Verräter!

Als ich „Meinem“ vorhin erklärt habe, wie gut es mir getan habe, endlich mal meinem Ärger über Frau Hutter Luft zu machen, schwieg er zuerst lange. Ich überlegte mir schon, ob er mir wohl nicht zugehört habe, als er kleinlaut gestand, dass er in dem Interview durchaus ein paar Aussagen gefunden habe, denen er zustimmen könne. Wie bitte? „Meiner“, ein durch und durch emanzipierter Mann, ein politisch so weit links stehender Mensch, dass es zuweilen sogar mir zu weit geht, findet nicht alles falsch, was aus dem Mund von Frau Hutter kommt?  Wie kann er nur? Und liebt er mich überhaupt noch?

Da gibt es nur Eines: „Meinen“ so schnell als möglich ins Kreuzverhör nehmen, herausfinden, wo genau er eine Übereinstimmung seines Gedankenguts mit dem  von Frau Hutter gefunden hat. Und dann Gegenargumente feuern: „Wenn Frau Hutters Mann doch so gerne Vollzeit-Hausmann werden möchte, warum steht  sie dann seinem Glück im Wege? Hä? Weil sie eine Egoistin ist, die lieber ihre Ideologie durchboxt, als herauszufinden, was für ihre Familie gut ist. Natürlich stimmt es wenn, Frau Hutter sagt, die biologische Uhr der Frau ticke, aber wer sagt das nicht? Doch das gibt ihr noch lange nicht das Recht, ihren  Mann vom Herd fern zu halten, wenn er so gerne dorthin möchte.“ Ich habe noch viel länger auf ihn eingeredet, aber ich muss ja nicht alle Welt von meiner Meinung überzeugen. Es genügt, dass ich „Meinen“ wieder auf den rechten Weg gebracht habe. Der häusliche Frieden ist wieder intakt, unsere Meinung über Frau Hutter wieder dieselbe.

Er liebt mich also doch noch!

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Ach, Frau Hutter…

Ach, Frau Hutter, wann lernen Sie endlich, den Mund nicht so voll zu nehmen! Schon bevor Ihr erstes Kind gezeugt war, haben Sie reichlich selbstbewusst in die Welt hinausposaunt, wie Frau Mutter zu sein habe. Während andere Frauen weiser werden, wenn sie ihr erstes Kind im Bauch haben, machen Sie fröhlich weiter. Mit Genuss weisen Sie auf Ihre Schwester hin, die heute mit Leib und Seele Mutter ist, obschon Sie dies nie erwartet hätten. „Seit sie Mutter ist, hat sich etwas geändert in ihrem Gedankengut“, sagen Sie und denken nicht daran, dass Ihnen das Gleiche passieren könnte, einfach in entgegengesetzter Richtung.

Es ist nämlich nicht nur so, dass Frauen, die ganz auf die Karriere fixiert waren, plötzlich in ihrer Rolle als Mutter völlig aufgehen. Das Umgekehrte passiert ebenso häufig: Frauen, die geglaubt hatten, ihre Erfüllung in der Mutterschaft zu finden, gleiten in eine Depression ab, weil die Realität so ganz anders ist als ihre Träume. Wie Frau als Mutter fühlt, handelt, denkt, weiss sie erst, wenn sie Mutter ist. Erst dann wird sie wissen, wie für sie und ihr Kind das Leben am besten funktioniert. Und je lauter eine Frau ihre Meinung herausposaunt hat, umso schmerzhafter ist es für sie, sich und anderen  eingestehen zu müssen, dass die Dinge anders sind, als sie erwartet hatte. Man könnte auch sagen, je hochmütiger das Geschwätz, umso tiefer der Fall.

