Die Gewissenhaftigkeit in Person

Nein, heute war nicht sein Tag. Zuerst wollten weder Mama noch Kindergärtnerin glauben, dass er es nicht schafft, schon wieder in die Turnhalle zu gehen. Später musste er feststellen, dass der Inhalt seiner Znünibox so gar nicht seinen Wünschen entsprach. Auf dem Heimweg rannte der beste Freund einfach so mit anderen Kindern davon. Da halfen weder Protestgeschrei, noch Schubsen und Zerren. Am Nachmittag fuhr Grossmama ohne ihn in die Migros und abends wollte Papa ihn dazu zwingen, mit allen anderen am Tisch zu essen. Diese letzte Ungerechtigkeit brachte das Fass zum überlaufen, ihm blieb nichts anderes mehr übrig, als schluchzend auf dem Fussboden einzuschlafen. 

Gegen 23 Uhr wird er wieder wach, er schleppt sich in sein Bett, wo er versucht, den Schlaf wieder zu finden. Plötzlich dieser Gedanke: „Habe ich meine Zähne überhaupt schon geputzt?“ Er fragt seine Eltern. Papa behauptet, die Zähne seien sauber, Mama kann die Frage nicht beantworten, denn sie war mit dem grossen Bruder im Fechttraining. „Nein, Papa, heute Abend habe ich die Zähne nicht geputzt. Das war gestern“, insistiert er, als Papa sagt, er solle sich keine Gedanken machen. Also muss Mama die Zahnbürste ans Bett bringen, denn aufstehen mag er jetzt nicht mehr. Als er fertig geschrubbt hat, zeigt er wie immer sein blitzblankes Gebiss, auch wenn es dunkel ist im Zimmer. Er will wissen, ob seine Zähne jetzt sauber sind. „Sie sind sauber“, bestätigt die Mama und jetzt endlich kann er diesen elenden Tag hinter sich lassen und getrost wieder einschlafen. 

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Energievorrat

Vor einem Jahr…

…arbeitete ich viel mehr, als für mich und meine Familie gut war, immer wieder stand abends noch eine Sitzung auf dem Programm, am Wochenende lag ich regelmässig mit einem Magen-Darm-Käfer im Bett, Verschnaufpausen waren purer Luxus, ich fühlte mich beinahe schon verpflichtet dazu, bei allen möglichen Anlässen dabei zu sein, wenn mal nichts auf dem Programm stand, experimentierte ich in der Küche…

…und doch fand ich irgendwie die Zeit, Unmengen von Vorräten einzukochen, einzufrieren und zu dörren.

Dieses Jahr…

…bin ich vormittags fast immer alleine zu Hause, mein Arbeitspensum beträgt noch gut die Hälfte,  die Arbeitszeiten kann ich voll und ganz nach meiner Familie richten, nur selten zwingt mich ein Käfer ins Bett, ein Tag ohne Mittagsschlaf ist die grosse Ausnahme, Termine am Abend gibt es kaum mehr, die meisten Anlässe finden ohne mich statt…

…und doch besteht mein Wintervorrat derzeit gerade mal aus vier Portionen Pelati und fünf Portionen Mais. Seit Tagen schon warten die Holunderbeeren im Kühlschrank darauf, endlich zu Sirup zu werden, die Randen haben die Hoffnung auf eine Karriere als Borscht schon fast aufgegeben und die zukünftigen Essiggurken, die ich gestern auf dem Markt gekauft habe, werfen mir bereits vorwurfsvolle Blicke zu. 

Ich glaube, ich muss mal im Vorratsschrank wühlen. Vielleicht finde ich dort noch das eine oder andere Glas Energie von letztem Jahr.

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Was sich am Ende eines Tages in meiner Handtasche findet

Gewöhnlich habe ich ja keine Ahnung, wer zu welchem Zeitpunkt was in meine Handtasche stopft, ich weiss nur, dass sich im Laufe der Zeit jeweils das halbe Familienleben darin ansammelt. Irgendwann, wenn mir die Tasche zu schwer wird – oder wenn ich beim Wühlen auf verfaultes Obst stosse – kippe ich den ganzen Inhalt aus und staune nicht schlecht, was  ich alles mit mir schleppe. Da heute mal wieder eine neue Handtasche fällig war, konnte ich für einmal sehr genau mitverfolgen, was an einem einzigen Tag zusammenkommt. 

