Anrufprotokoll, oder so ähnlich

Zuweilen kommt es vor, dass Mama Venditti und Projektleiterin Venditti gleichzeitig im Einsatz sind. Zum Beispiel heute Morgen, als alle fünf Kinder beim Frühstück sassen und das Telefon klingelte. Hier ein kleiner Gesprächsausschnitt:

Anrufer: „Wie gut stehen denn die Chancen, dass der Ständerat die Anstossfinanzierung für Kinderkrippen verlängert?“

Projektleiterin Venditti: „Nun, in Bern haben sie mir gesagt…“

Mama Venditti: „Ja, Zoowärter, du bekommst gleich deinen Kakao….“

PV: „… dass der Ständerat solchen Anliegen eher offener gegenübersteht als der Nationalrat. Aber du weisst ja, wie das in der Politik so sein kann.“

Karlsson: „Mama, ich will auch einen Kakao haben!“

MV: „Kommt gleich, Karlsson. Ich bin noch am Telefon.“

Anrufer: „Und was machen wir, wenn der Ständerat nein sagt?“

MV: „Mist, die Milch ist sauer! Komisch, die ist doch noch gar nicht abgelaufen…. Zoowärter, gib mir deine Tasse zurück. Ich mach‘ dir einen neuen Kakao.“

PV: „Tschuldigung, diese Kinder….. Ääääähm, wo waren wir? Ach ja, beim Ständerat. Nun, wenn der Ständerat nein sagt, dann brauchen wir eben…. äääähm, Moment schnell…“

MV: „Könnt ihr mal bitte ein wenig leiser sein! Ich bin am Telefon!“

PV: „Da bin ich wieder. Also, wenn der Ständerat nein sagt, dann brauchen wir eben eine Defizitgarantie…“

MV: „Jetzt hört ihr sofort auf zu streiten! Das ist ja nicht zum Aushalten.“

PV: „Sorry, was hast du gefragt?“

Anrufer: „Und wenn das Geschäft bachab geht?

PV: „Tut mir leid, kannst du das noch einmal wiederholen? Es ist ein wenig laut hier.“

Anrufer: „Und wenn das Geschäft bachab geht?“

MV: „Ja, Luise, ich komme gleich…“

PV: „Dann müssen wir eben Investoren suchen…“

MV: „Nein, FeuerwehrRitterRömerPirat, du musst dir deinen Strohhalm selber holen….“

PV: „Wann hast du gesagt? Am Sechzehnten um acht?“

Anrufer: „Nein, am Vierundzwanzigsten. Ich sage dir dann noch, wann.“

PV: Okay. Ich schreibe mir das sofort auf…“

MV: „Wo habt ihr jetzt schon wieder meine Stifte versteckt! Ach, da liegen sie ja….“

PV: „So, Termin notiert. Ich schicke dir dann die Unterlagen per Mail. Nächste Woche dann, wenn unser Au-Pair wieder kommt….“

Alles klar?

Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters zu planen, ist gar nicht so einfach. Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters weit im Voraus zu planen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und so kann es schon mal vorkommen, dass an einem gewöhnlichen Mittwoch in den Sommerferien „Meiner“ um Viertel nach acht bei der Arbeit erscheinen muss, wofür er das Auto braucht, weil das E-Bike zwar bestellt, aber noch nicht abgeholt ist und weil der Zug von Schönenwerd nach Kölliken Umwege macht, die selbst einem umweltbewussten Menschen etwas zu absurd sind. Fünfundvierzig Minuten später sollte ich beim Arzt erscheinen, zu einem Termin, den ich bereits vor sechs Wochen abgemacht hatte, damals, als ich noch frohgemut behauptet hatte: „Ja, der 4. August passt perfekt. Dann haben wir Sommerferien, da bin ich vollkommen flexibel.“

Okay, bevor es richtig kompliziert wird, rekapitulieren wir kurz: Da wäre 1 x arbeiten um 8:15 Uhr und einmal Arzt um 9:00 Uhr. Was auf dem Papier gar nicht so kompliziert aussieht, in der Praxis aber sehr wohl kompliziert ist, denn wer hütet die Kinder, während Mama und Papa weg sind? Und das ist nur der eine Aspekt des Problems. Der andere wäre: Wer bringt Karlsson, Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Ferienkurs, wenn Mama und Papa weg sind? Nun, natürlich haben Mama und Papa Netzwerke, auf die sie in solchen Fällen zurückgreifen können und so werden die Kinder für eine Stunde bei der Grossmama, die im Haus wohnt, abgeliefert und die Grossmama stellt pünktlich um zehn vor zehn die drei Grossen an die Strasse, wo sie von einer anderen Mama abgeholt werden.

