Sturmfreie Bude

Genau so fühle ich mich momentan: Wie ein Teenager, der eine sturmfreie Bude hat. Tagelang keine Wäsche gewaschen, – hatte keine Zeit, weil ich mit Freundinnen quatschen musste – das Bett nicht gemacht, das schmutzige Geschirr türmt sich in der Küche und die Post landet ungeöffnet in irgend einer Ecke der Wohnung. Zum Frühstück gibt’s Cola Light mit Weissbrot und keiner schimpft mit mir, denn der Zoowärter weiss noch nicht, dass man keine Cola zum Frühstück trinkt und Karlsson, der mir ganz bestimmt eine Standpauke halten würde, ist nicht zu Hause. Am Morgen bleibe ich so lange im Bett liegen bis mir das Prinzchen vorwurfsvolle Blicke zuwirft und wenn ich mich umziehe, lasse ich die Kleider achtlos liegen und stolpere hundertmal darüber. Fände ich fernsehen nicht unsäglich doof, ich würde meine Pasta mit Mayonnaise wohl vor dem Fernseher essen. So aber lese ich mein neuestes Nigella Lawson-Kochbuch, währenddem ich mich mit Junk Food begnüge. Okay, meine fünf Portionen Früchte und Gemüse müssen dennoch sein, so weit über meinen Schatten springen kann ich nicht mal jetzt, wo ich einen Rückfall in mein Leben als Vierzehnjährige durchmache.

Genau wie damals, als die Eltern verreist waren und wir zu Hause tun und lassen konnten, was wir wollten, steht am Ende der grossen Freiheit die grosse Putzaktion. Obschon ich den Akt des Putzens noch immer so sehr hasse wie damals, Ordnung und Sauberkeit  habe ich zu lieben gelernt. Man sieht also: Auch ich habe mich weiterentwickelt. Und noch etwas anderes hat sich verändert: Während ich früher die grosse Freiheit gerne noch viel länger genossen hätte und ich die Heimkehr meiner Eltern gerne noch etwas hinausgezögert hätte, so kann ich es heute kaum mehr erwarten, bis „Meiner“ und die drei grossen Kinder wieder zu Hause sind. Und weil ich nicht will, dass „Meiner“ gleich wieder Kehrt macht, wenn er das Chaos sieht, mache ich jetzt endlich meine Drohungen wahr, nehme den Putzlappen zur Hand und spiele perfekte Hausfrau. Mal schauen, ob ich die Rolle noch überzeugend hinkriege…

Ich kann’s noch!

Man sollte es nicht für möglich halten, aber wenn die Bedingungen stimmen, dann kann ich es tatsächlich noch. Welche Bedingungen denn? Also, da wären mal:

1. „Meiner“ für vier Tage ausser Hauses
2. Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömnerPirat für drei Tage ausser Hauses
3. Keine Termine, ausser einen Augenarzttermin mit Luise, im Pfadfinderheim kochen zu gehen, ein Weiberabend am Mittwoch und eine Hausbesichtigung am Donnerstagmorgen
4. Eine Vierkindermama im Nachbardorf, deren Familie ebenfalls gerade ausser Hauses ist
5. Zwei grosse Flaschen Cola Light
und dann schadet es natürlich nicht, wenn 6. die Vierkindermama eine  äusserst interessante Gesprächspartnerin ist

Man sieht also: Es braucht gar nicht so viel und schon bringe ich es fertig, die Zeit vollkommen zu vergessen, über Gott, die Welt und die lieben Mitmenschen zu reden, mal den Tränen nahe, weil das, was man hört so zu Herzen geht und Momente später zu brüllen vor Lachen, tief zu graben und an der Oberfläche zu kratzen, kurzum: zu reden, was das Zeug hält. Und wenn man zum ersten Mal auf die Uhr schaut, weil man sich inzwischen ein Gähnen hin und wieder nicht mehr verkneifen kann, stellt man fest, dass es viertel vor drei ist. Morgens.

