Was mich ermüdet

Ich bin in einer Grossfamilie aufgewachsen, was mir grundsätzlich sehr gut gefiel. Einzig die fehlende Privatsphäre fiel mir auf die Nerven. Ein Badezimmer für neun Personen, mehr brauche ich dazu ja wohl nicht sagen. Meine Mittelgrossfamilie – so richtig gross ist sie in meinen Augen nicht – sollte es einmal besser haben, das schwor ich mir. Darum wohnen wir heute ziemlich weitläufig – zu weitläufig in den Augen einer Bekannten, die schon angedeutet hat, sie würde gerne mit ihren zwei Kindern bei uns einziehen, wir hätten ja viel zu viel Platz. Weil ich jedoch sehr viel Wert darauf lege, dass jeder seinen Raum für sich hat, habe ich ihr gesagt, wir hätten nicht genügend freie Zimmer. Ihr seht also, ich gehe so weit, andere Menschen vor den Kopf zu stossen, um die Privatsphäre jedes einzelnen Familienmitglieds – auch meine eigene – zu garantieren. 

Und was machen die lieben Familienmitglieder mit dieser hart erkämpften Privatsphäre? Halten sie sie heilig und erbieten ihr die Ehre? Von wegen! Sie treten sie mit Füssen. Sie dringen in Zimmer ein, deren Türen ganz offensichtlich geschlossen sind und ich muss dann wieder den Streit schlichten. Sie vergreifen sich an fremden Musikinstrumenten, obschon sie schon hundertmal gehört haben, dass sich das nicht gehört. Sie toben sich heimlich in meiner Küche aus, obschon ich diese offiziell zu meinem Territorium erklärt habe. Das Putzen bleibt natürlich an mir hängen; ist ja meine Küche, nicht ihre. Sie durchwühlen Schubladen, die sie ganz eindeutig nicht durchwühlen dürften und stellen nachher indiskrete Fragen, die nicht mal ich, die ich doch eigentlich ziemlich offen bin, beantworten möchte. Sie vergreifen sich am Inhalt des väterlichen Kleiderschranks und empören sich, wenn der Herr Papa verlangt, dass die Kleider zurück an ihren angestammten Ort wandern. Sie stören unzählige Male den elterlichen Mittagsschlaf, obschon der Zeitrahmen klar abgesteckt und die Zimmertür geschlossen ist. Sie poltern unablässig an die verschlossene WC-Tür, auch wenn man schon zehnmal gebrüllt hat, man sei gleich soweit, sie sollten sich noch ein wenig gedulden, oder eines der anderen WCs aufsuchen, weil wir ja nicht bloss eines hätten. 

Als sie noch klein waren, konnte ich mit diesen ewigen Grenzüberschreitungen ziemlich gut leben. Sie wussten es halt einfach nicht besser. Jetzt aber wären sie eigentlich gross genug, um den Unterschied zwischen mein und dein nicht bloss zu erkennen, sondern auch zu respektieren. Aber sie tun es nicht und darum predigen „Meiner“ und ich unablässig die gleiche Predigt: Anklopfen. Ein Nein respektieren. Die Finger von fremden Angelegenheiten halten. Fragen, bevor man sich im Zimmer eines anderen breit macht. Nicht einfach nehmen, was einem nicht gehört. Die anderen so behandeln, wie man selber auch behandelt werden möchte… Wir reden, sie tun so, als hätten sie verstanden – und überschreiten drei Minuten später die nächste Grenze.

Ach, wenn sie doch nur endlich begreifen würden, wie viel netter und geduldiger ihre Mama wäre, wenn sie endlich damit aufhörten, der armen Privatsphäre so viel Gewalt anzutun. 

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Schutzengel

„Sicherheit am, im und auf dem Wasser“, so lautet der Arbeitstitel einer kleinen Artikelserie für swissmom, an welcher ich derzeit gerade arbeite und weil ich nicht irgend etwas schreiben will, verbrachte ich den Grossteil des heutigen Nachmittags mit Recherchen zum Thema. Ich las quer durch eine Studie, schaute mir die Videos von Präventionskampagnen an, sammelte Fakten und studierte Grafiken. Weil ich den Lesern aber nicht bloss frei interpretierbare Satzbausteine liefern will, versetzte ich mich auch zurück in die Zeit, als unsere heute schon ziemlich Grossen noch ganz klein waren und ich mindestens fünf Paar Augen, zehn Hände, acht Füsse und vor allem Superkräfte gebraucht hätte, um alle so zu überwachen, wie es die Sicherheitsexperten zu Recht fordern. Ich versuchte, mir die grössten Herausforderungen von damals in Erinnerung zu rufen, damit ich nicht einfach schreibe, was man überall lesen kann, sondern auch auf die Hürden hinweise, die es einem im Mütter- und Väteralltag erschweren, so zu handeln, wie es eigentlich richtig wäre. Und plötzlich waren sie wieder da, die Erinnerungen an jene Situationen, in denen dir der Atem stockt und du nur noch handeln, nicht mehr denken kannst. 

