Hinschauen?

Täglich spazieren hunderte von Kindern an unserem Haus vorbei. Sie lachen, erzählen einander Witze, spielen Fangen und manchmal geraten sie sich auch in die Haare. Völlig normale Kinder, ziemlich glücklich, ziemlich wohlbehütet. Denkt man. Doch sobald man genauer hinschaut, merkt man, dass der Schein trügt. Man hört Geschichten von Kindern, die zu Hause brutal geschlagen werden. Kinder, die tagtäglich an unserem Haus vorbeigehen, nicht Kinder, die irgendwo im fernen Indien leben. Man weiss, dass einige Kinder zu brutalen Schlägern mutieren, sobald man sie reizt. Kinder, die tagtäglich an unserem Haus vorbeigehen, nicht Kinder, die irgendwo in einem der verrufeneren Viertel Zürichs leben. Man sieht einige dieser Kinder, wie sie Mittag für Mittag alleine auf der Strasse sind und viel zu früh auf dem Schulhof herumlungern. Kinder, die tagtäglich an unserem Haus vorbeigehen, nicht Kinder, die irgendwo in einer anonymen Hochhaussiedlung leben.

Muss man da hinschauen? Darf man wegschauen? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich nicht wegschauen kann, auch wenn ich es manchmal tun möchte, denn was ich sehe, beunruhigt mich zutiefst. Je mehr Kinder ich habe, umso mehr geht es mir zu Herzen, wenn Kinder nicht Kinder sein dürfen. Je länger ich Mutter bin, umso mehr nagt es an mir, dass so viele kleine Menschen in derart ungesundem Boden verwurzelt sind, dass schon heute klar ist, dass daraus keine gesunden grossen Menschen werden können. Es sei denn, es nehme sich jemand ihrer an. Doch wer? Ich? Habe ich nicht schon genug eigene Kinder für die ich zu sorgen habe? Kann man überhaupt helfen, oder ist es dazu bereits zu spät? Ist es nicht purer Idealismus, zu glauben, dass man etwas bewirken kann, wo so Vieles schief läuft?

Ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Ansätze ja, aber keine endgültige Klarheit. Eines aber weiss ich: Die Banalität des Alltags raubt so viel Energie, dass es zuweilen schwierig ist, überhaupt noch Kraft zu finden, weiter zu blicken als über den eigenen Tellerrand hinaus. Heute zum Beispiel habe ich erfahren, dass nach einem Monat Wartezeit zwar das Ersatzteil für meinen Staubsauger geliefert worden ist, dass da aber noch zwei weitere Ersatzteile fehlen, die ich dann in ein paar Wochen abholen darf. Und schon wieder gehen zwei Vormittage, die man für das Wohlergehen von Menschen – auch von Menschen in der eigenen Familie, übrigens –  einsetzen könnte, für das Wohlergehen der Haushaltgeräte drauf. Da stimmt doch etwas nicht, oder?

Das tut weh

In der Schweiz hat mal wieder eine halbwegs prominente Frau ihren gut bezahlten Job geschmissen, weil ihr die Doppelbelastung von Familie und Beruf zu viel wurde und schon sind die Zeitungen voll von Berichten und Kommentaren zum Thema „Mutter & Burnout“. Ist doch gut, dass darüber geredet wird, sollte man denken. Aber was man dann liest, lässt einem die Galle hochkommen: „Jeder will Erfolg. Das aufpolierte Ego ist gefrässig und verlangt nach mehr. … Ändern Sie Ihr Leben. Vielleicht liegt der schnittige BMW nicht mehr drin oder die jährlichen Malediven-Ferien. …. Alle wollen alles haben…. Wer Burnout hat, ist ausgebrannt. Er bezahlt den Preis für das eigene Gehetz….“ Diese verbalen Ohrfeigen teilt nicht etwa ein konservativer Mann aus, nein, eine Journalistin fühlt sich dazu berufen, ihre Geschlechtsgenossinnen zu einem veränderten Leben aufzurufen.

