Reifeprozesse

Es fing mit den Mandarinen an. „Neulich kam er schon wieder zu spät“, sagte die junge Kindergärtnerin ganz besorgt am Telefon, „und wissen Sie, was er gemacht hat? Er hat mit Mandarinen jongliert. Und hat einfach nicht gemerkt, dass er reinkommen muss.“ In der Stimme der Kindergärtnerin schwang jetzt Empörung mit und ich wusste, dass ich ein Problem hatte, auch wenn es in meinen Augen nicht sonderlich schlimm ist, wenn ein Fünfjähriger sich auf dem Kindergartenweg im Spiel vergisst. Wir zwei, der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich, mussten also zu unserem ersten Gespräch antraben. 

Im zweiten Gespräch ging es um die Finken, die der Junge herumgeschmissen hatte. Ein schweres Vergehen in den Augen der Kindergärtnerin, ein physikalischer Versuch in den Augen unseres Sohnes, der nur wissen wollte, ob die Hausschuhe in der Luft bleiben, wenn man sie fliegen lässt. 

Im dritten Gespräch – das war dann schon in der Schule – ging es darum, dass unser Sohn die Zusammenarbeit verweigert, wenn ihm etwas nicht passt. „Er starrt dann stur geradeaus und bringt kein Wort mehr über die Lippen“, sagte die Lehrerin, mit ihrem Latein offensichtlich bereits am Ende, weil sie „so etwas noch nie erlebt“ hatte. Nun, für „Meinen“ und mich war das nichts Neues, so hatte sich der FeuerwehrRitterRömerPirat schon immer verhalten, wenn ihm etwas nicht passte. Auch wir waren zuweilen mit unserem Latein am Ende, aber wir wussten, dass er schon mitmacht, wenn er bereit ist dazu. Und wenn er mal bereit ist, dann macht er sogar richtig gut mit. „Das wird schon mit der Zeit“, sagten „Meiner“ und ich nach jedem Gespräch. 

Aber es wollte einfach nicht werden. Die ersten zwei Jahre verwunderte uns das nicht sonderlich, denn die Lehrerinnen und er hatten das Heu eindeutig nicht auf der gleichen Bühne. Im dritten Jahr aber verstanden auch wir die Welt nicht mehr, denn er mag seine Lehrerin wirklich und sie zeigte sich auch immer und immer wieder bereit, ihn zu verstehen. Noch mehr Elterngespräche, Überprüfen des Hausaufgabenheftes, Tests bei der Schulpsychologin, Analysen und Fragebogen – alles ziemlich wirkungslos. Zum Ende des Schuljahres bekamen wir eine lange Liste präsentiert auf der all die Tage aufgeführt waren, an denen der FeuerwehrRitterRömerPirat zu spät gekommen war oder an denen er die Hausaufgaben nicht gemacht oder zu Hause vergessen hatte. Es war eine sehr lange Liste und offen gestanden sank mir an dem Tag das Herz in die Hose, obschon die Lehrerin uns mehrmals vorgewarnt hatte. Würde das denn nie bessern? Natürlich wusste ich noch immer, dass das Kind etwas drauf hat und das er kann, wenn er will. Aber würde er jemals wollen?

Seit Beginn des neuen Schuljahrs ist auf einmal alles anders. Keine Ermahnungen mehr am Morgen, jeden Tag rechtzeitig aus dem Haus, freiwillig sagt er uns, welche Hausaufgaben er hat, ja, er lässt gar mit sich verhandeln, wann diese gemacht werden müssen. Nein, er ist nicht wie ausgewechselt, er ist noch immer in der Lage, seinem kleinen Bruder wegen nichts eins überzubraten, aber er zeigt jetzt im Schulalltag plötzlich den FeuerwehrRitterRömerPiraten, den wir von anderen Situationen kennen, Situationen, in denen er äusserst motiviert war.

Noch wage ich nicht, ein Jubelgeschrei anzustimmen. Zu oft haben wir in den vergangenen Jahren in der Schule antraben müssen, weil sich doch nichts geändert hatte. Dennoch glaube ich, dass es diesmal anders ist, denn diesmal sind nicht wir, die stupsen und ermahnen, sondern der FeuerwehrRitterRömerPirat der zeigen will, dass er es kann. Wenn das so weitergeht, kann ich wieder glauben, was ich schon immer für richtig gehalten hatte: Wenn er reif dazu ist, wird er es auch machen.

