Monolog

„Mama, hast du gesehen, wie schrecklich die angezogen war? Diese scheussliche Hose und dazu die Tussi-Schuhe, einfach peinlich. Und die Katharina hat auch so schreckliche Schuhe, rosarot mit Glitzerherzchen und Sternen drauf. So etwas würde ich nie anziehen. Gestern in der Schule war Mario voll frech zu mir, er hat gesagt, ich könne nicht Fussball spielen, dabei kann er es nicht viel besser als ich. Und im Volleyball ist der voll schlecht. Sieh mal, Mama, die Braut dort. Hässlich, diese Frisur, nicht wahr? Also wenn ich mal heirate, will ich eine perfekte Frisur, nicht so ein Besen. Das Kleid ist zwar noch schön, aber diese Frisur… So ein doofer Hund, voll schlecht erzogen. Der Hund von Barbara übrigens auch, kläfft immer und springt an den Leuten hoch. Und stinken tut der… Der Roland sollte sich wirklich mehr waschen, hat sogar die Lehrerin gesagt, aber er tut es trotzdem nicht. Seine Mutter müsste ihm doch mal ein Deo kaufen. Iiiih, hast du diese Wurst gesehen? Schmeckt sicher scheusslich und die Leute dort vorne haben sie gerade in ihren Einkaufswagen gelegt. Bei denen möchte ich nie essen müssen. Mann, die Verkäuferin an der Kasse war voll unfreundlich. Hat nicht mal guten Tag gesagt. Du, Mama, das Mädchen dort drüben ist voll frech. Hat uns die längste Zeit angestarrt, mit dem Finger auf uns gezeigt und dann etwas zu ihrer Mama gesagt. Ich habe zwar nicht verstanden was, aber so etwas tut man doch nicht, gell Mama?“

Nein, so etwas täte man wirklich nicht, mein Kind, aber ich bin mir nicht sicher, ob du dieser Wahrheit auch wirklich ins Gesicht sehen magst.

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Hätten wir keinen Garten…

…dann hätte ich heute Morgen nach Frühstück, Zeitungslektüre und Prinzchengeplauder lustlos die Küche aufgeräumt, Wäsche gefaltet, ab und zu einen traurigen Blick auf das traurige Wetter geworfen, Mittagessen gekocht, die Kinder angemotzt, hinter ihnen hergewischt, vielleicht eine Tasse Kaffee getrunken und abends „Meinem“ die Ohren voll gejammert.

Weil wir aber einen Garten haben, trieb mich das Regenwetter nach draussen, denn hätte ich nicht ganz schnell eingegriffen, hätten die Schnecken meinen liebevoll gehätschelten Setzlingen einen frühen Tod bereitet. Mit Schere, Nematoden, Schneckenzaun und Bierfallen gingen das Prinzchen und ich auf Schneckenjagd, ich führte ihn ein in die Welt der biologischen Schädlingsbekämpfung, er spürte für mich noch die winzigste aller Schnecken auf. Anfangs jammerten wir noch über Regen und Kälte, doch irgendwann merkten wir wohl beide, dass schlechtes Wetter vom Fenster aus betrachtet trüber ist, als wenn man sich draussen bewegt, die Vögel zwitschern hört und den Flieder riecht. Wären wir drinnen geblieben, hätten wir wohl erst spät bemerkt, dass die Wolkendecke allmählich löcherig wurde, so aber waren wir mittendrin, als das Wetter sich allmählich besserte.

Hätten wir keinen Garten, dann wäre ich heute drinnen versauert, aber weil wir einen Garten haben, war der heutige Tag ganz nett. Ich glaube, das Prinzchen würde mir beipflichten, hätte er nicht vor lauter frischer Luft sehr früh sehr tief geschlafen.

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Mittwochsleere

Morgen ist Mittwoch und das überfordert mich diesmal schon fast ein wenig. Gewöhnlich bedeutet Mittwoch ein Termin nach dem anderen. Augentests, Musikproben, Arzttermine, Geburtstagsparties, Elterngespräche, Besuche bei Therapeuten, Schwedischkurs, alles muss am Mittwochnachmittag Platz finden, denn dann haben sowohl „Meiner“ als auch die Kinder schulfrei. Heute aber, beim Blick auf den Familienplaner musste ich feststellen, dass morgen gerade mal ein einziger Termin ansteht. 

