Kahlschlag

Die Sträucher so verdurstet, dass sich Äste ohne grossen Kraftaufwand abbrechen lassen. 

Der Löwenzahn schlapp, seine Wurzeln saft- und kraftlos. Fast ohne Widerstand gibt er das Terrain frei, das er sich im Frühling so selbstbewusst erobert hat. 

Regenwürmer nur in getrockneter Form.

Das Erdreich so krümelig, dass Prinzchen, sein bester Freund, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat den ganzen Nachmittag Archäologen spielen können und sogar eine fast schon historische 200-Lire-Münze zu Tage fördern.

Sogar das lästige Efeu vermag sich nicht richtig gegen unsere Rodungsarbeiten zu wehren. 

Die Gurken kraftlos, unmotiviert und ohne Ertrag. Ohne nur den leisesten Hauch von Wehmut räumen wir das Beet jetzt schon. 

Auch die Nacktschnecken haben sich rar gemacht. 

Keine Frage, der Hitzesommer hat dem Garten ziemlich zugesetzt. Und dadurch beste Bedingungen geschaffen, damit wir mit unserem Kahlschlag viel schneller vorwärts kommen als geplant. Darum gleicht unser Garten nach wenigen Stunden Arbeit bereits einer Wüste. Im Kopf gedeihen deshalb die Träume für zukünftige Gartentage umso üppiger. 

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Wenn mir jetzt noch einer erklären könnte…

…warum Menschen, die viel Geld für eine professionell gestaltete Homepage ausgeben, nicht einen einzigen roten Rappen für eine professionelle Korrektur ausgeben und am Ende ihrer Kundschaft ganz ungeniert solche Sätze zumuten: „Mir viel die Decke auf den kopf, also machte ich Eine Recherge im internet“.

…wie man Schulbücher in durchsichtige Folie einpackt, ohne dass das Zeug andauernd reisst.

…wie der Kerl, der neulich in einem Leserbrief geschrieben hat, fast alle Flüchtlinge, die derzeit auf diesem Planeten nach einem sicheren Zuhause suchen, hätten ihre Heimat freiwillig und ohne Not verlassen, es geschafft hat, all die unzähligen Menschen nach den Beweggründen für ihre Flucht zu fragen.

…wie Luises Schmusetier aus Kleinkindertagen es fertig gebracht hat, trotz ständiger Beobachtung in den Garten zu entweichen, viele Jahre unbemerkt dort vor sich hin zu modern – bis wir auf die Idee kommen, Bäume zu fällen – und trotz allem immer noch als Luises Schmusetier aus Kleinkindertagen erkennbar zu bleiben.

…woher ich den langen Atem nehmen soll, um bei den ganzen Schulweg- und Pausenplatzstreitereien, die noch nie so heftig waren wie in dieser ersten Schulwoche, kühlen Kopf zu bewahren.

…weshalb sich gewisse Menschen doch heute tatsächlich schon zum ersten Mal über „diesen blöden Regen und das ausgerechnet am Wochenende“ beklagt haben.

il paese delle meraviglie; prettyvenditti.jetzt

il paese delle meraviglie; prettyvenditti.jetzt

Potential

Nach acht Wochen Provence und einer Woche Paris heute Abend die Ankunft in der dritten Behausung. Viel kann ich noch nicht sagen, aber der erste Eindruck ist schon mal nicht schlecht. Ruhige Lage, breite Treppe, die nicht bei jedem Tritt knarrt, grosse, helle Räume, anständiger Umschwung, für jedes Kind ein Zimmer… Die Nachbarn, die ich bis jetzt getroffen habe, sind äusserst nett, mir scheint, sie mögen sogar unsere Kinder. Und es gibt Katzen hier. Drei Stück, hat man mir gesagt, obschon wir erst zwei getroffen haben. Ganz ansprechend, würde ich sagen. 

Gut, das Badezimmer ist etwas in die Jahre gekommen und müsste dringend renoviert werden. Im Garten gäbe es auch das eine oder andere zu tun. Die Küchenschränke dürften sie auch mal ausmisten hier und ein neuer Anstrich in den Zimmern könnte nicht schaden. Perfekt ist es nicht, das Haus, aber es hat durchaus Potential. Das sehe ich auf den ersten Blick. Würde es mir gehören, ich hätte da so die eine oder andere Idee.

