Schönheitskonkurrenz

Meistens ist es mir ja völlig egal, wie ich aussehe. Solange ich jeden Morgen Zeit für eine Dusche finde, die Kleider zumindest auf den ersten Blick sauber sind und mir die Haare nicht gerade in alle Himmelsrichtungen vom Kopf abstehen, ist für mich alles in bester Ordnung. Ich weiss, dass ich nicht perfekt bin und das ist mir auch ganz recht so. Wer zu gut aussieht, muss sich zu viel Zeit nehmen, um sein Aussehen zu pflegen. Und diese Zeit kann ich besser gebrauchen. Zum Beispiel zum Bloggen. Oder zum Lesen. Oder zum Schwatzen.

Kurz, an fünfundneunzig von hundert Tagen fühle ich mich trotz meiner offensichtlichen Mängel absolut wohl in meiner Haut. Und dann plötzlich, eines Morgens stehe ich auf und sehe, dass ich nicht bloss ein Doppelkinn habe, sondern ein Drei- Vier- oder Fünffachkinn. Ich sehe Tränensäcke, graue Haare und elf überzählige Kilos, die ich immer noch von der letzten Schwangerschaft mit mir herumschleppe. Und natürlich habe ich auch ganz plötzlich nichts mehr zum Anziehen, weil die eine Hose meine Beine zu kurz macht, der andere Rock meinen Hintern zu dick und das T-Shirt meine Haut käsig erscheinen lässt.

An vier von diesen fünf Tagen löse ich das Problem, indem ich mir ein paar Bücher kaufe und meinen Anblick vergesse, bis ich mich wieder mit anderen Augen anschauen kann. Aber dann gibt es diesen einen Tag, an dem alles nichts hilft. Dann bin ich nämlich gezwungen, mich mit all meinen Mängeln aus dem Haus zu schleppen, weil es sich aus irgend einem Grund nicht vermeiden lässt. Und natürlich treffe ich ausgerechnet dann auf eine der wenigen Personen in meinem Bekanntenkreis, die etwas (oder vielleicht auch sehr viel) auf gutes Aussehen und eine gepflegte Erscheinung geben.

Wieso kann ich solche Leute nicht an den Tagen treffen, an denen mir wohl ist in meiner Haut? Und warum muss ich solche Leute immer dann treffen, wenn mindestens eine meiner Schwestern dabei ist? Meine Schwestern, muss man wissen, sind Frauen, die fünf Minuten nach einer Geburt schon wieder aussehen, als wären sie nie schwanger gewesen. Frauen, die Nacht für Nacht neben dem Babybett durchwachen können, ohne auch nur einen Anflug von Augenringen zu bekommen. Die Schwangerschaftsstreifen, die Augenringe, das stumpfe Haar und was sonst noch zur Mutterschaft gehört, bleiben an mir hängen.

An normalen Tagen stört mich das kein bisschen. Das sind ja meine Schwestern und ich bin stolz auf jede einzelne von ihnen. Doch wenn ich mich dann so richtig hässlich fühle und neben einer von ihnen stehe, wir beide mit einem hübschen Baby auf dem Arm, und es kommt jemand daher, um uns beide von Kopf bis Fuss zu mustern, dann wird mir doch etwas mulmig. Ich weiss ja, was jetzt dann gleich kommen wird: „Toll siehst du aus! Man könnte nicht glauben, dass du erst vor ein paar Monaten geboren hast.“ Das gilt natürlich meiner Schwester. „Und du siehst überhaupt nicht müde aus. Dabei hast du doch fünf Kinder.“ Wem das gilt, brauche ich wohl nicht zu sagen…

Erwischt

Die erwischen mich doch immer wieder! Kaum sind die letzten Regenwaldbildchen getauscht, strenge ich mich nach Leibeskräften an, auf einem virtuellen Erdbeerfeld möglichst viele Erdbeeren zu pflücken. Und dies bloss, weil die Migros mir mal wieder ein Mail geschrieben hat, in dem sie mich, die „Liebe Frau Venditti“, persönlich dazu aufgefordert hat, das Spiel doch mal mitzuspielen. Und das nächste, das übernächste und das überübernächste natürlich auch. Denn nur, wer am Ende 10000 Punkte hat, darf am Wettbewerb teilnehmen. Wenn die Migros pfeift, dann springe ich. Und wenn dabei im Garten die echten Heidelbeeren und Cherry-Tomaten faul werden, weil ich virtuelle Erdbeeren pflücken muss. Und wenn die ganze Familie im Chaos ersäuft, weil zwar inzwischen sämtliche Möbel ihren neuen Platz gefunden haben, nicht aber sämtlicher Abfall entsorgt und sämtlicher Dreck weggeputzt ist.

