Gedankenkarussell

Gab es ein Leben davor? Und gibt es ein Leben danach? Also, ich meine vor dem Windeleimer. Und nach dem Windeleimer.

Warum sind dem FeuerwehrRitterRömerPiraten die Regeln der Kindergärtnerin heilig, die Regeln der Eltern aber ein zu ignorierendes Ärgernis?

Warum erfahre ich am Elternabend im Kindergarten nur, was mein Kind nicht tun darf, was wir Eltern bleiben lassen sollen und was der Lehrerin nicht passt? Wo sind sie bloss geblieben, die Zeiten als man zum Einstieg stimmungsvolle Bilder aus dem Kindergartenalltag anschauen durfte? Bilde ich es mir bloss ein, oder gab es da mal eine Zeit, als die Augen einer Kindergärtnerin noch leuchteten, wenn sie von ihren kleinen Schützlingen erzählte?

Geht es als Pause durch, wenn man während der Arbeitszeit zwanzig Minuten lang mit einer Freundin am Telefon Geschäftliches und Privates vermischt? Oder muss man sich danach trotzdem noch eine Pause gönnen?

Ist man durchgeknallt, wenn man sich fragt, ob man sich eine Pause gönnen muss?

Warum lassen sich kleine Jungs die Zähne erst dann widerstandslos putzen, wenn man ihnen diese doofe Geschichte von den Bakterienräubern erzählt hat?

Hat der FeuerwehrRitterRömerPirat tatsächlich seinen ersten Wackelzahn, oder bildet er sich dies bloss ein, weil er heute beim Schulzahnarzt war?

Gibt es eine Vereinbarkeit von Lesen und Schreiben? Oder muss man sich für das eine entscheiden und das andere lassen?

Warum schwirren die Wespen ausgerechnet dann herum, wenn das Jahr am schönsten ist? Können die nicht warten, bis ich mich wieder freiwillig in meine Höhle zurückziehe?

Und schliesslich noch meine Frage aller Fragen: Wäre ich auch ich, wenn ich nicht ich, sondern jemand anders wäre?

Aus dem Lot geraten

Es ist mal wieder soweit. Die Balance stimmt nicht mehr. Woran ich das merke? Zuerst einmal an der Tatsache, dass sich die unerledigten Aufgaben – oder die Pendenzen, wie wir Schweizer diese zu nennen pflegen – auf meinem Bürotisch stapeln. Ein zweites Indiz ist meine Lautstärke. Je lauter ich werde, umso deutlicher ist, dass ich gestresst bin. Zurzeit bin ich sehr laut. Nun gut, ich wäre sehr laut, wenn meine Stimme mitmachen würde. Macht sie aber nicht und deshalb versagt sie bei jeder zweiten Schimpftirade. Was mich zu einem weiteren untrüglichen Zeichen führt: Meine Gesundheit ist mal wieder angeschlagen. Nein, krank bin ich nicht. Aber gestern ein Kratzen im Hals, heute ein schmerzendes Knie und morgen ein kleines bisschen Kopfweh sprechen eine deutliche Sprache.

Hatte ich mir bis gestern Abend noch einreden können, es sei alles gar nicht so schlimm, habe ich mir heute Nachmittag den ultimativen Beweis geliefert, dass da wiedermal austariert werden muss. Es war halb fünf, das Au-Pair hatte Pause, Luise musste ins Ballett gefahren werden, ich wäre theoretisch im Büro am Arbeiten gewesen und von „Meinem“, der die Situation hätte retten sollen, fehlte jede Spur. Wäre alles im Lot, so hätte ich ihn angerufen und ihn freundlich gefragt, wann er denn heute heimkomme. Aber weil nichts im Lot ist, klang das dann etwa so: „Wo zum Donnerwetter steckst du? Hast du denn vergessen, dass Luise ins Ballett muss? Jetzt sitze ich wieder in der Tinte, bloss weil du mir nicht gesagt hast, dass du eine Besprechung hast…“ Das alles in einer Lautstärke, dass die Kinder in Deckung gingen und der Gesprächspartner von „Meinem“ wohl auch.