Als ich mein neues Prachtstück voller Stolz aus dem Laden trug, befand sich darin einzig mein Portemonnaie und die Kaufquittung. Draussen auf dem Trottoir stopfte ich noch mein Handy und den Schlüsselbund in die dafür vorgesehenen Fächer. „Dabei bleibt es“, sagte ich zu mir selbst, schnappte mir meinen Einkaufskorb und machte mich auf die Suche nach meiner Familie. Doch der Einkaufskorb war schwer, weil ich am Wochenmarkt in einen Gurken-, Käse-, Pilz- und Honigwein-Kaufrausch geraten war. Also musste der Honigwein in meine Handtasche wandern, zusammen mit einer Flasche Schokoladen-Rosen-Topping, der ich auch nicht hatte widerstehen können. „Dabei bleibt es jetzt aber wirklich“, sagte ich zu mir selbst, doch wenig später traf ich endlich „Meinen“ und die Kinder an. Und so kam es, dass ich heute Abend die folgenden Dinge in meiner Handtasche fand:

  • Die leere Ice-Tea-Flasche von Prinzchens bestem Freund
  • Prinzchens halbleere Ice-Tea-Flasche
  • Eine Feder, die ich vom Prinzchen geschenkt bekommen habe
  • Ein Papiertaschentuch, das die Mutter von Prinzchens bestem Freund verloren hatte und das Luise mir zur sicheren Verwahrung übergab
  • Luises linker Flip-Flop
  • Den grünen Stützverband, den Luise an ihrem rechten Fuss nicht mehr tragen mochte
  • Karlssons Schuheinlagen, die er bei mir deponierte, weil der Orthopäde ja gesagt hatte, zum Eingewöhnen sollten die Dinger nicht länger als eine Stunde getragen werden und was kann Karlsson denn dafür, dass wir noch nicht zu Hause waren, als die Stunde um war?
  • Ein gebrauchtes Taschentuch unbekannter Herkunft
  • Ein leerer Glacé-Becher, der, wenn ich mich nicht irre, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten gehörte

„Das geht ja noch“, werden jetzt einige sagen, aber seht euch doch mal an, was auch noch in der Tasche gelandet wäre, hätte ich nicht lauthals protestiert:

  • Das obere Ende einer Gurke, welches der Zoowärter nicht essen mochte
  • Das untere Ende derselben Gurke
  • Eine von Luise angebissene Gurke
  • Das Papier von Zoowärters Vanille-Cornet
  • Die Abstimmungsbroschüre, die mir ein Arzt gerne in die Hand gedrückt hätte, was ich aber nicht zuliess, weil nur die Aargauer über die Sache abstimmen, nicht aber wir Solothurner
  • Der Möbelkatalog mit einem 10%-Gutschein auf alle Möbel, den mir eine junge Frau überreichen wollte 
  • Karlssons Einkäufe aus dem Zweifranken-Shop: Ein Leimstift, eine Tube Schuhcreme, eine Dose Schuhcreme, zwei Vorhangleisten und eine Hundeleine
  • Die Verpackung der Hundeleine
  • Luises „Hanni & Nanni“-Buch
  • Diverse Quittungen
  • Die Feder, die das Prinzchen „Meinem“ schenkte

Doch ich will mich nicht beklagen, ich kann froh und dankbar sein, dass ich die Tasche heute Abend überhaupt finden konnte, um alles auszumisten. Luise hat mir nämlich mindestens zwanzig mal gesagt, wie schön sie das Stück findet und dass sie keineswegs abgeneigt wäre, es dereinst von mir zu erben. Inzwischen kenne ich Luise gut genug, um zu wissen, was das im Klartext bedeutet: Wenn sie das nächste Mal die Psychologin spielt, wird sie sich die Tasche schnappen, zusammen mit meinen Lieblingsschuhen und meinem einzigen noch brauchbaren Lippenstift, sie wird im ganzen Haus ihre Therapiesitzungen abhalten und dann, wenn sie alle therapiert hat, wird die Tasche in irgend einer Ecke landen, wo ich sie Tage später nach verzweifelter Suche wieder finden werde.

