Der perfekte Vormittag

Angefangen hat der Tag damit, dass „Meiner“ und ich ausnahmsweise nicht von lautstarkem Streiten geweckt wurden, sondern von vier zuckersüssen Kinderlein mit einem Tablett voller Tassen und Schälchen. Tee und Schokoladenjoghurt im Bett. Dazu ein Prinzchen, dass freudestrahlend in die Händchen klatscht, weil er sich mitfreut.  Gibt es ein schöneres Aufwachen? Für mich nicht.

Weiter ging der Morgen damit, dass ich mich ganz alleine auf den Weg in die Stadt machte. Mein Vorwand war, dass ich ein paar letzte Weihnachtsgeschenke besorgen musste. Aber der wahre Grund war natürlich, dass ich meine Büchergutscheine loswerden wollte, die nach drei Wochen des Herumliegens schon beinahe schimmlig wurden. Danach würde ich mich mit anregender Lektüre in ein Café zurückzuziehen. Um die leidigen Einkäufe so rasch als möglich hinter mich zu bringen, liess ich mir für meine Nichte ein verbilligtes aber noch immer sündhaft teures Calvin Klein-Schminkset aufschwatzen, besorgte zwei drei andere Geschenke und dann zog ich mich mit meiner neueste Errungenschaft – „In search of the English Eccentric“ von Henry Hemming, – ins Starbucks zurück. Ja, ich weiss, links wählende umweltbewusste Frauen haben bei Starbucks nichts verloren. Aber wo sonst bekomme ich einen Kaffee, der mit einem Berg von Schlagsahne und Lebkuchenaroma derart verfremdet ist, dass man das Getränk nicht mehr als Kaffe erkennt und der ausserdem so horrend teuer ist, dass man einfach glauben muss, man tue sich selber etwas unglaublich Gutes damit? Und wo sonst hat man während der Mittagszeit in der Vorweihnachtszeit Ruhe vor gestressten Last-Minute-Geschenkeeinkäufern und Geschäftsleuten, die sich darüber aufregen, dass man ihnen den letzten Platz im Selbstbedienungsrestaurant weggeschnappt hat?

So habe ich mich eben im verwerflichsten Café der Stadt in meine vergnügliche Lektüre gestürzt, zuckerigen Kaffee geschlürft und das Leben in vollen Zügen genossen. Jetzt bleibt mir noch exakt eine Stunde des seligen Nichtstuns, bevor „Meiner“ seinen perfekten Nachmittag antritt und in die Sauna abrauscht. Mal schauen, ob die zweite Tageshälfte für mich ebenso gemütlich wird wie die erste…

Kein Mann von der Stange

Eigentlich bin ich ja selber Schuld, dass ich keinen jener Männer von der Stange genommen habe. Einen Mann, wie es ihn hoffentlich nicht mehr allzu häufig gibt. Einen, der am Sonntag nie, aber auch gar nie, einen Ausflug machen will, weil am Fernsehen gerade so etwas Tolles läuft. Einen, der findet, Windelnwechseln sei Frauensache. Einen, dessen Beitrag zu jeder Diskussion sich auf ein missmutiges Grunzen beschränkt. Einen Mann eben, der jedem männlichen Klischee entspricht.

Nein, ich bin wirklich froh, mit einem Mann verheiratet zu sein, der schon Pink getragen hat, bevor es Mode war. Mit einem, der noch lieber Schnulzen schaut als ich. Mit einem, der nachts klaglos hundertmal aufsteht und nicht sagt, er müsse ja am nächsten Morgen wieder zur Arbeit gehen, während ich mir zu Hause einen gemütlichen Tag machen könne. Mit einem, der, wenn er Zeit hat, die Wohnung liebevoll dekoriert mit Roststücken, die er unterwegs gefunden hat, mit einem knallblau bemalten Plastikhirsch, mit Koteletts aus Plastik und Ähnlichem. Mit einem, der mitten im Gespräch einen glasigen Blick bekommt, weil er gerade wieder eine Idee hat.

