Launisch

Heute bin ich schlecht gelaunt. Sehr schlecht gelaunt. Warum? Ich weiss es nicht, aber es könnte etwas damit zu tun haben, dass das Prinzchen mich entgegen seiner Gewohnheit um sechs Uhr früh geweckt hat. Und das nachdem ich mich eine volle Woche auf einen gemütlichen Samstagmorgen gefreut hatte. Vielleicht liegt es auch an den Unmengen von Koffein, die ich in mich hineingeschüttet habe, weil ich mich wach halten musste. Oder vielleicht bin ich einfach nur genervt, weil ich mich auf einen friedlichen Nachmittag mit dem Prinzchen gefreut hatte, der aber ins Wasser fiel, weil Karlsson sich weigerte, in die Jungschar zu gehen und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf gar keinen Fall den Rest der Familie zum türkischen Kochkurs begleiten wollte.

Ist ja auch nicht so wichtig, warum ich schlecht gelaunt bin, Tatsache ist, dass ich so stinkig bin, dass mir nur noch eines bleibt: Backen. Das mache ich immer, wenn ich sauer bin. Nun ja, manchmal mache ich es auch, wenn ich nicht sauer bin, aber  bei schlechter Laune überkommt mich ein unwiderstehlicher Drang etwas zu backen und zwar sofort. Je mieser die Laune, umso aufwendiger muss die Sache sein. Heute muss meine miese Laune einen neuen Höhepunkt erreicht haben, denn ich wagte mich tatsächlich nach Jahren des Zögerns an meinen ersten hausgemachten Plunderteig. Tour für Tour bearbeitete ich meinen Ärger mit dem Wallholz, Tour für Tour schimpfte ich auf den armen unschuldigen Teig, bis die ganze Butter aufgebraucht war und meine miese Laune sich noch immer nicht gebessert hatte.

Jetzt liegt meine schlechte Laune, ähm, Pardon, der Plunderteig, im Kühlschrank und wartet darauf, zu Croissants verarbeitet zu werden. Eine Wiedergutmachung für meine Familie, die heute eine nörgelnde, stänkernde, herumbrüllende Mama ertragen musste.

Grenzenlos naiv…

…. sind „Meiner“ und ich auch noch beim fünften Kind. Das heisst, so richtig naiv bin wohl ich und „Meiner“ hat einfach nichts dagegen unternommen, weil er sich als Einzelkind ganz auf mein Urteil verlässt, wenn es darum geht, auch beim jüngsten Kind darauf zu achten, dass es nicht zu kurz kommt. Als jüngstes von sieben Kindern weiss ich ja sehr genau, welche Fehler man nicht machen sollte. Und mache deshalb genau das Gegenteil, was ebenso falsch ist. Und deshalb hat das Prinzchen wie alle seine Geschwister zu seinem ersten Geburtstag einen grossen Bären bekommen, den grössten, den die Migros im Angebot hatte. Genauer gesagt im Sonderangebot hatte und das hätte mich eigentlich stutzig machen sollen. Hatten wir nicht ziemlich genau acht Jahre zuvor ebenfalls im Sonderangebot einen gewissen Eisbären erstanden, der grösser war als das Kind, das ihn geschenkt bekam und der von da an mit besagtem Kind verwachsen war wie ein siamesischer Zwilling? Hatten wir uns nicht geschworen, wir würden nie mehr den grössten Bären nehmen, sondern vielleicht den zweit- oder drittgrössten? Natürlich hatten wir uns das geschworen, aber weil Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter an ihren zweit- oder drittgrössten Bären kaum je Interesse zeigten, glaubten wir, eine derart enge Beziehung wie Karlsson zu seinem David pflegt, komme nur einmal pro Familie vor. Und so griff ich gedankenlos zu, als der Riesenbär im Sonderangebot zu haben war und „Meiner“ hielt mich nicht zurück.