Nachdem ich das Telefon wütend in die Ecke geknallt hatte, war mir klar: Es muss geredet werden. Die neuen Stundenpläne, der neue Arbeitsort, die Zusatzaufgaben und so weiter haben alles auf den Kopf gestellt. Lebten wir vor den Sommerferien die beinahe perfekte Balance von Familie, Arbeit, Lernen  und Haushalt, habe ich im Moment das Gefühl, als seien wir blutige Anfänger im Jonglieren der verschiedenen Aufgaben. Und weil „Meiner“ und ich immer eine gewisse Zeit brauchen, bis wir merken, wo der Hund begraben liegt, ist es einmal mehr dazu gekommen, dass ich die völlig unausgeglichene Mama-Hausfrau-Vereinsaktuarin-Ehefrau-Bloggerin-Möchtegernmehrautorin bin. Meine Traumrolle, die mir aber so unausgeglichen gar nicht passt. Und „Meinem“ und den Kindern wohl auch nicht, obschon ich aus Angst vor der Antwort gar nicht erst fragen mag.

Also gibt’s nur eins: „Meiner“ und ich müssen mal wieder reden. Vielleicht auch zweimal oder dreimal. Vielleicht auch öfter, so lange, bis die Balance wieder stimmt und „Meiner“ nicht mehr davor zittern muss, einen Anruf von mir entgegenzunehmen.

Bilderbuchtag

Ja, auch die gibt es hier. Selten zwar, aber dafür sind sie umso schöner.

Die Tage, an denen Luise und das Tageskind so sehr in ihr Puppenspiel vertieft sind, dass das Tageskind gar nicht erst auf den Gedanken kommt, seine Mama zu vermissen.

Die Tage, an denen Karlsson fast ganz ohne Mamas Hilfe Zimtwecken backt – unser Karlsson isst die Dinger zum Glück nicht nur in rauhen Mengen, er macht sie auch in einer Menge, dass die ganze Familie davon satt wird – und einen Hefeteig zustande bekommt, der so schön glatt und weich ist wie ein frisch gewaschener Babypo.

Die Tage, an denen der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat den Altweibersommer auf der Schaukel geniessen und so laut singen, dass ich aus lauter Gewohnheit panisch in den Garten renne, weil ich meine, einer sei am Heulen.

Die Tage, an denen der FeuerwehrRitterRömerPirat sagt: „Mama, ich möchte einen Zvieri essen. Haben wir etwas, was nicht zu süss ist?“ Und als ich ihn frage, ob er nicht einen Pfirsich und ein paar Trauben essen möchte, die Antwort bekomme: „Nein, in den Früchten drin hat’s ja auch Zucker. Ich meine etwas, was die Zähne überhaupt nicht kaputt macht.“

Die Tage, an denen Karlsson und Luise alleine und ohne sich zu streiten ins Dorf ziehen, um Butter und Kardamom – „und Hagelzucker Mama, den Hagelzucker dürfen wir auch nicht vergessen!“ – zu kaufen. Und wenn man ihnen erklären will, wo sie alles finden, bekommt man die folgende freundliche Antwort: „Wir finden uns schon zurecht. Du musst uns nicht alles erklären. Und wenn wir etwas nicht finden, dann fragen wir eben.“

Die Tage, an denen das Au-Pair mit dem frisch ausgeschlafenen und fröhlichen Prinzchen loszieht, um seine Herbstgarderobe einzukaufen.

Die Tage, an denen ganz unerwartet ein ausgedehnter Mittagsschlaf drin liegt.

Die Tage, an denen „Meiner“ sich auf dem Dach der Garage eine Stunde lang in die Zeitung vertiefen kann, ohne nur einmal von einem quengelnden Kind gestört zu werden. Und was daran fast noch erstaunlicher ist: Auch ich, die ich in dieser Zeit eigentlich die Aufsicht hätte, werde nicht von quengelnden Kindern gestört, sondern höchstens von äusserst zufriedenen kleinen Vendittis hin und wieder um ein Sandwich oder um einen Rat gebeten.