Problem gelöst, und sogleich wieder neue geschaffen. Denn um sich bei der anderen Mama für die guten Dienste zu revanchieren, bietet man ihr an, dass man im Gegenzug am späten Nachmittag deren Kind abholen wird. Was man dabei aber vergessen hat: Die eigenen Kinder müsste man am späten Nachmittag gar nicht abholen, weil die ganze Familie am Abend bei der Kursleiterin eingeladen ist und die Grossen deshalb gar nicht nach Hause kommen müssen.  Aber abgemacht ist abgemacht und deshalb will man das Kind der anderen Mama dennoch abholen. Man kann doch nicht einfach eine Dienstleistung annehmen, ohne eine zurückzugeben, nicht wahr? Man wird also am Nachmittag, nachdem man mit den beiden Jüngsten bei der Schwester zum Kaffeetrinken war, was man schon vor einer Woche abgemacht hatte, als man noch nicht wusste, dass „Meiner“ heute das Auto braucht, noch kurz das Kind abholen gehen.  Weil aber das Auto noch in Kölliken ist, muss „Meiner“ über Mittag nach Hause kommen, sich von mir am Nachmittag zur Arbeit chauffieren lassen, damit ich nachher mit den beiden Kleinen zur Schwester fahren kann und später das Kind der anderen Mama abholen kann und dann, bevor wir uns alle zusammen zu unserer Einladung begeben, „Meinen“ wieder von der Arbeit abholen kann.

Wie, ihr könnt meinen Erklärungen nicht folgen? Soll ich noch einmal rekapitulieren? Nun, vielleicht lasse ich es bleiben. Ihr müsst den Plan ja nicht im Detail verstehen.  Ich jedenfalls habe mehrere Anläufe gebraucht, bis mir endlich klar wurde, wie wir das alles schaffen, ohne das Telefon zur Hand zu nehmen um alles umzuplanen, was die Sache noch komplizierter gemacht hätte. Irgendwann stand die perfekte Lösung fest und es sah ganz danach aus, dass der Tag zwar etwas kompliziert, aber dennoch ganz gut werden würde.

Und dann kommt das Leben, das fiese Ding, das sich nie an unsere ausgeklügelten Pläne hält und wirft alles über den Haufen, was wir so schön durchdacht haben: Das Kind der anderen Mama muss heute nicht abgeholt werden, weil Luise der anderen Mama gesagt hat, dass sie und ihre Brüder heute bei der Kursleiterin bleiben dürfen. Gut, ein Termin weniger. Das verschafft Luft und der Tag wird einfacher. Also ja, der Tag würde einfacher werden, wenn nicht der Zoowärter plötzlich zu schlottern anfinge und das Fieberthermometer nicht panisch piepsen würde, nachdem die Temperatur fertig gemessen ist. Gut, jetzt wo der Zoowärter krank ist, ist auch klar, dass wir nicht zur Schwester fahren, sondern dass sie zu uns kommen wird, was ja an sich eine weitere Vereinfachung wäre. Denn jetzt muss „Meiner“ das Auto nicht nach Hause bringen, ich muss ihn nicht zur Arbeit zurückfahren und er muss sich am Abend nicht abholen lassen. Also alles perfekt: Ich bleibe den ganzen Tag zu Hause, kümmere mich um das kranke Kind und quatsche mit meiner Schwester. Klingt doch um Welten besser als das Chaos vom letzten Abschnitt, nicht wahr?