Ja, so ist „Meiner“ und ich liebe ihn dafür. Aber manchmal fällt er mir dennoch auf die Nerven mit seiner überbordenden Kreativität. Zum Beispiel, wenn am Samstagmorgen die ganze Wohnung stinkt, weil er mal wieder Plastiktüten, Eierschachteln und Luftballons im Ofen schmelzen muss, um zu testen, was dann passiert. Wenn er deswegen gerade absolut keine Zeit hat, mir unter die Arme zu greifen, wenn seine vier badenden Söhne die Wohnung unter Wasser setzen. Klar ist es rührend, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat voller Bewunderung sagt: „Mama, der Papa hat immer so gute Ideen.“ Klar ist es grossartig, wenn ihm dann die Kinder an den Fersen kleben, weil sie unbedingt wissen wollen, was als Nächstes passiert und ich dabei in Ruhe bloggen kann. Klar freut es mich, dass sie alle paar Sekunden in „Ahhhhh“ und „Ohhhh“-Rufe ausbrechen, weil das Resultat so beeindruckend ist.

Aber muss er denn unbedingt ungerührt dabei zusehen, wie das Prinzchen sich selber und den ganzen Tisch mit Joghurt vollschmiert? Wobei, wenn ich mich recht entsinne, war ich es, die zugeschaut und danach die ganze Chose fotografiert hat. Denn inzwischen hat er mich angesteckt mit seiner ewigen Suche nach guten Bildern. Die übrigens nicht nur hier für mehr Farbe sorgen, sondern von denen er noch viel mehr in seinem Blog zur Schau stellt.

Ich hab’s getan!

Ich, Frau Venditti, Geborene Martin, 35 Jahre alt, glückliche Mutter und unglückliche Hausfrau, habe heute um zehn nach neun ein Vollbad genommen. Habe alles stehen und liegen lassen. Habe beim Baden nicht einmal in einer der Zeitschriften gelesen, die ich so dringend lesen will, bevor die nächste Ausgabe im Briefkasten liegt. Und nach dem Bad habe ich mich sogar eingecrèmt. Und, halten Sie sich jetzt bitte fest, ich habe mich entspannt. Ja, sie lesen richtig: ENTSPANNT. Das an einem dieser schrecklichen, endlosen Donnerstage. Und das alles ohne schlechtes Gewissen.

Wo bliebt sie eigentlich so lange, meine Tapferkeitsmedaille?

Ich könnte ja, ….

…. ein einziges Mal nur, mein protestantisches Gewissen ignorieren und den zweiten Teil des Vormittags mit einem heissen Bad einläuten. Der Zoowärter schläft nämlich noch selig, das Prinzchen wieder. Den Abfall habe ich bereits vor die Tür gestellt, das Chaos ist heute, an einem Donnerstag (oh, wie hasse ich doch Donnerstage!) ohnehin nicht zu bewältigen und ein beruhigendes Melissenbad wäre genau das Richtige in der hektischen Adventszeit. Ich glaube, meine Familie wird mir dankbar sein, wenn ich mich für einmal in der Badewanne entspanne, anstatt wie eine wütende Wespe durchs Leben zu surren. Ja, ich glaube ich gebe mir den berühmten Tritt in den Hintern und befördere mich ins Bad.

Gleich nachdem ich den Geschirrspüler ausgeräumt habe. Und das schmutzige Geschirr wieder eingeräumt habe. Und die herumliegende Wäsche eingesammelt habe. Und die Bilderbücher im Regal verstaut habe. Und den Tisch geputzt habe. Und dann noch die alten Zeitungen im Altpapier versorgt habe. Dann, ich verspreche es, werde ich mich sogleich in die Wanne stürzen. Falls der Zoowärter dann noch schläft. Denn falls er wach ist, werde ich ihn anziehen, eine kurze Dusche nehmen und dann mit den zwei Jüngsten in die Stadt hetzen, wo ich unbedingt den siebenspaltigen Kalender fürs nächste Jahr abholen muss. Denn so langsam häufen sich die Termine all der Dinge, die man aufs nächste Jahr verschoben hat, weil in diesem Jahr kein Platz mehr war im Kalender. Und diese Termine muss ich ganz dringend eintragen. Ehe ich sie vergesse.

Vielleicht nehme ich mein Bad doch besser erst am Nachmittag. Oder vielleicht am Abend. Oder am Wochenende.

Bin ich denn eine gute Fee?

