Achtung! Trotzphase im Anmarsch!

So sieht die Theorie aus, zitiert aus Wikipedia:

„In der Sprachentwicklung des Kindes, etwa ab dem Alter von etwa 1,5 Jahren an, beginnt das erste Fragealter, welches inzwischen auch als 1. Trotzphase bezeichnet wird. Das Kind drückt mit seinem noch relativ geringen Wortschatz von etwa 50 Wörtern alle seine Wünsche und Bedürfnisse aus und versucht diese in Einklang mit seinem Umfeld zu bringen. Dabei werden Fragen an den Erwachsenen gestellt, die, wenn sie mit ja beantwortet werden vom Kind als positiv gewertet werden. Wird etwas verneint, so kann das Kind eventuell mit Trotz reagieren. Diese Trotzreaktionen erklären sich aus dem damit zusammenhängenden Kontext: Da das Kind noch nicht mit Worten ausdrücken kann, was sein eigentliches Ziel ist, versucht es, durch die auf ein geäußertes Bedürfnis folgende Trotzreaktion, die nötige Aufmerksamkeit seines Umfeldes zu bekommen. Diese Trotzreaktionen treten jedoch nicht bei allen Kindern in diesem Alter auf.“

Und so sieht die Realität aus:

Es ist tiefe Nacht. Draussen schneit es. Alles ist still, kein Geräsuch dringt durchs Babyphon, im Elternschlafzimmer schnarchen „Meiner“ und das Prinzchen und auch ich schlafe tief – ohne zu schnarchen, wohlverstanden. Gegen drei Uhr morgens ist es vorbei mit der Ruhe. Das Prinzchen brüllt. Lieb, wie wir Eltern nun mal sind, wechseln wir dem Kind die Windeln, geben ihm eine warme Milch, ziehen ihm die Spieldose auf, geben ihm hundertmal den Schnuller und das Schmusetuch. Und das Prinzchen brüllt weiter. Also machen wir Licht. Vielleicht hat er ja etwas, was man im Dunkeln nicht erkennen kann. Kaum ist es hell, greift das Prinzchen nach einem Spielzeug und gurrt vergnügt vor sich hin. Schön, das Kind hat etwas gefunden, also schnell das Licht ausmachen und weiterschlafen.

Doch kaum ist es wieder dunkel, geht das Gebrüll wieder los. Licht an – Prinzchen gurrt. Licht aus – Prinzchen brüllt. Licht wieder an – Prinzchen strahlt, streckt mir die Ärmchen entgegen und ruft „use!“ Die bösen Eltern sagen nein, machen das Licht aus – Prinzchen bekommt einen frühkindlichen Tobsuchtanfall. Wie lange das so hin und her geht, weiss ich nicht mehr, aber es erscheint mir endlos. Und wie ich so dem wütenden Gebrüll unseres Jüngsten lausche und mir vor dem Morgen graut – zumal es ein Montagmorgen ist -, dämmert mir langsam, dass da die erste Trotzphase im Anzug ist. Und zwar genau so, wie sie im Buche steht. Bloss, dass das Prinzchen, würde er sich an die Vorschriften halten, noch damit noch zuwarten würde, bis er 1,5 Jahre alt ist.

Eingewickelt

Wenn eine zufriedene, nicht gestresste Mama Venditti an einem Samstagmittag alleine mit einem gut gelaunten Karlsson unterwegs ist, kann es vorkommen, dass Mama Venditti Dinge kauft, die sie sonst nie kauft. Und das geht so: Man achte darauf, dass Mama Venditti genügend Zeit hat und einen Kontostand, der höher ist als erwartet. Dann schicke man die beiden in eine grosse Migrosfiliale und sorge dafür, dass Mama und Sohn am Degustations-Stand für Corn Flakes vorbeikommen. Und dann geschieht Folgendes:

Corn Flakes-Dame zu Karlsson: „Möchtest du etwas probieren?“

Karlsson murmelt etwas und nickt.

CF- D: „Von welchen möchtest du probieren?“

Karlsson zeigt auf die Vollkornflocken mit den Feigenstückchen.