Die Tage, an denen man trotz all den Streitereien, Trotzanfällen und „Ich will jetzt aber und zwar sofort!!!!!“, die man in den vergangenen Jahren miterlebt hat, wieder einmal glaubt, dass Bullerbü kein Hirngespinst, sondern eine Zusammenfassung aller Sternstunden einer Kindheit ist. So ganz nach dem Motto: „Das Gute behaltet…“

Von mir aus dürften die Tage öfters so sein.

Kleiner Nachtrag: Wenn dann auch noch Karlsson und Luise vom Einkauf einen himmlisch duftenden Herbststrauss mitbringen, den sie auf dem Heimweg gepflückt haben,  dann muss ich mich in den Arm kneifen. Bin ich wach? Träume ich? Oder bin ich, ohne es zu merken, in die Dreharbeiten für einen Heimatfilm geraten?

Weitsprung

Weitsprung gehört nicht unbedingt zu meinen Stärken und deswegen muss ich mich jeweils gründlich vorbereiten, wenn ich weiss, dass ich springen werde. Mit der mentalen Vorbereitung beginne ich bereits am Vorabend: Soll ich springen? Oder lasse ich es doch besser bleiben? Gibt es Hindernisse, die ich aus dem Weg räumen muss, damit ich auch tatsächlich gut springen kann? Wie viel Anlauf brauche ich? Ist morgen wirklich der richtige Zeitpunkt zum Springen, oder hätte ich Besseres zu tun?

Nachdem die Sache mit der mentalen Vorbereitung abgeschlossen ist, folgt am Morgen gleich nach dem Aufwachen das Anlaufnehmen. „Ich glaube, heute Morgen werde ich einmal gar nichts tun, während der Zoowärter in der Spielgruppe ist“, warne ich „Meinen“ – und wohl auch mich selber – vor. „Meiner“ nickt verständnisvoll und unterstützt mich in meinem Ansinnen. Aber mich selber habe ich noch nicht überzeugt und darum sage ich: „Ja, ich weiss, die Wäscheberge müssten weg und die Küche versinkt auch schon wieder im Chaos. Aber in den letzten Wochen ist mir neben Kindern, Arbeit, Haushalt und Schreiben einfach keine Zeit für mich selbst geblieben.“ So, ich glaube, damit habe ich genügend Anlauf genommen. Doch bevor ich tatsächlich springen kann, müssen noch die Kinder das Haus verlassen und weil das einige Zeit dauert, komme ich ins Zaudern: Wäre es nicht besser, ich würde mit dem Prinzchen an die frische Luft gehen? Oder vielleicht widme ich mich doch lieber der Wäsche? Die schaut mich ja schon ganz vorwurfsvoll an, wenn ich in die Waschküche komme.

Fast mache ich einen Rückzieher, aber ein heftiges Gähnen macht mich darauf aufmerksam, dass ich jetzt einfach springen muss, ob es mir nun passt oder nicht. Also verpasse ich mir noch einmal eine Motivationsspritze im Sinne von „Wann, wenn nicht jetzt“ und dann springe ich. Der Sprung gelingt, ich lasse die Hausarbeit links liegen, die Projektarbeit auch, ja, sogar das Bloggen. Die Landung ist erstaunlich sanft: Eine Tasse Kaffee, eine Zeitung, ein wenig Stille im Haus. Ein echter Erfolg, dieser Weitsprung über meinen eigenen Schatten.

Dumm nur, dass weder das Prinzchen noch diverse Anrufer etwas von meiner mutigen sportlichen Leistung mitgekriegt haben. Und so kommt es, dass ich, kaum bin ich sanft gelandet, schon wieder dabei bin, Legosteine zusammenzubauen, Schoppenflaschen zu füllen, über Kinderkrippentarife zu diskutieren und Mails zu lesen.