Ja, ich weiss, ihr glaubt jetzt, ich würde mich über die ungewohnte Leere im Kalender freuen, aber in Wahrheit fürchte ich solche Leerstellen. Nein, nicht weil ich nichts mit meiner Zeit anzufangen wüsste, im Gegenteil, ich werde wieder zu viel darin unterbringen wollen: Tomatenhäuser aufstellen, Setzlinge pflanzen, den Wäscheberg abtragen, mittagsschlafen, Kaffee trinken, Wocheneinkauf, Korrekturarbeiten, Zeit finden für jedes Familienmitglied… Einfach alles, was ich am Mittwoch gerne täte, wären da nicht jede Woche die unzähligen Termine. Weil aber ein Mittwochnachmittag gerade mal fünf Stunden dauert und ich ja nicht alleine darüber bestimme, was während dieser fünf Stunden läuft, ist der Frust programmiert. 

Vielleicht sollte ich jetzt einfach beschliessen, morgen gar nichts zu tun, denn der Alltag wird ganz bestimmt einen Weg finden, die Leere im Kalender zu füllen.

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Wollt ihr mich nun feiern oder nicht?

Wohlverstanden, ihr müsst nicht, ihr könnt ruhig sagen: „Wir pfeifen auf das ganze Muttertagstheater und tun so, als wäre es ein Sonntag wie jeder andere.“ Ich könnte damit leben, ehrlich, ich zweifle nicht an euerer Liebe zu mir. Von mir aus können wir die Sache also bleiben lassen. Aber das wollt ihr ja nicht, ihr besteht darauf, mich am Muttertag zu feiern und das ist auch okay für mich, ich sage ganz bestimmt nicht nein dazu, wenn ihr mich unbedingt verwöhnen wollt.

Genau hier aber ist der Haken: Am frühen Morgen mit liebevoll gestalteten Geschenken und Frühstück im Bett anfangen und dann wie jeden Tag mit „Mama, wo ist schon wieder….?“, „Ich will aber nicht den Tisch decken. Wir sind doch nicht deine Sklaven!“ und „Mama, sie hat schon wieder…“ weiterfahren, das geht nicht. Entweder, wir feiern Muttertag und ich habe den ganzen Tag nichts zu tun mit Spülbürste, schmutzigen Hintern und Hausaufgaben, die am Sonntagabend noch kurz erledigt werden müssen, oder aber wir lassen die Sache bleiben und ich tue weiterhin das, was ihr meist zu Recht und manchmal zu Unrecht von mir erwartet. Mit diesem Zwischending von ein bisschen Muttertag und ein bisschen Alltag treibt ihr mich auf die Palme.

Ihr habt jetzt genau ein Jahr Zeit, um euch zu überlegen, ob ihr mich am Muttertag feiern wollt oder nicht. Die Entscheidung liegt bei euch, ich mache keinen Druck. Ihr müsst euch einfach im Klaren sein, dass ich beim nächsten Mal das volle Programm erwarte, solltet ihr euch dazu entscheiden, die Tradition beizubehalten. 

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Schlaf Töchterlein, schlaf!

Sie war schon als Kleinkind besonders gut darin, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen. Meist schlief sie abends um sechs innert Minuten ein, erwachte dann so gegen Mitternacht und setzte die Küche unter Wasser, schlafwandelte zur Grossmama ins Parterre oder fütterte ihre Brüder mit Schokolade bis sie morgens gegen sechs Uhr erschöpft einschlief. Um zehn oder elf erwachte sie wieder, war für den Rest des Tages quengelig und ungeduldig und schlief schliesslich meist vor dem Abendessen wieder tief und fest. So ging das zwei Jahre lang, irgendwann sass ich heulend im Sprechzimmer der Kinderärztin, aber auch sie konnte mir nicht weiterhelfen. Dann kam der Zoowärter zur Welt und seit jenem Tag schläft Luise mit wenigen Ausnahmen wie ein Murmeltier.

