Elternhysterie

War das ein Aufmarsch heute Morgen! Eine Meute von Eltern, Grosseltern und anderen Fans, die um eine Gruppe von verschüchterten Erstklässlern schwirrte, als wären sie Celebrities auf irgend einem roten Teppich an irgend einem glamourösen Ort. Kameras blitzten, Eltern rempelten einander an, traten einander auf die Füsse, forderten ihre Sprösslinge auf, in die Kamera zu lächeln, vermasselten einander die Bilder, weil jeder zuvorderst sein wollte.

Mitten im Getümmel ich mit meinen drei Jüngsten, das Prinzchen unter den Arm geklemmt, die Kamera hoch erhoben, so dass ich trotz meiner vertikalen Herausforderung einen guten Schnappschuss von Luises erstem Schultag erhasche. Ob der Hysterie hätte ich beinahe das Heulen vergessen. Aber nur beinahe. Ein paar Tränen konnte ich mir nicht verkneifen, als ich sie dastehen sah, so klein und doch schon so gross. Dann schnell die Tränen trocknen, ein letzter verzweifelter Blick auf Luise, die inzwischen etwas verloren aber glücklich im Schulbank sitzt.

Viel Zeit für Sentimentalitäten bleibt uns Karrieremüttern nicht. Es wartet der nächste herzzerreissende Termin im Kindergarten. Dort komme ich nicht einmal zum Tränenvergiessen. Kaum hat er gesehen, dass er neben der Kindergärtnerin sitzen wird, würdigt mich der FeuerwehrRitterRömerPirat keines Blickes mehr. Zeit, mich zurückzuziehen und einer anderen den Platz als wichtigste Frau im Leben meines Sohnes zu überlassen.

Durchgeknallt?

Wir Eltern sind schon sonderbare Wesen. Was wir den lieben langen Tag so machen, muss für Aussenstehende so ziemlich schräg aussehen. Nie werde ich vergessen, wie wir als Kinder über die Bekannte gelacht haben, die ihrem Baby nach jeder Breimahlzeit mit der Zunge den Mund sauber geleckt hat. Und heute ertappe ich mich selber bei so mancher Eigenart. Mich, oder manchmal auch die anderen, zum Beispiel unseren Nachbarn.

Nein, nicht den ewigen Junggesellen. Der hat ja keine Kinder. Aber unseren Freund, Vater von vier Kinder. Der übrigens weiss, dass ich heute über ihn schreibe, weshalb dieser Text sozusagen autorisiert ist. Sonntags fahren wir immer gemeinsam mit dem Bus zur Kirche, wir mit unseren fünf, die Nachbarn mit ihren vier Kindern. Und mit einer Haarbürste. Die einzige Haarbürste, die im Haushalt unserer Nachbarn noch auffindbar ist, fährt Sonntag für Sonntag mit zur Kirche. Okay, unser Nachbar findet, dass ich masslos übertreibe. Es sei erst dreimal vorgekommen, behauptet er steif und fest. Aber das Bild, wie er frühmorgens an der Bushaltestelle drei seiner Kinder kämmt, zuerst die Jüngste, dann die Buben, hat sich mir derart eingebrannt, dass ich glaube, es gehöre zum Sonntag wie die Anbetungszeit. Als ob wir vier Erwachsenen mit den neun Kindern nicht auch ohne Haarbürste genug auffallen würden!

Das Beste an der Sache ist übrigens, dass ich unseren Nachbarn bestens verstehe. Wann hat man denn schon Zeit, die Kinder zu kämmen? Ich habe ja auch schon die Zahnbürste mit der Zahnpasta drauf mitgeschleppt, wenn wir dringend weg mussten. Oder das Kind erst unterwegs fertig angezogen, weil wir zu spät dran waren. Jeder, der ab und zu mit einer Horde von Kindern unterwegs ist, versteht unseren Nachbarn. Genauso, wie er versteht, warum wir Eltern immer wieder den Breilöffel abschlecken, wenn wir ein Baby füttern (Für Unerfahrene hier der wahre Grund: Weil wir Eltern sonst verhungern würden, weil wir nie Zeit zum Essen finden). Oder warum wir immer so tun, als würden wir die Sandkuchen unserer Kinder tatsächlich essen. Oder warum wir jedes Gekritzel unserer Kinder loben, als sei es das grösste Kunstwerk. Oder warum wir immer auf so unappetitliche Weise an unseren Babies riechen um herauszufinden, ob die Windel voll ist. Oder warum wir plötzlich bei jedem Schimpfwort, das ein Kinderloser unbedacht von sich gibt, zusammenzucken.