Der Augenblick zum Beispiel, als der Zoowärter plötzlich mit dem Gesicht nach unten im Pool von Freunden trieb. Wir waren vier Erwachsene, die mit Blick auf die Kinder am Rand des Pools sassen, jeder von uns allzeit bereit, hochzuspringen. Und doch hatte es der damals noch ziemlich Kleine fertig gebracht, von uns allen unbemerkt in den Pool zu fallen. 

Oder der heisse Nachmittag in der Toscana, an dem sich die noch sehr kleine Luise entgegen aller elterlichen Ermahnungen trotzig der Schwimmflügel entledigte und auf der Treppe des Schwimmbeckens diesen einen Schritt zu viel machte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis „Meiner“ bei ihr war, obschon nur ein paar Schritte zwischen ihm und ihr lagen. 

Nicht nur ans Wasser erinnerte ich mich, auch der Abend, an dem wir aus unerfindlichen Gründen vergessen hatten, das Fenster im Wohnzimmer zu schliessen, ehe wir uns zum Abendessen an den Tisch setzten. Noch nie zuvor hatten wir es vergessen und ausgerechnet an diesem Abend kletterte Luise, damals knapp 18 Monate alt, aus dem Hochstuhl und ging aus dem Zimmer. Plötzlich wurde „Meiner“ unruhig, begab sich ins Nebenzimmer, gerade noch rechtzeitig, um Luise daran zu hindern, auch noch mit dem zweiten Bein über das Fensterbrett zu steigen. 

Vom Nachdenken über dieses Erlebnis war es nicht mehr weit bis zur Erinnerung, die mich heute noch erblassen lässt. Wir verbrachten eine Woche mit einer Schulklasse von „Meinem“ in einem Gruppenferienhaus. Gegenüber gab es irgend einen Betrieb, zu dem mehrmals am Tag Lastwagen gefahren kamen. Ich war mit Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der damals noch auf allen Vieren unterwegs war, in der Küche und wähnte uns alle in Sicherheit, denn ich glaubte, ich hätte wie immer die schwere Eingangstüre abgeschlossen, damit die zwei Racker nicht entwischen konnten. Irgendwann verliessen die beiden die Küche, um im Aufenthaltsraum zu spielen. Dann wurde es auf einmal verdächtig still, ein klares Zeichen, dass etwas nicht mehr stimmte. Im Haus waren sie nicht mehr zu finden, dafür stand die vermeintlich geschlossene Eingangstüre einen Spalt breit offen. Panisch rannte ich nach draussen, wo ich die zwei Ausreisser fand, einen knappen halben Meter neben ihnen ein Lastwagen, der am Wenden war. Fragt mich nicht, woher er kam, aber plötzlich war da ein Mann, der die beiden Kinder zu mir brachte. Kein Wort sagte er, er sah mich nur sehr eindringlich an, dann verschwand er wieder und liess mich mit weichen Knien und zwei erstaunten Kindern zurück. 

Noch heute bleibt mir beinahe das Herz stehen, wenn ich daran denke, wie diese Geschichten hätten enden können. Wenn ich jetzt darüber schreibe, was wir Eltern zur Sicherheit unserer Kinder alles beachten müssen, wird mir bewusst, dass all die Vorsichtsmassnahmen zwar wichtig sind, aber bei Weitem nicht reichen. Ohne Schutzengel – oder wie immer man das auch nennen mag – haben wir keine Chance, unsere Kinder zu beschützen. 

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Danke, meine drei Lieben

Nur ungern gebe ich es zu, aber es ist halt doch so: Das ewige Theater ums Tischdecken, das Genöle, wenn etwas nicht schmeckt, der Zoff, weil nicht mal die grundlegendsten Tischregeln ohne Widerstand eingehalten werden, das tägliche Müssen – all dies hat meiner Kochleidenschaft ganz schön zugesetzt. Klar, gutes und gesundes Essen sind mir noch immer wichtig, ich rühre weiterhin mit ziemlich viel Freude im Kochtopf, natürlich kommt immer wieder mal etwas Neues auf den Tisch und wenn ich Zeit habe, mag ich es auch richtig kompliziert und aufwendig.