Nicht, dass ich angeben möchte, aber ich glaube, dieses Jahr habe ich mich selber übertroffen mit den Weihnachtsgeschenken. Ich habe es fertig gebracht, für Luise eine Sascha Morgenthaler Puppe aufzutreiben und dafür weniger auszugeben als das Jahresgehalt des Gesamtbundesrates. Ich habe für den FeuerwehrRitterRömerPiraten mitten im kalten Winter Tauchringe aufgestöbert, für Karlsson orangefarbene und hellblaue Kapla-Steine und für den Zoowärter ein riesiges rosarotes Piglet und dies, obschon der Rest von Winnie Poohs Familie schon längst ausverkauft war. Und meine absolute Glanzleistung: Ich habe es geschafft, dem Prinzchen ein Spielzeug zu besorgen, das es in unserem Haushalt noch nicht gibt. Ist das nicht eine grandiose Leistung? Okay, ich geb’s zu. Wir hatten schon mal eine Kugelbahn, aber die hat inzwischen das Zeitliche gesegnet. Also vielleicht doch keine grandiose Leistung, aber immerhin eine beachtliche. Und das alles ohne Parkplatzsuche und Schlangenstehen, ohne Hetzen in überheizten Geschäften, ja, sogar ohne einen Fuss vor die Haustüre zu setzen.

Vielleicht glaubt „Meiner“ deshalb, dass ich eine Art gute Fee bin, die ihm zu Weihnachten seinen grössten Wunsch erfüllen wird: Mehr Haare auf dem Kopf. Ich weiss nicht, weshalb ausgerechnet ich die Lösung für eines der schwerwiegendsten Probleme der männlichen Hälfte der Menschheit herbeizaubern soll. Und das in bloss acht Tagen, wo sich doch die Forschung seit Jahren die Zähne ausbeisst an der Sache. Auch ich mag ja zwei oder drei Fähigkeiten haben, aber Forschen gehört nicht dazu.

Und so weiss ich schon, wie es an Weihnachten bei uns aussehen wird: Fünf Paar strahlende Kinderaugen und ein betrübter „Meiner“, der sich über die spärlicher werdenden Haare auf dem Kopf streicht. Vielleicht schaffe ich es ja noch, irgendwo eine verstaubte Puderperücke aufzustöbern. Und wer weiss: Vielleicht macht „Meiner“ damit einen alten Modetrend wieder populär und die Probleme der Männer sind gelöst. Zumindest bis der Trend wieder abflaut. Vielleicht bin ich ja doch eine gute Fee?

Gratwanderung

Die folgenden Sätze aus einem Kommentar von gestern wollen mir nicht aus dem Kopf gehen: „Ich liebe Eure Probleme. Ihr wisst nicht, wie gut ihr es habt! …“ Die Aussage stammt von einer Person, die nicht alleine sein möchte. Nehme ich ihr die Aussage übel? Nicht im Geringsten. Denn diese Aussage treibt mich dazu, mir einmal mehr darüber klar zu werden, wie viel mir meine Familie bedeutet. Und wie sehr sie mich dennoch tatgäglich fast in den Wahnsinn treibt…

Nehmen wir heute Nacht, zum Beispiel. Da kommt, irgendwann zwischen vier und fünf Uhr morgens, Luise in unser Bett geschlichen. Wie sie sich so an mich kuschelt, wird mir zum hunderttausendsten Mal bewusst, wie schön es ist, ihre Mutter zu sein. Wie sie so daliegt und in heiligem Ernst  „c – d- e – f – g – a – h – c“ vor sich hin flüstert, um jede Sekunde des Wachseins zum Lernen zu nutzen. Wie sie etwas später mit verzücktem Gesicht von „Erdbeerli“, „Zwergli“ und „Blüemli“ zu schwärmen beginnt. Einfach hinreissend! Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass sie mir jedesmal, wenn ich fast wieder eingeschlafen bin, mit einer unbedachten Bewegung die Decke von der Schulter reisst, worauf ich wieder hellwach bin. Es ändert auch nichts daran, dass sie mir zwei wertvolle Stunden Schlaf raubt. Zwei Stunden, die mir im aufreibenden Alltag fehlen werden. Zwei Stunden, die ich nicht einfach werde nachholen können, wenn mir gerade danach ist. Zwei Stunden, die zusammen mit unzähligen anderen auf dem wachsenden Berg meines Schlafmankos landen werden.

