So in love

Der FeuerwehrRitterRömerPirat schwebt auf Wolke sieben. Die Liebe hat ihn voll erwischt. Ausgerechnet ihn, der die letzten zwei Jahre mit Kämpfen, dem Singen von Soldatenliedern und dem Schwingen von Schwertern verbracht hat. Ausgerechnet ihn, der mir mal morgens, als ich ihn aus dem Bett holte, verkündete, er hasse Frauen. Doch seit einer Woche ist alles anders: Mit leuchtenden Augen geht er in den Kindergarten, mit noch leuchtenderen Augen kommt er nach Hause und erzählt, was er mit der Angebeteten alles erlebt hat. Jedes Kunstwerk wird ihr gewidmet, jedes Stofftier trägt ihren Namen, auf jedem Fetzchen Papier lese ich die drei Buchstaben ihres Namens in wackeliger Kindergärtnerschrift. Und seit heute malt er gar Herzchen, die von Pfeilen durchbohrt sind. Was die Liebe nur alles zustande bringt…

Während ich mich an der ersten Liebe meines Sohnes erfreue, fallen mir zwei Dinge auf:  1. Ich habe mich ganz umsonst gesorgt, ob ich dereinst meine Schwiegertöchter werde ertragen können. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat bei seinem Frauengeschmack bleibt, habe ich rosige Zeiten vor mir. Die Dame seines Herzens ist einfach perfekt. 2. Ich habe mir ganz umsonst den Mund fusselig geredet. Wie viel Zeit habe ich doch damit vergeudet, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten beizubringen, dass es im Leben nicht allein ums Kämpfen geht? Wie oft habe ich ihn angepredigt, ihm gesagt, er solle nicht gleich dreinhauen, ihn darauf aufmerksam gemacht, die von ihm vergötterten Römer und Ritter hätten auch ihre sanften Seiten gehabt? Hätte ich alles gar nicht sagen müssen. Alles was es brauchte, war eine erste grosse Liebe und der Junge verstand von selbst, dass ein Ritter nur ein echter Ritter ist, wenn er auch einfühlsam und sensibel sein kann.

Da hoffe ich doch, dass er noch sehr sehr lange verliebt bleibt…

Musig Sunne

Wenn wir im Auto unterwegs sind und der Zoowärter ist dabei, was fast immer der Fall ist, da die fünf Plätze meistens für Familienmitglieder mit den kürzesten Beinen reserviert sind, dann läuft bei uns stets die gleiche Musik: „Musig Sunne“, was etwa soviel bedeuten soll wie „Sonnenmusik“. Ob wir zum Einkaufen fahren, zum Kinderarzt, zur Geburtstagsparty oder in die Spielgruppe, immer muss „Musig Sunne“ laufen. Und wehe, das Stück ist zu Ende, bevor wir angekommen sind. Dann ertönt vom Rücksitz sogleich der Prostest: „Nei, well Musig Sonne lose!“

Deshalb habe ich angefangen, die Dauer unserer Autofahrten in Musig Sunne-Abschnitten zu rechnen. Der Weg in die Spielgruppe: 1/2 Musig Sunne. Die Fahrt zu meiner Schwester über den Berg: 1 mal Musig Sunne. Die fahrt zum Grosseinkauf ins Einkaufszentrum: 2 mal Musig Sunne. Die Fahrt in die Ferien: Unzählige Male „Musig Sunne“, das heisst: Bis der Zoowärter eingeschlafen ist und alle anderen das Stück nicht mehr hören mögen. Was theoretisch nicht möglich ist. Denn Musig Sunne ist dem Rest der Welt besser bekannt unter dem Namen „Allegro aus dem Brandenburgischen Konzert No. 6“ von keinem Geringeren als Johann Sebastian Bach. Und dessen Musik kann einem doch gar nicht zum Hals heraus hängen, nicht wahr?

Sternstunden

Wie ich sie liebe, diese Adventsrituale! Am frühen Morgen die Lichterketten einschalten, eine Kerze anzüden, die Kinder füher wecken als gewöhnlich und dennoch kein Gemotze zu hören. Die vier Grossen zu sehen, wie sie mit glänzenden Augen artig auf dem Sofa sitzen und nicht einmal jammern, weil heute der Zoowärter ein Päckchen auspacken darf, während die anderen sich mit einem Stück Schokolade zufrieden geben müssen. Wie sie gebannt der Geschichte lauschen,  sich mit dem Zoowärter über sein Geschenk freuen, danach noch ein wenig an den anderen Päckchen herumdrücken, um herauszufinden, welche Überraschungen morgen auf sie warten, übermorgen und an den Tagen danach.