CF-D warnt: „Die haben aber keine Schokolade drin. Das sind Vollkornflocken.“

K: „Ich möchte aber die.“

Mama Venditti, mit stolzem Unterton: „Er ist sich gewöhnt, Vollkornflocken zu essen. „

CF-D: „Das ist aber erstaunlich. Die meisten Kinder meinen, das seien Schoko-Corn Flakes, weil sie so dunkel sind. Und dann sind sie enttäuscht, weil sie nicht süss sind.“

Karlsson mampft mit Genuss seine Corn Flakes und strahlt übers ganze Gesicht: „Die sind sooooo gut.“

Schön, dass Karlsson seinen Gratis-Snack genossen hat, aber Mama Venditti möchte jetzt weitergehen.

CF-D zu Mama Venditti: „Die haben viele Ballaststoffe, kaum Fett, wenig Zucker und sie regen die Verdauung an.“

M V denkt: Bla bla bla. Das weiss ich alles schon. Aber deswegen kaufe ich das überteuerte Zeug dennoch nicht. So leicht lasse ich mir nichts aufschwatzen.
und sagt, um zu unterstreichen, dass Karlsson kein Kind von der Stange ist: „Magst du die Corn Flakes, Karlsson? Sind sie besser als die Vollkornflocken, die wir sonst immer zu Hause haben?“

Karlsson nickt. Mama Venditti will jetzt wirklich weitergehen. Die Corn Flakes kann sie je bei Gelegenheit mal kaufen, aber jetzt steht gerade eine neue grosse Schachtel zu Hause in der Vorratskammer.

CF-D: „Das ist ja ganz erstaunlich. Ein Kind das so gerne Vollkornflocken mag! Ich finde auch, dass man gesünder essen sollte. Aber dass die Kinder da mitmachen, kommt ja ganz selten vor. Das sieht man wirklich nicht alle Tage.“

Und schon legt Mama Venditti ein Schachtel Vollkornflocken mit wenig Fett, wenig Zucker und noch weniger Feigenstückchen in den Einkaufswagen und bezahlt viele Franken dafür. So eine nette Dame, die sofort erkennt, welch besonderes Kind der Karlsson ist, verkauft bestimmt besonders gute Corn Flakes. Nicht wahr?

Es wird heller

Luise, der Zoowärter und das Prinzchen sitzen in der Badewanne. Das Prinzchen patscht mit den Händchen im Wasser, die beiden Grossen tun es ihm gleich. Fröhliches Quietschen, ein paar Spritzer, die daneben gehen. Im Hintergrund erzählt Trudi Gerster in voller Lautstärke und mit viel Grunzen und Prusten die Geschichte von der Schneekönigin. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat das Sofa in die Mitte des Raumes geschoben, damit er sich dahinter ein gemütliches Nest schaffen konnte. Irgendwo hört man Karlsson aus voller Kehle singen. Ich sitze inmitten des Chaos und freue mich meines chaotischen Lebens. Und dies, obschon „Meiner“ den Samstagvormittag in der Schule verbringt, um mit den Eltern Gespräche zu führen und zwar am Ende einer Woche, die vollgepackt war mit Gesprächsterminen, was bedeutet, dass ich für einmal fast alleinerziehend war.

Wie ich so dasitze, völlig entspannt,  wird mir plötzlich bewusst, dass etwas anders geworden ist. Es ist noch kein Jahr her, da wäre eine solche Szene unmöglich gewesen. Das alles hätte mich komplett überfordert: Spritzer auf dem Badezimmerboden, herumgeschobene Möbel, Lärm. Die Kinder in der Badewanne, wenn „Meiner“ weg ist? Kommt nicht in Frage, das schaffe ich nicht. Zu viel Chaos. Zu viele Möglichkeiten, dass etwas schief gehen könnte und ich am Ende des Vormittags ein heulendes Wrack wäre. Ein Samstagmorgen ohne „Meinen“ und ich jammere nicht lauthals darüber, dass ich wieder den Laden alleine schmeissen muss? Vor Kurzem noch unmöglich. Zu dicht balancierte ich am Abgrund, als dass ich die Kraft aufgebracht hätte, mich noch ein paar Stunden länger zusammenzureissen. Märchen-CD in voller Lautstärke? Nicht bei uns. Okay, Trudi Gerster liebte ich, im Gegensatz zu Pingu und Papa Moll, schon immer. Aber es gab da eine Zeit, da mochte ich nicht mal ihrem Schnauben, Grunzen und Quietschen zuhören. Zu gross der Lärm der düsteren Gedanken in meinem Kopf, als dass ich noch mehr hätte ertragen können.