Bloss dass mit den die geänderten Plänen neue Fragen und Probleme auftauchen: Mache ich das versprochene Dessert für heute Abend, oder lasse ich es bleiben, weil wir wegen des kranken Zoowärters zu Hause bleiben müssen? Müssen wir zu Hause bleiben, oder ist er abends wieder gesund? Oder geht nur „Meiner“ mit den grossen Kindern? Oder gehe nur ich mit den grossen Kindern, weil ich ja weniger aus dem Haus komme? Schaffe ich es noch, ein wenig Ordnung zu machen, bevor die Schwester kommt? Ordnung, die ich nicht hätte machen müssen, wenn ich zur Schwester gefahren wäre, weil dann keiner gesehen hätte, wie es zurzeit bei uns aussieht. Muss ich überhaupt aufräumen oder kann ich der Schwester unser Chaos zumuten?

Was ich aus dem ganzen Theater lerne?  Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters zu planen, ist gar nicht so einfach. Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters weit im Voraus zu planen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters umzuplanen, ist so mühsam, dass man am besten gar nie mit dieser elenden Planerei begonnen hätte, weil ohnehin alles anders kommt.

Ach ja, und dann hätte ich noch eine Frage: Wann bekomme ich denn jetzt endlich dieses Management-Diplom?

Alle Jahre wieder…..

…. das gleiche Lied: Am ersten verregneten Sommerferientag versammeln sich die kleinen Vendittis in seltener Eintracht auf dem Sofa, um sich auf Weihnachten einzustimmen. Aus vollen Kehlen singen sie mit, wenn Andrew Bond seine Lieder von verschneiten Bergen, Geschenken unter dem Tannenbaum, Grittibänzen-Bäckerei und dem Samichlaus singt.

Da wäre sie also wieder, die alljährliche pränatale Euphorie im Hause Venditti. Eine Euphorie, die einfach so kommt, wie ein Virus, das sich breit macht, ohne dass man es eingeladen hätte. Allerdings frage ich mich langsam, ob die Sache vielleicht genetisch ist. Einen derart voraussehbaren Terminplan bringt kein Virus zustande.

Im Luxemburgerli-Himmel

Samstagmorgen vor zwei Wochen. Mama Venditti sitzt mit Karlsson, Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten im Zug nach Zürich. Man ist unterwegs in die Ferien, die Stimmung ist bestens und Mama Venditti, naiv wie sie auch nach Jahren der Mutterschaft noch immer ist, stellt sich auf eine friedliche Zugfahrt ein und ist dankbar, dass „Ihrer“ mit den zwei Kleinen und dem Gepäck im Auto sitzt und nicht sie. Dann, völlig unerwartet, schlägt die Stimmung um: Der Zug fährt bei der Firma „Sprüngli“ vorbei, wo die Lastwagen mit riesigen, unwiderstehlichen Luxemburgerli verziert sind. Was Karlsson daran erinnert, dass am Vorabend, als er zu Bett ging, noch nicht alle Luxemburgerli, welche die Gäste mitgebracht hatten, aufgegessen waren. „Was habt ihr mit den restlichen Luxemburgerli gemacht?“, fragt er streng und als er erfährt, dass Mama und Papa diese einfach aufgegessen haben, weil sie der Meinung waren, das delikate Dessert werde mit der Zeit auch nicht besser – immerhin steht auf der Packung „Bitte sofort geniessen“ -,  ist es vorbei mit dem Frieden. Karlsson tobt, findet, seine Eltern seien ganz furchtbar gemein und er wolle jetzt gleich neue Luxemburgerli haben.

