Der vertreibt mir noch die Hamchitis

Wer hier mitliest weiss: Hamchitis gehören zu meinem Leben. Okay, anfangs war ich nicht gerade begeistert über ihre Anwesenheit, aber da sie für Unterhaltung in meinem ach so öden Alltag sorgen und mir auch immer wieder Schreibstoff liefern, möchte ich sie inzwischen nicht mehr missen. Neulich erklärte mir zwar eine nette Sachbearbeiterin, die eigentlich eine ausstehende Rechnung meines Freundes Halim hätte eintreiben wollen, wie ich Hamchitis für immer loswerden könnte, aber irgendwie wäre mir das so vorgekommen, als würde ich mich nach einer langen Ehe von einem lästigen aber immerhin treuen Partner trennen. Doch kaum habe ich den Entschluss gefasst, nichts gegen Hamchitis zu unternehmen, hat „Meiner“ sich dazu entschieden, mit ihnen Schluss zu machen. Darum reisst er das Telefon jedes Mal an sich, wenn eine unbekannte Nummer auf dem Display erscheint. Die Gespräche laufen dann etwa so:

Unbekannte Anruferin: „Hallo. Isch Halim da?“

„Meiner“: „Ich nehme gerne eine Margherita.“

UA: „Wo Halim Hamchiti. Er da?“

„Meiner“: Eine Margherita mit Oliven, dann noch eine Funghi-Prosciutto und…“

UA. „Du nicht wissen wo Halim?“

„Meiner“: „…dann noch einen grünen Salat. Liefern Sie ins Haus, oder soll ich die Pizza abholen?“

UA, verwirrt: „Sie albanisch?“

„Meiner“, vollkommen ungerührt: „Wie viel macht das dann, alles zusammen?“

UA: „Sie nicht albanisch?“

„Meiner“ zu mir, leicht enttäuscht: „Sie hat aufgehängt.“

Ich hab‘ „Meinem“ jetzt gesagt, er solle aufhören mit diesem Mist. Wenn sich in Hamchitis Bekanntenkreis herumspricht, dass der gute alte Halim vollends durchgedreht ist und nur noch von Pizza Margherita redet, will bald keiner mehr mit ihm abhängen und wer ruft mich dann noch an?

