Flashback

Es war einer jener Tage, wie ich sie früher fast täglich durchstehen musste: Nicht mehr krank, aber auch noch nicht gesund, zu spät aus dem Bett gekrochen, Karlsson fast zu spät zum Speckstein-Kurs geschickt, das Prinzchen pitschnass, weil die Windel nicht dichtgehalten hat, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat im Dauerstreit, Luise grantig, weil die Nacht, die sie bei ihrer grossen Freundin verbracht hatte, zu kurz war, an der Hautür der Postbote mit einem eingeschriebenen Brief, auf dem Küchentisch eine halbfertige Einkaufsliste, gähnende Leere im Kühlschrank und im Magen, dazwischen immer wieder das Telefon und obendrein ein schmutziger Küchenfussboden. Etwas später dann endlich mit dem Prinzchen und Luise in der Migros, um wenigstens der Leere im Kühlschrank Abhilfe zu schaffen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat derweilen bei meiner Mutter untergebracht, wo sie sich wohl weiter die Köpfe einschlugen. Im Laden dann der erste richtig grosse Trotzanfall des Prinzchens. Ein nervtötendes Geschrei, zuerst, weil er keine Banane bekam, danach weil das Brötchen noch bezahlt werden musste und schliesslich, weil er keinen Bagger haben durfte. Nichts Neues eigentlich für eine fünffache Mutter, aber deswegen nicht weniger anstrengend, da die anderen Kunden mit bösen Blicken und gehässigen Bemerkungen nicht eben sparsam umgingen. Wir Mütter kennen das ja….

Zu Hause dann das Vergnügen, die Einkäufe zu verstauen, das Prinzchen ins Bett zu stecken, wieder einen Anruf entgegenzunehmen, die ewigen Streithähne auseinander zu halten, Karlssons Speckstein-Schmuckstück zu bewundern, Mittagessen zu kochen, den Geschirrspüler einzuräumen und das alles sofort, weil eine Stunde später eine Kindergruppe bei „Meinem“ einen Malkurs hatte. „Du meine Güte“, fuhr er mir plötzlich durch den Kopf, „so war mein Leben früher immer. Damals, als ich noch keinen Bürojob hatte, den ich von zu Hause aus erledigen kann. Damals, als noch kein Au-Pair da war, die mir hilft, das Chaos in den Griff zu kriegen. Wie habe ich das bloss alles geschafft, dazu noch mit all den Schwangerschaften?“

Kaum habe ich den Gedanken fertig gedacht, ertappe ich den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten dabei, wie sie sich vor dem Mittagessen wie die Heuschrecken über die eben gekauften Getreideriegel hermachen und dann stehe ich plötzlich wieder vor dieser altbekannten Frage: Soll ich gleich jetzt losheulen, oder soll ich vorher lieber noch eine Runde herumschreien, bis ich heiser bin und dann erst heulend ins Schlafzimmer rennen? Und dann wird mir bewusst, dass ich es damals eben nicht geschafft habe, dass Tage wie heute damals zwar die Regel waren, dass Herumschreien und Türen knallen damals aber schon fast so alltäglich waren wie Kinder umarmen und Geschichten erzählen.

Damals habe ich mir fast täglich vorgeworfen, was für eine Versagermama ich doch sei. Heute weiss ich zum Glück, dass es unter gewissen Umständen mit meinem Temperament gar nicht möglich ist, die Ruhe zu bewahren. Und seitdem ich dies weiss, schreie ich deutlich weniger, knalle ich die Tür nur noch, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Vor allem aber weiss ich, dass diese elende letzte Schulferienwoche mit „Meinem“ bereits wieder an der Arbeit, dem Au-Pair in den Ferien und den Kindern im Widerstand schon zur Hälfte um ist und ich deshalb hoffentlich nicht mehr allzu oft die Fassung verlieren muss.

Aus dem Alltag mit kleinen Menschen

Ein paar kleine Episoden, die zwar keinen eigenen Post Wert sind, die ich aber dennoch ganz amüsant finde:

Dass kleine Menschen sich vor der Dunkelheit fürchten, ist mir nicht neu. Dass sie hin und wieder abends noch einmal aus dem Bett gekrochen kommen, weil sie Angst haben, es hocke ein Räuber unter ihrem Bett oder eine Hexe auf der Lampe, überrascht mich nicht. Aber warum um Himmels Willen kommt der Zoowärter abends um halb elf ins Wohnzimmer geschlichen, weil er Angst hat, Carla Bruni habe sich in seinem Schrank versteckt? Gut, wenn ich mit Sarkozy verheiratet wäre, würde ich mich in diesen Tagen auch verstecken, aber doch nicht in Vendittis Kleiderschrank.