Nein, ich will mir nicht ausmalen, was ich dann alles darin finden werde…

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Zähflüssig

An gewissen Tagen ist es, als hätte jemand über Nacht deine Wohnung mit Honig übergossen und zwar mit dieser billigen, zähflüssigen Sorte, die so unglaublich gut haftet, zuerst am Glas, dann am Löffel und schliesslich überall, wo sie ihre Spuren hinterlassen hat. An solchen Tagen kommt es dir so vor, als würde die ganze Familie knöcheltief in diesem Honig waten und du hast die mühsame Pflicht, jedem Familienmitglied dabei zu helfen, in dieser klebrigen Masse einen Fuss vor den anderen zu bekommen.

„Trink jetzt deinen Kakao, FeuerwehrRitterRömerPirat. Ja, die Tasse steht zwei Zentimeter neben deiner rechten Hand, eine kleine Bewegung nur und du kannst den Griff fassen. Ja, gut so und jetzt führst du die Tasse zu deinen Lippen. Und jetzt schlucken. Nein, jetzt die Tasse nicht wieder hinstellen, noch ein Schluck und noch einen. So ist gut. Und jetzt erhebst du deinen Hintern vom Hocker, gehst ins Badezimmer und wäschst dir dein Gesicht. Jawohl, dazu nimmt man einen feuchten Waschlappen und mit dem fummelt man dann im Gesicht herum. Und wo du schon mal im Bad bist, empfiehlt es sich, gleich zur Zahnbürste zu greifen. Die Zahnbürste ist dieses Ding mit dem langen Stiel und den Borsten, mit dem man an den Zähnen herum schrubbt. Gut…“

„Weisst du, ‚Meiner‘, ich habe mir überlegt, wir könnten Karlsson stets Znünigeld für eine Woche geben, das er sich dann selber einteilen muss, wenn er sein Znüni unbedingt kaufen will. Ja, ein fixer Betrag und wenn er das Geld zu schnell aufgebraucht hat, muss er eben seine eigenen Brote schmieren. Damit er lernt, das Geld einzuteilen, ja und damit er lernt, dass es billiger ist, den Znüni von zu Hause mitzunehmen. Für den Znünikisok in der Schule, genau den meine ich.  Nein, nicht viel Geld, einfach ein paar Franken, die er selber verwaltet. Genau, und wenn er kein Geld mehr hat, dann muss er eben selber schauen. Ja, so meine ich das. Selbstverständlich können wir heute Abend in Ruhe darüber reden…“

„Klar kannst du eine Tasse Tee haben, Zoowärter, aber zieh dich doch in der Zwischenzeit schon mal an. Ja, die Hose, die du gestern bekommen hast. Jawohl, auch eine Unterhose und ein T-Shirt. Das findest du im Schrank, genau….Dein Tee ist fertig, Zoowärter. Aber warum bist du noch nicht angezogen? Hier ist deine Unterhose. Vielleicht musst du zuerst die von gestern ausziehen. Gut, und jetzt die Hose. Nein, die Unterhose von gestern bitte in den Wäschekorb, nicht auf den Fussboden…So, jetzt musst du aber wirklich gehen. Wie, dein Tee? Die Tasse steht seit zwanzig Minuten auf dem Tisch und du sitzt seit zwanzig Minuten am Tisch, aber trinken müsstest du schon noch selber. Nein, der Tee ist jetzt nicht mehr heiss… Und jetzt die Schuhe. Ja, die Sandalen, die Sonne scheint…“

„Ja, Luise, dein neues T-Shirt gefällt mir sehr gut und ja, die Katzen sind wirklich unheimlich lieb und herzig, ja, du hast dich wirklich gut auf die Prüfung vorbereitet, ja, deine neue Hose ist auch toll, ja, ich kann dich kämmen, aber du solltest dir heute unbedingt die Haare waschen, ja, du darfst dir meine Schuhe ausleihen, ja, irgendwann darfst du dir einen zweiten Ohrring stechen lassen, nein, ich weiss noch nicht wann, nein, heute ganz bestimmt nicht, du brauchst jetzt nicht zu motzen, ich hab gesagt, wir machen das, aber ich weiss noch nicht wann, nein, ich habe dein Matheblatt nicht gesehen, nein, ich kann nichts dafür, dass du so viele Hausaufgaben machen musstest, nein ich habe auch dein Englischblatt nicht gesehen…Du willst doch nicht etwa sagen, dass du jetzt noch zwanzig Aufgaben lösen musst, die du gestern Abend hättest lösen müssen?“