i'm rich

i’m rich; prettyvenditti.jetzt

Erziehungsfragen

  • Wie viele Jahre Schreib- und Leseerfahrung braucht ein Kind, bis es Mamas abwesenden Blick hinter dem Bildschirm nicht als Aufforderung zum Quasseln interpretiert, sondern als die verzweifelte Suche nach dem richtigen Wort im nahezu perfekten Satz? Die fast acht Jahre, die Karlsson nun schon hinter sich hat, reichen offenbar nicht. 
  • Bin ich auch dann eine Rabenmutter, wenn mein Jüngster am iPad Lernspiele spielt, währenddem ich mich mittagsschlafend verpenne?
  • Welche Angst wiegt schwerer: Die Angst des Kindes vor dem imaginären Monster im Schrank oder die Angst der Eltern, das Kind, das im elterlichen Bett Zuflucht vor dem Monster sucht, könnte seinem gelegentlichen Drang zum Bettnässen nachgeben?
  • Darf man einem Kind direkt ins Gesicht sagen, wie wenig man an einer ausführlichen Zusammenfassung sämtlicher Filme und Computerspiele interessiert ist, oder muss man so lange desinteressiert „Hmmmmm, ja….Echt?…Klingt toll“, murmeln, bis das Kind fertig zusammengefasst hat? (Eine Frage, die mich übrigens schon länger umtreibt, als ich Kinder habe. Diese Angewohnheit hatten schon ein paar Neffen und Nichten von mir.)
  • Darf ich zurückzicken, wenn die Tochter zickt, oder ist zicken nur in einem bestimmten Alter erlaubt?
  • Womit bestrafe ich mich selber mehr: Mit der Entscheidung, noch einen „Tom & Jerry“ zu erlauben und mir damit drei Brüder einzuhandeln, die einander gegenseitig piesacken, oder keinen „Tom & Jerry“ mehr zu erlauben und mir damit drei Brüder einzuhandeln, die mich nicht nur piesacken, sondern pausenlos motzen, sie dürften nie, aber auch gar nie irgend etwas? (Nein, die Frage, ob überhaupt „Tom & Jerry“ hat sich leider nicht gestellt, da der Pay-TV-Anbieter nichts ähnlich Kurzes von pädagogisch besserer Qualität im Kinderprogramm hat.)
  • Soll man dem Teenager sagen, dass das Geräusch von aufeinanderreibendem Styropor für die mütterlichen Ohren eine Qual ist, oder gibt man ihm mit dieser Information eine Waffe in die Hand, die er nicht nur nie wieder hergeben wird, sondern bei sich bietender Gelegenheit auch an seine Geschwister weiterreichen wird?
  • Wird das Prinzchen noch perfektionistischer, wenn mir in der Hitze des Gefechts rausrutscht, er sei ein furchtbarer Perfektionist? (Er ist einer, glaubt mir, schlimmer als Karlsson noch.)
  • Darf ich in meinem Blog solche Erziehungsfragen stellen, oder fühlt sich dadurch meine Leserschaft dazu ermutigt, mir Erziehungstipps zu geben? (Damit das klar ist: Tipps sind nicht willkommen – weitere Fragen hingegen schon.)
verdura rossa; prettyvenditti.jetzt

verdura rossa; prettyvenditti.jetzt

Anti-aging

Zugegeben: Es war wohl mal wieder grenzenlos naiv von mir, zu glauben, meine Töpfchen und Tiegelchen – von denen ich übrigens nicht allzu viele besitze – seien jetzt, wo auch das Prinzchen halbwegs gross ist, vor überneugierigen Kinderfingern geschützt. Dass der Kampf ums Fond-de-Teint-Döschen mit Luises ersten Pickeln erst richtig entbrennen würde, ahnte ich erst, als sie mich eingehend befragte, wie man das Zeug denn anwenden müsse. Da diese Familie aber schon öfters mal eine mütterliche „Wer hat sich schon wieder an meinen Sachen vergriffen? Wisst ihr eigentlich, wie teuer das Zeug ist?“-Schimpftirade erlebt hat, glaubte ich trotzdem, die Zeit der plötzlich leeren Töpfchen sei endlich überstanden. 

Ist sie aber nicht. Als ich mir heute Morgen vor dem Einkauf ein wenig Farbe ins Gesicht klatschen wollte, griff ich mal wieder ins Leere. Nein, nicht in dieses „Mit etwas Mühe bringe ich vielleicht noch einen winzigen Rest raus“-Leere, sondern in das jeder Mutter bekannte „Die haben das doch nicht etwa ausgeleckt?“-Leere, von einfacheren Gemütern auch einfach „L-E-E-R“-Leere genannt. Eine Leere, die mich dazu zwang, vollkommen farblos aus dem Haus zu gehen.

Was nicht weiter schlimm wäre, wenn ich mir die Farbe ins Gesicht schmieren wollte, um etwas besser auszusehen, aber in meinem Fall ist die Farbe ein soziales Engagement, da mein ungeschminktes Antlitz mein Umfeld in tiefe Sorge stürzt. (Also so etwas wie: „Geht’s dir wirklich gut, oder soll ich vielleicht doch lieber einen Krankenwagen rufen?“) Ein Hauch von Farbe ist also Pflicht und darum musste beim Einkauf auch sofort ein neues Döschen her.