So ganz langsam scheine ich wieder festen Boden unter den Füssen zu bekommen. Schritt für Schritt nähere ich mich der Person an, die ich ursprünglich mal gewesen bin: Unbeschwert, optimistisch, bereit, den Stier bei den Hörnern zu packen anstatt verschüchtert in der Ecke zu kauern. Und inzwischen wage ich gar zu hoffen, dass eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, die Kinder nicht mehr so oft leise und brav sein müssen, weil ihre Mama sonst mit ihrer Lebendigkeit überfordert ist.

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Superbaby in Training

Das Prinzchen hat Grosses vor. Das wissen wir seit heute Nacht. Irgendwann, gegen vier Uhr war es, beschloss er, dass er jetzt nicht mehr schlafen wollte. Der Grund war keine volle Windel. Auch nicht das Zahnen. Und schon gar nicht der Hunger. „Meiner“ und ich nahmen das Kerlchen aus dem Bett, um ihn besser abchecken zu können. Aber wir fanden nichts. Also beschlossen wir, ihn wieder in seinen Schlafsack zu stecken. Kaum war er drin, schwellte er seine Brust, neigte sich nach hinten und zwar so lange, bis der Druckknopf aufsprang und er sich heldenhaft aus dem Ding befreien konnte. Er sah aus wie Clark Kent, wenn er sich zum Superman wandelt. Im Halbschlaf dachten wir zuerst, das sei Zufall gewesen. Doch nach dem zweiten, dritten, ja, vierten Versuch war uns klar: Das Prinzchen trainiert für seine Karriere als Superbaby. Die Superman-Pose zum eindrücklichen Entledigen der bürgerlichen Kleidung beherrscht er mitunter perfekt. Der nächste Schritt wird dann wohl das Fliegen sein.

Würde mich nicht verwundern, wenn ich heute Nacht wach werde, weil unser Jüngster um die Lampe kreist.

Stark?

Nein, als unehrlich würde ich uns Mamas wirklich nicht bezeichnen. Da kann und will ich dem Herrn Novotny nicht Recht geben. Aber manchmal frage ich mich schon, weshalb wir Mamas untereinander nicht offener darüber reden, wie es uns wirklich geht. Dass wir zwar unser Kinder über alles lieben und sie nie wieder hergeben würden, dass wir uns aber das Leben als Mutter in einer Gesellschaft, in der angeblich alles möglich ist, etwas anders vorgestellt hatten. Warum muss ich erst ziemlich viel von meinem inneren Elend preisgeben, bis ich endlich erfahre, dass zig Frauen in meinem Umfeld ebenfalls darunter leiden, dass sie intellektuell verkümmern? Warum erzählt man mir erst dann von Zusammenbrüchen, wenn ich offen dazu stehe, dass mir vor drei Jahren alles zu viel wurde und ich nicht mehr wusste, wer ich war und ob ich je wieder glücklich sein könnte? Warum erfahre ich erst im Wartezimmer bei der Psychiaterin, dass Frauen aus meinem Bekanntenkreis mit genau den selben Problemen zu kämpfen haben wie ich? Warum haben wir Mütter so unglaublich viel Angst davor, zu gestehen, dass trautes Heim nicht Glück allein ist? Warum können wir lauthals über Kopfschmerzen jammern, verschweigen aber zugleich, dass es uns woanders viel mehr weh tut?