Zu dumm, dass unser Schulsystem keinen Raum lässt für solche Reifeprozesse. 

img_3352

Reichlich naiv

Ich geb’s ja zu, es war reichlich naiv von mir zu glauben, so eine neue Mischbatterie sei ganz einfach anzubringen. Vor allem, wenn die Alte partout nicht von der Wand weg will. Aber ich kann doch nicht eine halbe Ewigkeit warten, bis „Meiner“ mal gar nichts um die Ohren hat und sich darum um die Verschönerung unseres uralten Badezimmers kümmern kann.

IMG_3818

Na ja, immerhin ist „Meiner“ jetzt dazu gezwungen, sich umgehend des Wasserhahns anzunehmen, wenn er nach Hause kommt. Es sei denn, er wolle nie wieder duschen. Was ich aus verschiedenen Gründen nicht hoffe.

 

 

 

 

Aber doch nicht schon am vierten Schultag…

Jeden Morgen die gleiche Leier:

„Komm jetzt endlich aus dem Bett, ich kann nicht ewig hier stehen und warten, bis du unter der Decke hervorgekrochen kommst und ich sicher bin, dass du auch wirklich wach bist.“

„An den Tisch! Jetzt! Sofort! Dein Kakao wird kalt.“

„Nicht noch eine Scheibe Toast. Du hast keine Zeit mehr. In zwanzig Minuten beginnt die Schule.“

„Anziehen, habe ich gesagt! Und dann Gesicht waschen, Zähne putzen und aus dem Haus!“

„ANZIEHEN! JETZT! SOFORT!“

„Nein, du hast jetzt keine Zeit, um mit den Katzen zu spielen. Wo ist dein T-Shirt?“

„Ja, ich weiss, dass du keine Lust hast auf Schule, aber es geht nun mal nicht anders. Zieh dich jetzt endlich fertig an.“

„Zähne putzen!“

„Schön, deine Zähne sind geputzt, aber was ist mit dem Gesicht? Du hast da überall noch Confiture.“

„Wie, du findest deine Sandalen nicht? Wo hast du sie denn gestern ausgezogen? Himmel, du kannst doch jetzt nicht das ganze Haus absuchen. In zehn  Minuten beginnt die Schule!“

„Wo ist dein Schulsack? Schnell, Znüni rein und los!“

„Okay, dann lege ich dir halt den Znüni in den Schulsack und du ziehst die Jacke an. Nein, nicht verkehrt herum. Wo sind deine Hausaufgaben? Ich hab dir gestern doch zehnmal gesagt, du sollst sie in den Schulsack legen. Dann such‘ sie, aber rasch, du kommst zu spät.“

„Nun sei nicht so eingeschnappt. Ich sitze dir jetzt schon eine volle Stunde im Nacken, weil du nicht vorwärts machst. Ein Wunder, dass ich nur nicht noch sagen muss, wann du ein- und ausatmen sollst. Los jetzt! Vorsicht auf der Strasse, wenn du so spät dran bist.“

Und dann, kurz bevor die Haustür endlich ins Schloss fällt: „Ich hab‘ dich liiiiiiieeeeeeb! Aber morgen nicht so ein Theater, bitte!“

Nein, diese Leier gilt jetzt nicht mehr dem FeuerwehrRitterRömerPiraten. Ich glaube, der hat sich nach zwei Jahren Kindergarten und drei Jahren Schule endlich damit abgefunden, dass man morgens raus muss und mir scheint gar, er wolle uns jetzt endlich beweisen, dass er es kann, wenn er nur will. Ich fürchte aber, er hat die Seuche an den Zoowärter weitergegeben. Ob es eine Impfung dagegen gibt, damit das Prinzchen den Käfer nicht auch noch aufliest?

