Wie bitte?

„Meiner“ und ich unterhalten uns beim Anstehen an der Kasse darüber, was wir uns heute Abend, wenn die Kinder im Bett sind, kochen sollen. „Wir könnten Penne alla Vodka machen“, schlage ich vor. „Das können wir sonst nie kochen, wenn die Kinder mitessen.“ Eine ältere Dame dreht sich zu uns um und meint: „Aber warum denn nicht? Je früher man die Kinder an Alkohol gewöhnt, umso besser.“

Jawohl, das war ihr Ernst.

Warum auch nicht? Welchen Schaden kann so ein harmloses Schnäpschen denn schon anrichten?

Doch noch lieber so als anders

Wenn ich wieder einmal kurz vor Mittag schweissgebadet meinen Wocheneinkauf aufs Förderband lade, hinter mir eine lange Schlange von Arbeitern, die nur mal schnell ihr Sandwich bezahlen wollten und sich nun fragen, warum diese blöde Hausfrau ihren Grosseinkauf ausgerechnet jetzt tätigen muss, weil sie mir ja nicht ansehen können, dass ich auch meinen Job habe…

Wenn ich mir währenddessen den Kopf zermartere, wie ich es in den nächsten 24 Stunden schaffen soll, regelmässig eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu bringen, die Wohnung zu putzen, ungestört zu arbeiten, rechtzeitig zur Sitzung zu kommen, den Wäscheberg zu verkleinern, Luises Medikamente in der Apotheke abzuholen, den Kühlschrank sauber zu machen, zu Karlssons Schulbesuchstag zu gehen und bei all dem noch ein halbwegs freundlicher Mensch zu bleiben,…

wenn ich wenig später schimpfend und zeternd die Einkaufstaschen in den zweiten Stock schleppe, zwischendurch ein paar Essensreste auf den Herd stelle, die Kinder in Empfang nehme und mich frage, weshalb andere Menschen es für nötig halten, Sport zu treiben, wo doch das ganz gewöhnliche Leben sich oftmals anfühlt wie ein endloses Ausdauerprogramm,…

und mir dann noch einfällt, dass ich mir diesen Stress zumindest teilweise hätte ersparen können, wenn ich mir am Morgen nicht in einem Anflug von grenzenlosem Optimismus diese zwanzigminütige Pause gegönnt hätte,…

dann werde ich einen Augenblick lang empfänglich für diese leise Stimme, die mir honigsüss ins Ohr flüstert: „Stell dir vor, wie angenehm dein Leben sein könnte, wenn du nichts weiter zu tun hättest, als dich um Kinder und Haushalt zu kümmern. Wäre das nicht ein traumhaftes Leben? Morgens um acht, wenn das Prinzchen aus dem Haus ist, könntest du in aller Ruhe frühstücken und Zeitung lesen. Dann könntest du darüber nachdenken, was du heute erledigen willst und was getrost noch bis morgen warten kann. Wenn du Lust hättest, könntest du dich mit einer Freundin zum Kaffee treffen, oder für einige Stunden mit einem Buch verschwinden, um kurz vor Mittag vollkommen entspannt wieder zu Hause aufzutauchen, wo du deine Kinder wenig später mit einem liebevoll zubereiteten Mittagessen und einem offenen Ohr in Empfang nehmen würdest. Und stell dir erst mal vor, wie perfekt dein Garten dann nach einiger Zeit aussehen würde…“

So flüstert sie, diese Stimme und einen Moment lang bin ich geneigt, ihr zu glauben. Ich male mir aus, wie entspannt ich in den Tag starten würde, wenn ich nicht schon am frühen Morgen diese endlose Lite der zu erledigenden Dinge im Kopf hätte. Ich stelle mir vor, wie ordentlich es bei uns sein könnte, wenn sich endlich mal jemand richtig um diesen Haushalt kümmern würde. Ich fange an zu phantasieren, was ich alles Gutes kochen und backen könnte, wenn nicht immer alles auf den letzten Drücker geschehen müsste. 

Ein paar solche Tage wären ganz nett, denke ich. Aber auf Dauer? Nein danke! Dass ich nicht geschaffen bin für ein Leben, das sich ausschliesslich um Kind und Haushalt dreht, habe ich mir mehr als einmal bewiesen. Meine Familie kann ein Liedchen davon singen, wie unausstehlich ich dann werde. Noch unausstehlicher, als ich es heute Vormittag war… 

Und darum wird es auch weiterhin Tage geben, an denen ich mich schimpfend und schnaubend durchs Tagesprogramm pflüge, weil ich einfach nicht alles schaffe, was ich schaffen sollte  und ich werde dabei tief in meinem Inneren dennoch zufriedener sein, als ich es wäre, wenn ich irgendwann zu töpfern anfangen müsste, um irgendwie diese vielen kinderfreien Stunden hinter mich zu bringen. 

Schlechte Nacht?