Bloss, wie schütze ich das Ding vor Luises Zugriff? Ich glaube, ich habe eine Lösung gefunden: Ich habe mir einfach das Ding mit der fetten „Anti-aging“-Aufschrift geschnappt. Jetzt muss ich Luise nur noch weismachen, „anti-aging“ bewirke bei Menschen unter vierzig, dass sie innert einer Woche so abgekämpft und übermüdet aussähen wie ihre eigene Mutter, und das Problem ist gelöst.  

Zumindest hoffe ich das. Luise behauptet nämlich standhaft, sie habe sich gar nicht an meinem Farbtöpfchen vergriffen und da auch die anderen vier kleinen bis mittelgrossen Vendittis glaubhaft versichern, sie hätten nichts damit zu tun, muss ich davon ausgehen, dass mal wieder „der andere“ zugeschlagen hat und dass der sich durch „anti-aging“ beeindrucken lässt, ist zu bezweifeln. 

retrospettiva colorata

retrospettiva colorata; prettyvenditti.jetzt

Womit mich die Schule auf die Palme treibt

Schönfärberei I

Ein Elternabend mit netten Power-Point-Präsentationen, die beweisen sollen, wie sorgfältig die Zuweisung in die verschiedenen Oberstufentypen doch durchgeführt wird und ich kann nur den Kopf schütteln, weil ich jeden Tag mit eigenen Augen sehe, wie wenig die Tabellen und bunten Feldchen mit der harten Realität zu tun haben. So schlimm sind meine Zweifel am hiesigen Schulsytem inzwischen, dass ich mich manchmal beim Gedanken ertappe, unsere Sachen zu packen und zurück in den Aargau zu ziehen. (Tut mir leid, liebe Leser von anderswo, aber die Tragweite dieser Aussage ist leider nur für Schweizer verständlich.)

Finken – Nein, nicht die fliegenden, die für die Füsse

Finken sind doof. Fand ich schon immer und darum trage ich keine. Als grundsätzlich zur Kooperation bereiter Mensch sehe ich aber ein, dass ich meinen Kindern Finken kaufen muss, weil die Schule dies so wünscht. Also stürme ich einmal im Jahr – im August, auf den letzten Drücker – ins Schuhgeschäft, um mit meiner Horde Finken zu kaufen. Damit habe ich meine Pflicht getan und ich will die Finken erst wieder zu Gesicht bekommen, wenn sie zerfetzt und unbrauchbar sind und deshalb ersetzt werden müssen. Von mir aus dürfte die Schule sie auch gleich entsorgen, aber da meine Kinder zuweilen mitten im Schuljahr auf die abstruse Idee kommen, sie bräuchten neue Finken, bin ich ganz froh, wenn man mir Beweismaterial nach Hause bringt, mit dem die Notwendigkeit eines Kauf zweifelsfrei belegt werden kann. 

Lange Jahre ging das gut, aber in letzter Zeit hat die Schule sich diese Saumode angewöhnt: Am letzten Tag vor den Ferien schicken sie mir die Kinder mitsamt Finken nach Hause, am ersten Tag nach den Ferien erwarten sie meine Sprösslinge wieder zurück, natürlich mit Finken. Und das fünfmal im Jahr, bei mindestens zwei, manchmal auch bei drei Kindern, je nach Bereitschaft der Lehrperson, das Schuhwerk über die Ferien irgendwo im Schulzimmer vor dem putzwütigen Abwart in Sicherheit zu bringen. Natürlich schaffen es die Kinder nicht, ihre Finken über die Ferien im Schulsack zu lassen, was unweigerlich dazu führt, dass die eine oder andere Lehrerin mir gegen Ende der ersten Schulwoche ein Brieflein zukommen lässt: „Liebe Frau Venditti, würden Sie dem FeuerwehrRitterRömerPiraten bitte dringend ein Paar Finken mitgeben.“ Aber natürlich sind die Dinger von vor den Ferien nicht mehr auffindbar, weshalb ich mich entweder zu einer ausgedehnten Suchaktion oder einem Besuch im Schuhgeschäft genötigt sehe. Eindeutig zu viel Finken-Theater für meinen Geschmack…

Schönfärberei II

Man macht jetzt keine „Beurteilungsgespräche“ mehr, weil das zu negativ klingt. Der Inhalt des inzwischen üblichen „Standortgesprächs“ ist deswegen aber nicht erbaulicher geworden. 

