Eigenarten

Gehst du nach vier Uhr nachmittags an den Strand, triffst du dort mit ziemlicher Sicherheit keinen einzigen Schweden, denn gegen vier Uhr brechen alle Schweden wie auf ein geheimes Zeichen hin auf und lassen Deutsche, Holländer und Schweizer alleine am Strand zurück. Das ist jeden Tag so, auch samstags.

Egal, wie weit im Nirgendwo du dich auch befinden magst, solange es einen Wegweiser dorthin gibt, wirst du am Ziel auch ein WC finden. In 99% der Fälle ein sauberes.

Wenn ihr mich fragt, haben die Schweden die Briten in Sachen Understatement längst abgehängt. Je grossartiger eine Sache ist, umso bescheidener wird darauf hingewiesen. Du liest irgend eine Beschreibung, suchst verzweifelt, wie du dorthin gelangen könntest und wenn du endlich am Ziel bist, findest du dich in einem Museum wieder, das deine Kinder nie mehr verlassen wollen, weil es so toll ist. Oder in einer kleinen, feinen Kunstausstellung. Oder in einem traumhaften Café. Oder in einem verwunschenen Garten, der einem verschrobenen Künstler gehört. Oder an sonst irgend einem himmlischen Ort, den du beinahe verpasst hättest, weil die Schweden wenig Lärm um viel machen.

Schwedische Kinder brüllen und toben nie, wenn ich zugegen bin. Ich könnte daraus natürlich den voreiligen Schluss ziehen, schwedische Kinder würden gar nie brüllen und toben, weil die das nicht nötig haben, da sie als selbstverständlicher und wichtiger Teil der Gesellschaft akzeptiert sind. Ich ziehe es vor, zu glauben, die schwedischen Kinder hätten sich alle gegen mich verschworen und würden brav wie die Lämmer, sobald ich mich nähere, damit ich mich als miserable Mutter fühle.

Nirgendwo auf der Welt gibt es so ehrliche Lokalpolitiker wie hier. Die verschenken den Kindern Bonbons, die aussen herrlich süss, innen aber abscheulich nach Salmiak schmecken.

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Der männliche Teenager während der Schulferien

Morgens schläft er meist sehr lange aus, was durchaus angenehm ist, wenn du kein bestimmtes Tagesprogramm vorgesehen hast und ganz froh bist, wenn du den Tag in Ruhe angehen kannst. Irgendwann – meist wenn du dich gerade der Zeitungslektüre zugewendet hast oder mit „Deinem“ gemütlich frühstücken möchtest – kommt er angeschlurft, verschlafen, aber ausserordentlich gut gelaunt. Er schnappt sich ein Frühstück, setzt sich zu dir an den Tisch und fängt an, Nonsens von sich zu geben. Zugegeben, dieser Nonsens ist ganz amüsant, doch leider verträgt er sich schlecht mit der vertieften Analyse der politischen Landschaft, die du gerade lesen möchtest. Nachdem der Magen gefüllt ist, verzieht sich der Teenager wieder in sein Zimmer. Wenn du Glück hast, stellt er vorhin noch sein schmutziges Frühstücksgeschirr in die Küche. Hast du Pech, tut er es nicht und du musst ihn herbeizitieren, was meist zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit führt.

Erst gegen ein Uhr bekommst du den Teenager wieder zu Gesicht. Er steckt noch immer im Pyjama und will wissen, was es zum Mittagessen gibt. „Na ja, ich dachte, weil du erst gerade gefrühstückt hast…“ „Aber ich hab Hunger!“, unterbricht er dich und mit seiner Hilfe bringst du irgend etwas auf den Tisch, was nicht zu viel Arbeit macht. Nach dem Mittagessen verschwindet er wieder in seinem Zimmer, das er erst am späten Nachmittag wieder verlässt, noch immer im Pyjama. Wenn er Pech hat, läuft er „Deinem“ in die Arme, der findet, a) solle sich der Teenager endlich anziehen und b) könne er sich doch ein wenig nützlich machen, wo er doch ganz offensichtlich nichts zu tun habe. Der Teenager ist entrüstet, dass da einer versucht, seine heilige Freizeit anzutasten und verschwindet wieder auf seinem Zimmer, im schlimmsten Fall unter Türeknallen.

