Heute

Natürlich habe ich mir fest vorgenommen, genau das zu tun, was die Mehrheit meiner Leserschaft ebenfalls für richtig angesehen hat, nämlich das Leben zu geniessen. Das hätte dann etwas so ausgesehen: Ein ausgedehnter Morgenspaziergang im Wald – ganz ohne Schreien -, dann mit Bus und Laptop in die Stadt, damit ich bei Kaffee und Sonnenschein ein wenig arbeiten könnte, Stöbern in der Buchhandlung, vielleicht zu Fuss nach Hause zurück, vielleicht auch mit dem Bus, ein heisses Bad, ein einfaches, feines Mittagessen, garniert mit ausgedehnter Zeitungslektüre, Mittagsschlaf und dann die Kinder abholen. Wäre doch nett gewesen, nicht wahr?

Nun, mein Schlafmanko war da anderer Meinung. „Du könntest dich ruhig mal um mich kümmern, wo schon mal alle aus dem Haus sind“, meckerte es schon bevor ich das Prinzchen in die Obhut der Kindergärtnerin übergeben hatte. Ziemlich verwundert schaute ich das Schlafmanko an. „Um dich habe ich mich doch bereits in Schweden ausgiebig gekümmert. Erinnerst du dich denn nicht mehr daran?“ Das Schlafmanko lachte höhnisch. „In Schweden? Ja, da hast du mir tatsächlich ein wenig Aufmerksamkeit zukommen lassen, aber das ist eine halbe Ewigkeit her…“ „So lange nun auch wieder nicht“, unterbrach ich. „Eine halbe Ewigkeit, sage ich“, beharrte das Schlafmanko, „und darum gehört dieser Tag mir.“ „Er gehört mir“, widersprach ich heftig. Etwas zu heftig wohl, denn dem Schlafmanko traten die Tränen in die Augen. „Nie nimmst du dir Zeit für mich, dabei habe ich dir über all die Jahre die Treue gehalten. Nicht einen einzigen Tag bin ich von deiner Seite gewichen und jetzt, wo du endlich etwas Zeit für mich hättest, willst du mich links liegen lassen.“ Das Schlafmanko tat mir richtig Leid. „Okay, du bekommst eine Stunde“, sagte ich. „Zwei Stunden“, feilschte das Schlafmanko. „Neunzig Minuten“, beharrte ich. „Einverstanden“, sagte das Schlafmanko und da wir gerade zu Hause angekommen waren, legte ich mich noch vor dem Frühstück ins Bett. Das Schlafmanko deckte mich zu, sang mir ein Schlaflied und bald war ich im Land der Träume.

Was dann geschah, weiss ich nicht. Ich nehme an, das Schlafmanko zog mir eins mit dem Holzhammer über, vielleicht flösste es mir auch heimlich ein Schlafmittel ein. Auf alle Fälle verschlief ich nicht nur Frühstück und Znüni, sondern gleich noch das Mittagessen. Als ich aufwachte, blieben mir gerade noch neunzig Minuten, um das Leben zu geniessen. „Was hast du getan?“, keifte ich, als ich das Schlafmanko frech grinsend auf dem Sofa sitzend antraf. „Nichts habe ich getan“, antwortete das Schlafmanko mit Unschuldsmiene. „Was kann ich denn dafür, dass du den Wecker überhörst und einfach weiter pennst?“ Dagegen konnte ich natürlich nichts einwenden und so beschloss ich, mich einfach daran zu freuen, dass ich ganz ungestört hatte schlafen können. Und weil mir der zusätzliche Schlaf einen Haufen zusätzlicher Energie gab, konnte ich später, als die Kinder bereits wieder zu Hause waren, das tun, wozu mir nur ein einziger Leser geraten hatte: Diesen Saustall endlich wieder einmal ausmisten. 

