Familien-Strickmuster

In Zeiten, in denen die Angst vor der Überalterung der Gesellschaft wächst, darf die perfekte Familie wieder mehr als zwei Kinder haben. Lange Zeit sah das Bild ja so aus: Papa mit bereits leicht angegrauten Schläfen, Mama ein paar Jährchen jünger, Junge, Mädchen. Zur Not durften es auch zwei Mädchen sein, zwei Jungen aber lieber nicht, weil es zu laut werden könnte.

Natürlich wird dieses Bild nicht über Nacht verschwinden, aber immer öfter wird mit Drei- bis Vierkindfamilien geworben, wenn Eltern Geld locker machen sollen. „Schaut her, wer bei uns einkauft, kann sich mehr als zwei Kinder leisten“, lautet die Botschaft. Und so lächeln dann von den Plakaten ein Papa mit leicht angegrauten Schläfen, eine Mama, die einige Jährchen weniger auf dem Buckel hat, eine vernünftige älteste Tochter, ein angepasster Zweitältester, eine verträumte jüngere Tochter und ein schalkhafter Jüngster. So sieht sie heute aus, die perfekte Familie, selbstverständlich zufrieden und sorgenfrei.

Auch wenn es begrüssenswert sein mag, dass heute auch als glücklich gelten darf, wer viele Kinder hat, so bleiben die Bilder realitätsfremd wie eh und je. Wir zumindest hatten schon Mühe damit, uns an das Strickmuster Mädchen-Junge-Mädchen-Junge zu halten, von der perfekten Harmonie und dem sorgenfreien Alltag ganz zu schweigen.

Glücklich sind wir trotzdem mit unseren Kindern.

20121119-221001.jpg

Nicht wie, sondern wer

Die Präsidentschaftswahlen in den USA haben das Thema mal wieder an die Oberfläche gespült: Evolution oder Schöpfung? Wieder einmal dürfen wir Zeugen sein davon, wie sich die beiden Lager gegenseitig bekämpfen, vor allem in den USA, in abgeschwächter Form auch hier. Die einen halten die anderen für dumm, die anderen die einen für ungläubig und reden kann man schon längst nicht mehr miteinander, weil anbrüllen so viel schöner ist.

Mir gehen diese Grabenkriege gewaltig auf die Nerven. Dieser Hass, dieser giftige Spott, diese Verbissenheit, mit der gegeneinander vorgegangen wird. Ist es die Sache wirklich Wert? Da behaupten beide Seiten, fast bis ins kleinste Detail zu wissen, wie es genau war, obschon weder Theologen noch Naturwissenschafter zugegen waren, als es tatsächlich geschah. Es liegt mir fern, die eine oder die andere Wissenschaft zu verteufeln, sie beide bemühen sich redlich darum, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen, wenn auch von ganz unterschiedlicher Warte aus. Was ich beim besten Willen nicht verstehen kann ist, warum keine der beiden Seiten zugibt, dass man nie alles wissen wird, möge man auch noch so viel Spannendes erforschen.

Es gab eine Zeit, da versuchte ich mitzukämpfen, Argumente dafür und dagegen zu formulieren, doch irgendwann habe ich erkannt, dass die Frage „wie?“ für mich weit weniger wichtig ist als die Frage „wer?“ Denn so sehr ich es auch versucht habe, ich kann mir nicht vorstellen, wie etwas hätte werden sollen – auf welche Weise auch immer -, ohne dass jemand die Idee dazu gehabt hätte. Wo doch nicht mal ein Spiegelei wird, wenn nicht einer kommt und das Ei in die Pfanne haut.

20121112-000942.jpg

Hach, wie rührend

Altern ist neuerdings sexy, haben wir erfahren. Man schickt jetzt gerne weisshaarige Models auf den Laufsteg, fast so klapprig wie die Jungen, aber mit einigen Falten im Gesicht. Der gerührte Betrachter denkt, wie nett es doch ist, dass die Alten nicht mehr aus der Welt der Schönen ausgeschlossen sind. Und der Verkäufer reibt sich die Hände. Ans Portemonnaie der alternden Babyboomers kommt man offenbar am besten ran, indem man ihnen das Gefühl gibt, begehrenswert zu sein.

Was auf dem Laufsteg in ist, flattert schon bald einmal via Katalog ins Haus: Hinreissende ältere Damen, entspannt und elegant. Modische Kleidung, die langen, schlanken Beine frei von Krampfadern, das schlohweisse Haar lang und gepflegt, keine Altersflecken, die Falten eindeutig nur vom Lachen, ganz bestimmt nicht vom Weinen.