Dort bleibt er genau so lange, bis du glaubst, du könnest jetzt die Küche für heute schliessen und allmählich an den Feierabend denken. Dann kommt der Teenager runter, frisch geduscht und sauber angezogen. Zuerst schmiert er sich ein paar Brote, vergisst die Krümel und fragt, ob man heute vielleicht auch mal was mache. Was er denn machen wolle, fragst du und gähnst. „Weiss nicht. Einen Film schauen, vielleicht“, kommt die Antwort. Die nächsten 45 Minuten verbringt der Teenager damit, den perfekten Film zu finden, dann, so gegen zehn Uhr, wirft er sich mit ein paar Katzen aufs Sofa und fragt: „Wollt ihr auch mitschauen?“ Du sagst nein, „Deiner“ sagt ja und du begreifst, dass ein Teenager im Haus die eheliche Zweisamkeit weit mehr gefährdet als die fünf sehr kleinen und kleinen Kinder, die du vor ein paar Jahren noch zu betreuen hattest.

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Kraftakt

Nach anderthalb anstrengenden Tagen neigt sich ein Mammut-Wohnungsputz seinem Ende zu. Gestern waren wir zuerst alle sieben dran, dann nur noch „Meiner“ mit den vier jüngeren Kindern, weil bei Karlsson Musik auf dem Programm stand und ich mich um meinen sterbenden Computer kümmern musste. Abends dann nur noch „Meiner“, der manchmal einfach nicht genug kriegen kann vom Putzen und heute schliesslich ich ganz alleine, weil ich bekanntlich besser putze, wenn ich nicht auch noch andere motivieren muss zu dem, wozu ich mich selber kaum aufraffen kann. Von oben bis unten haben wir geräumt, weggeschmissen, geputzt und poliert, mit grossem Einsatz und insgesamt sehr viele Stunden lang. Und damit wir nicht andauernd die Küche verdrecken, versorgte uns Mama Ikea mit verwerflicher Tiefkühlkost aus dem frisch geputzten Tiefkühler. 

Naive Menschen wie ich neigen zu dem Glauben, nach einem solchen Kraftakt, der übrigens mit erstaunlich wenig Zoff über die Bühne gegangen ist, sei endlich mal alles sauber und ordentlich, doch leider ist dem nicht so. Wir sind jetzt gerade mal so weit, dass wir mit der Feinarbeit beginnen könnten, um uns anschliessend den ewigen Baustellen Wandschränke, Keller und Schlupfestrich zuzuwenden. Ich fürchte, soweit wird es gar nicht erst kommen, erstens, weil wir jetzt ganz dringend eine Putzpause brauchen und zweitens, weil wir morgen bereits wieder voll und ganz mit der Schadensbegrenzung beschäftigt sein werden. Damit dieser „Na ja, so halbwegs ordentlich ist es schon bei Vendittis“-Zustand anhält, bis wir in die Ferien fahren. 

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Lieblingslehrerin

Ein einziges Jahr hat der Zoowärter bei ihr den Unterricht besucht und das auch nur jede zweite Woche eine Doppellektion. Also eigentlich fast nie. Dennoch hat er die Frau ins Herz geschlossen und darum war er auch ganz fürchterlich traurig, dass er im nächsten Schuljahr nicht mehr zu ihr darf. „Sie hat so viel gesungen mit uns. Und so viel gelacht“, sagte er. Die meisten anderen Lehrerinnen seien eben viel strenger, da gebe es nicht viel zum Lachen, fügte er noch an. Wenn er im Januar Geburtstag habe, wolle er einen Schulbesuch bei dieser lieben Lehrerin machen, sagte er noch.