Fällt mir ein: Es gehört ja mir…

  

Gurkenrezept

Ob ich hier vielleicht mal mein Rezept für Essiggurken bringen würde, fragte shadowlessphoenix, als ich vor einiger Zeit darüber berichtete, wie unmöglich es ist, in Aarau eine anständige Gewürzmischung aufzutreiben. Ich versprach, dies zu tun, sobald ich die Gurken zum Verzehr freigegeben hätte und ich wüsste, ob etwas daraus geworden ist. Nun, offiziell müssten die Dinger noch immer schön brav im Regal stehen, bis das Aroma der Gewürze sich so richtig entfaltet hat, doch Luise und „Meiner“ mochten mal wieder nicht so lange warten und weil sie a) nach dem verbotenen Verzehr noch gesund und munter wirken und b) der Meinung sind, die Gurken seien ganz gut herausgekommen, bringe ich das Rezept eben heute schon. Bitte nehmt es mir nicht krumm, wenn ich keine von diesen perfekten „Seht mal her, wie toll ich gleichzeitig kochen, fotografieren und witzig schreiben kann“-Fotoreportage abliefere. Sowas liegt mir nicht. Wenn ich koche, koche ich und das sieht man meiner Küche auch an. Wenn ich schreibe, dann schreibe ich und dann ist mir die Küche egal. Und Essbares in Szene setzen zum Fotografieren kann ich schon gar nicht, wie man dem unterstehenden Bild auf den ersten Blick ansieht. Das Fotografieren müsste also „Meiner“ für mich übernehmen und der nervt nur beim Einmachen, weil er mir andauernd die Gurken wegschnappt.

Jetzt, wo dies alles geklärt ist, kommen wir endlich zum Rezept. Zuerst einmal schleppt man so viele Einmachgurken wie möglich vom Markt an. Einmachgurken? Also Cornichons, Miniature White, Cocktailgurken… – so kleines Zeugs halt, das gut ins Glas passt. Ich schätze, bei mir waren es etwa vier Kilo. Wäre übrigens nett gewesen, ich hätte die Gurken aus meinem eigenen Garten nehmen können, aber der Ertrag lässt in diesem Jahr leider zu wünschen übrig. 

Zum Würzen habe ich getrocknete Dillspitzen, Estragon, rosa Pfeffer, Pimentkörner, gelbe Senfsaat, Koriandersamen und Lorbeerblätter genommen, für die scharfe Version noch eingelegte Pipi Piri-Schoten. Alles bio, natürlich. Dazu zwei Liter stinkbilligen weissen Tafelessig (leider nicht bio) und zwei Liter nicht ganz so billigen weissen Gewürzessig.

Zu Hause kamen dann erst mal die grossen Einmachgläser – ich schwöre auf Weck – zum Sterilisieren  in den Einkochtopf, der Essig mit ca. zwei Liter Wasser und einer grossen Handvoll Gewürze in eine grosse Pfanne zum Aufkochen auf den Herd. Wie, kein Zucker? Nein, kein Zucker. Wir sind hier nicht in Deutschland und schmeissen überall Zucker rein. Ach ja, gewisse Menschen hätten jetzt auch noch die Gurken mit Salz bestreut und über Nacht stehen lassen, aber sowas liegt mir nicht. Solange das Resultat stimmt, verzichte ich gerne auf überflüssige Arbeitsschritte. Ich begnüge mich damit, die Gurken gut zu waschen und diejenigen, die zu gross sind fürs Glas, in Scheiben oder Streifen zu schneiden. 