Und jetzt haben wir den Schlamassel: Den ganzen Tag schleppt das Prinzchen seinen Riesenbären mit sich herum – Wer sagt denn, dass nur Ameisen fähig sind, Gegenstände mit sich herumzuschleppen, die ein Mehrfaches ihrer eigenen Körpergrösse haben? -, kuschelt sich an ihn, wenn er müde ist und will sogar mit ihm zusammen gewickelt werden. Was gar nicht so einfach ist, weil man unter dem Bären das Prinzchen kaum mehr finden kann. Und ausserdem muss man aufpassen, dass der Bär dabei nicht schmutzig wird, denn für die Waschmaschine ist er zu gross. Eigentlich hätten wir schon vor ein paar Monaten ahnen müssen, dass das Prinzchen und sein Bär zu einem untrennbaren Gespann würden und zwar an dem Tag, als das Prinzchen seinen Bären zum ersten Mal „Bä!“ nannte. Hatte nicht Karlsson seinen David anfangs auch so genannt und man sieht ja, was daraus geworden ist. Aber naiv wie wir sind, haben „Meiner“ und ich damals nicht die Konsequenzen gezogen und den Bären verschwinden lassen, bevor er das Prinzchenherz vollständig erobert hatte. Nein, wir haben dabei zugesehen und „ach, wie süss!“ gesäuselt. Von erfahrenen Eltern sollte man eigentlich erwarten, dass sie sich nicht mehr von diesem zuckersüssen Gehabe einwickeln lassen, aber nein, wir sind und bleiben so butterweich wie eh und je, wenn es um den „Jööööh-Faktor“ geht.

Und so sind „Meiner“ und ich ganz selber Schuld, wenn unsere Zukunft mit dem Prinzchen genau gleich aussehen wird, wie unser bisheriges Leben mit Karlsson: Der Bär kommt überall mit, sogar ins Flugzeug – zum Glück haben wir inzwischen das Fliegen aufgegeben -, der Bär erfährt jedes Geheimnis, der Bär stinkt zum Himmel, weil man ihn nicht waschen kann und noch immer drückt das Kind seine Nase daran platt, der Bär zerfällt in alle Einzelteile und muss unzählige Male operiert werden, weil er trotz seiner Hässlichkeit noch immer innig geliebt wird etc. Und „Meiner“ und ich werden kein Sterbenswörtchen dagegen zu sagen haben, denn diesmal sind wir mit offenen Augen ins Desaster gerannt. Aber wie sagt doch Nigella Lawson – ja, auch ich habe inzwischen der verführerischen Mischung von üppiger Schlemmerei und witziger Formulierung nicht mehr widerstehen können – so schön: „… the sad truth about parenting is that it’s virtually impossible to learn from your mistakes. The whole business is a Dantesque punishment: you’re trapped in the cycle, knowing what you’re doing, but seemingly unable to stop.“ Wie man sieht, brauche ich keine Erziehungsratgeber, ich kann mir meine Erziehungstipps auch beim Backen von Pfannkuchen holen.

Wie sehr liebst du mich, Mama?

Seit Tagen schon hörte ich von nichts anderem mehr als vom Besuchsmorgen an Schule und Kindergarten. „Mama, kommst du am Freitag?“, wollte der FeuerwehrRitterRömerPirat wissen. „Mama, zu wem gehst du zuerst? Zu mir? Versprichst du mir, dass du zuerst zu mir kommst? Bitte bitte bitte! Sonst werde ich wütend!“, liess mich Karlsson immer und immer wieder wissen. „Mama, bleibst du bei mir am längsten?“, säuselte Luise. Zwar sprach es keines der Kinder so aus, aber was sie wirklich von mir wissen wollten war dies: „Mama, liebst du mich mehr als die anderen? Oder zumindest ebenso sehr?“ Da mochte ich noch hundertmal erklären, dass es keine Rolle spiele, zu wem ich zuerst ginge, weil ich ohnehin alle drei unendlich liebe. Da mochte ich immer und immer wieder betonen, dass ich nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein könne, da ich mich ja unmöglich dreiteilen könne, es sei denn, sie wollten die Mama loswerden.