Hach, wie muss das Alter schön sein!
Hach, wie ist es bitter, dass nun auch die Siebzigjährigen beim Blick in den Spiegel erkennen müssen, dass sie dem Schönheitsideal nicht genügen!

20120924-160714.jpg

Wiedermal ein paar Fragen

1. Ist ein Anflug von Schadenfreude erlaubt, wenn die Verurteiler der Nation auf einmal erkennen müssen, dass Begriffe wie Burnout, Mobbing und Krankschreibung keine Erfindung der Gebrüder Grimm sind?

2. Soll ich mich mit meiner Mutter freuen, wenn es ihr vergönnt ist, auf dem Haupt ihrer jüngsten Tochter die grauen Haare spriessen zu sehen? Oder soll ich mich heulend ins Badezimmer verkriechen und mir die Haare färben?

3. Auch nach einem Tag beobachten und Abtasten des Bauches bleibt die Frage: Leidet der FeuerwehrRitterRömerPirat an Verstopfung, hat er eine Blinddarmentzündung oder möchte er mir etwas Wichtiges mitteilen?

4. Schaffen es meine Tomaten noch, oder muss ich mich allmählich nach Rezepten für Marmelade aus grünen Tomaten umsehen?

5. Darf man einem Menschen schonend beibringen, dass man über gewisse Themen nicht mehr mit ihm reden möchte, oder ist es besser, jedes Mal das Thema zu wechseln, wenn er wieder davon anfängt?

6. Wie bringe ich „Meinen“ dazu, zu diesem Räucherofen ja zu sagen, den ich neulich so günstig auf Ricardo gesehen habe?

7. Haben wir unseren Jüngsten zu sehr verwöhnt, oder ist es nur eine Phase?

8. Hat man einen Knacks, wenn man vor der zweiten Klassenzusammenkunft schlecht träumt? Dass man sich vor der ersten fürchtet, ist ja eigentlich klar, aber sollte man die zweite nicht ganz gelassen angehen können?

9. Wird es in Italien noch gleich sein wie letztes Jahr, oder ist jetzt, wo man so viel über den Niedergang liest, alles noch chaotischer geworden?

10. Mal angenommen, ein sehr lieber Mensch schenkt dir acht Gutscheine für nahezu-gratis Schifffahrten, die er von einer sehr verrufenen Grossbank erhalten hat. Nimmst du die Gutscheine dankend an, oder sagst du: „Ist ja wirklich lieb gemeint von dir, aber von denen lasse ich mich nicht um den Finger wickeln.“?

11. Darf man um diese Zeit noch mit dem Stabmixer hantieren oder muss ich die Gabel nehmen?

Das sehen wir doch alle gleich, nicht wahr?

Du kannst reden, mit wem du willst, jeder findet es eine Sauerei, dass wir Waren kaufen, die irgendwo, weit weg von hier von Kindern hergestellt worden sind. Jeder betont, wie wichtig es sei, dass wir weniger konsumieren, weniger Auto fahren, weniger Strom verbrauchen, weniger Müll produzieren, weniger fernsehen, weniger zum Arzt rennen, weniger Lebensmittel wegschmeissen, weniger fliegen, weniger Süsses konsumieren, weniger Spuren hinterlassen. Jeder findet es abscheulich, dass Kinder geschlagen und vernachlässigt werden, jeder fordert, dass Frauen und Männer in allen Dingen gleichberechtigt sein sollen, jeder ist empört darüber, dass noch immer so viele Kinder verhungern, jeder beklagt sich darüber, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, jeder ist besorgt darüber, dass der Umgangston immer rauher wird, jeder findet es bedenklich, dass der Leistungsdruck immer noch weiter zunimmt, jeder ärgert sich, dass bald jeder Quadratmeter Boden überbaut ist, jeder ist fassungslos, dass Tiere durch halb Europa gekarrt werden, bevor sie als Fleisch auf dem Teller landen, jeder glaubt, dass es so nicht weitergehen kann, jeder ist überzeugt, dass wir einmal grundlegend über die Bücher gehen sollten.

Warum, so frage ich mich, sieht es auf unserem Planeten noch immer so düster aus, wo wir doch offenbar alle der gleichen Meinung sind? Oder meint am Ende jeder nur den anderen, wenn er davon redet, was alles anders werden sollte?

 

Zehn Dinge, die dir heutzutage keiner mehr verzeiht

1. Du kommst zu spät, weil du dich verfahren hast. „Was um Himmels Willen ist bloss passiert? Ist Ihr GPS ausgestiegen? Wie? Sie haben kein GPS?“

2. Du erziehst dein Kind einsprachig, obschon du es zweisprachig hättest erziehen können.

3. Du gibst einem Bettler einen Zweifränkler, obschon er dir nicht die nötigen Dokumente vorlegen kann, die belegen, dass er alles Menschenmögliche unternommen hat, um aus eigener Kraft wieder zu einem voll funktionstüchtigen Mitglied der Gesellschaft zu werden.

