Höhlenträume

Wenn die Geschirr- und Wäscheberge die Sicht auf den Feierabend versperren….
Wenn man trotz Putzfrauenbesuch schon wieder über die Spielsachen stolpert…
Wenn der ganze Bürokram, mit dem man in einem durchschnittlichen Privathaushalt schon bald eine Teilzeit-Sekretärin beschäftigen könnte, wieder einmal liegen bleibt….
Wenn man aus dem Altpapier eines einzigen Tages Isoliermaterial für ein ganzes Haus herstellen könnte….
Wenn die Kindergeburtstagswünsche ins Unermessliche steigen….
Wenn der Kater das Katzenfutter verschmäht, weil die Speisereste so viel besser schmecken….
Wenn das Telefon andauernd klingelt….
Wenn zum vierten Mal am Tag jemand wegen einer Nichtigkeit an der Türe steht….
Wenn schon wieder ein Lattenrost den Geist aufgibt….
Wenn die Zeitungslektüre mal wieder nur Sorgenfalten auslöst….

…. dann denke ich jeweils, eine sichere Höhle mit ein paar Fellen und einem warmen Herdfeuer hätte auch gereicht. Okay, vielleicht noch eine Badewanne und eine gut sortierte Hausbibliothek dazu, aber den Rest hätte man sich doch wirklich schenken können.

Ja, ich weiss, WLAN und iPad fehlen noch, aber tun wir mal so, als könnte ich noch ohne… Ich meine, WLAN in einer Höhle, sowas geht nun mal einfach nicht. Man stelle sich nur mal vor, wie schlecht die Verbindung dort wäre.

 

 

Dranbleiben

Heute Abend sind der innere Schweinehund und die brave Hausfrau mal wieder tüchtig aneinander geraten:

Innerer Schweinehund: „Ich mach dann mal Feierabend für heute. Das bisschen Hausarbeit kann ruhig bis morgen liegen bleiben.“

Brave Hausfrau: „Nichts da! Das ist genau die Haltung, die dazu führt, dass die Geschirr- und Wäscheberge in den Himmel wachsen. Du bleibst jetzt hier und wir bringen die Sache hinter uns.“

Innerer Schweinehund: „Aber ich muss mich doch schonen…“

Brave Hausfrau: „Und du denkst natürlich, sich zu schonen bedeutet, alles liegen zu lassen, bis man einen ganzen Tag braucht, um das Zeug wieder wegzuschaffen?“

Innerer Schweinehund: „Na ja, so ähnlich. Ich würde natürlich nicht warten bis Samstag, aber morgen ist auch noch ein Tag. Und ich bin ja so schrecklich müde.“

Brave Hausfrau: „So what? Müde bin ich auch und schonen tut man sich am besten, indem man jeden Tag brav seine Pflicht tut. Kleine Schritte erhalten die Gesundheit…“

Innerer Schweinehund: „Willst du wohl endlich die Klappe halten? Wenn ich nur schon das Wort Pflicht höre wird mir übel. Ich leg‘ mich dann mal hin…“

Brave Hausfrau: „Genau das wirst du nicht tun. Wir gehen jetzt nach oben und hängen die nasse Wäsche auf. Dann noch den Geschirrspüler einräumen, den Tisch sauber machen und die Grünabfälle entsorgen. In zwanzig Minuten sind wir fertig.“

Innerer Schweinehund: „Und du glaubst wirklich, dass ich die zwanzig Minuten noch durchhalten kann? Ich bin seit sieben Uhr ohne Pause auf den Beinen…“

Brave Hausfrau: „Ich wäre schon seit halb sieben auf den Beinen, wenn du mich nicht mir Gewalt im Bett festgehalten hättest. Denk dir mal, was wir in dieser halben Stunde alles hätten schaffen können…“

Innerer Schweinehund (verdreht die Augen): „Oh ja, ich kann es mir lebhaft vorstellen. Dann würden meine Füsse noch etwas mehr weh tun und das Schädelbrummen wäre noch heftiger.“

Brave Hausfrau: „Schluss jetzt mit deinem Gejammer. Bringen wir die Sache hinter uns, dann gibt’s heute einen frühen Feierabend und wir kommen morgen früher aus den Federn.“