Deshalb ein Rat von einer Mutter, die mehrmals ihre Meinung hat ändern müssen, auch wenn sie den Mund nicht halb so voll genommen hat wie Sie: Halten Sie endlich die Klappe! Bringen Sie Ihr Kind auf die Welt und schauen Sie dann, ob Sie tatsächlich nie wieder den Drang haben, Politik zu machen (was ich von Herzen hoffe), ob Fremdbetreuung wirklich nur schlechte Seiten hat, ob das Hausfrauendasein ebenso erfüllend ist wie die Mutterschaft, ob Mütter tatsächlich besser geeignet sind für diesen Job als Väter. Und dann, wenn Sie weiser geworden sind, dürfen Sie von mir aus wieder reden. Aber bitte nicht vorher!

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Hausfrauenträume

Das Bild von der selbstreinigenden Toilette, das neulich bei „10 vor 10“ gezeigt wurde,  will mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Okay, selbstreinigende Toilettenkabinen gibt es schon länger, aber früher hat mich das ziemlich kalt gelassen. Jetzt aber weckt diese Einrichtung bis anhin unbekannte Sehnsüchte. Wäre es nicht schön, denke ich, wenn man den ganzen Haushalt so einrichten könnte? Mal schnell aufräumen, alle Türen schliessen, das Ganze reinigt sich von selbst und ich könnte mich Wichtigerem widmen. Wäre doch grossartig, nicht wahr? Obschon ich mir nicht sicher bin, ob bei uns alles sauber würde. Die Leimlache, mit der heute der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat ihr Kunstwerk auf dem Küchenboden befestigt haben, müsste ich wohl immer noch selber wegputzen.

Übrigens ist mir der oben genannte „10 vor 10“-Bericht aus einem weiteren Grund in Erinnerung geblieben: Wie da mit ernsten Mienen von „Wildpinklern“ und Leuten, „die auswärts pinkeln“ geredet wurde, ist einfach unvergesslich. Zwei wunderbare Ausdücke, die ich unbedingt in mein Vokabular aufnehmen muss! Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat wiedermal zu faul sein wird, das nächstgelegene WC aufzusuchen, werde ich ihn ermahnen können: „Mein lieber Sohn, weisst du denn nicht, dass Wildpinkeln in der Schweiz strengstens verboten ist?“

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Wer ist hier der Chef?

Der FeuerwehrRitterRömerPirat braucht wiedermal eine Ewigkeit, bis er sein Mittagessen aufgegessen hat. Als wir alle bereit wären fürs Dessert, fragt er zum ersten Mal nach einem Nachschlag und da er für einmal am Essen nichts auszusetzen hat, ist davon auszugehen, dass er noch einen zweiten, ja vielleicht sogar einen dritten Nachschlag verlangen wird. Luise hält es derweilen fast nicht mehr aus auf ihrem Stuhl, sucht nach Ausreden, weshalb sie jetzt auf keinen Fall mehr länger am Tisch sitzen bleiben kann. Und wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben, dass auch ich besseres zu tun hätte, als dem FeuerwehrRitterRömrPiraten dabei zuzusehen, wie er sich genüsslich aber in einer unbeschreiblichen Langsamkeit Knödel und Zwetschgenkompott in den Mund schiebt.

„Ob es sinnvoll wäre, die Essenszeit auf eine halbe Stunde zu beschränken? Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann ja dann alleine fertig essen.“, schiesst es mir durch den Kopf. Es kann ja nicht sein, dass die ganze Familie immer auf einen warten muss, der sich alle Zeit der Welt lässt. „Muss mal herausfinden, was Erziehungsexperten zu dieser Frage meinen“, denke ich. Und bin sogleich schockiert. Was habe ich da gedacht? Ich will einen Experten zu Rate ziehen, um herauszufinden, ob ich meinem Sohn sagen darf, ab jetzt könne er alleine fertig essen, wenn alle anderen bereits ausgegessen hätten und nur noch auf ihn warteten! Bin ich denn nicht Expertin genug, um zu bestimmen, welche Abmachungen zu unserer Familie passen? Kenne ich meine Kinder nicht gut genug, um zu wissen, was ihnen gut tut und was ihnen schadet? Und überhaupt: Ich drohe ja dem FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht an, er müsse ab jetzt alleine in der dunklen Speisekammer ausessen!