Wo doch die Depression schon fast so selbstverständlich zur Mutterschaft gehört wie die Schwangerschaftsstreifen und die dunklen Augenringe. Wo doch fast alle Mütter im Laufe ihrer Karriere mindestens einmal an die Grenze ihrer Kräfte kommen. Doch anstatt einander ungeniert das Herz auszuschütten geben wir uns stark, zeigen nicht, wie sehr es uns belastet, dass wir nicht die Bilderbuchmama sind, die wir hätten sein wollen. Reden nicht darüber, wie unfähig wir uns fühlen, zugleich Hausfrau, Berufstätige und Mutter zu sein. Klar, wir klönen gerne über unsere Wäscheberge und durchwachten Nächte. Aber seien wir doch ehrlich: Das ist es nicht, was uns fertig macht; es ist nicht das, was viele von uns in die Depression treibt. Es ist dieses unerreichbare Ideal der stets glücklichen, stets liebevollen, stets organisierten, stets besonnenen Mama, das uns unglücklich macht. Es ist die Illusion, dass alle anderen Mamas ihre Sache im Griff haben, dass ich die Einzige bin, die nichts auf die Reihe kriegt. Es ist das sture Festhalten an dem Irrglauben, dass all die anderen es schaffen, moderne Powerfrauen zu sein, während ich selber vor lauter Überforderung nur noch heulen könnte. Es ist das Bild der perfekten Frau, die es zwar nie gegeben hat, die aber so lange auf dem Sockel stand, dass sie noch immer, tief in uns drinnen, das Mass aller Dinge ist, auch wenn wir dies nicht wahr haben wollen.

Vielleicht ist es eine gewagte Behauptung, aber ich mache sie dennoch: Würden wir Mamas ebenso offen über  unsere tiefen Nöte reden, wie wir über volle Windeln und eitrige Mittelohrentzündungen reden, es würde uns nicht so schwer fallen, das Leben mit den wunderbarsten Geschöpfen auf diesem Planeten zu geniessen. Und es würden wohl auch nicht so viele von uns beim Psychiater landen. Würden wir auch mal hemmungslos losheulen, wenn uns danach ist, anstatt gequält zu lächeln, wir hätten wohl auf lange Sicht mehr zu lachen. Würden wir früher um Hilfe rufen, wir wären die weitaus stärkeren Frauen als wir es sind, wenn wir stets auf die Zähne beissen und bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus die starke Frau markieren.

Wir elenden Lügner, wir!

Jawohl, unehrlich sind wir, wir angeblich so glücklichen Eltern. Posaunen in die Welt hinaus, wie glücklich wir darüber sind, Kinder zu haben, ja, mehr Kinder zu haben als es dem westeuropäischen Durchschnitt entspricht. Behaupten, wir könnten uns ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Wagen dann auch noch anzufügen, dass unser Leben durch unsere Kinder bereichert sei, dass wir all die Mühen, die sie mit sich bringen, gerne auf uns nehmen, weil wir so viel zurückbekommen. Und dann gibt es noch solch widerliche Zeitgenossen wie „Meinen“ und mich, die allen Ernstes behaupten, sie würden einander noch immer lieben, trotz der vielen Kinder.

Ja, solche Lügen verbreiten wir und locken damit andere in die gleiche Falle, in der wir selber feststecken. Habe ich heute in einem Leserbrief in der „NZZ am Sonntag“ gelesen. „Es gäbe mehr kinderlose Paare, wenn Eltern ehrlich wären“, schreibt da ein gewisser Martin Novotny aus Sevelen. Man müsste die Paare davor warnen, Kinder zu bekommen, anstatt „falsches Glück und Zufriedenheit hinauszuposaunen“. Aber zum Glück gibt es einen Herrn Novotny, der endlich einmal sagt, was Sache ist: Jahre der Schlaflosigkeit, behinderte oder kranke Kinder, Verlust der eigenen Identität und Degeneration der romantischen Partnerschaft zur Zweckgemeinschaft. So schwarz sieht er, der Herr Novotny.

Eigentlich möchte ich ihm widersprechen, dem Herrn Novotny. Möchte ihm sagen, dass die Jahre der Schlaflosigkeit aufgewogen werden durch fünf einzigartige Geschöpfe, die ich beim Grosswerden begleiten darf. Geschöpfe, die ich nicht kennen würde, hätte ich ihnen nicht das Leben geschenkt. Ich möchte ihm auch sagen, dass Eltern behinderter und kranker Kinder diese ebenso lieben, wie ich meine gesunden Kinder liebe, ja, vielleicht sogar noch mehr. Dass ein behindertes oder krankes Kind nicht weniger Wert ist als ein gesundes. Ich möchte ihm sagen, dass ich mich selber erst richtig gefunden habe, nachdem ich nicht mehr alle Zeit der Welt hatte, mich selber zu suchen. Dass ich herausfinden musste, welches meine echten Wünsche und Bedürfnisse sind, weil ich keine Zeit mehr hatte, meine kostbare freie Zeit mit Dingen zu vertrödeln, die mir nicht voll und ganz entsprechen. Ich möchte ihm auch sagen, dass „Meiner“ und ich die Romantik erst dann richtig schätzen gelernt haben, als sie nicht mehr jederzeit verfügbar war. Dass wir Facetten im anderen kennen gelernt haben, die wir nicht kennen würden, wären wir bloss Mann und Frau, und nicht auch noch Vater und Mutter.