Es ist mehr als sieben Jahre her, dass mich nicht die Kinder sondern die Besucher so lange wach gehalten haben. Damals allerdings stand ich kurz vor Luises Geburt und weil die Gäste partout nicht gehen wollten, verkündete ich irgendwann, die Gäste könnten von mir aus tun, was ihnen beliebe, aber ich würde mich jetzt in mein Bett verkriechen, denn ich hätte in den nächsten Tagen einen äusserst wichtigen Termin, nämlich den Geburtstermin. Worauf die Gäste peinlich berührt das Weite suchten. Gestern aber – oder war es heute? – habe ich den Besuch bis zur letzen Minute ausgekostet, obschon ich genau wusste, dass es durchaus geschehen könnte, dass ich nicht mehr als zwei Stunden Schlaf bekomme. Und die Vierkindermama war noch ärger dran: Sie musste nämlich heute früh zur Arbeit. Aber was soll’s? Wenn die Bedingungen stimmen, dann nimmt man die Konsequenzen gerne in Kauf und ich habe ja auch in absehbarer Zukunft keine Geburt mehr zu bewältigen…

Ach ja, und natürlich musste ich um fünf Uhr früh aus dem Bett wanken, weil das Prinzchen seine Windel voll und einen wunden Po hatte. Aber was macht das schon, wenn man sich a) bestens unterhalten hat und b) danach mit den kleinen Söhnen bis zehn Uhr ausschlafen kann?

Und auch anderes ist ganz anders

Fünfjährige Jungs sind laut, kämpferisch und überdreht. Sie machen aus allem eine Waffe, geraten sich mit jedem in die Haare und können keine Sekunde still sitzen. Wenn sie überhaupt Gefühle zeigen, dann höchstens Gefühle der Wut und des Zorns. Andächtig sein, zur Ruhe kommen und sich am Schönen freuen ist nichts für fünfjährige Jungs. Wer das alles behauptet? Nun, ich bestimmt nicht, aber immer wieder höre ich, dass das eben so sei und hin und wieder sieht es bei uns aus, als stimmten die Klischees. Hin und wieder aber erleben wir  genau das Gegenteil.

Zum Beispiel heute Morgen auf der Autofahrt zur Kirche. Nur der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich, die anderen haben den Zug nicht verpasst. Die CD spielt „Laudate omnes gentes„, ein sehr andächtiges Lied. Also nichts für fünfjährige Jungs, oder? Von wegen! Der FeuerwehrRitterRömerPirat will das Lied immer und immer wieder hören, will wissen, was der Text bedeute und warum die Mama nur noch ein paar Brocken Latein versteht, wo sie doch das Zeug mal gelernt hat – „Ich lerne dann auch mal Latein und zwar so gut, dass ich es nicht mehr vergesse.“ – dann schliesst er die Augen und lauscht verzückt der Musik, ein seliges Lächeln auf den Lippen. Mit jeder Faser seines Wesens scheint er die Musik in sich aufzunehmen und zu geniessen; er lässt sich einfach fallen, ist vollkommen glücklich – und vollkommen still.

Auch so können fünfjährige Jungs sein.

Es ist alles ganz anders

Der Zoowärter denkt ja, der Osterhase wohne bei uns gegenüber in einem geräumigen Hasenstall und neulich hat er mir erklärt, wie dieser Hase seiner Arbeit nachgeht: Er hoppelt, wenn bei der Ampel das grüne Männchen erscheint, über die Strasse und verteilt die Eier in unserem Garten. Dann hoppelt er wieder zurück, aber erst dann, wenn die Ampel nicht mehr das rote Männchen zeigt. Okay, ich habe zwar keine Ahnung, wo an unserer verkehrsberuhigten Strasse eine Ampel stehen soll, aber auch sonst macht sich der Zoowärter ein falsches Bild vom Osterhasen. In der Realität ist nämlich alles ganz anders, nämlich so:

Am frühen Ostermorgen schlüpft die Osterhäsin – der Osterhase ist nämlich weiblich – in ihre Stöckelschuhe, weil sie gerade nichts anderes finden kann, sie es aber eilig hat, weil sie bereits die Kinder rumoren hört. Zu den Stöckelschuhen trägt sie ausgeleierte Pyjamahosen, ein rotes T-Shirt und einen Poncho. So leise sie kann, stöckelt sie die Treppe hinunter, gefolgt von ihrem mürrischen Gehilfen, der ihr die schwere Schachtel trägt und unablässig darüber schimpft, dass die Osterhäsin mal wieder zu viel eingekauft habe und dass man das alles hätte bleiben lassen können weil es den Osterhasen ja ohnehin nicht gebe. Die Osterhäsin verteidigt sich und sagt, sie habe ja nicht wissen können, dass die Schwiegerosterhäsin auch noch für jedes Kind einen Schokohasen einkaufen würde und ausserdem habe sie ausschliesslich Sonderangebote erstanden. Dann verschwindet die Osterhäsin im sehr kühlen Garten, der Gehilfe zieht sich grummelnd in die Wohnung zurück und räumt die Küche auf.

Derweilen versteckt die Osterhäsin so gut sie kann – sie ist eine ziemliche Niete, wenn es darum geht, Dinge zu verstecken – sämtliche Hasen, Schokoeier und Spielsachen. Richtige Eier hat sie in diesem Jahr nicht, denn beim Eierfärben waren die Eier nicht ganz gar geworden, weshalb sie der grummelnde Gehilfe noch einmal kochen musste und jetzt sind die Eier nicht mehr bunt, sondern fast weiss. Und wer versteckt denn schon weisse Eier im Garten? Irgendwann hat die Osterhäsin alles versteckt und nur wenige Minuten später bringen die Kinder die Beute, inzwischen mit ein paar Schnecken dekoriert, wieder in die Küche. Sie freuen sich, dass der Osterhase so grosszügig war in diesem Jahr und der grummelnde Gehilfe ist plötzlich ganz fröhlich, weil er es ganz entzückend findet, wie sich die Kinder über ihre Geschenke freuen. Nur zwei sind nicht so ganz glücklich: Der Zoowärter und die Osterhäsin. Der Zoowärter, weil er enttäuscht ist, dass er den Osterhasen nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Und die Osterhäsin, weil sie Kopfweh hat aber das kommt eben davon, wenn man am frühen Morgen im Garten herumstöckelt, anstatt im warmen Bett zu liegen. Nächstes Jahr kann der grummelnde Gehilfe den Job machen.

Karfreitag

Vermutlich würde man erwarten, dass eine christliche Familie, wie „Meiner“ und ich sie zu leben versuchen, Karfreitag, den höchsten aller christlichen Feiertage, besonders heiligt. Aber allzu heilig ging es bei uns heute nicht zu und her. Der Tag fing damit an, dass ich um zehn Uhr morgens völlig verkatert – habe wiedermal zu lange gequatscht und zu viel Lesestoff konsumiert letzte Nacht – aus dem Bett gekrochen kam und die Kinder anschnauzte. Es blieb uns genau eine Stunde Zeit, um sieben Personen ausgehfertig zu machen, weil wir um elf Uhr eingeladen waren. Dies führte natürlich zu viel Stress, mehr Herumbrüllen und einigen geknallten Türen. Nein, wirklich nicht sehr heilig, aber immerhin hatte ich danach ein anschauliches Beispiel zur Hand, um den Kindern zu erklären, warum das Geschehen von Karfreitag so wichtig ist für mich. Doch bei diesem einen Wort zum Karfreitag blieb es, denn nachher waren die Kinder vollauf beschäftig mit Ostereierfärben, Pecan-Pie in sich hineinzustopfen und Barbapapa zu schauen, während „Meiner“ und ich die Zeit mit unseren Freunden genossen. Okay, in einem Anfall von religiösem Eifer schmiss das Prinzchen die Buddha-Statue unserer Freunde auf den Fussboden, aber das ist ja eigentlich nicht die Art von Christentum, die wir unseren Kindern zu vermitteln versuchen. Als ich dann, kaum zu Hause, dazu gezwungen war, den Staubsauger in Betrieb zu nehmen, weil das Prinzchen sämtliche Schwarztees auf den Teppich verschüttet hatte, da war mir endgültig klar, dass es heute wohl nichts wird aus Meditation und Besinnlichkeit.