Ich weiss, ich müsste über diesem Geschreibsel stehen, doch wenn ich solches lese, dann kommt der ganze Schmerz wieder hoch. Dann sehe ich mich wieder vor mir, wie ich stundenlang heulend aus dem Fenster starrte und in mir keinen Funken Kraft zum Weitergehen mehr fand. Nicht etwa, weil ich mir meinen BMW nicht mehr leisten konnte – welche Mama will denn schon einen BMW? – nein, weil ich mich vor lauter Schlafmangel und Schmerzen kaum mehr auf den Füssen halten konnte und von der Ärztin bloss zu hören bekam, ich sollte mich doch hin und wieder ein wenig hinlegen. Ich erinnere mich an die einsamen Waldspaziergänge, bei denen ich meine Not zum Himmel schrie. Nicht die Not, dass ich nicht auf die Malediven jetten konnte, sondern die Not, dass ich am Ende meiner Kräfte war und keine Hilfe bekommen konnte, weil ich „nicht berufstätig“ war und unser Budget eine bezahlte Hilfe nicht zuliess. Beim Lesen sehe ich auch die verzweifelten Gesichter ausgebrannter Freundinnen vor mir. Frauen, die wie ich, oft nicht wissen, wie sie wenigstens fünf Minuten am Tag entspannen können. Frauen, die sich nicht einfach eine Woche Wellness-Urlaub leisten können, wenn sie übermüdet sind. Frauen, die alles geben und ausser dem Lächeln ihrer Kinder und – wenn sie ganz viel Glück haben –  der Liebe ihres Ehemannes keinen Lohn bekommen. Und so überlebenswichtig die zwei Dinge auch sind, sie reichen nicht, um einen vor dem Ausbrennen zu schützen.

Die Gründe für das Ausbrennen sind bei jeder Frau anders: Finanzielle Engpässe (und zwar nicht, weil man auf die Malediven gereist ist und mit dem BMW herumkurvt), kranke Kinder, Verlust der Stelle, komplizierte Schwangerschaften, Krankheiten, Eheprobleme und was man sich sonst noch nie im Leben wünschen würde. Eines aber haben alle Frauen gemeinsam: Sie wollen nicht zu viel, sie geben zu viel.

Konsequenzen

Heute sei der Internationale Tag der Frau, erinnerte mich eine E-Mail heute früh, als ich zum ersten Mal den Computer aufstartete. Ich solle doch meinen Freundinnen zu diesem besonderen Tag gratulieren. Nun, weil für mich –  und wohl die meisten Frauen auf diesem Planeten – heute ein Montag war wie jeder andere, habe ich das mit den Gratulationen bleiben lassen. Ich habe ja eigentlich noch immer nicht begriffen, wie dieser Gedenktag das Schicksal der Frauen ändern soll… Doch als pflichtbewusste Frau habe ich mir natürlich dennoch ein paar Gedanken gemacht zum heutigen Tag der Frau. Das gehört sich ja wohl, wenn man zwei X-Chromosomen hat, nicht wahr?

Früher habe ich darüber allerdings noch ganz anders gedacht. Mir steigt heute noch die Schamröte ins Gesicht, wenn ich mich daran erinnere, wie ich mich als Achtzehnjährige darüber echauffiert hatte, dass die Forderungen nach Bundesrätinnen immer lauter wurden. Mir ist es heute noch peinlich, dass ich allen Ernstes die Meinung vertreten hatte, die Frauen hätten in unserer Gesellschaft eigentlich genügend Rechte, es sei auf diesem Gebiet alles erreicht, was es zu erreichen gebe. Dass ich sogar ein paar Momente lang geglaubt hatte, wenn frau Kinder habe, gehöre sie in jedem Fall an den Herd, würde ich eigentlich lieber unerwähnt lassen…

Zu meiner Verteidigung muss ich anfügen, dass ich in ziemlich konservativen evangelikalen Kreisen gross geworden bin, wo man noch traditionelle Rollenbilder vorschrieb und wo Frauen, die ihren eigenen Weg suchten, rar waren. Dennoch finde ich es rückblickend bedenklich, wie ich damals gedankenlos Meinungen übernommen und mit Eifer vertreten habe. Nun könnte man einwenden, es sei ja vollkommen normal, dass Achtzehnjährige die Welt noch nicht sehr differenziert betrachten würden. Während ich diesem Einwand zustimmen kann, fällt es mir dennoch schwer, mir selber meine damalige Ignoranz zu verzeihen. Denn ich war nicht nur ignorant, ich glaubte damals auch, dass ich ein Thema, wenn ich mal eine Meinung dazu gefasst hatte, ad Acta legen könne. Und so konnten Gedanken, deren Präsenz ich mir gar nicht mehr bewusst war, ihre eigene Dynamik entwickeln und mich dazu treiben, eine traditionelle Frauenrolle zu übernehmen, obschon diese mir gar nicht entspricht. Und so trage ich heute noch die Konsequenzen meiner Gedankenlosigkeit von früher.