Da ich meinen Mund nie halte, wenn mir etwas nicht passt, beschloss ich, für einmal meinen Mund auch dann nicht zu halten, wenn ich zufrieden bin. Also schrieb ich der Lehrerin, wie glücklich der Zoowärter bei ihr gewesen sei und bedankte mich dafür, dass sie den Kindern Freude in den Schulalltag bringt. 

Die Antwort der Lehrerin berührte mich tief, denn aus ihren Zeilen las ich, dass sie den Zoowärter so mag, wie er ist. In den wenigen Stunden, in denen sie mit ihm gearbeitet hat, ist sie seinem Wesen näher gekommen als manch einer, der deutlich mehr Zeit mit ihm verbringt. Man spürte, dass die Frau nicht nur von ihrem Job begeistert ist, sondern auch von den Kindern, mit denen sie arbeitet. 

Wäre ich der Zoowärter, dann wäre ich auch traurig über den Abschied. (Ich brauche aber noch nicht traurig zu sein, denn im nächsten Schuljahr hat das Prinzchen bei ihr Unterricht.)

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Wenn ich freitags ungestört arbeiten will…

Luise: „Mama, kannst du schnell…?“

Ich: „Nein, Luise, du musst zu Papa gehen. Ich arbeite doch heute. Wenn Papa in der Schule ist, kannst du auch nicht einfach zu ihm gehen. Wenn ich arbeite, ist das genau gleich, auch wenn ich hier bin. Das habe ich dir jetzt doch schon hundertmal gesagt.“

Drei Minuten später

Karlsson: „Die Lehrerin hat heute gesagt…“

Ich: „Karlsson, ich arbeite…“

Karlsson: „…wir müssten jetzt doch keinen…“

Ich: „Kaaaarlsson, ich aaarbeite…“

Karlsson: „…Kuchen mitbringen, weil…“

Ich: „Ich hab‘ gesagt, ich arbeite!“

Karlsson: „…am Schluss ja doch die Mütter in der Küche stehen würden. Ich lass dich jetzt arbeiten.“

Zwanzig Minuten ungestörtes Arbeiten, dann…

Prinzchen: „Der Zoowärter hat…“

Zoowärter: „Aber das Prinzchen hat auch…“

Ich: „Ich will überhaupt gar nichts wissen von euren Streitereien. Geht zu Papa, der ist heute für euch da.“

Beide: „Aber er hat zuerst…“

Ich: „Und ich will nichts davon wissen. Ab, zu Papa!“

Etwas später…

Wieder das Prinzchen: „Papa will mir nichts zu essen geben.“

Ich: „Das kann ich mir nicht vorstellen…“

Prinzchen: „Doch, er sagt, ich muss zuerst meine Sachen wegräumen…“

Ich: „Dann mach das doch. Danach bekommst du sicher etwas.“

Prinzchen (schluchzend): „Aber ich hab‘ doch solchen Hunger…“

Ich (wütend, weil mein armes Kindchen hungern muss): „‚Meiner‘, jetzt gib doch diesem armen Kind etwas zu essen. Er kann doch nachher aufräumen. Und überhaupt: Wenn du nie zu den Kindern schaust, kann ich nicht arbeiten!“

Kurzer, aber heftiger Krach mit „Meinem“, dann wieder eine Zeit lang ungestörtes Arbeiten

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Mama, darf ich…“

Ich: „Ich arbeite…“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber du hast gestern gesagt…“

Ich: „Kann sein, dass ich gesagt habe und dann darfst du auch. Aber sprich dich mit Papa ab, er ist heute zuständig.“

Zwanzig Störungen später

Ich (zu irgend einem unschuldigen Störenfried, der zufällig gerade in der Nähe steht): „Himmel, wann wollt ihr denn endlich begreifen, dass ich heute ganz und gar nicht ansprechbar bin für euch? Wozu habt ihr eigentlich einen Papa, der freitags zu Hause ist?“

Natürlich hat keiner begriffen, was los ist mit mir, aber da sie jetzt alle zum Jugendfest müssen, habe ich endlich Ruhe. Denke ich…

Prinzchens bester Freund: „Tamar, weisst du, wo das Prinzchen ist?“

Aus lauter Gewohnheit hätte ich beinahe gesagt: „Frag Papa“, doch dann erinnerte ich mich im letzten Moment daran, dass der Papa von Prinzchens bestem Freund nicht wissen kann, wo das Prinzchen ist, weil der nämlich noch weniger zuständig ist für meine Kinder als ich es heute theoretisch gewesen wäre.