Turnsachen 

Eigentlich die gleiche Geschichte wie bei den Finken, mit dem Unterschied, dass die Kinder das ganz und gar nicht verschwitzte Turnzeug jedes Mal nach dem Turnunterricht nach Hause bringen und beim nächsten Mal wieder mitnehmen müssen. (Wohlverstanden, wir reden hier nicht von Teenagern, die das Zeug tüchtig verschwitzen, sondern von Siebenjährigen, denen beim Sport wohl nicht mal richtig warm wird. Zu Karlssons Zeiten durfte man den Beutel jeweils noch in der Schule lassen, bis wieder Ferien waren, was bei uns ja alle paar Wochen der Fall ist.)

Lassen Sie mal Ihr Kind abklären…

…aber erwarten Sie bloss keine Unterstützung von unserer Seite. Unsere Kapazitäten sind mit den echten Problemfällen mehr als ausgeschöpft. (Was ich als Ehefrau eines Lehrers voll und ganz verstehe, aber das Problem an unserem Bildungssystem sind ja auch nicht die praktizierenden Lehrer, sondern die gescheiterten Lehrer, die jetzt irgendwo in einem Büro der Bildungsdirektion sitzen und auf sehr sehr geduldigem Papier die Schule von morgen skizzieren.)

calorie

calorie; prettyvenditti.jetzt

Sterbender Schwan & Co.

Wer hier mitliest, weiss, wie sehr ich meine Kinder vergöttere und darum nehme ich mir heute die Freiheit heraus, mal so richtig  über sie abzulästern und dies ganz ohne schlechtes Gewissen. Was ich hier schreibe, kann ich ihnen nämlich auch jederzeit direkt ins Gesicht sagen, also ist es streng genommen gar nicht gelästert. 

Was mir so unglaublich auf den Geist geht, ist zum Beispiel diese meisterhafte Inszenierung des sterbenden Schwans. Da sagst du zu deinem Kind: „Schieb mal bitte deine Legos ein wenig zur Seite, damit ich sie nicht aufsauge, wenn ich hier saubermache“ und schon füllen sich die Augen mit Tränen, ein herzzerreissendes „Immer ich“-Wehklagen in Moll erklingt und dein Kind kollabiert kunstvoll zu deinen Füssen. Armes, geschundenes Kind. Und dir kommt natürlich mal wieder die Rolle des herzlosen Kunstbanausen zu, der dieser zarten Inszenierung mit einem donnernden „Weisst du eigentlich, wie das in meiner Kindheit war? Holz spalten mussten wir. Wochenlang. Alle zusammen, sogar die Angeheirateten. Und mein Vater war dabei nicht weniger schlecht drauf als ich, wenn ich putzen muss“ ein ganz und gar unpassendes Ende setzt. 

Auch so ein Favorit: Kind vergisst irgendwo seine Winterjacke, merkt das aber erst, als es wieder zu Hause in der warmen Wohnung ist. Mama und Papa gehen mit dem Kind im Geiste noch einmal jede einzelne Station des Tages durch, um herauszufinden, wo Kind das vergessene Kleidungsstück wieder finden könnte. Kind vergisst aber natürlich, das vergessene Kleidungsstück zu holen und schiebt am nächsten Tag im Morgengrauen einen Tobsuchtsanfall: „Warum habt ihr mich nicht daran erinnert, dass ich meine Jacke holen muss? Und warum hat Papa sich nicht darum gekümmert? Er hat doch gesagt, er müsse ohnehin noch einmal zurück? Jetzt muss ich frieren und du kannst den ganzen Tag in der Wärme am Computer sitzen.“ Natürlich zieht sich Kind während dieser Schimpftirade ganz ungerührt seine Ersatzwinterjacke an. Man hat ja nicht nur eine…