Mit alldem möchte ich dem Herrn Novotny widersprechen. Aber er lässt mich nicht. Denn, so schreibt er,  „wer widerspricht, ist entweder kinderlos oder unehrlich“. Und ich habe mich immer für einen ehrlichen Menschen gehalten…

Gar nicht so einfach diese Erziehung

Müsste ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten für die ersten Wochen dieses Jahres einen Strafregisterauszug liefern, dann stünde darauf folgendes:

1 Mal die Küche unter Wasser gesetzt

1 Mal die Tapete in sehr grossen Fetzen von der Wand gerissen

1 Mal Tannenbaumschmuck mutwillig zerstört und die Scherben auf dem Fussboden verteilt

1 Mal extensiv mit Hartweizendunst, Wasser und Teigwarenmaschine experimentiert

Wenn man dies liest, könnte man fast meinen, er halte sich an die Regeln von Michel aus Lönneberga: Jeder Unfug nur einmal. Wären da nicht noch diese Ausnahmen, welche vielleicht aber auch nur die Regel bestätigen:

2 Mal Drucker-Nachfülltinte in Mamas Büro verschüttet, einmal schwarz, einmal magenta

3 Mal vierzig Minuten zu spät vom Kindergarten nach Hause gekommen

Ja, der FeuerwehrRitterRömerPirat hat uns ziemlich auf Trab gehalten und wir zerbrechen uns den Kopf, wie wir verhindern können, dass es so weitergeht. Früher hätte man sich das ja einfach gemacht:  Das Kind wird als „schwer erziehbar“ abgestempelt, kriegt eins hinter die Löffel und verschwindet auf unbestimmte Zeit im Tischlerschuppen. Ist aber nicht unser Stil. Es ist aber auch nicht unser Stil, einfach wegzuschauen und unser Kind grenzenlos randalieren zu lassen.

Was aber ist unser Stil, wenn alle Erziehungsmittel, die bei Karlsson und Luise zum Ziel führen, beim FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Leere laufen? Wie können wir dem Kind beibringen, dass es so nicht weitergehen kann, wenn er jedes Mal, wenn er ertappt wird, frech grinst und bloss mit den Schultern zuckt, wenn wir fragen, weshalb er getan hat, was er getan hat? Und schliesslich die drängendsten aller Fragen: Warum tut er all dies? Was fehlt ihm und wie können wir ihm helfen? Denn so sehr er uns mit seinem Verhalten zur Weissglut treibt, es bleibt uns dennoch klar, dass mehr dahinter steckt. Dass er nicht einfach ein „schwieriges Kind“ ist, sondern dass er irgend einen Grund hat, weshalb er all dies tut.

In solchen Momenten wird mir jeweils bewusst, was für eine immense Herausforderung diese Erziehung doch ist. Es ist so einfach, drakonische Strafen zu verhängen und dies als Erziehung zu deklarieren. Oder gleichgültig wegzuschauen und dann zu behaupten, man befolge damit einen erzieherischen Grundsatz. Nein, zur Erziehung taugen beide Wege nichts und sie sind wohl bloss deshalb so populär, weil sie einfach anzuwenden und vordergründig sehr wirkungsvoll sind. Wenn auch diese Wirkung fragwürdig ist. Doch um solche Probleme zu lösen, taugen keine Patentrezepte, keine „Erziehungstipps“ wie zum Beispiel diesen: Ich müsse dem FeuerwehrRitterRömerPiraten eben mit der Holzkelle den Hintern versohlen. Es taugen auch keine mitleidigen Seufzer. Und deshalb verbitte ich mir jegliche Kommentare, die in die eine oder andere Richtung gehen.