Die kleinen Kinderköpfe wollten einfach nicht begreifen, dass es schon Liebesbeweis genug ist, wenn Mama an einem Freitagmorgen ihre angefangene Geschichte liegen lässt, sich so früh als möglich aus dem Haus begibt und von Schulzimmer zu Schulzimmer zieht, um mit eigenen Augen zu sehen, dass die Schule trotz aller hitzigen bildungspolitischen Debatten noch immer die Gleiche ist wie vor dreissig Jahren. Sie konnten einfach nicht verstehen, dass es nichts mit Bevorzugung zu tun hat, wenn ich zuerst bei Karlsson reinschaute, weil die Tür zum Werkraum gerade offen stand und dass ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht weniger liebe, bloss weil ich mir den Kindergartenbesuch bis zuletzt aufgespart habe, weil ich keine Lust hatte, am frühen Morgen beim Turnunterricht zuzuschauen. Es reicht doch eigentlich, dass ich bei jedem Kind exakt dreissig Minuten geblieben bin, dass ich den Lehrerinnen bewiesen habe, dass ich trotz meiner fünf Kinder Zeit finde für jedes Einzelne. Und ist es nicht der grösste Beweis für die Mutterliebe, dass Mama bei allen aufgehängten Kinderzeichnungen immer nach der Schönsten sucht, weil Mama felsenfest davon überzeugt ist, dass die eigenen Kinder am schönsten zeichnen?

Für dieses Jahr ist der Besuchsmorgen überstanden. Wie aber schaffe ich das in zwei Jahren, wenn auch der Zoowärter im Kindergarten ist? Und wie in vier Jahren, wenn ich an einem einzigen Morgen fünf Kinder besuchen soll? Vielleicht bilde ich mich bis dahin in Zeitmanagement weiter…

Hinschauen?

Täglich spazieren hunderte von Kindern an unserem Haus vorbei. Sie lachen, erzählen einander Witze, spielen Fangen und manchmal geraten sie sich auch in die Haare. Völlig normale Kinder, ziemlich glücklich, ziemlich wohlbehütet. Denkt man. Doch sobald man genauer hinschaut, merkt man, dass der Schein trügt. Man hört Geschichten von Kindern, die zu Hause brutal geschlagen werden. Kinder, die tagtäglich an unserem Haus vorbeigehen, nicht Kinder, die irgendwo im fernen Indien leben. Man weiss, dass einige Kinder zu brutalen Schlägern mutieren, sobald man sie reizt. Kinder, die tagtäglich an unserem Haus vorbeigehen, nicht Kinder, die irgendwo in einem der verrufeneren Viertel Zürichs leben. Man sieht einige dieser Kinder, wie sie Mittag für Mittag alleine auf der Strasse sind und viel zu früh auf dem Schulhof herumlungern. Kinder, die tagtäglich an unserem Haus vorbeigehen, nicht Kinder, die irgendwo in einer anonymen Hochhaussiedlung leben.

Muss man da hinschauen? Darf man wegschauen? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich nicht wegschauen kann, auch wenn ich es manchmal tun möchte, denn was ich sehe, beunruhigt mich zutiefst. Je mehr Kinder ich habe, umso mehr geht es mir zu Herzen, wenn Kinder nicht Kinder sein dürfen. Je länger ich Mutter bin, umso mehr nagt es an mir, dass so viele kleine Menschen in derart ungesundem Boden verwurzelt sind, dass schon heute klar ist, dass daraus keine gesunden grossen Menschen werden können. Es sei denn, es nehme sich jemand ihrer an. Doch wer? Ich? Habe ich nicht schon genug eigene Kinder für die ich zu sorgen habe? Kann man überhaupt helfen, oder ist es dazu bereits zu spät? Ist es nicht purer Idealismus, zu glauben, dass man etwas bewirken kann, wo so Vieles schief läuft?

Ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Ansätze ja, aber keine endgültige Klarheit. Eines aber weiss ich: Die Banalität des Alltags raubt so viel Energie, dass es zuweilen schwierig ist, überhaupt noch Kraft zu finden, weiter zu blicken als über den eigenen Tellerrand hinaus. Heute zum Beispiel habe ich erfahren, dass nach einem Monat Wartezeit zwar das Ersatzteil für meinen Staubsauger geliefert worden ist, dass da aber noch zwei weitere Ersatzteile fehlen, die ich dann in ein paar Wochen abholen darf. Und schon wieder gehen zwei Vormittage, die man für das Wohlergehen von Menschen – auch von Menschen in der eigenen Familie, übrigens –  einsetzen könnte, für das Wohlergehen der Haushaltgeräte drauf. Da stimmt doch etwas nicht, oder?