Luise geht heute mit einer Gruppe von Kindern die Schule für Blindenhunde anschauen. Eines der Kinder, ein Junge aus ihrer Klasse, kommt sie heute Morgen abholen. Das Chaos bei Vendittis scheint ihn leicht zu überfordern, aber endlich sieht er etwas, was ihn an zu Hause erinnert: Das Bügeleisen und einen Berg Wäsche daneben. „Du bist genau wie meine Mama“, sagt er zu mir. „Die muss in der Nacht auch immer die Wäsche bügeln. Meine Mama bügelt immer.“ Leider muss ich dem Jungen klar machen, dass ich eben nicht bin wie seine Mama, denn das Bügeleisen liegt nur deshalb zufällig neben dem Wäscheberg, weil Karlsson seine Seidentücher, die er gemalt hat, bügeln will und weil „Meiner“ gestern Abend mit dem Wäschefalten nicht fertig geworden ist. Wenn bei uns überhaupt einer bügelt, dann ist es Karlsson und um die Wäsche kümmert sich, wer gerade Zeit hat, also eigentlich niemand.

Karlsson hat fürchterliches Mitleid mit mir, weil ich krank bin. Inzwischen hat sich zwar Gott sei Dank herausgestellt, dass es keine Magen-Darm-Seuche ist, dass es wohl reiner Zufall war, dass Karlssons Bauch gerade dann schmerzte, als mir übel wurde und vor allem, dass der Käfer exklusiv für mich bestimmt war und alle anderen nichts davon abkriegen. Was bedeutet, dass eine schlappe, kranke Mama sich um fünf kerngesunde, quietschfidele Kinder kümmern sollte. Zum Glück kommt Karlsson auf die Idee, dass eigentlich er das Mittagessen kochen könnte. Der Junge verzieht sich mit einem Berg von Kochbüchern, währenddem ich versuche, die anderen halbwegs ruhig zu halten. Schön, dass mein Sohn Spaghetti kochen wird. Oder vielleicht Blumenkohl mit Reis. Oder Ofenkartoffeln.

„Mama, haben wir Lab?“, will Karlsson plötzlich wissen. „Wozu um Himmels Willen brauchst du denn Lab?“, frage ich. „Ich habe da ein tolles Käsekuchen-Rezept im Astrid Lindgren-Kochbuch gefunden und das wäre doch ein perfektes Mittagessen. Schau mal, wir haben alle Zutaten da, ausser dem Lab.Wo bekomme ich Lab….“ Nun, mein lieber Karlsson, ich finde es wirklich toll, dass du Käsekuchen backen willst und ich traue dir das auch zu, aber zum Mittagessen wären Spaghetti vielleicht besser. Oder vielleicht Blumenkohl mit Reis. Oder Ofenkartoffeln.

Es gab dann übrigens etwas ganz anderes, denn Karlsson musste mit seinen Brüdern Robin Hood schauen und hatte leider keine Zeit mehr, sich ums Kochen zu kümmern. Irgend einer muss ja aufpassen, dass die Kleinen beim Filme schauen keinen Mist bauen, nicht wahr?

Irgendwie schaffte ich es auch ohne Karlssons Hilfe, ein Mittagessen auf den Tisch zu bringen, was das offenbar halb verhungerte Prinzchen besonders freut. Kaum sieht er die Schnitzel, die ich braten will, dreht er fast durch vor lauter Freude: „Chani Fleisch? Chani Fleisch?“, fragt er unablässig und ist zutiefst empört, dass ich das Fleisch zuerst braten will, bevor er es haben darf. Und dann, als das Fleisch endlich gebraten ist, mache ich diesen ganz dummen Fehler, den eigentlich keine Mama, die schon ein Zweijähriges Kind gehabt hat, je machen sollte: Ich zerschneide das Fleisch in mundgerechte Stücke. Worauf das Prinzchen empört aufschreit „Fleisch chabott! Nei, Fleisch chabott!“ und natürlich keinen Bissen von dem „kaputten Fleisch“ anrührt und sich schliesslich ohne Mittagessen im Bauch zum Mittagsschlaf verabschiedet. Himmel, wie blöd bin ich denn? Habe ich tatsächlich schon wieder vergessen, dass Zweijährige es nie und nimmer dulden, dass man ihnen zerschnittenes Essen vorsetzt? Dabei ist es doch gar nicht so lange her, seitdem ich zum letzen Mal einen zweijährigen Perfektionisten zu erziehen hatte….