Heute wieder mal einer für die Rubrik „peinliche Anrufe aus dem Lehrerzimmer“:

„Frau Venditti, hatte ihr Kind eine schlechte Nacht?“

„Äääääh, ich weiss nicht so recht. Ich habe da schon so ein Rumoren gehört…“

„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, das Kind macht mir einen ganz zufriedenen Eindruck und es sagt auch, es gehe ihm gut. Aber es ist jetzt … na ja, wie soll ich sagen?… also… es ist zweimal hintereinander regelrecht eingepennt. Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich es nach Hause schicke?“

„…“

Wo, um Himmels Willen, sind diese Erdlöcher zum Verkriechen, wenn man sie mal dringend braucht?

Und nein, ich verrate nicht, wer es war…

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Mama mit den Superschuhen

Draussen ist es zum ersten Mal in diesem Herbst so richtig kalt. Prinzchen sitzt auf dem Fussboden, zieht sich Socken an und schaut mir dabei zu, wie ich mit nackten Füssen in meine halboffenen Schuhe schlüpfe.

Prinzchen: „Warum muss ich Socken anziehen, wenn du selber nie welche trägst?“

Ich: „Na ja, eigentlich wäre es klug, Socken anzuziehen, aber ich hasse es, warme Füsse zu haben.“

Prinzchen: „Aber warum frierst du denn nicht an die Füsse, wenn du ohne Socken nach draussen gehst?“

Ich: „Weisst du, manchmal friere ich schon auch, aber meistens ist mir eher zu warm als zu kalt, auch dann, wenn es draussen kalt ist. Ich glaube, ich bin halt einfach ein Mensch, der selten friert.“

Prinzchen: „Ach so. Ich habe immer gedacht, du müsstest nie Socken tragen, weil du Spezialschuhe hast, in denen man gar nicht frieren kann.“

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Mangelnder Shopping-Enthusiasmus

Wenn andere Mütter mit ihren Töchtern Kleider kaufen:

„Wow! Dieser Style steht dir ja echt gut. Dazu brauchst du jetzt unbedingt noch eine passende Jacke und dann ist dein Look perfekt. Komm, ich zeige dir, wie du den Schal umbinden musst, damit dein Outfit richtig gut zur Geltung kommt. Okay, perfekt. Und jetzt dreh dich mal um, ich möchte noch sehen, wie das von hinten aussieht. Suuuuuper! Du hast deinen Look gefunden! Du musst einfach mutiger werden, zu deinem Style stehen, zur Geltung bringen, wie schön du bist. So, und jetzt probierst du noch das Kleid an. Dazu solltest du unbedingt eine schwarze, blickdichte Strumpfhose tragen. Das wird dann total heiss aussehen. Ach, und natürlich brauchst du ein Paar High Heels. Die besorgen wir auch noch gleich. Ich kann es kaum erwarten, dich darin zu sehen. Das Kleid passt dir wie angegossen. Stell dir mal vor, wie du erst aussehen wirst, wenn wir die richtigen Accessoires dazu gefunden haben. Ein Hammer-Outfit wird das…“ (Nein, das habe ich nicht erfunden. Das ist eine ziemlich wörtliche Widergabe dessen, was ich heute gehört habe.)

Wenn ich mit meiner Tochter Kleider für einen Teenie-Galaabend kaufe:

„Lass mal sehen. Sieht gut aus. Wirklich richtig schön. Wie? Du willst noch ein anderes Kleid anprobieren? Aber warum denn? Dieses hier ist doch perfekt. Na gut, dann probierst du die anderen eben auch noch an…“ Ich nicke vier weitere Kleider ab und gebe dann mein Schlussurteil bekannt: „Ja, ich finde auch, dass du das Grüne nehmen solltest. Sieht wirklich toll aus. Gut, dann brauchen wir jetzt nur noch eine passende Strumpfhose und dann können wir von hier verschwinden. Ach so, du brauchst ja noch Schuhe. Na, dann lass uns das möglichst schnell hinter uns bringen.“ Und natürlich bringe ich später, als sie beim Anprobieren der High Heels stolpert, nicht das eigentlich von mir erwartete: „Ach, mach dir keine Sorgen, mit etwas Übung schaffst du das schon und sonst buchen wir dir einen High-Heel-Kurs, damit du richtig elegant laufen lernst“ über die Lippen, sondern bloss etwas, was meine Tochter als schadenfreudiges Gelächter bezeichnen würde, was aber in Wirklichkeit natürlich allerhöchstens ein wohlwollendes Schmunzeln war. 

Nein, ich tauge wahrlich nicht als enthusiastische Shopping-Begleiterin. Dafür sage ich meiner Tochter manchmal auch dann, wenn sie vollkommen zerknittert aus dem Bett gekrochen kommt, wie hinreissend ich sie finde. (Zugegeben: Ich prüfe erst vorsichtig, ob die aktuelle Laune ein solches Kompliment erlaubt…)

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Ende des Tunnels?