(Na ja, ich wüsste schon, wie man dem abhelfen kann, aber damit wären wir bei der Schulpolitik und dazu schweige ich heute lieber.)

img_3456

Stundenplankapriolen

Je grösser die Kinder werden, umso mehr fühlt sich der Start eines neuen Schuljahres wie ein Gedächtnisspiel an. Nehmen wir zum Beispiel den Dienstagnachmittag:

Prinzchen: Frei
Zoowärter: Auch frei, aber meist bei einem seiner Freunde zu Besuch. Oder einer seiner Freunde ist bei uns. 
FeuerwehrRitterRömerPirat: Woche A nachmittags Unterricht, Woche B nachmittags frei, in jedem Fall aber Trompetenstunde um 16:05 im Nachbardorf. Und abends natürlich Fechten, aber soweit mag man mittags noch gar nicht denken, denn das Herausfinden, ob jetzt Woche A oder Woche B ist, nimmt das Gehirn voll und ganz in Beschlag.
Luise: Schule, aber erst um 14 Uhr, also viel Gelegenheit, um nach dem Mittagessen zu überlegen, ob sie noch etwas zu erledigen hat.
Karlsson: Ebenfalls Schule, ebenfalls erst um 14 Uhr, dafür fast bis 18 Uhr und die letzten zwei Lektionen im Nachbardorf. Nein, natürlich nicht im gleichen Nachbardorf wie der FeuerwehrRitterRömerPirat, das wäre zu einfach. 
„Meiner“: Unterricht und danach genau so lange Sitzung, dass es mir reicht, nervös zu werden, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat doch endlich ins Fechttraining gefahren werden sollte, aber das Auto noch nicht da ist. 

Wie das bei den Spielen so ist, erreicht man nach einiger Zeit einen höheren Level. Bei mir sieht Level zwei so aus, zumindest für die kommenden drei Wochen:

Prinzchens bester Freund: Unterricht bis 15 Uhr, danach sollte er zu uns kommen, weil seine Eltern arbeiten und die übliche Kinderbetreuung noch ein paar Monate im Süden weilt. Meistens müssen wir aber erst nach ihm suchen gehen, denn irgendwie macht es auf dem Naturspielplatz einfach mehr Spass.
Zoowärters Freund: Woche A schulfrei, Woche B Unterricht, wenn ich mich recht erinnere, aber offen gestanden habe ich seinen Stundenplan nicht auswendig gelernt, weil wir nur bis Ende August auf ihn aufpassen.
Kleine Schwester von Zoowärters Freund, ebenfalls bis Ende August: Noch nicht schulpflichtig und darum äusserst interessiert daran, dass immer ein kleiner bis mittelgrosser Venditti oder zumindest eine Katze in Reichweite ist. Darf auf gar keinen Fall alleine im Garten sein, weil wir inzwischen einen ganz und gar kleinkinderuntauglichen Gartenteich haben. 

Ein wirklich herausforderndes Spiel, das mein Gedächtnis jung hält. Der Rest von mir sieht nach einem solchen Nachmittag aber ganz schön alt aus.

img_3498

 

Stundenplanwunder

Prinzchens Montag: 8:15 bis 11:40 und 13:30 bis 15:05

Zoowärters Montag: 8:15 bis 11:40 und 13:30 bis 15:40

Montag des FeuerwehrRitterRömerPiraten: 7:45 bis 11:40 und 13:30 bis 16:10

Luises Montag: 7:45 bis 11:40 und 13:30 bis 15:05

Karlssons Montag: 7:20 bis 11:40 und 13:30 bis 16:05

„Meiner“s Montag: 8:00 bis 11:45 und 13:30 bis 15:05

Mein Montag: Was auch immer auf MEINEM Programm steht und wehe, einer wagt es, montags krank zu sein oder sich von seinem Lehrer eine Stundenplanänderung unterjubeln zu lassen!

img_34811

 

 

 

 

Bahngejammer

Liebe Deutsche Bahn

Nachdem ich mich von den Strapazen der Heimreise erholt habe, möchte ich gerne ein wenig von meinen Erfahrungen berichten, die ich mit dir gemacht habe. Da ich dir mitsamt Familie und Gepäck viele Stunden lang voll und ganz ausgeliefert war, ist es meiner Ansicht nach nicht mehr als anständig, wenn ich dir eine Rückmeldung gebe. 