Deshalb ist der achte März, so gerne ich ihn ignorieren möchte,  für mich ein Tag, an dem ich mit meiner eigenen Geschichte konfrontiert werde. Mit einer Geschichte, die ich wohl mit ziemlich vielen Frauen aus unseren Breitengraden teile.

Privatsache?

Am Wochenende stimmen wir mal wieder ab. Unter anderem über die Frage, ob es einen Tieranwalt geben soll. Ich habe zwar meinen Stimmzettel noch nicht ausgefüllt, (Notiz an mich selber: DRINGEND Stimmzettel ausfüllen!) aber den Kopf zerbreche ich mir dennoch über die Frage. Das heisst, eigentlich habe ich mich noch nicht so sehr mit der Frage befasst, ob es einen Tieranwalt braucht, sondern vielmehr mit der Frage, weshalb man sich in der Schweiz (zu Recht) für den Tierschutz einsetzt, sich aber um den Schutz der Kinder einen Dreck schert.

Da legt man fest, dass ein Meerschweinchen nicht alleine leben darf, hat aber kein Problem damit, dass es Kinder gibt, die sich den lieben langen Tag alleine durchschlagen müssen, weil keiner Zeit hat für sie. Da misst man auf den Millimeter genau, wie viel Platz ein Kaninchen zur Verfügung haben muss, aber wenn Kinder in einer Betonwüste in engen Wohnungen ihr Dasein fristen müssen findet man das vollkommen normal. Man legt fest, wie viel Auslauf eine glückliche Kuh braucht, aber dass es Kinder gibt, die sich nicht vors Haus wagen dürfen, weil ihnen sonst der Tod unter dem Lastwagenrad droht, ist kein Thema. Da macht man sich Gedanken über die richtige Ernährung von Schweinen, dass es aber zig Kinder gibt, die mit Fertigfutter von miesester Qualität abgespeist werden, kümmert kaum jemanden.

Ich will nicht den Tierschutz gegen den Kinderschutz ausspielen. Tierschutz ist eine wichtige Sache und ich bin voll und ganz dafür, dass man sich für das Wohl der Tiere einsetzt. Doch warum stimmen wir über Tieranwälte ab, nicht aber über Kinderanwälte? Warum darf man in  unserem Land noch immer ungestraft behaupten, Kinder seien Privatsache und deshalb habe sich die Öffentlichkeit nicht darum zu kümmern, dass sie „artgerecht“ gehalten seien? Kinder sind keine Privatsache, Kinder sind Gesellschaft und wenn es den Kindern mies geht, dann geht es bald einmal der ganzen Gesellschaft mies.

So, jetzt habe ich mir meinen Frust wiedermal von der Seele geschrieben. Ich geh dann mal meinen Stimmzettel ausfüllen…

Power-Frau?

Früher, als es noch in war, dass frau leidenschaftliche Mutter und Hausfrau war, da war es ja so: Jede Hausfrau wusste, wie „man“ die Dinge macht. Jede wusste, was die andere „falsch“ macht. Jede sah auf diejenigen herab, die nicht so perfekt waren. Da kam es zum Beispiel vor, dass eine Hausfrau am falschen Tag grosse Wäsche machte, oder dass eine nicht fähig war, das erforderliche Repertoire an Kochrezepten zu beherrschen, oder dass sich eine Frau erlaubte, nicht auf die richtige Art das Haus sauber zu halten. Und mit all dem machte sie sich zu einem äusserst fragwürdigen Individuum, auf das man getrost herabschauen konnte.