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Jugendfestvorbereitungen

Lass mal sehen… Luise braucht ein blaues T-Shirt und blaue Hosen, kann aber auch schwarzes T-Shirt und schwarze Hosen tragen, oder blaues T-Shirt mit schwarzer Hose, oder schwarzes T-Shirt mit… ach was, spielt ja keine Rolle. Hauptsache, der Aufdruck auf dem T-Shirt ist nicht zu auffällig. Der FeuerwehrRitterRömerPirat braucht noch eine blaue Hose. Das weisse T-Shirt hat er ja bereits. Hoffe, er findet das auch wieder in seinem Chaos…FeuerwehrRitterRömerPirat, was meinst du zu dieser blauen Hose? Nicht? Warum nicht? Ist doch perfekt… Und die hier? Auch nicht? Himmel, jetzt fang bitte nicht an, ein Theater zu machen, wir brauchen noch Sachen für das Prinzchen und für Karlsson. Was braucht eigentlich der Zoowärter? Ist da mal ein Brief nach Hause gekommen? Nicht, dass ich wüsste. Zoowärter, habt ihr mal einen Brief mitbekommen? Nein? Was müsst ihr denn am Jugendfest anziehen? Weiss. Okay, nur oben oder auch unten? Unten auch? Hmmmm, ich glaube, weisse Hosen haben wir keine mehr in deiner Grösse…Dann suchen wir die eben auch noch. Prinzchen, bist du dir wirklich sicher, dass du gelbe Hosen brauchst? Gelbe Hosen für Jungs? Wo in aller Welt sollen wir das jetzt noch finden? Haben ja immer nur so fade Kleider für Jungs hier… Schau mal, Zoowärter, hier hat’s eine weisse Hose für dich. Wie, du brauchst keine weisse Hose? Du hast doch gesagt… Ach so, nur das T-Shirt muss weiss sein. Gut, dann nehmen wir hier dieses weisse Hemd, dann können wir den Zoowärter abhaken. Aber sonst finde ich in diesem Laden nichts… „Meiner“, ich geh‘ dann mal rüber, vielleicht hat’s dort eine bessere Auswahl. Du kommst dann mit Luise nach? Okay, jetzt also noch blaue Hosen für den Zoow…, äh, nein, für den FeuerwehrRitterRömerPiraten, gelbe Hosen für das Prinzchen, die ganze Garnitur für Luise… für Karlsson hat „Meiner“ bereits gesorgt…Oh, sieh mal an, hier hat’s eine gelbe Hose für das Prinzchen und dann erst noch zum halben Preis und was meinst du zu dieser Hose FeuerwehrRitterRö…Nicht? Warum denn wieder nicht? Einfach so? Jetzt reicht’s mir dann aber allmählich. Und die hier? Guuuuuuuut, du nimmst sie! Welch ein Wunder…Wo wohl „Meiner“ bleibt? Ach, dort drüben ist er ja. Sieht danach aus, als hätte Luise nun auch etwas gefunden… Jungs, bleibt bitte hier! Ich will euch nicht wieder suchen müssen…Mist, ich muss dringend aufs WC. „Meiner“, übernimmst du mal die Kinder? Himmel, diese Schlange vor dem WC…Ja, selbstverständlich passe ich auf Ihr Baby auf, währenddem Sie auf dem WC sind. Hatte ja auch mal so kleine Kinder…Okay, mal sehen, ob ich „Meinen“ und die Kinder wieder finde…. Da sind sie ja…. Nein, Jungs, jetzt reicht es wirklich! Ihr könnt hier nicht…Wo ist „Meiner“ jetzt plötzlich hingekommen? Einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt…HIMMEL! JUNGS! ES! REICHT! MIR!!!!! Müssen die mich so blöd anschauen? Haben die nie ihre Nerven verloren, als sie mit ihren Kinder im grössten Chaos…..Und wenn „Meiner“ nicht endlich auftaucht, nehmen wir den Bus… Eine Runde noch, wenn ich ihn dann nicht finde….Okay, nicht gefunden (nein, keiner von uns hat ein Handy dabei), Jungs, wir nehmen den Bus, ich geb’s auf…