Früher hätte ich mich furchtbar schuldig gefühlt, einen Karfreitag so zu begehen. Ich brauchte die Feiertage, um mir vor Augen zu führen, was meinen Glauben so wichtig für mich macht. Das ganze Jahr über hetzte ich durchs Leben und versuchte mehr schlecht als recht, Regeln einzuhalten, die ich für  besonders christlich hielt. Und an Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten wurde ich still, liess mich berühren von den Geschehnissen und danach hetzte ich wieder weiter. In den letzten Jahren aber hat sich mein Glaube verändert. Ich habe gelernt, nicht mehr so sehr auf die äusseren Formen zu schauen, nicht mehr einen Katalog von Regeln einzuhalten und stattdessen zu versuchen, das, was ich glaube, in meinen Alltag einzubauen. Und plötzlich kommt es vor, dass ich an einem ganz banalen Dienstag das Gefühl habe, Gott ganz nahe zu sein. Dass ich mich irgendwann, mitten im Jahr berühren lasse von den Geschehnissen an Karfreitag und Ostern. Und dass ich einen Karfreitag erlebe, der zwar schön ist, aber sich nicht im Geringsten unterscheidet von einem ganz normalen wunderbar turbulenten Tag mit meiner Familie.

Alte Tante

Etwas mehr als zwanzig Jahre ist es her, seit ich zum ersten Mal Tante wurde. Ich war eine junge Tante, gerade mal fünfzehn Jahre alt und so stolz, dass ich unablässig von den wunderschönen Augen meines ersten Neffen schwärmte, während die anderen Mädchen meiner Klasse dem Mathelehrer tief in die Augen schauten. Meine zahlreichen Geschwister waren fruchtbar und mehrten sich und bald schon war ich heiss begehrte Babysitterin von vielen kleinen süssen Neffen und Nichten. Und weil „Meiner“ keine Minute von mir getrennt sein wollte, begleitete er mich brav zu meinen diversen Einsätzen. Und so kam es, dass „Meiner“ und ich lange bevor wir eigene Kinder hatten bestens im Bild waren über durchwachte Nächte, Koliken und Kleinkinder, die unbedingt noch etwas trinken müssen und dann noch aufs WC müssen und dann noch eine zehnte Gutenachtgeschichte brauchen und dann noch das Schmusetier vermissen und dann wieder Durst haben und dann noch einen Witz erzählen müssen und dann Angst vor dem bösen Räuber haben und dann kalte Füsse haben und dann aufbleiben wollen, bis Mama und Papa wieder zu Hause sind. Ja, einer meiner damals noch sehr kleinen Neffen schaffte es damals schon, mich zum Heulen zu bringen, weil er partout nicht schlafen wollte und das ausgerechnet ein paar Tage vor meinen Maturprüfungen, für die ich bestens ausgeschlafen sein wollte. Ach ja, und einmal schrieb ich in letzter Minute einen Vortrag mit einer heulenden Nichte auf den Knien. Und ein andermal teilte ich mein Bett mit einer Anderthalbjährigen, die mir alle paar Sekunden ein Knie in den Bauch oder einen Ellbogen in die Rippen rammte. Man sieht also: Ich genoss ein ausgezeichnetes Training, bevor ich selber Kinder hatte.

Fünfzehn Jahre später waren meine Neffen und Nichten gross genug, um meine Kinder zu hüten, ja, sie ermöglichten gar „Meinem“ und mir, zum ersten Mal nach vielen Jahren ein paar Tage alleine zu verreisen. Die Kinder, die ich eben noch in den Schlaf gewiegt hatte, wiegten jetzt meine Kinder in den Schlaf. Die Kinder, denen ich eben noch die Windeln gewechselt hatte, wechselten jetzt die Windeln meiner Kinder. Die Kinder, die mich eben noch zum Wahnsinn getrieben hatten, weil sie der Tante auf der Nase rumtanzten, mussten sich plötzlich von meinen Kindern auf der Nase rumtanzen lassen. Und eines Tages werden sie froh sein, dass sie mit ihren kleinen Cousins und Cousinen schon mal das Kinderhaben üben konnten.