Mama Venditti, die weiss, dass in solchen Momenten Erklärungen sinnlos sind, geht gar nicht gross auf das Drama ein. Was einer  Zugpassagierin nicht passt. Ob das Kind denn nicht endlich Ruhe geben könne, mault sie. Mama Venditti erklärt ihr, dass sie mit ihrem Gemaule die ohnehin nicht ganz einfach Situation unnötig erschwere, weshalb sie ich froh wäre, wenn sie sich aus der Sache raushalten würde. Was sie zur Bemerkung veranlasst, Kinder seien ohnehin das Letzte, sie hätte sich als Kind nie so aufgeführt und Mama Venditti  hätte nie und nimmer so viele Kinder haben sollen. Wenn die wüsste, wie viele kleine Vendittis es in Wirklichkeit sind….  Irgendwann platzt Mama Venditti der Kragen, weil sie jetzt mit zwei Unzufriedenen im Kampf steht, und so wird sie ziemlich unhöflich mit der Dame. So unhöflich, dass Karlsson darob seine Luxemburgerli vergisst und Mama erschreckt anstarrt. So unhöflich auch, dass die Dame sich plötzlich auf die Seite der eben noch so verabscheuten Kinder schlägt und findet, die armen Kinder könnten einem ja Leid tun mit einer solchen Mutter.

Nun, diese Mutter ist tatsächlich nicht immer das beste Vorbild, aber zumindest schafft sie es jetzt endlich, ihren Ältesten zu beruhigen: „Karlsson, ich verspreche dir, dass es wieder einmal Luxemburgerli geben wird. Ganz bestimmt.“ Und innerlich fügt sie hinzu: „Spätestens dann, wenn das Konto diesen Ferienaufenthalt verdaut hat, die Rechnung der Musikschule, die Steuerrechnung, die nächsten Monsterwocheneinkäufe, die Kinderschuhe für den Herbst, das E-Bike, das „Meiner“ für den Arbeitsweg braucht…“ Also irgendwann, in zehn Jahren vielleicht, gibt’s wieder Luxemburgerli bei uns.“An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Luxemburgerli ein halbes Vermögen kosten – und Luxemburgerli für eine Grossfamilie ein Ganzes.

Zwei Wochen später, wieder ein Samstagmorgen, diesmal aber zu Hause. Alle sind schon wach, nur Mama Venditti schläft noch tief und fest auf dem Sofa, wohin sie sich nachts zurückgezogen hat, weil sie keinen Platz mehr fand im Bett, da Karlsson noch einmal im Elternbett übernachten wollte, bevor er endgültig zu gross ist. Zu irgend einer unchristlichen Zeit  – Mama Venditti würde sagen, es sei etwa um vier Uhr morgens gewesen, aber in Wirklichkeit war es wohl so gegen halb acht – klingelt es an der Haustüre. Schlaftrunken macht sie sich auf zur Haustüre, denn obschon alle anderen schon längst wach sind, ist offenbar keiner wach genug, um sich aus dem Bett zu quälen. Vor der Haustüre steht der Postbote mit einer Eilsendung. Was kann das bloss sein? Ausnahmsweise hat Mama Venditti nun wirklich keine offenen Bestellungen, auf deren Lieferung sie wartet. Bald schon ist klar, was da morgens in aller Frühe seinen Weg zu Vendittis gefunden hat: Die einzige Sache, die einem nicht die Laune verdirbt, sondern schlagartig verbessert, wenn man ihretwegen am Samstag aus den Federn geholt wird, nämlich eine Riesenpackung Luxemburgerli.

Wäre ich katholisch, ich würde sagen, dass Linders sich mit dieser guten Tat soeben die Eintrittskarte für den Himmel erstanden haben….

Reiseandenken

Nein, besonders einfallsreich sind wir nicht, wenn’s darum geht, Souvenirs mit nach Hause zu bringen: Ein paar unbeschriebene Postkarten, jedem Kind ein überteuertes Andenken nach Wahl, ein neues Hemd für „Meinen“ und eine neue Fliegenklatsche für mich. Vollkommen ideenlos aber sind wir, wenn es darum geht, etwas für die ganze Familie mit nach Hause zu nehmen. Etwas, was alle zusammen auch nach dem Urlaub noch an die schönen Tage erinnert. Meistens beginnen wir ja schon am ersten Tag mit der Suche nach dem einzigartigen Souvenir, stöbern ein wenig hier, suchen ein wenig da. Doch spätestens in der Mitte der Woche tun wir das, was wir fast jedes Mal tun: Wir schauen, was Familie x aus Appartement Nummer 381 auswählt, woran sich Familie y noch lange erfreuen wird. Und schliesslich nehmen wir das, was die anderen auch nehmen: Einmal Magen-Darm-Grippe für alle! Auf dass wir beim Würgen über der Kloschüssel unsere entspannten Ferientage noch lange in verklärter Erinnerung behalten mögen.

