Hier steh‘ ich nun…

… und darf nicht anders. Darf mich nicht setzen und schon gar nicht hinlegen. Denn wenn ich das tue, geht das Gebrüll wieder los. Dann schreit er wieder, windet sich auf meinem Arm, schlägt um sich und weckt am Ende noch die ganze Familie. Und dann bekäme meine afrikanische Zimmernachbarin  doch noch Recht. Die herzensgute Frau, an die ich mich immer gern erinnere, weil sie die erste wirklich interessante Gesprächspartnerin war, mit der ich nach meinen Geburten im Spital das Zimmer teilte,  hatte mir nämlich vor bald einem Jahr prophezeit, das Prinzchen werde ein „Petit Prince“, der die ganze Familie ermüden würde.

Dass „Meiner“ und ich des Prinzchens wegen seit drei Wochen auf dem Zahnfleisch gehen stimmt, aber der Rest der Familie hat davon zum Glück noch nichts mitbekommen. Die schlafen auch so zu wenig, weil sie zu später Stunde noch spielen müssen, oder streiten, oder die Mama etwas gaaaaanz Wichtiges fragen.

Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, die vergangene Nacht sei, abgesehen von den Nächten, in denen ich geboren habe, die anstrengendste Nacht meiner Karriere als Mutter gewesen. Das Prinzchen mochte noch so verzweifelt nach Schlaf suchen, er blieb ohne Erfolg. Er schrie und wimmerte und jammerte dass es uns fast das Herz brach. Und um den Verstand brachte. Denn wir konnten einfach keinen Grund für sein Verhalten finden. Wir hatten alles abgecheckt, wie dies frischgebackene Eltern eben tun. Doch einen Grund fanden wir nicht.

Und so stand ich da, mit dem übermüdeten Prinzchen auf dem Arm, vor lauter Müdigkeit nicht einmal mehr im Stande, mich aufzuregen. Was ein Segen war. Denn früher hätte ich bei solcher Gelegenheit Schoppenflaschen an die Wand geschmissen oder Türen geknallt. Jetzt aber empfand ich nur noch Mitleid mit dem kleinen Menschlein auf meinem Arm. Und mit mir selber, die ich nicht einmal sitzen durfte, weil sonst das Prinzchen wieder entrüstet aufschreien würde. Und mit „Meinem“, der irgendwann angefangen hatte, Prüfungen seiner Schüler zu korrigieren, weil er bei dem Gebrüll nicht schlafen konnte und das Prinzchen seine Hilfe noch heftiger ablehnte als meine.

Irgendwann, gegen sechs Uhr, schlief das Menschlein endlich ein auf meinem Arm. Da lag er, unschuldig wie ein kleiner Barockengel. Als wäre nie etwas gewesen. Endlich durfte ich mich hinsetzen, was er zwar auch im Tiefschlaf mit einem heftigen Zappeln quittierte. Doch das war mir jetzt egal. Irgendwann war er dann so weggetreten, dass ich ihn in sein Bettchen legen konnte. Aber da war auch schon der Tag angebrochen, vier weitere übermüdete Kinder warteten auf uns.

Schönen Sonntag allerseits!

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Was darf’s denn sein, mein Prinzchen?

Des Prinzchens erster Geburtstag naht und so langsam wird es Zeit, dass ich mich mal bei Ricardo umschaue. Nur so als Inspiration. Ich habe ja keine Ahnung, was man einem Einjährigen schenken könnte…

Tja, bei Ricardo gäbe es da so einiges. Zum Beispiel das „Hüpfpferd, Hüpf-Pferd. Hüpf Pferd“. Ist in perfektem Zustand, aber wenn das Ding genauso sprunghaft ist wie die Orthographie des Verkäufers ist das wohl nichts für unser Prinzchen. Der steht ja noch nicht einmal ganz sicher auf seinen Beinchen. Vielleicht wäre der „Winnie the Pooh auf fahrende Schildkröte“ besser geeignet, da bestimmt etwas langsamer. Sieht aber nicht nur langsam, sondern auch langweilig aus. Noch langsamer ist bestimmt der „Spielzeug schneck“. Aber vielleicht kriegt das Prinzchen einen Schreck, wenn wir ihm einen Schneck schenken. In der Menagerie der Spieltiere gibt es auch noch das „Lernlauf Hündli“. Was aber, wenn das Lauflern-Tier einen Leerlauf hat und das Prinzchen auf wackeligen Beinchen stehen lässt? Lassen wir’s lieber bleiben, suchen wir weiter.