Ja, wir Eltern verstehen perfekt, warum andere Eltern so sonderbar sind. Aber was denken wohl die Kinderlosen über uns? Wahrscheinlich halten sie unseren Nachbarn mit der Haarbürste, und uns anderen mit ihm, für vollkommen durchgeknallt. Genauso, wie wir als Kinder die Bekannte, die dem Baby den Mund sauber leckte für vollkommen durchgeknallt hielten. Was ich übrigens auch heute noch genauso sehe…

Wie schaffen wir das bloss?

Immer wieder mal fragt man mich, wie ich es fertig bringe, bei all dem Chaos die Nerven zu behalten. Und immer wieder muss ich antworten, dass ich es sehr oft überhaupt nicht schaffe. Dass ich durchaus auch mal herumschreie, obschon ich mir immer geschworen hatte, dies nie zu tun. Dass ich täglich meine Erziehungsgrundsätze verrate, weil ich in der Hitze des Gefechts nicht mehr nachdenke, sondern einfach versuche, den Schaden zu begrenzen. Dass mir gar schon die Hand ausgerutscht ist, obschon ich finde, dass es nichts Falscheres gibt, als ein Kind zu schlagen. Wie man sieht, schaffe ich es also längst nicht immer, die Mutter zu sein, die ich sein will.

Aber ich weiss schon, was mit der Frage gemeint ist. Als Mutter von vielen Kindern ist man wahrscheinlich wirklich in vielen Momenten ruhiger, reagiert weniger panisch, kann es sich gar nicht leisten, aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen – was übrigens nicht nur Vorteile hat. Manchmal übersieht man nämlich auch ein echtes Problem, weil man sich mit so vielen Bagatellen herumschlägt.

Auch mich beschäftigt die Frage, wie ich das schaffe. Ich und all die anderen Mütter und Väter, die sich die Mühe nehmen, sich ihren Kindern zu widmen und sie nicht von der Playstation erziehen lassen. Es spielt dabei keine Rolle, wie viele Kinder jemand hat. Wer sich auf Kinder einlässt, bewältigt immer eine immense Aufgabe und zwar eine ohne Erfolgsgarantie. Ja, wie schaffen wir das? Ich kann nur für mich selber und vielleicht noch ein bisschen für „Meinen“ reden. Ohne unser kleines bisschen Eigenleben, diesen winzigen Winkel, in dem unsere eigenen Projekte, unsere Träume und Ideen spriessen können, schaffen wir es nicht. Ohne den Ort, an den wir uns zurückziehen können, um nur uns selber zu sein und das zu leben, was neben dem Elternsein auch noch in uns steckt, schaffen wir es nicht, die Nerven zu behalten.

Konkret gesagt: Ohne Blog keine entspannte Mama, zumindest bei Vendittis nicht. So einfach ist das.

Alles bereit?

Jedes Jahr wird die Liste etwas länger: Turnschuhe, Malschürzen, Trinkbecher, Finken, Turnhosen, Etuis, Turnsäcke, Anti-Rutsch-Socken, Haarbürsten und und und. Mit Karlsson, Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten im Schlepptau mache ich mich auf zur grossen Einkaufstour zum Schuljahresbeginn. Alles ist minutiös geplant. Zuerst kommt der Schuhladen bei der Bushaltestelle, dann der Schuhladen beim Bankomaten, dann die Migros, dann C & A, und wenn danach noch etwas fehlen sollte, werden wir weitersehen. Ist doch keine Sache, oder?

Natürlich ist es eine Sache! Im ersten Schuhladen sind die Finken zu teuer, doch Karlsson will unbedingt die mit dem Tiger drauf. „Kommt nicht in Frage“, findet die knausrige Mama und schleppt die Kinder zur nächsten Station. Dort hat es alles, aber niemand will das, was ich will. Luise will die rosaroten Finken mit den Blümchen, aber die gibts in allen Grössen ausser in ihrer. Karlsson will keine Finken mit Fledermäusen drauf, Luise will keine mit Hello-Kitty-Aufdruck, Karlsson will weisse Turnschlärpli, Luise will Babyfinken und keine Turnschuhe und der FeuerwehrRitterRömerPirat will weder Finken, noch Turnschuhe, noch Turnschlärpli. Er will fernsehen.