Es fing alles sehr vielversprechend an, an einem heissen Juliabend vor etwas mehr als zwei Wochen. Pünktlich fuhr dein Zug im schweizerischen Baden ein, voller Vorfreude auf die Ferien in Schweden machten meine Familie und ich es uns auf unseren reservierten Sitzplätzen bequem. Bald einmal mussten wir allerdings feststellen, dass es im Zug warm war. Sehr warm. So warm, dass einem der Schweiss in die Augen lief. Die Klimaanlage sei leider ausgefallen, liess man uns Passagiere irgendwann wissen. Im Normalfall würde mich das nicht im Geringsten stören, bin ich doch keine Freundin von Klimaanlagen. An einem heissen Juliabend in einem voll besetzten Nachtzug, in dem man die kommenden zehn Stunden eingepfercht sein wird, wäre ein kühlendes Lüftchen dennoch ganz nett. Na ja, nett war immerhin deine Geste, den schwitzenden Gästen je einen halben Liter gekühltes Wasser zu schenken. Noch netter wäre es gewesen, wenn man ein Fenster hätte öffnen können, so wie man das früher, als Klimaanlagen noch nicht so üblich waren, noch tun konnte. 

Trotz Hitze fielen den meisten Fahrgästen irgendwann die Augen zu und sie wären auch zugeblieben, wäre nicht mitten in der Nacht ein betrunkener Fahrgast zugestiegen, der im Vorraum krakeelte, weil einer deiner Kondukteure – ich glaube, du nennst das lieber Schaffner – laut, deutlich und sehr ausführlich erklärte, in diesem Zug dürfe nur mitfahren, wer reserviert habe. Der Mann hatte nicht reserviert, mitfahren liessest du ihn dennoch und krakeelen durfte er auch so lange und so laut er wollte, obschon die Fahrgäste, die alle brav einen hohen Preis für ihre Reservation bezahlt hatten, nicht mehr schlafen konnten. Ich finde es ja eigentlich okay, dass du den Mann nicht aus dem Zug geschmissen hast. Vielleicht hat er gerade etwas Schweres durchgemacht und war deshalb so besoffen. Soll er doch mitfahren, der arme Kerl. Aber zur Ruhe hätte man ihn schon ermahnen können, nicht wahr?

Wäre alles andere reibungslos abgelaufen, könnte man gnädig über die Hitze und den Lärm hinwegsehen, doch leider war das nicht alles. In Hamburg, wo der Zug nach Kopenhagen wartete, wurde es nämlich erst richtig chaotisch. Der Zug war kurz, bot nur Platz für die Fahrgäste mit Reservation, doch auf dem Perron – du, liebe Deutsche Bahn, nennst das Bahnsteig, wenn ich mich nicht irre – warteten auch solche, die nicht reserviert hatten und zwar sehr viele. Und alle versuchten, sich in den winzigen Zug zu zwängen. Irgendwann dämmerte deinem Personal, dass das nicht gut gehen konnte und so wurde verkündet, wer nicht reserviert habe, müsse den Zug verlassen. Natürlich ging keiner raus, es wollten ja alle irgendwie weiterkommen. Also zwängte sich dein Personal durch den proppenvollen Zug, um die Fahrkarten zu überprüfen. Wer jung und unrasiert und ohne Reservation war, wurde rausgeschickt. Wer älter und gepflegt und mit irgend einer Bahnkarte aber ohne Reservation war, durfte bleiben, auch wenn er damit einem, der für die Reservation bezahlt hatte, den Sitzplatz wegnahm. Nicht ganz fair, finde ich, aber da diejenigen von uns, die auf ihren Sitz verzichten mussten, in einer Ecke kauern konnten, will ich mich nicht weiter über dieser Ungerechtigkeit aufhalten. Immerhin mussten wir die vier Stunden bis Kopenhagen nicht stehen.

Wobei wir gar nicht bis Kopenhagen fahren konnten, denn irgend eine ominöse „Technische Panne“ – mehr wolltest du partout nicht preisgeben – zwang uns alle dazu, mit Sack und Pack zu Fuss auf die Fähre nach Dänemark umzusteigen. Was drüben in Dänemark noch alles schief lief, will ich dir, liebe Deutsche Bahn, nicht ankreiden, obschon du mit der satten Verspätung, die du uns mit dem Chaos in Hamburg beschert hattest, nicht ganz unschuldig warst.