Wenn die Gläser sterilisiert sind, kommen die Gurken ins Glas, wo sie mit dem Gewürzessig übergossen werden. Immer schön brav ins Glas und nicht über den Rand, wenn ich bitten darf, obschon ein bisschen Essig auf dem Rand angeblich nichts ausmachen soll. Die Piri Piri lasse ich übrigens bei der Hälfte der Gläser weg, weil bekanntlich nicht alle scharf darauf sind. Wenn die Gläser verschlossen sind, kommen sie nochmals für vierzig Minuten in den Einkochtopf und dann an einen dunklen Ort, wo die Gurken schön lange ziehen können, mindestens zwei Wochen, länger schadet auch nicht. Am besten hoch oben im Vorratsschrank lagern, damit Menschen wie Luise, die nicht warten können, nicht rankommen. „Meiner“ gibt sich ja unschuldig und behauptet standhaft, Luise hätte die Gläser jeweils aufgemacht und einer hätte das Zeug danach halt aufessen müssen.

 

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Fast schon reisefertig

Nach drei Tagen Dauerlesen habe ich heute mal einen Moment lang von meiner Sommerlektüre aufgeblickt und mit Erstaunen festgestellt, dass wir morgen in die Ferien fahren. Irgendwie eigenartig, eben war doch noch Februar und wir überlegten uns, ob wir dieses Jahr überhaupt Ferien machen und wenn ja, wie lange und wo. Und jetzt plötzlich sollten wir bereit sein, damit wir morgen Abend den Zug nicht verpassen. Na dann, lese ich halt in Schweden weiter und erledige, was vor den Sommerferien so alles erledigt sein will:

  • Steuererklärung ausfüllen: Ja, ihr lieben Streber, ich weiss, dass die schon Ende März fällig gewesen wäre, aber da war gerade der Drucker kaputt und als wir endlich wieder einen Drucker hatten, konnte ich mein Handy nicht mehr finden, das mir Zugang zum Online-Banking verschafft hätte, wo ich einen Kontoauszug hätte finden müssen und dann musste auch noch ein Beleg von der Krankenkasse her, den sie dir ja heute auch nicht mehr ins Haus liefern. „Vor den Ferien muss die Steuererklärung vom Tisch“, sagte ich irgendwann resolut, denn sonst werfen sie uns am Ende noch vor, Ferien würden wir uns leisten, aber Steuern zahlen würden wir nicht und weil heute der letzte Tag vor den Ferien ist, habe ich mich eben durch die Papiere gequält. 
  • Katzenfutter anschleppen: Ich hoffe wirklich, die 100 Portionen Nassfutter und die 2 Kilo Trockenfutter reichen für die gefrässige Bande. Vielleicht hätte ich doch besser auf „Meinen“ gehört, der vorgeschlagen hatte, die Kätzchen noch vor den Ferien zu ihren neuen Besitzern umziehen zu lassen. Aber die neuen Besitzer sind wohl ohnehin alle noch alle in den Ferien….
  • Spielkarten basteln: Man wird es nicht für möglich halten, aber ich habe doch tatsächlich ein Kartenspiel für die Zugreise gebastelt. Die Kinder mussten mir nur etwa drei Jahre in den Ohren liegen, bis ich mich endlich dazu durchringen konnte. Nun ja, ich war schon mehrmals drauf und dran, die Sache in Angriff zu nehmen, aber dann fehlte mir wieder die Zeit und als ich endlich Zeit hatte, war der Drucker kaputt (Wie ihr seht, liebe Steuerbehörden, seid ihr nicht die Einzigen, die warten mussten). Jetzt also sind die „Hallo Karlsson“-Karten endlich fertig und hätte „Meiner“ sie nicht so furchtbar schief ausgeschnitten, wäre ich schon fast in Versuchung, auf meine Leistung stolz zu sein.
  • Schwiegermama meinen Garten gezeigt: „Konnte das nicht bis nach den Ferien warten?“, fragt ihr. Nein, konnte es nicht, denn bis Schwiegermama das nächste Mal zu Besuch kommt, befindet sich mein Garten schon längst im Winterschlaf. 
  • Mir den Kopf zerbrochen, ob ich dem Vermieter unseres Ferienhauses unsere Ankunftszeit auf schwedisch mitteilen soll, oder ob ich mich damit vollkommen lächerlich mache. 
  • Mit Karlsson Vorabendfernsehen geschaut: Fragt mich nicht, wie der junge Mann plötzlich auf die Idee kommt, fernsehen zu wollen, aber er wollte. Unbedingt. Weil er ja nie fernsehen darf. Und weil ich fest davon ausgehe, dass dieser Spleen nach zwei Wochen Schweden wieder vorbei sein wird, habe ich eben mitgeschaut. Der Junge weiss doch gar nicht, wie man den Fernseher bedient, wo er doch nie schauen darf…
  • „Meinem“ gesagt, wen er noch alles anrufen muss bevor wir verreisen, was wir auf gar keinen Fall zu Hause lassen dürfen, wo vor noch Ordnung machen sollten, was es noch einzukaufen gibt und welches Essen für die Hinreise vorgesehen ist. Ich hoffe mal, er hat verstanden und macht sich an die Arbeit. Irgend einer muss sich ja um diesen Kleinkram kümmern. 