Dennoch seufze ich zuweilen tief, wenn die Mittagszeit naht. Immer wieder muss ich die Ausgehungerten davon abhalten, sich über den Vorratsschrank herzumachen, währenddem ich dem Essen den letzten Schliff verpasse. Immer wieder findet mindestens einer, es wäre besser gewesen, ich hätte etwas anderes gekocht. Und wenn ich ausnahmsweise mal den Geschmack aller getroffen habe, entbrennt der erbitterte Kampf um die letzten kostbaren Bissen. Deshalb überkommen mich zuweilen die Zweifel, ob das, was ich für so wichtig halte im Familienleben, auch wirklich geschätzt wird von denen, die ich am meisten liebe. 

Doch dann, wenn die Zweifel am allerschlimmsten sind, geschieht dies:

Das Prinzchen kommt nach Hause, wirft einen Blick in die Pfanne, fragt, was es sei und sagt: „Das esse ich!“ Wenige Augenblicke später steht der FeuerwehrRitterRömerPirat mit bettelndem Blick neben mir: „Darf ich bitte jetzt schon probieren? Das sieht so unglaublich gut aus und ich bin sooooo hungrig.“ Währenddem ich noch darüber nachsinne, ob sich unsere beiden heikelsten Esser bewusst sind, dass sie soeben meine Mittagszeit gerettet haben, stürmt der Zoowärter in die Küche: „Mama, bei unserem Haus riecht man immer schon auf der Strasse, dass du am Kochen bist. Das ist so schön.“

Es lohnt sich eben doch…

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Freitagabendessen

„Im Orient dürfen sie manchmal den ganzen Tag gar nichts essen. Erst wenn die Sonne untergegangen ist, dürfen sie essen und dann essen sie ganz viel. Das heisst dann Ramadan…“, erzählt das Prinzchen. „Wie der Schulkamerad von…von wem schon wieder?“, sagt Luise.

Auf der anderen Seite versucht sich derweilen der FeuerwehrRitterRömerPirat im Schutze des Tulpenstrausses verbotenerweise ein abendliches Glas Pepsi Max einzuschenken, doch der grosse Bruder ist wachsam. „Gib sofort das Glas her“, fordert er, doch der kleine Bruder fühlt sich nicht dazu verpflichtet, Karlsson Folge zu leisten. Es entbrennt ein wilder Kampf ums halb volle Glas, die Mama malt sich schon aus, wie sie die Scherben wieder aus der einen oder der anderen Hand entfernen soll. Die väterlichen Warnrufe bleiben ungehört.

„Dann ruft der Muezzin und die Leute legen sich auf den Boden, um zu beten – so.“ Das Prinzchen wirft sich in einer perfekten Muslim-Imitation auf den Fussboden, Luise schaut bewundernd zu und fragt sich, weshalb der Kleine das Wort „Muezzin“ kennt, sie hingegen nicht. 

Der Kampf ums Glas ist zu Ende, Karlsson hat gesiegt und der FeuerwehrRitterRömerPirat ist rasend vor Wut, schnappt sich die offene Pepsi-Flasche und schüttelt sie. Der Tisch wird nass, Karlssons Pulli und Zoowärters Füsse ebenso, auch das Fenster bekommt Spritzer ab, was „Meinen“ zur Bemerkung veranlasst, zum Glück hätte er heute keine Zeit gefunden, das Fenster zu putzen. Karlsson setzt derweilen seine Fäuste ein, die zwei Pepsi-Kämpfer müssen den Tisch vorübergehend verlassen. 

„Ich hab jetzt auch schon meinen Turban angefangen und wir lernen eine Aladdin-Lied. Ich hab‘ der Lehrerin gesagt, dass ich das Aladdin-Theater gesehen habe…“

Der Zoowärter stellt fest, dass seine Socken so sehr mit Pepsi getränkt sind, dass er feuchte Fussspuren hinterlassen kann, Karlsson wird dazu verknurrt, sich für die Fausthiebe zu entschuldigen, der FeuerwehrRitterRömerPirat heult, weil er die Kampfspuren aufputzen muss, wo er doch gar nichts dafür kann, dass es in diesem miesen Schuppen nach 16 Uhr für Minderjährige keine koffeinhaltigen Getränke mehr gibt. 