Weil ich ein optimistischer Mensch bin, traute ich dir durchaus zu, dass es auf der Heimfahrt anders sein würde. Und es war anders. Diesmal fuhr dein Zug nämlich bereits mit einer Verspätung ab, was ich dir aber auch nicht vorhalten möchte, weil diese Verspätung ja von den Dänen verursacht war. Die Dänen wollten dann auch partout nicht mit den zahlreichen nervösen Gästen darüber reden, ob man den Anschlusszug in Hamburg noch erwischen werde. Das würden uns die Deutschen sagen, hiess es lapidar. Doch in Deutschland sagte man uns auch nicht mehr als: „Fünfzehn Minuten vor Ankunft in Hamburg wissen wir mehr.“ Dafür versprach die Leuchtschrift über der Tür zum Abteil, alle Infos zu den Anschlusszügen könne man im Faltprospekt nachlesen. Dumm nur, dass der Faltprospekt nicht nur keine Ahnung von der Verspätung hatte, sondern auch für die Strecke Hamburg-Kopenhagen war und nicht für die Strecke Kopenhagen-Hamburg. Das Papier hättest du dir also sparen können. Und die Leuchtschrift auch.

Nun, wenige Minuten vor Ankunft in Hamburg erfuhren wir endlich, wie es weiter gehen würde: Wer in die Schweiz wolle, müsse den Zug nach Wien nehmen und in Göttingen umsteigen. Der Zug nach Wien stehe entweder auf Gleis dreizehn oder vierzehn, bitte rasch umsteigen! Mit Mühe und Not schafften wir es, fünf Kinder und zehn Gepäckstücke rechtzeitig in den Zug nach Wien zu verfrachten. Zur Begrüssung wurden wir von einem deiner Mitarbeiter angefahren: Wir hätten gefälligst hinten im Zug einsteigen sollen. Ich muss gestehen, dass ich ob dieser Unfreundlichkeit ziemlich ungehalten wurde und zwei deiner Kondukteure ankeifte. Darauf bin ich nicht unbedingt stolz, aber Karlsson hat mir gesagt, er finde es ganz in Ordnung, dass ich nicht immer Ruhe bewahre und freundlich lächle und ich gebe sehr viel auf Karlssons Meinung. Ein Teenager lobt seine Mama schliesslich nicht alle Tage.  

Im Laufe der Fahrt teilte man uns mit, man sei sich doch noch nicht sicher, ob wir unseren Zug in Göttingen erwischen würden, oder ob wir vielleicht an einem anderen Ort umsteigen müssten. Man versprach uns aber, man werde alle Fahrgäste, die in die Schweiz wollten, auf dem Laufenden halten. Man hielt dann allerdings nur einige von uns auf dem Laufenden, so dass wir erst nach viel Herumfragen erfuhren, dass wir vermutlich etwa zwanzig nach elf in Göttingen eintreffen würden. Ob es von Göttingen aus tatsächlich Richtung Schweiz gehen würde, wusste keiner von uns mit Sicherheit, denn keiner deiner Mitarbeiter sah sich dazu verpflichtet,  noch einmal zu informieren. Göttingen war richtig, auf welchem Perron unser Zug einfahren würde, konnten uns deine Zugbegleiter aber nicht sagen. Also mussten wir es selber herausfinden, so ganz nebenbei, zwischen Gepäckschleppen und schlaftrunkene Kinder zum Rennen antreiben. 

Ich weiss nicht, wie wir es geschafft haben, aber irgendwann sassen wir doch noch in den Liegesesseln, die wir reserviert hatten. Zum ersten Mal auf dieser Reise trafen wir auf Personal, das uns nicht nur freundlich begrüsste, sondern auch bereitwillig anbot, uns mit dem Gepäck zu helfen. Du darfst mir glauben, liebe Deutsche Bahn, dass ich an diesem Punkt bereit war, dir alles zu verzeihen, was du auf unserer Reise vermasselt hattest. Jetzt, wo alle meine Kinder tief und fest schliefen, wollte ich nur noch dankbar sein, dass wir friedlich schaukelnd unserem Zuhause entgegen rollten. Ich wollte meinen Frieden mit dir schliessen, aber ich konnte nicht, denn im Zug war es so kalt, dass sogar ich, die ich sonst nie friere, beinahe zu schlottern begann und dies trotz wärmender Decke. Während unseren zwei Wochen in Schweden war es dir offenbar gelungen, die Klimaanlage zu reparieren. Dumm nur, dass die jetzt nicht mehr gebraucht wurde, weil es keine heisse Julinacht, sondern eine eher kühle Augustnacht war. 