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Balkontomaten

Heute zwischen ganz viel Nichtstun – lesen, ab und zu ein paar Abschnitte schreiben, „Meinem“ und den Kindern auf die Nerven fallen, mit meinen Tomaten quatschen und schlafen – ist mir aufgefallen, dass meine diesjährige Balkonbepflanzung ganz gut geraten ist. Dabei war es eine reine Verzweiflungstat, weil ich im Mai noch so viele Setzlinge hatte, die ich nicht sterben lassen wollte, auf unserem altersschwachen Balkon aber nicht in schweren Töpfen unterbringen konnte. Weil gerade ein grosses Stück dickes Vlies herumlag und ich ein oder zwei Sack Erde übrig hatte, wagte ich den Versuch: Das Balkongeländer, das für Blumenkistchen vorgesehen wäre, mit Vlies ausgelegt, Erde eingefüllt und Tomaten gepflanzt. Nach einiger Zeit zeigte sich, dass die Pflänzchen dort ganz gut gedeihen und weil inzwischen die ersten Tomaten reifen, wage ich, so zu tun als wäre ich eines jener Garten-Genies, die anderen sagen können, wie sie mit wenig Aufwand viel Ertrag bekommen. 

Na ja, solange es hell ist, sieht das Ganze nicht so spektakulär aus, aber wenn ihr jetzt sehen könntet, wie das nachts aussieht, wenn die Vögel leuchten, die mir im schwedischen Möbelhaus zugeflogen sind, dann würdet ihr jetzt ganz bestimmt ein wenig neidisch. Und wenn „Meiner“, der hier für das Fotografieren zuständig ist, meine schönste orangefarbene Tomate ins Bild gekriegt hätte, würde euch jetzt das Wasser im Munde zusammenlaufen. 

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Manchmal ist das Leben…

Gliederschmerzen, die so heftig sind, dass ich kaum die Teetasse halten mag, Luise, die mich stets dann aufweckt, wenn ich endlich am Wegdämmern wäre, Karlsson, der zum gefühlt hundertsten Mal mit Verve Mozarts „Türkischen Marsch“  – den ich gewöhnlich wirklich mag – in die Klaviertasten haut, elende Fliegen, die mir um den Kopf surren, ein Kätzchen, das auf der Jagd nach einer dieser Fliegen eine Tasse voller Tee auf meine Matratze kippt, ein Schädel, der dermassen brummt, dass ich nicht mal lesen mag, stechende Schmerzen beim Einatmen, ein Telefon, das stets dann klingelt, wenn es wieder jemand von meinem Nachttisch entfernt hat und dieser jemand sich ebenfalls so weit entfernt hat, dass ich ans Telefon gehen muss, die Aussicht auf einen sechzehnten Hochzeitstag im Bett anstatt beim romantischen Abendessen, ein „Kranke Mama im Haus“-Chaos, das sich fast unaufhörlich ausweitet… – Kurz: Ein Tag zum Vergessen.