Nach zahllosen Elterngesprächen, bei denen wir am Ende wie geschlagene Hunde aus dem Schulzimmer schlichen, weil es ja nicht von nichts kommen kann, wenn es mit einem Kind nicht so läuft, wie die Schule das gerne hätte,…

Nach so manchem furchtbar peinlichen „Frau Venditti, wir müssen reden“-Anruf,…

Nach vielen Terminen mit Experten, bei denen wir gelegentlich vollkommen entspannt und aufnahmefähig rechtzeitig im Wartezimmer sassen, in der Regel aber verschwitzt, leicht gereizt und mit einem Trupp kleiner Kinder im Schlepptau angerast kamen,…

Nach stundenlangem Brüten über Abschlussberichten, Standortbestimmungen, Untersuchungsergebnissen, Verordnungen und Formularen,…

Nach gefühlten zehntausend Tagen, an denen wir nicht mehr ein und aus wussten, weil Kind und Schule einfach nicht kompatibel zu sein schienen,…

Nach endlosem Gejammer und Geklöne, das sich Freunde und Verwandte von uns anhören mussten,…

Nach wunderschönen, mutmachenden Worten von lieben Menschen, die unser Gejammer und Geklöne auch beim hundertsten Mal noch ernst nahmen,… 

Nach mehreren intensiven Expertenrunden, bei denen zwar alle Beteiligten sehr guten Willen zeigten, die Grenzen des Machbaren aber doch wenig Spielraum für echte Veränderungen boten,…

Nach zornigen Ausbrüchen, weil einen bei der Starre des Systems und dem ewigen Dreinfunken des Kantönligeistes ein Gefühl der Ohnmacht überfällt,…

…sieht es endlich so aus, als gebe es einen richtig guten Ausweg aus dieser miesen Sackgasse. Und jetzt, wo wieder Licht ins Dunkel fällt, erkennt man, dass es zwischen all den Paragraphen und Verordnungen des Volksschulgesetzes halt auch Menschen gibt, denen das Wohlergehen eines Kindes wirklich am Herzen liegt.

So etwas muss auch einmal gesagt sein. 

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Schwärmerisches Geschwätz

Jetzt gehöre ich also auch schon zu den Menschen, die – kaum befinden sie sich mal wieder in den heiligen Hallen einer höheren Bildungsanstalt -, mit verklärtem Lächeln verkünden, eine schönere Zeit als die vier Jahre am Gymnasium gebe es nicht. So frei sei man da, so wissbegierig, so entspannt. Wenn ich könnte, würde ich die Zeit sofort zurückdrehen, behaupte ich, und natürlich kann ich es mir nicht verkneifen, die eine oder andere Anekdote von damals zum Besten zu geben. Ach, was gäbe ich doch drum, noch einmal so unbeschwert und jung zu sein…

Und wie ich mich so schwärmen höre, wird mir bewusst, wie furchtbar alt ich mit meinem schwärmerischen Geschwätz wirken muss. So alt eben, wie Menschen wirken, die ihre Jugendjahre nur noch durch die rosarote Brille betrachten und so tun, als hätte ihnen der Kampf um eine anständige Mathenote damals  nicht ganz fürchterlich zugesetzt.

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Selbstkritik in Kolumnenform

Hier nun also die swissmom-Kolumne, in der ich am allermeisten mich selber kritisiere…

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Wasser predigen und Adventssäcklein füllen

Das ist wohl wiedermal typisch: Da schreibe ich mir tagsüber beim Versuch, uns Eltern in Sachen Weihnachtsgeschenke ein wenig Vernunft einzureden, beinahe die Finger wund und am Abend fülle ich Adventssäcklein nach Adventssäcklein nach Adventssäcklein nach Adventssäcklein…. bis mir vor lauter Adventssäcklein der Schädel brummt. 

Damit ich mir beim Blick in den Spiegel noch in die Augen schauen kann, sage ich mir jetzt einfach, ich müsse eben die anderen Eltern davor warnen, so zu werden wie ich.

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Und ob die das können!

Mit Kerzenschein, einer Auswahl von Kaffee, Tee und Guetzli sowie einer perfekt aufgeräumten und geputzten Wohnung wurden wir empfangen, als wir vom Wellness-Wochenende mit Freunden nach Hause kamen. Wer das alles organisiert hat? Niemand Geringeres als die fünf Kinder – allen voran die zwei Grössten -, die in den vergangenen Jahren für so manchen „Wann lernen die endlich, ein wenig Ordnung zu halten“-Seufzer verantwortlich waren. Die Kinder, die sich im Alltag längst nicht immer so kooperativ verhalten, wie wir uns dies wünschen würden, die aber offenbar sehr wohl in der Lage sind, unsere Erwartungen bei Weitem zu übertreffen, wenn wir ihnen die Gelegenheit dazu bieten. 

Da hoffen wir doch, ihre Erkenntnis, dass Putzen und Aufräumen weit anstrengender sind als sie es sich vorgestellt hätten, sei länger haltbar, als die Erholung, die „Meiner“ und ich während der freien Tage genossen haben. 

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