So sehen sie aus, die Sternstunden des Familienlebens. Diese unvergesslichen Momente, für die wir all die Mühen, die eben auch dazugehören, gerne auf uns nehmen. Die Zeiten, an die sich unsere Kinder – hoffentlich – noch als alte Frauen und Männer mit sehnsüchtigem Blick erinnern werden.

Bleibt zu hoffen, dass sie die Momente des Hetzens, des Herumbrüllens und des Streitens, die unweigerlich auch wieder kommen werden, von der Wärme der Adventszeit überstrahlt werden.

Geschafft

Hätte man mir vor ein paar Monaten gesagt, dass es möglich ist, mit fünf Kindern und Ehemann die Schweinegrippe inklusive anschliessender Mittelohrentzündung durchzustehen, dazwischen Karlssons Geburtstag zu feiern, das ganz normale Leben mit Haushalt, Gästen und Wäschebergen zu meistern und daneben noch 62399 Worte zu schreiben, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Neben all dem Trubel in unserer Familie kann man nicht an einem Text dranbleiben. So lautete meine Standardausrede, wenn mich jemand fragte, weshalb ich meine Schreibprojekte nicht endlich zu Papier bringen würde. Und nun habe ich mir, ohne es ernsthaft zu wollen, das Gegenteil bewiesen. Dass ich mich beim Novemberschreiben angemeldet habe, war nämlich nur so eine Idee, von der ich gedacht hatte, ich würde sie beim geringsten Widerstand wieder aufgeben. Eine Erkältung oder ein paar zu kurze Nächte würden genügen, um mich wieder davon abzubringen, hatte ich gedacht. Zwei, drei Tage würde die Begeisterung andauern, länger nicht.

Aber ich hatte nicht mit der Leidenschaft gerechnet, die mich packte, sobald ich mit dem Schreiben begonnen hatte. Ob ich kochte, wickelte, einkaufte oder putzte, immer war mein Kopf am Schreiben. Immer wieder musste ich mich zum Computer schleichen, um ein paar Sätze einzutippen, die ich vergessen würde, wenn ich sie nicht sofort notierte. Und dennoch ist unser Leben nicht vollkommen aus den Fugen geraten. Okay, „Meiner“ und ich haben etwas weniger miteinander geredet als gewöhnlich, sind uns sogar einmal in die Haare geraten, der Zoowärter musste sich etwas öfter mit sich selbst beschäftigen, die in gewöhnlichen Zeiten schon spärliche Adventsdekoration fällt dieses Jahr noch etwas spärlicher aus und die Putzfrau musste heute vier Stunden putzen anstatt der sonst üblichen zwei. Aber wenn ich sehe, wie viel glücklicher ich war, wie viel ausgeglichener, wie viel erträglicher für meine Umwelt, dann war es das Wert.

Und wenn ich sehe, wie viel Novembertext darauf wartet,  überarbeitet zu werden, dann wird mir klar, dass dieser November noch lange dauern wird. Sehr sehr lange.

Die Jugend von heute

Was hatten wir uns bloss gedacht dabei, als wir Karlsson erlaubten, drei Freunde zum Übernachten einzuladen, um seinen Geburtstag nachzufeiern? Vier aufgedrehte Neunjährige, drei überforderte kleine Brüder, eine genervte Luise, die sich über die vielen Jungs im Haus aufregt, zwei von der anstrengenden Arbeitswoche vollkommen geschaffte Eltern. Und dazu noch Regenwetter. Nichts gewesen mit Nachtspaziergang, Abenteuergeschichte am Lagerfeuer und so. Stattdessen Pinocchio auf der Wohnzimmercouch. Konnte das gut gehen?

Ja, das Fest hätte tüchtig in die Hose gehen können. Nicht aber mit Karlsson und seinen Freunden. Die vier Musterknaben strafen all jene Pessimisten Lügen, die auf die Jugend von heute schimpfen. Schon als Pinocchio sich dem Ende näherte, meinte der Eine, er würde jetzt eigentlich gern ins Bett gehen. Es war gerade mal Viertel nach acht. Fünf Minuten später fand der andere, eigentlich müsse man die Tischbombe nicht heute schon zünden. Es sei ja schon so spät. Nun, wir zündeten die Bombe dennoch, Karlsson zuliebe, dem auch schon fast die Augen zufielen. Zwanzig Minuten später lagen die Jungs auf ihren Matratzen, jeder ausgerüstet mit einer Taschenlampe und einem Buch. Einzig das Umblättern der Seiten und ab und zu ein leises Kichern, weil einer etwas Lustiges gelesen hatte, waren noch zu hören. Und natürlich das Herumtoben des überdrehten Zoowärters einen Stock tiefer. Und das emsige Treiben des FeuerwehrRitterRömerPiraten, der unbedingt heute noch der Dame seines Herzens eine Zeichnung machen will.