Bis auf einige Ausnahmen sind diese Zeiten zum Glück vorbei. Aber weil Frauen offenbar nicht sein können ohne die leidigen Vergleiche, haben sie einen neuen Tick ersonnen, der auf dem gleichen Muster basiert, aber Auswirkungen in die gegenseitige Richtung hat. Jetzt wird nicht mehr auf angeblich fehlerhafte Hausfrauen herabgeschaut, jetzt hebt man angeblich perfekte Mütter und Hausfrauen aufs Podest und suhlt sich im Frust über das eigene Versagen. Da kommt es dann vor, dass frau Sätze wie diesen zu hören bekommt: „Du hast ja immer alles im Griff. Bei dir kommt es bestimmt nicht vor, dass du einen Termin vergisst.“ Oder: „Ich wünschte, ich könnte so ruhig bleiben wie du. Ich selber verliere so schnell die Nerven.“ Oder: „Für dich ist das ja keine Sache, du schaffst ja ohnehin alles mit Links.“ Je mehr Kinder man hat, umso öfter bekommt man solche Sätze zu hören.

Wie, ich suche mal wieder das Haar in der Suppe? Was ich bloss an diesen „netten Komplimenten“ auszusetzen habe? Nun, wenn ich ehrlich bin, ziemlich viel. Erstens einmal nerven mich diese ewigen Vergleiche an sich. Ob man nun den anderen runtermacht oder ihn aufs Podest hebt. Jeder lebt sein ganz eigenes Leben, da sind solche Vergleiche doch einfach sinnlos. Zweitens werden solche Aussagen oft dazu missbraucht, die Arbeit an jemand anderen abzuschieben. Was so nett klingt, heisst eigentlich mit anderen Worten:  „Ich bin unfähig, das Geforderte zu leisten, ich bin ja nicht perfekt. Aber du bist eine Power-Frau, für dich ist das alles kein Problem. Also kannst du die Sache erledigen.“ Drittens spricht man einer Person, die man aufs Podest gehoben hat, jegliches Recht auf Schwäche ab. Da mag die „Power-Frau“ noch so laut schreien und sagen, dass es jetzt reicht. Da mag sie  noch so oft beteuern, dass ihr das alles zuviel wird und dass sie auch nur ein Mensch ist. Es wird ihr nicht geglaubt. Die Power-Frau soll gefälligst ihrem Image gerecht werden, auch wenn sie es sich nicht selbst zugelegt hat.

Und bald schon ist die vermeintliche Power-Frau sehr sehr einsam, weil sie niemandem ihr Herz ausschütten kann, ohne zu hören zu bekommen, für sie sei doch das alles kein Problem, sie schaffe ja alles mit links. Und so ist man wieder am gleichen Punkt, wie damals, als es noch das Ideal der perfekten Hausfrau gab: Man sieht nicht die Person, sondern das Ideal, das es zu erfüllen gilt. Und das ist und bleibt ungesund, auch dann, wenn die Ideale sich gewandelt haben.

Und plötzlich steckst du mittendrin

Ein gesellschaftlicher Missstand, der dich seit Jahren beschäftigt, ein paar tiefschürfende Gespräche mit Menschen, die sich ähnliche Gedanken machen wie du, ein paar gute Ideen und ein paar Einblicke ins Leben von Menschen, die es nicht so gut haben wie du. Das ist alles, was es braucht, um das Karussell deiner Gedanken in Gang zu setzen. Dann noch eine Sitzung, an der klar wird, dass aus den Träumen und Ideen ein handfestes Projekt werden könnte und schon steckst du mittendrin. Zerbrichst dir den Kopf, wie man die Sache angehen könnte, suchst nach geeigneten Leuten, die dir dabei helfen könnten, die Idee voranzutreiben, entwirfst erste Grobkonzepte.

Bald schon beginnt das Telefon permanent zu klingeln. Die Leute haben Fragen, weitere Ideen, Wünsche. Zwei, dreimal täglich hängst du am Draht wegen der Sache und dabei hast du offiziell noch gar nicht angefangen mit der Arbeit. In den Gesprächen wird dir klar, dass du da noch einige Wissenslücken hast, dass du dir Grundlagen erarbeiten musst, wenn du das Projekt voranbringen willst. Dass du ein paar Kniffe kennen musst, wenn das Ding nicht zum Vornherein zum Scheitern verurteilt sein soll. Und schon hast du dich für einen zwölfmonatigen Fernkurs eingeschrieben und überlegst dir gar, ob du die freien Tage im Ländli zum Lernen einsetzen sollst.