Noch so einer, momentan gerade Luises Spezialität: „Mama, wir müssen noch diese Übungsprüfung lösen. Dann haben wir noch die Hausaufgaben in Deutsch. Und nachher müssen wir noch Französisch machen.“ „Wir? Wenn ich mich recht erinnere, habe ich meine obligatorische Schulzeit vor bald 25 Jahren abgeschlossen und auch der Abschluss der freiwilligen Verlängerung liegt schon fast 20 Jahre zurück.“ Aber wehe, du sagst laut, was du da gerade denkst. Dann bist du ganz alleine Schuld daran, wenn aus dem Kind nichts wird, denn du hast dich nicht um seine Hausaufgaben gekümmert.

Seit Jahren in den Top-Ten hält sich die Sache mit dem Essen. Als sie noch klein waren, konnte man es ihnen ja noch nachsehen, dass sie voller Entsetzen auf den Teller starrten und sich fragten, womit ihre Eltern sie diesmal zu vergiften suchten. Man sollte aber meinen, auch das Prinzchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat hätten genügend Gelegenheit gehabt, Vertrauen in die Kochkünste ihrer Eltern zu fassen, so dass sie nicht bei jedem halbwegs unbekannten Gericht einen Aufstand im Ausmass der Französischen Revolution anzetteln müssten. (Ja, auch die Franzosen mussten damals ziemlich laut nach Brot schreien, bis sie gehört wurden, aber die schrieen nicht bloss, weil Mama oder Papa mal wieder nicht nach ihrem Gusto gekocht hatten.) 

Besonders lieb und teuer sind einem die Kinder, wenn sie eine dieser wunderschönen Sternstunden mutwillig zerstören. Heute früh zum Beispiel: Da sitzen sie alle um den Frühstückstisch versammelt und du willst ihnen von diesem tollen Artikel über Elefanten erzählen, den du gestern in der „NZZ am Sonntag“ gelesen hast. „Wisst ihr, da war ein Mann, der ist heute Elefantenforscher und der hatte schon als Baby einen Plüschelefanten anstelle eines Teddybären…“, fängst du an. „Ich habe sogar drei Plüschelefanten“, unterbricht der Zoowärter mit leuchtenden Augen, in denen die Hoffnung steht, dass dies die allerbesten Voraussetzungen für eine grosse Karriere als Elefantenforscher sind. „Du hast nicht drei, du hast nur zwei“, knurrt Luise hinter ihrem Frühstücksbrot hervor. „Ich hab‘ drei…“, insistiert der Zoowärter. „Aber der Grosse, Weiche gehört gar nicht dir“, beharrt Luise. „Natürlich gehört der mir. Den haben mir Mama und Papa…“ „Stimmt überhaupt gar nicht…“ So geht das weiter, bis beim Zoowärter die Tränen fliessen und Luise die Tür knallt. Und du stehst da und murmelst: „Eigentlich hätte ich euch erzählen wollen, Elefanten hätten diesen unglaublich tollen Zusammenhalt. Die weinen sogar, wenn sie einander vermissen.“ 

Ach ja, da ist noch die Sache mit der Schmutzwäsche, die nie den Weg in die Waschküche findet, obschon das eigentlich seit Jahr und Tag so vereinbart wäre. Wer darf dann dafür geradestehen, wenn keine saubere Hose, kein frisch gewaschener Lieblingspulli, kein löcherfreies Sockenpaar da sind? Du natürlich. Und dein Kind hat mal wieder eine Gelegenheit, den sterbenden Schwan zu geben…

i miei pensieri; Gianluca Venditti

i miei pensieri; prettyvenditti.jetzt

Nicht-Vorsätze

Nicht, dass das hier jetzt Schule macht, wenn ich bitten darf, aber wenn Opa mir ein Stöckchen zuwirft, dann hebe ich das natürlich artig auf, auch wenn ich wirklich nicht so der Stöckchen-Typ bin. Aber eben, für Leute, die mich schon so lange bloggend begleiten, mache ich eine Ausnahme. Opa wollte also von mir wissen, ob ich mir Vorsätze für das neue Jahr gefasst habe.