Zum ersten Mal wird mir bewusst, wie viele „Experten“ auch bei mir in die Erziehung dreinreden, wie viele „Fachleute“, die weder mich noch meine Kinder kennen, meine Entscheidungen beeinflussen. Es ist ja nicht so, dass ich grundsätzlich etwas gegen Experten hätte; manchmal hilft einem ein Ratschlag wirklich weiter, wenn man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Doch eigentlich ist es beängstigend, wie viele Eltern sich das Erziehen nicht mehr zutrauen, nicht mehr daran glauben, dass sie es instinktiv richtig machen werden, dass auch Fehler dazugehören, die meistens gar nicht so schlimm sind. Es sei denn, man erhebe die Fehler zum einzig richtigen Erziehungsstil, nur damit man nicht zugeben muss, dass man falsch lag. Heute glaubt jeder, eine Super Nanny zu  brauchen, die ihm auf die Finger schaut. Ohne die Erlaubnis des Erziehungsratgeber traut sich keiner mehr, seinem Kind laut und deutlich nein zu sagen, wenn es die Finger im WC baden will und wenn nicht ein Experte das O.K. gegeben hat, wagt man es nicht einmal mehr, dem Baby die Fingernägel zu schneiden, wenn sie zu lang sind.

Und ich bin keinen Deut besser! Was habe ich damals gelacht, als mir die Hebamme nach der Geburt des Prinzchens eingeschärft hatte: „Es ist ihr Kind. Sie bestimmen, was gut ist für ihn und was nicht.“  Ich hielt mich allen Ernstes für unabhängig und erfahren genug um zu wissen, dass mir bei meinen Kindern keiner dreinredet, es sei denn, ich gebe ihm das Recht dazu. Und jetzt ertappe ich mich beim Gedanken, ob ich bestimmen darf, wie lange meine Familie am Tisch sitzen muss. Und wenn ich die Zeit hätte, weiter darüber nachzudenken, würde mir bestimmt noch öfters auffallen, dass nicht ich, sondern irgend ein „Experte“ bestimmt hat, was gut ist für meine Kinder.

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Eine Frage des Standpunktes

Was ist eigentlich eine Grossfamilie? Dies ist eine Frage, die mich seit Längerem beschäftigt und die für mich deshalb besonders wichtig ist, weil ich mir eigentlich gar nicht so sicher bin, ob ich dieses Blog als „Grossfamiliengroove“ verkaufen darf. Nun ja, bei uns groovt es tüchtig, aber macht uns das zur Grossfamilie? Ich habe nämlich immer das Gefühl, wir hätten gar nicht so furchtbar viele Kinder. Andere haben mehr. Okay, noch viel häufiger sind die anderen, die weniger haben. Doch für mich sind es dennoch nicht  besonders viele Kinder, bin ich doch selber die Jüngste von Sieben. Grossfamilie beginnt folglich für mich erst ab acht Kindern. Alles andere liegt unter der Norm, die mich von Geburt an geprägt hat.

Dennoch werde auch ich furchtbar nervös, wenn ich von Familien lese, die neun, zehn oder gar elf Kinder haben. Wie schaffen die es, sich die Namen ihrer Kinder überhaupt noch zu merken?, frage ich mich. Umgekehrt werden solche Grossfamilieneltern wohl ziemlich ärgerlich, dass ich es wage, unsere Handvoll Kinder als Grossfamilie zu bezeichnen. „Was wissen diese Anfänger schon vom Leben in einer Grossfamilie?“, werden sie fragen und sie haben ja gar nicht so unrecht. Ich weiss ja wirklich nicht, wie es ist und wenn ich meine schwachen Nerven anschaue, will ich es auch gar nicht herausfinden.

