht nett, dass ich „Meinem“ diesen Karriereschritt ermögliche?

Lesen Sie die Packungsbeilage

Sonderbar sind sie ja schon, die Kinder. Man nehme zum Beispiel die Frage, ob man den Leuchtstreifen über oder unter der Kindergartentasche trägt. Eine Bagatelle? Denkste! Luise zum Beispiel legte während ihrer ganzen Kindergartenzeit äussersten Wert darauf, den Leuchtstreifen über allen anderen Trägern zu tragen. Egal, was noch alles dazu kam,  – Kindergartentasche, Posttasche, Bibliotheksmappe, Turnsack und tausend andere Dinge,  – der Leuchtstreifen kam drüber „weil mich sonst die Autofahrer nicht sehen“, so Luise. Wenn Mama jetzt meint, beim FeuerwehrRitterRömerPiraten bleibe alles gleich, so irrt sie gewaltig. Denn was für Luise stimmte, stimmt für den FeuerwehrRitterRömerPiraten keinesfalls. Der Leuchtstreifen gehört unter alle anderen Träger und Riemen, verstanden? Und er nimmt die Sache so ernst, als ginge es um die Frage, ob er von den Zucchini auch probieren muss oder ob sein Freund heute zu uns kommt oder ob er zu ihm geht.

Oder nehmen wir den Zoowärter. Für Mama ist es klar, dass es am ersten Spielgruppentag Tränen geben wird. Gibt es auch. Aber erst, als der Zoowärter abgeholt wird. Alle anderen Kinder heulen Rotz und Wasser wenn die Mama oder der Papa sie alleine in der Spielgruppe lassen wollen. Der Zoowärter heult zum Steinerweichen, wenn er nach Hause gehen muss. Was sagt das über meine Beliebtheit?

Während ich die Eigenarten dieser drei Kinder einfach so akzeptieren muss, habe ich für Karlssons Macken endlich eine Erklärung gefunden und zwar aus reinem Zufall, als ich auf dem WC nichts zum Lesen dabei hatte und deshalb die Packungsbeilage von Karlssons Asthma-Medikament durchlesen musste. Das Medikament könne neben so harmlosen Nebenwirkungen wie Schwellungen des Gesichts oder Hepatitis auch  zu abnormen Träumen, Halluzinationen, Reizbarkeit, aggressivem Verhalten, Ruhelosigkeit und Schlaflosigkeit führen. Was, mal abgesehen von den Halluzinationen, so ziemlich jeden Konflikt, den wir in den letzten Tagen hatten, erklären würde. Kein Grund zur Sorge also. Nur falls Karlsson andere als die rund fünfzig aufgeführten Nebenwirkungen verspüren sollte, müsse ich mich an einen Arzt wenden. Sollte der Junge also plötzlich keine Türen mehr knallen, nicht mehr brüllen wenn er wütend wird und zu allem, was Mama verlangt ja und amen sagen, werde ich mich unverzüglich bei der Kinderärztin melden müssen.

Und plötzlich ist er wieder drei…

Was bin ich doch naiv! Da glaube ich immer noch, ein Kind werde von Tag zu Tag selbständiger, von Woche zu Woche vernünftiger, von Monat zu Monat weiser. Und dann reibe ich mir verwundert die Augen, wenn der fast neunjährige Karlsson plötzlich wieder drei ist. Wenn er ein Gebrüll macht, weil Mama und Papa sich erfrecht haben, die Taralli aufzuessen. Wenn er die Türen knallt, bloss weil er seine Sandalen verlegt hat. Wenn er einen Tobsuchtanfall bekommt, weil er abends nach dem Zähneputzen keine Birne mehr essen darf. Fehlt nur noch, dass er sich in der Migros wütend auf dem Boden hin und her wälzt und wir befinden uns wieder mitten im finstersten Trotzalter, das wir doch schon längst überwunden geglaubt hatten. Zumindest bei Karlsson.

Eigentlich hätten wir es ja wissen müssen. All das Gerede von regressiven Phasen und dergleichen ist uns bestens bekannt. Aber was im Erziehungsratgeber so einfach  klingt, – nicht zu viel Aufhebens machen darum, das Kind nicht lächerlich machen, Verständnis zeigen, – ist gar nicht immer so leicht. Die Ruhe bewahren, wenn Karlsson am Sonntagmorgen mit seinem Gebrüll die halbe Nachbarschaft weckt, weil er zwar Bus fahren will, nicht aber auf eigenen Füssen zur Bushaltestelle gelangen will? Aber natürlich zeigen wir Verständnis! Auch wenn die ersten verärgerten Nachbarn hinter dem Vorhang hervorlugen. Die Nerven nicht verlieren, weil ein Glas durch die Küche fliegt? Ist doch kein Problem, das Kind muss eben seinen Frust loswerden! Auch wenn dabei Leib und Leben der halben Familie gefährdet ist?

Es ist ja verständlich, dass ein Lehrerwechsel für Karlsson so wichtig ist wie für uns ein Stellenwechsel. Aber muss er denn gleich so wild werden? Immerhin schmeisst Mama auch nicht mit Gläsern, wenn sie sich in einer regressiven Phase befindet – zumindest nicht, wenn die Kinder dabei sind…

Was bin ich doch für ein toleranter Mensch…

Okay, vielleicht habe ich meinen Mund etwas voll genommen, als ich vor ein paar Tage an dieser Stelle forderte, wir Mütter sollten einander leben lassen, egal, ob wir nun vollzeitlich zu Hause sind oder ob wir einer bezahlten Arbeit nachgehen. Denn was schiesst mir als Erstes durch den Kopf, als mir heute eine Mutter mit leuchtenden Augen erzählt, wie erfüllend es doch sei, den lieben langen Tag mit den Kindern zu Hause zu sein? Was genau ich gedacht habe, behalte ich lieber für mich, denn es war nicht besonders nett, aber es ging so in Richtung: „Armes Muttchen…“. Ja, so tolerant bin ich, wenn  das Programm „Jeder muss selber wissen, was richtig ist für seine Familie“ wieder mal ausgestiegen ist. Immerhin verkneife ich mir die dummen Bemerkungen.

Überhaupt: Was hätte ich denn schon zu sagen? Dass ich eigentlich gar nicht Vollzeithausfrau wäre, wenn da nicht diese doofe Wirtschaftskrise wäre? Dass ich schon ganz interessante Projekte auf die Beine gestellt hätte, wenn ich mich besser verkaufen könnte? Dass „Meiner“ und ich eine sehr moderne Rollenteilung leben würden, wenn wir nicht durch ein paar Fehlentscheide in unserer sehr altmodischen Rollenteilung festgefahren wären? Vermutlich liegt es gerade an diesem „hätte, wäre, würde“, dass mich glückliche Vollzeithausfrauen zuweilen so auf die Palme bringen. Denn jede glückliche Vollzeithausfrau führt mir vor Augen, dass sie mit etwas zufrieden sein kann, was mich in tiefste Unzufriedenheit stürzt.

Ach ja, wenn wir schon beim Geständnis sind: Es treibt mich auch auf die Palme, wenn ein Mann sagt, die Küche sei das Reich seiner Frau, das Esszimmer Seines. Habe ich heute auch gehört. Aber  mit solch hoffnungslosen Fällen beschäftige ich mich lieber nicht zu lange, sonst geht meine christliche Nächstenliebe endgültig flöten…