Mama versucht Luise zu erklären, dass es völlig okay sei, wenn das Prinzchen im Zusammenhang mit 1001 Nacht auch etwas kulturelles Wissen zum Leben in islamischen Ländern bekomme. Dann versucht sie, ihre Liebsten davon zu überzeugen, vom Apfel-French-Toast mit Ahornsirup zu probieren, auch wenn die Bäuche schon mit Corn-Dogs vollgestopft sind. Keiner hört zu, denn die einen möchten mehr über das Leben im Orient erfahren, die anderen rekonstruieren den Hergang des Pepsi-Kampfs und il Cugino versucht verzweifelt, aus dem ganzen Schweizerdeutschen Gequatsche herauszuhören, ob von ihm heute Abend noch eine Kissenschlacht erwartet wird, oder ob er auf eine geruhsamere Art und Weise verdauen darf. 

Wie? Ihr findet meinen Text heute ein wenig chaotisch und unzusammenhängend? Na ja, ihr könnt doch nicht erwarten, dass wir ein Drehbuch verfassen, ehe wir uns zu Tisch setzen. 

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Es gibt sie noch, diese Tage, an denen…

…die Schreibblockade ausgerechnet dann zu Besuch kommt, wenn zwei Kolumnen (über)fällig sind.

…der Autoschlüssel unauffindbar ist, weil er ohne mein Wissen mit il Cugino zur Schule gegangen ist, weshalb ich nicht aus dem Haus kann, um die Zutaten, welche die Kinder schon wieder als Zvieri zweckentfremdet haben, fürs Mittagessen einzukaufen.

…das Mittagessen in Folge des oben genannten Desasters äusserst dürftig ausfällt und erst noch anbrennt.

…das Bankkonto nicht hergibt, was man vermeintlich mit voller Berechtigung von ihm erwartet hätte.

…ich „Meinem“ die Ohren voll heule, weil es mir jetzt einfach reicht. 

…der vor einer Woche gekaufte Mixer seine Arbeit verweigert, weshalb ich die Meringue-Masse von Hand schlagen muss. Was mich nicht weiter stören würde, hätte ich nicht die offensichtlich vollkommen hirnrissige Erwartung, dass ein neuer Mixer seinen Dienst länger als eine Woche tut. 

…“jemand“ ganz zufälligerweise die Ofentemperatur von 100 auf 230 Grad verstellt, was bekanntlich nicht gerade die optimale Temperatur für Meringues ist. Natürlich bemerke ich dies erst, als es schon wieder angebrannt riecht.

…ich der Tatsache ins Auge sehen muss, dass wir jetzt zu den Menschen gehören, die zu viel verdienen, um noch irgendwelche Vergünstigungen zu bekommen, aber nicht genug, um diesen Umstand problemlos verkraften zu können. 

…ich mir obendrein beim Kochen Tabasco ins Auge schmiere, was erstaunlicherweise ziemlich heftig brennt, obschon Tabasco doch gar nicht so scharf ist. 

…ich so oft die Contenace verliere, dass die Kinder anfangen, lieb und zuvorkommend zu sein, um mir keinen weiteren Anlass zum Herumbrüllen zu bieten. Ich hasse es, wenn ich so bin. Der Brief des FeuerwehrRitterRömerPiraten, in dem stand, ich solle mich doch ein wenig schlafen legen, sie würden währenddessen spielen, rührte mich dennoch zutiefst. 

Zum Glück gibt es solche Tage seltener als auch schon.

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Sonntagsfragen

Wie haben sich die 24 Besucher aus Chile heute auf meine Seite verirrt und zählen die nun in der Statistik, auch wenn sie sich bestimmt nicht länger als zehn Sekunden hier aufgehalten haben?

Warum schaut die Weltöffentlichkeit an gewissen Orten sehr genau hin, an anderen aber ganz gezielt weg?

Muss ich denn immer und immer wieder sagen, dass ich mich zwar um Gerechtigkeit bemühe, aber nicht über Jahre hinaus im Gedächtnis behalten kann, wer wann ein Stückchen Schokolade mehr bekommen hat als die anderen?

Warum haben wir unseren Kindern je das Youtube-Video von „En Kafi am Pischterand“ gezeigt?

Muss ich anfangen, die Tageszeitung vor unseren Kindern zu verstecken, weil dort so viele schreckliche Dinge drinstehen?

Warum missbraucht mein sparsamer Mann die Gemüsereste, die für die Kaninchen vorgesehen wären, für seine Fotoprojekte und zwar so, dass sie nachher nicht mehr als Kaninchenfutter taugen?