Es ist geradezu beängstigend, wie jemand, der jeglicher Werbung ziemlich gleichgültig begegnet und an jeder Ecke Betrug wittert, einem Detailhändler mit Haut und Haaren ergeben sein kann. Man frage nur mal meine besten Freunde, wie ich in Fahrt gerate, wenn jemand meine verehrte Migros kritisiert.  Und das nicht erst, seitdem Bänz Friedli vom Migros Magazin zum Halbgott aller Hausfrauen aufgestiegen ist. Und auch nicht, seitdem es ein Bekenntnis gegen Aldi und Lidl ist, wenn man bei der Migros postet. Nein, so war ich schon als Kind.  Das ist wohl eine genetische Sache, gegen die man heute noch genauso machtlos ist wie man es früher, vor der Erfindung der plasitschen Chirurgie, gegen Hakennasen und abstehende Ohren war. Coop ist doof, Volg noch doofer, Denner am doofsten. Und bei dieser Meinung bleibe ich, obschon Denner schon längst der Migros gehört und Coop und Migros fusionieren könnten, weil sie einander ohnehin jeden Furz nachmachen.

Wobei ich darauf hinweisen muss, dass natürlich Coop die Migros nachmacht und nicht umgekehrt. Ist ja wohl klar.

Wer ist hier ein Sklaventreiber?!

Kaum türmt sich bei uns die Arbeit, mutiert „Meiner“ zum Sklaventreiber. Gewöhnlich ist er ja ein grundlieber linker Lehrer wie er im Buche steht. Aber im Ausnahmezustand benimmt er sich wie ein Erzliberaler. Ob es unser Ernst sei, dass wir nach dem Mittagessen noch eine Pause einlegen wollten, fragt er empört. Als ich ihn darauf hinweise, dass wir das vor dem Essen so beschlossen hätten, stänkert er: „Die Kinder haben Glace gehabt, du einen Kaffee. Das ist ja wohl Pause genug.“ Ist das wirklich noch der Mann, den ich vor elf Jahren geheiratet habe?

Nun ja, vielleicht haben wir uns wirklich etwas viel vorgenommen für die nächsten Tage. Sämtliche Zimmer räumen, Möbel von einem Zimmer ins andere, von einer Wohnung in die andere verschieben, alles ausmisten, was nicht mehr gebraucht wird, alles gründlich putzen. Dass so ganz nebenbei noch Wäsche gewaschen, eingekauft und fürs Essen (bei diesem Sauwetter vorzugsweise warm) gesorgt werden sollte, versteht sich von selbst. Dann wären da noch fünf Kinder zu betreuen, die sich zwar schon alle wie verrückt auf ihre neuen Zimmer freuen, die aber nicht begreifen wollen, weshalb man zuerst Mamas Bücher, Papas Unterwäsche und des Prinzchens Spielsachen aus dem Weg räumen muss. Und weshalb sie bei dieser sinnlosen Übung auch noch helfen sollten, ist ihnen ein Rätsel. Aber sie können ja auch nicht den ganzen Tag vor der Glotze sitzen, damit wir ungestört malochen können.

Wenn ich all dies bedenke, kann ich eigentlich ganz gut verstehen, weshalb „Meiner“ sich als Sklaventreiber gebärdet. Auch wenn ich dies ihm gegenüber nie und nimmer zugeben würde. Sonst würde er mir noch entgegenhalten, ich sei keinen Deut besser. Wer hat ihn denn heute Abend angeschnauzt, als er mit dem Prinzchen auf dem Bett geschäkert hat? Wo es doch eigentlich Zeit gewesen wäre, die Küche aufzuräumen, die Wäsche zu falten, die Kinder ins Bett zu bringen, den Computer neu zu installieren und Mamas Bücher alphabetisch zu ordnen…