Innerer Schweinehund: „Aber wir können doch jetzt nicht arbeiten. Sollten wir nicht lieber mit ‚Meinem‘ plaudern? Jetzt, wo er wieder zu Hause ist, möchte er bestimmt nicht, dass wir schon wieder anschleichen…“

Brave Hausfrau: „Jetzt, wo er wieder zu Hause ist, sollten wir erst recht für Ordnung sorgen, sonst glaubt er noch, er müsse zum Besen greifen. Du ruinierst seine Gesundheit, wenn du dich weiter verweigerst.“

Innerer Schweinehund: „Okay, dann komme ich halt. Aber wundere dich nicht, wenn es morgen in der Zeitung heisst: ‚Innerer Schweinehund mit Moralkeule zu Tode geprügelt‘.“

Ich muss das nicht alleine schaffen

Plötzlich ist es wie im Märchen. Ich überlasse mit schlechtem Gewissen mein ganzes Familienchaos meiner Schwester, um „Meinen“ im Spital zu besuchen – und um endlich aus diesem Arzt herauszupressen, was eigentlich los ist – und bei meiner Heimkehr glaube ich, mich im Haus geirrt zu haben. Alles glänzt, Prinzchens Kleiderschrank ist aufgeräumt, die Abfalleimer sind geleert und statt einer Schwester stehen plötzlich zwei da, dazu auch noch meine Mutter, Karlsson und Luise, mit Putzlappen bewaffnet. Sie haben das nicht so geplant, sind einfach zufällig gerade zusammengekommen und anstatt gemütlich Kaffee zu trinken machen sie sich dran, meinen Dreck zu beseitigen. Und versprechen, wieder zu kommen.

Ich habe mich noch kaum von meinem freudigen Schrecken erholt, da klingelt das Telefon und Schwester Nummer drei bietet an, morgen die kleineren Kinder durch den Wald zu jagen, wenn die grösseren aus dem Haus sind. Etwas später gehe ich kurz ins Büro, um eine Kleinigkeit zu erledigen und als ich zurückkomme, ist der Einkauf, den ich diese Woche habe liefern lassen, fein säuberlich verstaut. Wieder Karlsson, Luise und meine Mutter. Eine WC-Pause später hat sich Karlsson bereits an den Herd gestellt, um das Abendessen vorzubereiten. Luise versucht derweilen, ihrem grossen Bruder beizubringen, dass er einen kleinen Mist gebaut hat: „Ich möchte jetzt wirklich nicht mit dir streiten, Karlsson, aber das war nicht besonders schlau von dir, was du vorhin gemacht hast…“ Ist dies das gleiche Mädchen, das ich jeweils wegen seiner verletzenden Worte zurechtweisen muss? Als ich glaube, dass es besser nicht kommen könnte, bekomme ich noch einen Anruf, mit dem mir eine weiterer gewaltiger Stein vom Herzen fällt.

Ich denke zurück an den vergangenen Samstag, als ich auf meiner einsamen, verregneten Heimfahrt aus dem Tessin nur noch lauter Berge vor mir sah und zwar nicht nur St. Gotthard & Co. „Warum immer wir?“, klagte ich. „Warum ausgerechnet jetzt, wo ich ohnehin am Ende meiner Kräfte bin?“ Als ich „Meinen“ am Montag zitternd und schwankend in die Ambulanz einsteigen sah, fühlte ich mich einsamer als je zuvor. Wie sollte ich das Ganze ohne ihn schaffen, wo wir doch zu zweit schon an unsere Grenzen stossen?

Heute habe ich erfahren, dass ich es nicht alleine schaffen muss. Ich bin umgeben von Menschen, die alle ihre eigenen Grenzerfahrungen gemacht haben und die darum um meine Überforderung wissen. Menschen, vor denen ich mich nicht zu schämen brauche, auch wenn ich beim Anblick unseres derzeitigem Durcheinanders vor lauter Scham im Boden versinken könnte. Ja, es war mir unendlich peinlich, dass sie mein Chaos in all seiner Pracht gesehen haben und doch habe ich heute seit einer gefühlten Ewigkeit wieder einmal richtig aufgeatmet.