In den Augen von gewissen Extremisten aber, die fordern, dass man die Kinderzahl auf zwei pro Paar beschränken soll, erscheint unsere Familie als riesig. Und wie wir an anderer Stelle bereits erörtert haben, leidet bekanntlich die „Kinderqualität“, wenn man nicht sorgsam darauf achtet, nur die edelsten Exemplare heranzuzüchten. Da handeln Leute wie „Meiner“ und ich, die sich ohne grosse Gen-Checks frischfröhlich vermehrt haben, schon fast fahrlässig. Für gewisse Kreise sind wir also nicht bloss eindeutig zu den Grossfamilien zu zählen, sondern gleichzeitig auch zu den Auswüchsen, die unserer Gesellschaft schaden.

Es ist also, wie fast immer, eine Frage des Standpunktes, ob man sich nun als Grossfamilie bezeichnen darf/muss oder nicht. Deshalb behalte ich frech den Titel meines Blogs bei. Auch wenn ich mich an Tagen, an denen ich eine volle Stunde alleine und ungestört durchs Dorf spazieren kann, frage, ob ich denn tatsächlich Kinder habe, oder ob ich mir alles bloss eingebildet habe.

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Logenplatz

Das ist doch einfach perfekt: Just zum Zeitpunkt, in dem der Zoowärter ins „Bob der Baumeister“-Alter kommt, reissen die vor unserem Haus das Trottoir auf und zwar auf der gegenüberliegenden Strassenseite, so dass man bequem von unserem Balkon aus zuschauen kann, wie die Bauarbeiter malochen.

Wer jetzt fragt, was denn so toll sei an einer Baustelle vor dem Haus, hat ganz offensichtlich noch nie einen kleinen Jungen von fast drei Jahren näher gekannt, geschweige denn bemuttert oder bevatert. Hat man so einen kleinen Jungen, nimmt man Baustellenlärm, Baumaschinen, die die Strasse versperren und Bauarbeiter, die fluchen, noch so gerne in Kauf, am allerliebsten direkt vor der Haustür, denn das ist am zeitsparendsten. Was bin ich doch damals mit Karlsson von Baustelle zu Baustelle gepilgert, habe alles zu Hause stehen und liegen gelassen, nur damit er die Bagger, Walzen und Bauarbeiter in Natura sehen konnte! Und beim FeuerwehrRitterRömerPiraten dasselbe nochmals.

Jetzt hingegen kann ich in aller Ruhe meiner Arbeit nachgehen, währenddem sich der Zoowärter am Schauspiel auf der Strasse so richtig statt sehen kann. Bequemer geht’s nicht. Ausserdem wird mir die Rolle des Bauarbeiter Groupies erspart. Bei gewissen Mamas weiss man ja nie, ob die Kinder die Mamas wegen der Maschinen zum Stehenbleiben zwingen, oder die Mamas die Kinder, wegen der braungebrannten Bauarbeiterrücken.  Da ich mich aber noch nie sonderlich für braungebrannte Bauarbeiter interessiert habe, bin ich dankbar, dass ich für einmal nicht daneben stehen muss, wenn mein kleiner Junge nicht mehr mitkommen will, weil es auf der Baustelle so schön ist.

Das wäre doch alles wirklich perfekt, wenn nur der Zoowärter sich mehr für Baustellen interessieren würde. Aber seine Leidenschaft für Bob de Boumaa beschränkt sich auf die Kleider. Da hüllt er sich von Kopf bis Fuss in „Can we do it? – Yes, we can!“-Klamotten, wirft ab und zu einen müden Blick auf die Bagger vor dem Haus und verbringt den Rest des Tages mit seinen Stofftieren. Deshalb habe ich beschlossen, unseren Logenplatz zu vermieten. Die Mamas sind herzlich eingeladen, meinen Haushalt auf Vordermann zu bringen, währenddem ihre kleinen Jungen sich den Wanderzirkus vor unserem Haus anschauen.