Die perfekte Party

Dass es Eltern gibt, die für ihre Sprösslinge die perfekte Geburtstagsfete auf die Beine stellen, indem sie für 2000 Franken einen Party-Planner engagieren, ist mir eigentlich nichts Neues. Wenn man mir dies aber am Vorabend des fünften Geburtstags des FeuerwehrRitterRömerPiraten im „Zehn vor Zehn“ unter die Nase reibt, dann ärgere ich mich grün und blau über die armen Irren, die meinen mit Geld kaschieren zu können, dass sie einfach zu faul sind dazu, um Mitternacht noch Eisbärchen aus Marzipan zu formen oder nach der Fete die Sahnetorte von den Wänden zu kratzen. Wenn ich mich mitten in der hitzigsten Endphase der Post-it-Tage mit einer Horde von Fünfjährigen herumgeschlagen habe, um vorfeiern zu können, weil nachher alle in den Ferien sind. Wenn ich halb Österreich nach der perfekten Tortendekoration abesucht habe. Wenn ich auf der Heimfahrt von den Ferien einen Abstecher zu „Toys r us“ in Kauf nehme (Als ob „Toys r us“ nicht schon ohne Heimfahrtsstress schlimm genug wäre!). Wenn ich nach der Heimkehr alle Wäscheberge und Umzugskartons links liegen lasse, um doch noch das perfekte Geschenk aufzutreiben. Und wenn ich mich mitten in den Sommerferien trotz sich ankündigender Erkältung bereits um halb acht aus dem Bett zwinge, damit alles bereit ist, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat erwacht.

Bedenke ich all das, könnte ich sie alle auf den Mond schicken, die Party-Planner mitsamt den faulen Eltern und ihrer verwöhnten Brut. Man könnte jetzt fragen, wozu ich mir all den Stress mache und warum „Meiner“ mir dabei nicht hilft. Die zweite Frage ist leicht zu Beantworten: Als Einzelkind hat „Meiner“ keine Ahnung, wie man es anstellt, einem Grossfamilienkind einen ganzen Tag lang das Gefühl zu vermitteln, dass es trotz der vielen Geschwister etwas ganz Besonderes ist. Ich hingegen habe als Jüngstes von sieben Kinder zahlreiche schöne Geburtstags-Überraschungen und auch ein paar herbe Geburtstags-Enttäuschungen in lebhafter Erinnerung. Somit kann ich aus dem Vollen schöpfen, wenn es ums Feiern geht. Ausserdem will ich „Meinen“ nicht zu sehr auslaugen mit den Vorbereitungen. Ich brauche ihn nämlich jeweils, wenn es darum geht, die aufgedrehten Gäste unter Kontrolle zu behalten, einzuschreiten, wenn ein Eifersüchtiger versucht, das Geburtstagskind zu erschlagen oder für Ordnung zu sorgen, wenn beim Basteln alle den gleichen Pinsel haben wollen.

Ja, aber warum all der Stress? Warum nicht einfach ein kleiner Kuchen, ein paar Kerzen und zwei oder drei Geschenke?Auch das ist eigentlich ganz einfach: Weil mir keiner 2000 Franken bezahlt für das Organisieren der Party. Also muss ich mir einen anderen Lohn erarbeiten: Strahlende Kinderaugen. Und diesen Lohn bekomme ich nicht, wenn irgend ein fremder Party-Planner in irgend einer Konditorei sündhaft teure Marzipan-Ferraris bestellt, die Kinder ein wenig anmalt und sie durch einen Bobby-Car-Parcours hetzt. Den bekomme ich erst, wenn ich auf dem Zahnfleisch gehe, weil ich mich nach Kräften darum bemüht habe, jeden erdenklichen Geburtstagswunsch zu erfüllen, den ich meinen Knöpfen im Laufe des Jahres von den Augen abgelesen habe.

Verbrüderung

Wir wissen nicht so genau, weshalb wir uns mit dem Personal verbrüdern, sobald wir an einem Ort sind, wo man sich bedienen lassen kann. Vielleicht ist es der Sozialist in uns, der es uns verbietet, Dienstleistungen von Ausgebeuteten ohne Gegenleistung anzunehmen.