Da wäre ein „Schwein mit Lärm“ günstig abzugeben. Normalerweise wird Lärm bei Spielzeugen ja so wunderbar euphemistisch umschrieben: „Spielt zehn verschiedene Melodien“, oder „lustige Töne auf Knopfdruck“, oder „fördert die musikalische Früherziehung“. Wenn aber der Verkäufer das Ding bereits „mit Lärm“ anbietet, muss es wirklich laut sein. Also nichts für unsere sonst schon eher laute Familie. Dann kaufe ich vielleicht doch lieber „viele spielzeug für kleine kind“. Oder was halten Sie von folgendem Angebot: „Kinder bis 36 Mte. Fr. 1.-, gebraucht“? Da erzählt man den Kindern immer, sie wären unbezahlbar und ein anderer bietet seine für einen Franken bei Ricardo an? Nein, so schlimm ist es nicht. Wenn man ganz genau hinsieht, findet man den Vermerk „wagen den man zusammenklappen kann (barbiespielzeug)“.

Nun, mitten in all dem Kram finde ich dann doch noch einige Angebote, die mir zusagen. Pessimistisch, wie ich nun mal bin, biete ich auf alle. Bleibt zu hoffen, dass ich beim einen oder anderen überboten werde. Sonst ersäuft das Prinzchen am ersten Geburtstag in seinen Geschenken.

Wobei. Eigentlich möchte ich nicht überboten werden. Denn das Babyzeug ist so unglaublich hübsch (hätte fast „süss“ geschrieben, aber ganz so schlimm steht’s noch nicht um mich), dass ich unbedingt alles haben muss.

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The Baby-Whisperer oder ein Loblied auf „Meinen“

Wie macht er das bloss? Da plage ich mich Stunde für Stunde mit einem schlaflosen Prinzchen ab, suche Nuggis, Schmusetücher  und Schoppenflaschen, flüstere beruhigende Worte, streichle ihm übers Haar und das Prinzchen heult weiter. Wer mich kennt, weiss, dass ich in Sachen schlaflose Babys vollkommen unerfahren bin und dies trotz fünf Kindern. Da bin ich also, völlig entnervt, mitten in der Nacht und weiss nicht mehr ein noch aus. Die volle Windel ist entsorgt, das Prinzchen wieder trocken angezogen, pappsatt und bestens umsorgt. Und dennoch heult der Kleine weiter.

Bis „Meiner“ die Szene betritt. Er, der wegen seines heutigen Geburttags eigentlich gar nicht aufstehen dürfte, bringt dem Baby eine Gummiente, murmelt ein paar nette Worte und das Prinzchen ist still. Solange, bis er merkt, dass Papa wieder weg ist. Dann geht das Geheul wieder los. Bis „Meiner“ wieder da ist. So geht das immer weiter, bis der Morgen graut und „Meiner“ das Prinzchen zu einem Frühspaziergang mitnimmt.

Ja, er ist ein wahrer Superman, „Meiner“. Und dieses Prachtsexemplar von einem Mann feiert heute seinen 35. Geburtstag. Endlich – sonst müsste ich mir noch lange die doofen Sprüche über mein forttgeschrittenes Alter anhören. Weil „Meiner“ also heute Geburtstag hat, hier mein Loblied: Ohne ihn hätte ich nicht so viele Kinder. Nicht bloss, weil kein anderer dazu bereit gewesen wäre, so viele mit mir zu zeugen, sondern, weil kein anderer ein so guter Vater wäre. Und vor allem,  weil kein anderer es schaffen würde, mir immer wieder auszuhelfen, wenn ich mal wieder mit den Nerven am Ende bin, mir immer wieder zu bestätigen, dass noch mehr in mir steckt als eine Mama, die nicht alles im Griff hat.

Aber natürlich hat auch Superman seine Schattenseite: Hätte „Meiner“ gestern Abend den richtigen Sauger auf des Prinzchens Flasche geschraubt, wäre das Baby heute nacht auch nicht so nass geworden und wir hätten uns das ganze Drama sparen können. Aber wir wollen nicht kleinlich sein, sondern zu Ehren des Tages alle Fehlerchen übersehen und „Meinen“ so richtig feiern. Er hat es verdient.