So ist’s richtig

Ein wenig mulmig war mir ja schon zumute, als mir letzten Donnerstag bewusst wurde, dass wir schon fast eine Woche von zu Hause weg waren, ohne dass sich die Magen-Darm-Seuche zu uns gesellt hatte. Ferien ohne Magen-Darm-Seuche, da stimmt doch etwas nicht, dachte ich mir. Wo die doch zu unseren Ferien gehört wie langes Ausschlafen – also bis halb acht oder so – Familienausflüge und Fertigsalatsauce.

Nun gut, man kann ausnahmsweise auch mal Ferien ohne Magen-Darm-Seuche machen, auch wenn dann natürlich nicht die gleiche Ferienstimmung aufkommt, dachte ich mir. Dafür konnten wir den Zoff mit der Vermieterin umso mehr genießen. Mal ein wenig Abwechslung kann ja nichts schaden.

Dass die Seuche nur deshalb auf sich warten ließ, weil sie sich besser in Szene setzen wollte, daran dachte ich keinen Moment. Bis mir heute Nachmittag, als ich mit allen Kindern zu Fuss im Dorf unterwegs war, plötzlich die Knie weich wurden. Bis sich in meinem Kopf alles drehte und mein Magen rebellierte. Und bis Karlsson bemerkte, er hätte Bauchkrämpfe.

Da dämmerte mir plötzlich, was hier gespielt wird: Die Seuche wartete ab, bis „Meiner“ wieder zur Arbeit musste, das Au-Pair in den Ferien war und die Kinder diese unsägliche dritte Herbstferienwoche, die man im Sommer eigentlich viel besser brauchen könnte, angefangen hatten. Diese Ferienwoche, die selbst Mütter wie mich, die grundsätzlich nichts gegen Schulferien haben, auf die Palme treibt, weil man Ende Oktober nichts anderes tun kann, als einander gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

Diesen Moment also hatte die Seuche abgewartet, um zuzuschlagen. Denn Kranksein macht Müttern ja nur dann richtig Spass, wenn keiner da ist, der sich um die Kinder kümmern kann.

McDonaldisierung

Währenddem die McDonaldisierung unserer Gesellschaft ziemlich weit fortgeschritten ist, scheint sie in unserer Familie nicht vom Fleck zu kommen. Ja, ich würde gar soweit gehen und sie im Falle unserer zwei ältesten Kinder für gescheitert zu erklären. Karlsson, der an seinem Geburtstag am liebsten neben hausgemachter Leberpastete und hausgemachten Nudeln an Morchelsauce auch noch hausgemachte Blutwurst, hausgemachte Luxemburgerli und hausgemachte Truffes essen würde, ist ein bekennender Anhänger der Slow-Food-Bewegung. Ausserdem ist er in die Weltgeschichte eingegangen als das einzige Kind, das losgeheult und dann während des ganzen Essens leise geschluchzt hat, als es einmal bei McDonald’s essen musste.

Luises Haltung gegenüber dem Fastfood ist zwar nicht ganz so extrem ablehnend, aber auch sie kehrt lieber woanders ein, mit Vorliebe in einem romantischen Tea-Room, wo sie sich an geblümten Tassen, liebevoll dekorierten Tischen und mit Sahne verzierten Törtchen erfreut. Von solchen Erlebnissen schwärmt sie monatelang und die von ihr heiss geliebten Frauentage – ein Tag alleine mit Mama oder mit Mama und Au-Pair, wenn’s sein muss noch mit dem Prinzchen, aber andere Männer werden nicht geduldet – enden meist mit einem Besuch in einem Café oder Tea-Room. Man sieht also, auch hier hat es Ronald McDonald nicht so richtig geschafft, ein Kinderherz zu erobern.

An sich könnten „Meiner“ und ich mit diesem Resultat ganz zufrieden sein, denn genau dieses Ziel wollten wir erreichen, als wir uns vor vielen Jahren schweren Herzens dazu entschlossen hatten, unseren Kindern Besuche im Fast-Food-Tempel Nummer 1 nicht zu verwehren. Wir wollten, dass sie erkennen, dass vor lauter Fett triefendes, geschmackloses Essen nie und nimmer den Genuss bietet, den Essen eigentlich bieten könnte. Wären Karlsson und Luise unsere einzigen Kinder, wir könnten die Sache also ad Acta legen. Bekanntlich haben wird aber noch weitere Kinder und bei denen bleibt noch Einiges zu tun, bevor sie gleich weit sind wie die Grossen. Und so statteten wir Ronald McDonald heute nach dem Gottesdienst mal wieder einen Besuch ab. Gut, ich geb’s ja zu, es waren nicht alleine erzieherische Gründe, die uns dorthin geführt hatten. Ich hatte nämllich ausnahmsweise wirklich keine Lust auf Kochen und noch viel weniger auf das Aufräumen der Küche. Aber wenn ich schon die schlampige Mama hervorkehrte, dann sollte das Ganze wenigstens einem höheren Ziel dienen.