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To Do

  • „Meinen“ anschnauzen,  weil er für einmal nicht den perfekten Hausmann,  sondern den „ist mir doch egal,  wenn alles im Chaos ersäuft“-Ehemann gespielt hat
  • Dafür sorgen,  dass die männlichen Familienmitglieder nicht ohne Zahnpaste und Zahnbürsten nach Italien fahren
  • Alle männlichen Familienmitglieder morgens um sieben zum Bahnhof fahren,  damit sie den Zug nach Milano rechtzeitig erwischen
  • 3 Badezimmer putzen
  • 2 Küchen saubermachen
  • 4 Ladungen Wäsche waschen und aufhängen
  • Zahlreiche Kontrollanrufe an „Meinen“,  damit ich mir auch ganz sicher keine Sorgen um meine lieben Knöpfe machen muss
  • Unzählige Rechnungen bezahlen – Habe ich wirklich keine übersehen?
  • Euro besorgen
  • GPS befragen
  • „Meinen“ befragen,  ob ich morgen wirklich mit dem Auto nach Italien fahren soll
  • Schwiegermamma ver(un)sichern,  dass das schon irgendwie klappen wird
  • Kolumne schreiben
  • 4 mal den Geschirrspüler ein- und wieder ausräumen
  • 2 Kühlschränke putzen – Nein,  glaubt mir,  ihr wollt nicht wissen,  weshalb ich das unbedingt noch vor der Abreise tun musste.
  • So tun als ob ich Zeit hätte für ein Kaffeekränzchen mit Luise und Gast
  • Luise beibringen, dass ich bei diesem Sauwetter wirklich keine Lust habe,  mit ihr aufs Riesenrad zu gehen. Ist mir vollkommen egal,  dass das Ding auch bei Regen in Betrieb ist
  • Gottesdienstmoderation vorbereiten
  • 3 Tassen zerschlagen,  für einmal ganz ohne böse Absichten
  • Scherben von drei Tassen entsorgen
  • Unzählige Versuche,  Luise „Gregs Tagebuch“ zu entwinden,  damit ich endlich weiss,  warum sie das Buch nicht mehr aus den Händen gibt
  • Nur noch ganz kurz ein paar Minuten ins Büro gehen,  weil ich vor meinen Ferien noch eine klitzekleine Sache erledigen muss
  • Vor dem Schrank stehen und darauf warten,  bis der Koffer von selber rausfällt,  damit ich keinen Stuhl holen muss
  • Luise den „Ententanz“ vorsingen und danach erfolglos versuchen,  die Melodie wieder aus dem Ohr zu kriegen
  • Wach bleiben,  damit ich meine To Do-Liste bis zum bitteren Ende abarbeiten kann

Und ich grenzenlos naiver Mensch hatte doch tatsächlich geglaubt,  ich könnte mir heute einen netten Frauensamstag mit Luise gönnen…

So ist das nicht gemeint

Okay, lasst mich das kurz klarstellen: Wenn ich demnächst meinen Job an den Nagel hänge, ist das kein Zurück-an-den-Herd-Statement. Es ist auch keine Kapitulation im Sinne von „In der Schweiz kannst du dir als Mutter die Berufstätigkeit abschminken“. Es ist erst recht kein reumütiger Rückzug ins traute Heim, weil ich meine wahre Bestimmung erkannt hätte. Es ist einzig und alleine die nüchterne Erkenntnis, dass meine Kräfte nicht ausreichen für Grossfamilie, anspruchsvollen Job, diverse Schreib- und Korrekturaufträge, Ehrenamt und Haushalt. Klar, ich hätte noch etwas länger auf die Zähne beissen können, aber wem hätte ich damit einen Gefallen getan?

Nun scheinen aber verschiedene Leute sich in ihren Ansichten bestätigt zu fühlen, weil ich habe einsehen müssen, dass ich mein Fuder überladen habe. Sie verwechseln meine Motive mit ihren Überzeugungen und auf einmal sehe ich mich genötigt, klipp und klar zu sagen, dass ich die Dinge nicht so sehe wie sie und dass ich keineswegs gedenke, den Rest meiner Tage als zurückgezogenes Hausmütterchen zu verbringen.

Natürlich werde ich mich nicht sogleich ins nächste Abenteuer stürzen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich früher oder später wieder zu neuen Aufgaben herausfordern lassen werde. Wenn mich denn „Meiner“ gewähren lässt. Neulich soll er nämlich jemandem erzählt haben, er wolle eine Frau, die zu Hause sei und den Haushalt mache. Ich habe den starken Verdacht, dass die Person nicht gehört hat, was „Meiner“ wirklich gesagt hat, sondern nur das, was sie zum Thema von ihm hätte hören wollen.