Na ja, bis vor Kurzem schlief sie, seit einiger Zeit macht sie wieder immer öfter die Nacht zum Tag. Meist fängt es damit an, dass ihr abends irgend eine schlimme Sache in den Sinn kommt, die ihr den Schlaf raubt, irgendwann lässt sie sich dann aber doch ins Land der Träume entführen. Dort findet sie aber offenbar keine Ruhe und deshalb findet sie meist mitten in der Nacht den Weg ins Elternschlafzimmer oder zu einem ihrer Brüder. Ob sie dabei auch wirklich wach ist, oder ob sie erst erwacht, wenn wir aus dem Tiefschlaf hochschrecken und fragen, was denn los sei, ist weder ihr noch uns ganz klar. Auf alle Fälle kommt irgendwann der Moment, wo sie wieder hellwach ist, wenn eigentlich Schlafenszeit wäre. Wie früher eben, ausser dass sie heute keine Überschwemmungen mehr veranstaltet. Manchmal findet sie den Schlaf nicht mehr, dann steht sie frühmorgens in unserem Zimmer und schimpft, wir würden alle immer schlafen, das sei so langweilig. Manchmal schläft sie im Morgengrauen wieder ein und will dann verständlicherweise nicht aus dem Bett kommen, wenn es Zeit wäre. Manchmal wird sie erst am späten Nachmittag vom Schlaf übermannt, was dann natürlich wieder das Einschlafen am Abend erschwert. Mit guter Laune ist da verständlicherweise nicht mehr zu rechnen.

Wir sind derzeit ziemlich ratlos, wie wir die Sache diesmal in den Griff bekommen können, denn die Methode von früher lässt sich heute nicht mehr anwenden. Eines aber weiss ich: Den Gedanken, mit grösseren Kindern würden die Nächte wieder ruhiger, können wir uns allmählich abschminken, denn ist Luises Schlafproblem erst mal gelöst, werden wir schon bald aufbleiben müssen, bis Karlsson nach Hause kommt.

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„Meiner“

Ich glaube, ich muss da mal etwas klarstellen: Wenn ich öfters mal über „Meinen“ und seine ziemlich schrägen Einfälle berichte, ist dies nicht als Gejammer über meinen Mann, der sich einfach nicht in mein Schema pressen lässt, zu verstehen. Er ist weder mein sechstes Kind, noch mein soziales Projekt und schon gar nicht mein Gegner, ich habe nicht das Gefühl, ihn erziehen oder gar domestizieren zu müssen. 

Ja, er geht die Dinge anders an als ich und manchmal fällt er mir damit ziemlich auf die Nerven, aber ich sehe keinen Grund, ihm beibringen zu müssen, wie man „es richtig macht“. Ich bin doch nicht seine Chefin und bloss weil ich mehr zu Hause bin, heisst das noch lange nicht, dass ich ihm über die Schultern schauen und ihn korrigieren müsste. Ich sehe es übrigens auch nicht als besonders erwähnenswert an, dass er ganz selbstverständlich zu Lappen, Besen und Kochlöffel greift. Ich weiss, es gibt noch immer Frauen, die dies als äusserst bewundernswert und heldenhaft ansehen, aber er ist ja nicht bloss zu Gast hier, meine Kinder sind auch seine Kinder, meine Unordnung ist auch die Seine. Es käme keinem Menschen in den Sinn, zu mir zu sagen: „Wahnsinn, du verdienst tatsächlich Geld, damit ‚Deiner‘ nicht alleine die Familie ernähren muss. Hut ab!“ Dafür aber sagt man öfters: „Wahnsinn, ‚Deiner‘ kocht tatsächlich Abendessen. Das ist aber auch keine Selbstverständlichkeit.“

„Meiner“ und ich sind gemeinsam unterwegs, wir tragen beide unseren Teil dazu bei, den Karren zu ziehen und auch wenn wir uns nicht immer einig sind, so verspüre ich doch nicht das geringste Bedürfnis, in Frauenrunden – und im Blog –  über ihn herzuziehen, denn wenn mir etwas an ihm nicht passt, dann sage ich ihm das direkt. Ach ja, und „Meiner“ nenne ich ihn hier nicht, weil er mein Besitz wäre, sondern weil er und ich es absolut lächerlich finden, wenn Frauen ihren Partner als „Ihren“ bezeichnen. 