Eine Stunde später:

„Meiner“ und Luise kommen nach Hause, schwer beladen mit Kleidern, die Luise ihrem Papa hat abschwatzen können. „Wo seid ihr gewesen? Wir haben euch überall gesucht?“ – „Wo seid ihr gewesen? Ihr könnt doch nicht einfach so verschwinden…“ Ach, was soll’s. Immerhin haben wir alles, was die Kinder am Samstag brauchen in den richtigen Farben gefunden.

Wehe, die sagen am Samstag den Umzug ab! 

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Schon fast ein Feiertag

Wenn die Kinder mittags nach Hause kommen, herrscht bei uns erst mal buntes Chaos, bis alle erzählt haben, was sie unbedingt loswerden müssen. Oft nehme ich dabei die Rolle des Abfallkübels ein, der bis zum Rand angefüllt wird mit dem ganzen Mist, der sich am Vormittag angesammelt hat. Und weil keiner den anderen ausreden lässt, halte ich mir irgendwann die Ohren zu, um erst dann wieder etwas hören zu müssen, wenn alle satt und deshalb auch wieder halbwegs zufrieden sind. An gewissen Tagen aber kommen die Kinder in die Küche gestürmt und überhäufen mich mit guten Nachrichten. Zum Beispiel heute:

Karlsson (mit einem schlecht kaschierten Grinsen auf dem Gesicht): „Ich hab‘ heute den Mathetest zurückbekommen. Ist total mies herausgekommen.“

Ich: „Ach ja, darum strahlst du auch über dein ganzes Gesicht.“

Karlsson (jetzt ganz offensichtlich grinsend): „Nein, wirklich. Total mies. Ich hatte eine drei.“ (Für Leser aus Deutschland: 6 ist bei uns die beste Note, 1 die schlechteste.)

Ich: „Ach komm schon, sag endlich, was du wirklich hattest, sonst platzt du noch vor Glück.“

Karlsson: „Okay, es ist wirklich mies.“ Und dann nennt er mir eine Note, die irgendwo zwischen 5 und 6 liegt, also eine sensationelle Mathenote für einen Venditti.

Ehe ich mich fertig gefreut habe, kommt der Zoowärter angerannt und drückt mir ein Blatt Papier in die Hand. Ich brauche gar nicht erst zu lesen, um zu sehen, worum es geht. Der mit Leuchtstift markierte Name des Zoowärters sticht mir sofort ins Auge und ich weiss, dass er es geschafft hat, zu den 6 Schnellsten seines Jahrgangs zu gehören. Das heisst, er darf am Freitag am grossen Rennen mitmachen. Etwas, was vor ihm noch kein Venditti geschafft hat. Ausser Luise, doch dann wurde das Rennen wegen schlechten Wetters abgesagt.

Wieder komme ich kaum dazu, meiner Freude Ausdruck zu verleihen, denn jetzt steht Luise da: „Ich bin dabei! Ich war Drittschnellste. Und der Zoowärter ist auch dabei! Und in Sachkunde hatte ich eine…“ Sie nennt ebenfalls eine Note, die irgendwo zwischen 5 und 6 liegt und ich bringe vor lauter Staunen meinen Mund nicht zu, hatte ich doch beim Abfragen befürchtet, sie würde den Test in den Sand setzen. 