Einer dieser Tage

Man sollte ja eigentlich meinen, in den Ferien würde auch das Leben einem zur Abwechslung mal eine  Verschnaufpause gönnen, würde einen verschonen mit Alltagskram, würde dafür sorgen, dass von den sieben Ferientagen keiner zu einem dieser Tage wird. Was für einen Tag ich meine? Na eben, einen dieser Tage….

die schon mitten in der Nacht damit beginnen, dass das Prinzchen eine volle Windel hat und die Feuchttücher spurlos verschwunden bleiben, auch wenn man die ganze Ferienwohnung danach absucht.

Einer dieser Tage, die damit weitergehen, dass der Zoowärter noch vor acht Uhr früh einen Tobschutanfall kriegt, weil er nicht mit Karlsson und  Luise zum Spielplatz gehen darf, weil er noch nicht angezogen ist und ausserdem drei Unterhosen übereinander trägt.

Einer dieser Tage, an denen schon vor dem Frühstück drei Trinkgläser in die Brüche gehen.

Einen dieser Tage, an denen der Zoowärter nicht nur einmal oder zweimal, sondern dreimal das Betadine-Bad verschüttet, in dem er seine eitrige Wunde, die er sich am Finger zugezogen hat, baden soll.

Einen dieser Tage, an denen man sich irgendwann dazu entschliesst, Wäsche zu waschen, weil der Tag ohnehin im Eimer zu sein scheint.

Einen dieser Tage, an denen gleich beide Waschmaschinen belegt sind und man sich schliesslich dazu gezwungen sieht, die frisch gewaschene Wäsche von wildfremden Menschen sorgfältig aus der Maschine zu nehmen und fein säuberlich hinzulegen, weil auch nach  langem Warten noch keiner gekommen ist, um die Waschmaschine wieder freizugeben. Und man kann ja nicht ewig warten. Irgendwann, solange das Prinzchen noch schläft, der Zoowärter mit „Meinem“ im Wald ist und Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat ihren „grossen Piratentag“ haben, müsste man doch wenigstens ein klein wenig des verpassten Schlafes nachholen.

Einen dieser Tage, an denen dich, kaum bist du eingeschlafen, die Kinderbetreuung anruft, um dich zu bitten, du mögest doch bitte Karlsson abholen kommen. Dem armen Jungen sei ganz schlecht geworden.

Einen dieser Tage, an denen du einmal mehr nicht weisst, wie du dein enttäuschtes Kind trösten sollst, wie du ihm erklären sollst, dass Viren keine Ferien machen, wie du ihm helfen sollst, möglichst schnell wieder gesund zu werden, damit nicht der ganze Spass ohne ihn stattfindet.

Einen dieser Tage, an denen der Zoowärter findet, er müsse jetzt endlich herausfinden, ob man auch aufwärts pinkeln kann und danach auf der Sauerei, die er angerichtet hat, ausruscht.

Einen dieser Tage, an denen du das Leben anflehst, es möge doch bitte berücksichtigen, dass man in den Ferien sei und deshalb keine Lust habe, sich mit Alltagskram herumzuschlagen.

Einen dieser Tage, die man am besten so schnell als möglich wieder vergisst.

Von Fussball- und anderen Verrückten

So ein kleines bisschen in Verlegenheit gebracht hat er uns ja schon mit seinem Geburtstagswunsch, unser FeuerwehrRitterRömerPirat: Ein Schweizer Fussballdress mit Schienbeinschonern, Fussballschuhen und Ball. Wie soll man dies als Nicht-Fussballfan und nicht sonderlich patriotisch eingestelltes Elternpaar bloss fertigbringen, ohne den Verdacht zu erwecken, die Sache mit dem Nicht-Fussballfan und nicht sonderlich patriotisch eingestellt sei bloss gespielt? Zumal zu dem Zeitpunkt, als unser Sohn seinen Herzenswunsch äusserte, die WM eben gerade begonnen hatte und die Dinge für die Schweiz noch eher rosig aussahen. Hätten wir in jenen schon fast vergessenen Tagen den Einkauf getätigt, die Verkäuferin hätte uns wohl mit einem feurigen „Hopp Schwiiiiiiz!“ begrüsst. Und das Fussball-Tenue hätte ein Zehnfaches seines üblichen Preises gekostet.