Wie bitte? Sie wollen wissen, weshalb die Mamas bei mir helfen müssen und nicht einfach Kaffeee trinken dürfen? Nun, so ein Logenplatz hat eben seinen Preis, ist doch klar.

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Ade, du kleine heile Welt

Bevor ich hier loslege, muss ich eines klarstellen. Ich gehöre nicht zu jenen Müttern, die an das Prinzip „Kleine Kinder, kleine Sorgen, grosse Kinder grosse Sorgen“ glauben. In meinen Augen gibt es nichts Gemeineres, als einer übernächtigten, überforderten und vom schlechten Gewissen geplagten Mutter eines Kleinkindes zu sagen, dass das, was ihr so zu schaffen mache, überhaupt nicht schlimm sei, sie werde dann sehen, was ihr blühen werde, wenn die Kinder erst mal gross seien. Das ist nämlich gleich zweifach unfair: Erstens nimmt man die Probleme der Mutter nicht ernst und zweitens nimmt man ihr allen Mut für die Zukunft. Wenn ich jetzt also zu jammern beginne, wie schwer es mir fällt, von der Kleinkinderwelt Abschied zu nehmen, will ich damit keineswegs sagen, die Kleinkinderwelt sei immer nur rosarot und himmelblau.

Jetzt, wo dies klargestellt ist, kann ich ja hemmungslos klagen, dass Karlsson und Luise langsam gross werden und mir neue Probleme ins Haus bringen, von denen ich zwar schon gelesen habe, die ich aber in der Praxis noch nicht habe lösen müssen. Wie soll ich zum Beispiel damit leben können, dass Luise mich plötzlich jedesmal schräg ansieht, wenn ich ihr rosarote Kleider anschleppe? Mein einziges Mädchen fühlt sich zu gross für Rosa! Bald schon wird sie wohl schwarz gekleidet und gepierct vor mir stehen!

Oder nehmen wir die Sonntage. Bis vor zwei Wochen war alles noch so einfach: Sonntag ist Familientag, wir bestimmen gemeinsam, was wir machen und mit Klassenkameraden abgemacht wird am Sonntag grundsätzlich nicht. Ja, und jetzt stehen da plötzlich Luises Freundinnen vor der Tür und wollen, dass sie rauskommt. Uns Eltern bleibt die Wahl zwischen einer übellaunigen Luise, die sehnsüchtig vom Balkon aus ihre Freundinnen beobachtet und nichts mit uns zu tun haben will oder einer Luise, die wir sonntagnachmittags nur noch von Weitem zu sehen bekommen.

Dann wäre da noch die Technik. Bis anhin waren der Computer, das Handy und der Fernseher die Domäne von Mama und Papa. Okay, unsere Kinder haben zum Glück noch immer nicht begriffen, dass man sich am Fernseher rund um die Uhr Mist anschauen könnte, doch beim Handy und dem Computer sind sie kräftig am Aufholen. So weckte mich heute Karlsson mit meinem Handy in der Hand, auf dem Display irgend ein Spiel mit Bomben, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, dass es existiert, geschweige denn auf meinem Handy installiert ist. Ein paar Tastendrucke später sieht sich Karlsson mit der Frage konfrontiert, ob er noch weitere Spiele auf mein Handy laden wolle. Spätestens jetzt war ich hellwach und zum ersten Mal wurde mir so richtig bewusst, dass ich für die nächsten zwanzig Jahre hellwach werde bleiben müssen, wenn ich nicht will, dass meine Kinder vor die Hunde gehen.