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Übermorgen

Karlsson ist von Montag bis Freitag im Klassenlager, „Meiner“ und die anderen Kinder sind am Dienstag auf Sternwanderung, die Wetterprognose verheisst prächtiges Wetter und das stellt mich vor ein grosses Problem: Was mache ich an einem Tag, an dem von 8:10 Uhr bis 14:30 Uhr kein einziges Familienmitglied etwas von mir wollen kann? Man könnte ja so unglaublich viel anstellen an einem solchen Tag. Zum Beispiel vollkommen ungestört fast das ganze Wochenpensum abarbeiten. Pasta mit Mayonnaise essen und dabei die Zeitung lesen. In den Zug sitzen und ins Blaue fahren. Stundenlang schreiben. Schlafen. Jemandem helfen. Gärtnern… Die Auswahl ist überwältigend und genau dies ist es, was mich überfordert. Was, wenn ich mich für das Falsche entscheide und abends ernüchternd feststellen muss, dass ich die kostbaren Stunden vergeudet habe?  Es kann Ewigkeiten dauern, bis eine solche Gelegenheit wieder kommt und die Angst, alles zu vermasseln ist gross. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, meine geschätzten Leser zu fragen, was ich aus dem kommenden Dienstag machen soll. Ich bin gespannt auf das Abstimmungsergebnis; ob ich dann auch tun werde, was die Mehrheit meiner Leserschaft für richtig hält, wird man sehen. Vielleicht komme ich ja plötzlich auf die Idee…

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Heute investiert

75 Minuten und 110 Blumenzwiebeln in einen bunteren Frühling. 

6,5 Minuten in die botanische Erziehung des Prinzchens und seines besten Freundes. („Zuerst mit dem Ende des Kochlöffels ein Loch in die feuchte Erde graben…Nein, noch etwas tiefer…noch etwas tiefer…Halt! So tief nun auch wieder nicht…jetzt die Blumenzwiebel rein, zudecken und das nächste Loch graben. Nein, nicht hier, hier habe ich schon eine gesetzt….Ihr mögt nicht mehr? Die hier noch, dann seid ihr fertig. Bringt den Kochlöffel wieder nach oben, den brauche ich noch. Nein, das machst du. Ja, ich weiss, du hast Rückenschmerzen von der harten Arbeit, aber glaub mir, das habe ich auch und mein Rücken ist bedeutend älter als deiner….“)

125 Gedanken und drei Gesprächsminuten mit „Meinem“ in eine verbesserte Nutzung des Gewächshauses. 

18 Gedanken in die Optimierung der Melonengrösse. Nicht, dass ich es übertreiben möchte, aber ich habe das Gefühl, dass für eine ausgereifte Tigermelone auch etwas mehr als 5 Zentimeter Durchmesser drinliegen.

39.80 Fr. in ein Verbessertes Raumklima und damit unendlich viel in das Wohlbefinden unserer Gäste, die den Geruch unserer Katzen durchaus noch wahrnehmen, wenn sie die Wohnung betreten.

Eine mit Curry-Blumenkohl belegte Piadina in die Liebesbeziehung zwischen dem Zoowärter und dem genannten Gemüse.

2 Stunden in das Anlegen eines Pfirsich-Wintervorrats. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an unseren Nachbarn, der seinen Pfirsich-Überfluss mit uns teilt. Ja, wir haben auch anständige Nachbarn, nicht nur solche, die immer gleich die Polizei rufen.

2 Kilo zukünftiger Essiggurken in das Glück meines Mannes. Und meiner Kinder, falls „Meiner“ etwas für sie übrig lässt.

Je einmal ausschlafen und einmal Mittagsschlaf in die Bekämpfung meiner Dauermüdigkeit.

30 Minuten in ein glücklicheres Leben unserer Wachteln.

Viel Arbeit, ein bisschen Shopping und noch mehr Abwechslung in die Verhinderung meiner üblichen samstäglichen Misere. 