Die Sache macht dir unglaublich viel Spass. Endlich mal etwas anderes als Abfallsäcke die Treppe runter schleppen und volle Einkaufstaschen wieder hoch schleppen. Endlich mal etwas, was zumindest einen Hauch von Professionalität in dein sonst so chaotisches Leben bringt. Das alles gibt dir so viel Auftrieb, dass dir nicht bewusst wird, dass die gute Sache einen kleinen, aber bedeutenden Haken hat, dass du dabei bist, etwas zu tun, was du nie mehr hattest tun wollen. Erst als dir „Deiner“ in den Hintern tritt, Freundinnen und Freunde dir ins Gewissen reden, dein Kontostand dich zum Grübeln bringt, wird dir bewusst, was da falsch ist: Du arbeitest mal wieder gratis. Für deinen Job als Familienfrau wirst du ja auch nicht entschädigt und was hast du denn schon vorzuweisen, was sich mit Geld aufwiegen liesse? Als ob die Kinder vom Idealismus der Mama satt würden. Als ob sich die Bankzinsen mit der Befriedigung, die du aus der Arbeit ziehst, abzahlen liessen. Als ob du die Frühlingsschuhe für die Familie mit deiner Begeisterung bezahlen könntest.

Ach, du dumme Mama!

Wir elenden Lügner, wir!

Jawohl, unehrlich sind wir, wir angeblich so glücklichen Eltern. Posaunen in die Welt hinaus, wie glücklich wir darüber sind, Kinder zu haben, ja, mehr Kinder zu haben als es dem westeuropäischen Durchschnitt entspricht. Behaupten, wir könnten uns ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Wagen dann auch noch anzufügen, dass unser Leben durch unsere Kinder bereichert sei, dass wir all die Mühen, die sie mit sich bringen, gerne auf uns nehmen, weil wir so viel zurückbekommen. Und dann gibt es noch solch widerliche Zeitgenossen wie „Meinen“ und mich, die allen Ernstes behaupten, sie würden einander noch immer lieben, trotz der vielen Kinder.

Ja, solche Lügen verbreiten wir und locken damit andere in die gleiche Falle, in der wir selber feststecken. Habe ich heute in einem Leserbrief in der „NZZ am Sonntag“ gelesen. „Es gäbe mehr kinderlose Paare, wenn Eltern ehrlich wären“, schreibt da ein gewisser Martin Novotny aus Sevelen. Man müsste die Paare davor warnen, Kinder zu bekommen, anstatt „falsches Glück und Zufriedenheit hinauszuposaunen“. Aber zum Glück gibt es einen Herrn Novotny, der endlich einmal sagt, was Sache ist: Jahre der Schlaflosigkeit, behinderte oder kranke Kinder, Verlust der eigenen Identität und Degeneration der romantischen Partnerschaft zur Zweckgemeinschaft. So schwarz sieht er, der Herr Novotny.

Eigentlich möchte ich ihm widersprechen, dem Herrn Novotny. Möchte ihm sagen, dass die Jahre der Schlaflosigkeit aufgewogen werden durch fünf einzigartige Geschöpfe, die ich beim Grosswerden begleiten darf. Geschöpfe, die ich nicht kennen würde, hätte ich ihnen nicht das Leben geschenkt. Ich möchte ihm auch sagen, dass Eltern behinderter und kranker Kinder diese ebenso lieben, wie ich meine gesunden Kinder liebe, ja, vielleicht sogar noch mehr. Dass ein behindertes oder krankes Kind nicht weniger Wert ist als ein gesundes. Ich möchte ihm sagen, dass ich mich selber erst richtig gefunden habe, nachdem ich nicht mehr alle Zeit der Welt hatte, mich selber zu suchen. Dass ich herausfinden musste, welches meine echten Wünsche und Bedürfnisse sind, weil ich keine Zeit mehr hatte, meine kostbare freie Zeit mit Dingen zu vertrödeln, die mir nicht voll und ganz entsprechen. Ich möchte ihm auch sagen, dass „Meiner“ und ich die Romantik erst dann richtig schätzen gelernt haben, als sie nicht mehr jederzeit verfügbar war. Dass wir Facetten im anderen kennen gelernt haben, die wir nicht kennen würden, wären wir bloss Mann und Frau, und nicht auch noch Vater und Mutter.