Die „perfekte“ Erziehung

Es gibt Freundinnen, mit denen kann ich mich stundenlang darüber unterhalten, ab welchem Punkt man als Mutter versagt hat und welche Fehler im Zusammenleben mit den Kindern durchaus noch verkraftbar sind. Wir reden darüber, wie elend wir uns fühlen, wenn wir mal laut werden und später feststellen, dass das Kind einen guten Grund hatte für sein vermeintliches Fehlverhalten. Wir tauschen uns darüber aus, ob die gelegentliche Milchschnitte noch drinliegt, oder ob wir schon auf bestem Wege sind, unsere Kinder einseitig zu ernähren.Wir suchen nach der perfekten Mischung von Freizeit und Förderung von Talenten.  Wir suchen nach den richtigen Methoden, um unsere Söhne zu lehren, mutig und selbstbewusst zu sein, ohne dabei zu Prügelknaben zu werden. Wir suchen nach Möglichkeiten, wie unsere Töchter ihre Weiblichkeit voll und ganz ausleben dürfen, ohne dabei die Rolle der kopflosen Tussi zu übernehmen. Wir quetschen einander aus, erzählen einander, wie wir die Probleme jeweils angehen, manchmal heulen wir uns über unser Versagen aus und alles in allem versuchen wir, einander Mut zu machen, dass wir trotz unserer Fehler unseren Job eigentlich ganz ordentlich machen.

Meistens aber hält das gute Gefühl nur solange, bis uns wieder eine Zeitschrift mit Erziehungstipps in die Finger kommt. Oder bis uns jemand erzählt, wie grossartig der eigene Nachwuchs geraten ist. Oder bis wir von der Schule eine Informationsbroschüre über den richtigen Umgang mit Mobbing, die perfekte Ernährung, die beste Verkehrserziehung, den einzig richtigen Weg, die Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen ins Haus geliefert bekommen. Dann sind wir jeweils wieder verunsichert und wir brauchen ein sehr langes Telefongespräch, bis wir wieder überzeugt davon sind, unseren Job halbwegs richtig zu machen. Und manchmal wünschten wir uns, die „perfekte“ Erziehung könnte uns einfach egal sein.

Zuweilen treffe ich auf Mütter, denen die „perfekte“ Erziehung  egal ist. Sie schieben einen Einkaufswagen voller Milchschnitten, Chips, Dosenravioli und Weissbrot durch den Laden ohne dabei zu erröten. Die Broschüren über die ausgewogene Ernährung landet bei ihnen ungelesen im Altpapier und sie stehen auch dazu. Ist am Elternabend die Rede von Mobbing, dann nicken sie ernsthaft bei jeder Ermahnung, doch wenn ihr eigenes Kind andere ausgrenzt, finden sie, man solle doch nicht so empfindlich sein. Solche Streitereien habe es schon immer gegeben und es sei doch nicht so schlimm, wenn ein Aussenseiter sich für ein paar Tage kaum mehr in die Schule zu gehen traue. Sie genieren sich nicht, dass sie Schläge für ein angebrachtes Erziehungsmittel halten und für sie ist es ganz selbstverständlich, dass die Kinder auch abends um zehn noch vor der Glotze sitzen dürfen, wenn es ihnen Spass macht. Sie sind voll und ganz unbekümmert, und würden sie die Telefongespräche belauschen, die ich mit meinen Freundinnen führe, sie würden nur den Kopf schütteln und sich wundern, weshalb man sich über solchen Unsinn überhaupt Gedanken macht.

Zuweilen frage ich mich, ob es denn überhaupt sinnvoll ist, Erziehungsratgeber, Erziehungsbroschüren und Infoabende über die richtigen Erziehungsmethoden anzubieten. Denn diejenigen, die solche Dinge lesen und die zu solchen Veranstaltungen gehen, sind meistens die Mütter, die endlich lernen sollten, etwas unbekümmerter zu sein. Und diejenigen, die dringend mal wieder nachdenken sollten, ob es anders nicht besser wäre, machen lieber alles so, wie sie es schon immer getan haben.

Soll ich dir einen Witz erzählen?

