Peinlich? Mir doch egal!

Man legt uns Müttern nahe, unsere Teenager nicht mehr in aller Öffentlichkeit zu umarmen, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. Peinlich sei das für die Kinder und vielleicht auch ein Anzeichen von Überbehütung. Als ich heute den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Reisecar begleitete, der ihn ins Skilager bringt, habe ich ihn trotzdem umarmt, bevor er das Treppchen hochstieg. 

Erstens, weil er mein Kind bleibt, auch wenn er mich inzwischen um gute sieben Zentimeter überragt. Das ändert aber nichts daran, dass er mir fehlen wird, wenn er fünf Tage lang nicht hier ist, um auf meinen Nerven herumzutanzen, also lasse ich es mir nicht nehmen, ihn noch einmal in den Arm zu nehmen und insgeheim ein bisschen sentimental zu werden, weil er jetzt auch schon so gross ist. 

Zweitens, weil er jetzt in dem Alter ist, in dem Eltern vordergründig nicht mehr viel zu bieten haben. Als Mass aller Dinge gilt die Meinung der Schulfreunde. Als Vorbild dienen offiziell die Stars und Sternchen, inoffiziell die Klassenlehrer und Leiter verschiedener Freizeitangebote. Brauchen sie mal jemanden, dem sie das Herz ausschütten können, kommen Grossmütter, Tanten und Gotten zum Zug. Was bleibt mir da als Mutter noch zu tun? Nur eines: Für diese kleine Prise Peinlichkeit in ihrem Leben zu sorgen. Damit sie jetzt bei ihren Freunden etwas zum Lästern haben und später dann – wenn ich in ihren Augen schon längst nicht mehr peinlich, sondern so etwas wie eine Heilige bin – ein paar Erinnerungen, die sie hemmungslos verklären können. 

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Er wollte doch nur mal tanzen

Ein einziges Mal nur wollte er es seinen Brüdern gleich tun. Irgend so eine sinnlose Dummheit anstellen, bei der man sich fragen muss, ob das Denkorgan überhaupt zu Rate gezogen wurde. Eines dieser fiesen Ärgernisse, mit denen man die Eltern so wunderbar auf die Palme treiben kann. Missetaten, die, wenn sie ans Licht kommen, mit einem entrüsteten „Ich war das bestimmt nicht!“ dem „anderen“ in die Schuhe geschoben werden. 

Mit einem kleinen Loch in der vollen Milchflasche wollte er testen, ob auch er, der gewöhnlich immer so seriös und perfektionistisch unterwegs ist, für ein wenig Action im Haus sorgen könne. 

Nun, man weiss ja, wie es kommt, wenn Ungeübte sich mit Streichen versuchen. Meistens scheitert die Sache schon daran, dass sie nicht kaltblütig genug sind, um so zu tun als wüssten sie von nichts. So war es auch bei ihm. Das Loch wurde entdeckt und drei Minuten später wussten wir, dass er der Schuldige war. Weil sein Sündenregister noch nicht sehr umfangreich ist, wäre ihm schnell verziehen gewesen. Leider verstaute aber „Meiner“ den Krug mit der Milch, die er hatte retten können, so ungeschickt im Kühlschrank, dass sie sich heute Morgen über meine Füsse ergoss, bevor ich nur eine Spur von Koffein intus hatte. So kam es, dass derjenige, der die Sache ins Rollen gebracht hatte, im Morgengrauen ein mütterliches Donnerwetter über sich ergehen lassen musste. 

Irgendwie tat mir das Prinzchen fast leid. Er wollte doch nur mal testen, ob er auch ein paar Tanzschritte auf den elterlichen Nerven wagen darf.

Ich glaube, er weiss jetzt, dass er es besser bleiben lässt. Ihm fehlt nicht nur die Übung, er ist auch nicht abgebrüht genug, um eine geballte Ladung mütterlichen Zorns mit einem gekonnten Schulterzucken von sich abzuschütteln.

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Fastenfragen

Da wir die Zügel in Sachen gesunder Ernährung in letzter Zeit etwas haben schleifen lassen, habe ich die beginnende Fastenzeit für pädagogische Zwecke missbraucht und für die kommenden Wochen ein generelles Süssigkeiten-, Dessert-  und Colaverbot verhängt. Seither werde ich mit sonderbaren Fragen konfrontiert:

„Dürfen wir jetzt bis Ostern nur noch Wasser trinken?“

(Natürlich. Es gibt auf diesem Planeten ja nur zwei Getränke: Wasser und Cola.)