Wäre da nicht Karlsson, der mit besorgter Miene zu mir sagt, vielleicht hätte ich die Besprechung von heute Morgen doch besser sausen gelassen. Das Prinzchen, der sich auch nach der zweiten Kronen-Lichtnelken-Lieferung nicht davon abhalten lässt, noch einmal fröhlich singend für mich in den Garten zu rennen, um doch noch die gewünschten Salbeiblätter zu finden. Dazwischen die rührende Beschreibung, wie gross die Schwalbenschwanzraupen bereits geworden sind. Ein ganzer Becher „Swiss Chilbi“-Glace, den ich mir ohne schlechtes Gewissen ganz alleine einverleiben darf, weil ich a) Halsschmerzen habe und Medizin brauche, b) heute noch kaum etwas gegessen habe und c) niemand aus meinem Becher essen darf, weil er sich sonst ansteckt. „Meiner“, der mir voller Stolz vorführt, wie elegant er morgen am Maienzug  – der zufällig auch unser Hochzeitstag ist – aussehen wird. Luise, die wieder gesund ist und fröhlich von ihren Erlebnissen in der Mädchengruppe, der sie sich neulich angeschlossen hat, plaudert. Der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat, die es für einmal fertig bringen, einen Krankheitstag auch wirklich schlafend im Bett und nicht zankend und streitend zu verbringen. Gesunde Kinder, die für einmal widerspruchslos helfen, das Chaos zu beseitigen. Die Zugtickets für die Schwedenreise, die „Meiner“ endlich am Bahnhof abgeholt hat. – Kurz: Ein Tag, der zwar zum Vergessen ist, der mir aber dennoch vor Augen führt, was für ein glücklicher Mensch ich doch bin. 

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Besser jetzt…

Besser jetzt, als in den Sommerferien. Und erst recht besser jetzt, als dann, wenn Karlsson in der Musikwoche ist oder Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat im Jungscharlager sind. Besser auch jetzt, wo keine Prüfungen mehr zu schreiben – und nachzuholen, wenn man sie verpasst – sind. Besser jetzt, wo das Jugendfest vorbei ist. Besser fast alle zusammen intensiv, als endlos, einer nach dem anderen. Besser hier, wo wir mit der Apotheke auf du und du sind, als in Schweden, wo du für jedes halbwegs wirksame Medikament zuerst zum Arzt gehen musst. Besser nicht am Geburtstag des FeuerwehrRitterRömerPiraten. Besser jetzt, wo es im Garten noch nicht viel zu ernten und in der Küche noch nicht viel zu verarbeiten gibt. Besser jetzt, wo „Meiner“ nicht mehr mit Terminen eingedeckt ist und deshalb auch zu anständigen Zeiten nach Hause kommt. Besser jetzt, wo kaum einer mehr etwas von einem will, in der Annahme, dass wir ohnehin schon auf dem Sprung in die Ferien sind.

Ich muss also zugeben, dass die Sommergrippe uns noch selten so rücksichtsvoll überfallen hat. Dennoch könnte sie mir gut und gerne gestohlen bleiben.

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Gespräch im Garten

„Äs gommt Rägen“, sagten meine Tomatenpflanzen heute zu mir, als ich kurz bei ihnen vorbeischaute, ehe der Jugendfestumzug begann.

„Erstens heisst das ‚Heute wird es regnen‘ und nicht ‚Äs gommt Rägen‘ und zweitens: Woher wollt ihr so genau wissen, dass es heute regnen wird? Diesen Sommer regnet es nie.“

„Erstens sagen wir ‚Äs gommt Rägen‘, weil du das immer so hinreissend lustig fandest, als Prinzchens bester Freund das so sagte und zweitens hast du gestern Abend das Fenster offen gelassen, als du die Wetterprognose geschaut hast und wir haben jedes Wort mitgehört. Der Wetterfrosch hat gesagt, es werde regnen und zwar heftig und darum möchten wir wissen, was du zu tun gedenkst, damit unsere empfindlichen Blättchen nicht nass werden.“

„Ach, ihr wollt doch nicht etwa glauben, was dieser Clown im Fernsehen sagt?“, entgegnete ich. „Der redet ja alle paar Tage eine mittelgrosse Sintflut herbei und am Ende bleibt es trocken wie immer. Ihr müsst froh sein, wenn ihr dieses Wochenende überhaupt nasse Würzelchen bekommt…“ „Was, wenn der Clown für einmal recht hat?“, unterbrachen die Pflanzen meinen Redeschwall.