Momente später bekomme ich ein weiteres Blatt in die Hand gedrückt, diesmal vom Prinzchen. Es ist die Einladung zum Kindergarten-Abschlussfest. Das Fest, bei dem die Kinder von den Kindergärtnerinnen dazu verdonnert werden, zuerst allen Junk-Food aufzuessen, ehe sie Früchte und Gemüse bekommen. Und falls es warm ist, müssen sie sich eine richtig wilde Wasserschlacht liefern. Also noch einmal wunderbare Nachrichten. 

Einzig der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt heute ohne freudige Überraschung nach Hause. In mir will schon leise Panik hochkommen, denn ich weiss, wie sensibel unser Dritter reagiert, wenn alle glücklich sind, nur er nicht. Doch dann kommt mir in den Sinn, dass der Pöstler einen bunten Brief für ihn gebracht hat. Ein Brief voller wunderbarer Gutscheine, von denen er einen gemeinsam mit seinem Cousin oder einem Freund einlösen darf. Also strahlt auch der FeuerwehrRitterRömerPirat. 

Jetzt, wo alle für einmal überglücklich und vollkommen friedfertig sind, kann ich endlich auch erzählen, was mich heute Vormittag fast hat platzen lassen vor lauter Freude: Zwei noch ganz winzige Schwalbenschwanzraupen, die auf meinem Fenchel das Licht der Welt erblickt haben. Ich weiss nicht, wie viele Jahre ich auf dieses kleine Wunder gewartet habe, aber jetzt ist es endlich eingetroffen. 

Eigentlich wäre heute Mittag ein Festessen fällig gewesen.

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Wir können das jetzt wieder

Wenn die Kinder alle schlafen, oder zumindest so still sind, dass keine Gefahr mehr von Ihnen ausgeht und „Meiner“ und ich Lust haben, das Wochenende gemütlich ausklingen zu lassen, dann tun sich uns ein paar Möglichkeiten mehr auf, als noch vor einigen Monaten. Bisher waren unsere Optionen ja ziemlich beschränkt: Film reinziehen, heimlich Pizza holen und auf dem Balkon essen oder ein wenig im Garten sitzen und plaudern. Gut, es gab noch die Möglichkeit, einen Babysitter zu engagieren und wegzugehen, aber das war erstens nicht sehr spontan und zweitens ziemlich teuer.

Inzwischen aber sind die Grossen gross genug, dass wir – wenn die Kleinen hundemüde sind und schon schlafen, ehe der Kopf aufs Kissen gesunken ist – ruhigen Gewissens in die Stadt fahren können, wo wir uns in der Bar am Fluss eine kühle Gazosa und eine Kleinigkeit zum Essen gönnen. Wenn der Teller leer ist und noch kein panischer Anruf von zu Hause gekommen ist, liegt gar ein gemütlicher Spaziergang am Fluss drin. Fast so, wie damals, als wir noch jung und unbekümmert waren und unsere Abende ganz nach Belieben gestalten konnten. Und ebenso wie damals erwartet uns zu Hause meistens irgend jemand mit dem Vorwurf „Wo seid ihr so lang gewesen? Ich hab‘ mir Sorgen gemacht.“

Gut, ganz so wie damals ist es natürlich trotzdem nicht. Die Sache mit dem Händchenhalten haben wir ein wenig verlernt, aber vielleicht kommt das ja wieder, wenn wir uns an unsere neu gewonnenen kleinen Freiheiten gewöhnt haben.

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Wie man sich selber von Mamas Liebe überzeugt

Wie ich gestern erzählt habe, zweifelt der Zoowärter derzeit an meiner Liebe zu ihm. Warum? Weil er, der gewöhnlich sehr still, friedliebend und folgsam ist, in letzter Zeit öfters mal meine Geduld aufs Ärgste strapaziert, insbesondere am frühen Morgen und am späten Abend und wer am frühen Morgen oder am späten Abend meine Geduld strapaziert, bekommt was zu hören und zwar ziemlich laut. Unsere anderen Kinder sind weitaus weniger still, friedliebend und folgsam als der Zoowärter und darum haben sie sich längst an diese lauten Töne gewöhnt. Sie wissen, dass ich wieder lieb und versöhnlich werde, sobald ich meinem Ärger Luft gemacht habe. Der Zoowärter aber gerät in tiefste Verzweiflung, wenn sich mein mütterlicher Zorn mal gegen ihn richtet. „Immer schimpfst du mit mir“, schluchzt er dann, „alle anderen liebst du, nur mich nicht.“ 