Es würde mich nicht verwundern, wenn die Grossen die beiden schon bald zur Ruhe ermahnen würden. Oder sich bei mir beklagen kommen, sie könnten bei diesem Lärm nicht schlafen. Die Jugend von heute sei doch einfach unerträglich…

Okay, später kam dann doch noch so etwas wie Pyjamaparty-Stimmung auf. Aber nie so wild, wie wir es erwartet hätten. Und schon gar nicht so wild, dass sie es geschafft hätten, „Meinen“ zu wecken, der die Party wiedermal auf dem Sofa verpennt hat.

Generation Ikea wird erwachsen

Bei  Menschen meiner Generation, die seit vielen Jahren in fester Partnerschaft leben, machen sich so langsam die ersten Abnützungserscheinungen bemerkbar. Nein, ich rede nicht von der grossen Scheidungswelle zwischen dreissig und vierzig. Die haben die Einen schon hinter sich, die anderen hoffentlich nicht vor sich. Ich rede auch nicht von den ersten Gebrechen, die man nicht mehr ganz so leicht los wird. Ist es nicht schrecklich, dass wir so langsam zu verstehen beginnen, weshalb unsere Eltern sonntags lieber einen Mittagsschlaf hielten, als mit uns in den Zoo zu gehen?

Ich rede auch nicht vom zerbrochenen Porzellan. Die Teller, die man damals so sorgfältig ausgesucht hatte, sind bei den meisten Paaren schon längst nicht mehr. Und die, die man danach etwas weniger sorgfältig ausgesucht hatte, sind auch schon in die Brüche gegangen. Und die, die man danach im Sonderangebot erstanden hat, weil man sonst aus Papptellern hätte essen müssen, werden auch immer weniger. Je nach Temperament des Paares, Anzahl Kinder, Ungeschicktheit dieser Kinder und noch grösserer Ungeschicktheit der Eltern sind die meisten Paare unserer Generation inzwischen wohl bei Service Nummer 3 angelangt. „Meiner“ und ich sind bereits bei Nummer 4, aber da wir inzwischen etwas ruhiger geworden sind, fliegen auch die Teller nicht mehr so heftig, so dass echte Chancen bestehen, dass dieses Service ein paar Jahre halten dürfte.

Aber eigentlich wollte ich von etwas anderem reden: Von den Möbeln. Wie oft ist man sich damals, als man die erste gemeinsame Wohnung bezog, in den Haaren gelegen, weil man nicht einfach das Erstbeste kaufen wollte. Das Ding sollte ja für die Ewigkeit halten. Und jetzt, schlappe zehn Jahre später, geben die Möbel den Geist auf. Bei den einen sind es die Regale in der Küche, die nach Jahren des Dienstes einfach so zusammenbrechen. Bei anderen will plötzlich das Sofa nicht mehr. Und bei „Meinem“ und mir macht so langsam das Ehebett nicht mehr mit. Nun, lieber das Bett als die Ehe, aber eigentlich hatten wir gedacht, wir würden uns dann zur Pensionierung ein Neues leisten. Doch Generation Ikea muss sich wohl damit abfinden, dass nichts mehr für die Ewigkeit gedacht ist. Haben sich darum unsere Eltern damals diese hässlichen braunen Wohnwände angeschafft? Nun, meine Gott sei Dank nicht. Aber dafür mussten sie auch alle Jahre wieder in die Ikea fahren, um zu ersetzen, was den ganzen Trubel der Grossfamilie nicht länger ertragen konnte. Das war eben der Preis, den man fürs Modernsein bezahlte, damals, vor zwanzig, dreissig Jahren.

Und nun sind wir dran mit Zahlen. Wie sollen wir die nächsten Anschaffungen bloss wieder an unserem Budget vobeischmuggeln?

Da fällt mir ein: Ich habe da noch so einen Gutschein vom letzen Geburtstag…. Ikea, wir kommen!