Irgendwie schaffen wir es dann doch, die drei mit Schuhwerk für jede Gelegenheit auszustatten. Auf zur nächsten Station. Die ganzen Diskussionen nochmals von vorn, diesmal einfach über Turnbekleidung. Luise will lange Hosen, Karlsson kurze und der FeuerwehrRitterRömerPirat sucht vergeblich nach einem Fernseher. So langsam habe ich die Nase voll von dem Gezänke und so merke ich nicht, dass ich für Karlsson Mädchenkleider gekauft habe, was in seinem Alter nun wirklich nicht mehr durchgehen kann. Wir wollen ja nicht, dass er zum Gespött der ganzen Schule wird.

Nach zwei Stunden, die sich wie drei Tage anfühlen, sind wir endlich mit allen Einkäufen am Ende und  vor allem natürlich mit unseren Nerven. Weshalb ich heute nur so gereizt sei, schnauzt mich „Meiner“ an. Wie bitte? Darf man denn nicht einmal ein bisschen rummotzen, wenn man sich stundenlang durch die Läden gekämpft hat und versucht hat, den Wünschen der Kinder, der Lehrer und des Budgets gerecht zu werden? Und das alles mit einer Magen-Darm-Grippe? Wart nur, „Meiner“. Nächstes Jahr bist du dran mit dem Grosseinkauf. Und wehe, du wagst es, zu motzen…

Oh du fröhliche…

Hab‘ ich’s nicht vorausgesagt, damals im Dezember, als die Kinder der schönen Weihnachtszeit nachtrauerten? Spätestens im Sommer würde es losgehen mit der pränatalen Euphorie, prophezeite ich. Und siehe da. Was tönt heute aus dem Kinderzimmer? „Zimetschtärn hani gärn, Mailänderli au…“. In voller Lautstärke. Andrew Bonds Weihnachtslieder sind zurück, und dies noch bevor die Badesaison richtig angefangen hat. Morgen werden sie dann wohl Adventskalender basteln und übermorgen den Baum schmücken wollen. Und ich werde „Weihnachten auf Bullerbü“ erzählen müssen.

Na ja, immerhin bleiben wir so für ein paar Tage vor dem „Räuber Hotzenplotz“ verschont. Dessen „Potz Pulverdampf und Pfäfferpischtole“ hängt mir nämlich langsam zum Hals heraus. Jetzt verstehe ich, warum unsere Mutter damals Jörg Schneider aus dem Kinderzimmer verbannt hat…. Dann doch noch lieber „Was ding ding dingelet und dong dong dongelet? Chönnt das ächt de Samichlaus sii?“. Wenn’s sein muss auch bei dreissig Grad Hitze.

Wahre Patrioten

Nein, Hurra-Patrioten werden sie wohl beide nicht, der Zoowärter und das Prinzchen. Das Prinzchen schreit schon bei unserem Dreissig-Franken-Feuerwerk – mehr Geld verbrennen wir aus Prinzip nicht- als wüsste er nicht, dass Babies in seinem Alter noch gar keine Angst kennen. Der Zoowärter brüllt bei jeder Rakete, die in der Nachbarschaft gezündet wird: „Ich han Angscht. Du dommi Ragete!“.

Nein, mit solchen Angsthasen wird der Brunner Toni unsere von innen und von aussen bedrohte Schweiz nicht retten können. Um das zu vollbringen, muss er schon eher auf unseren Nachbarn zurückgreifen. Den ewigen Junggesellen, der mit „Meinem“ in einem stillen Hahnenkampf steht. Während bei der letzten Runde „Meiner“ den Sieg davontrug, stand er heute mit abgesägten Hosen da. Der Rivale hatte nicht nur mehr Vulkane als „Meiner“, seine brannten auch länger und die Funken sprühten höher. Und seine Knallfrösche knallten lauter als unsere. Ein echter Patriot delegiert eben den Feuerwerkseinkauf nicht an eine Frau, so wie „Meiner“ dies Jahr für Jahr tut. Ach ja, seine Nichten brüllten auch nicht vor lauter Angst, während unsere beiden Jüngsten…, na ja, das habe ich bereits erzählt.