Wozu habe ich denn überhaupt all diesen Aufwand betrieben, um über meinen Schatten zu springen, wo ich jetzt doch wieder am Arbeiten bin?

Auf die Schliche gekommen

Kinder scheinen sich ja in  den schillerndsten Farben auszumalen, was ihre Eltern so treiben, kaum sind die Knöpfe im Bett. Anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb die kleinen Menschen sich standhaft dem Schlaf widersetzen. Die wollen doch nur wach bleiben, damit sie alle zehn Minuten ins Wohnzimmer schleichen können, in der Hoffnung, dort würde gerade eine ausgelassene Party gefeiert. Und vor allem in der Hoffnung, sie dürften bei dieser Party mitmachen. Ich kenne ein einziges Kind – und ich verwende hier das Wort „kennen“ in einem sehr weit gefassten Sinn -, das begriffen hat, was die Eltern tun, wenn die Kinder schlafen. Das Kind heisst Calvin und er ist stolzer Besitzer eines beinahe echten Tigers namens Hobbes. Dieser Calvin also erklärt irgendwann im Laufe seiner absurden Abenteuer, unter einer wilden Nacht verstünden seine Eltern, dass sie einen Löffel mit echtem Kaffee in ihr koffeinfreies Gebräu mischen würden. Wie wir erfahrenen Eltern wissen, hat Calvin damit den Nagel auf den Kopf getroffen und eigentlich könnten sich die Kinder jetzt getrost jeden Abend schön brav um acht schlafen legen. Gut, ein bisschen übertrieben hat er ja schon, der gute Calvin. Meistens fehlt uns nämlich der Mut, unseren  geschundenen Nerven nach acht Uhr noch Koffein zuzumuten. Man kann ja nicht jeden Tag mit einer wilden Nacht beenden. Meist bleibt es also bei koffeinfreiem Kaffee, einem kurzen Schwatz, „Zehn vor Zehn“ und ein paar Minuten lesen.

Und genau bei einem solchen Abendritual hat Luise uns neulich erwischt. Sie konnte nicht einschlafen, angeblich, weil sie sich vor der bösen Nixe Mantora fürchtete, in Wirklichkeit aber wahrscheinlich, weil sie für diesen Abend von ihren Brüdern als Spionin in elterliche Gefilde entsandt worden war. Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb das Kind auch gegen Mitternacht noch hellwach beim schlafenden Prinzchen im Gitterbett lag und vorgab, zu lesen. Und zwar genau in einem der Bücher, in denen die böse Nixe Mantora, die ihr eben noch so grosse Angst eingejagt hatte, ihr Unwesen treibt. Ist doch suspekt, nicht wahr? „Meiner“ und ich nutzten die Gunst der Stunde und lasen auch noch ein wenig, doch nach zehn Minuten war Schluss: Uns fielen die Augen zu.

Was zur Folge hatte, dass wir am nächsten Morgen Luises beissendem Spott ausgesetzt waren: „Ihr seid ja so unglaublich langweilig! Ihr geht ins Bett, lest noch ein wenig“- sie mimt einen gelangweilten Lesenden – „und dann löscht ihr auch schon das Licht und schlaft. Einfach so, tief und fest, bis am Morgen.“

Ja, was hast du denn gedacht, was wir tun würden, meine liebe Luise? Hast du wirklich geglaubt, wir würden eine wilde Party feiern, solange du noch wach bist? Aber nein, das Lichee-Bier, – drei Deziliter nur für uns beide – die romantische Komödie und das Extra-Dessert, von dem ihr Kinder nie etwas erfahren dürft, holen wir erst hervor, wenn ihr alle tief und fest schlaft. Ich kann dir versichern, meine liebe Tochter, dann geht die Post ab. Dann kann es tatsächlich vorkommen dass,… aber halt, das geht dich alles gar nichts an.