Mit alldem möchte ich dem Herrn Novotny widersprechen. Aber er lässt mich nicht. Denn, so schreibt er,  „wer widerspricht, ist entweder kinderlos oder unehrlich“. Und ich habe mich immer für einen ehrlichen Menschen gehalten…

Ist das die Lösung?

Da wagte das „Migros-Magazin“ vergangene Woche eine Familie zu portraitieren, die mit acht Kindern glücklich lebt. Ja, die Eltern tönten gar an, dass sie nicht abgeneigt wären, ein neuntes Kind zu haben, würden die Platzverhältnisse im Haus stimmen. Und was liest man diese Woche in den Leserbriefspalten?  Sätze wie diesen: „… ist es sinnvoll, hunderte von Jahren Umweltbelastung auf hohem Niveau in unsere sterbende Umwelt zu bringen?“ Oder wie diesen: „Man stelle sich vor, jedes fruchtbare Paar würde so viele Kinder zeugen wie die Schlattingers. Allein diese Vorstellung genügt, um die Antwort darauf zu geben, warum dieses Beispiel nicht unbedingt Schule machen sollte.“ Grund für diese Aussage auch hier die belastete Umwelt und die Überbevölkerung.

Solche Sätze lassen mich erschaudern. Was stimmt nicht mehr mit der Menschheit, dass man ein Kind mit den Worten „hunderte von Jahren Umweltbelastung“ umschreibt? Klar, auch ich weiss, dass die Welt ein paar Probleme hat, die dringend zu lösen sind. Aber muss man denn gleich mit der Problemlösung beginnen, indem man das Natürlichste der Welt in Frage stellt? Wäre es nicht sinnvoller, erst mal Absurditäten wie die unbegrenzte Mobilität, den übermässigen Fleischkonsum, die ungerechte Verteilung der Nahrungsmittel, die Energieverschwendung, ja, den modernen Lebensstil als Ganzes, zu hinterfragen? Denn die Umweltbelastung ist ja eigentlich nicht der Mensch, sondern all der Mist, der inzwischen völlig selbstverständlich zum Menschsein dazugehört: „Kinder“-Überraschungseier, Wegwerf-Handys, überfüllte Kleiderschränke, immer verfügbare Autos und dergleichen. Sollte man nicht eher darauf verzichten, als auf das Schönste, was das Leben zu bieten hat? Dazu müsste man allerdings ein paar Bequemlichkeiten opfern. Doch wer will das schon? Da schaffen wir doch lieber die Grossfamilie ab. Wo doch Kinder ohnehin nur quengeln, nerven und Dreck machen.

Liebe Schulleitung

Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich Ihnen diesen Brief schreibe. Ich tue dies nämlich nicht aus freien Stücken.Im Gegenteil: Ich werde geradezu gezwungen dazu. Jeden Morgen um sieben Uhr und zwar von meiner fast siebenjährigen Tochter Luise: „Diese blöde Schulleitung! Schreib denen einen Brief und sag ihnen, dass ich nicht so früh aufstehen will.“ Und so schreibe ich Ihnen eben diesen Brief, mit der Bitte, die Kritik meiner Tochter zur Kenntnis zu nehmen. Aber zur Kenntnis nehmen reicht, machen Sie bitte nicht mehr daraus.

Leiten Sie diesen Brief zum Beispiel auf keinen Fall an die SVP weiter. Die würden ihn bloss als eine Aufforderung ansehen, dafür zu kämpfen, dass die Schule wieder wird wie Anno dazumal. Sie würden sich sofort dafür stark machen, dass die Mütter wieder schön brav zu Hause bleiben müssen, damit sie den einen Sprössling um sieben, den nächsten um acht, die anderen um neun in die Schule schicken können; damit sie den ersten Sprössling um zehn wieder in Empfang nehmen können, den Zweiten um halb elf und die anderen beiden um Viertel vor zwölf. Die SVP würde ein Bild von unserer morgenmuffeligen Tochter schiessen und es an alle Plakatwände pappen mit dem Spruch: „Ich will nicht so früh aufstehen! Nieder mit den Blockzeiten“. Oder so ähnlich.