Ja, Männer wie unseren Nachbarn braucht der Toni. Und nicht solche, wie „Meinen“ mit seinem lahmen Dreissig-Franken-Feuerwerk und seinen verweichlichten Söhnen. Aber von einem eingebürgerten Secondo, der nicht mal bereit war, seine italienische Staatsbürgerschaft abzutreten, ist ja auch nicht mehr zu erwarten (wie wir bereits unter „Warnung vor dem fremden Fötzel“ erörtert haben).

Manieren? Noch nie davon gehört…

„Das wird gemütlich“, denke ich, als Karlsson und Luise verkünden, dass die Kleinen nicht mitkommen wollen zum Babybesuch nach Bern. Unglaublich, wie einfach das Reisen ist, wenn man keinen Kinderwagen schieben muss, keine Windeln, keine Feuchttücher, keinen Brei, keinen Latz, keine Ersatzkleider, keine Bananen für Zwischendurch, keine Schmusetücher, keine Stofftiere, keine „hätte ich das doch auch noch eingepackt!“ mitschleppen muss. Einfach nur Karlsson und Luise, die auf eigenen Beinen zum Bahnhof gehen können. Und da die zwei ja schon so gross und vernünftig sind, kann ich mich auf einen enstpannten Ausflug zu dritt freuen.

Ja, gross sind die beiden wirklich schon. Karlsson wächst mir mit seinen fast neun Jahren beinahe über den Kopf und auch Luise ist endlich ein Stück in die Höhe geschossen. Aber habe ich wirklich auch vernünftig gesagt? Kaum sind wir am Bahnhof angekommen, treffe ich eine entfernte Bekannte. Eine jener Personen, von denen ich zwar das Gesicht erkenne, an deren Namen ich mich aber beim besten Willen nicht erinnern kann. Geschweige denn, ob ich mich schon jemals länger mit dieser Person unterhalten habe, oder ob ich bloss so tun muss, als wüsste ich, wer sie sei. Kaum habe ich die peinliche Situation hinter mir, beginnt links und rechts von mir das weithin hörbare Getuschel: „Wer war das? Wie heisst die? Woher kennst du die?“ Ist ja schon peinlich genug, dass meine Kinder noch immer nicht begriffen haben, dass man nicht über Leute flüstern soll, die noch in Hörweite sind. Aber wenn ich die Fragen jetzt noch wahrheitsgetreu beantworte, hört die Person, dass ich keinen Schimmer habe, wer sie ist, und dann kann ich vor lauter Scham im Boden versinken.

Den Rest des Nachmittags messen sich Karlsson und Luise abwechslungsweise darin, wer mehr Anstandsregeln brechen kann. Beim Babybesuch legt Karlsson ungeniert die schmutzigen Füsse aufs weisse Sofa, schmiert Schokolade aufs Kissen und überhört sämtliche meiner Ermahnungen geflissentlich. Luise ist derweil ganz brav. Dafür legt sie anschliessend bei „Starbucks“ die Füsse auf den Tisch und schreit herum, dass sich alle nach ihr umdrehen. Bei einem Zwischenhalt in Olten geht das Geflüster wieder los. „Mama, hihihi, warum, hahahaha, hat die Frau neben dir einen, hihihihi, Hund in der Tasche?“, flüstert Luise kichernd in mein Ohr und starrt auffällig zu meiner Sitznachbarin. Wenigstens zeigt sie nicht mit dem Finger. Aber Karlsson, der nichts verstanden hat, macht eine Szene, weil er auch wissen will, warum Luise so lacht. Er hört erst auf mit Toben, als ich mich bereit erkläre, ihm die Frage auch ins Ohr zu flüstern. Spätestens jetzt hat meine Sitznachbarin mit dem Hund in der Tasche genug. Dass die Kinder tuscheln, hat sie noch mit einem Lächeln quittiert, aber dass die Mama auch keine Manieren hat, ist einfach zuviel. Ihr giftiger Blick hätte mich beinahe unter den Boden befördert.

Zu Hause angekomen übrelasse ich die beiden „Meinem“ und widme mich völllig entnervt dem Prinzchen und dem Zoowärter. Die bereiten mit ihren vollen Windeln und ihrem noch unausgereiften Verstand zwar einen Haufen Arbeit. Aber wenigstens gehört noch jeder ihrer Fehltritte in die Kategorie „Ach, wie süüüüüüüüss!“ und nicht in die Kategorie „Kann die Mama denen keine Manieren beibringen?“.