Stimmt es, dass bereits die ersten Bienen unterwegs sind, oder hat die Frau, die das neulich erzählt hat, masslos übertrieben?

Warum weiss das Prinzchen stets vor dem ersten Bissen, dass ihn das Essen nicht schmeckt?

Spielen die absichtlich mit dem Feuer, oder ist denen einfach nicht bewusst, was alles schief gehen kann, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen?

Warum bin ich nach Mitternacht immer viel wacher als am Morgen?

Wie kommt es, dass Schokolade bei uns nie länger als ein paar Stunden überlebt, wo doch il Cugino, die Kinder und ich stets so zurückhaltend sind?

Nun, zumindest auf die letzte Frage weiss ich eine Antwort. Oder auch zwei.

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Familienwetter

Könnte man das Familienwetter voraussagen, dann hätte die Prognose für heute etwa so gelautet: 

„Der Morgen beginnt klar, doch ab halb sieben bis ca. acht Uhr ist mit vereinzelten Turbulenzen und Regenschauern zu rechnen. Diese können zum Teil sehr heftig ausfallen, ziehen jedoch rasch wieder ab. Der Rest des Vormittags verläuft ruhig und windstill, es ist ziemlich sonnig. Am Mittag kommt stürmischer Wind auf, es bleibt jedoch sonnig und angenehm warm. Ab 13 Uhr legt sich der Wind wieder, der Himmel ist nahezu wolkenlos, die Temperaturen gehen leicht zurück. Gegen Abend ziehen ziemlich plötzlich heftige Gewitter auf. Ob mit Gewitterschäden zu rechnen ist, lässt sich nicht voraussagen, ausschliessen lässt es sich aber auch nicht. Nach 19 Uhr beruhigt sich die Wetterlage wieder, am Abend zeigen sich nur noch vereinzelte Wolken, Regenschauer sind keine mehr zu erwarten. Die Nacht wird voraussichtlich wieder klar und windstill, vereinzelte Störungen sind jedoch nicht auszuschliessen.“

Das hätte der Familien-Wetterfrosch vorausgesagt, wenn es ihn gäbe. Doch es gibt ihn nicht, denn im Familienleben weiss man immer erst im Nachhinein, wie es war. Warum bei schönsten Wetter ohne jegliche Ankündigung zu heftigen Gewittern kommt, andererseits aber der strömende Regen plötzlich strahlendem Sonnenschein weichen muss, darüber zerbrechen sich Experten weiterhin vergeblich die Köpfe.

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Da kommt wahrlich keine Routine auf

Endlich, nach vier Wochen Dauerbetrieb, waren wir heute Morgen wieder einmal alleine zu Hause, meine Gedanken und ich. Und wie es so geht, wenn auf einmal himmlische Ruhe herrscht, meldeten sich meine Gedanken sogleich mit heftigen Vorwürfen zu Worte. Saublöd hätte ich mich aufgeführt in den vergangenen vier Wochen, stets dieses Gejammer über mangelnde Ruhe und Tagesstruktur, dabei sei ich selber Schuld am ganzen Schlamassel, ich hätte mich ja vollkommen gehen lassen. Das sei doch keine Art, meinen Liebsten einfach so mitten ins Gesicht zu sagen, sie würden mich nerven mit ihrem ewigen Gezänke. Und dann auch noch diese unsägliche Aussage, ich sei froh, wenn sie alle wieder eine Beschäftigung hätten. Eine egoistische, undankbare Kuh sei ich, die eine solche Familie nicht verdient hätte. Ich solle mich gefälligst gehörig schämen… 

Das tat ich dann auch schön folgsam und ich beschloss, mich zu bessern. Kein Gejammer mehr über meine geliebten Familienmitglieder, die meine sauber geplanten Tagesstrukturen ins Wanken und schliesslich zum Einstürzen bringen, das schwor ich mir. 

Tja, und dann kamen sie wieder nach Hause und brachten Zettel von der Schule mit: Am Donnerstag schulfrei ab 10 Uhr, weil die Schüler nach dem Fasnachtsauftakt am frühen Morgen nicht mehr bildungsfähig sind. Kein Englisch für Luise am 6. März, schulinterne Weiterbildung am 19. oder so, fünf Schulwochen bis zu den Frühlingsferien und danach die üblichen Feiertage… Bis zum Ende des Schuljahres wird kaum eine Woche so sein, wie es auf dem Stundenplan steht.