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Wie Mama Venditti inzwischen einkauft

Crèmeschnitten:

„Okay, da wären mal sieben Vendittis, mit Prinzchens bestem Freund und Luises bester Freundin sind wir neun. Hmmm, ich glaube, ich nehme besser zehn Stück, man weiss ja nie, wer noch aufkreuzt.“ (Die zehnte Crèmeschnitte bekommt dann auch tatsächlich der beste Freund des FeuerwehrRitterRömerPiraten, der während meiner Abwesenheit spontan aufgekreuzt und geblieben ist.) 

Obst:

„Wir brauchen mindestens acht Kilo. Das Kilo Mirabellen, die zwei Kilo Trauben, zwei Kilo Zwetschgen und die zwei Kilo Äpfel von vorgestern sind bereits aufgegessen. Ach ja, und ich muss noch Bananen kaufen. Prinzchens bester Freund liebt die Dinger und ich kann ihn nicht schon wieder enttäuschen, weil ich keine im Haus habe…“

Getreideriegel:

„Wenn ich die Schachtel à sechs Stück kaufe, reicht das zwar für unsere fünf Kinder und für Prinzchens besten Freund. Aber was mache ich, wenn einer von Zoowärters besten Freunden heute auch noch vorbeischaut? Doch halt, wenn der kommt, muss ich ohnehin eine andere Sorte kaufen. Ich glaube, er mag die mit den Marroni gar nicht. Ob er überhaupt Getreideriegel mag? Vielleicht kaufe ich doch besser etwas Salziges für ihn.“

Brot:

„Luise und das Prinzchen möchten sicher, dass ich einzelne Brötchen bringe. Aber wenn dann noch Luises Schulkameradinnen zum Lernen vorbeikommen, habe ich nicht genug für alle und das wäre unfair. Ich glaube, ich kaufe doch besser zwei ganze Brote. Oder vielleicht auch vier, dann reicht es vielleicht noch fürs Abendessen.“

Saft:

„Eigentlich wäre ein Karton Süssmost praktisch, aber Zoowärters Freunde versauen mir immer den Fussboden, wenn sie sich den Saft selber zapfen. Da nehme ich lieber Orangenjus.“

Abendessen:

„Ich glaube, heute Abend koche ich indisch. Ein Gemüsecurry, etwas mit Poulet und Gewürzreis. Ob Prinzchens bester Freund indische Küche mag? Vielleicht lasse ich die Gewürze im Reis besser weg. Ich möchte nicht, dass er hungrig nach Hause geht…“

Tiefkühlgipfeli im Sonderangebot:

„Ob ich die kaufen soll? Man weiss ja nie, wen unsere Kinder am Wochenende zum Übernachten einladen und dann wäre es nett, wenn wir den kleinen Gästen Gipfeli auftischen könnten.“

In meinen Augen ist das stetige Kommen und Gehen von vielen lieben Menschen etwas vom Schönsten am Leben in einer grossen Familie.

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Diese Glucke mal wieder…

Morgen steht bei Karlsson ein 5-Kilometer-Lauf auf dem Programm. Anfänglich trainierte er noch mir Begeisterung, doch mit der Zeit fiel es ihm etwas schwerer, sich aufzuraffen. Er rannte die Strecke noch ein paar Mal, aber nicht so oft, wie er es vorgehabt hatte. Heute Abend fand er dann aber doch, er müsste sich vielleicht ein letztes Mal auf die Socken machen, ehe es ernst gilt. Damit er es vor dem Eindunkeln nach Hause schafft, beschloss er, die Strecke mit dem Velo abzufahren. Tja, und dann begann es zu regnen, kaum war Karlsson zehn Minuten unterwegs. Augenblicke später schüttete es wie aus Kübeln, heftige Windstösse drückten unsere Balkontüre auf und dadurch wurde die Glucke aufgeschreckt.