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Bitte erst nach dem Frühstück lesen

Heute früh beim ersten Erwachen eine beängstigende Entdeckung: Isst den Kind abends Fast Food einer bekannten Sorte, riecht das Erbrochene am nächsten Morgen – nach gar nichts. Du kannst aufputzen und danach ganz beruhigt wieder einschlafen, weil du so etwas einfach nicht richtig ernst nehmen magst. Wenn schon erbrechen, dann richtig, mit Drama und Gestank, dann weiss man zumindest, dass das Kind sich mit anständigem Essen den Magen verdorben hat. Ein Grund mehr, so wenig Fast Food wie möglich zu essen.

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Meine lieben Ordnungsliebenden

Ich hätte da mal eine Frage: Was ist das Wichtigste, das ihr euren Kindern mitgeben wollt? Natürlich, ich weiss, jetzt kommen die üblichen Begriffe, Liebe, Selbstbewusstsein, Werte, Eigenständigkeit, Toleranz, eine gute Basis fürs Leben und so fort. Den meisten von euch nehme ich das durchaus ab, bei einigen aber scheint mir, dass euch an etwas anderem viel mehr gelegen ist: An Sauberkeit und Ordentlichkeit.

Ja, auch ich weiss Ordnung und Sauberkeit zu schätzen, obschon unsere Wohnung nur selten danach aussieht, auch ich bemühe mich nach Kräften darum, dem Chaos Herr zu werden, leider meist mit geringem Erfolg. Wenn aber eines meiner Kinder mir heute peinlich berührt ausrichtet: „Du, Mama, die Eleonora hat in der Pause gesagt, ich solle dir sagen, wie du besser Ordnung halten könntest. Sie findet, du solltest alle Zimmer mal ausräumen und dann fein säuberlich wieder einräumen“, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Ein Kind, das andere nur nach ihrer Ordentlichkeit beurteilt, finde ich echt beängstigend und offen gestanden höre ich hier nicht das Kind reden, sondern die Mutter, die dem Kind vor dem Besuch bei uns sagt: „Dass du mir aber auch ganz bestimmt keine schlechten Gewohnheiten mit nach Hause bringst. Du weisst, wie es diese Vendittis mit der Ordnung halten. Eigentlich sind solche Leute ja kein Umgang für dich…“

Nun könnt ihr mir natürlich sagen, ich solle das alles nicht so wichtig nehmen, Kinder seien halt gnadenlos ehrlich. Und ein Stück weit muss ich euch auch Recht geben. Luise hatte ja auch mal eine Phase, während der sie äusserst Einzelkind-feindliche Aussagen machte. „Weisst du, Sven“, hörte ich sie mal beim Spielen im Garten sagen, „du kannst eigentlich nichts dafür, dass du bist, wie du bist. Du bist eben ein Einzelkind.“ Peinlich, ganz klar, und es lässt sich nicht leugnen, dass die damals Vierjährige etwas aufgeschnappt haben musste, was „Meiner“ und ich einmal unüberlegt über ein Einzelkind in unserer Bekanntschaft dahergesagt hatten. Wenn aber eine Fünftklässlerin der Mutter eines Schulkameraden ausrichten lässt, sie solle gefälligst etwas mehr Ordnung halten, dann verletzt mich das und ich frage mich, was man diesem Kind auf den Lebensweg mitgegeben hat. 

Ich weiss, ihr, die ihr so viel Wert auf eine blitzblanke Wohnung legt, könnt nicht verstehen, weshalb mich diese Episode traurig stimmt. Ich versuche, es euch zu erklären: In meinem Leben haben Menschen allererste Priorität, mir ist fast jeder zu fast jeder Zeit willkommen. Für Menschen lasse ich fast alles stehen und liegen, auch Mopp und Besen. Oft brüskiere ich sogar meine Familie, weil ich auch dann die Tür aufreisse, wenn wir eigentlich Ruhe haben möchten  und ich eben noch laut verkündet hatte, ich wolle eine Weile lang gar niemanden sehen, nicht mal meine Liebsten. Wenn nun jemand ins Haus kommt und nur die mangelhafte Ordnung, nicht aber den Teller voller frischem Gebäck sieht, dann schmerzt das. Und weil ich weiss, dass ein Kind irgendwo gelernt haben muss, auf Menschen wie mich herabzusehen, werde ich wohl auch der Mutter dieses Kindes in nächster nicht mehr ganz unbeschwert begegnen können. 