Man mag sich fragen, weshalb ich dir, liebe Deutsche Bahn, all dies vorhalte, wo man derzeit doch einfach froh und dankbar sein kann, wenn man in einem Teil der Welt lebt, wo man nicht um sein Leben fürchten muss. Sind ja eigentlich alles nur Luxussorgen. Für uns als Grossfamilie war es allerdings auch ein Luxus, mehr als 1600 Franken hinzublättern, um uns von dir in den Norden und wieder zurück fahren zu lassen und darum habe ich beschlossen, dennoch ein wenig über meine Reise mit dir zu jammern. Auch wenn mir sehr wohl bewusst ist, wie privilegiert wir sind, aus freien Stücken und einzig zu unserem Vergnügen reisen zu dürfen. 

img_3393

Reisenotizen

Der Dänische Kondukteur kann mich zusammenstauchen, weil ich es versäumt habe, die Tickets schön brav in der von ihm gewünschten Reihenfolge zu ordnen. Ob unser Anschlusszug in Hamburg auf uns warten wird und wie viel Verspätung wir haben werden, kann er mir aber leider nicht sagen. Ist ja auch nicht weiter wichtig. Hauptsache, die Tickets sind schön geordnet.

Die sommerliche Völkerwanderung scheint einem Zweiwochen-Rhythmus zu folgen. Wer vor zwei Wochen auf dem gleichen Weg wie wir gereist ist, kommt heute auf dem gleichen Weg wie wir wieder zurück. Und sowas nennt sich „Individualreise“.

Interessant, einem Schweden und einem Kanadier dabei zuzuhören, wie sie das Wesen der Schweizer ergründen. In der Schweiz waren sie übrigens beide noch nie. Dennoch lagen sie gar nicht so sehr daneben mit ihren Ausführungen. Nur in der Interpretation „unserer“ Eigenschaften waren sie meiner Meinung nach etwas zu gnädig mit „uns“.

Die Deutsche Bahn hat also doch klimatisierte Wagen. Hätte auf der Hinreise den Glauben daran beinahe verloren.

Wenn sich einer auf unsere reservierten Plätze setzt, reagiere ich zu meinem eigenen Entsetzen ziemlich kleinkariert. Peinlich, wenn ich feststellen muss, dass das gar nicht unsere Plätze waren…

Egal, wie viel mehr wir nach Hause bringen, als wir mitgenommen haben, wir bringen es jedes Mal fertig, alles in die gleichen Koffer zu stopfen. Möchte bloss wissen, weshalb wir immer einen oder zwei Koffer ruinieren, wenn wir reisen.

20140802-170445-61485801.jpg

Kleine Pause

Seien wir doch ehrlich: Trotz aller unvergesslichen Erlebnisse stellen Familienferien die Nerven ganz schön auf die Probe. Oh ja, es ist wunderbar, unbeschwerte Tage mit deinen Liebsten zu verbringen, aber wenn plötzlich alle rund um die Uhr ein gemeinsames Programm haben sollten, wird alles irgendwie,… na ja, sagen wir… kompliziert.

Nach dem gemütlichen Abendessen am Meer noch kurz in den Wald, um ein paar Blaubeeren zu pflücken? „Ich esse nur gewaschene Blaubeeren! Noch nie etwas vom Fuchsbandwurm gehört?“ „Ohne Zeckenspray setze ich keinen Fuss in diesen Wald!“ „Ich möchte aber unbedingt auf den Hochsitz!“ „Und wann sehen wir endlich Elche?“ Es sind natürlich nicht nur die anderen, die sich so aufführen, auch ich trage meinen Teil zum Stimmengewirr bei: „Himmel, kann man denn nicht einmal ein paar Minuten ungestört in den Wald gehen und Beeren sammeln?“

So geht das pausenlos, egal, ob es ums Essen geht, um den Strand, ums Museum oder um den Feierabend. Familientheater ohne Unterbruch, zum Glück mit erstaunlich wenig Streit. Sonst müsste ich am Ende noch die Menschen verstehen, die ihrer Familie nach den Sommerferien den Rücken kehren.