Jetzt, wo wir mit diesem eigenartigen Gefühl von Übersättigung und nagendem Hunger nach richtigem Essen wieder zu Hause angekommen sind, kann ich voller Freude verkünden, dass wir auf bestem Wege sind, auch die drei Jüngeren über kurz oder lang davon zu überzeugen, dass ein Leben ohne Fast Food ganz in Ordnung ist. Kaum waren wir angekommen, wollte der FeuerwehrRitterRömerPirat, der ein Langsamesser ist, besorgt von mir wissen: „Mama, darf man denn hier auch langsam essen?“ Aber natürlich darf man das, mein Sohn. Es ist bloss so, dass kalte Pommes Frites noch schlechter schmecken als heisse Pommes Frites und deswegen empfiehlt es sich, das Zeug so rasch als möglich in sich hinein zu schaufeln. Was der FeuerwehrRitterRömerPirat aber gar nicht kann, weshalb er ziemlich schnell den Spass am Essen verlor und sich viel lieber mit dem Prinzchen um das Herumschieben der Kinderstühle kümmerte.

Schön, der Dritte ist also auf gutem Wege, unser Erziehungsziel zu erreichen. Aber was ist mit dem Zoowärter, der momentan in dem Alter ist, in dem man sich für alles begeistert, was grellbunt und künstlich ist? Nun, der Zoowärter machte sich mit Begeisterung über das Essen her, erlebte dann aber eine herbe Enttäuschung, als er sein Spielzeug auspackte. Was sollte er bloss mit diesem langweiligen violett-braunen Vogel anfangen, wo es doch in der Vitrine dieses tolle, knallgrüne Etwas zu sehen gab? Wer schon mal versucht hat, einem Dreijährigen zu erklären, dass das, was in der Vitrine steht, wohl erst nächste Woche in der Happy-Meal-Schachtel liegen wird und dass die das extra machen, um die Kinder auch nächste Woche wieder anzulocken, der weiss, dass man ebenso gut einem Verdurstenden erklären könnte, er solle keine eisgekühlte Cola trinken, weil das Zeug zu klebrig und überhaupt nicht durstlöschend sei. Mir ist klar, dass es noch ein paar Jährchen dauern wird, bis auch der Zoowärter von McDonald’s die Nase voll hat, aber ich denke, mit dieser ersten niederschmetternden Enttäuschung ist schon mal ein guter Anfang gemacht.

Bleibt noch das Prinzchen, das im Moment weder für noch gegen Fast Food ist. Solange er ungehindert herumtoben kann, ist ihm Einerlei, ob das Essen gut oder schlecht, das Spielzeug schön oder hässlich ist. Und da Herumtoben bei McDonald’s bedeutend weniger problematisch ist als im Gourmet-Tempel, fürchte ich, dass des Prinzchens Herz in den nächsten Jahren für Chicken Nuggets, Pommes Frites & Co. schlagen wird.

Ach ja, wo wir gerade beim Thema sind: Hätte vielleicht jemand Zeit und Lust dazu, das kinderfreundliche, preiswerte, zentral gelegene Fast Food-Restaurant mit vollwertbiogesundaberschmackhaft Essen zu erfinden, das den Kindern pädagogisch wertvolle und garantiert nicht in Kinderarbeit hergestellte Spielsachen mit nach Hause gibt, das auch sonntags geöffnet ist und das natürlich seine Angestellten anständig entlöhnt? Die Idee geistert schon lange in meinem Kopf herum, aber ich habe gerade keine Zeit dazu und da wäre es doch nett, wenn sich jemand anders um die Sache kümmern könnte.

Paradox

Es ist ja schon paradox: Da habe ich seit ein paar Tagen die Lizenz zum Jammern im Sack und jetzt mache ich nicht mal Gebrauch davon. Oder hat einer meiner geneigten Leser etwa mitgekriegt, dass wir seit Montag weder Heizung noch heisses Wasser im Haus haben und dass ich diese Woche schon dreimal eiskalt geduscht habe, weil ich nicht stinken wollte? Nein, das habe ich euch allen bis heute verschwiegen, denn offenbar bin ich zutiefst in meinem Innern noch immer ein kleines Kind. Kaum darf ich etwas, habe ich keine Lust mehr dazu. Ist doch bei den Kindern auch so: Sie liegen dir in den Ohren, weil sie „nie“ Schokolade essen dürfen und wenn du sie mal überreden willst, doch ein wenig Schokolade zu essen, um den Durchfall zu stoppen, dann wollen sie nicht. Weil ihnen angeblich schlecht wird von schwarzer Schokolade. Oder sie wollen morgens um sieben auf gar keinen Fall aus dem Bett kommen und schimpfen, sie möchten lieber ausschlafen. Aber wenn du sie flehentlich darum bittest, samstags doch bitte nicht so früh Radau zu machen, dann tanzen sie dir schon morgens um sechs auf der Nase rum. Und so ticke ich eben auch: Da beklage ich mich jahrelang, dass keiner mein Gejammer hören will und jetzt, wo der Postbote mir die Lizenz zum Jammern ausgestellt hat, habe ich keine Lust mehr dazu.