„Ich hab‘ ja diese netten Röckchen aus Vlies, die ich euch überziehen kann…“, begann ich, doch die grösste der Tomatenstauden – ich glaube, es ist eine Saucey – unterbrach mich. „Du hast genau fünfzehn von diesen netten Röckchen, wir sind aber mindestens dreissig Pflanzen.“ „Unsere Kolleginnen auf dem Balkon nicht mitgezählt“, ergänzte die weisse Ochsenherz, die zwar partout nicht gross werden will, aber trotzdem immer das grosse Wort schwingt. Die weiss halt, dass sie etwas ganz Besonderes ist. 

„Nun beruhigt euch doch“, beschwichtigte ich die aufgebrachten Stauden. „Ich fahre jetzt gleich in die Landi und hole euch noch ein paar weitere Röckchen. Noch vor dem Jugendfestumzug, versprochen.“ „Okay, wir werden dann ja sehen“, meinte die Saucey mit leicht zynischem Unterton, doch ich hatte jetzt wirklich keine Zeit mehr, mich um sie zu kümmern, denn die Kinder mussten geputzt und gestriegelt werden. 

Am Nachmittag fielen dann tatsächlich ein paar Regentropfen, was mir eine willkommene Ausrede bot, die Kinder auf dem Rummelplatz einzusammeln und nach Hause zu gehen. Natürlich ging ich umgehend zu meinen Tomaten. Immerhin hatte ich ihnen ein Versprechen abgegeben. 

„Es regnet bereits“, sagte die Gelbe von Thun vorwurfsvoll, als ich mit meinem Vlies angerannt kam. „Es regnet nicht, es tröpfelt ein wenig. Wenn ich den Gartenschlauch mal etwas zu stark einstelle bekommen eure Blättchen mehr Wasser ab als bei diesem kleinen Regen“, entgegnete ich und machte mich daran, das Vlies zuzuschneiden. „Über diesen Gartenschlauch könnten wir uns auch mal unterhalten“, meinte das Baselbieter Röteli spitz. „Wo bist du überhaupt so lange geblieben?“ „Mutterpflichten“, antwortete ich knapp, denn ich war gerade dabei, ein widerspenstiges Stück Schnur zu bändigen. „Was für Mutterpflichten denn? Ich hab‘ gedacht, du wärest auf einem Fest gewesen“, fragte Black Seaman. „Kinder nach dem Umzug einsammeln, Schülerverpflegung abholen, versalzene Pommes Frites kaufen, Taschengeld austeilen, Begleitung auf dem Rummelplatz, Streit schlichten,… was man halt so macht auf einem Jugendfest“, erklärte ich. „Klingt nicht sehr festlich“, meinte Black Seaman, die anderen Pflanzen pflichteten ihm bei und für einmal an diesem Tag waren die Tomaten und ich uns einig. 

Die Einigkeit dauerte nicht lange, denn schon bald fing eine dieser gross gewachsenen Stauden – ich habe ihren Namen leider vergessen – an zu stänkern: „Kannst du mir nicht ein etwas grösseres Kleidchen überziehen? Du klemmst mir ja die Zweige ein.“ „Nun hab dich nicht so. Das Vlies muss für alle reichen“, gab ich zur Antwort. „Na, waren wir mal wieder knausrig?“, fragte das Baselbieter Röteli, das noch immer eingeschnappt war, weil es ein paar Regentropfen abbekommen hatte. „Knausrig? Fast 20 Franken habe ich ausgegeben, um euch vor einem Regen zu schützen, der vielleicht nicht mal kommt. Es hat bereits wieder aufgehört…“, sagte ich. 

„Es mag zwar für den Moment aufgehört haben“, sagte die Purpurkalebasse, „aber es wird wieder kommen.“ „Das will ich doch hoffen. Sonst hätte ich mich jetzt umsonst damit abgemüht, euch allen ein nettes kleines Röckchen überzuziehen, anstatt mich bei einem ausgiebigen Mittagsschlaf von den Feststrapazen auszuruhen“, erwiderte ich.

„Eines Tages wird diese Frau noch verfaulen“, hörte ich die Tigrella zu San Marzano sagen, als ich ins Haus ging, um den verpassten Mittagsschlaf nachzuholen. 