„Nicht jammern“, ermahnte ich mich selber, als ich einen Zettel nach dem anderen las. „Lass dir auf gar keinen Fall anmerken, dass du dich nervst, für die Kinder sind schulfreie Tage ja wirklich eine tolle Sache.“ Ich hätte es geschafft, nichts zu sagen, hätte nicht Karlsson auch noch irgendeine Verschiebung angekündigt, die nicht auf den Zetteln stand. Da brach es schliesslich doch noch aus mir heraus: „Himmel, habt ihr überhaupt irgendwann Schule, oder muss ich mich darauf einstellen, wieder rund um die Uhr im Einsatz zu sein?“

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10 Wege, uns zu sagen, dass wir zum alten Eisen gehören

1. „Hast du echt drei Franken ausgegeben? Nur damit du dir deinen eigenen Avatar gestalten und den Spielhintergrund verändern kannst?  Das bringt’s doch voll nicht, Mama.“

2. „Warum ladet ihr euch eigentlich all das Zeug legal runter? Man kann das doch auch gratis haben.“ (Kleine Anmerkung am Rande: Weil wir wissen, wie viel Arbeit jemand in ein kreatives Werk steckt und wie wenig dabei finanziell rausschaut.)

3. „Warum haben deine Eltern die Weihnachtsgeschenke nicht einfach im Internet bestellt? Ist doch voll unnötig, sich ins Gewühl zu stürzen.“

4. „Warum hast du keine Gesangskarriere gestartet? Du hättest ja bei einer Casting-Show mitmachen können.“

5. „Okay, mag ja sein, dass dieser Film total cool ist, aber der wurde 1999 gedreht. Du glaubst doch nicht, dass ich so einen uralten Streifen sehen will? Schau dir bloss diese schrecklichen Kleider an…“

6. Ich: „Toll, ihr wart im 3D-Kino. Was gefällt dir besser, 3D oder normal?“ Neffe: „Keine Ahnung. Hab bis jetzt immer nur 3D gesehen im Kino.“

7. „Mag sein, dass du erst mit 26 zum ersten Mal in Paris warst, aber früher war eben alles noch anders. Ich warte sicher nicht so lange.“

8. „Du bist peinlich.“

9. „Nicht so laut, Mama. Alle hören dich.“

10. „Warum schreibst du eine SMS? Hast du kein whatsapp?“ (Nein, habe ich nicht, darum bin ich heute auch erreichbar. :-P)

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Ob das wirklich nötig ist?

Heute stand ein Termin bei der Schulpsychologin auf dem Programm. Weshalb wir denn mit dem Kind zur Psychologin gehen müssten, wollte il Cugino wissen. Das Kind komme nicht so gut mit der Realität zurecht und ecke deswegen in der Schule öfters mal an, erklärte ich. Manchmal treibe es die Lehrerin regelrecht in den Wahnsinn, weil es sich weigere, mitzumachen. Il Cugino schaute mich fragend an, also erklärte ich weiter: Das Kind fühle sich oft unglücklich, weil das Leben nicht so spannend sei wie die Fantasie. Die Alltagsdinge, die eben auch ihre Wichtigkeit hätten, empfinde es als voll und ganz unbedeutend und manchmal habe es richtig schlimme Durchhänget deswegen. 

Wie alt das Kind denn sei, fragte il Cugino. Bald zehn, sagte ich. Dann müsse man sich doch keine Sorgen machen, meinte il Cugino. Wenn das Kind jetzt vierzehn oder fünfzehn wäre, dann würde er sich auch Gedanken machen, aber in diesem Alter sei es doch ganz normal, dass ein Kind sich in einer Fantasiewelt verliere. Das sähe ich eigentlich ganz ähnlich wie er, pflichtete ich ihm bei. Es sei nur dummerweise so, dass die schulischen Leistungen allmählich litten und dass die Lehrerin die Geduld verliere. Uns sei es einfach wichtig, dem Kind Unterstützung zu bieten, auf gar keinen Fall aber möchten wir, dass an ihm herumkorrigiert würde….

Je länger ich zu erklären versuchte, umso klarer wurde mir, dass ich es gar nicht erklären kann, denn was hierzulande bei einem Kind als auffällig gilt, bietet in Italien offenbar noch längst keinen Grund zur Besorgnis. Gut, in Italien werden die Kinder auch nicht im Alter von elf bis zwölf Jahren in verschiedene Leistungsstufen eingeteilt, aber irgendwie beneide ich il Cugino schon um seine gelassene Sicht der Dinge. 

 

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