Na ja, was soll ich sagen? So richtige Vorsätze gefasst habe ich nicht, dazu bin ich einfach nicht diszipliniert genug. Die Tatsache, dass ich mir vor ein paar Augenblicken einen Entsafter bestellt habe, könnten Aussenstehende aber durchaus so interpretieren, dass ich doch nicht ganz immun bin gegen das ganze Vorsatz-Fieber. Den Entschluss, mehr frische Säfte zu konsumieren fällt aber nur zufälligerweise mit dem Jahreswechsel zusammen. Der wahre Grund ist, dass ich die Chemiekeule losgeworden bin, die sich meinen Stoffwechsel zum Sklaven gemacht hatte, weshalb ich jetzt endlich daran denken kann, ein paar der Kilos abzuwerfen, die nach Prinzchens Auszug aus dem Uterus an mir hängen geblieben sind. Ein Vorsatz? Vielleicht, aber keiner, der mit dem Wechsel von 2014 auf 2015 zusammenhängt.

Natürlich könnte man mir auch unterstellen, ich hätte einen Vorsatz in Sachen Schule gefasst, weil ich vor ein paar Tagen „Meinem“ klipp und klar zu verstehen gegeben habe, ich sei nicht mehr länger bereit, unsere Kinder zurechtzuschnipseln, bis sie ins Schulsystem passen. Ob uns andere Wege offen stehen, ist unklar, aber noch so ein Jahr wie das Vergangene stehe ich nicht ein zweites Mal durch. Auch das hat wenig mit dem Jahreswechsel zu tun, es beschäftigt mich einfach jetzt ganz besonders, weil wir fast pausenlos dran sind, mit Luise zu büffeln und mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten Schulprobleme zu wälzen.

Ach ja, da wäre noch die Sache mit dem neuen Entsorgungssystem, über das ich mir Gedanken mache. Weil „Meiner“ meine Versuche, ein möglichst konsequent grünes Leben zu führen im Bereich Recycling permanent untergräbt. Aber ob das ein Vorsatz ist? Ich glaube nicht. Immerhin rede ich „Meinem“ schon seit Jahren erfolglos ins Gewissen, darum wird es Zeit, eine härtere Gangart einzulegen.

Und sonst? Ein paar Gedanken, wie ich meinen Alltag gestalten soll, mache ich mir schon, aber das mache ich mir immer, wenn die Schulferien zu Ende gehen und ich hoffe, endlich einmal ungestört meiner Arbeit nachgehen zu können. Vorsätze würde ich das also nicht nennen. Dann schon eher Luftschlösser, die sich dann doch wieder in Nichts auflösen, wenn der Erste einen Magen-Darm-Käfer von der Schule nach Hause bringt.

Das also, lieber Opa, sind meine Nicht-Vorsätze. Und falls Vaterdasein, Schreibschaukel oder Zwergenalarm ebenfalls über ihre Vorsätze schreiben möchten, nur zu. Aber bitte nicht mir zuliebe, sondern nur, um dem Opa eine Freude zu machen. Der hat sich nämlich für das neue Jahr vorgenommen, öfters mal ein Stöckchen zu werfen und das macht ja keinen Spass, wenn sich keiner bückt, um das Ding aufzuheben. 

pane per tutti; Gianluca Venditti

pane per tutti; prettyvenditti.jetzt

Wenn…

Wenn die Leute in der Migros einander fast über den Haufen rennen, weil sie keinen tolerieren, der zwischen sie und das tolle Neujahrs-Sonderangebot, das sie gar nicht unbedingt brauchen, kommt…