Aber meine Neffen und Nichten sind nicht nur gute Babysitter, sie sind inzwischen auch zu Erwachsenen herangewachsen, mit denen ich stundenlang quatschen könnte. Sie erzählen mir, was sie so alles erleben und machen mir damit Mut, dass am Ende der Pubertät ein äusserst gelungener junger Mensch dastehen kann. Sie freuen sich, wenn ich ihnen erzähle, wie sie früher mal waren. Sie fragen mich, wie ich dies und jenes sehe und immer wieder geben sie mir das Gefühl, dass sich jede Minute, die ich ihnen damals, vor vielen Jahren geschenkt habe, gelohnt hat. Und manchmal, zum Beispiel heute, passiert es, dass mich eine Nichte anruft und fragt, wie es mir denn so gehe, sie habe geträumt von mir. Dann wird mir ganz warm ums Herz, wir quatschen eine Stunde lang miteinander und mir wird bewusst, dass ich inzwischen zwar eine ziemlich alte Tante bin – immerhin sind die „Kinder“ jetzt so alt wie ich war, als ich „Meinen“ kennengelernt habe und das ist Ewigkeiten her -, aber dass ich eine überglückliche alte Tante bin.

Also mal ganz ehrlich…

Wenn kinderlose Menschen gefragt werden, was sie an Kindern besonders mögen, dann kommt in 99,9 Prozent aller Fälle eine Antwort, die der folgenden gleicht: „Ich bin t-o-t-a-l fasziniert von dieser Unverfälschtheit, von dieser Ehrlichkeit, die Kinder haben. Kinder machen dir nie etwas vor und das finde ich einfach s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l! Diese Direktheit ist genial!“ Wenn ich solche Schwärmereien höre oder lese, muss ich stets auf den Stockzähnen grinsen. „Wenn die mal eine Geburtstagsparty mit zwölf Siebenjährigen erlebt hätten, fänden sie die Direktheit der Kinder nicht mehr ganz so s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l“, sage ich dann jeweils zu „Meinem“ und er nickt nur wissend.

Eine Geburtstagsparty mit zwölf Siebenjährigen beginnt meist damit, dass die Kinderhorde zuckersüss lächelnd und erwartungsfroh auf dem Sofa sitzt und sich auf den Spass freut, der da ganz bestimmt kommen wird. Und natürlich sind „Meiner“ und ich bestens vorbereitet: Er unterhält die Meute, ich assistiere im Hintergrund, lege alles bereit, was benötigt wird, mache den Tellerwäscher und den Besenwagen, kaum ist die Horde weitergezogen. So funktioniert die Sache tadellos. Bis nach zwanzig Minuten das erste Kind laut verkündet, dass unser Programm sterbenslangweilig sei und dass es jetzt lieber nach draussen gehen möchte. „Meiner“ und ich schauen uns kurz an und denken: „Es sind eben Kinder. Die sagen stets gerade heraus, was sie fühlen“ und „Meiner“ macht weiter den Pausenclown, während ich weiter die Trinkbecher nachfülle. Fünf Minuten später klagt das nächste Kind, es wolle bei diesem Spiel nicht mehr mitmachen, weil es ein absolut blödes Spiel sei. Dann bemerkt ein anderes Kind, dass das Prinzchen nerve, weil er immer im Weg sei. „Meiner“ und ich sagen nichts. Das Fest ist ja wirklich schön, die Kinder sind brav und wenn sie hin und wieder etwas direkt sind, dann muss man eben kommen damit. Nur nichts persönlich nehmen.