Darum, ihr lieben Ordnungsliebenden, bitte ich euch, euren Kindern beizubringen, dass auch weniger ordentliche Menschen ihre liebenswerten Seiten haben. Im Gegenzug verspreche ich, meinen Kindern zu erklären, wer gerne alles blitzblank habe, sei deswegen noch lange nicht kaltherzig, auch wenn er vielleicht mal sagt, man solle bitte die schmutzigen Schuhe ausziehen, der Boden sei gerade frisch gewischt. Würde ich übrigens auch sagen, wäre der Boden bei uns jemals blitzblank…

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Wer ist hier der Vorstand?

„Welche Ausbildung hat der Haushaltsvorstand zuletzt abgeschlossen?“, wurde ich heute in einer Online-Umfrage gefragt. Der Haushaltsvorstand? Das variiert von Stunde zu Stunde.

Heute Nachmittag um halb vier hätte die Antwort gelautet, der Haushaltsvorstand habe noch nicht mal mit seiner Ausbildung begonnen und bringe es dennoch mit gezielt eingesetzten Trotzanfällen fertig, die ganze Familie nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. 

Eine halbe Stunde später hätte ich gesagt, der Haushaltsvorstand habe vier Beine, ein schön gemustertes Fell und gerade fünf hinreissende Kinder zur Welt gebracht, die jeder sehen will, weshalb man ständig gezwungen sei, die Zimmer halbwegs in Ordnung zu halten. Dieser Haushaltsvorstand hält es nämlich nicht für nötig, uns im Voraus bekannt zu geben, wann er Audienz hält.

Würde man mich gerade jetzt fragen, lautete die Antwort, die Stelle des Haushaltsvorstands sei vakant, weil gerade keiner von uns beiden, die wir noch wach sind, das geringste Bedürfnis verspürt, sich des Haushalts anzunehmen. 

Morgen früh – zu früh für einen Samstagmorgen – würde ich vermutlich sagen, der Haushaltsvorstand habe lange, blonde Haare, eine durchdringende Stimme und sei gerade mal zehn Jahre alt. Dieser Haushaltsvorstand bestimmt im Alleingang, wann es Zeit ist für die Tagwache, egal, wie sehr man sich gegen diese diktatorische Herrschaftsform auflehnt.

Allzu lange wird es aber nicht dauern, bis der Nächste das Szepter übernimmt. Mit seinen sechs Jahren weiss er schon sehr genau, was morgen auf dem Programm zu stehen hat und Wehe mir, sollte ich keine Lust verspüren, mich unter die Leute zu mischen. Dieser Haushaltsvorstand hat mir nämlich schon am Montag mitgeteilt, dass er am Samstag auf der Hüpfburg zu sein wünscht und er duldet keine faulen Ausreden.

Könnte aber auch sein, dass einer auf passiven Widerstand macht, sich ein Buch schnappt und dem oben genannten Haushaltsvorstand einen Strich durch die Rechnung macht, was natürlich unweigerlich zu Zoff führen wird, so dass nicht mehr klar sein wird, wer von den beiden jetzt wirklich das Sagen hat. Kampf der Haushaltsvorstände, sozusagen. Im schlimmsten Fall wird sich noch einer in die Sache einmischen, er wird verkünden, er hätte keine Lust auf Babykram, dafür sei er jetzt zu gross. Er wird sich ebenfalls ein Buch schnappen und erklären, wer nicht mitgehen wolle, solle sich ruhig ihm anschliessen, er werde schon für Ordnung und Disziplin sorgen zu Hause. Schon wäre die Familie in zwei Lager aufgeteilt und eine Einigung kaum mehr zu erreichen.

Um einen wüsten Kampf um den obersten Posten im Haushalt zu verhindern, werde ich die ganze Macht an mich reissen müssen –  der Co-Haushaltsvorstand ist morgen abwesend – , ich werde mit Machtworten um mich schmeissen müssen, damit alle wieder wissen, wo es langgeht.