Der einzige Weg aus der Zwickmühle wird wohl sein, dass wir dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ganz nah sind, um zu spüren, was ihn dazu treibt, so viel Unfug zu machen. Wir werden herausfinden müssen, welche Konsequenzen sein Tun haben muss, so, dass wir ihn nicht einfach sinnlos bestrafen, sondern so, dass ihm bewusst wird, dass das, was er getan hat, nicht in Ordnung ist. Und das Wichtigste: Wir werden ihm immer und immer wieder eine Chance bieten müssen, uns zu beweisen, dass er anders kann, ja, dass er anders will. Und deshalb habe ich schon mal all seinen Unfug aus dem „Strafregisterauszug“ gestrichen. So, dass wir das alles zwar noch als witzige Anekdoten in Erinnerung behalten, aber auch so, dass er weiss, dass wir ihm nichts nachtragen und ihn nicht abstempeln. Denn egal, was er alles auf dem Kerbholz hat, wir lieben ihn über alles!

Zuckerschaum und Milchschokolade

Das war mal wieder ein Spektakel. Das Prinzchen, der Zoowärter und ich in der Migros. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches, aber offenbar für das Publikum dermassen anstrengend, dass am Ende alles erleichtert aufatmete, als wir den Laden endlich verliessen. Ich kann zwar nicht verstehen, warum das Publikum am Ende erschöpft war, den Stress hatten nämlich wir. Ich hatte mich vom Zoowärter weichklopfen lassen, ihn in eines jener unsäglichen Auto-Einkaufswägelchen zu setzen. Ist ja eigentlich nur etwas, worauf Neu-Eltern reinfallen, alle anderen wissen, dass man mit den Dingern unmöglich um die Regale kurven kann. Aber weil ich der Meinung bin, dass meine jüngeren Kinder nicht unter meiner Desillusionierung leiden sollen, habe ich eben für einmal nachgegeben. Und so hat mein Image schon von Anfang an einen Kratzer: Achtung, da kommt sie, die unerfahrene Mama, die nicht weiss, worauf sie sich eingelassen hat. Wann immer wir einer zittrigen alten Dame den Weg abschneiden oder einem gehetzten Rentner versehentlich das Auto in die Wade rammen, ernten wir böse Blicke. Aber was kann ich denn dafür, dass diese Autos eine komplette Fehlkonstruktion sind?

Während meine beiden Jüngsten anfangs recht brav sind, falle nur ich auf, wie ich schimpfend das Ungetüm durch den Laden zu manövrieren versuche. Irgendwann aber fängt sich das Prinzchen an zu langweilen und schnappt sich eine Schachtel, die mit „Zuckerschaum, Milchschokolade und Waffel“ angeschrieben ist. Das sind die Dinger,  die in der Schweiz politisch völlig inkorrekt noch immer „Mohrenkopf“ genannt werden. Fröhlich beisst das Prinzchen auf der Verpackung herum und mir käme nicht im Traum im Sinn, dass der blondgelockte Engel damit etwas im Schilde führt. Erst als er plötzlich so ein „Zuckerschaum, Milchschokolade und Waffel“-Dings in der Hand hält, dämmert mir, dass des Prinzchens unschuldige Spielerei nur Tarnung war und dass der Kleine sehr wohl wusste, warum er sich diese Schachtel geschnappt hat und nicht jene mit den Batterien drin. Und weil ich dem Kerlchen sein grossartiges Erfolgserlebnis nicht versauen will, lasse ich es schweren Herzens zu, dass er das klebrige Zeugs in sich reinstopft. Ich will ja nicht, dass er später mal völlig ohne Ambitionen vor sich hin gammelt, bloss weil ich ihm seinen ersten grossen Erfolg nicht habe gönnen mögen.

Bald schon sitzt das Kerlchen mit zuckerschaum- und milchschokoladeverschmiertem Gesicht im Wagen und der Zoowärter brüllt, weil er auf sein „Zuckerschaum, Milchschokolade und Waffel“-Dings warten muss, bis die Mama bezahlt hat. Die Leute drehen sich entsetzt nach uns um. So also sehen diese Unterschichten-Mamas aus, die ihre Kinder schon am frühen Morgen mit Süssigkeiten vollstopfen und unfähig sind, das Gebrüll ihrer Brut auf Knopfdruck abzustellen. Die ersten Zuschauer suchen verstohlen nach ihren Handys, um der Super-Nanny mitzuteilen, dass sie ein wahres Prachtsexemplar von einer schlampigen Mama in freier Wildbahn entdeckt haben.