Natürlich versuche ich, dem Zoowärter diese Gefühle auszureden, ich sage ihm, wie sehr ich ihn liebe und was ich alles an ihm mag, doch eigentlich könnte ich mir die Mühe sparen, denn ich weiss, dass er seinen eigenen Weg finden muss, um wieder an meine Liebe zu glauben. Dieser eigene Weg heisst „Ich will gehätschelt werden“. Fragt mich nicht, wie es so kommt, aber jedes Mal, wenn der Zoowärter mal wieder glaubt, ich würde ihn nicht lieben, plagt ihn ein paar Stunden oder Tage später ein kleines Leiden, das verarztet und überwacht werden muss. Er tut das nicht mit Absicht, des bin ich mir sicher. Es geschieht einfach.

In diesen Tagen zum Beispiel ist es eine Schürfwunde, die der Zoowärter sich auf der Rutschbahn im Schwimmbad zugezogen hat, die heute früh übel genug aussah, um mich dazu zu bringen, den Erstklässler von der Schule abzumelden und zur Begutachtung in die Apotheke zu bringen. Dies allein hätte wohl schon genügt, um den Zoowärter wieder fröhlich zu stimmen, doch dann wurde er in der Apotheke auch noch liebevoll verarztet und mit Honig und Traubenzucker versehen wieder nach Hause geschickt. Die zwei Käsebrezeln, das Erdbeerwasser und die Sensation, dass ich ihn zur Schule begleitete, taten das Übrige, um den Zoowärter wieder aufzubauen. Und da die Wunde inzwischen zwar besser, aber längst noch nicht gut aussieht, dürfte die Spezialbehandlung in leicht reduzierter Form noch ein paar Tage andauern. Bis zur kompletten Heilung wird der Liebestank des Zoowärters wieder randvoll sein.

Hoffentlich reicht dieser Vorrat für Verletzungsfreie Sommerferien. 

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Früh am Morgen

Der FeuerwehrRitterRömerPirat will nicht aufstehen, vergiesst sogar ein paar Tränen. Mit gutem Grund, wie sich drei Minuten, bevor er aus dem Haus müsste, herausstellt. Die Hausaufgaben sind nämlich nicht fertig gelöst, aber daran ist Papa schuld, denn der hat gestern Abend angeblich gesagt, der FeuerwehrRitterRömerPirat dürfe mit seinen Freunden auf den Schulkirschbaum, auch wenn die Hausaufgaben noch nicht ganz fertig seien.  Ja, die Mama hat ausdrücklich gesagt, zuerst müsse alles fertig sein, aber wenn Papa das nicht eben so ausdrücklich sagt, sondern nur impliziert, kann doch der FeuerwehrRitterRömerPirat nichts dafür, dass die Hausaufgaben nicht erledigt sind. Und überhaupt, in diesem Haus findet man nie einen Bleistift, mit dem man die Hausaufgaben lösen könnte und daran ist ganz bestimmt nicht der FeuerwehrRitterRömerPirat schuld, genau so wenig wie all anderen, die in diesem Haus regelmässig Hausaufgaben lösen. Bleistifte, das muss man wissen, machen sich ganz von selbst aus dem Staub, wenn sie sich irgendwo attraktivere Arbeitsbedingungen erhoffen, zum Beispiel als Türsteher im Abflussrohr oder als Grabschaufler beim Begräbnis des Babyvogels, der den Sturz aus dem elterlichen Nest nicht überlebt hat. 