Und weil jammern jetzt, wo ich endlich darf, keinen Spass mehr macht, habe ich heute Morgen eben den Zoowärter, das Prinzchen und das Au-Pair zu Starbucks geschleppt, als die Decke unseres momentan sehr kalten Zuhauses auf meinen Kopf zu fallen drohte. Einen Caramel-Macchiato später sah die Sache schon wieder viel besser aus, auch wenn danach sowohl mein Starbucks-skeptisches Gewissen als auch mein Kalorienkonto unter diesem Exzess ein wenig gelitten haben. Derart gestärkt verkroch ich mich zurück in meinen Eispalast, der, so denn alles läuft wie geplant, am Montag wieder warm und gemütlich sein sollte.

Ätsch! Ich darf halt!

Da treffe ich doch immer wieder auf Mütter, deren Kinder schon deutlich grösser sind als meine, die mir mitleidig versichern, sie würden nicht mit mir tauschen wollen.  „Du Arme!“, sagen sie jeweils „Du musst nachts immer noch aufstehen. Du musst noch immer Windeln wechseln. Und du hast nie einen kinderfreien Vormittag.“ Es lässt sich nicht leugnen, dass mein Leben wohl etwas beschaulicher wäre, hätte ich nicht noch drei Vorschulkinder. Dafür darf ich etwas, was Mütter von grösseren Kindern nicht mehr dürfen: Ich darf jammern soviel ich will. Hat mir unser Postbote heute Morgen offiziell bestätigt.

Die armen Männer müssten immer arbeiten, bemerkte er, als er hörte, wie ich dem Prinzchen erklärte, der Papa könne jetzt nicht kommen, weil er am Arbeiten sei. Ich machte den Postboten freundlich darauf aufmerksam, dass ich ja auch nicht auf der faulen Haut liegen würde, worauf er meinte: „Stimmt, Sie arbeiten wirklich viel. Sie haben ja auch noch ganz viele kleine Kinder und darum dürfen Sie auch jammern. Aber all die Hausfrauen, deren Kinder schon gross sind, die sollen endlich mal aufhören zu jammern und sich an die Arbeit machen. Aber Sie dürfen natürlich jammern soviel Sie wollen.“

Somit verfüge ich also ab sofort über eine Lizenz zum Jammern, von der ich ausgiebig Gebrauch machen werde, wann immer mir der Sinn nach Jammern steht. Und falls ihr Mütter von grösseren Kindern findet, das sei ganz und gar unfair, dann denkt dran: Eben noch habt ihr mich wegen meiner schlaflosen Nächte, wegen der vollen Windeln und dem Mangel an Freizeit bemitleidet.

Ein zwiespältiges Verhältnis

… habe ich zu Handwerkern. Einerseits bewundere ich sie ja sehr, wie sie es zum Beispiel schaffen, ohne gross suchen zu müssen, nach dem richtigen Schraubenzieher zu greifen. Und dann bringen die es ja tatsächlich zustande, innert Sekunden ganz ohne Fluchen, Schweissausbrüche und Wutanfälle Schrauben einzudrehen, Nägel einzuhämmern und Bretter zu zersägen. Mir scheint, die wissen tatsächlich, was sie tun, auch wenn es für mich überhaupt keinen Sinn ergibt.

Und das ist genau eines meiner Probleme: Sie wissen, was sie tun, aber weil sie mich nicht in ihre Geheimnisse einweihen wollen, fühle ich mich immer irgendwie fehl am Platz, wenn Handwerker im Haus sind. Mal sollte ich zur Stelle sein, um Auskünfte auf Fragen zu geben, die ich nicht verstehe, dann wieder hätte ich etwas aus dem Weg räumen sollen, was mir nie und nimmer in den Sinn gekommen wäre, für den Handwerker aber sonnenklar ist. Nun ist es ja so, dass man in den meisten Berufen lernt, sein Missfallen dem Kunden gegenüber zu verbergen. Bei den Handwerkern hingegen lernt man ganz am Anfang der Ausbildung, noch bevor es um die Wahl des richtigen Schraubenziehers geht, wie man dem Kunden zeigen kann, dass er von Tuten und Blasen keine Ahnung hat und dass er einem damit ganz gewaltig auf die Nerven fällt. Das führt dann zu Szenen, wie ich sie heute im Morgengrauen erlebt habe:

Es ist sieben Uhr früh, „Meiner“ und ich versuchen erfolglos, den Schlaf niederzuringen um endlich aus dem Bett zu kommen, aber der Kerl will sich nicht ergeben. Es klingelt an der Haustüre, zerzaust wie ich bin, renne ich die Treppe hinunter, um zwei Handwerkern die Tür zu öffnen, die zwar ihr heutiges Kommen, nicht aber die Stunde, zu der sie zu kommen gedachten, angekündigt hatten.  Verschlafen weise ich die beiden Männer in den Keller und mache mich aus dem Staub. Wie ich die Treppe hinaufgehe, höre ich, wie der eine etwas Unverständliches murmelt, worauf der andere laut vernehmlich antwortet: „Ja, das ist immer so, wenn er nicht zu Hause ist. Dann kommen jeweils die Frauen und…“ Der Rest  des Satzes geht im Getöse unter, aber der Tonfall sagt mir, dass ich froh sein kann, dass ich die Fortsetzung nicht verstanden habe.

Nicht gerade die ideale Grundlage für ein vertrauensvolles Verhältnis. Nun könnte man ja einwenden, ich müsste nicht unbedingt ein vertrauensvolles Verhältnis aufbauen zu den Handwerkern, die in den kommenden Tagen bei uns ein und aus gehen werden, als wohnten sie hier. Und das müsste ich ja tatsächlich nicht, wo ich mich doch standhaft weigere, neben meinen Söhnen zu stehen, wenn sie den Handwerkern stundenlang beim Arbeiten zuschauen wollen. Wenn die Handwerker bloss nicht ihr Gerüst direkt vor meinem Bürofenster aufgebaut hätten und somit jederzeit sehen können, was meiner Familie durch die verschlossene Bürotür verborgen bleibt: Wie oft ich ins Leere starre, anstatt zu arbeiten, wie viel Koffein ich in mich hineinschütte, wie ich die Füsse auf den Bürotisch lege, wann ich eine Facebook-Pause einlege, weil mir die Worte für das Betriebskonzept, das ich schreiben sollte, fehlen. Und Menschen, die solch intime Dinge von mir wissen, müsste ich doch vertrauen können. Nicht dass die, wenn „Meiner“ sagt, ich sei am Arbeiten, ich könne ihnen keinen Kaffee kochen, losprusten und sagen: „Ach, am Arbeiten ist sie? Die können Sie ruhig stören, die hängt ja ohnehin nur im Facebook rum….“

Historisch

Das war dann wohl wahrlich ein historischer Moment heute Morgen, als klar war, dass die Schweiz zum ersten Mal überhaupt mehrheitlich von Frauen regiert wird. Wenn man bedenkt, dass vor wenigen Jahren noch jede weibliche Kandidatur in grossem Jammer endete, dann müssten uns Schweizerinnen heute ja eigentlich den ganzen Tag die Freudentränen über die Wangen kullern. Was aber irgendwie nicht der Fall ist, zumindest bei mir nicht. Im Gegenteil, ich bin fast ein wenig enttäuscht, dass sich Tage, an denen Geschichte geschrieben wird, nicht anders anfühlen, als gewöhnliche Tage auch. Das liegt nicht in erster Linie daran, dass die Kandidatin, die ich eigentlich gerne im Bundesrat gesehen hätte, von rechts überholt wurde. Es liegt auch nicht alleine an der Partei, die mal wieder alles versaut hat. Ich meine übrigens die Partei, die weiterhin voller Stolz verkündet, ein Drittel der Schweizer Bevölkerung stehe hinter ihr, obschon inzwischen sogar ich begriffen habe, dass dies mathematisch gar nicht aufgeht, weil gar nie alle Schweizer zur Urne gehen, wenn gewählt wird. Von den nicht stimmberechtigten „Ausländern“ mal ganz zu schweigen.

Nein, der Hauptgrund für meine Enttäuschung liegt bei mir selber. Denn wo verbrachte ich die historische Stunde? Jubelnd auf dem Bundesplatz? Oder zumindest in einer fröhlich überdrehten Frauenrunde? Mitnichten. Ich sass zu Hause auf dem Sofa, strickend. Nun mag das an sich noch nicht so schlimm sein, Bundesrätin Dreifuss war ja auch immer mal wieder strickend anzutreffen. Aber wenn Mama Venditti am Tag einer historischen Wahl zu Hause vor dem Fernseher sitzt und Hausschuhe für „Ihren“ strickt, damit er im Winter keine kalten Füsse mehr haben muss, dann sieht das ja schon fast anrüchig aus. So, als wollte ich proteststricken, um zu zeigen, wo Frau hingehört.