Bei der Kasse dann kommt es zum Eklat: Das verschmierte Prinzchen ist in seinem Sitzchen aufgestanden und ich bemerke natürlich nichts davon, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, meine Einkäufe einzupacken. Um mich herum rufen Leute, aber ich habe keine Zeit, mich darum zu kümmern. Bis eine giftige Alte von der Kasse nebenan mich anschnauzt: „Das Kind könnte herunterfallen! Hören Sie denn nicht, dass die Leute schon rufen?“ Da stehe ich also, die gleichgültige Rabenmutter, die sich einen Dreck darum schert, wenn ihre Kinder vor die Hunde gehen. Die Menge geifert. Solche Mütter sieht man sonst nur bei RTL oder wie das heisst. Endlich haben sie mal wieder etwas, worüber sie beim Kaffeeklatsch lästern können.

Das nächste Mal, wenn ich einkaufen gehe, verlange ich Eintritt. Die Leute sollen nicht glauben, sie könnten sich gratis unterhalten, während ich und meine Kinder uns abmühen, ihnen eine perfekte Vorstellung zu liefern…

Weissglühend

Nein, lange hat mein Aufenthalt auf Wolke sieben nicht gedauert. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat dafür gesorgt, dass sich die Hochgefühle schnell wieder verflüchtigt haben. Viel schneller, als mir lieb war. Es wäre doch schön gewesen, wenn ich mich mal einfach des Lebens hätte freuen können. Aber solche Dinge sind dem FeuerwehrRitterRömerPiraten einerlei. Wenn er Lust hat, nach dem Mittagessen die ganze Küche unter Wasser zu setzen, dann tut er dies. Dann macht er auch keine halben Sachen, sondern sorgt dafür, dass auch wirklich jeder Quadratzentimeter des Bodens mit Wasser bedeckt ist. Wenn Mama dann wutschäumend angerauscht kommt, strahlt er sie fröhlich an, als habe er etwas ganz Grosses geleistet. Hat er ja auch: Er hat es fertiggebracht, dass Mama mal wieder mit voller Wucht auf dem harten Boden der Realität gelandet ist.

Wenn Mama unsanft landet, dann hat sie sich nicht mehr im Griff. Dann brüllt sie herum, auch wenn sie herumbrüllen schrecklich findet. Dann schnauzt sie die unbeteiligten Kinder an, auch wenn sie weiss, dass sie ungerecht ist. Dann knallt sie die Türen, auch wenn sie weiss, dass sie ein schlechtes Vorbild ist. Und der FeuerwehrRitterRömerPirat? Der versteht die Welt nicht mehr. Warum macht Mama so ein Theater? Er wollte doch nur seinen Spass haben. Dass er so reagiert, treibt Mama nur noch mehr zur Weissglut und bald schon heult der FeuerwehrRitterRömerPirat, als habe man ihm etwas zuleide getan.

Als ein paar Minuten später der Sturm verzogen ist und die Kinder beschäftigt sind, starre ich niedergeschlagen aus dem Fenster. Warum nur muss ich immer dann explodieren, wenn das Leben endlich so läuft, wie ich es mir wünsche? Und warum versteht der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht, dass er zu weit geht, dass das alles nicht mehr lustig ist? Warum nur muss er immer und immer wieder meine Grenzen aufs Gröbste überschreiten? Stimmt mit dem Kind etwas nicht? Braucht er einen Psychiater?

Wie ich mir den Kopf zerbreche, erscheint vor meinem inneren Auge auf einmal das Bild eines kleinen Mädchens. Es sitzt auf einem Holztisch vor seinem Elternhaus und hackt mit den Kufen seiner Schlittschuhe, die es an den Füssen trägt, fröhlich Löcher in den Tisch. Der ganze Tisch ist übersät mit Löchern. Als die Eltern schimpfen, versteht es die Welt nicht mehr. Was haben die bloss? Das hat doch Spass gemacht. Dann sehe ich das Mädchen, wie es voller Wut gegen die Tür eines Schuppens tritt, so lange, bis die Tür ein grosses Loch hat. Auch diesmal ist das Mädchen verwundert, dass man es ausschimpft. Wer braucht denn diese alte, lotterige Tür?