Der Zoowärter kommt nicht aus dem Bett, weil der Papa immer nur nein sagt zu allem und darum sagt der Zoowärter heute halt auch mal nein zur Schule, um den Papa für seine Sturheit zu bestrafen. Okay, ist vielleicht nicht ganz fair, dass jetzt die Mama zig Mal die Treppen hochsteigen muss, um ihn doch noch aus dem Bett zu jagen, das gibt der Zoowärter offen zu. Aber die Mama ist ja selber schuld, dass sie einen Mann geheiratet hat, der immer zu allem nein sagt, was dem Zoowärter gerade Spass machen würde. Irgendwann lässt sich der Junge doch noch dazu überreden, aus dem Bett zu kommen, aber nur, damit er dem Papa ins Gesicht sagen kann, dass heute nichts wird mit Schule. Und damit er der Mama vorhalten kann, sie liebe nur das Prinzchen, ihn aber gar kein bisschen. Das hat er ihr ja schon gestern und vorgestern gesagt, warum also steht sie nicht endlich offen dazu?  Und überhaupt: Wie will sie dem Zoowärter ausgerechnet an einen Tag wie heute, wo das Prinzchen mit einem ganzen Rucksack voller Leckereien und liebevoll mit Sonnencrème und Zeckenspray eingeschmiert aus dem Haus geschickt wird, weis machen, sie hätte alle ihre Kinder auf ihre ganz spezielle Weise gleich lieb? Und jetzt faselt sie davon, wie sie vor zwei Wochen, als der Zoowärter Schulreise hatte, genau gleich viel eingekauft hat. Das zählt doch nicht mehr, ist längst alles verdaut und vergessen. Zum Glück schenkt das Prinzchen dem störrischen grösseren Bruder ganz ohne Zwang eine ganze Schachtel Bonbons – „Ich kann doch nicht so viele Süssigkeiten essen!“ – und damit sind auch die Zweifel an Mamas Liebe wie weggeblasen. Als Entschädigung für den Zoff bekommt Mama sogar einen grasgrünen Bonbon geschenkt, was sie natürlich sofort als zoowärterschen Liebesbeweis deutet. 

Luise überkommen plötzlich die Zweifel, ob ihre neuen Shorts in der Schule überhaupt zugelassen sind, oder ob die in die Kategorie „Hot Pants“ fallen und damit verboten sind. Mama versucht ihr weis zu machen, dass diese Shorts gar keine Hot Pants sein können, weil sie diese ja ohne Luises Wissen gekauft hat und Mama würde ihrer minderjährigen Tochter ganz bestimmt nie im Leben Hot Pants erlauben oder gar kaufen. Luise ist nicht so recht überzeugt, denn die Schule tendiert dazu, die Dinge etwas enger zu sehen als Mama, doch aus Furcht, zu spät zu kommen, beschliesst sie, ihrer antiautoritär angehauchten Mutter zu glauben, auch wenn die Schule alles andere als antiautoritär angehaucht ist. 

Das Prinzchen verhält sich für einmal ganz kooperativ, was vermutlich an oben genanntem Rucksack liegt, Karlsson sagt ohnehin seit Wochen nichts anderes mehr als „Getrocknete Bananen“ und „Weli Gluscht gha han“ und erbringt damit den eindeutigen Beweis, dass er wohlbehalten in der Pubertät angekommen ist. „Meiner“ befindet sich in seinem alljährlichen „Ich bin mit meinen Nerven am Ende und weiss nicht mehr, wo mir der Kopf steht“-Schuljahresend-Tief, was sich zum Beispiel darin äussert, dass er ohne ersichtlichen Grund von mir wissen will, wo an meinem Laptop der „Print Screen“-Knopf zu finden ist und dann nicht sagen will, weshalb er diesen Knopf ganz dringend im Morgengrauen finden muss und dann erst noch ausgerechnet in dem Moment, in dem seine Frau gerade dabei ist, die Generalreinigung der Katzenkistchen vorzunehmen und ziemlich in der Sch…. steckt. 

Himmel, lass endlich diese Sommerferien beginnen!

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