„Du kannst den Computer selber einschalten Karlsson. Ja, der Drucker sollte genügend Tinte haben. Selbstverständlich hast du dein Titelblatt schön gestaltet. Kannst du bitte das Papier selber suchen, ich muss jetzt…Doch, gestern ging der Drucker noch. Nein, ich weiss nicht, welcher Trottel wieder diese Abdeckung weggenommen hat. Geht noch immer nicht? Dann mailst du das Titelblatt halt an die Lehrerin. Das möchte sie nicht? Aber wenn unser Drucker streikt…Okay, ich komme gleich, muss nur noch…Ja, Karlsson, ich habe gesagt, ich komme gleich, einen Augenblick bitte. Kannst du das hier mal halten, ich versuche den Drucker zu kippen. Gut, jetzt sollte es klappen. Ist wirklich schön geworden, dein Titelblatt, aber jetzt musst du dich beeilen. Nein, ich weiss auch nicht, wo dein zweiter Hallenschuh ist…“

Ein Wunder, dass du keinem sagen musst, wie das mit dem Atmen funktioniert: „Einfach immer schön ein und aus, nicht zu schnell und nicht zu langsam, ja, der Brustkorb hebt und senkt sich, schön….“

Wenn dann endlich alle bereit sind und du denkst, das Schwierigste sei überstanden, dann setzt sich dein Erstklässler auf die Treppe und heult, weil er nicht zur Schule gehen will, weil es dort so laaaaaaaangweilig ist. Und du weisst, dass die Morgenroutine zumindest beim Zoowärter mit dem Beginn dieser Krise nur noch zähflüssiger sein wird…

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Elternabend mit Kater

Bereits wenn ich auf dem Anmeldezettel angebe, „Meiner“ und ich würden wenn möglich beide zum Elternabend erscheinen, weiss ich genau, dass es auch dieses Jahr nicht klappen wird. „Meiner“ wird garantiert nicht mitkommen können, denn einer von uns beiden muss die jüngeren Kinder zu Bett bringen, den älteren Kindern bei den Hausaufgaben helfen und die Küche aufräumen. Da „Meiner“ schon den ganzen Tag im Schulzimmer verbracht hat und ich ganz froh bin, unser Irrenhaus abends zu verlassen, um zwei Stunden in einem anderen Irrenhaus zu verbringen, bin gewöhnlich ich diejenige, die zum Elternabend geht. Und gewöhnlich bin ich die Einzige, die ohne männliche Begleitung erscheint, denn bei solchen Anlässen zeigen sich sogar jene Väter, die gerade mal knapp den Namen des Kindes kennen, für das sie Alimente bezahlen. Dann sieht es so aus, als würde sich „Meiner“ einen Dreck um die schulischen Belange unserer Kinder scheren, dabei ist er es, der sich mit Engelsgeduld – manchmal auch mit viel Gezeter – darum kümmert, dass unsere Kinder rechnen und rechtschreiben lernen. Ich hingegen, die ich mich bloss um Alltagskram wie Pausenbrote, fiese Schulkameraden und vergessene Turnsachen kümmere, sitze brav auf dem Stühlchen und notiere mir alles, was den zu Hause gebliebenen Pädagogen interessieren könnte. 

Es ist geradezu peinlich, wie peinlich mir solche vermeintlichen „Der Vater meiner Kinder interessiert sich einen Dreck für die Schule“-Auftritte sind. Kater Leone muss genau dies gespürt haben, denn als ich mich heute Abend auf den Weg zum Kindergarten machte, folgte er mir und wich nicht mehr von meiner Seite. Nichts konnte ihn davon abhalten, mit mir zu kommen, weder der Raser, der in der 30-er Zone viel zu schnell unterwegs war, noch die Ambulanz, die den armen Kater mit ihrer Sirene gehörig erschreckte. Einen Augenblick nur zögerte er, als ich das Kindergartengebäude betrat, doch dann folgte er mir auch dorthin, die Treppe hoch bis zur Zimmertüre. Dort aber verliess ihn plötzlich der Mut. Passte ihm der Geruch nicht, hatte es zu viele fremde Menschen, oder wollte er vielleicht nicht in aller Öffentlichkeit mit diesem kleinen Lausebengel namens Prinzchen in Verbindung gebracht werden? Was auch immer sein Beweggrund gewesen sein mag, Leone machte auf der Schwelle Kehrt und ich musste alleine ins Zimmer gehen. Dabei hätte ich in der Vorstellungsrunde doch so gerne gesagt: „Ich bin Prinzchens Mama und das hier ist mein Kater, der einen nicht unerheblichen Beitrag zu meiner Entspannung leistet, wenn der gewöhnlich so liebe kleine Junge mal wieder mit dem Kopf durch die Wand will.“