Familienausflug

Die Ferien im Hotel sind längst vorbei, der Umzug ist bis auf ein paar Kleinigkeiten geschafft, die Kinder beginnen sich zu langweilen und geben einander wegen jeder Bagatelle aufs Dach. „Mama, Karlsson hat mich geschlagen!“, heult Luise. Warum er das getan habe, fragen „Meiner“ und ich im Chor. „Sie ist selber schuld. Sie hat mich so blöd angeschaut und da musste ich sie einfach hauen.“ So tönt es, mit unterschiedlicher Rollenverteilung, von früh bis spät. Manchmal muss gar das Prinzchen als Bösewicht herhalten, obschon er vom Streiten noch keinen blassen Schimmer hat.

Die Streitereien hören erst auf, wenn wir Ausflüge machen, was zur Folge hat, dass die Streitereien zwischen „Meinem“ und mir anfangen. Er will in die Natur, ich ins Museum. Die Natur ist mir zu unbequem, das Museum ihm zu historisch. So diskutieren wir hin und her und irgendwann gibt das Wetter den Ausschlag. Wenn die Sonne scheint, geht man einfach nicht ins Museum, ist doch klar.

Und so stehe ich dann am Aareufer und versuche, meine schlechte Laune zu verbergen, um dem Rest der Familie die Freude nicht zu verderben. Ist ja wirklich wunderbar, wie die vier Grossen fröhlich im Wasser planschen, das Prinzchen vergnügt mit einem Weidenzweig spielt und „Meiner“ sich beim Betrachten der Landschaft sichtlich entspannt. Aber was mache ich derweil? Sobald ich meinen Anteil der Sandwiches vertilgt habe, weiss ich nichts mehr mit mir anzufangen. Das Wasser ist mir zu schmutzig zum Planschen, die Steine sind mir zu hart zum Sitzen, die Sonne brennt mir zu heiss und obendrein plagt mich das schlechte Gewissen.

Das schlechte Gewissen? Aber klar doch. Darf man denn heutzutage noch offen zugeben, dass man ein bekennender Stubenhocker ist? Wo doch alle Welt nach mehr frischer Luft, mehr Bewegung, mehr Sinneserfahrungen schreit. Nicht dass ich die Natur nicht lieben würde. Nicht dass ich mich nicht freuen könnte an einer verträumten Flusslandschaft, einem Schwarm zarter Libellen, einem frischen Wind, der durch die Blätter streicht. Noch mehr aber freue ich mich über einen gelungenen Satz, den irgend ein kluger Mensch so treffend formuliert hat, dass er mich zu stundenlangem Nachdenken bewegt. Oder an einer tiefschürfenden Ausstellung, die mich derart packt, dass ich mich noch Monate später mit Vergnügen daran erinnere.

Und so frage ich mich: Bin ich ein schlechterer Mensch, bloss weil ich ein gutes Buch einem verglühenden Lagerfeuer vorziehe? Weil ich meinen Drang nach Outdoor-Abenteuern mit jener Jungscharübung vor dreiundzwanzig Jahren, als ich bäuchlings im Schlamm liegen musste, für immer gestillt habe? Weil ich die Natur vor allem dann geniesse, wenn ich alleine durch den Wald streifen und ungestört nachdenken kann? Weil ich nicht den geringsten Drang verspüre, jemals in meinem Leben Campingferien zu machen, obschon das doch zu einer guten Kindheit gehören soll wie die gemeinsamen Mahlzeiten, die packenden Gutenachtgeschichten und die liebevolle Zuwendung?

Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, währenddem ich dabei zusehe, wie die Kinder immer dreckiger und „Meiner“ immer zufriedener werden. Nach endlosen zwei Stunden sind alle dreckig und zufrieden genug und wir können aufbrechen, zurück in die gute Stube. Eigentlich könnte ich das Ganze jetzt wieder vegessen. Wenn sich nur meine Familie nicht darin einig wäre, dass wir diesen Ausflug in den nächsten Tagen unbedingt noch mindestens zweimal wiederholen sollten…

Zickenkrieg?

Als ich gestern über die Eigenarten unserer plötzlich in unserem Blickfeld aufgetauchten Nachbarn berichtete, wusste ich noch nicht, dass der sonderbarste aller Nachbarn mit mir unter dem gleichen Dach wohnt, ja, dass er gar das Bett mit mir teilt. Das habe ich erst heute Morgen beim Frühstück erfahren.