Ich werde zum Beispiel nie jenen Hochzeitstag vergessen, an dem „Meiner“ und ich Lust auf indisches Essen hatten. Leider waren wir die einzigen Gäste im Restaurant und so kam es, dass wir uns schon bald angeregt mit der gelangweilten Kellnerin unterhielten. Es war ja wirklich interessant, mehr zu erfahren über die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan, über die Unterschiede zwischen Muslimen aus dem Balkan und Muslimen aus Asie, über die miesen Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe, den Stress, zwei Restaurants gleichzeitig zu führen und die Angst, dass das Kind dabei zu kurz kommt. Das Gespräch erweiterte wirklich unseren Horizont, doch leider hätten „Meiner“ und ich damals eher Scheuklappen gebraucht, um wiedermal Augen nur für uns beide zu haben. Doch es sollte nicht sein. Irgendwann fand die Kellnerin heraus, dass ich drei Kinder hatte. Entsetzt zeigte sie auf „Meinen“ und fragte: „Drei Kinder? Von dem hier?“. Muss ich erwähnen, dass das Restaurant an diesem Abend seine letzten Gäste verloren hat? Inzwischen isst man dort nicht mehr.

Ja, so sind „Meiner“ und ich. Wir ziehen die Sorgen und Nöte des Personals magisch an. So war es auch dieses Jahr im Hotel. Schon bald wussten wir, dass es ungemein anstrengend ist, wenn man alleine für die Frühstücksschicht zuständig ist und 80 unzufriedene Touristen zu bedienen hat. Wir hörten Klagen über müde Knochen und Grippen, die man in der Hochsaison nicht auskurieren kann und manch einer liess zwischen den Zeilen auch mal eine Kritik an einem mühsamen Arbeitskollegen hören.

Soweit war alles wie immer. „Meiner“ und ich hörten zu, zeigten Verständnis und lobten die gute Arbeit nach Kräften. Dass man uns aber verzweifelte und verschwörerische Blicke zuwarf, wenn die Oberkellnerin, dieser Drachen, einen jungen Mitarbeiter zur Schnecke machte, war neu. Und als die Kinderbetreuung uns bat, doch bitte den Chef durch die Blume wissen zu lassen, dass die Oberkellnerin nicht zum Aushalten sei, begannen wir uns zu fragen, ob wir hier Gäste oder Mediatoren waren.

Wenn das so weiter geht, werden wir keine Ferien mehr buchen. Wir werden vielmehr unser Bewerbungsdossier bei diversen Hotels einreichen. Wir demolieren (Siehe „Das also ist der Haken“), spielen den Briefkastenonkel, beraten und coachen. Wer uns das beste All-Inclusive-Angebot für zwei Wochen bietet, darf unsere Dienstleistungen ganz ohne weitere Gegenleistungen zwei Wochen lang in Anspruch nehmen.

Freundinnen fürs Leben

Jetzt sind wir erst seit sieben Tagen hier und schon haben wir Freundschaften fürs Leben geschlossen. Die zwei, von denen hier die Rede ist, können sich kaum halten vor Begeisterung, wenn sie uns sehen.

Die eine ist das Zimmermädchen. Schon wenn sie uns von Weitem sieht, gibt sie ein freudiges Grunzen von sich. Ach, wie sie es liebt, jeden Morgen unser Zimmer aufzuräumen und uns mit frischen Handtüchern zu versorgen! Besonders, wenn wir sie jedesmal bei ihrer Arbeit unterbrechen, weil das Prinzchen ausgerechnet dann, wenn sie sich voller Begeisterung in unserem Zimmer zu schaffen machen will, sein Schläfchen halten muss. Und wie sie unsere Kinder vergöttert! Man muss wirklich aufpassen, dass sie nicht plötzlich eines von ihnen aus lauter Liebe in den Hintern tritt, weil es sich erfrecht hat, nach dem Bad mit nassen Füssen auf den Teppich zu treten.

Die andere Freundin serviert im Restaurant. Bereits am ersten Abend hat sie uns ins Herz geschlossen, als der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter unter dem Tisch auf Entdeckungsreise gingen. Nie wieder wolle sie unsere Buben unter dem Tisch antreffen, schärfte sie ihnen ein. Dort unten würden nämlich unglaubliche Gefahren lauern, die sie unseren kostbaren Söhnen nicht zumuten wolle. Ein paar Tage später stiegen wir noch mehr in ihrem Ansehen, als der Zoowärter einen Porzellan-Salzstreuer fallen liess. Das wertvolle Stück sei eine Rarität, erklärte sie und warf unserem Zweitjüngsten einen derart liebevollen Blick zu, dass das Kind vor lauter Freude fast in Tränen ausgebrochen wäre. Seither lässt sie keine Gelegenheit aus, unseren Nachwuchs ihre  Zuneigung spüren zu lassen. Man kann förmlich spüren, wie sehr sie sich darüber freut, dass der Wirt vor einigen Jahren beschlossen hat, das Hotel von einer Absteige für Senioren und Carreisende in ein Kinderhotel umzuwandeln.

