Einzigartig

Natürlich machte ich mir damals, vor elf Jahren, als ich unseren ältesten Sohn zum ersten Mal im Arm hielt, noch keine Gedanken darüber, was er sich wohl zu seinem elften Geburtstag wünschen würde. Aber wenn ich mir Gedanken darüber gemacht hätte, ich hätte mir wohl ausgemalt, wie ich ihm weismachen würde, dass er keinen eigenen Computer bekommen könne. Ich hätte mir überlegt, wie ich ihm das Handy ausreden könnte oder wie ich ihn davon überzeugen sollte, dass Nintendo langweilig ist.

Nie aber hätte ich mir vorgestellt, dass ich am Vorabend seines grossen Tages mit ihm durch die Kleidergeschäfte ziehen würde, um für ihn den perfekt sitzenden Anzug – mit Gilet und Krawatte – aufzustöbern. Nie hätte ich gedacht, dass ich mit einer Mischung aus Sorge und Stolz dabei zusehe, wie er sich für den Schulbesuch in Schale wirft; Sorge, weil eine gewisse Gefahr besteht, dass er ausgelacht wird, Stolz, weil er bereits mit elf den Mut hat, sich selber zu sein. Nein, Karlsson ist nicht so geworden, wie ich ihn mir vorgestellt hätte, wenn ich mir damals bereits Gedanken gemacht hätte darüber. Und das ist es, was mir am Kinderhaben so gefällt: Sie werden sich selber, mit Spuren dessen, was wir ihnen weitergeben, aber doch ganz und gar einzigartig.

 

So schlimm?

Wenn zwei heiraten: „Mal sehen, wie lange das hält. Hoffentlich haben die einen guten Ehevertrag abgeschlossen. Man kann ja nie wissen heutzutage…“

Wenn sich das erste Kind ankündigt: „Na, hoffentlich lässt es euch nachts noch schlafen. Und Zeit zu zweit werdet ihr euch jetzt wohl abschminken müssen.“

Wenn sich das zweite Kind ankündigt: „Wir wollen doch hoffen, dass es ein Junge ist. Wäre doch schön, wenn ihr ein Pärchen hättet. Wie, es ist schon wieder ein Mädchen? Na dann, viel Spass beim Schlichten des Zickenkriegs…“

Wenn sich das dritte Kind ankündigt: „Das wird aber eine teure Angelegenheit. Habt ihr euch schon mal überlegt, wie teuer euch so ein Kind zu stehen bekommt, bis es erwachsen ist?“

Wenn der erste Schultag naht: „Viel Spass beim Lösen der Hausaufgaben. Diese Lehrer heutzutage, einfach schrecklich, sage ich dir. Und dann noch das Mobbing in den Klassen. Habt ihr auch genügend Geld auf der Seite für die Markenkleider?“

Wenn die Pubertät sich ankündigt: „Glaubt mir, jetzt kommt’s jeden Tag nur noch schlimmer. Na ja, es soll einzelne Jugendliche geben, die ganz gut herauskommen, aber macht euch nicht allzu viele Hoffnungen. Die meisten saufen und prügeln bei jeder Gelegenheit. Und wer weiss, vielleicht werdet ihr schon bald Grosseltern.“

Wenn die Berufswahl bevorsteht: „Ja, das wird nicht einfach, bei dieser Wirtschaftslage. Wer stellt denn noch junge, unerfahrene Arbeitskräfte ein? Ich würde mich mal auf eine lange, erfolglose Suche einstellen.“

Wenn die Kinder ausfliegen: „Macht euch darauf gefasst, dass ihr die nicht so bald wieder sehen werdet. Die kommen nur noch, wenn sie Geld brauchen. Oder wenn ihr ihre Kinder hüten sollt.“

Wenn sich das erste Enkelkind ankündigt: „Lasst euch bloss nicht ausnützen. So ein Enkel ist ja ganz nett, aber die kosten einen Haufen Nerven. Und natürlich auch Geld…“

Wenn die Pensionierung naht: „Du Arme, jetzt hast du ‚Deinen‘ den ganzen Tag um dich herum. Wie willst du das bloss aushalten?“

Mir ist ja schon klar, dass die Familie nicht die schöne, heile Welt ist. Aber ist sie wirklich so schlecht wie ihr Ruf? 