Nun, ich habe den Elternabend auch ohne Leones Hilfe überstanden, doch als er mich draussen vor dem Kindergarten erwartete, wurde mir ganz warm ums Herz. Gemeinsam machten wir uns auf den Heimweg und wäre es mir nicht allzu peinlich gewesen, dann hätte ich der treuen Seele davon erzählt, wie zufrieden ich mit Prinzchens Kindergärtnerin bin. Ich habe dann eben „Meinem“ vorgeschwärmt. Von der Kindergärtnerin, die so unkompliziert und humorvoll ist. Und von dem Kater, der es auf sich genommen hat, mich zum Elternabend zu begleiten.

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Wenn der Kopf allmählich wieder erwacht,…

…dann stehe ich leicht verwundert vor meinem Bücherregal und frage mich, ob ich denn in den vergangenen sechs oder sieben Jahren nur Mist gelesen habe. Zum Glück finden sich zwischen den seichten Schinken auch noch ein paar echte Perlen, die ich mir voller Begeisterung gekauft habe, die mir während der Kleinkinderjahre dann aber zu anspruchsvoll waren, weshalb sie halbgelesen im Regal landeten. An anständigem Lesestoff sollte es mir in den kommenden Monaten also nicht mangeln.

…dann dürfen Filme plötzlich wieder politisch sein, dramatisch oder von mir aus auch aufregend. Einzig auf das Happy Ending bestehe ich weiterhin.

…dann antworte ich nicht mehr auf jede zweite Kinderfrage mit „Das kann ich dir im Moment nicht sagen. Ich habe es mal gewusst, aber es will mir einfach nicht mehr einfallen. Müssen wir mal im Internet nachlesen…“

…dann fällt mir auf, dass ich noch eine ganze Menge wissen und lernen möchte und zwar nicht bloss, wie man kleinen Kätzchen beibringt, nicht auf den Tisch zu springen, sondern vielleicht wieder einmal etwas ganz Komplexes, etwas, wovon ich noch nicht viel verstehe, was mich aber schon immer interessiert hat.

…dann finde ich gewisse Gespräche, die ich nun schon seit Jahren mit fremden Müttern führe, nur noch ganz schrecklich öde.

…dann möchte ich meine Tage wieder halbwegs strukturiert verbringen und mich nicht stets von „Mama, ich will Kakao und zwar jetzt sofort“ und dergleichen herumhetzen lassen. Aber natürlich nur so viel Struktur, dass immer noch genug Freiheit bleibt für „Komm doch gleich jetzt zum Kaffee, ich habe Zeit“ oder „Du willst noch ein weiteres Kapitel ‚Karlsson‘ hören? Aber gerne“.

…dann sehe ich, dass viele Dinge, die mir in den vergangenen Jahre als Berge erschienen sind, eigentlich bloss Maulwurfshügel sind, die sich relativ leicht beseitigen lassen, wenn nicht stets etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommt.

…dann erkenne ich, wenn ich ganz lange in den Spiegel schaue, wieder Spuren der Frau, die ich war, ehe ich Mutter wurde. Nein, ich möchte nicht zurück, um nichts in der Welt. Aber es freut mich doch, dass diejenige, die da mal war, nicht vollends verschwunden ist. Im Gegenteil: Mir scheint, sie würde ganz gerne hin und wieder zu einem Tässchen Tee kommen, um an alte Zeiten anzuknüpfen. Wir zwei, das muss man wissen, haben damals nämlich stets Tee getrunken, was man sich nur leisten kann, wenn man nicht ganz dringend Koffein braucht, um weitermachen zu können.

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Wie ein ruhigeres Leben aussieht

6:50 Uhr: Sofort aus dem Bett, Karlsson findet seine Brille nicht, Luise hat noch Fragen zu den Hausaufgaben und der FeuerwehrRitterRömerPirat muss davon überzeugt werden, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, seine neue Fechtausrüstung vorzuführen.