Leider haben unsere Freundinnen zwischendurch auch mal frei. Dann müssen wir hilflos mitansehen, wie das Personal unsere armen Kinder mit Gummibärchen, Streicheleinheiten und Zulächeln misshandelt. Haben die denn noch nicht begriffen, was echte Gastfreundschaft ist?

Nicht schon wieder!

Wenn ich den Kerl erwische, der die Magen-Darm-Grippe in dieses Hotel eingeschleppt hat, muss er sich warm anziehen. Nicht mal zehn Tage im Jahr kann man das Leben geniessen, ohne an Viren, Bakterien und dergleichen denken zu müssen. Und das in einem Land, in dem man anscheinend noch nie etwas von Itinerol-Tabletten gehört hat. Dies zumindest behauptet die Apothekerin, die mich mit Kaugummis gegen Reiseübelkeit und einem Reisschleim für das Prinzchen in den Kampf gegen die Magen-Darm-Seuche ziehen lässt. Dass sie mir „Schönen Urlaub noch!“ hintendrein ruf, grenzt an Zynismus.

So kämpfen wir mit einer Familienpackung Cola, Weissbrot und Kaugummis gegen Übelkeit und Durchfall und probieren den Humor nicht zu verlieren. Immerhin sind noch alle Blinddärme ganz…

Mutterliebe

Wie lässt sich Mutterliebe messen? Gar nicht so einfach, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Während die einen finden, die Anzahl Stunden, die man täglich mit dem Kind verbringe, sei der Massstab für Mutterliebe, finden andere, es hänge davon ab, wieviel Geld man für das Kind liegen lasse.

Es könnte aber auch sein, dass Mutterliebe sich darin ausdrückt, dass man noch Jahre nach der Geburt das exakte Geburtsgewicht jedes Kindes im Schlaf herunterbeten kann. Dies zumindest suggeriert eine Frau, die sich nicht vorstellen kann, dass man fünf Kinder gleich gern hat wie eines oder zwei. Es ist ja schon paradox: Da nimmst du es auf dich, mehr als zweimal schwanger zu sein und zu gebären, stellst persönliche Interessen jahrelang in den Hintergrund und gewisse Leute sehen darin den Beweis, dass du ein Kinderfeind bist. Hä?

Gespräche mit Leuten, die so über kinderreiche Familien denken, verlaufen immer gleich. Zuerst verteidigen sie sich dafür, dass sie „nur“ zwei Kinder haben, obschon ich mit keinem Wort gesagt habe, dass alle Menschen fünf Kinder zeugen müssten. Dann beginnen sie, dir Fangfragen zu stellen, um zu testen, ob du als mehrfache Mutter noch Anteil nehmen kannst am Leben deiner Kinder, oder ob die armen Kinder völlig untergehen im Chaos. Die Frage, ob ich das Geburtsgewicht meiner Kinder noch wisse, war genau so eine Fangfrage. Zu dumm für die Fragerin, dass ich die Frage mit Ja beantworten kann. Jetzt hat sie nicht einmal einen Beweis dafür, dass meine Kinder für mich bloss noch anonyme Wesen sind. Und dabei hatte sie doch so gehofft, die Bestätigung zu erhalten, dass die klassische vierköpfinge Familie der einzig wahre Hort der Mutterliebe sei.

Für alle, die noch immer an meiner Liebe zu  meinen Kindern zweifeln: Ich weiss nicht bloss ihr Geburtsgewicht, sondern auch, wie lange sie waren und um welche Zeit sie geboren worden sind.  Karlsson, 3830 g, 51 cm, 23:57 Uhr, Luise, 3560 g, 49 cm, 21:51 Uhr, FeuerwehrRitterRömerPirat, 3210 g, 48 cm, 23:58 Uhr, Zoowärter, 3630 g, 52 cm, 01:37 Uhr, Prinzchen, 4360 g, 53 cm, 06:53 Uhr und nein, ich habe nicht nachgeschaut. Die Geburtsurkunden meiner Kinder schleppe ich nicht mit, wenn ich in die Ferien fahre. Da staunt ihr, wie lieb ich meine Kinder habe… 🙂