Also warteten wir ab, bis die Fussballbegeisterung im Lande etwas abgekühlt war. Dass sie mit dem frühen Ausscheiden der Schweizer Nationalmannschaft so rapide absinken würde, hätten wir natürlich auch nicht erwartet. Und so wagten wir uns in jenen Tagen des allgemeinen Katzenjammers wieder nicht in die Läden, weil wir fürchteten, wir müssten am Boden zerstörtes Verkaufspersonal trösten. Ausserdem war es nun wirklich nicht der geeignete Zeitpunkt, um ein T-Shirt mit Schweizerkreuz zu kaufen. Wer will denn schon sein über alles geliebtes Kind als Loser abstempeln? Nur so nebenbei bemerkt: Wie sehr wir unseren Dritten lieben, merkt man nicht alleine daran, dass wir ihm Fussballkleidung kaufen, ihm erlauben, ins Fussballtraining zu gehen und ihm versprechen, bei seinen Spielen voller Begeisterung dabei zu sein, nein, wir halten uns gar auf dem Laufenden über sämtliche grossen Fussballturniere, damit wir ihm am Morgen jeweils die aktuellen Resultate liefern können.

Und weil wir uns natürlich auch gestern auf dem Laufenden  hielten, sahen wir heute den Zeitpunkt gekommen, endlich das Geburtstagsgeschenk einzukaufen. Jetzt, wo fest steht, dass die Schweizer die einzigen waren, die an dieser WM dem Weltmeister die Stirn bieten konnten, muss man ja nicht mehr vor lauter Scham im Boden versinken, wenn man ein Schweizer-Trikot kauft. Und vielleicht gibt’s die Dinger ja jetzt im Sonderangebot, dachten wir uns und begaben uns frohgemut nach Schwyz zum Einkauf, während unsere vier grösseren Kinder das Kinderprogramm in Anspruch nahmen.

Aber in Schwyz scheint man nichts von Fussball zu halten. Im Geschäft Nummer1, einem national bekannten Sportgeschäft, beschied man uns, Fussballsachen habe man nicht, man sei hier „nicht so in“. Im Geschäft Nummer 2 empfahl man  uns ein Einkaufzentrum an einem anderen Ort, dort gebe es ein grosses Sportgeschäft. Doch bevor wir unser übermüdetes Prinzchen mit einer weiteren Autofahrt stressen wollten, schauten wir noch kurz bei Geschäft Nummer 3 vorbei. Und wurden endlich fündig: Eine komplette Schweizer-Ausrüstung und einen Italien-Fussball. Wie war das nochmals mit Loser? Aber wir sagten uns „Nach der WM ist vor der WM“ – es gibt bestimmt irgend einen frustrierten Fussballtrainer, der solche nichtssagenden Sätze von sich gibt, oder? – und kauften die Sachen. Und jetzt freuen wir uns auf Freitag, wenn unser fussballverrückter FeuerwehrRitterRömerPirat endlich seinen Herzenswunsch erfüllt bekommt. So sind wir nun mal, wir  kinderverrückten Eltern….

Ach übrigens, von wegen verrückt: Wie durchgeknallt muss man denn sein, um im strömenden Gewitterregen mit dem Laptop durch die ganze Ferienanlage zur Lobby zu rennen, wo man triefend nass – zum Glück gibt’s hier keine „Wet-T-Shirt-Contests“, sonst würden die noch glauben, ich wollte auch mitmachen – einen Blogpost in die Tasten zu hauen, während im Hintergrund eine Hotel-Pianistin „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ heult und die Gäste mitheulen?

Reisefertig?