Weil es fast immer auf dieses Szenario hinausläuft und es im Fragebogen keinen Platz für Ausführungen hatte, habe ich in der Umfrage frech behauptet, der Haushaltsvorstand sei ich. Worauf ich gefragt wurde „Studieren Sie?“ Äh, nein, nicht mehr, ich führe gerade einen Feldversuch in Konfliktmanagement durch.

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Zu viel verlangt

„Malochen Eltern weiterhin wie heute üblich, ist es nicht mehr weit bis zur Erschöpfung“, steht heute in der Tageszeitung und wohl fast jeder, der in der Schweiz Kinder grosszieht, kann nur zustimmend nicken. Bloss, warum wird das erst jetzt zum Thema? Haben wir denn tatsächlich geglaubt, Eltern könnten zugleich möglichst grosse Brötchen verdienen, die Kinder nach allen Ansprüchen der Erziehungswissenschaften erziehen, den Haushalt so in Ordnung halten, dass jederzeit ein Fotograf von „Schöner Wohnen“ zu Besuch kommen könnte, die ganzen administrativen Aufgaben erledigen, die heute so selbstverständlich zum Familien- wie zum Geschäftsleben gehören, den Freundeskreis pflegen, nach Möglichkeit einen kindergerechten und einen nur für die Eltern, in allen Bereichen auf dem Laufenden bleiben, sich der alternden Eltern annehmen, die Partnerschaft in Schwung halten und wenn möglich ein politisches Amt oder zumindest ein oder zwei Ehrenämter bekleiden? Und dabei bitte immer schön lächeln. Was sollen wir Eltern denn sein, die eierlegende Wollmilchsau? Oder vielleicht lieber ein Perpetuum Mobile? 

Nichts liegt mir ferner, als die Vergangenheit zu glorifizieren, aber mir scheint, man hätte etwas Wichtiges vergessen, was früher noch selbstverständlich war: Eltern können das alles nicht alleine stemmen, ohne Hilfe gehen sie zugrunde. Ob das nun wie in wohlhabenden Familien bezahltes Personal oder in armen Familien die erweiterte Verwandtschaft war, fällt nicht so sehr ins Gewicht. Tatsache ist, dass es Zeiten gab, in denen all die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt waren. Oh ja, ich weiss, was jetzt kommt: Heute gibt’s für alles nützliche Geräte, die einem die Arbeit abnehmen. Aber mit den Geräten nahm die Arbeit nicht wirklich ab, denn mit jeder Erfindung wurden die Ansprüche ein wenig höher geschraubt. Wer den besten, leistungsfähigsten Staubsauger hat, hat keine Ausrede mehr für Brosamen auf dem Fussboden, wer jeden Tag die Waschmaschine in Gang setzen kann, erlaubt es sich nicht, die Kinder auch mal mit einem kleinen Fleck auf dem T-Shirt zur Schule zu schicken, wer eine Profi-Küchenmaschine besitzt, hat auch dafür zu sorgen, dass Geburtstagstorten so aussehen, als kämen sie vom Profi. Und wo schon jeder einen Computer besitzt, kann man doch gleich die Aufgaben, die früher ein Schalterbeamter zu erledigen hatte, auf die Kunden abwälzen. Eine Erleichterung für den Kunden? Auf den ersten Blick vielleicht schon, auf den zweiten Blick eine weitere Pflicht, die gefälligst perfekt zu erledigen ist. Jeder Vater, jede Mutter sollte alles können und zwar so, dass es sich sehen lässt. Nur wer das nötige Kleingeld besitzt, kann es sich leisten, die eine oder andere Aufgabe an einen Profi zu delegieren. 

Wenn mich die vergangenen Jahre etwas gelehrt haben, dann dies: Wir schaffen es nie und nimmer, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Ja, wir haben es versucht, aber es hat uns in die Erschöpfung geführt, die von Experten jetzt endlich öffentlich thematisiert wird. Darum spielen wir nicht mehr mit in dem Theater mit dem Titel „Die tadellose Familie“, wir haben weder die Zeit noch die Kraft dazu. Wer damit leben kann, ist herzlich dazu eingeladen, mit uns unterwegs zu sein, wer Perfektion erwartet, muss anderswo suchen.

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