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So nicht mit uns!

Die müssen ja wirklich verzweifelt sein, die Leute von Hapimag. Dies zumindest schliesse ich aus der Tatsache, dass sie uns nun schon zum vierten Mal angerufen haben, um uns Aktien zu verkaufen. Gestern beim Frühstück, dann  wieder abends um halb zehn und heute Morgen wieder beim Frühstück. Wenn die wüssten, dass sie „Meinen“ und mich so nur in den Widerstand treiben, würden sie wohl nicht so schnell wieder zum Telefonhörer greifen, um uns weitere Gratis-Ferienwochen zu versprechen, damit wir uns endlich erbarmen und eine Aktie zeichnen.

Dabei fällt es uns nicht im Traum ein, hier wieder einmal Ferien zu machen. Nicht dass es nicht schön wäre hier. Es ist ein Traum. Aber ein Ort, wo Menschen ein- und ausgehen, die das Prinzchen mit versteinerter Miene anstarren, wenn er ihnen sein Engelslächeln schenkt, ist kein Ort für uns. Wo man des Prinzchens Charme einfach so widerstehen kann, können wir uns doch nicht zu Hause fühlen. Traumhafte Lage hin oder her.

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Werd‘ wieder erwachsen, Mama!

So langsam naht der Tag, an dem ich die letzte Packung „Bimbosan Bio-Milch“ für das Prinzchen kaufen werde. Noch vier Wochen und der Kleine wird ganz gewöhnliche Milch trinken dürfen, wird seinen ersten Geburtstag feiern und dann dauert es gar nicht mehr lange bis zum Stimmbruch. Dabei kommt es mir vor, als wäre es erst ein paar Wochen her gewesen, als ich mit Schrecken auf die zwei Linien auf dem Schwangerschaftstest gestarrt hatte und mich gefragt hatte, wie um alles in der Welt ich es schaffen sollte, ein weiteres Kind zu bekommen. Und jetzt kann ich schon zurückschauen und sagen: Ich habe es geschafft, trotz aller Erschöpfung, trotz aller Überforderung, trotz aller Angst. Ein weiterer wunderbarer Mensch bereichert unsere Familie, zeigt  jeden Tag deutlicher, wie einzigartig er ist, bringt mich zum Lachen und beweist mir, dass es das Grossartigste auf der Welt ist, ein kleines Wesen begleiten zu dürfen, und sei man noch so erschöpft.

Jetzt, wo er grösser und eigenständiger wird, zeigt mir das Prinzchen aber auch, dass es langsam Zeit wird für Mama, den Windeln, den Schoppenflaschen und der Wundschutzsalbe zu entwachsen. Wie oft habe ich mir ausgemalt, wie das dann mal sein wird, so ganz ohne Kinderwagen, ohne weitere geplante Schwangerschaften, ohne ein kleines Wesen, das voll und ganz von mir abhängig ist? Wie oft habe ich von mehr Freiheit geträumt?

Und jetzt, wo dieses Ziel so langsam in Sichtweite kommt, wird mir mulmig. Kann ich das überhaupt noch? Kann ich mich noch frei unter Menschen bewegen, ohne den schützenden Kinderwagen vor mir? Weiss ich noch, welche Regeln in der Welt ohne Kinder gelten.

Okay, durch die Kinder habe ich auch ein ganz neues Selbstbewusstsein gewonnen, ich weiss, dass ich etwas schaffen kann, auch wenn ich zuweilen kaum mehr weiss, woher ich die Kraft nehmen soll. Ich habe auch herausgefunden, was ich von Leben will und was nicht. Doch in den vergangenen neun Jahren hat sich mein Leben pausenlos um Windeln, Schlafliedchen und Babyrasseln gedreht und ich habe vergessen, wie das Leben ohne ist.

Zum Glück wird mir das Prinzchen noch ein wenig Zeit lassen, bevor ich ganz ohne diese Dinge auskommen muss. Am besten wird es wohl sein, wenn ich mich von dem kleinen Kerlchen an die Hand nehmen und mich ganz langsam, Schritt für Schritt aus der Babywelt führen lasse.