Simulieren, Lektion I

Weil ich mal wieder einen Wecker ruiniert habe, weckt mich morgens das Telefon. Und weil ich heute nicht schon um halb sieben aufstehen wollte, holte ich das Prinzchen ins Bett, als er zu quengeln begann. So kam es, dass die beiden, das Prinzchen und das Telefon, in den frühen Morgenstunden zueinander fanden. Was dem Prinzchen grösstes Vergnügen bereitete. Er hielt sich das Ding ans Ohr und plapperte fröhlich vor sich hin. Kein Anflug von Ohrenweh oder sonstiger Leiden. Plötzlich fiel mir ein, dass Karlssons Geigenlehrerin wohl nicht gerade entzückt wäre, wenn sie vor Tagesanbruch einen Anruf des Prinzchens bekäme. Und meine Mutter wohl auch nicht. Und die Feuerwehr schon gar nicht. Oder sonst jemand, dessen Nummer wir gespreichert haben. Und so entwand ich das Telefon aus des Prinzchens eisernem Griff um die Tastensperre zu aktivieren. Was jetzt folgte, war ein Auftritt erster Klasse: Das Prinzchen griff sich an sein krankes Ohr, stiess einen jämmerlichen Schmerzensschrei aus und der Blick aus seinen tieftraurigen Kulleraugen sagte mir, dass er diese Ohrenschmerzen einfach nicht mehr aushalten kann.

Eigenartig: Kaum hatte er das Telefon wieder, waren auch die Schmerzen weg. Das erinnert mich entfernt an die Zimmernachbarin, mit der ich einmal nach einer Geburt die Nachwehen teilte: Die Frau quasselte den ganzen Tag fröhlich am Telefon, doch kaum betrat das Personal das Zimmer, krümmte sie sich, ihr Gesicht verzerrte sich und sie stöhnte, was das Zeug hielt. Und wenn das Personal wieder draussen war, quasselte sie weiter.

Du wirst deine Mittelohrentzündung doch nicht etwa simuliert haben, mein Prinzchen?

Das kann ja heiter werden!

Seitdem Karlsson Luise an ihrem ersten Geburtstag aus lauter Eifersucht eins mit dem Hammer übergebraten hat, sind wir stets darum bemüht, dass auch die Geschwister des Geburtstagskindes nicht zu kurz kommen. Und deshalb gibt’s für sie meistens auch ein winziges Geschenk. Und weil Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat Tiere lieben, habe ich zugegriffen, als „Meine Tierklinik in Australien“ bei Amazon zum Spottpreis zu haben war. Und seither werde ich nicht nur von meinen Kindern herumkommandiert, jetzt fordert auch noch Dr. Sarah May meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Wie, Sie kennen Dr. Sarah May nicht? Dann schaffen Sie sich schleunigst eine Tochter an. Das Computerspiel mit Tierärztin Sarah May wird in den meisten Fällen gleich mitgeliefert. Und falls nicht, gibt’s bestimmt schon bald wieder eine Aktion bei Amazon. Nun, Dr. Sarah May sollte eigentlich dafür sorgen, dass die Koalas nicht hungern, dass das Gehege sauber ist und dass die Kunden stets prompt und freundlich bedient werden. Aber unter uns gesagt: Die Frau ist eine Niete! Immer wieder piepst das Handy, weil wieder ein unzufriedener Kunde abgerauscht ist, dann wieder sitzen die Koalas traurig in ihrem Gehege und  warten auf Streicheleinheiten. Und was tut Dr. Sarah derweil? Die pennt natürlich mal wieder. Oder sie macht Stretching auf der Terrasse. Das ist nicht zum Aushalten. Der Frau muss ich dringend unter die Arme greifen, sonst wird das nichts mit der florierenden Tierklinik.

Und so rase ich hin und her. Im realen Leben macht sich das Prinzchen hinter Karlssons Geburtstags-Luxemburgerli, während in der Tierklinik mal wieder ein unzufriedener Kunde meckert. Und weil der FeuerwehrRitterRömerPirat noch nicht so recht versteht, wie wichtig die Kundenzufriedenheit ist, muss natürlich Mama ran, um Sarah May auf die Sprünge zu helfen. In der Zwischenzeit liegt der Zoowärter schreiend in der leeren Badewanne, weil er hingefallen ist. Und „Meiner“, der noch immer krank ist, bräuchte dringend einen Tee. Aber wann soll ich den auch machen, wo doch die Koalas so dringend Futter brauchen? Auch Sarah May schleicht schon seit einer ganzen Weile um den Kühlschrank herum, weiss aber offensichtlich nicht, wie sie diesen ohne meine Hilfe aufbringen soll. Müssen die alle gleichzeitig hungrig und durstig sein? Damit Sarah May nicht aus den Latschen kippt, eile ich ihr rasch zu Hilfe, was zur Folge hat,  dass ich wieder zu spät komme, als das Prinzchen die Vorratskammer zu plündern beginnt.