Das macht Mut

Einer der ermutigendsten Sätze, die ich je gehört habe, stammt aus dem Mund einer bald 76-Jährigen: „Es ist so wunderschön, alt zu sein!“ Gesagt mit einem Strahlen in den Augen an einem ganz gewöhnlichen, grauen Novemberdienstag zwischen Tür und Angel und nicht etwa anlässlich eines runden Geburtstages, an dem sie im Kreise ihrer Lieben gefeiert wurde. Gesagt von einer Frau, die ich gut genug kenne, um zu wissen, dass ihr Leben nicht immer einfach war und dass ihr auch heute noch dies und jenes zu schaffen macht. Gesagt von einer Frau, die solche Dinge nicht nur sagt, sondern auch lebt. Und was mich daran am meisten freut: Die Frau ist so nah mit mir verwandt, dass zumindest eine leise Hoffnung besteht, dass ich einen Funken ihrer Lebensfreude geerbt habe. 

To do

– Den Schlüssel der Vorratskammer verstecken, damit die Kinder nicht mehr hinter die Schokolade gehen.
– Ein Schlüsselversteck finden, das zwar kindersicher ist, aber nicht so sicher, dass „Meiner“ und ich den Schlüssel nicht mehr finden können.
– Mehr Ruhe ins Familienleben bringen.
– Endlich einen Kurs im Neinsagen besuchen.
– Dem Prinzchen die Windeln abgewöhnen.
– Leberpastete für Karlssons Geburtstag zubereiten.
– Diese fiese Erkältung auskurieren und zwar wenn möglich in den nächsten zehn Stunden.
– Eine Sammlung anlegen für alle Absurditäten des Lebens, über die erst in zehn Jahren gebloggt werden darf, wenn die Leute, die sich im Text wieder erkennen würden, schon längst vergessen haben, dass sie mir je begegnet sind.
– Herausfinden, ob ich das, was ich will, wirklich will, oder ob ich nur glaube, es wollen zu müssen, weil andere wollen, dass ich will.
– Endlich mit dem Entspannungstraining anfangen, damit ich am Freitag fit bin für den Entspannungsmarathon: 72 Stunden im Ländli, ganz für mich alleine. Eine echte Herausforderung.
– Die Küchenkombination gründlich putzen.
– Adventskalender vorbereiten.
– Dem Zoowärter beibringen, dass das elterliche Budget für Weihnachtswünsche beschränkt ist.
– Ein Ausrede überlegen, weshalb ich auch diesen Winter keine Skiferien machen will und wir das Geld lieber für eine Reise im Sommer sparen wollen.
– Die letzten Blumenzwiebeln setzen und endlich diese Kürbislaternen entsorgen.
– Schlafen und zwar sofort! Auch wenn das Prinzchen, das vor einer Stunde wieder aufgewacht ist, gerade einen Kreativitätsschub hat und mir Autos, Garagen und Kanonen malen will. Und das alles in rosarot.

Spiegel

Luise kurvt auf Prinzchens Bobby Car durch die Wohnung und spielt „Mama beim Autofahren“:

„Mist, schon wieder verfahren! Mal sehen, wo ich wenden kann. Ach, komm schon, wo kann ich denn wenden? Vielleicht da? Ja, das könnte gehen. Wenn bloss nicht dieser Trottel hinter mir wäre. Mist, schon wieder verfahren und das iPad ist auch ausgeschaltet. Wie soll ich denn jetzt wissen, wo ich durchfahren muss? Jetzt kauf‘ ich mir dann doch noch ein Navi. Und dann muss ich auch noch tanken.“ Lusie steigt vom Auto, tut so, als würde sie tanken, geht zur imaginären Kasse und wird nervös. „Wo ist denn schon wieder mein Portemonnaie? In der Tasche? So ein Mist, hier in der Tasche ist es nicht. Dann vielleicht in der Hosentasche? Auch nicht. So ein elender Mist. Habe ich das Ding schon wieder zu Hause vergessen? Aber halt, vielleicht…ja, da ist es. Gott sei Dank! Aber teuer war das wieder. Immer muss man so viel Geld ausgeben. So, mal sehen, dass wir nicht zu spät kommen. Oh je, jetzt habe ich mich schon wieder verfahren…“

Eigenartig. Jetzt habe ich stets gemeint, ich sei Luises Mama, doch nach dieser Imitation bin ich mir da nicht mehr so sicher. Nun ja, ein oder zweimal in meinem Leben habe ich mich schon verfahren und es soll sogar schon vorgekommen sein, dass ich mein Portemonnaie zu Hause vergessen habe, aber dass ich  so oft „Mist“ sage, ist eine unverschämte Unterstellung. 