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Ausgestellt

War das mal wieder ein Auftritt! Zuerst war ja alles glatt gelaufen: Die ganze Familie stand geputzt und gestriegelt zum Abmarsch bereit, – ich hatte sogar noch die Zeit gefunden, meine Ersatz-Tussischuhe anzuziehen, – und für einmal sah es ganz so aus, als würden wir  ohne Gehetze den Weg zur Bushaltestelle unter die Füsse nehmen können. Die glückliche Grossfamilie auf dem Weg zur Kirche. Sind sie nicht hinreissend?

Doch wie immer, wenn alles zu perfekt läuft, kommt etwas dazwischen. Diesmal wahren es Karlssons Finger, die zwischen die Tür kamen und deshalb verarztet werden mussten. Und so kam es, dass „Meiner“ nicht rechtzeitig fertig war und mit dem Auto zum Gottesdienst fuhr, während ich mich mit den fünf Rabauken im ÖV abplagte. Ja, und dann hatten wir eben unseren Auftritt. Nun ja, eigentlich hätte es „Meinem“ schon noch auf den Bus gereicht, doch da er kein Münz mehr im Portemonnaie hatte, musste er nochmals nach Hause rennen und da reichte es dann eben doch nicht mehr.

Und ausgerechnet heute musste  der Bus gerammelt voll sein mit Leuten, die entweder keine Kinder haben, oder die zwar mal Kinder hatten, die aber alles besser gemacht haben und die einem dies auch ohne Worte zu spüren geben. Allein die Tatsache, dass der Bus voll war,  ist  eine Unverschämtheit, denn der Neunuhr-Bus ist am Sonntag eigentlich reserviert für uns und unserer Freunde mit den vier Kindern. Die anderen sollen gefälligst früher oder später fahren. Doch weil  heute all die Unbefugten im Bus sassen, fanden unsere Kinder nicht auf Anhieb einen Sitzplatz und da ich ja nicht wildfremde Buspassagiere anbrüllen kann, musste ich eben meine Kinder anbellen, sie sollten sich endlich irgendwo hinsetzen. In der Hoffnung natürlich, dass irgend einer so nett wäre, meinem taumelnden Zoowärter einen Platz anzubieten. Was aber nicht geschah, so dass ich, auf meinen Keilabsätzen schwankend, mitten im Bus einen brüllenden Zoowärter auf dem Arm halten, des Prinzchens Karosse festhalten  und den anderen Fahrgästen Platz machen musste, weil diesen unmöglich zugemutet werden konnte, dass sie im vorderen Teil des Buses sitzen.

So standen wir da, ausgestellt auf dem Podest, auf die Kritik wartend, die da kommen würde. Und es dauerte tatsächlich nicht lange, bis eine ältere Frau mich darauf hinwies, dass der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat  noch etwas schmutzig seien im Gesicht. Ist doch nett, dass wenigstens jemand sich darum kümmert, dass unsere Kinder sauber zur Kirche gehen.  Auch die anderen Kritiker hielten sich nicht zurück, doch da sie sich auf böse Blicke und ein leises Tuscheln beschränkten, weiss ich leider nicht, was ich sonst noch alles falsch gemacht habe.

Dass ich nach so einer Busfahrt nicht mehr in der andächtigsten und frömmsten Stimmung war, ist ja wohl verständlich. Zum Glück glaube ich an einen Gott, der nichts dagegen hat, dass man von Zeit zu Zeit mal wütend wird, sonst müsste ich nächsten Sonntag mit Erbsen in den Schuhen zur Kirche pilgern. Was zwar unbequem und bei meinen Ersatz-Tussischuhen beinahe unmöglich wäre, aber immerhin den Eisbären nicht schaden würde.

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Kein Ende in Sicht

Während die Blogkrise dank der Hilfe von lieben Freunden schon fast durchgestanden ist, spitzt sich die Eisbärenkrise immer mehr zu. So langsam fürchte ich, dass Karlsson sich nicht so leicht wieder auffangen wird, wie man dies von einem Kind in seinem Alter erwarten würde. Den ganzen Tag brütet er vor sich hin und überlegt, wie man sich noch etwas umweltfreundlicher verhalten könnte, womit man die Menschheit von der Falschheit ihres Tuns überzeugen könnte.