Wenn Prinzchen nach einer halben Stunde einkaufen fleht, wir möchten doch jetzt endlich in die alte Stadtgärtnerei gehen, weil es dort trotz Regenwetter tausendmal schöner ist als in diesem überfüllten Einkaufstempel…

Wenn die Autos vor dem Parkhaus Schlange stehen wie die Leute auf alten Fotos aus Sowjetzeiten in der Metzgerei…

Wenn eben noch überteuerter Ramsch heute zu dem Preis angeboten wird, der wohl von Anfang an angebracht gewesen wäre…

Wenn die Ananas aus Costa Rica billiger zu haben ist als das Kilo Birnen aus der Region…

Wenn der Rentner hinter mir ungeduldig wird, weil ich noch drei Sekunden brauche, um mein Leergut fertig zu entsorgen…

Wenn ich sehe, was man alles voll und ganz problemlos auf Pump kaufen könnte…

Wenn man mich mit Werbung bombardiert, die mir sagt, wie ich unliebsame Weihnachtsgeschenke wieder loswerden kann…

Wenn der noch kaum benutzte Stabmixer schon wieder den Geist aufgibt… 

und das noch nicht alte Telefon auch…

und der fast neue Drucker auch…

und wenn ich mir vorstelle, wie der Verkäufer aus der Wäsche schauen würde, falls ich ihn fragte, ob man das Zeug reparieren könne…

dann überkommen mich grosse Zweifel an dem, was wir so voller Stolz „hohe Lebensqualität“ nennen.

litchi; Gianluca Venditti

litchi; prettyvenditti.jetzt

Alles Gute und so

Mir ist natürlich klar, was euch, liebe Leserinnen und Leser, heute von mir zusteht: Danke, dass ihr in diesem Jahr mit mir unterwegs wart, dass ihr mitgeholfen habt, die Besucherzahlen zu verdoppeln, dass ihr mitgelacht und mitgeweint habt. Dann natürlich auch noch die guten Wünsche: Nur das Beste im neuen Jahr, gute Gesundheit, viel Glück und überreichen Segen. All das habt ihr mehr als verdient und doch hätte ich beinahe vergessen, euch das zu schreiben. Nachdem ich mich nämlich am heutigen Abend mit zwei kranken Kindern, einem dezent übellaunigen Ehemann, unzureichenden Nerven und einem widerspenstigen Ikea-Möbel herumgeschlagen habe, hätte ich den Jahreswechsel beinahe verpasst.

Darum also noch ganz knapp, bevor ihr die Korken knallen lasst: Danke, dass ihr in diesem Jahr mit mir… Ach was, das habe ich oben ja alles schon geschrieben. Aber es kommt von Herzen. ❤

menu leggero; Gianluca Venditti

menu leggero; prettyvenditti.jetz

Voll peinlich

Das ist jetzt natürlich voll peinlich: Da posaune ich Ende November in alle Welt hinaus, die Sache mit dem Schnee und dem Winter sei nichts weiter als ein altes Märchen, das man nicht richtig ernst nehmen könne und heute, als ich aus dem Fenster schaue, sieht es draussen so aus:

Winterbild; Tamar Venditti

Ja, und jetzt stehe ich da wie der letzte Depp, der nicht hat glauben wollen, was die Wetterpropheten seit Tagen vorausgesagt haben. Ohne Winterschuhe, ohne Winterpneus am Auto und natürlich auch ohne anständige Winterausrüstung für die Kinder. Irgendwie so, wie ich mir das im Kindergottesdienst vorstellte, wenn sie sagten: „Wenn der Heiland kommt und du sitzt gerade im Kino, dann nimmt er dich nicht mit.“ und dann sangen sie dieses höhnische Lied, in dem es hiess „Du warst nicht vorbereitet…“

Okay, ganz vom Winterglauben abgefallen bin ich nicht, darum haben wir irgendwo, im hintersten Winkel eines Schrankes noch ein paar Sachen, die man eben braucht, wenn das weisse Zeugs vom Himmel fällt. Für die schlimmsten Härtefälle gibt’s ja noch den Ausverkauf. Und wir kommen auch ohne Auto aus für ein paar Tage. Gänzlich ausgeliefert sind wir also nicht.