Zoowärter: „Mama, soll ich dir einen Witz erzählen? Es war einmal eine Mama, ein Papa, ein Karlsson, eine Luise, ein FeuerwehrRitterRömerPirat, ein Zoowärter und ein Prinzchen. Der Papa hatte zwei Papagei (sic!). Die Papagei waren weg. Dann sagte die Mama zum Papa ‚Warum hast du nur einen Papagei?‘ Ha ha ha ha! Mama, du musst jetzt lachen!“

Fünf Minuten später

Zoowärter: „Mama, soll ich dir einen Witz erzählen? Es war einmal ein Papa Zenturius (Sic!) und ein Baby Zenturius. Der Papa Zenturius hatte zwei Papagei (sic!). Die Papagei waren weg. Dann sagte der Baby Zenturius zum Papa Zenturius ‚Warum hast du nur einen Papagei?‘ Ha ha ha ha! Mama, du musst jetzt lachen!“

Wieder fünf Minuten später

Zoowärter: „Mama, soll ich dir einen Witz erzählen? Es war einmal ein Papa Pooh und ein Baby Pooh. Der Papa Pooh hatte zwei Papagei (sic!). Die Papagei waren weg. Dann sagte der Baby Pooh zum Papa Pooh ‚Warum hast du nur einen Papagei?‘ Ha ha ha ha! Mama, du musst jetzt lachen!“

Ich liebe Zoowärter-Witze!

Ganz nach meinem Geschmack?

Gestern war ein Tag ganz nach meinem Geschmack und das meine ich für einmal nicht ironisch, auch wenn ich zwischendurch aus meiner Haut hätte fahren können. Der Tag fing damit an, dass ich Schokoladenmuffins mit Schlagrahm, Schokostreuseln und kandierten Kirschen dekorierte, gleichzeitig das Frühstück servierte, die Kinder in die Kleider steckte und mir selber einen Latte Macchiato genehmigte. Wie? Es soll nicht möglich sein, so viel auf einmal zu tun? Aber klar ist das möglich, man muss nur laut genug herumbrüllen, wenn die Schlagsahne auf dem Prinzchen landet anstatt auf dem Muffin. So abwechslungsreich wie die erste Stunde des Tages ging es dann weiter: Besprechung, Geschichten erzählen, ein Anruf beim Lebensmittelinspektorat, wo ich äusserst zuvorkommend behandelt wurde, ein Anruf bei der Motorfahrzeugkontrolle, wo ich äusserst herablassend behandelt wurde, Prinzchen und Zoowärter knuddeln, Essen kochen, Luise bei den Hausaufgaben helfen, E-Mails beantworten, Slackline in den Garten schleppen und so tun, als ob ich sie aufbauen würde, ausrasten, weil die Slackline nicht einrasten will und zwischendurch drei wichtige Anrufe entgegennehmen, mit Karlsson quasseln, Dokumente bearbeiten, Windeln wechseln, wieder Essen kochen, noch einen wichtigen Anruf entgegennehmen, eine Besprechung mit „Meinem“, mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten das Lied von den Grenadieren singen, dann noch kurz ein wenig arbeiten und dann Feierabend.

So sieht für mich der perfekte Alltag aus, so liebe ich das Leben: Mal ausgelassenes, leidenschaftliches Leben teilen mit der Familie, dann wieder hochkonzentriertes Arbeiten an wichtigen Projekten, dazwischen ein ganz kleines bisschen Hausarbeit – so wenig wie möglich – und dann wieder Momente des Nachdenkens und Planens. So war mein Leben vor dem grossen Zusammenbruch und so konnte es über lange Zeit nicht mehr sein, weil ich nicht die Kraft dazu hatte. Doch so langsam fühle ich mich wieder fähig, solch turbulente Tage zu leben, ohne dabei auf dem Zahnfleisch zu gehen. Am Abend eines solchen Tages schwirren die Gedanken durch meinen Kopf, ich versuche, die einzelnen Bereiche zu ordnen, noch einmal durchzudenken und abzuschliessen.

Doch genau das mit dem Abschliessen wollte mir gestern Abend nicht gelingen. Immer wieder griff ich ein Thema auf, immer wieder wollte ich zur Ruhe kommen und juckte doch gleich wieder auf, um mir noch eine Notiz auf eines der zahlreichen Post-its die wieder in der Wohnung herumliegen, zu machen. Das Karussell meiner Gedanken drehte sich immer schneller und allmählich wurde mir schwindlig, zumindest in Gedanken. Da war es wieder, das Schwindelgefühl, das mich überfällt, wenn ich mir zu viel auflade, wenn ich so viele Fäden in der Hand halte, dass sie sich ineinander zu verwirren beginnen. Und mir wurde bewusst, dass diese Art von Alltag, so schön er auch ist, nicht wieder zum All-tag werden darf. Es sei denn, ich möchte irgendwann erneut zusammenbrechen.