„Da fallen Tropfen vom Himmel, sehr viele Tropfen“, stellte sie mit Entsetzen fest. „Und diese Tropfen werden meinen armen, kleinen Karlsson treffen, der sich unten am Fluss abstrampelt.“ Mit sorgenvollem Blick schaute die Glucke aus dem Fenster. „Es dunkelt ja bereits“, bemerkte sie beunruhigt. „Was, wenn mein armer, kleiner Karlsson Angst bekommt? Oder wenn er hinfällt, weil ihm der Wind zu stark ins Gesicht bläst? Er hat bestimmt wieder sein Handy zu Hause gelassen…“

An diesem Punkt fiel ich der Glucke ins Wort. „Nun hör mal auf mit deinem Gejammer“, sagte ich streng. „In Karlssons Alter fuhr ich Tag für Tag mit dem Velo zur Schule und zwar bei jedem Wetter, sogar bei Schnee und Eis. Ja, manchmal wurde ich klitschnass, ein paar Mal stürzte ich und oft war es schon längst dunkel, als ich mich auf den Heimweg machte, aber hat es mir etwa geschadet?“

Die Glucke zeigte sich unbeeindruckt. „Du mit fast dreizehn oder Karlsson mit fast dreizehn, das ist nicht das Gleiche“, wandte sie ein. „Er ist viel unerfahrener als du es damals warst und überhaupt hat man sich zu deinen Zeiten einen Dreck um die Sicherheit der Kinder geschert. Ihr musstet euch ja nicht mal angurten im Auto…“ In diesem Moment fegte wieder ein heftiger Windstoss über das Haus hinweg und die Glucke rannte beinahe panisch ins Wohnzimmer. „Du musst Karlsson suchen gehen“, befahl sie „Meinem“, der mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und Luise über den Hausaufgaben brütete. „Warum denn?“, fragte „Meiner“ erstaunt. „Na, weil er draussen unterwegs ist bei diesem Sauwetter. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um ihn und du kennst die Strecke besser als ich“, erklärte die Glucke. „Meiner“ versprach ihr, er werde sich gleich auf den Weg machen.

Ich zog mich derweilen mit dem Prinzchen ins Zimmer zurück, um Schlaflieder zu singen. Mitten im dritten Lied kam die Glucke hereingeplatzt. „Er ist ihn noch immer nicht suchen gegangen“, schimpfte sie. „Sag ihm, er soll Karlsson suchen gehen. Jetzt gleich!“ „Das kannst du ihm doch selber sagen. Hörst du denn nicht, dass ich am Singen bin?“, gab ich zurück. „Wie kannst du nur singen, währenddem der arme, kleine Karlsson schluchzend und halb erfroren im Regen draussen ist?“, schrie sie und rannte wieder ins Wohnzimmer, um „Meinem“ Beine zu machen. „Ach ja, Karlsson… Hatte ich bereits wieder vergessen, aber ich geh ja schon…“, brummte „Meiner“ nur, was die Glucke dazu veranlasste, sehr verärgerte Geräusche von sich zu geben. 

„Meiner“ ging also in den Regen hinaus, ich sang weiter mit dem Prinzchen und die Glucke tigerte ungeduldig durch die Wohnung. Endlich ging im Treppenhaus das Licht an und wenige Augenblicke später stand ein ganz und gar durchnässter und leicht verwunderter Karlsson im Wohnzimmer. „Ich bin doch bloss meine fünf Kilometer gefahren. Was hast du denn?“, fragte er mich erstaunt. „Ich? Ich habe gar nichts“, sagte ich. „Das war mal wieder diese Glucke… “ Karlsson wollte schon aus dem Zimmer gehen, als ich ihm hinterher rief: „Die Sauna ist aufgeheizt. Geh dich doch kurz aufwärmen, ehe du die Hausaufgaben machst.“ „Ja, geh in die Sauna“, pflichtete mir die Glucke bei, „sonst erkältest du dich am Ende noch…“