Ich bin aber auch nicht bereit, wieder voll und ganz zum Winterglauben zurückzukehren, denn allzu lange wird die Klimaerwärmung sich ja wohl nicht zurückhalten können. Darum habe ich mir trotz Schneematsch nichts von dem warmen, gefütterten Zeugs für die Füsse gekauft, sondern die hier (Mit Karlssons Segen übrigens. Er meinte, es wäre peinlich, wenn eine wie ich plötzlich mit schwarzen Schuhen an den Füssen daherkommen würde.):

Gummistiefel; Tamar Venditti

Das finde ich jetzt irgendwie nicht witzig

Natürlich fand ich es sonderbar, dass sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter das gleiche Lego-Paket zu Weihnachten wünschen. „Ist doch total langweilig“, sagte ich, „wenn jeder etwas anderes hat, könnt ihr doch viel spannendere Dinge spielen.“ Als keiner der beiden einlenken wollte, erinnerte ich den Zoowärter an seinen Geburtstag im Januar. „Falls du es bis dann immer noch unbedingt haben willst, kannst du es dir ja dann wünschen.“ Beide Jungs blieben hart und weil ich nicht hart bleiben kann, wenn zwei Jungs mich mit samtweichen Augen ansehen, bestellte ich schliesslich zweimal die gleiche Lego-Packung. Ich bezahlte sie auch sogleich artig und bekam kurz darauf die Bestätigung, meine Bestellung sei angekommen, die Bezahlung ebenfalls, das Paket mit den zwei identischen Geschenken befinde sich auf dem Weg zu mir. Ein paar Tage später war es dann tatsächlich da, der Lieferschein bestätigte mir erneut, dass meine beiden Söhne unter dem Tannenbaum vollkommen identische Geschenke vorfinden würden.

Ach, wäre ich doch misstrauisch gewesen und hätte sogleich überprüft, ob sich das, was man mir mehrmals schriftlich bestätigt hatte, auch wirklich im Paket befand. Ich war nicht misstrauisch, sondern gutgläubig, denn ich gehe immer noch davon aus, dass jemand, der vollkommen korrekte Bestätigungsmails und Lieferscheine schreibt, auch in der Lage ist, den Inhalt einer Schachtel zu überprüfen, bevor er sie zuklebt und versendet. Als mich heute Abend „Meiner“, der die Geschenke einpacken wollte, mit grossem Erstaunen fragte: „Hast du unseren Kindern Harry Potter-BluRays zu Weihnachten bestellt?“, glaubte ich deshalb erst einmal, er erlaube sich mal wieder einen seiner grenzwertigen Scherze. „Ich bin nicht in Stimmung für blöde Witze“, gab ich deshalb zurück, aber es war kein blöder Witz, da waren tatsächlich zwei Harry Potter-BluRays, aber nur eine der heiss begehrten Lego-Schachteln. Diese Schachteln, die dieses Jahr nicht nur von meinen Söhnen heiss begehrt sind, sondern von ziemlich jedem Jungen zwischen sieben und elf Jahren, was bedeutet, dass ich am 24. Dezember nicht ganz gemütlich die abendliche Feier vorbereite, sondern in überheizten Geschäften  – vermutlich erfolglos – nach der Lego-Packung suche. 

Und ich habe heute doch tatsächlich zu „Meinem“ gesagt, wir seien noch nie so gut vorbereitet gewesen…

pugno colorato

pugno colorato; prettyvenditti.jetzt