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Undankbares Prinzchen

Wenn das die Frau Hutter gesehen hätte. Oder eine andere jener Frauen, die mit tiefster Überzeugung verkünden, die Mutter sei die wichtigste Bezugsperson eines Kindes und niemand könne besser zu einem Kind schauen. Das Prinzchen hat heute mal wieder das Gegenteil bewiesen und das kam so: Der Kleine lässt sich gerade die Eckzähne wachsen und weil Blaublütige besonders sensibel sind, hilft alles nichts, was bei anderen Kindern hilft: Kein Herumtragen und Trösten,  keine kühlen Schnitze von Bio-Zitronen, kein Zäpfchen. Das Baby leidet, brüllt die halbe Nacht und ist am Morgen mies gelaunt. Als ich ihn aus dem Bett hole, ist er noch immer untröstlich. Und wie das so ist bei Kindern: Natürlich ist mal wieder die Mama Schuld am ganzen Elend. Zumindest schliesse ich dies aus dem bösen Blick und dem heftigen Treten gegen meinen Bauch.

Das alles könnte ich problemlos verkraften. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich Krisen mit meinen Kindern durchstehe. Doch was dann folgt, lässt mich langsam an mir zweifeln: Kaum sieht das Prinzchen die Grossmama, strahlt er übers ganze Gesicht und will nichts wie weg von mir. Dummerweise muss er gleich nochmals zurück zu mir, was er mit einem herzzerreissenden Brüllen quittiert. Wie war das nochmals mit dem Fremdeln? Als dann auch noch die Tante auftaucht, zeigt das Prinzchen noch deutlicher, zu wem er gehören will. Er streckt die Ärmchen nach ihr aus, schmiegt sich an sie und lächelt selig. Das Gleiche nachher wieder bei der Grossmama. Und bei mir brüllt er weiterhin, als hätte ich ihn geschlagen.

Das also ist der Dank dafür, dass ich ihn neun Monate lang in meinem Bauch herumgetragen und unter Schmerzen geboren habe!

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Ach, Frau Hutter…

Ach, Frau Hutter, wann lernen Sie endlich, den Mund nicht so voll zu nehmen! Schon bevor Ihr erstes Kind gezeugt war, haben Sie reichlich selbstbewusst in die Welt hinausposaunt, wie Frau Mutter zu sein habe. Während andere Frauen weiser werden, wenn sie ihr erstes Kind im Bauch haben, machen Sie fröhlich weiter. Mit Genuss weisen Sie auf Ihre Schwester hin, die heute mit Leib und Seele Mutter ist, obschon Sie dies nie erwartet hätten. „Seit sie Mutter ist, hat sich etwas geändert in ihrem Gedankengut“, sagen Sie und denken nicht daran, dass Ihnen das Gleiche passieren könnte, einfach in entgegengesetzter Richtung.

Es ist nämlich nicht nur so, dass Frauen, die ganz auf die Karriere fixiert waren, plötzlich in ihrer Rolle als Mutter völlig aufgehen. Das Umgekehrte passiert ebenso häufig: Frauen, die geglaubt hatten, ihre Erfüllung in der Mutterschaft zu finden, gleiten in eine Depression ab, weil die Realität so ganz anders ist als ihre Träume. Wie Frau als Mutter fühlt, handelt, denkt, weiss sie erst, wenn sie Mutter ist. Erst dann wird sie wissen, wie für sie und ihr Kind das Leben am besten funktioniert. Und je lauter eine Frau ihre Meinung herausposaunt hat, umso schmerzhafter ist es für sie, sich und anderen  eingestehen zu müssen, dass die Dinge anders sind, als sie erwartet hatte. Man könnte auch sagen, je hochmütiger das Geschwätz, umso tiefer der Fall.

Deshalb ein Rat von einer Mutter, die mehrmals ihre Meinung hat ändern müssen, auch wenn sie den Mund nicht halb so voll genommen hat wie Sie: Halten Sie endlich die Klappe! Bringen Sie Ihr Kind auf die Welt und schauen Sie dann, ob Sie tatsächlich nie wieder den Drang haben, Politik zu machen (was ich von Herzen hoffe), ob Fremdbetreuung wirklich nur schlechte Seiten hat, ob das Hausfrauendasein ebenso erfüllend ist wie die Mutterschaft, ob Mütter tatsächlich besser geeignet sind für diesen Job als Väter. Und dann, wenn Sie weiser geworden sind, dürfen Sie von mir aus wieder reden. Aber bitte nicht vorher!