Oder nehmen wir „Meinen“. Es vergeht wohl kein Tag, an dem ich nicht dankbar wäre dafür, dass ich mit ihm das Leben teile. Aber ändert es etwas daran, dass er mich in den Wahnsinn treibt, wenn er meinen bis in die letzte Sekunde geplanten Alltag durcheinander bringt? Kleines Beispiel gefällig? Gestern hatten der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise und Karlsson ihre letzte Schwimmstunde in diesem Jahr. Und zwar im Nachbarort. Zur gleichen Zeit hatte Luise ihre erste ausserordentliche Ballettprobe. Bei uns im Dorf. Eine echte Herausforderung, das alles irgendwie zu schaffen. Aber natürlich findet die Mama einen Weg. Sie heckt einen wasserdichten Plan aus, – die Details erspare ich meinen Lesern. Ich will ja niemanden verwirren, – sorgt dafür, dass jeder zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Oder genauer gesagt: Am rechten Ort wäre, wenn da nicht „Meiner“, mit der ehrbaren Absicht zu helfen, alles durcheinander bringen würde, indem er ein kleines, aber entscheidendes Detail ändert.

Ich glaube, ich weiss, wie gut ich es habe mit meiner grossen Familie. Ich weiss, dass ich ein Geschenk von unfassbarem Wert bekommen habe und ich wünsche mir nie, aber wirklich gar nie, dass ich dieses Geschenk nicht bekommen hätte. Aber ich weiss auch, dass kein Job der Welt so kräftezehrend, so aufreibend ist wie der, für eine Familie zu sorgen. Wer eine Familie hat, weiss genau, was ich meine, wenn ich sage, dass ich meine Familie über alles liebe, dass ich sie aber gleichzeitig mehrmals täglich auf den Mond wünsche. Nicht für immer. Nur für diese kleinen Momente, in denen sie mich zum Wahnsinn treiben. Nur, um mal kurz zwischendurch die leeren Batterien wieder aufladen zu können, die verpassten Schlafstunden nachholen zu dürfen.

Nebenbei gesagt: Singles, die sich eine Familie wünschen, könnten hier unglaublich viel helfen. Ihr dürftet bei uns das Familienleben geniessen, während wir dank eurer Hilfe für ein paar kurze Momente Singles sein dürften. Dann müssten wir uns unsere Familie nicht immer mal wieder auf den Mond wünschen. Können wir ins Geschäft kommen?

Lasst mich doch endlich einmal schlafen!

An mein permanentes Schlafmanko habe ich mich eigentlich schon längst gewöhnt und zwar so sehr, dass ich davon im Normalfall gar nichts mehr spüre. Doch in letzter Zeit habe ich es wohl doch ein wenig übertrieben und so kann ich die Watte im Kopf nicht länger ignorieren. Das erste Jahr mit dem Prinzchen, die Sitzungen, die ich durch angeregte Gespräche mit interessanten Frauen in die Länge gezogen habe, das stundenlange Geplauder mit „Meinem“, der elende Haushalt und schliesslich auch noch das Novemberschreiben, das ich in vollen Zügen genossen habe, waren nun wohl doch etwas viel. Und so gehe ich einmal mehr auf dem Zahnfleisch. So sehr, dass ich mich endlich dazu durchgerungen habe, abends etwas früher ins Bett zu gehen.

Was zur Folge hat, dass meine Familie verrückt spielt. Einmal kriecht „Meiner“, der sonst immer brav gleichzeitig mit mir zu Bett geht, morgens um vier vom Sofa, wo er nach „10 vor 10“ eingepennt war, ins Bett, macht schnell das Licht an, um den Wecker zu stellen und schnarcht dann selig neben mir weiter. Worauf es vorbei ist mit meiner Nachtruhe. An einem anderen Abend wird das Prinzchen wach, kaum habe ich es mir im Bett so richtig bequem gemacht. Und dann wird geplaudert, als habe man nie sonst die Gelegenheit dazu. Ein anderes Mal kommt Karlsson am frühen Morgen ins Zimmer gestürmt und fordert mich auf, aufzustehen, es sei schon fünf vor sieben. Ach Karlsson, warum immer so vernünftig? Ich wollte doch bloss noch ein paar Minuten vor mich hindösen. So wie Obelix, der jedesmal, wenn Asterix ihn wecken will, protestiert „Nur noch ein bisschen…“. Womit auch klar ist, wer bei uns Asterix und wer Obelix ist…

Ich weiss nicht mehr, was sich meine Familie sonst noch ausgedacht hat, um mich vom Schlafen abzuhalten, aber es war viel. So viel, dass ich eines Nachmittags nach dem Kaffee auf dem Sofa eingepennt bin und erst wieder erwachte, als der FeuerwehrRitterRömerPirat die einzige Rolle Aluminium-Folie, die ich je in meinem Leben besessen habe, zu Geburtstagsgeschenken für seine  Freunde verarbeitet hatte. Und da wusste ich, dass etwas geschehen musste. Also verkündete ich meiner Familie, dass ich heute zu Hause bleiben würde, während sie alle zusammen in die Kirche gehen. Die Kinder in ihren diversen Kinderprogrammen bestens versorgt, kann sich auch „Meiner“ im Gottesdienst selig zurücklehnen und ich kann endlich einmal schlafen. Ist doch schön, nicht wahr?