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Schon fast ein Feiertag

Wenn die Kinder mittags nach Hause kommen, herrscht bei uns erst mal buntes Chaos, bis alle erzählt haben, was sie unbedingt loswerden müssen. Oft nehme ich dabei die Rolle des Abfallkübels ein, der bis zum Rand angefüllt wird mit dem ganzen Mist, der sich am Vormittag angesammelt hat. Und weil keiner den anderen ausreden lässt, halte ich mir irgendwann die Ohren zu, um erst dann wieder etwas hören zu müssen, wenn alle satt und deshalb auch wieder halbwegs zufrieden sind. An gewissen Tagen aber kommen die Kinder in die Küche gestürmt und überhäufen mich mit guten Nachrichten. Zum Beispiel heute:

Karlsson (mit einem schlecht kaschierten Grinsen auf dem Gesicht): „Ich hab‘ heute den Mathetest zurückbekommen. Ist total mies herausgekommen.“

Ich: „Ach ja, darum strahlst du auch über dein ganzes Gesicht.“

Karlsson (jetzt ganz offensichtlich grinsend): „Nein, wirklich. Total mies. Ich hatte eine drei.“ (Für Leser aus Deutschland: 6 ist bei uns die beste Note, 1 die schlechteste.)

Ich: „Ach komm schon, sag endlich, was du wirklich hattest, sonst platzt du noch vor Glück.“

Karlsson: „Okay, es ist wirklich mies.“ Und dann nennt er mir eine Note, die irgendwo zwischen 5 und 6 liegt, also eine sensationelle Mathenote für einen Venditti.

Ehe ich mich fertig gefreut habe, kommt der Zoowärter angerannt und drückt mir ein Blatt Papier in die Hand. Ich brauche gar nicht erst zu lesen, um zu sehen, worum es geht. Der mit Leuchtstift markierte Name des Zoowärters sticht mir sofort ins Auge und ich weiss, dass er es geschafft hat, zu den 6 Schnellsten seines Jahrgangs zu gehören. Das heisst, er darf am Freitag am grossen Rennen mitmachen. Etwas, was vor ihm noch kein Venditti geschafft hat. Ausser Luise, doch dann wurde das Rennen wegen schlechten Wetters abgesagt.

Wieder komme ich kaum dazu, meiner Freude Ausdruck zu verleihen, denn jetzt steht Luise da: „Ich bin dabei! Ich war Drittschnellste. Und der Zoowärter ist auch dabei! Und in Sachkunde hatte ich eine…“ Sie nennt ebenfalls eine Note, die irgendwo zwischen 5 und 6 liegt und ich bringe vor lauter Staunen meinen Mund nicht zu, hatte ich doch beim Abfragen befürchtet, sie würde den Test in den Sand setzen. 

Momente später bekomme ich ein weiteres Blatt in die Hand gedrückt, diesmal vom Prinzchen. Es ist die Einladung zum Kindergarten-Abschlussfest. Das Fest, bei dem die Kinder von den Kindergärtnerinnen dazu verdonnert werden, zuerst allen Junk-Food aufzuessen, ehe sie Früchte und Gemüse bekommen. Und falls es warm ist, müssen sie sich eine richtig wilde Wasserschlacht liefern. Also noch einmal wunderbare Nachrichten. 

Einzig der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt heute ohne freudige Überraschung nach Hause. In mir will schon leise Panik hochkommen, denn ich weiss, wie sensibel unser Dritter reagiert, wenn alle glücklich sind, nur er nicht. Doch dann kommt mir in den Sinn, dass der Pöstler einen bunten Brief für ihn gebracht hat. Ein Brief voller wunderbarer Gutscheine, von denen er einen gemeinsam mit seinem Cousin oder einem Freund einlösen darf. Also strahlt auch der FeuerwehrRitterRömerPirat. 

Jetzt, wo alle für einmal überglücklich und vollkommen friedfertig sind, kann ich endlich auch erzählen, was mich heute Vormittag fast hat platzen lassen vor lauter Freude: Zwei noch ganz winzige Schwalbenschwanzraupen, die auf meinem Fenchel das Licht der Welt erblickt haben. Ich weiss nicht, wie viele Jahre ich auf dieses kleine Wunder gewartet habe, aber jetzt ist es endlich eingetroffen. 

Eigentlich wäre heute Mittag ein Festessen fällig gewesen.

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