7:20 Uhr: Den Zoowärter wachrütteln, ohne das Prinzchen, der neben ihm schläft, aufzuwecken. Blockzeiten sind nämlich, auch wenn sie einmal eingeführt worden sind, nur relativ und darum hat das Prinzchen mittwochs kindergartenfrei. 

7:30 Uhr: „Meiner“ stellt fest, dass er nicht mit Karlssons Velo zur Schule fahren kann, weil das Gefährt zu klapprig ist. Der Bus ist auch schon weg und ich brauche später das Auto. Also doch Prinzchen wecken, anziehen und füttern, damit wir Papa zur Schule fahren können, sobald der Zoowärter auf dem Schulweg ist.

7:47 Uhr: Der Zoowärter findet seine Schuhe nicht, „Meiner“ wird allmählich nervös, weil demnächst der Unterricht beginnt.

8:00 Uhr: Gerade noch rechtzeitig liefere ich „Meinen“ in der Schule ab. Jetzt aber sofort nach Hause, unter die Dusche, Wachteln füttern und dann wieder los. Kater Leone soll heute kastriert werden.

8:45 Uhr: Leone lässt sich erstaunlicherweise ohne Widerstand in die Transportbox setzen, das Prinzchen hingegen muss noch ganz dringend ein paar Krankheiten erfinden, damit er nachher mit mir Spital spielen kann.

9:15 Uhr: Leone ist beim Tierarzt und ich kann mich an die Arbeit machen. Das Prinzchen zieht sich genau so lange in sein Spital zurück, bis ich zum Telefon greife, um einen wichtigen Anruf zu tätigen. Kaum habe ich die gesuchte Dame am Apparat, brüllt das Prinzchen los, weil ich nicht rechtzeitig zu meinem OP-Termin erschienen bin.

10:00 Uhr: Frisch operiert mache ich mich wieder an meine Arbeit. Das Prinzchen schläft nach getaner Arbeit neben mir ein und so bleibe ich ungestört bis zum Mittag.

12:15 Uhr: Das Mittagessen steht auf dem Tisch, Prinzchens bester Freund klingelt an der Tür, weil bei ihm niemand zu Hause ist,  also decken wir einen Teller mehr. Luise will über ihre Prüfung reden, Karlsson über seine neuen Lehrer, alle wünschen noch mehr Spiegeleier, es hat aber keine Hühnereier mehr, also haue ich 15 Wachteleier in die Pfanne.

12:30 Uhr: Erneut am Herd, weil die Kinder alles vertilgt haben und für „Meinen“ kein Mittagessen mehr da ist. 

12:45 Uhr: „Meiner“ kommt gerade rechtzeitig nach Hause, damit ich wieder weg kann. Prinzchen und FeuerwehrRitterRömerPirat ins Auto packen, zuerst Kinderzahnarzt, dann Kinderarzt, danach Tierarzt, um Leone abzuholen. 

15:30 Uhr: Sofort an die Arbeit, sonst muss ich wieder eine Spätschicht einlegen.

16:50 Uhr: Ultrakurzeinkauf, damit ich nicht zu spät ins Schwedisch komme. Natürlich steht wieder eine komplizierte Kundin vor mir an der Kasse und dann soll ich auch noch bei einer Umfrage mitmachen. Mache ich aber nicht.

17:25 Uhr: Kurzer Halt vor dem Haus, damit „Meiner“ die Einkäufe ins Haus schleppen kann und ab in den Feierabendverkehr. 

17:57 Uhr: Nach zwanzig Minuten im Stau überlege ich mir, ob ich der Schwedischlehrerin per SMS mitteilen soll, ich würde es heute nicht schaffen. Doch jetzt fahren sie wieder vor mir, also lasse ich das mit der SMS bleiben.

18:10 Uhr: Mit grosser Verspätung doch noch eine Verschnaufpause mit schwedischen Vokabeln,  Ausspracheregeln und einer Übung, in der wir einander auf Schwedisch von unserem Alltag erzählen.

19:10 Uhr: Schnell etwas essen, Anruf entgegennehmen und dann „Meinen“ ablösen, der allmählich die Geduld verliert, weil Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat einander stets von den Hausaufgaben ablenken. 