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Spieglein, Spieglein an der Wand…

… aber natürlich, mein Prinzchen, du bist das schönste Baby im ganzen Land – zumindest für deine Mama. Das heisst aber trotzdem nicht, dass du stundenlang selbstverliebt vor dem Spiegel sitzen musst, um dich selbst zu bewundern. Natürlich siehst du bezaubernd aus mit deinen blonden Locken und deinem unwiderstehlichen Lächeln. Aber Jünglinge, die in ihr eigenes Spiegelbild verliebt sind, kommen im Allgemeinen nicht so gut weg in der Literatur.

Es ist ja schon erstaunlich, wie jedes Kind seine eigene Strategie hat, um sich wieder zu beruhigen, wenn etwas schiefläuft. Karlsson zieht sich mit seinem Eisbären zurück, Luise knallt die Tür und brüllt, dass die Wände wackeln, der FeuerwehrRitterRömerPirat lässt den Kopf hängen und vergiesst still ein paar Tränen, dem Zoowärter muss man „Heile heile!“ singen und „tschougigong“ sagen auch wenn man unschuldig ist an seinem Unglück. Und das Prinzchen muss sein Speigelbild betrachten. Und weil beim Prinzchen jetzt, wo er sitzt und krabbelt und sich hochziehen will, ziemlich viel schiefläuft, verbringt er derzeit den halben Tag vor dem Spiegel. Am liebsten vor dem doppeltürigen Spiegelschrank. Da sitzt er dann und hält eine Selbstmitleidssitzung mit seinen zwei Spiegelbildern ab.

Ein Artikel bei Wikipedia klärt mich darüber auf, dass ich mir noch keine Gedanken über Narzissmus machen muss. Das alles gelte noch als primärer Narzissmus.  Was aber, wenn das Prinzchen 16 ist und sich in seinem ersten Liebeskummer noch immer mit seinem Spiegelbild tröstet?  Dann werden wir wohl oder übel den Sigmund fragen müssen, was er davon hält…

Wie schaffen die das bloss?

Eiagentlich hatte ich mir ja den heutigen Feiertag etwas anders vorgestellt. Zwar bin ich, – obschon ein gläubiger Mensch, – mit keiner Faser meines Wesens katholisch. Ausserdem muss ich jedes Jahr aufs Neue nachlesen, was an Fronleichnam eigentlich gefeiert wird, weil ich es immer wieder vergesse. Dennoch achte ich streng darauf, diesen Feiertag würdig zu begehen, zumindest was das Nichtstun betrifft. Was gibt es Schöneres, als die Ruhe im Garten zu geniessen, wenn alle meine katholischen Nachbarn zur obligaten Einkaufs-Prozession nach Aarau gepilgert sind und die, die zu Hause geblieben sind, den Rasen nicht mähen dürfen?

Doch ausgerechnet heute musste „Meiner“ trotz seines freien Nachmittags nochmals zur Arbeit fahren. Im Ostaargau scheren die sich eben einen Dreck um unsere Feiertage. Wenigstens nahm „Meiner“ die drei Grossen mit. Dann eben Fronleichnam mit den zwei Kleinen. Könnte ganz entspannend sein, dachte ich.

Entspannend? Habe ich denn schon vergessen, wie es ist, mit einem Baby und einem Zweijährigen allein zu sein? Ganz ohne die grossen Geschwister, die als zuverlässige Wachposten jeden Fehltritt des Zoowärters melden. Kaum ist „Meiner“ mit den drei Grossen weggefahren, geht es los. Zuerst einmal ist das Telefon dran. Der Zoowärter rennt damit durch die ganze Wohnung und drückt wahllos Knöpfe.  Mit dem vollen Breilöffel des Prinzchens bewaffnet, renne ich dem Zoowärter nach, doch schon bald muss ich aufgeben, denn das Prinzchen  schreit herzerweichend seinem Brei hinterher. Das Telefon finde ich erst Stunden später wieder, als es leise unter des Prinzchens Bettdecke schellt.