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Nächtliche Ungerechtigkeit

Okay, ich weiss, dass ich mich allmählich an die Launenhaftigkeit (vor)pubertierender Kinder gewöhnen muss, aber das war nun doch etwas viel: Da schlafe ich tief und fest den gerechten Schlaf der übermüdeten Mutter, die sich unbedingt noch einen Film reinziehen musste, nachdem alle Kinder im Bett waren. Irgendwann, mitten in der Nacht,  kommt das Prinzchen mitsamt Bär und Decke in unser Bett gekrochen, was ich knapp zur Kenntnis nehme, ehe ich wieder in tiefen Schlaf versinke. Wenig später erscheint eine sehr aufgebrachte Luise an unserem Bett. Die Worte, die sie mir an den Kopf schleudert, ergeben nicht viel Sinn, aber mir ist sofort klar, dass ich mal wieder eine abscheuliche Ungerechtigkeit zugelassen habe. Wenn ich meine Tochter richtig verstehe, habe ich irgendwann, in grauer Vorzeit, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten erlaubt, was ich ihr jetzt, mitten in der Nacht, vollkommen grundlos verwehre. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht zusammenreimen, auf welche Begebenheit sie sich bezieht, ich weiss auch nicht so recht, was sie von mir erwartet, doch dem Frieden zuliebe – und um nicht richtig wach werden zu müssen – biete ich meiner zornigen Tochter meinen Platz im Bett an und ziehe mich aufs Sofa zurück. Offenbar ist damit die Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft, denn Luises Gezeter hört schlagartig auf und bald schlafen wieder alle friedlich.

Alle? Nein, nicht ganz. Das Prinzchen hat sofort bemerkt, dass das falsche weibliche Familienmitglied an seiner Seite liegt und so dauert es nicht lange, bis er ins Wohnzimmer tappst. Na ja, immerhin verzichtet er dabei auf lautstarkes Gemotze…

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Generalstreik

Das Notebook, auf dem sich meine ganze Arbeit befindet, tut keinen Wank mehr. Noch habe ich nicht herausgefunden, ob die Katzen oder die Kinder sich an dem Gerät vergriffen haben.

Der Familiencomputer ist meist durch andere Familienmitglieder besetzt, lädt keine Bilder mehr hoch, hat ein sehr angespanntes Verhältnis zum Drucker und steht ausserdem an denkbar schlechter Stelle für jemanden, der in Ruhe schreiben sollte.

Jetzt hat auch noch eine unserer Katzen das iPad zu Boden geschmissen und dadurch das Display so sehr zertrümmert, dass mir beim Schreiben beinahe die Scherben in den Fingern steckenbleiben.

Wahrlich ideale Voraussetzungen für jemanden, der sein Geld damit verdient, schreibend und redigierend am Computer zu sitzen.

Ich verspüre gerade das dringende Bedürfnis, sehr laut zu schreien.

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Beziehungskiste

Es hätte so etwas wie ein Abschiedsbesuch werden sollen. Vor einiger Zeit schon habe ich mich innerlich vom blau-gelben Möbelhaus zu lösen begonnen, fuhr nur noch hin, wenn es unbedingt sein musste und setzte mich vertieft mit kritischen Artikeln auseinander. Es fiel mir nicht leicht, mich von dem Geschäft zu distanzieren, das mich von frühester Kindheit, über schwierige Teenagerjahre zur ersten Wohnung bis hin zu den Kleinkinderjahren unserer Kinder begleitet hatte. Doch eine zunehmend konsumkritische Haltung, einige enttäuschende Beziehungen zu Möbelstücken, die mehr versprachen, als sie halten konnten und der wachsende Wunsch nach Möbeln, die eine Geschichte haben, trieben mich vermehrt in die Arme der Brockenstuben. Daran änderte auch unsere Schwedenreise nichts, obschon es im Möbelhaus auch ein paar Lebensmittel zu kaufen gibt, die ich seit unserer Rückkehr schmerzlich vermisse.