„Muss ich auch im Skilager aufs Dessert verzichten?“

(Aber klar doch! Ich werde deine Mitschüler dafür bezahlen, dir ganz genau auf die Finger zu schauen und mir jeden Regelverstoss umgehend zu melden. Für jeden Bissen Dessert wird die Fastenzeit um eine Woche verlängert. Aber nur für dich. Wir anderen essen dann wieder Kuchen.)

„Sind Früchte noch erlaubt? Die enthalten doch auch Zucker…“

(Früchte? Lasst um Himmels Willen die Finger von diesem Zuckerzeugs! Immer, nicht bloss in der Fastenzeit!)

„Aber Luise bekommt trotzdem eine Geburtstagstorte?“

(Warum denn? Luise kann ja nächstes Jahr wieder feiern. Vorausgesetzt, ihr Geburtstag fällt nicht wieder in die Fastenzeit.)

„Warum hast du Lasagne mit Fleisch gekocht? Das ist ist doch jetzt nicht mehr erlaubt.“

(Ihr glaubt also, die Vegetarierin, die euch noch nie dazu gezwungen hat, es ihr gleich zu tun, würde euch jetzt plötzlich dazu verdonnern, Pilzlasagne zu essen? Vergesst es! Dieses Gemotze würde ich nicht aushalten.)

„Müsstest du nicht auch auf Kaffee verzichten?“

(Liebe Kinderlein, ihr möchtet doch nicht im Ernst riskieren, dass eure ohnehin schon launenhafte Mama gänzlich auf Koffeinentzug kommt? Das Colaverbot ist mir Herausforderung genug.)

Himmel, die glauben allen Ernstes, mir sei der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen. Dabei will ich doch bloss, dass wir uns wieder mit etwas mehr Verstand ernähren.

Was nicht auf dem Einkaufszettel steht

Wenn du zur falschen Zeit einkaufen gehst, kann es dir passieren, dass du nur mit der Hälfte der Dinge, die auf deiner Liste stehen, heimkehrst. Dafür schleppst du eine Menge Sachen mit nach Hause, die man in den Regalen nicht finden kann:

Müttersorgen

Pausenhofstreitereien

Krankengeschichten

Nachbarschaftskonflikte

Lehrerversagen

Die schmutzige Wäsche wildfremder Leute

Ehekräche

Generelle Überforderungen

Zuweilen kommt es gar vor, dass du um einige Ratschläge erleichtert nach Hause gehst, obschon du die deinen Gesprächspartnern doch gar nicht aufbürden wolltest, denn du weisst, wie sauer die andern aufstossen können.

An solchen Einkäufen schleppe ich ganz schön schwer. Wie elend muss einem Menschen zumute sein, dass er mir – einer Wildfremden – zwischen Butterzöpfen und Fischstäbchen sein ganzes Leid klagt?

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Das könnte uns jetzt nicht interessieren

Wer heute in seiner Küche etwas Frittiertes zubereitet, tut dies nicht, ohne sich vorher eingehend mit der Frage auseinanderzusetzen, ob das erlaubt ist, erst recht, wenn die Speise neben viel Fett auch noch eine gehörige Portion Zucker enthält. Da gilt es zu überlegen…

… wie viel Fett und Zucker die Kinder in den vergangenen sechs Tagen bereits konsumiert haben. 

… mit welchen Massnahmen man diesen Frevel in den kommenden Tagen zu kompensieren gedenkt.

… mit welchen Worten man den Kindern verständlich macht, dass dies eine ganz böse, Sache ist, die man sich nur ausnahmsweise mal gönnen darf, weil Frittiertes fast so gefährlich ist wie illegale Drogen.

… wie man das schlechte Gewissen zum Schweigen bringt, das einem einreden will, wer seinen Kindern Frittiertes vorsetze, könne sie auch gleich vergiften.