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Wiedermal ein paar Fragen

1. Ist ein Anflug von Schadenfreude erlaubt, wenn die Verurteiler der Nation auf einmal erkennen müssen, dass Begriffe wie Burnout, Mobbing und Krankschreibung keine Erfindung der Gebrüder Grimm sind?

2. Soll ich mich mit meiner Mutter freuen, wenn es ihr vergönnt ist, auf dem Haupt ihrer jüngsten Tochter die grauen Haare spriessen zu sehen? Oder soll ich mich heulend ins Badezimmer verkriechen und mir die Haare färben?

3. Auch nach einem Tag beobachten und Abtasten des Bauches bleibt die Frage: Leidet der FeuerwehrRitterRömerPirat an Verstopfung, hat er eine Blinddarmentzündung oder möchte er mir etwas Wichtiges mitteilen?

4. Schaffen es meine Tomaten noch, oder muss ich mich allmählich nach Rezepten für Marmelade aus grünen Tomaten umsehen?

5. Darf man einem Menschen schonend beibringen, dass man über gewisse Themen nicht mehr mit ihm reden möchte, oder ist es besser, jedes Mal das Thema zu wechseln, wenn er wieder davon anfängt?

6. Wie bringe ich „Meinen“ dazu, zu diesem Räucherofen ja zu sagen, den ich neulich so günstig auf Ricardo gesehen habe?

7. Haben wir unseren Jüngsten zu sehr verwöhnt, oder ist es nur eine Phase?

8. Hat man einen Knacks, wenn man vor der zweiten Klassenzusammenkunft schlecht träumt? Dass man sich vor der ersten fürchtet, ist ja eigentlich klar, aber sollte man die zweite nicht ganz gelassen angehen können?

9. Wird es in Italien noch gleich sein wie letztes Jahr, oder ist jetzt, wo man so viel über den Niedergang liest, alles noch chaotischer geworden?

10. Mal angenommen, ein sehr lieber Mensch schenkt dir acht Gutscheine für nahezu-gratis Schifffahrten, die er von einer sehr verrufenen Grossbank erhalten hat. Nimmst du die Gutscheine dankend an, oder sagst du: „Ist ja wirklich lieb gemeint von dir, aber von denen lasse ich mich nicht um den Finger wickeln.“?

11. Darf man um diese Zeit noch mit dem Stabmixer hantieren oder muss ich die Gabel nehmen?

Die Freizeitlüge

Eigentlich müsste ich die Letzte sein, die auf den Irrglauben hereinfällt, arbeitsfreie Tage seinen freie Tage. Das mag vielleicht bei vereinzelten kinderlosen Menschen der Fall sein, wer aber Kinder hat, der sollte eigentlich wissen, dass Arbeitstage Freizeit sind und arbeitsfreie Tage Knochenarbeit.

Warum also konnte ich je auf diese vollkommen abwegige Idee kommen, ich könnte die Tage, an denen ich nicht ins Büro gehe, gemütlich mit Tee und Zeitung beginnen, um danach fröhlich einige Kleinigkeiten zu erledigen, bevor ich mich vollkommen entspannt und gut gelaunt an den Herd stellen würde, um ein vollwertiges Mittagessen zuzubereiten? Wie nur konnte ich mir einreden, nach dem Aufräumen der Küche würde genügend Zeit bleiben für eine Kaffeepause, Spiele mit den Kindern und ein wenig schreiben? Ich wusste doch, dass Familientage bei uns nie so aussehen. Warum also konnte ich mir je ausmalen, meine arbeitsfreien Tage würden so oder ähnlich ruhig ablaufen?

Ich habe doch oft genug erlebt, dass meine Tage zu Hause angefüllt sind mit aufwischen, telefonieren, aufräumen, Hausaufgabenhilfe, einkaufen, kochen, Streit schlichten, Geschirr spülen, Werbeanrufe abwimmeln, zuhören, Rechnungen bezahlen, Mails beantworten, Tiere füttern und zwei oder drei anderen Dingen. Darüber will ich mich auch gar nicht beklagen, denn auch wenn ich auf diverse Unannehmlichkeiten verzichten könnte, so sind solche Tage immerhin voller Abwechslung und Überraschungen.