Aber rächen werden wir uns ohnehin für deine unverschämte Spionage.  Dann, wenn du selber Kinder hast und dir spätestens nach drei Sätzen die Augen zufallen. Dann schicken wir dir eine Postkarte von irgend einer Seniorenkreuzfahrt, wo wir so richtig auf den Putz hauen. Und dann werden wir ja sehen, ob du bis zum Ende der Postkarte wach bleibst, oder ob du schon vorher zu schnarchen anfängst.

Zwischenbericht aus der Betreuungswüste

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mit der Kinderbetreuungswüste Schweiz in Berührung komme. Immerhin haben „Meiner“ und ich schon Stunden am Telefon verbracht, um herauszufinden, ob es irgendwo jemanden gäbe, der uns dabei helfen könnte, aus dem Sumpf zu kommen. Zum Beispiel damals, als ich mit dem Zoowärter im neunten Monat schwanger war und mir ein Ikea-Möbel auf den Fuss fallen liess. Der Zeh war futsch, die Mama lag flach und der Haushalt geriet aus den Fugen. Und ausser der Grossmama im Haus, die eigentlich schon längst den Ruhestand geniessen sollte, niemand da, der den Laden hätte schmeissen können. Weil in der Schweiz solche Notfälle nicht vorgesehen sind. Oder als ich von zu Hause aus zu arbeiten begann und feststellen musste, dass Kinderbetreuung für unsereinen schlicht unbezahlbar ist, es sei denn, wir würden ein Au-Pair anstellen. Was gar nicht so einfach ist, da Au-Pairs, die mit fünf kleinen Vendittis klarkommen, dünn gesät sind. Inzwischen haben wir ja das perfekte Au-Pair gefunden, aber mir graut schon heute vor dem Tag, an dem sie uns wieder verlassen wird und wir uns auf die Suche nach einer neuen Lösung machen müssen.

Das also sind einige der Erfahrungen, die ich persönlich mit der Betreuungswüste Schweiz gemacht habe. Seitdem ich mich aber aufgemacht habe, um mit einigen Frauen der Misere zumindest bei uns im Dorf ein Ende zu setzen, erfahre ich täglich, dass „Meiner“ und ich bei Weitem nicht alleine sind in dieser Wüste. Hier eine Mama, die ganz dringend einen Babysitter sucht, damit sie hin und wieder ein paar Stunden Schlaf bekommen kann, da eine neu zugezogene Familie, die sich erstaunt die Augen reibt, weil man in Schönenwerd die Kinder offenbar nicht auswärts betreuen lassen kann, es sei denn, man habe das Glück, eine der wenigen Tagesmütter zu kennen oder man sei mit einer hilfsbereiten (Schwieger)mutter gesegnet. Dann wieder ein Anruf einer verzweifelten Frau, die erst seit kurzer Zeit in der Schweiz lebt und die ganz dringend auf eine Arbeit angewiesen wäre, die sie sich aber nicht suchen kann, solange sie nicht weiss, wo ihre Kinder während ihrer Abwesenheit untergebracht werden sollen.

Die Anfragen gehen mir an die Nieren. Zum einen, weil ich zu gut weiss, wie man sich als Mama fühlt, wenn Anspruch und Realität zu weit auseinander klaffen. Zum anderen, weil es mich masslos ärgert, dass man hierzulande zu lange aus ideologischen Gründen darauf verzichtet hat, sinnvolle Lösungen zu finden, damit Kinder nicht sich selbst überlassen bleiben, wenn Mütter arbeiten müssen oder –  man stelle sich so etwas Schreckliches vor – gar arbeiten wollen. Am meisten aber machen mir die Anfragen zu schaffen, weil ich weiss, dass ich trotz all der Arbeit, die wir geleistet haben, noch immer sagen muss: „Ich werde mich nach Kräften darum bemühen, eine Betreuungsperson zu finden. Aber im Moment ist es wirklich nicht so einfach.“ Viel lieber wäre es mir, wenn ich jetzt schon sagen könnte: „Bringen Sie Ihr Kind doch einfach zu uns ins Familienzentrum.“ Klar, uns trennen nur noch wenige Monate von unserem Ziel. Aber weil ich weiss, dass ein paar Monate sehr sehr lang sein können, wenn eine Mama Hilfe braucht, bin ich jedes Mal frustriert, wenn ich jemanden auf nächstes Jahr vertrösten muss. Und dann muss ich mir jeweils fast die Zunge abbeissen, um nicht zu sagen: „Bringen Sie doch das Kind solange zu mir.“