Ist all dies zu Ende gedacht, wird es Zeit für die Vorbereitungen. Als erstes gilt es natürlich,  die Fritteuse zu finden, die irgendwo im hintersten Winkel verborgen ist, weil sie erstens nur etwa einmal alle zwei Jahre im Einsatz ist und zweitens auf gar keinen Fall strenggläubigen Gästen, die jeglichen Fettkonsum aufs Strengste verurteilen, unter die Augen kommen darf. Danach werden alle Fensterläden geschlossen, damit die Nachbarn nicht mitkriegen, welches Verbrechen da gerade begangen wird. Und natürlich muss man sich auch ein paar kluge Ausreden zurechtlegen für den Fall, dass unverhofft jemand reinschneit, wenn man gerade an der Fritteuse steht. 

Ist man schliesslich an dem Punkt angelangt, an dem man endlich loslegen könnte, braucht man eines nicht: Eine Rezept-Homepage, die unterhalb des Rezeptes unter „Das könnte Sie auch interessieren“ ein Buch anpreist: „Fit und Schlank – Drei Kilo abnehmen in drei Wochen“

Das interessiert uns dann wieder, wenn die Kalorienbombe verdaut ist…

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Stimmbürger in den Startlöchern

Prinzchen schaut sich eine alte Ausgabe des „Nebelspalters“ an. Ein wiederkehrendes Thema ist die Volksabstimmung „Ja zur grünen Wirtschaft“, die damals gerade aktuell war.

Prinzchen: „Grüne Wirtschaft? Soll man da Ja oder Nein stimmen?“

Ich: „Ich habe Ja gestimmt, denn ich finde es wichtig, dass wir die Umwelt schützen.“ 

Prinzchen: „Dann ist diese Abstimmung also schon vorbei?“

Ich: „Ja und die Mehrheit hat Nein gestimmt.“

Prinzchen (zu sich selber): „Dann hätte ich hier unbedingt Ja stimmen müssen, wenn ich schon abstimmen dürfte.“

Nur noch zehn Jahre, dann darf er…

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Back to normal

Die Winterferien, die mit ihrer Geruhsamkeit meinen Alltag gehörig auf den Kopf gestellt haben, sind seit gestern vorbei. Jetzt herrscht endlich wieder die gute alte Routine:

Kaum steige ich gestern Morgen in Zürich, wo ich einen Gesprächstermin habe, aus dem Zug, erreicht mich ein Anruf aus der Schule. Der FeuerwehrRitterRömerPirat fühlt sich nicht wohl und möchte nach Hause. Ich bin erleichtert. So werde ich wenigstens von jemandem erwartet, wenn ich aus der bösen, kalten Grossstadt nach Hause zurückkehre.  

Am Nachmittag dann ein Informationsbrief: Am Schmutzigen Donnerstag und am Fasnachtsdienstag fällt nachmittags der Unterricht aus. Ich stosse einen Freudenschrei aus. Jetzt muss ich wenigstens nicht alleine über das närrische Getue schimpfen, sondern kann mit den Kindern gemeinsam jammern. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist heute Morgen wieder auf den Beinen. Damit ich trotzdem nicht einsam bin, übergibt sich der Zoowärter. Er hat sich eigens darum bemüht, sich schon am ersten Schultag nach den Ferien in Sachen Käfer auf den neuesten Stand zu bringen.

Später dann eine Nachkontrolle im Kantonsspital, zu der die Versicherung Luise – und damit auch mich – eingeladen hat. Ach, wie bin ich doch dankbar für die vierzig Minuten im Wartezimmer und die halbe Stunde, die ich mehr oder weniger stumm an Luises Seite verbringen darf. Ich wüsste ja sonst nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte.

Wie schön, dass man jetzt endlich wieder mit der täglichen Portion Planänderung rechnen kann. Seitdem die Kinder an schulfreien Tagen immer erst kurz vor Mittag aus ihren Betten gekrochen kommen, sind Ferientage in diesem Haus so gefährlich ruhig geworden, dass man sich glatt daran gewöhnen könnte. 

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Fast schon wundersam

Nahezu Unglaubliches hat sich bei uns zu Hause ereignet. Zwei grosse Tafeln Schokolade – die Riesendinger, die etwa 400 Gramm auf die Waage bringen – haben drei volle Monate in unserem Küchenschrank überlebt. 

Keiner hat ihnen das Papier vom Leib gerissen.

Keiner hat sich heimlich ein Stück abgebrochen.

Keiner hat sie bis auf den letzten Würfel verdrückt und dann das leere Papier mit ein paar Krümeln liegen gelassen.

Ja, es sieht gar so aus, als wären sie während der ganzen langen Zeit nicht ein einziges Mal berührt worden. 