Das geht so lange gut, bis der Kuchen serviert wird. Kind 1 findet den Kuchen total hässlich. Und plötzlich habe ich Mühe, die Sache nicht persönlich zu nehmen, denn immerhin habe ich für diesen Kuchen eigens eine Backform gemietet und heute Morgen habe ich eine geschlagene Stunde damit verbracht, ihn liebevoll zu verzieren. „Hat es hier Lebensmittelfarbe drin?“, fragt Kind 2. „Ich hasse Lebensmittelfarbe!“ So langsam fühle ich mich leicht angegriffen, aber natürlich behalte ich mein freundliches Lächeln auf. „Igitt, in diesem Kuchen hat’s Zucker! Ich mag keinen Zucker“, schimpft Kind 3  und greift sich ein Caramelbonbon. „Nicht persönlich nehmen, nicht persönlich nehmen, nicht persönlich nehmen“, brumme ich innerlich vor mich hin. Doch leicht enttäuscht bin ich schon, dass mein Meisterwerk so harsch kritisiert wird.

Ich mag diese Kinder alle sehr gern, ich freue mich, dass sie mit meiner Tochter Geburtstag gefeiert haben, ich finde es toll, dass sie so fröhlich und aufgedreht sind, dass jedes mit seinem einzigartigen Wesen das Leben unserer Tochter bereichert und ich finde es rührend, wie sich jedes einzelne darum bemüht hat, Luise ein spezielles Geschenk auszusuchen. Ich finde diese Kinder grossartig, ganz ehrlich. Von mir aus hätten sie noch lange bleiben dürfen. Einzig die von Kinderlosen hochgelobte Direktheit hat mir mit der Zeit etwas zugesetzt.

Deshalb sehne ich mich heute Abend nach zwei Dingen: Nach einem heissen Bad und nach einer extragrossen Portion währschafter erwachsener Heuchelei.

Komm, putt putt putt

Wenn das bloss keine herbe Enttäuschung wird für den Zoowärter! Heute hat er von der Spielgruppe ein Osterei mit nach Hause gebracht. Schön blau – seine Lieblingsfarbe – und mit einem Häschensticker beklebt. Ein richtiges Kleinkinder- Osterei eben, das er mir voller Stolz gezeigt hat. „Mama, wenn man das Ei aufmacht, dann kommt ein Küken raus“, erklärte er mir und strahlte wie ein Maikäfer. Anfangs sagte ich nicht viel, doch als er mir wieder und wieder versicherte, dass da ganz bestimmt ein Küken rauskommen würde und sich vor lauter Vorfreude kaum mehr halten konnte,  wurde mir klar, dass ich ihm reinen Wein einschenken musste. Wenn meine zartbesaitete Seele eines nicht ertragen kann, dann der enttäuschte Blick eines kleines Kindes. Das geht mir jeweils so sehr zu Herzen, dass ich selber beinahe heulen muss. Und deshalb machte ich den Zoowärter vorsichtig darauf aufmerksam, dass da kein Küken rauskommen werde. Was er mir natürlich nicht glaubte. Worauf ich die Sache noch einmal mit anderen Worten erklärte und wieder auf Unglauben stiess. Schliesslich versuchte Karlsson sein Glück und erzählte seinem kleinen Bruder, dass da nur Eiweiss und Eigelb drin sei. Worauf der Zoowärter entgegnete: „Nein, kein Eigelb, sondern Eigrün. Und ein Küken.“

Tja, was soll man da machen? Der Kleine ist und bleibt unbelehrbar in Sachen Osterei und ich fürchte, ich muss damit leben, dass er eine herbe Enttäuschung erlebt. Es sei denn, es gelänge mir, ein paar Küken aufzutreiben. Und ein Hühnerhaus. Und ein Auslaufgitter. Wie? Das kostet eine ganze Stange Geld? Aber das macht doch nichts. Hauptsache, der Zoowärter wird nicht enttäuscht…

Mamas Sohn

Heute hat das Prinzchen ein für alle Mal klargestellt, welcher Mutter Sohn er ist: Nachdem er sich, wie jeden Tag, entnervt die Socken von den Füsschen gerissen hatte, nahm er die lästigen Dinger, marschierte zum Abfallkübel und entsorgte sie. Recht hat er! Wer braucht denn schon Socken?