Ferienvorbereitungen im Hause Venditti:

1. Schichtschlafen
„Meiner“ von 8 bis 9 Uhr morgens, ich von 9 bis 10 Uhr morgens, dann ein kurzer Auftritt beim Kindergartenabschlussfest, ein Blitz-Mittagessen und wieder zwei Stunden schlafen. Wie? Ob wir in den Süden verreisen und deswegen für die lange Autofahrt vorschlafen müssen? Aber nicht doch! Wir finden es einfach nur schön, uns für einmal den Luxus ausgedehnter Nickerchen zu leisten. Ist doch egal, dass wir eigentlich anderes zu tun hätten….

2. Fünf Kilo Sauerkirschen einmachen
Nein, wir haben keinen Sauerkirschenbaum. Aber wenn die Nachbarin einem so grosszügig wunderbar reife Sauerkirschen in Hülle und Fülle anbietet, kann man doch unmöglich nein sagen, auch wenn man eigentlich Koffer packen sollte. Und wenn man da noch dieses wunderbare Rezept für Sauerkirschen-Schokoladen-Chili-Confiture zum Ausprobieren hat, dann müssen andere Dinge eben warten.

3. Kirschenentseiner kaufen
Was kann ich denn dafür, dass das uralte Modell, das wir uns bis letzen Sommer mit meiner Mutter geteilt haben, den Geist aufgegeben hat?

4. Lesen
Jedes Buch, das ich schon zu Hause fertig gelesen habe, nimmt weniger Platz im Koffer weg. Also schnell alles lesen, dann müssen wir nicht so viel einpacken. Ausserdem habe ich dann eine Ausrede, mir am Ferienort neue Bücher zu kaufen, denn was sind denn schon Ferien ohne Bücher?

5. Gäste bekochen
Wenn man für ganze sieben Tage verreist, dann
muss man doch einfach vorher Gäste einladen. Die erkennen einen ja sonst nicht mehr, wenn man nach so langer Abwesenheit wieder zurückkommt.

6. Nachrichten schauen
Wenn Moritz Leuenberger findet, er müsse ausgerechnet heute seinen Rücktritt erklären, wo es nach seinen 15 Jahren im Bundesrat nun wirklich nicht auf die eine Woche mehr angekommen wäre, dann können wir das nicht ignorieren. Ich weiss auch nicht, weshalb der gute alte Moritz seine Rücktrittsankündigung nicht besser mit unseren Ferienplänen abgestimmt hat.

7. Mit dem Zoowärter im Garten Fussball spielen
Wenn der Zoowärter sich entscheidet, dass er jetzt gleich Schweiz gegen Brasilien spielen will – ich bin die Schweiz, er ist Brasilien – dann muss das unverzüglich getan werden und dann spielt es überhaupt gar keine Rolle, dass beide Mannschaften schon längst ausgeschieden sind und dass die WM ohnehin fast vorbei ist. Dann zählt nur, wer wie viele Tore schiesst. Oder genauer gesagt: Dann zählen nur die Tore, die Brasilien schiesst, auch wenn die Schweiz viel öfter getroffen hat.

8. Fliegen töten
Und zwar möglichst viele. Ich will doch nicht in einer Woche in eine mit Maden verseuchte Wohnung zurückkehren…..

9. Luxemburgerli essen, welche die Gäste mitgebracht haben
Die Dinger müssen weg und zwar schnell. In einer Woche sind sie nicht mehr gut und für die Reise taugen sie auch nicht.

10. Kofferpackenzugbillettlösenpicknickpackenreiseunterlagensuchenfahrplanausdrucken
benzintankenstrassenkartestudierengrünabfalleerenkühlschränkeleerenundausschalten
wäscheaufhängengartenbewässernpoolabdeckenwohunungaufräumen

Aber morgen ist ja auch noch ein Tag, nicht wahr?