Schnell wird mir klar, dass heute nichts wird mit Faulenzen im Garten. Also Kinderzimmerräumen. Aber ich habe nicht mit dem Prinzchen gerechnet, der seit einigen Tagen schon ziemlich weit herumkommt. All die kleinen Gegenstände, die vor einer Woche noch keine Gefahr waren für ihn, sind heute eine lebensgefährliche Falle. Somit ist auch die Aufräumaktion schnell beendet. Zumindest die aussortierte Ware in den Keller zu transportieren sollte jedoch möglich sein. Denkste! Als ich wieder oben angekommen bin, hat der Zoowärter den Küchenboden mit einer klebrigen Mischung aus Teigwarenmehl und Putzwasser verziert. Also ab zum Säubern. Der Kleine möchte aber lieber weiter schmieren, kriegt einen Wutanfall und erbricht vor lauter Schreien das ganze Mittagessen auf den Fussboden. Schreiendes Kind duschen, Boden putzen, schreiendes Kind in saubere Kleider stecken, Prinzchen wickeln und dann erschöpft aufs Sofa sinken. Für genau dreissig Sekunden. Denn inzwischen hat der Zoowärter einen Schmetterling aus rosarotem Seidenpapier in die Finger gekriegt. Unglaublich, was für schöne Flecken dieser Schmetterling auf den unversiegelten Holzboden  zaubert, wenn er nass ist! Dies zumindest findet der Zoowärter.

Nach drei Stunden mit den beiden Kleinen bin ich mit den Nerven am Ende. Und so erschöpft, dass ich am liebsten gleich ins Bett sinken würde. Doch der Tag ist noch lange nicht zu Ende. Wie schaffen das die anderen Mütter, frage ich mich? Diejenigen, die keine grösseren Kinder haben, die lauthals schreien, sobald der Kleine im Begriff ist, eine Dummheit zu begehen? Hätte ich „nur“ zwei Kinder, ich wäre wohl schon längst durchgedreht…

Und noch eine Frage bleibt: Wo um Himmels Willen hat der Zoowärter die elektrischen Zahnbürsten versteckt?!

Nicht so schnell, mein Prinzchen!

Beim ersten Kind geht ja alles noch unglaublich langsam. Tagelang sitzen die stolzen Eltern da, starren ihr Baby an und warten auf das erste Lächeln. Und wenn sie dieses endlich bekommen haben, warten sie auf das Zweite. Irgendwann wird das Lächeln zur Selbsverständlichkeit, doch das Warten geht weiter. Warten auf die erste Drehung, den ersten Zahn, die ersten Schritte, das erste Wörtchen. Von einem Entwicklungsschritt zum nächsten dauert es eine halbe Ewigkeit.

Beim zweiten Kind geht alles ein bisschen schneller, beim Dritten noch schneller und falls man bis dahin noch nicht aufgegeben hat, rennen die Eltern bei jedem weiteren Kind verzweifelt hinterher, um wenigstens noch ein paar wenige Momente der Babyzeit zu geniessen. Am Abend legst du ein Baby ins Bettchen, am Morgen ist daraus ein Krabbelkind geworden, zwei Tage später kommt es in die Schule und eine Woche später raunzt dich ein pickeliger Teenager an. Da nimmst du dir vor, jeden Tag mit deinem kleinen Prinzchen zu geniessen, ihn so lange wie möglich zu stillen und ihm alle Zeit in der Welt zu lassen mit dem Grosswerden.

Und was macht das Prinzchen? Nimmt er Rücksicht auf seine sentimentale Mama? Aber nicht doch! Warum stillen, wo Mama doch so gut kocht? Ach so, Mama hat Mühe damit, ihren Jüngsten loszulassen? Na dann, soll sie eben noch ein bisschen stillen, aber nur noch einmal am Tag und möglichst dann, wenn es dunkel ist. Sonst könnte es noch jemand sehen und ihn auslachen. Und überhaupt braucht er jetzt viel Energie, denn so langsam möchte er wissen, was es da noch alles zu entdecken gibt. Immer bei  Mama bleiben ist doch einfach langweilig.

Man sieht schon jetzt, auf was das Ganze hinausläuft. Das Prinzchen will gross sein, um mit den Geschwistern mitzuhalten; die Mama will ihn klein behalten, weil er doch ihr Jüngster ist. Und wenn er dereinst, im zarten Alter von fünfundzwanzig Jahren, von zu Hause ausziehen will, wird sie heulen und jammern, weil ihr Prinzchen sie verlassen will, obschon er doch noch so klein ist.