Barbaren

„Meiner“ hat vor ein paar Tagen gelesen, dass die modernen Jungs einfach nicht mehr auf ihre Kosten kommen würden. Schuld daran seien natürlich mal wieder wir Frauen. Wir wollten nicht, dass die Jungen kämpfen, prügeln, schiessen und herumbrüllen. Wir wollten sie zu kleinen Pazifisten erziehen, obschon das gar nicht in ihrer Natur liege. Nun ja, in unserer Familie ist „Meiner“ fast gleich pazifistisch eingestellt wie ich und auch von den typischen Männlichkeitsritualen wie Biersaufen, Herumballern und Fussballschauen hält er herzlich wenig. Und auch das Fischen aus einem vollen Fischteich, das einzig und allein dazu dienen soll, zu beweisen was für ein toller Hecht man ist, findet „Meiner“ nicht gerade toll.

Trotzdem beschlossen wir, dass „Meiner“ heute Morgen mit den Kindern zum Angeln mitgehen sollte, damit sie einmal einen typischen Männermorgen erleben dürften. Luise wollte zuerst auch mit, doch als sie hörte, dass die Fische nach dem Angeln auch getötet wurden, zog sie es vor, mit mir Trivial Pursuit zu spielen. Während Luise und ich spielten, zogen Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter einen Fisch nach dem anderen an Land und der FeuerwehrRitterRömerPirat erschlug den Fang eigenhändig. Der machohafte Tischnachbar, der bestimmt alle typischen Männlichkeitsrituale mitmacht und schon zig mal Fischen gegangen war, wurde gelb vor Neid, weil bei ihm einfach nichts anbeissen wollte.

 Nach zwei Stunden kamen die Männer mit stolzgeschwellter Brust und einem Sack voller toter Fische zum Hotel zurück. Sogar „Meiner“ strahlte wie ein Neandertaler auf der Heimkehr von der Jagd. Und was war die Anerkennung, die ihnen für ihre Heldentat zuteil wurde? Mama kreischte, Luise heulte zum Steinerweichen, weil sie soviel Mitlieid hatte mit den armen armen Fischlein. 

Vielleicht ist doch etwas dran an diesem Geschwätz über Frauen, die nicht verstehen können, warum die Männer von Zeit zu Zeit den Barbaren rauslassen müssen…

Das also ist der Haken

Irgend etwas kann da doch nicht stimmen. Für fast nichts verbringen wir hier zu siebt zehn erholsame Ferientage. Und zwar inklusive Essen, Wellness und Kinderbetreuung. Nun ja, der Hotelbesitzer hatte ja versucht, nach der Buchung den Preis von „fast nichts“ auf „ein kleines Bisschen“ zu erhöhen, aber „Meiner“ hat gekämpft wie ein Löwe und deshalb blieb es bei „fast nichts“.

Misstrauisch, wie wir nun mal sind, rechneten wir damit, dass die Sache einen Haken haben würde. Doch wir konnten lange keinen finden. Das Essen ist gut und reichlich, das Kinderprogramm so toll, dass wir unsere Kinder zu vermissen beginnen, weil sie nichts mehr von uns wissen wollen, die Umgebung traumhaft, das Hallenbad neu und blitzsauber und die Sauna einfach perfekt. Nun ja, das Zimmer ist nicht gerade schön, zumindest nicht in den Augen von „Meinem“ und mir. Wir hätten nichts gegen eines der renovierten Zimmer gehabt. Aber die Kinder sind hin und weg von dem muffeligen Siebzigerjahre-Charme.

Ja, das Zimmer, das ist offenbar der Haken. Gleich nach unserer Ankunft hätten wir merken können, was der Wirt mit seinem Deal im Schilde führte: Luise verdunkelte das Zimmer und schon war das Rollo kaputt. Am nächsten Tag ging Luises Nachttischschublade drauf, am Übernächsten die Nachttischlampe, dann der Seifenspender und jetzt beginnt so langsam unser Bett zu wackeln. Die Überlegung ist glasklar: Wir, die Schweizer mit der Horde ungezogener Kinder, wohnen fast gratis. Im Gegenzug beginnen wir schon mal mit debm Abbruch des Mobiliars, damit im Winter die Renovation schneller vonstatten geht. Wir demolieren, sie renovieren. Clever, nicht wahr? Bloss finde ich das Ganze etwas unfair. Wir sind ja nicht zum Arbeiten da, sondern zum Ferienmachen.