Denn beides geht nun wirklich nicht: Ein Familienzentrum aufbauen und die Kinder betreuen, die dereinst das Zentrum mit Leben füllen sollen.

Abendstille nirgendwo….

…. zumindest nicht bei Vendittis. Da muss auch zu später Stunde noch einer ein Nuschi haben, der andere eine kurze Aufmunterung und der Dritte eine Ermahnung, weil er trotz mehrmaliger Aufforderung noch immer nicht im Bett liegt. Und wenn man glaubt, jetzt sei endlich Ruhe eingekehrt, brüllt das Prinzchen ein freudiges „Yo Man!“ in die himmlische Stille des Feierabends. Wenn das so weitergeht, kommt die Zeit, in der „Meiner“ und ich schon vor den Kindern schlafen noch bevor das erste Kind zum Teenager geworden ist.

Si tacuisses….

Nein, es geht nicht um die Philosophenwürde, die „Meiner“ wegen einer unbedachten Bemerkung verloren hat. Dennoch hätte er besser geschwiegen. Hätte er nichts gesagt, dann wäre es einfach ein ganz gewöhnlicher Tag gewesen, der schon im Eimer ist, bevor er richtig begonnen hat. Ein Tag, an dem man bereits um zwanzig nach sieben zum ersten Mal laut werden muss, weil keiner zuhört. Ein Tag, an dem man sich am Morgen vornimmt, die Wäscheberge zu beseitigen, den Haushalt auf Vordermann zu bringen und dem Zoowärter das Liederbuch von vorne bis hinten und wieder zurück vorzusingen. Ein Tag, an dem diese Pläne aber so oft durchkreuzt werden, dass man bereits um neun Uhr schon gar nicht mehr weiss, was man eigentlich vorgehabt hätte. Ein Tag, an dem man es erst um zehn Uhr unter die Dusche schafft, wo man, kaum ist man von Kopf bis Fuss eingeseift, vom Telefon gestört wird. Und dann, nachdem man wieder unter dem warmen Wasserstrahl steht, gleich noch einmal einen Anruf bekommt. Ein Tag, der in ähnlichem Stil weitergeht und der seinen Höhepunkt darin findet, dass man einen heulenden Karlsson abends um Viertel nach acht zum Strafjäten in den Garten schicken muss, weil er versucht hat, Luise eins mit der Geige überzubraten. Kurz, ein Tag zum Vergessen.

Wenn „Meiner“, der heute krank war und deswegen vom Sofa aus jedes Drama miterlebt hat, nicht diese Bemerkung gemacht hätte: „Das ist ja nicht zum Aushalten, was du da alles über dich ergehen lassen musst. Da drehst du ja irgendwann durch!“ Vor dieser Bemerkung war es ein Tag gewesen wie so viele. Nach dieser Bemerkung war es ein Tag, an dem ich mich von Minute zu Minute tiefer ins Selbstmitleid stürzte, so dass ich gegen Abend, als das Fass auch für mich am Überlaufen war, beinahe in Tränen ausgebrochen wäre. Hätte „Meiner“ nichts gesagt, dann hätte ich mir keine weiteren Gedanken über diesen miesen Tag gemacht. So aber wurde mir plötzlich bewusst, dass gewisse Tage tatsächlich eine ziemliche Zumutung sein können.

Doch weil er nicht geschwiegen hat, bin ich mal wieder ins Philosophieren geraten und zwar über die wohl nie zu beantwortende Frage, ob Tage wie heute  zum gewöhnlichen Lauf der Dinge gehören, oder ob das ganze Chaos nur an mir liegt.