An sich ist es ja keine schlechte Sache, wenn sich ein Kind Gedanken macht über die Zukunft unseres Planeten. Doch so langsam nimmt Karlsson extremistische Züge an. So wollte er uns heute tatsächlich verbieten, mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir alle, inklusive Prinzchen und Zoowärter, einen einstündigen Fussmarsch auf uns nehmen müssen, nur damit die Eisbären nicht aussterben.

Okay, ich weiss, um die Umwelt zu schützen muss man  bereit sein, etwas von seiner Bequemlichkeit aufzuopfern. Aber genügt es denn fürs Erste nicht, dass „Meiner“ und ich uns vor mehr als einem Jahr bereitwillig von unserem benzinsaufenden, dreckschleudernden Siebenplätzer getrennt haben und seither nur noch höchst selten mit unserem sparsamen Fünfplätzerchen unterwegs sind? Müssen wir jetzt tatsächlich auch noch auf den Bus verzichten? Wenn das so weitergeht mit Karlsson, verlangt er demnächst, dass wir uns in Tierfelle hüllen, in eine Höhle umziehen und uns von Wurzeln, Beeren und Nüssen ernähren.

Hoffentlich geht es den Eisbären bald besser, denn zu so viel Verzicht  bin ich trotz aller Liebe zur Natur nicht bereit.

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Eisbärenkrise

Die Eisbärenkrise ist noch nicht durchgestanden, auch wenn „Meiner“ vorgestern tatsächlich noch lange an Karlssons Bett gesessen hat und versucht hat, ihn zu trösten. Leider aber hat dies nichts geholfen. Noch immer beginnt Karlsson jedes zweite Gespräch mit „Ich will aber nicht, dass es keine Eisbären mehr gibt“, noch immer bricht er unvermittelt in Tränen aus, wenn er seinen abgeliebten Plüscheisbären zu lange anschaut.

Doch immerhin sucht er jetzt nach Lösungen. Die erste war, alle zu erschiessen, die für die Klimaerwärmung verantwortlich sind. Nur mit Mühe konnte ich ihn davon überzeugen, dass es nicht gerade besonders nett wäre, die gesamte Erdbevölkerung zu eliminieren um so die Eisbären zu retten. Irgendwann glaubte er mir und kam zum Schluss, dass er dann eben alle erschiessen wolle, die all die blöden Erfindungen wie Autos, Flugzeuge und dergleichen gemacht haben.  Nun, abgesehen davon, dass wir „Meinem“ sei Dank keine Schusswaffen im Haus haben, – er hat sich erst einbürgern lassen, nachdem er sicher war, dass er nicht mehr in die RS muss, – wäre es ja auch völlig sinnlos, Tote zu erschiessen. Denn diejenigen, die uns den ganzen Schlamassel eingebrockt  haben, haben sich ja schon längst aus dem Staub gemacht, bevor sie sehen mussten, was sie mit ihrem grenzenlosen Optimismus angerichtet haben.

Inzwischen haben wir zur Abmachung durchgerungen, dass wir, sollte es mit der Klimaerwärmung so weitergehen, in unserem Garten ein Gehege für die letzten Eisbären einrichten. Bis dahin haben wir hoffentlich noch etwas Zeit, uns in der Eisbärenpflege weiterzubilden. Ja, und dann müssen wir uns natürlich auch noch um die Braunbären kümmern. Denn wenn die Eisbären bedroht sind, fürchtet der Zoowärter, dass gleich danach seine Lieblingstiere, die Braunbären dran sind.  Einzig Luise ist derzeit gänzlich unbesorgt: Bis ihre Lieblingstiere, die Karnickel, aufhören, sich zu vermehren, braucht es wohl mehr als eine Klimaerwärmung.

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