4. Du lässt dir ganze zwei Stunden Zeit, um eine Mail zu beantworten.

5. Du wagst es, offen dazu zu stehen, dass dir Grammatik etwas bedeutet.

6. Du rennst nicht zum Therapeuten, obschon dein Kind nun schon zum dritten Mal in diesem Jahr das Bett genässt hat.

7. Du erdreistest dich, über eine Idee laut nachzudenken, bevor du dazu ein zwölfseitiges Konzept, einen umfangreichen Businessplan und eine ansprechende Power Point Präsentation erarbeitet hast.

8. Du mutest deinem Haustier zu, dass es Dinge, die seine Artgenossen während Jahrtausenden ohne menschliche Hilfe getan haben, weiterhin selber tut, obschon es heutzutage doch so viele interessante Möglichkeiten gäbe, das Tier vom Menschen abhängiger zu machen.

9. Du vertrittst allen Ernstes die Meinung, dass auch Menschen, die nicht in der Schweiz geboren worden sind, das Recht haben, sich nach einem besseren Leben zu sehnen. Ja, du wagst es gar, daran zu erinnern, dass vor gar nicht allzu langer Zeit Wirtschaftsflüchtlinge aus unserem Land ausgezogen sind, um andernorts ihr Glück zu suchen.

10. Die grösste aller Sünden: Du bist nicht erreichbar, weil du das Haus ohne funktionstüchtiges Handy verlassen hast.

 

Gespräch mit einer Immigrantin

Sie ist vor mehr als drei Jahrzehnten in die Schweiz eingewandert, die Sprache ist ihr noch immer fremd, die Lebensweise der Menschen hier versteht sie nicht immer und obschon sie nie mehr in ihre alte Heimat zurückkehren könnte, wird sie sich wohl auch hier nie ganz zu Hause fühlen. Wir kommen ins Gespräch miteinander – auf Italienisch, denn Deutsch geht nicht -, reden über meine Kinder und ihre Freunde.

Ich: „Ich bin so froh, dass unser Ältester gute Freunde gefunden hat, die ähnliche Interessen haben. Freunde, die damit leben können, dass er mit Fussball nichts anfangen kann.“

Sie: „Ja, es ist wichtig, dass die Kinder nicht in schlechte Kreise geraten.“

Ich: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat jetzt einen neuen Freund. Er kommt aus Eritrea, ein unglaublich fröhliches Kind. Die zwei verstehen sich prächtig.“

Sie (zögerlich): „Nun ja, ich denke, Kinder sind auf der ganzen Welt gleich. Aber Erwachsene… Aber die Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien sollen wirklich schlimm sein, sagt man…“

Ich: „Nun, hier im Dorf leben sehr viele nette Familien, die aus dem Balkan eingewandert sind…“

Sie: „Ja, kann schon sein, dass einzelne anders sind, aber die meisten sind richtig schlimm, glaube ich.“

An diesem Punkt musste ich meinen Nerven zuliebe das Thema wechseln. Wir redeten dann darüber, wie mühsam wir es finden, dass Ausländerfeindlichkeit immer salonfähiger wird.

Kleiner Junge

Er ist nicht mein Kind und ich kenne ihn auch nicht besonders gut. Ich weiss nur, dass er in seinem kurzen Leben schon mehr Schweres erlebt hat als manch ein Erwachsener. Wenn ich ihm hin und wieder begegne, fällt mir seine Fröhlichkeit auf, seine Lebensfreude, aber auch seine Starrköpfigkeit. Kein Kind, mit dem man einen Spielwarenladen besuchen möchte, denn gegen seinen harten Kopf kann man wohl nur verlieren. Er ist nicht frech oder ausfällig, aber er fordert mit seinem Verhalten, dass man sich mit ihm auseinandersetzt. Mir gefällt der Junge, in ihm brennt ein Feuer, das vielen Kindern fehlt, die es leichter haben als er. So sehe ich ihn.

Andere sehen ihn offenbar anders. Für sie ist er „hochgradig gestört“, weil seine Mama öfters mal an die Grenzen stösst, wenn sie ihn in die Schranken weisen will. Er ist „untragbar“, weil er sich nicht einfach ignorieren lässt. Er ist ein „Saugoof“, weil er ein Nein meist nicht beim ersten Mal akzeptiert. Auch nicht beim zweiten oder dritten Mal.