Kleinkinderglaube

Irgendwann, gewöhnlich wenn ein Kind zwischen zwei und drei Jahre alt ist, beginnt es sich Gedanken über das Woher, Wozu und Wohin zu machen. Dem Zoowärter wird gerade so langsam bewusst, dass er „früher“ mal „ganz klein“ war, dass er aus Mamas Bauch gekommen ist und dass „eine dunkle Frau ihn da raus geholt hat“. Heute, als wir uns wieder mal an all die Details des wunderbaren Frühlingstags erinnert haben, an dem Luise in unser Leben getreten ist,  hat der Zoowärter erfahren, dass er nach seiner Geburt für etwa zwei Stunden von Mama weg musste, weil die Mama so schrecklich geblutet hat und das hat ihn so sehr beschäftigt, dass ich ihm die Geschichte immer und immer wieder erzählen musste.

Gleichzeitig mit der Frage nach dem Woher, Wozu und Wohin kommt auch die Frage nach dem, was im Himmel wohl so vor sich geht. Wie das in atheistischen Familien ist, weiss ich nicht, aber bei uns läuft das so, dass plötzlich der liebe Gott immer und überall dabei ist. Da klebt zum Beispiel der Zoowärter kitschige Bilder von Küken und Osterhäschen an die Fensterscheibe und murmelt vor sich hin: „Die hat auch der Gott gemacht.“ und man denkt: Die hat ganz bestimmt nicht „der Gott“ gemacht, denn so einen schlechten Geschmack hat er nie und nimmer. Oder er schnappt auf, dass Mama mit einer Frau namens Maria redet und schon macht sich der Zoowärter auf die Suche nach Jesus und Josef, denn sonst ist die Familie nicht komplett. Seit ein paar Tagen nun wünscht der Zoowärter, dass ich mit ihm bete. Das hat er von den grossen Geschwistern aufgeschnappt, die jeweils beten wollen, wenn sie Angst haben, oder wenn sie ihre Kuscheltiere nicht mehr finden, oder wenn sie sich über etwas ganz besonders freuen, oder wenn Luise sich mal wieder eine Schwester wünscht. Die Gebetsanliegen des Zoowärters aber sind ganz speziell: „Mama, betest du, dass die Äffchen normal sind? Und betest du, dass die Eisbären normal sind? Und betest du auch noch, dass die Pinguine normal sind?“

Weil ich mein Kind liebe, bete ich folgsam, was es von mir wünscht und hoffe dabei, dass „der Gott“ versteht, was ich da im Namen meines Sohnes bete. Ich selber habe nämlich nicht die leiseste Ahnung, was er damit meint.

Der Wunderkuchen

So schnell behaupte ich nicht wieder, dass man aus Chick-Lit keinen Nutzen ziehen könne. Der „Earl Grey Tea Cake„, den ich nach dem Rezept aus einem jener seichten Oeuvres gebacken habe, ist der Hammer. Und mit dem Kuchen habe ich etwas fertig gebracht, was mir in meiner ganzen bisherigen Karriere als Schwiegertochter noch nie gelungen ist: Schwiegermama hat ein zweites Stück Geburtstagskuchen verlangt! Schwiegermama, die keine „Dolci“ mag. Schwiegermama, die meinen Kochkünsten mehr als skeptisch gegenüber steht. Nun ja, einer Vegetarierin kann man ja nicht trauen, wenn man selber eine italienische Mama ist. Schwiegermama, die nicht mal Tee trinkt, wenn sie krank ist. Schwiegermama, die sich eher die Zunge abbeissen würde, als mich in meiner Gegenwart zu loben. Gewöhnlich redet sie nur hinter meinem Rücken gut über mich, aber immerhin dies.

Wie oft habe ich nach dem perfekten Schwiegermama-Kuchenrezept gesucht? Wie oft war ich enttäuscht, wenn sie wieder nur mit säuerlicher Miene die sorgfältig nach ihrem Geschmack zubereitete Torte beiseite geschoben hatte? Und jetzt, wo ich die Hoffnung aufgegeben hatte, ihren Geschmack je treffen zu können, backe ich einen „Earl Gray Tea Cake“ aus einem billigen Roman und Schwiegermama greift zu wie noch nie zuvor, ohne dass sie „Meiner“ dazu hätte überreden müssen. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich schon früher damit angefangen, hin und wieder einen seichten Roman zu lesen. Ich hätte mir damit manchen Frust ersparen können.