Neben meiner Enttäuschung macht sich zudem ein leises Gefühl von Ernüchterung breit. Da kommt in Bern eine weitere Frau an die Macht, aber zu Hause gehen die Dinge ihren gewohnten Gang: Das Pastawasser kocht über, während der Postbote klingelt, um ein Paket abzugeben, das Prinzchen heult, weil er kein weiteres Muffin haben darf, Luise stolpert über das Kabel des Laptops und der Zoowärter rast splitterfasernackt durch die Wohnung, weil er eben sein T-Shirt im Apfelsaft getränkt hat. Dass im Nebenzimmer am Fernseher gerade gezeigt wird, wie die vierte Frau für ihr Amt in der Landesregierung vereidigt wird, kümmert keinen, am allerwenigsten mich selber, denn ich muss ja dafür sorgen, dass die Sache nicht noch ganz aus dem Ruder läuft. Hätte man denn nicht mindestens erwarten dürfen, dass sämtliche Vendittis ergriffen vor dem Fernseher sitzen?

Das war er also, der historische Moment. Bleibt zu hoffen, dass er auf nationaler Ebene mehr auslöst als bei uns zu Hause.

Die ganze Palette

Lange Zeit habe ich mir das Ganze sehr einfach gemacht: Es gab Schwarz und es gab Weiss. Es gab entweder und oder, gut und schlecht, richtig und falsch. Es gab gute Menschen und böse, es gab Rechtgläubige und Ungläubige, Dafür und Dagegen. So war ich das in der Sonntagsschule gelehrt worden und durch diese Brille betrachtete ich bald die ganze Welt. Man war entweder Mutter oder Karrierefrau, entweder Hausfrau oder berufstätig, entweder engagiert oder gleichgültig, entweder angepasst oder abgestürzt. Dazwischen gab es nichts und wenn man sich mal für die eine Seite entschieden hatte, konnte man nicht mehr wechseln, es sei denn, mann zerstörte alles, worauf man sein Leben aufgebaut hatte.

Irgendwann, mit zunehmender Lebenserfahrung und wachsender Desillusionierung stellte ich fest, dass das mit dem Weiss und Schwarz wohl nicht so ganz das Wahre sein konnte. Und wie so viele andere Menschen auch machte ich einen folgenschweren Denkfehler: „Die Mischung aus Weiss und Schwarz ist grau“, sagte ich mir. „Folglich muss ich lernen, die Grautöne des Lebens zu erkennen.“ Und das tat ich dann auch. Ich lernte abzuwägen, die Vor- und Nachteile zu sehen, zu erkennen, ob eine Sache eher hell- oder dunkelgrau war. Das Leben war ein Tasten im Nebel, der mal dichter, mal gelichteter war. Eigentlich hätte ich ja wissen müssen, dass das für mich nicht aufgehen kann, denn wenn ich etwas verabscheue, dann Grau. Während ich Schwarz zwar als hässlich, aber immerhin auch als eigenständig und deshalb mutig empfinde, ist Grau für mich die sichtbare Form eines Lebens, das nicht gelebt wird. Einfach trist und somit keine erhebliche Verbesserung in der Art und Weise, das Leben wahrzunehmen. Ob man die Dinge nun Schwarz-Weiss sieht oder Grau, farblos bleiben sie allemal.

Ich weiss ja nicht, ob das jetzt wissenschaftlich wasserdicht ist, denn den Physikunterricht habe ich mehr oder weniger verschlafen. Aber so langsam wird mir klar, dass das, was zwischen Weiss und Schwarz liegt, nicht einfach Grau sein kann. Da müssen irgendwo auch Farben sein und zwar eine Unmenge davon. Farben, die bewirken, dass nicht alles gleich aussieht, Farben, die dafür sorgen, dass die Dinge unverwechselbar werden, Farben auch, die es in den verschiedensten Abstufungen gibt, mal dunkler, mal heller. Aus dem einzig richtigen Weg, die Dinge zu sehen und zu leben wird eine Vielfalt an Wegen, aus der einzig richtigen Lösung wird eine Auswahl an Lösungen, von denen man die passendste wählen kann.

Das heisst natürlich nicht, dass Weiss und Schwarz keine Rolle mehr spielen, denn ohne ein Gerüst, welches das Ganze zusammenhält zerfällt die Sache in Beliebigkeit. Aber es ist nicht mehr entweder Weiss oder Schwarz, sondern es ist die Farbe, die da ist, je nach Farbton mit etwas mehr Weiss oder etwas mehr Schwarz. Natürlich gibt es in dieser Palette auch Grau. Leider, muss ich sagen. Aber immerhin ist das nicht der einzige Ton, in dem gemalt wird.