Mir bricht fast das Herz, wenn ich die Leute so reden höre. Macht ein Erwachsener eine Lebenskrise durch, darf er abstürzen, man zeigt Verständnis für irrsinnige Frustkäufe, man verzeiht ihm verletzendes Verhalten, man sieht ihm Dinge nach, die man gewöhnlich aufs Schärfste verurteilt. Macht aber ein kleines Kind Schweres durch, dann soll es gefälligst weiterhin so funktionieren, wie man es von einem artigen kleinen Menschen erwarten darf.

Es bereitet mir Bauchweh…

…wenn mir die Kinder erzählen, dass Deutsche Mitschüler fertiggemacht werden, weil sie sich wünschen, dass Deutschland Europameister wird. Wie das wohl morgen auf dem Pausenplatz zugehen wird?

…wenn viele meiner Landsleute mehr Mitgefühl aufbringen für ein Schlagersternchen, das sitzengelassen wurde, als für Asylsuchende, die nach dem Willen des Nationalrates mit nur noch acht Franken am Tag auskommen sollen.

…wenn immer öfter Unsägliches laut ausgesprochen und in Leserbriefen veröffentlicht wird. Was man vor zehn Jahren noch nicht zu denken gewagt hätte, äussert man heute ohne zu erröten und mit grosser Lust an der Provokation.

…wenn viele Schweizer nur noch darauf bedacht sind, eine dicke Butterschicht auf dem eigenen Brot zu haben und dabei nicht bemerken, dass längst nicht mehr jeder in Europa überhaupt Brot hat.

…wenn ich sogar von Pensionierten schräg angesehen werde, weil ich kein GPS besitze. Darf man sich denn heute nicht mehr verfahren?

…wenn die Strassen voller Baustellen sind. Nicht, weil deswegen der Verkehr stockt, sondern weil daran ganz klar sichtbar wird, wo die Prioritäten liegen. Nämlich ganz bestimmt nicht im Umweltschutz.

…wenn ich Tag für Tag neue Dinge entdecke, die mir Bauchweh bereiten.

(Un)verdrossen

Bereits die zweite Abstimmung in Folge verpasst. Wenn das so weitergeht mit mir, dann werde ich, was ich nie habe werden wollen: Eine unzufriedene Bürgerin, die nur jammert und von ihrem Stimmrecht keinen Gebrauch macht. Nun gut, so tief gesunken bin ich noch nicht, die letzten beiden Abstimmungen habe ich auch nicht aus absoluter Gleichgültigkeit verpasst, aber ganz offensichtlich war mir die Sache auch nicht wichtig genug, dass ich rechtzeitig daran gedacht hätte, die Stimmzettel auszufüllen. Ziemlich alarmierend, finde ich. Dennoch überrascht es mich nicht, habe ich doch derzeit grosse Mühe mit dem Stück, das auf der politischen Bühne gespielt wird.

Nein, ich würde nicht von Verdrossenheit sprechen, wenn ich mein derzeitiges Verhältnis zur Politik beschreiben müsste, aber eine gewisse Ermüdung kann ich nicht leugnen. Oh ja, ich will daran glauben, dass auch meine Stimme zählt und doch überkommt mich beim Lesen der Inland-Berichterstattung immer öfter eine grosse Verzweiflung. Diese Selbstgerechtigkeit, dieses Gejammer darüber, dass unser ach so hoher Lebensstandard – der sich durch Burnout, Verkehrskollaps und eine zerstörte Umwelt auszeichnet – in Gefahr ist, diese Kälte gegenüber Schwächeren, die je länger je mehr das Denken beherrscht. Immer öfter überkommt mich ein Gefühl der Ohnmacht, wenn ich sehe, wie hier ein Problem aufgebauscht und dort eine schreiende Ungerechtigkeit ignoriert wird. Gehört wird nur noch derjenige, der poltert. Wer differenziert argumentieren will, wird niedergeschrien, bevor er den Satz zu Ende geredet hat. Das heisst, in hin und wieder ist differenzieren durchaus gefragt, nämlich dann, wenn es darum geht, Dinge schönzureden, die alles andere als schön sind. Ansonsten aber bitte nur Schlagworte.

Nun gut, wenn ich lese, was ich soeben geschrieben habe, sieht das doch ziemlich nach Verdrossenheit aus. Aber dabei bleiben will ich nicht, denn das hiesse ja, dass ich mich kleinkriegen liesse von jenen, die nur zu froh sind, wenn eine weniger gegen ihre Vorlagen stimmt. Und deswegen werde ich beim nächsten Mal wieder mitmachen, wenn unsere Meinung gefragt ist. Und vielleicht werde ich dann sehen, dass nicht immer alles anders kommt, als ich es wünsche. Heute hätte ich ja durchaus auch Grund zur Freude gehabt, wenn ich denn meine Stimmzettel eingeworfen hätte.