Nun, zu schön, um wahr zu sein. Denn heute früh um fünf nach acht kommt der FeuerwehrRitterRömerPirat ins Zimmer geschlichen. Ist er nicht zuckersüss?, denke ich schlaftrunken, als er sich an mich kuschelt und mich anstrahlt, wie er sonst nur strahlt, wenn er von seiner Liebsten redet. Irgendwann merke ich, dass er mit mir redet. Und was er da sagt, will mir gar nicht gefallen. „Papa hat gesagt, ich soll dich wecken.“ Wie? Habe ich richtig gehört? „Papa hat gesagt, ich soll dich wecken. Der Zoowärter hätte auch mitkommen sollen, aber er will nicht.“ „Ach so, der Zoowärter wollte nicht aufstehen“, filtert mein müdes Gehirn die Informationen heraus, die es hören will. „Das kann mir ja egal sein. Ich schlafe heute aus.“ „Mama, du musst jetzt aufstehen. Der Papa hat’s gesagt“, insistiert der FeuerwehrRitterRömerPirat und mir wird endlich klar, dass ich mich nicht verhört habe. Leider. Denn als ich mich aus dem Bett gekämpft habe, verkündet mir „Meiner“ völlig arglos, die Kinder würden auf die Adventsgeschichte warten.

Und die kann natürlich nur ich erzählen?

Weihnachtsengel

Darauf hat die Welt gewartet:

Wie? Ihr seht nicht was an diesem Pfefferkuchen-Engel besonders sein soll? Nein, es ist nicht der abgeschnittene Kopf, obschon der auch ganz originell ist. Diese leichte Abschrägung, ist sie nicht einmalig? Aber natürlich ist sie das, denn es handelt sich bei diesem Kunstwerk um den allerersten Pfefferkuchen, den das Prinzchen gemacht hat. Völlig freiwillig, weil er nicht mehr länger zusehen mochte, wie die grossen Geschwister ihren Spass haben. Und fast ohne meine Hilfe. Ist er nicht ein Genie? Aber klar ist er das. In zwanzig Jahren kann Sprüngli zusammenpacken mit seinen Luxemburgerli. Dann kommt das Prinzchen. Und ich kann mir endlich gratis den Bauch vollschlagen.

Vorausgesetzt, das Prinzchen bleibt bei seienr Berufung und wird nicht Anwalt oder Bauarbeiter, sondern der weltbeste Konditor. Ganz, wie die Mama wollte…

Sentimental

Was bin ich doch für ein sentimentaler Narr! Breche beinahe in Tränen aus, als ich die letzten Babykleidchen zum Weggeben bereit mache. Halte jedes einzelne Stück seufzend in den Händen und wünsche mir, eines meiner Kinder möchte doch noch einmal ganz klein sein. So klein, dass es in Grösse 50 passt. Schaue mit schwerem Herzen dem Prinzchen zu, wie er auf steifen Beinchen durch die Wohnung stakst und dabei alle paar Meter auf dem Hintern landet. Und natürlich sofort wieder aufsteht, um sein Training fortzusetzen.

Klar, ich freue mich, dass er solche Fortschritte macht. Dass er mir jedes Wort nachzuplappern versucht, dass er jeden Tag ein kleines bisschen selbständiger wird. Ich freue mich natürlich auch, dass der Zoowärter schon ganze Geschichten erzählen kann, der FeuerwehrRitterRömerPirat sich selber das Lesen und Schreiben beibringt, Luise ihre erste Ballettaufführung hat und Karlsson schon so vernünftig ist, dass ich mir selber zuweilen richtig kindisch vorkomme neben ihm. Ja, ich will, dass meine Kinder gross werden.