20:15 Uhr: Die meisten Kinder sind auf ihren Zimmern, Flucht in den Garten, wo die Wachteln auf Futter und die Pflanzen auf Wasser warten. Zum ersten Mal in diesem Jahr gibt es mehr Tomaten zu ernten, als ich mit beiden Händen fassen kann.

21:00 Uhr: Ein letztes „Jetzt ist aber wirklich Feierabend“ zu den Kindern, dann doch noch eine Spätschicht, weil ich mit der Arbeit nicht so weit wie vorgesehen gekommen bin. 

23:00 Uhr: Noch schnell die Nachrichten schauen, weil ich sonst nicht weiss, wie elend es auf dieser Welt zugeht. 

23:30 Uhr: Bloggen, um meinen Lesern zu beweisen, wie viel ruhiger mein Leben geworden ist, seitdem alle Kinder zumindest vormittags aus dem Haus sind. 

Ist doch wahr, so strukturiert wie heute war der Mittwoch früher nie.

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Sie lieben sich halt doch…

Manchmal, wenn sie einander so hemmungslos anschreien, beschleichen mich leise Zweifel, ob unsere Kinder einander überhaupt lieben, doch dann erleben wir wieder diese Sternstunden, die mir beweisen, dass sie ohne einander nicht sein möchten. Einige Beispiele gefällig?

Ein spiegelglatter Badesee in Südschweden, die grossen drei Venditti-Kinder sind im Wasser, die zwei kleineren spielen im Sand, „Meiner“ und ich geniessen die Stille. Luise, die am Ende eines langen Steges im Wasser planscht, verliert den Boden unter den Füssen, winkt und ruft um Hilfe. So schnell ich es in meinem entspannten Zustand fertigbringe, renne ich ihr auf dem Steg entgegen. Plötzlich werde ich von hinten unsanft zur Seite geschubst: „Aus dem Weg, Mama“, befiehlt das Prinzchen. „Ich muss Luise helfen, sie ertrinkt sonst.“ Keine Ahnung, wie der kleine Nichtschwimmer seiner Schwester das Leben gerettet hätte, wäre es nötig gewesen, aber ich weiss, dass er alles getan hätte für sie, die ihm im Alltag immer mal gehörig auf die Nerven fällt.

Das Prinzchen liegt mit hohem Fieber im Bett, schreit vor lauter Kopfschmerzen, kann kaum mehr den Kopf nach vorne neigen und allmählich werde ich ziemlich unruhig. Sind da etwa die zwei Zecken im Spiel, die vor zwei oder drei Wochen zugebissen haben? Karlsson kommt händeringend ins Kinderzimmer. „Mama, du musst unbedingt die Kinderärztin anrufen. Das musst du mir versprechen.“ Wenig später tue ich eben dies, als ich das Telefon aufgehängt habe, will Karlsson wissen, wann ich denn endlich gehen könne. „Erst um halb fünf?“, fragt er entsetzt, als ich ihm die Zeit nenne. Als wir gegen sechs Uhr mit einem fieberfreien Prinzchen und einer Entwarnung der Kinderärztin zu Hause wieder eintreffen, wartet Karlsson bereits am Fenster. „Was hat er? Ist es ganz bestimmt nichts Schlimmes? Gehst du morgen noch einmal zur Kontrolle mit ihm?“ Die Sorge unseres Ältesten treibt mir beinahe die Tränen der Rührung in die Augen, auch wenn ich nur zu gut weiss, dass das Prinzchen schon bald wieder „dieser doofe kleine Bruder, der immer alles kaputt machen muss“ sein wird.

Luise liegt laut schluchzend auf dem Bett. Der Abschied von drei Kätzchen in nur zwei Tagen hat sie ganz furchtbar mitgenommen und sie weiss nicht, ob sie je wieder fröhlich sein wird. Der FeuerwehrRitterRömerPirat – Luises ärgster Widersacher in fast allen Lebenslagen – steht ganz verloren im Nebenzimmer. „Luise darf nicht so sehr weinen“, sagt er beinahe schüchtern zu mir. Und ich weiss, dass er für einmal nicht über seine Schwester, die ihn mit ihrer emotionalen Art zur Weissglut treiben kann, beklagen will. Er meint auch nicht, sie solle zu heulen aufhören, weil er sonst auch damit anfangen wird. Nein, sie tut ihm einfach nur Leid, denn er weiss ebenso gut wie wir anderen, dass keine so sehr an den Tieren hängt wie Luise und dass darum ihr Trennungsschmerz um ein Vielfaches grösser sein muss als sein eigener. Und auch der ist nicht klein, auch wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat sich so etwas kaum anmerken lässt…

Und der Zoowärter? Den mögen eigentlich alle immer, denn der ist eine durch und durch friedliche Natur. Nur wenn die anderen nicht wollen, dass er Karlsson vom Dach ist, dann mögen sie ihn nicht, denn dann brüllt er so laut, dass man sein eigenes Gezanke nicht mehr verstehen kann.