„Weisst du, weshalb ich gestern, als ich das Sonnendach einzurollen versuchte, mittendrin das nasse T-Shirt ausgezogen habe?“, fragt „Meiner“ mich zwischen zwei Mundvoll Müesli. Hat er sein T-Shirt ausgezogen? Ist mir gar nicht aufgefallen. Aber natürlich will ich unbedingt wissen, warum er das getan hat. „Als ich den Kerl so dreckig lachen sah, da musste ich es ihm einfach zeigen!“ Er musste es ihm zeigen? Was denn? „Ist doch klar! Ich musste ihm zeigen, dass ich zwar kein Sonnendach einrollen kann, dass ich aber, im Gegensatz zu ihm, keinen fetten Ranzen habe!“

Ach so. Sonnenklar. Und mich hat er wohl auf den Balkon gerufen, um dem Typen zu zeigen, dass er, im Gegensatz zu ihm, eine Frau geangelt hat? Die Kinder hat „Meiner“ nicht geholt, weil sie schon herausgefunden haben, wie man das Sonnendach einrollt, sondern um dem anderen unter die Nase zu reiben, dass er sich auch noch kräftig fortgepflanzt hat? Und währenddem ich von all dem nichts mitbekommen habe, hat sich der andere ob des Imponiergehabes von „Meinem“ schleunigst aus dem Staub gemacht?

Ich habe mich gestern ja schon ein bisschen gewundert, warum unser eben noch so spöttischer Nachbar so plötzlich weg war vom Fenster. Das wäre dann wohl die männliche Version des Zickenkriegs gewesen.

Und plötzlich sieht alles ganz anders aus

Als der grösste Teil unseres Lebens sich noch im dritten Stockwerk abspielte, war uns so ziemlich egal, was um uns herum so alles geschieht. Man hörte nichts, man roch nichts und die Kleinwüchsigeren unter uns sahen auch nichts, weil die Fenster so hoch oben sind. Dies bedeutet, dass mit Ausnahme von „Meinem“ keiner je merkte, was sich draussen für Dramen abspielten. Jetzt, wo wir fast den ganzen Tag ein Stockwerk tiefer verbringen, merken wir plötzlich, dass wir Nachbarn haben. Und dass diese doch ganz eigenartig sein können.

Da ist zum Beispiel der ewige Junggeselle direkt gegenüber. In den zehn Jahren, die wir nun auf der anderen Strassenseite leben, hat er noch nie ein Wort mit uns gewechselt, obschon wir dank seiner geschwätzigen Mutter und seiner noch geschwätzigeren Grossmutter bestens über sein Leben informiert sind. Auch heute tat er, als kenne er uns nicht, als er „Meinem“ genüsslich dabei zusah, wie er erfolglos versuchte, im strömenden Regen das Sonnendach einzurollen. Bis heute hatte ich ja immer etwas Mitleid empfunden für den Kerl. Aber wie ich ihn da so sehe, we er sich den Bauch hält vor Lachen und sich nicht die geringste Mühe gibt, seine Schadenfreude zu verstecken, kann ich verstehen, dass er noch keine Frau gefunden hat, die bei ihm bleiben will.

Da gibt es auch den gelangweilten Teenager, der sich Tag für Tag einsam an unserem Haus vorbeischleppt. Seit ein paar Tagen bemüht er sich krampfhaft darum, sich das Rauchen anzugewöhnen. Man sieht, dass es ihm vor jedem Zug graut, aber er hält sich tapfer und ich bin sicher, dass er es bis Ende Sommerferien geschafft haben wird, süchtig zu sein. Wenn ihn das nur cooler machen würde!

Schliesslich sind da die Ordnungsliebenden, die immer exakt zur Schlafenszeit unserer Kinder irgend einen Staubsauger, einen Rasenmäher oder eine Schleifmaschine laufen lassen. Und zwar draussen, so dass auch die anderen etwas vom Lärm haben. Okay, zugegeben, bei uns hat fast rund um die Uhr eines der Kinder seine Schlafenszeit und wir können ja nicht in der ganzen Nachbarschaft die Tagespläne mit den unterschiedlichen Schlafenszeiten verteilen. Und natürlich wird man auch von uns im Laufe des Tages den einen oder anderen Pieps zu hören bekommen. Doch gewisse Ruhezeiten, so ungefähr mittags um Viertel vor eins und abends um acht, sind sogar uns, die wir sonst pausenlos auf die Pauke hauen, heilig.