Ärgerlich finde ich bloss, dass ich mir irgendwann im Laufe der Zeit angewöhnt habe, bei der Arbeit zu behaupten: „Morgen habe ich frei“, wenn ein arbeitsfreier Tag bevorsteht. Obschon ich weiss, dass das mit der Freizeit eine glatte Lüge ist, falle ich regelmässig auf meine eigene blöde Aussage herein und dann bin ich enttäuscht, wenn kaum einmal Zeit bleibt für eine ungestörte WC-Pause, geschweige denn für eine dampfende Tasse Tee und ein gutes Buch.

Das Problem ist also – wie so oft – nicht die Realität, sondern meine naive Vorstellung davon, wie die Realität sein sollte. Mir bleiben nur noch wenige Wochen, um diese Sicht der Dinge zu korrigieren, denn wenn ich bis zum – vorübergehenden – Ende meiner Berufstätigkeit meinen Irrglauben nicht abgelegt habe, erwartet mich zu Hause eine saftige Enttäuschung.

 

Offen

Jetzt, wo es offiziell ist, dass ich ab Ende November wieder hauptsächlich Hausfrau sein werde, kommen allmählich Zweifel auf, ob das gut kommen wird. Nein, ich bezweifle nicht, dass es der richtige Entscheid war, meinen Teilzeitjob zu künden. Wenn Familie, Job und Ehrenamt insgesamt mehr von dir abverlangen, als deine Gesundheit verkraften mag, dann ist es an der Zeit, zu ändern, was sich ändern lässt. So viel ist mir inzwischen klar geworden.

Alles andere aber ist momentan ein einziges, grosses Fragezeichen. Wird mir die Decke auf den Kopf fallen, wenn ich wieder mehr zu Hause bin, oder werde ich die neu gewonnenen Freiheiten geniessen können? Finde ich den Weg zurück ins Schreiben? Wird mir das endgültige Loslassen gelingen, oder falle ich zuerst einmal in ein Loch? Suche ich mir einen neuen Job, oder wird mich eine neue Aufgabe finden, wie es in meinem Leben schon so oft der Fall war? Werde ich mich Hals über Kopf in ein neues Abenteuer stürzen, oder bleibe ich meinem Vorsatz treu, zuerst einmal zur Ruhe zu kommen und zu sehen, was daraus entsteht? Ist das Hausfrauendasein noch immer so unerträglich für mich, oder komme ich jetzt, wo die Kinder grösser sind, besser damit klar? Soll ich am Ende gar etwas ganz Neues wagen? Eine Weiterbildung, zum Beispiel?

Oh ja, ich wünschte, zumindest auf eine dieser Fragen bereits eine Antwort zu haben. Gleichzeitig aber bin ich auch froh, dass noch so vieles offen ist – offen für Neues, was auch immer es sein wird.

Renovationsbedürftig

Es gibt wohl in jedem Leben untrügliche Zeichen, die einem sagen, dass eine gründliche Lebensrenovation angesagt ist. Bei mir sind es die folgenden:

1. Ich seufze und das Prinzchen fragt: „Mama, bist du heute gesund oder krank?“ Ganz klar, sogar unser Jüngster hat mitgekriegt, dass ich dieses Jahr überdurchschnittlich oft krank im Bett liege.

2. Ein Tag ohne Mittagsschlaf mag gerade noch drin liegen, aber zwei Tage ohne Mittagsschlaf sind unerträglich.

3. Würde mich keiner wecken, der Mittagsschlaf würde zu „Du meine Güte, ich habe doch tatsächlich den ganzen Tag und die halbe Nacht verpennt!“

4. Ich stelle sorgfältig einen Menüplan zusammen, kaufe mit Freuden frische Lebensmittel ein und verliere dann, wenn es Zeit wäre, das Essen vorzubereiten, die Lust am Kochen. Dann gibt’s schon wieder Pasta mit Tomatensauce und das eingekaufte Gemüse landet in einer spätabendlichen Einmach-Orgie im Glas.

5. Freizeit treibt mich in den Wahnsinn, weil da so viele Möglichkeiten wären, aber nur so wenig Energie.

6. Luises Mathematikaufgaben machen mich noch nervöser als gewöhnlich.

7. Das Gefühl, sämtliche Rechnungen bezahlt zu haben, beflügelt mich so ungemein, dass ich in Versuchung gerate, die Rechnungen für den kommenden Monat auch noch zu begleichen.