Und doch geht es mir manchmal zu schnell. Wie oft jammere ich über volle Windelkübel, unaufgeräumte Zimmer, ständig unterbrochene Nächte. Und doch kann ich mir das Leben nicht mehr anders vorstellen, habe ich mich so daran gewöhnt, von kleinen Menschen umgeben zu sein, dass ich mich manchmal ganz verloren fühle ohne sie. Was bin ich doch nur für eine Glucke geworden. Ausgerechnet ich, die ich mir früher ein Leben ohne Kinder ganz gut hätte vorstellen können. Ausgerechnet ich, die ich vor etwas mehr als einem Jahr noch Rotz und Wasser geheult hatte, weil ich noch einmal ganz von vorne anfangen musste. Und jetzt bekomme ich feuchte Augen, wenn ich ein Neugeborenes sehe. Wenn das so weitergeht mit mir, werde ich eine jener Frauen, die sich Puppen kaufen, die aussehen wie echte Babys. Oder eine, die neugeboreren Müttern das Baby fast aus dem Arm reisst, um wiedermal das unbeschreibliche Gefühl zu erleben, ein frisches Menschlein zu halten. Und dass man sich damit nicht bleiebt macht, weiss ich ja.

Ganz normal

Wie meine regelmässigen Leserinnen und Leser wissen, vergöttere ich „Meinen“. Und deshalb ist es auch durchaus legitim, dass ich mal wieder auf einige seiner Macken zu sprechen komme. Sonst meint er noch, er sei perfekt und das ist nicht einmal er. Heute zum Beispiel waren wir mal wieder im Auto unterwegs. Plötzlich auf der Ausserortsstrecke hören wir ein klapperndes Geräusch, eigenartig blechig und so laut, dass wir die „Musig Sunne“, die wir heute etwa viereinhalbmal gehört haben, kaum mehr hören konnten. Weil das Klappern nicht aufhören will, beginne ich mich zu sorgen. Was, wenn wir mit den beiden Jüngsten in Dunkelheit und Regen stehenbleiben? Wir haben ja nicht mal ein Handy dabei. Besorgt schaue ich in den Seitenspiegel und sehe sofort, woher das Klappern kommt: Der Autoschlüssel steckt im Türschloss und schlägt im Fahrtwind gegen die Autotür. Das kann nur „Meiner“ gewesen sein. Denn er ist wohl der letzte Erdenbürger der, wenn er einen altmodischen Schlüssel und eine moderne Fernbedienung zur Verfügung hat, den altmodischen Schlüssel vorzieht. Und sich dann darüber aufregt, dass ich nicht mitten auf der Strasse anhalte, um den Schlüssel aus dem Schloss zu ziehen…

Ein weiteres Beispiel seiner Macken gefällig? Nun, „Meiner“ liebt es, Kleider im Brockenhaus zu kaufen. Je billiger ein Hemd, umso stolzer präsentiert er es allen, die ihn darauf ansprechen. Je hässlicher das Muster, umso schriller kombiniert er das Teil. Neulich kam er mit einem blütenweissen „Hemd“ nach Hause, noch kaum je getragen und originell geschnitten. Stolz berichtet er mir, er habe nur einen Franken dafür bezahlt, und dabei passe es ihm wie angegossen. Nun ja, in meinen Augen hat es ein wenig zu viel Stoff dran und auch die Seitenschlitze habe ich noch bei keinem Hemd gesehen. Aber ich bin ja kein Experte.  Stutzig wird „Meiner“ erst, als er sich das Label anschaut: Seit wann gibt es von „Bébéworld“ auch Männerhemden? Die gibt es natürlich nicht. „Meiner“ hat sich eine Umstandsbluse erstanden. Er hat sich wohl gedacht, dass er jetzt, wo ich der Umstandskleidung endgültig entwachsen bin, auch endlich all die wundervollen Kreationen der Umstandmodeschöpfer tragen darf. Da hoffe ich doch bloss, dass er sich keinen Bauch wachsen lässt.

Ach ja, und dann isst er beim Mittagessen drei, vier Knoblauchzehen und wundert sich, dass alle finden, er rieche heute ein wenig streng. Und neulich hat er sich doch tatsächlich alle Folgen einer Talentshow am italienischen Fernsehen angeschaut. Und gerade jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, ignoriert er geflissentlich, dass der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich im oberen Stock ein heisses Rennen liefern, obschon sie doch längst im Bett sein sollten. Aber ich ignoriere sie ja auch, ist also gar keine Macke.

Und auch die weiteren Macken von „Meinem“ sind nicht weiter schlimm. Eigentlich ist er nämlich ganz normal. Wirklich.