Sie liegen einfach da, zufrieden und ganz und gar unbesorgt, gerade so, als hielten sie sich nicht an einem für Schokolade brandgefährlichen Ort auf. Wo doch die durchschnittliche Lebensdauer einer Tafel Schokolade in diesem Haus eine halbe Stunde beträgt.

Ein Wunder, könnte man fast denken. Wenn es denn keine Zartbitterschokolade wäre…

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Typischer Elternmoment

Nach einem langen Tag lässt du gegen Mitternacht deinen müden Kopf aufs Kissen sinken. Eine Weile lang noch dreht sich das Karussell deiner Gedanken, dann fallen dir die Augen zu und du gleitest allmählich in eine surreale Welt. Kaum bist du dort angekommen, erscheint eine sehr reale Gestalt an deinem Bett: „Mama, kannst du mir erklären, warum ich heute plötzlich so traurig geworden bin?“, fragt sie. Erst denkst du, diese Gestalt sei Teil der anderen Welt, in der du gerade unterwegs bist, doch als sie die Frage wiederholt, weisst du,  dass sie zur Realität gehört, aus der du eben erst geflüchtet bist. In dieser Realität ignoriert man Gestalten, die wichtige Fragen stellen, nicht einfach und darum murmelst du: „Lass uns morgen darüber reden. Mitternacht ist längst vorbei und wir brauchen unseren Schlaf.“ Die Gestalt verschwindet und du lässt deinen Kopf zurück aufs Kissen sinken. Doch zurück in die surreale Welt gelangst du nicht mehr so leicht, denn morgen wirst du eine wichtige Frage beantworten müssen. Also machst du dir gewissenhaft deine Gedanken, damit du der Gestalt erklären kannst, was der Grund für ihre plötzliche Traurigkeit gewesen sein könnte. 

Am nächsten Morgen dauert es sehr lange, bis die Gestalt aus ihrem Zimmer kommt. Sie muss sich von ihrer nächtlichen Wanderung erholen. Als du sie endlich zu Gesicht bekommst, willst du mit ihr über die Frage, die sie in der Nacht so beschäftigt hat, reden: „Du wolltest doch heute Nacht wissen, weshalb du gestern plötzlich…“, fängst du an, doch die Gestalt schaut dich mit grossen Augen verständnislos an: „Ich kann mich nicht erinnern…“ „Doch, du standest plötzlich an meinem Bett und danach konnte ich stundenlang nicht mehr einschlafen.“ „Kann mich nicht erinnern…“ „Ja, aber du wolltest doch wissen, warum du gestern so plötzlich traurig wurdest. Ich habe mir dazu ein paar Gedanken gemacht…“ „Ist schon gut, Mama. Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Ist also nicht mehr so wichtig.“

Und du fragst dich, ob sie denn jemals damit aufhören werden, dich wegen „Ist nicht mehr so wichtig“ aus dem Land der Träume zu vertreiben. 

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Wie haben die das bloss geschafft?

In meiner Kindheit erzählte mir ein Mädchen von einer sechsköpfigen Familie, in der die Kinder im Turnus dazu verdonnert wurden, täglich das Lavabo im Badezimmer zu reinigen. Wir waren beide entsetzt.

Sie, weil sie aus einem tadellos geführten Haushalt stammte, in dem das Lavabo gar nie die Chance hatte, schmutzig zu werden, da die treusorgende Hausfrau bereits mit dem Schwamm angerannt kam, wenn ein Kind sich nur schon dem Waschtrog näherte. Das Mädchen wusste also gar nicht, dass Lavabos dreckig sein können.

Ich, weil ich damals in kindlicher Selbstüberschätzung tatsächlich glaubte, wenn ich beim gemeinsamen samstäglichen Hausputz das Lavabo sauber mache, bleibe es danach eine ganze Woche lang blitzblank. Offenbar war ich ausgesprochen erfolgreich darin, nicht zu bemerken, wie meine Mutter an allen anderen Wochentagen die Spuren beseitigte, die sieben Kinder im einzigen Badezimmer hinterliessen. 

Noch heute versetzt mich jene sechsköpfige Familie in Erstaunen. Ich kann mir nämlich beim besten Willen nicht vorstellen, wie um alles in der Welt die es geschafft haben, ihr Lavabo sauber zu halten, wenn sie es bloss einmal am Tag geputzt haben.

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