„Ein letzter Besuch muss sein“, sagte ich gestern, als mir bewusst wurde, dass unsere Küchenschränke ein rundum erneuertes Innenleben benötigen, wenn ich je so etwas wie Ordnung herstellen will. Ich weiss, man bekommt solche Dinge auch andernorts, aber „Meiner“ hat gerade eine Weiterbildung zu bezahlen und da liegt das blau-gelbe Möbelhaus am ehesten im Bereich des Bezahlbaren. 

Also fuhr ich heute Morgen mit meinem sehr schwedisch aussehenden  Prinzchen – die Michel aus Lönneberga-Verkleidung ist zu seiner zweiten Haut geworden – und einer langen Einkaufsliste los und das war eindeutig ein Fehler. Die Blau-Gelben haben nämlich ganz offensichtlich gespürt, dass ich mich von ihnen zu entfremden begann und mir scheint, dass sie so ziemlich alle Register gezogen haben, um mich zurückzugewinnen: Fröhlichere Farben, fantasievollere Muster, eine Rückbesinnung auf die småländischen Wurzeln, etwas weniger „Made in China“, Zusammenarbeit mit meinem bevorzugten Vegi-Restaurant, ein paar bestechende Aufbewahrungsideen und eine Lehrlingsarbeit, die ich am liebsten nachmachen würde, wäre ich handwerklich nicht vollkommen unbegabt.

Als wäre das alles nicht genug, mussten diese Angestellten, die gewöhnlich ziemlich schroff und distanziert sind, ein Riesentamtam um mein herziges kleines Prinzchen machen, das sie alle zum Anbeissen fanden. Wissen die denn nicht, dass es in der Schweiz streng verboten ist, fast fünfjährige Jungen süss zu finden? Spätestens im Alter von drei Jahren wechseln die  Jungen hierzulande in die Kategorie „unausstehliche Rotznase, der man nicht über den Weg trauen kann“, aber das kümmerte die Damen einen Dreck, sie bezirzten das Prinzchen, als wäre er gerade mal ein halbes Jahr alt. 

Ja, und jetzt bin ich voll im Clinch: Bleibe ich bei meinem Entschluss, diese Beziehung zu beenden? Lasse ich die ganze Sache auf Sparflamme köcheln, in der Hoffnung, dass das blau-gelbe Möbelhaus eines Tages zu einem Fair-Trade-Unternehmen erster Güte wird? Oder lasse ich mich durch die neue Farbenvielfalt zu einer neuen Liebesbeziehung verführen, wohl wissend, dass ich diese nie mehr mit reinem Gewissen werde geniessen können, weil ich bereits zu viel hinterfragt habe?

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Montagsgemotze

Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist wütend auf mich, weil ich darauf bestehe, dass er seine Hausaufgaben macht.

Der Zoowärter ist wütend auf mich, weil ich dem Prinzchen erlaube, die grosse Kartonschachtel für seine Michel aus Lönneberga-Sammlung zu behalten, obschon der Zoowärter daraus ein Bett für seine Karlsson auf  dem Dach-Puppe hätte machen wollen.

Das Prinzchen ist wütend auf mich, weil er einfach auf irgend einen wütend sein muss, da das Leben als frischgebackener Kindergärtner ganz schön anstrengend ist.

Luise ist wütend auf mich, weil Karlsson mich abends begleiten darf, um den kleinen Gottegris und den grossen Leone vom Kindergarten abzuholen, wo sie den ganzen Tag im Gebüsch auf mich gewartet haben.

Karlsson ist wütend auf mich, weil ich Luise erlaube, ebenfalls mitzukommen, als wir noch einmal zum Kindergarten gehen müssen, weil wir zuerst den zappelnden Gottegris nach Hause bringen mussten, ehe wir uns um Leone kümmern konnten. 

„Meiner“ ärgert sich über mich, weil ich mich mit den beiden auf eine Diskussion einlasse.

Katzenmama Henrietta wirft mir misstrauische Blicke zu, weil ich in ihren Augen zu wenig dagegen unternehme, dass der kleine Gottegris im Dorf herumstreunt.