Ausgrabungen

Als ich vor etwas mehr als zwei Jahren zu bloggen anfing, – Gab es überhaupt ein Leben vor dem Blog? –  schrieb ich in meinem ersten Post den folgenden Satz: „So läuft die besagte Mutter durch die Welt und schreibt, jedoch immer nur im Kopf. Und wenn dann abends endlich Ruhe ist, sind die Sätze weg. Verschwunden unter Wäschebergen, ersoffen im Putzkessel, zu Boden getrampelt von vier Paar hinreissend schönen, aber gegenüber mütterlichen Gedanken äusserst unsensiblen Kinderfüssen.“ Damals hatte ich geglaubt, einzig mein Schreiben habe unter meinem Dasein als Hausfrau gelitten. Das Schreiben habe ich inzwischen wieder zurückerobert, aber als ich neulich mal wieder in den Wäschebergen zu graben anfing und im Putzkessel fischte, kamen da noch ein paar andere Dinge hervor, die ich schon längst verloren geglaubt hatte. Zum Beispiel meine Leidenschaft für das Backen. Vor lauter unangenehmen Haushaltspflichten hatte ich ganz vergessen, wie überaus befriedigend es ist, irgend ein kompliziertes Rezept hervorzukramen und zu testen, wie das Zeug schmeckt. Und plötzlich folgt auf einen schlecht gelaunten Plunderteig ein äusserst gut gelaunter Plunderteig. Und weil man gerade so schön in Schwung ist, kann man ja die Brötchen für die „Sloppy Joes“ auch gleich selber backen.

Etwas anderes habe ich auch wieder gefunden: Diese unglaubliche Zufriedenheit, die man verspürt, wenn man sich so richtig viel Zeit für die Kinder nehmen kann. Wenn es nichts ausmacht, dass das Prinzchen auch nach zehn Mal „Joggeli, chasch au riite“ (Für diejenigen, die den Joggeli nicht kennen: so ähnlich wie „Hoppe Hoppe Reiter“) nach mehr verlangt. Wenn man dem Zoowärter das Bilderbuch auch noch ein zweites Mal erzählen kann. Wenn man sich freut, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat noch ein wenig mehr über die Römer erfahren will. Wenn es durchaus drinliegt, mit Luise auch noch beim neugeborenen Fohlen vorbeizuschauen. Wenn Karlsson ausführlich vom neusten Geolino-Bericht erzählen darf, ohne dass man ihn unterbrechen muss. Wenn man die schönen Seiten des Familienlebens wieder geniessen kann.

Dann habe ich noch ein paar Dinge gefunden, von denen ich kaum mehr wusste, wie man sie nannte. Lachen, zum Beispiel. Oder Unverkrampftheit. Oder Experimentierfreude. So viel Lebensfreude lag unter den Wäschebergen verschüttet, so viel Lebensqualität war im Putzkessel ertsoffen und das alles, weil ich zu lange geglaubt hatte, dass ich als Mutter zugleich auch Hausfrau sein müsse. Weil ich mich zu lange dagegen gesperrt hatte, eine Putzfrau einzustellen, ein wenig Geld in ein Au-Pair zu investieren. Weil ich nicht den Mut hatte, dazu zu stehen, dass ich mit Ausnahme von kochen, backen, einkaufen und Wäsche aufhängen sämtliche Hausarbeit nicht nur so ein kleines bisschen doof finde, sondern aus tiefstem Herzen hasse. Wie viele Ausraster hätte ich mir ersparen können, wenn ich mich von Wäschebergen und schmutzigen Toiletten nicht so sehr hätte stressen lassen? Wie viele  Bilderbücher habe ich nicht erzählt, wie viele Lider nicht vorgesungen, wie viele Sorgen nicht wahrgenommen? Wie oft habe ich nicht gelacht über ein aberwitzige Situation, weil ich schon wieder ans Aufräumen danach dachte? Wenn ich zurückschaue und sehe, wie sehr meine Abscheu für die Hausarbeit unser Familienleben belastet hat, dann könnte ich mich selber ohrfeigen dafür, dass ich nicht früher eine Veränderung in die Wege geleitet habe.