Nun, ich habe keineswegs vor, meiner Familie den Rücken zu kehren, doch ein paar Stunden ohne sie weiss ich dennoch zu schätzen. Darum war ich ganz dankbar, dass ein kaputter Schuh – „Mit diesen kaputten Schuhen kann ich auf gar keinen Fall in den Wald!“ – mich heute Morgen dazu zwang, ins nächst gelegene Einkaufszentrum zu fahren. Ein paar Stunden lang nur ich, meine Gedanken, Georg Friedrich Händel – und Hunderte von Schweden, die sich die Zeit an einem gewitterhaften Sonntag offensichtlich am liebsten mit. Shopping vertreiben.

Na ja, immerhin kann ich getrost weghören, wenn die sich mit ihren Blagen darüber zanken, ob man bei Ikea isst, oder erst später zu Hause.

20140727-143328-52408266.jpg

Nur mal schnell, solange ich Empfang habe…

Es gibt sie noch, diese wunderbaren Orte, an denen du keine Möglichkeit hast, ins Internet zu gelangen und so kommt es, dass die virtuelle Welt ein paar Tage lang Ruhe hatte vor diesen quasselnden Vendittis. Sie bekam nichts mit von dem Drama, als in Hamburg eine Menschentraube versuchte, sich in einen winzigen Zug zu zwängen, was dem Zugpersonal die unangenehme Aufgabe bescherte, diejenigen wieder rauszuwerfen, die nicht reserviert hatten (Wir hatten reserviert und konnten trotzdem nicht alle sitzen.). Sie blieb verschont vor meinem Gejammer, als wir mit Sack und Pack auf die Fähre umsteigen mussten, weil der Zug „aus technischen Gründen“ nicht auf die Fähre fahren konnte. Sie musste sich auch nicht anhören, wie ich in Kopenhagen die Zicke der Autovermietung ankeifte, weil sie unseren im Voraus bezahlten Wagen nicht rausrücken wollte und unseren Ferien damit beinahe ein frühzeitiges Ende bescherte. Gut also, dass ich erst jetzt von diesen Dingen berichten kann, wo sie beinahe schon vergessen sind und mein Ärger verflogen ist.

Die virtuelle Welt bekam aber auch nichts von meinen Schwärmereien zu hören. Kein Lobgesang auf das „Blå Huset“, das so abgeschieden auf einer Wiese steht, umgeben von Blumen und Bäumen und uns die Ruhe bietet, die wir gesucht haben. Kein Schwelgen in „Kräm“, „Fil“, „Blåbärssoppa“ und „Polarbröd“. Keine schönen Worte über Öland, die Nächte, die noch immer hell sind, über das Rauschen des Windes in den Bäumen, über das Meer, das sich hier so unaufgeregt aufführt, als wäre es ein ganz gewöhnlicher See.

Die virtuelle Welt wird nicht ärmer, wenn sie von all dem nichts erfährt und ausnahmsweise kann auch ich ganz gut damit leben, nicht immer gleich über alles zu schreiben. Zumindest, solange ich keinen Empfang habe…

20140723-150154-54114806.jpg

Warum wir uns das antun

Jetzt ist er also da, der Moment, in dem man sich fragt, weshalb man sich das alles antut. Dem Haus-, Tier- und Gartensitter letzte Infos weitergeben, Gepäck schleppen, auf dem Bahnperron Brötchen belegen, Passagiere von unseren Sitzplätzen vertreiben, endlose Stunden mit leicht schmuddeligen jungen Erwachsenen, die hoffentlich im Laufe der Nacht nicht angeheitert werden, einen schlecht gekühlten Zugwaggon teilen, die Kinder in Schach halten, damit sie den Mitreisenden nicht auf die Nerven fallen, im Zugklo die Zähne putzen und dabei aufpassen, keiner die Zahnbürste aus lauter Gewohnheit unter den Wasserhahn hält…

Die Frage, ob sich der Aufwand lohnt, stellt man sich immer nur auf der Hinreise. Auf der Heimreise weiss man gewöhnlich, wie wertvoll es war, wegzugehen. Sogar dann, wenn nicht alles so schön wird, wie man es sich erträumt hat, wird man Jahre später noch von den Dingen reden, die man zusammen erlebt hat. Familienfeiern sind für uns die einzige Gelegenheit, mal nur unter uns zu sein, keine Pflichten, kein Alltagskram, keine Ablenkungen – einfach nur wir sieben mit all unseren Stärken und Macken. Dass das ein paar Nerven kostet, nehmen wir gerne in Kauf.

20140718-221530-80130470.jpg