Gartenweisheiten

Gartenarbeit & Co., das wissen meine geneigten Leser, dienen bei mir nicht in erster Linie dazu, eine reiche Ernte zu produzieren und eine englische Idylle ums Haus herum herzustellen. Nein, eigentlich ist das Ganze für mich mehr so eine Art Selbstfindungs-Seminar. Eine Stunde im Garten und schon weiss ich wieder ein paar Dinge mehr über mich selber. Zum Beispiel:

– Mein Optimismus ist auch nicht mehr, was er einmal war. In alten Tagen konnte Thomas Bucheli hundertmal mit besorgter Miene behaupten, der Sommer liege in den letzten Zügen, ich räumte das Planschbecken erst beim ersten Schnee weg, denn man konnte ja nie wissen, ob nicht doch noch ein paar heisse Tage kommen würden. Heut genügt ein sorgenvoller Blick des Wetterfrosches und schon renne ich in den Garten, um den Pool zu säubern und für den Winter einzulagern.

– Vielleicht ist mein Optimismus inzwischen gar inexistent. Anders lässt es sich kaum rechtfertigen, dass ich im Frühjahr, kaum war die Gefahr von Bodenfrösten vorbei, je ein Tütchen Gurken- und Kürbissamen im Garten verteilt habe, in der der Hoffnung, dass wenigstens ein Pflänzchen wachsen würde. Ja du gütiger Himmel, wie konnte ich denn wissen, dass Gurken und Kürbisse in Sachen Fruchtbarkeit „Meinem“ und mir gar nicht so unähnlich sind? Immerhin bin ich nicht nur Anfängerin im Umgang mit Pessimismus,  auch in Sachen Gartenarbeit kann ich nicht auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen.

– Grosse Visionen zu haben ist das eine, ihnen auch zum Gedeihen zu verhelfen, das andere. Ganz offensichtlich bringt es nichts, im Frühjahr fröhlich Mohn –  und Sonnenblumen anzusäen, Fenchel, Salbei und Thymian zu setzen, in der Hoffnung, dass dadurch der Garten zu einem bunt blühenden Tummelplatz für Bienen, Hummeln und anderes Getier werde. Gut, die Nacktschnecken haben sich sichtlich wohl gefühlt in dem Gewirr. Aber ob je eine Biene den Weg zum Nektar gefunden hat, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht hätte ich ja doch hin und wieder jäten sollen….

– Sollten „Meiner“ und ich je wieder an unserer Intelligenz zweifeln, brauchen wir nur an die Kartoffelernte 2010 zurückzudenken, um uns bewusst zu machen, dass es so schlimm ach nicht sein kann mit unserer Dummheit:

Was diese Minikartoffeln mit unserer Intelligenz zu tun haben? Nun, bekanntlich hat der dümmste Bauer die grössten Kartoffeln.

Gut, einige sind ja schon grösser rausgekommen, aber ich glaube, auch damit schaffen wir es nicht ins Buch der Rekorde:

Ist doch gut, dass wir einen Garten haben. Der sieht zwar auch nach drei Stunden jäten nicht perfekt aus, aber immerhin kennen wir uns jetzt wieder ein bisschen besser.

Warum nicht gleich so?

Theorie

„Die einen – auch als Frührhythmiker bezeichnet – können besonders gut am Morgen arbeiten, sind dafür aber am Nachmittag umso eher müde. Die anderen (Spätrhythmiker) kommen erst am späten Vormittag in Schwung, arbeiten dann aber am liebsten bis in den Abend oder gar bis tief in die Nacht hinein.“

„Wenn Sie das herausgefunden haben, versuchen Sie nicht, gegen Ihren natürlichen Tagesrhythmus zu arbeiten, sondern nutzen Sie diese Gesetzmässigkeiten für Ihre Tagesgestaltung. Legen Sie insbesondere die wichtigen Aufgaben mit höchstem Anspruch an die Konzentrationsfähigkeit, die Qualität und die Leitung in das Hoch Ihrer Leistungskurve.“