Wie? Ihr wollt das Rezept dieses Wunderkuchens? Ha! Vergesst es. Ich habe mir das Rezept mit mühseliger Lektüre hart erkämpfen müssen und euch soll es nicht besser gehen. Entweder, ihr lest das Oeuvre mit dem Titel „Sugar and Spice“ von der ersten bis zur letzen Seite und verdient euch damit jeden einzelnen Bissen des Wunderkuchens. Oder ihr sucht bei Google, aber ob ihr dann auch wirklich genau dieses Rezept findet, kann ich euch nicht garantieren. Und dann seid ihr ganz selber Schuld, wenn eure Schwiegermama kein zweites Stück Kuchen verlangt.

Jetzt hab dich doch nicht so!

Meine lieben Leser, heute Abend muss ich mal wieder ein wenig jammern und die meisten werden sich beim Lesen wohl an die Stirne greifen, weil sich mein Gejammer mal wieder auf ein Luxusproblem bezieht. Nun, eigentlich ist es nicht mal ein Problem, sondern einfach ein Herzenswunsch, der wohl für immer unerfüllt bleiben wird. Und es gibt gewisse Tage, an denen mir bewusst wird, dass dieser Herzenswunsch noch immer da ist, auch wenn ich ihn schon längst vergessen sollte.

Heute ist mal wieder so ein Tag. Luise wird nämlich morgen sieben Jahre alt. „Was ist denn so schlimm daran?“, werden sich jetzt manche fragen und ich antworte: Nichts ist schlimm daran, gar nichts, ausser der Tatsache, dass mein einziges Mädchen schon so gross ist. So gross, dass sie mir neulich gesagt hat: „Mama, du darfst meinen Geburtstagskuchen dekorieren, wie du willst, nur eines will ich nicht haben: Prinzessinnen! Klar?“ Klar doch, Luise, keine Prinzessinnen, das ist zu kindisch. Und heimlich verdrücke ich ein paar Tränen. Nicht, weil ich so gerne Prinzessinnen hätte, sondern weil es meine einzige Tochter so furchtbar eilig hat mit dem Grosswerden. Dann räume ich mit einem tiefen Seufzer Luises zu klein gewordenen Kleinkinderkleider weg und weiss, dass ich sie nie wieder hervorholen werde.

„Jetzt hab dich doch nicht so!“, werden meine Leser sagen. „Du hast fünf gesunde Kinder. Denk mal an all die Menschen, die keine Kinder bekommen können. Und du machst ein Geschrei, weil du findest, du hättest eine weitere Tochter gebraucht.“ Und ich muss ja zugeben, wer so denkt, hat vollkommen recht. Ich habe fünf wunderbare, gesunde Kinder, die mein Leben unglaublich reich machen. Wenn ich also jammere, dann verhalte mich ähnlich wie ein Lottomillionär, der für seinen Reichtum keinen Finger krümmen musste und der trotzdem noch mehr haben will. Wenn ich mich frage, warum der Himmel, wo er uns doch mit Kindern so reich beschenkt hat, nicht auch noch ein zweites Mädchen  in die Familie gegeben hat, dann verhalte ich mich wie eine verzogene Göre, die immer nur mehr und mehr will. Dessen bin ich mir voll und ganz bewusst und ich schäme mich dafür.

Eines aber will ich trotz meines Gejammers festhalten: Ich liebe jeden meiner vier Söhne genau so sehr wie ich meine Tochter liebe und würde morgen jemand an der Haustüre klingeln und mir ein Mädchen im Tausch gegen einen meiner Söhne anbieten, ich würde sagen: „Nie und nimmer gebe ich einen meiner Söhne her. Jeder von ihnen ist ein unersetzliches Original, das ich liebe wie mein eigenes Leben.“ Doch dann, bevor ich der Person die Tür vor der Nase zuschlagen würde, würde ich sagen: „Aber das Mädchen, das dürfen Sie gerne hier lassen. Denn das hat mir gerade noch gefehlt.“