Das Mädchen ist die spätere Mama des FeuerwehrRitterRömerPiraten. Und weil dieses Mädchen noch immer in der Mama steckt, rastet die Mama dann aus, wenn sich der FeuerwehrRitterRömerPirat wie das Mädchen aufführt. Weil die Mama sich aber auch daran erinnert, dass das Mädchen all die Dummheiten ohne böse Absichten gemacht hat, schafft sie es, nachdem der Zorn verraucht ist, den FeuerwehrRitterRömerPiraten wieder in den Arm zu nehmen und sich mit ihm zu versöhnen.

Liebe

Gestern war ich ja ziemlich benebelt beim Schreiben über die Nacht mit dem Norovirus. Heute bin ich zwar noch immer benebelt, aber nicht mehr ganz so schlimm wie gestern. Und darum muss ich da noch etwas klarstellen, bevor ich unter den Familien-Bloggerinnen als diejenige gelte, die wegen einer kleinen Magen-Darm-Seuche Zweifel bekommt, ob der Entscheid, eine Familie zu gründen, wohl richtig gewesen sei. Wenn ich meine noch kinderlosen Leser davor gewarnt habe, weiterzulesen, dann deshalb, weil mir auch schon Leute gesagt haben, sie hätten Zweifel bekommen, ob sie denn tatsächlich Kinder haben möchten, nachdem sie bei mir gelesen hätten, wie das Familienleben auch sein kann. Und andere davon abhalten, eine Familie zu gründen, ist nun wirklich nicht meine Absicht. Deshalb verkünde ich hier einmal mehr laut und deutlich: Ich vergöttere meine Familie. Ich möchte auf keinen Tag mit meiner Bande verzichten, auch wenn mein Leben bestimmt beschaulicher, planbarer und ordentlicher wäre. Aber wer will den schon ein beschauliches, planbares und ordentliches Leben? Ich nicht. Zumindest nicht vor der Pensionierung.

Das alles ist mir gestern mal wieder so deutlich bewusst worden, als ich mitten im Chaos völlig belämmert auf dem Sofa lag, umschwirrt von meinen Kindern. Mal kam Luise, um mich zu streicheln, mir Tee zu bringen und den lieben Gott zu bitten, dass er doch bitte die Mama ganz schnell wieder gesund machen würde. Dann wieder kam Karlsson, um mir zu sagen, dass ich die liebste Mama der Welt sei und dass er immer wisse, dass ich ihn liebe, auch wenn ich manchmal streng sei mit ihm. Zwischendurch legte das Prinzchen sein Köpfchen an meine Brust und rief liebevoll „Maaamma!“, der FeuerwehrRitterRömerPirat kam, um Händchen zu halten und der Zoowärter suchte mich immer wieder, um sicher zu sein, dass ich noch da war. Dann wieder wischte ich mit revoltierendem Magen das Erbrochene der Kinder auf und dachte bei mir, dass ich dazu nie fähig wäre, wenn ich die fünf nicht so unendlich lieben würde. Denn wenn es darum geht, Erbrochenes aufzuwischen, bin ich eine absolute Memme.

Ja, ich vergöttere die Bande, auch wenn sie mir mal wieder den Noro ins Haus geschleppt haben. Auch wenn ich ohne sie wohl nicht einmal wüsste, wer Noro überhaupt ist, weil ich von ihm verschont geblieben wäre, bis ich ins Altersheim eingeliefert worden wäre. Doch was würde ich im Altersheim bloss anfangen ohne all die Erinnerungen an die Turbulenzen mit meinen Knöpfen?

Eines muss ich aber trotz allem festhalten: So wie mir diese Seuche vor Augen geführt hat, wie sehr ich meine Bande liebe, so deutlich wurde mir auch bewusst, wie Recht doch der Zoowärter hatte, als er vor zwei Tagen mit in die Luft gereckter Faust und wildem Gesichtsausdruck die folgende Erkenntnis in die Welt hinaus schrie: „Chörble isch so schteigruusig!“, was zu gut Deutsch etwa so viel bedeuten soll wie „Sich erbrechen ist so furchtbar und abscheulich.“ Wo er Recht hat, hat er Recht…