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Katzenjammer

Zoowärter und Luise schluchzen auf dem Hintersitz, Karlsson und das Prinzchen weinen zwar nicht, schauen aber ziemlich trübe aus der Wäsche. Der kleine Francesco, der nun doch nicht Francesco heissen darf, obschon von der neuen Besitzerin ausdrücklich ein italienischer Name gewünscht war, miaut kläglich im Transportkorb, so ausdauernd, bis Luise ihn auf den Arm nimmt. Auch mir bricht beinahe das Herz, obschon ich weiss, dass der Kleine in seinem neuen Zuhause mit Liebe und Zuwendung überschüttet wird. Obschon ich weiss, dass sieben Katzen – fünf davon Kater – einfach zu viel sind für uns. Aber er war der Erste, der damals im April unter Prinzchens Spieltisch zur Welt kam und der Einzige, der stets erfolglos versucht hat, an meinem Bein hochzuklettern. Auch ich werde ihn vermissen.

Heute war er der Erste, der uns verlässt, aber morgen ist seine Schwester dran, am Mittwoch gehen zwei seiner Brüder. Also noch viermal Kindertränen, noch viermal die Reise zu einem neuen Zuhause, noch viermal die bange Frage, wie Mama Henrietta wohl mit dem Verlust klarkommen wird. Oh ja, ich weiss, ich bin ein sentimentaler Narr und unsere Kinder stehen mir in nichts nach.
Gut, dass zumindest einer der fünf Kleinen bei uns bleiben wird. Der Arme wird nun eben unser närrisches Getue alleine ertragen müssen. Hoffentlich hält er uns aus, denn ihn gebe ich auf gar keinem Fall her…

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Nicht krank werden, habe ich gesagt!

Nein, mit dem Gehorsam haben sie es nicht so sehr, unsere Kinder. „Bis zu den Herbstferien herrscht absolutes Krankheitsverbot“, sagte ich, als wir im Zug vom Kopenhagen nach Basel sassen. „Keine Grippen, keine Mittelohrentzündungen und erst recht keine Magen-Darm-Käfer“, präzisierte ich, für den Fall, dass sie mich nicht verstanden hätten. Und weil unsere Kinder stets nach einer Begründung verlangen, lieferte ich auch diese: „Ich muss fünf neue Stundenpläne in den Griff bekommen, meine eigenen Arbeitszeiten so einteilen, dass ich nicht immer erst arbeiten kann, wenn ihr im Bett seid und überhaupt kommt auch ohne Krankheitstage noch genug dazwischen mit Mariä Himmelfahrt, Sternwanderung und so. Gebt mir einfach ein wenig Zeit, mich in die neue Situation einzuleben, danach dürft ihr das Programm wieder fröhlich über den Haufen werden.“ Luise meinte, man könne doch nichts dafür, doch diesen Einwand liess ich nicht gelten: „Die paar Wochen bis zu den Herbstferien könnt auch ihr ohne Krankheitserreger auskommen“, brummte ich.

Eine klare Durchsage, nicht wahr? Offenbar nicht klar genug für meine Familie. Frühmorgens weckte mich der FeuerwehrRitterRömerPirat, weil er sich dreimal erbrochen hatte, gegen Mittag klagte das Prinzchen, seine Beine schmerzten, abends hatte er Fieber und der Zoowärter deutete an, dass sein Magen eventuell auch bald einmal rebellieren könnte. 

Nein, gehorsam sind sie wirklich nicht, unsere Kinder, aber immerhin so rücksichtsvoll, dass sie ihre Käfer pünktlich zu Mariä Himmelfahrt bestellt haben. So wird meine noch nicht eingespielte Routine nur einmal gestört.

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