Spätestens an diesem Punkt gibt es keinen Zweifel mehr, dass es so nicht weitergehen kann. Dies zumindest habe ich inzwischen verstanden. Alles andere ist zurzeit ein grosses Fragezeichen.

 

Schluss mit der Sklaventreiberei!

Mein neuer Mixer hat seinen Job geschmissen, noch bevor die Probezeit um war. „Im Arbeitsvertrag stand nichts davon, dass ich auch Erdnussbutter herstellen soll. Smoothies ja, Bohnenmus geht auch noch und mit einer Handvoll Mandeln muss man in meinem Job wohl oder übel klarkommen. Aber Erdnussbutter? Das ist pure Ausbeuterei, da mache ich nicht mit.“ Sprach’s, gab ein letztes stinkendes Rauchwölkchen von sich und tat keinen Wank mehr.

Die Mixer-Accessoires starrten mich entsetzt an. „Was soll nun aus uns werden?“, fragte der Milchschäumer konsterniert. „Ich war ein einziges Mal im Einsatz und jetzt streikt der Kerl. Wie soll ich je zu meiner Höchstform auflaufen, wenn da keiner mehr ist, der mir Schwung verleiht?“ „Du hast gut reden“, warf der Schneebesen ein. Täuschte ich mich, oder klang seine Stimme leicht verbittert? „Dich hat sie immerhin schon ausprobiert. Den Pürierstab und mich hat sie noch nicht mal gewaschen, weil sie uns noch gar nicht gebraucht hat.“ „Na, glaubst du denn, mich hätte sie vor Gebrauch gewaschen? Danach schon, aber vorher? Bestimmt nicht. Die hält sich doch nie an die Anweisungen, die in der Anleitung stehen.“ „Nun verliert euch nicht in Detaildiskussionen“, meldete sich die Reibe zu Wort. „Tatsache ist, dass wir alle noch keine Chance hatten, unser wahres Können zu beweisen und das nur, weil unser Motor ein Weichei ist. Das bisschen Erdnussbutter hätte ich mit links geschafft…“ „Was kann denn der Motor dafür, wenn in dieser Küche schlechte Arbeitsbedingungen herrschen? Es geht doch einfach nicht an, dass wir schon während der Probezeit so hart an unsere Grenzen getrieben werden. Sklaverei ist das, glaubt mir, das müssen wir der Gewerkschaft melden“, ereiferte sich der Pürierstab.

„Nun beruhigt euch doch“, schaltete ich mich ins Gespräch ein. „Es tut mir ja aufrichtig Leid, dass ich euch überfordert habe. In Zukunft müsst ihr keinen Erdnussbutter mehr herstellen, versprochen.“ „Zukunft? Welche Zukunft denn? Ohne Motor haben wir keine Zukunft mehr“, unterbrach mich der Schneebesen und diesmal war ich mir sicher, dass Verbitterung in seiner Stimme mitschwang. „Aber natürlich habt ihr eine Zukunft. Ich habe mich bereits mit der Stellenvermittlung in Verbindung gesetzt. Der Ersatzmotor ist kostet zwar mehr als ich für euch alle zusammen bezahlt habe, aber das seid ihr mir Wert. Ich werde euch doch nicht entlassen, bevor ihr richtig angefangen habt mit eurer Arbeit. Die Dame bei der Stellenvermittlung hat mir zwar genau dies empfohlen, aber wo kämen wir denn hin, wenn wir immer alles wegschmeissen würden…“

Die Mixer-Accesoires gaben einen kollektiven Seufzer der Erleichterung von sich und der Schneebesen meinte: „Vielleicht bist du doch nicht so übel, wie ich zuerst gedacht hatte. Aber ich verlange, dass du uns einen neuen Arbeitsvertrag ausstellst. Keine Erdnussbutter mehr, keine Einsätze nach elf Uhr abends und keine Bevorzugung von einzelnen Teammitgliedern. Ist das klar?“

Ich nickte brav, organisierte den Ersatzmotor und erblasste, als ich heute Morgen die Rechnung dafür im Briefkasten fand. Es hätte mich tatsächlich etwa gleich viel gekostet, wenn ich die fabrikneuen Überreste meiner Maschine entsorgt und eine neue fabrikneue Maschine gekauft hätte. Aber wie hätte ich es denn übers Herz bringen sollen, Schneebesen & Co. ungebraucht im Abfall verschwinden zu lassen?

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