Beinahe hätte ich’s vergessen

Da war ich in den letzten Tagen so beschäftigt mit Kuchenbacken fürs Jugendfest, für die Kindergarten-Geburtstagsparty, für die Kinder-Geburtstagsparty, als Vorräte für den tatsächlichen FeuerwehrRitterRömerPiraten-Geburtstag Mitte Juli, mit Wohnungsputz – die Putzrau ist in den Ferien -, Kinderzimmer entrümpeln bevor sich noch einer ein Bein bricht, wenn er versucht, sich einen Weg durchs Chaos zu bahnen, Hochzeitstag feiern, Au-Pair kennen lernen und Schuljahr beenden. Wir alle hatten so viel um die Ohren, dass ich beinahe die Vorfreude vergessen hätte. Also ja, eigentlich nicht nur die Vorfreude, sondern auch den Grund für die Vorfreude, nämlich die Tatsache, dass wir am Samstag in die Ferien fahren. Nur für eine Woche zwar, dazu noch in der Innerschweiz, aber immerhin sind das die Tage, auf die wir seit Monaten sehnsüchtig gewartet haben und da sollte man eigentlich meinen, dass mir nicht irgendwann, mitten im Alltagsstress in den Sinn kommt, dass wir bis zur Abreise nur noch viermal schlafen müssen und dass wir uns deswegen vielleicht langsam aber sicher überlegen sollten, ob wir alle mit dem Zug fahren oder ob „Meiner“ oder ich das Gepäck mit dem Auto durch die Schweiz karrt. Vielleicht sollten wir auch mal abklären, ob wir für das Prinzchen ein Kinderbett mitnehmen müssen. Und ob es dort in der Nähe einen Laden gibt oder ob wir zu Hause schon alles einkaufen sollten. Und ob es dort auch einen Internet-Anschluss gibt, damit „Meiner“ und ich weiterhin ungestört bloggen können, oder ob wir noch ganz schnell, bevor wir dann weg sind, ein paar Blogkonserven einmachen müssen.

Vor allem aber sollten wir endlich wieder damit anfangen, uns vorzufreuen. Vor lauter Stress hätten wir nämlich beinahe vergessen, dass uns nur noch ein paar wenige Stunden von ausschlafen, Ausflügen, Souvenirjagd, Badespass, ausgiebigem Lesen und haushaltfreier Zeit trennen. Und weil das Schönste an den Ferien ja meistens die Vorfreude ist, habe ich beschlossen, dass ich mit der Vorfreude anfange und zwar genau …. JETZT.

Wie? Ob ich vergessen habe, dass da noch die Koffer für sieben Leute zu packen sind? Mist! Daran habe ich tatsächlich auch nicht mehr gedacht. Vielleicht bleiben wir doch lieber zu Hause…..

Es gibt Au-Pairs, …..

….  denen kann man Kohlrabi in die Hand drücken und sie fragen nicht „Was ist denn das?“ sondern sie nehmen ein Rüstmesser zur Hand und machen sich daran, das Ding zu schälen und in Würfel zu schneiden.

…. denen kann man sagen, dass man jetzt Vollkornbrot backen möchte und sie rümpfen nicht die Nase, sondern beginnen zu strahlen, weil sie sich darauf freuen, anständiges Brot zu essen. Und dann machen sie sich mit Leidenschaft daran, das Korn zu mahlen.

…. denen kann man sagen, dass man jetzt eine Zeit lang lesen möchte und die fassen das nicht als Aufforderung auf, einem jetzt endlich über alle Details des letzten Liebeskummers zu berichten, sondern die schnappen sich selber auch ein Buch.

….. denen kann man zutrauen, dass die Kinder heil nach Hause kommen, auch wenn der Bus ohne Mama Venditti, aber mit Au-Pair und Kindern abgefahren ist, weil Mama Venditti und der Billettautomat sich mal wieder in die Haare geraten sind.

….. denen kann man sagen, dass die Kinder jetzt kein Eis mehr haben dürfen und dann bekommen die Kinder auch kein Eis, auch wenn Mama Venditti schon längst nicht mehr hinschaut.

…… bei denen das Bild, das sie im Internet abgegeben haben, mit der Realität übereinstimmt.

…… denen kann man sagen, dass man sie nach der Schnupperwoche sehr gerne einstellen würde, weil man merkt, dass die Chemie einfach stimmt.

Es geschehen doch tatsächlich noch Zeichen und Wunder….