Die Nacktschnecken-Gemeinschaft hat zum Sturm auf mein Gewächshaus geblasen, weil ich noch immer nicht bereit bin für Friedensverhandlungen.

Unsere zwei Wachtelhähne attackieren mich, wenn ich nach dem Füttern die Eier hole. Warum attackieren die mich und nicht ihre Hennen, die zu faul zum Brüten sind und mich dadurch geradezu zwingen, die Eier zu nehmen?

Die Wespen auf dem Balkon nehmen es mir übel, dass ich den Kompostkübel wespendicht verschliesse und reiten deshalb jedes Mal eine Attacke auf mich, wenn ich die Balkontüre öffne.

Das alles hat mir heute ziemlich zugesetzt, aber ich hätte den Tag locker als misslungenen Montag abgetan, hätte nicht auch noch einer der mir treu ergebenen Kater einen stinkenden Haufen auf neben meiner Seite des Bettes liegen lassen. Wenn die zwei jetzt auch noch anfangen zu motzen, verabschiede ich mich in die Ferien…

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Wie der Onkel, so der Neffe

Gewöhnlich sorgt Kater Leone dafür, dass ich völlig verkatert im Kindergarten ankomme, wenn ich das Prinzchen begleite. Auf Schritt und Tritt folgt er mir, ruft verzweifelt nach mir, wenn er mich aus den Augen verloren hat und weicht nur von meiner Seite, wenn ein grosses, gefährliches Kindergartenkind seine Hand nach ihm ausstreckt. Dann schlägt er sich ins Gebüsch und ich habe das Vergnügen, mit Flip Flops an den Füssen den steilen Abhang nach meinem Kater abzusuchen, währenddem das Prinzchen und sein bester Freund drohen, sie würden sich jetzt dann gleich ohne mich auf den Heimweg machen.

Heute Morgen blieb Leone zu Hause. Ich weiss nicht, ob er den Abmarsch verpasst hat, oder ob er gerade anderweitig beschäftigt war, auf alle Fälle gingen das Prinzchen und ich alleine los. Wir waren noch nicht weit, als hinter der Hecke ein Miauen ertönte. „Der Kater kommt also doch mit“, sagte ich zum Prinzchen, doch als ich mich umwandte, war da nicht der grosse, behäbige Leone, sondern der kleine, flinke Gottegris, der uns folgte. Gottegris ist der einzige von Henriettas Söhnen, der bei seiner Mama bleiben durfte – sein rotes Fell und der aparte weisse Streifen auf der Nase haben es mir vom ersten Moment an angetan -, doch seitdem sich seine Mama von ihm zu emanzipieren beginnt, kümmert sich Onkel Leone mehrheitlich um die weitere Erziehung des Kleinen. Sie kämpfen spielerisch, schleichen gemeinsam ums Wachtelgehege und liegen faul an der Sonne. Offenbar hat Leone seinem Neffen nun auch beigebracht, was zu tun ist, wenn die Menschenfrau mit dem jüngsten Menschenjungen morgens das Haus verlässt: Hinterher, auf der Mauer balancieren, immer schön brav beim Fussgängerstreifen über die Strasse und auf gar keinen Fall die Menschenfrau aus den Augen lassen. 

Gottegris hat seinen ersten Kindergartenmorgen bravurös gemeistert, ja, er stellte sich gar kurz bei beiden Kindergärtnerinnen vor und lehrte einen Kater der Fürchten, der mindestens doppelt so gross ist wie er. Gut, auf dem Heimweg musste ich den Kleinen kurz auf den Arm nehmen und über die Strasse tragen, weil er sich lieber noch länger im Garten des Pfarrhauses herumgetrieben hätte, aber ansonsten kann Onkel Leone stolz sein auf seinen gelehrigen Neffen. Ja, und auch ich lerne allmählich, nämlich, dass ich wohl nie mehr ohne Kater im Kindergarten aufkreuzen werde. 

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