Aber genau hier liegt der Haken: Luises Meinung ist nicht repräsentativ, nicht einmal in unserer Familie. Das Kind machte schon als Zweijährige die Nacht zum Tag und verpennte danach den ganzen Morgen. Wenn sie dies aus irgend einem Grund nicht tun konnte, dann war sie morgenmuffelig. Und so ist sie geblieben und deshalb hegt sie einen Groll gegen Sie, liebe Schulleitung. Die Sache ist also vollkommen subjektiv. Alle anderen Kinder in unserer Familie sind sehr zufrieden mit den fixen Schulzeiten von acht bis zwölf, insbesondere das Prinzchen und der Zoowärter, die froh sind, wenigstens am Morgen Ruhe vor den grossen Geschwistern zu haben. Also, liebe Schulleitung, nehmen Sie sich Luises Kritik bitte nicht  allzu sehr zu Herzen.

Und noch eine Bitte, und zwar eine flehentliche: Kommen Sie ja nicht auf die Idee, die Blockzeiten je wieder abzuschaffen, bloss, weil Luise nicht glücklich ist damit. Nicht nur, solange ich noch Schulkinder habe, sondern überhaupt gar nie mehr. Auch die Eltern kommender Generationen werden Ihnen unendlich dankbar sein dafür. Ja, ich wage zu behaupten, dass sogar Luise  dereinst einmal froh sein wird, wenn sie nicht die Sklavin des Stundenplans ihrer Kinder sein wird. Falls sie es bis dahin morgens aus den Federn schafft und die Frühschicht nicht dem Papa ihrer Kinder überlässt. Auch wenn sie das heute noch nicht begreifen will und mich jeden Morgen bedrängt, Ihnen endlich diesen Brief zu schreiben.

Was ich somit erledigt hätte.

Schweizer Qualitätskinder?

Luise und Karlsson schlafen auswärts, was bedeutet, dass wir „nur“ drei Kinder hatten heute Nachmittag. Ausserdem hatten wir noch einen Ikea-Gutschein und ein wenig Schwiegermama-Weihnachtsgeld und somit war klar, wo Vendittis den beinahe kinderfreien Tag verbringen würden. Es wurde eine vollkommen entspannte Sache. Der Zoowärter hatte keine Fieberkrämpfe wie beim letzten Ikea-Besuch, das Prinzchen setzte sich einer wildfremden Frau auf den Schoss und begann, ihre Pommes Frites aufzuessen und der FeuerwehrRitterRömerPirat spielte Marienkäfer. Als wir unsere Einkäufe erledigt hatten, kam eine ältere Dame auf uns zu: „Ach, sind die süss, die drei Jungen!“, schwärmte sie. „Das ist aber schön, dass sie so eine grosse Familie haben.“ Wir hätten noch zwei weitere von diesen süssen kleinen Dingern erzählte ich ihr, worauf sie meinte: „Fünf Kinder! Das ist aber eine Leistung. Und Sie sind wirklich Schweizer?“ Nun ja, wenn man mal von den italienischen Wurzeln von „Meinem“ absieht, dann könnte man uns durchaus als Schweizer bezeichnen. Wie schön es doch sei, wenn Schweizer bereit seien, diese grosse Arbeit auf  sich zu nehmen, um fünf Kinder grosszuziehen; sonst sehe man ja fast nur noch Ausländer, die viele Kinder hätten, meinte die Frau.

Und jetzt bin ich ganz verwirrt. Wären unser Kinder weniger „süss“, wenn sie keinen Schweizerpass hätten? Wäre unsere Arbeit weniger Wert, wenn „Meiner“ nicht eingebürgert und ich keine Schweizerin wäre? Hätten wir vielleicht gar weniger Arbeit mit den Kindern, wenn wir Ausländer wären? Wäre letzteres der Fall, dann würde ich mich nämlich sofort ausbürgern lassen.