Es ist hoffnungslos. Ich schaffe es nicht, an beiden Orten für Ordnung sorgen. Also schnell den Zoowärter aus der Badewanne gezogen, das Prinzchen ins Bett gesteckt, „Meinen“ ebenfalls und dann nichts wie hin zu den Koalas. Ich kann die armen Tierchen doch nicht verhungern lassen!

Happy Birthday, Karlsson!

Wenn wir mit anderen Leuten über unsere doch eher grosse Familie reden, bekommen wir immer etwa das Gleiche zu hören: „Wahnsinn! Da habt ihr aber viel Arbeit.“ Auch wir selber denken meistens daran, dass unsere Wäscheberge höher, unsere Einkaufswagen und Abfallsäcke voller, unsere Konti hingegen leerer sind. Auch wir sind uns dessen bewusst, dass wir viele viele Stunden unseres Lebens aufopfern um zu wickeln, den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, Zimmer aufzuräumen, aufgeschürfte Knie zu verarzten und so weiter. Was man bei alldem so leicht vergisst: Wir feiern auch mehr. Kaum sind die Girlanden des letzten Geburtstags verschwunden, hängen schon wieder die nächsten. Kaum haben wir die letzte Torte verdaut, steht schon die nächste auf dem Tisch. Und das ist doch einfach schön. Auch wenn es unserer schlanken Linie nicht sonderlich gut bekommt. Aber wer will denn schon an sowas denken, wenn gefeiert wird?

Und gefeiert wird, trotz Schweinegrippe, Halsschmerzen und Müdigkeit. Denn am Geburtstag soll das Geburtstagskind spüren, dass es nicht einfach Eines von Vielen ist, sondern dass es etwas ganz Besonderes ist. Es soll so richtig schwelgen in Liebe und Anerkennung. Es soll wissen, dass es eine grossartige Sache ist, dass ausgerechnet er oder sie Teil unserer Familie geworden ist.

Wie das konkret aussieht? Nun, bei jedem Kind etwas anders, je nach Vorlieben. Bei Karlsson zum Beispiel bedeutet es, dass Mama morgens um sechs aufsteht, um Berliner zu backen für die Schulklasse. Dass am Mittag Morcheln auf dem Tisch stehen und Süssigkeiten in rauhen Mengen konsumiert werden dürfen. Und natürlich bedeutet es auch, dass es frische Leberpastete gibt, auch wenn Mama dies zu verdrängen versucht. Wenn Karlsson seinen grossen Tag hat, wird nicht geknausert, denn der Junge ist ein Feinschmecker durch und durch. Und weil wir alle uns so sehr freuen, dass Karlsson ist wie er ist, werden wir tüchtig mitfeiern. Und mitschlemmen.

Nur auf die Leberpastete verzichten wir gerne. Die darf er alleine essen.

Das muss Mutterliebe sein

Was treibt eine eingefleischte Vegetarierin, – oder müsste es vielleicht die „ausgefleischte“ heissen? – dazu, am Montagmorgen die Läden nach Kalbsleber abzuklappern? Was veranlasst sie, das Zeug ohne Handschuhe an den Händen in den Einkaufskorb zu legen? Was bringt sie dazu, am Nachmittag Sophie oder Charlotte, – welche der beiden Damen das zweifelhafte Vergnügen haben wird, ist noch nicht entschieden, –  den Fleischwolf aufzusetzen? Das Zeug mit Rahm zu vermischen, mit Eiern, Speck und Zwiebeln?

Nun, es ist ganz einfach: Wenn Karlsson zu seinem neunten Geburtstag Leberpastete will, dann bekommt er Leberpastete. Und wenn Karlsson findet, das Zeug aus der Tube sei niemals so gut wie das Hausgemachte, dann macht sich die Mama eben an die Arbeit. Möge sie sich noch so sehr ekeln vor dieser schmierigen Angelegenheit.

Hätte man mir damals, vor neun Jahren, vorausgesagt, dass mich dieses kleine Bündel Mensch, das ich zum ersten Mal in den Armen hielt, dazu bringen würde, Leberpastete zu machen, ich hätte nur mitleidig den Kopf geschüttelt. Ich doch nicht! Wenn mein Kind solche Scheusslichkeiten essen will, muss er eine Dümmere finden, die das macht für ihn, hätte ich gesagt. Und heute muss er mich nur treuherzig anschauen aus seinen braunen Samtaugen und schon renne ich ins Dorf und kaufe Kalbsleber. Wenn das nicht Mutterliebe ist, was dann?

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