Das Leben mit der ganzen Palette ist nicht so simpel, wie das Schwarz-Weiss-Leben. Manchmal gibt es Dinge, die meiner Meinung nach eher grün sein müssten und nicht pink. Oder ich würde einen sanfteren Farbton vorziehen anstelle des grellen Rots, das mir ins Auge sticht. Manchmal harmonieren auch die Farbtöne, die da zusammenkommen, überhaupt nicht oder man muss aufpassen, dass nicht plötzlich eine Farbe das Ganze dominiert. Hin und wieder findet man auch, das Bild des anderen würde viel schöner aussehen, wenn er die gleichen Farben verwenden würde wie man selber. Und manchmal sitzt man stundenlang da und fragt sich, zu welcher Farbe man denn nun am besten greifen sollte und man wünscht sich, man könnte einfach wieder zum altbekannten Grau zurückkehren, ja, vielleicht gar zum Schwarz-Weiss. Doch ich glaube, wer mal angefangen hat, sich mit der Farbpalette auszutoben, wird sich auf lange Sicht nicht mehr mit diesen einzigen drei Möglichkeiten der alten Zeiten zufrieden geben.

Tischgespräche

Wer mein gestriges Gejammer über Spielverderber-Kinder gelesen hat, könnte nur allzu leicht glauben, ich würde mit der Autorin einig gehen, die heute im Mamablog die Meinung äussert, der Familientisch sei eine ganz und gar überbewertete Sache. Sie beschreibt das mir nur zu gut bekannte Familienchaos, das jeweils herrscht, wenn sich alle zur gemeinsamen Mahlzeit hinsetzen. Sie berichtet von aussichtslosen Bemühungen, den Kindern gesundes Essen schmackhaft zu machen, von verschmierten Babys und  von Tischgesprächen, die nicht in Gang kommen wollen und kommt am Ende zum Schluss, das Konfliktpotenzial des Familientisches sei bedeutend grösser als das Harmoniepotenzial. Als entspannende Alternative empfiehlt sie ein TV-Dinner.

Nun, was soll ich dazu bloss sagen? Klar bin ich auch der Meinung, dass viele der  in den Erziehungsratgebern beschriebenen Alltagssituationen auf dem Papier deutlich harmonischer aussehen, als sie sich in der Realität dann abspielen. Klar haue auch ich immer wieder mit der Faust auf den Tisch, weil es mir einfach zu laut, zu chaotisch, zu ungemütlich wird. Klar kämpfen auch wir immer wieder dagegen an, dass die ungesunden Würstchen zwar gegessen, die nahrhafte Suppe aber links liegen gelassen wird.

Dennoch kann ich nach bald zehn Jahren Familienleben nicht ohne Genugtuung verkünden, dass sich der alltägliche Kampf um einigermassen gesittete Mahlzeiten auch gelohnt hat. Zum Beispiel, wenn Karlsson bei jedem zweiten Essen laut schmatzend verkündet, dieses Essen komme auch auf seine Liste der Lieblingsessen und Luise ihm strahlend beipflichtet. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat plötzlich einen ganzen Teller Randensalat hinunterschlingt, weil er bei seinem obligatorischen Bissen, den er jeweils probieren muss, gemerkt hat, dass das tiefrote Gemüse nicht nur schön aussieht, sondern auch wunderbar schmeckt. Wenn der Zoowärter noch einen Nachschlag Krautsiele verlangt, obschon er schon fast die ganze Schüssel alleine leer gegessen hat. Wenn der Bruder von Karlssons bestem Freund plötzlich auch bei uns zu Mittag essen will.

Nein, so wie im Erziehungsratgeber laufen auch bei uns die Mahlzeiten nicht ab. Wie könnten sie denn, wo bei uns nicht höchstens vier sondern mindestens sieben Personen am Tisch sitzen? Ausserdem streiten wir uns viel zu oft. Hin und wieder muss auch einer auf sein Zimmer gehen, weil er sich so saumässig aufgeführt hat. Und zuweilen kommt es gar vor, dass „Meiner“ und ich erst dann essen, wenn die alltägliche Schlacht geschlagen ist und wir endlich in Ruhe eine Mahlzeit geniessen können. Dennoch liebe ich unsere gemeinsamen Mahlzeiten als die Zeiten am Tag, wo wir wirklich alle an einem Haufen zusammen sitzen und uns selber sein dürfen. Dass dazu nicht nur Genuss und Harmonie, sondern auch die nicht immer tadellosen Tischmanieren, die kleinen Sticheleien und das Gemotze gehören, damit habe ich mich inzwischen abgefunden.