Praxis, August 2005 – Juni 2010 (Eigentlich schon seit November 2000, aber in leicht abgeschwächter Form)

Ein quietschfideler „Meiner“ hüpft morgens um Viertel vor sechs aus dem Bett, gönnt sich ein kleines Frühstück, rennt zum Bahnhof, fährt mit dem Zug nach Windisch und beglückt dort eine Horde von Kindern mit einer guten Laune, die jeden Morgenmuffel das Fürchten lehrt. Irgendwann, zwischen halb sieben und halb acht quäle ich mich aus den Federn, versuche verzweifelt, mir mit Hilfe von Gesichtsgymnastik ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, um danach die Kinder aus dem Bett zu jagen. Sind alle mehr oder weniger wach, geht es so richtig los mit dem Gemotze, jeder hat etwas auszusetzen: Der Kakao nicht süss genug, die Kleider nicht geeignet für das Wetter, die Hausaufgaben nicht gemacht, die Kinder zu laut, die Mama zu mies gelaunt, die Milch zu heiss, etc. Ein fröhlicher Start in den Alltag sieht im Erziehungsratgeber irgendwie anders aus.

Abends dann ein anderes Bild: Ich sitze umringt von fröhlichen Kindern auf dem Sofa, jedes hält sein Lieblingsbuch in der Hand. „Mein Buch zuerst!“, jubelt der eine. „Jaaaaa und meines zuletzt!“, freut sich die andere. „Und dann noch für jeden ein Lied!“, fordert der Dritte. Und ich mache bei allem fröhlich mit, tauche mit den Kindern in die Geschichten ein, schmücke noch ein wenig aus, beantworte Fragen. Alle sind selig. Alle, ausser „Meiner“ ,der völlig abgekämpft alle fünf Minuten ins Wohnzimmer geschlichen kommt, beim ersten Mal mit vorwurfsvollem Blick auf die Uhr, beim zweiten Mal mit einem tiefen Seufzer im Sinne von „Seid ihr immer noch dran….“, beim dritten Mal laut schimpfend: „Wann seid ihr denn endlich fertig? Ich will endlich Feierabend machen!“

Praxis August 2010

Ein quietschfideler „Meiner“ hüpft morgens um Viertel vor sieben aus dem Bett und bereitet singend und quatschend das Frühstück für die Familie vor. Zur gleichen Zeit mache ich mich grummelnd mit dem schmutzigen Geschirr von der vorabendlichen Feierabendfete zu schaffen. Und dann, nachdem die Kinder von im gewohnten Stil geweckt worden sind, geht die Party los: Die Frühstücksgäste werden mit einem Stück Banane und Kerzen auf dem Tisch begrüsst, bekommen zu jedem Löffel Corn Flakes einen Witz mitgeliefert und dürfen dann, zum Abschluss des Frühstücks zusehen, wie „Meiner“ eine Banane verspeist. Ach, was erzähle ich da? Es war gar keine Banane, es war eine Bundesrätin, die sich „Meiner“ mit Haut, Haar, Mageninhalt und  „Oh, sie hat gefurzt! Riecht ihr, wie das stinkt?“ zum Start in den Tag gegönnt hat. Nach dieser Show sind Waschen, Anziehen, Zähneputzen und Znüni einpacken eine Kleinigkeit und bevor ich so richtig wach geworden bin, machen sich „Meiner“ und unsere Grossen Kinder fröhlich singend auf, um die Welt zu erobern.

Nun muss eigentlich nur noch ein Weg gefunden werden, wie „Meiner“ und ich die Schichtarbeit für den ganzen Tag einführen können, so dass ich abends auch wirklich für die Kinder da sein kann, anstatt an Sitzungen zu sitzen und dann wären wir auf bestem Wege, Theorie und Praxis in Einklang zu bringen. Bleibt zu hoffen, dass wir für die nächste Etappe nicht wieder zehn Jahre brauchen.