Wo sind sie denn alle?

Seit Jahren schon träume ich von einem dieser unglaublich zarten Weihnachtslichter. Diese Engelchen mit den Trompeten, die sich durch die Wärme der Kerze zu drehen anfangen. Schon als Kind hätte ich gerne eines gehabt, aber weil meine Schwester bereits eines hatte, wagte ich nicht, meinen Wunsch laut auszusprechen, sonst hätte man wohl wieder gesagt, ich würde ihr alles nachmachen. Später, als ich mir selbst eins hätte kaufen können, hatte ich zuerst einmal andere Prioritäten und dann, als ich wieder eins gewollt hätte, waren die Kinder so klein, dass dem filigranen Ding kein allzu langes Leben beschert gewesen wäre. Jetzt aber, wo das Prinzchen drei ist, sah ich die Zeit gekommen, meinen Kindheitstraum zu verwirklichen. Ich kaufte ein Lichtlein, nicht mit Trompete spielenden Engelchen, sondern mit Maria, Josef, Krippe, Ochs, Esel, Engel (ohne Trompete) und Stern. Damit ich unseren Kleinsten bei Kerzenlicht die Weihnachtsgeschichte erzählen könnte. Hach, wie romantisch.

Von wegen. Das Ding hatte meine Handtasche noch nicht verlassen, da fehlte schon der Engel und so hing alles andere bereits beim ersten Versuch schief. Bald kam es noch schiefer, denn der Ochse machte sich aus dem Staub und nur wenige Stunden später war auch Josef nicht mehr auffindbar. Dabei hatte ihm der Engel doch gesagt, er solle Maria und das Kind nicht verlassen. Wie soll ich so den Kindern eine bibelgetreue Weihnachtsgeschichte erzählen können? Da hingen also Maria, die Krippe und der Esel traurig und ziemlich schief, so schief, dass bald auch der Stern von der Spitze stürzte und nicht mehr gesehen ward. Traurig polierte ich die verbliebenen Figürchen, doch sie dankten mir es nicht. Als ich heute von der Arbeit nach Hause kam, waren auch Maria und das Kind verschwunden. Einzig der Esel baumelte noch einsam und verlassen über der Kerze, die so natürlich auch nicht mehr scheinen mochte und sich weigerte, Feuer zu fangen. Mehr war nicht mehr übrig von meinem Kindheitstraum. 

Nun gut, als ich etwas später den Herd putzte, tauchte plötzlich Josef wieder auf. Er hatte sich in den Fäden des Putzlappens verfangen und sah ziemlich mitgenommen aus. Was ihm ja ganz Recht geschieht, wo er sich doch einfach so aus dem Staub gemacht hat. Oder vielleicht müsste man sagen „in den Staub“, denn davon fand er im Putzlappen bestimmt genug. Ziemlich ernüchtert muss ich mir eingestehen, dass die Zeit noch nicht reif ist, meine Kindheitsträume wahr werden zu lassen. Aber immerhin hat das Lichtlein seine Balance wieder gefunden, jetzt, wo Josef und der Esel einander gegenüber hängen.

Ich distanziere mich

Immer wieder habe ich mich darum bemüht, seine Verrücktheiten mitzutragen. Damals, zum Beispiel, als er als junger Lehrerpraktikant tote Fliegen geschluckt hat, um seine Schüler zu beeindrucken. Natürlich habe ich ein lautes Gezeter angestimmt, immerhin war er damals auf Stellensuche und auf gute Referenzen angewiesen. Trotzdem habe ich ihn wenige Wochen später geheiratet. Auch mit den toten Vögeln, die zuweilen in unserem Gefrierschrank oder in meinem Büro landen, habe ich mich abgefunden, auch wenn ich ihm immer mal wieder ein Ultimatum stelle: „Bis heute Mittag ist das Vieh aus unserem Haus verschwunden, oder ich schmeiss dir deine Kamera aus dem Fenster. Dann kannst du ja sehen, womit du deine Kadaver fotografierst.“ Irgendwie habe ich auch gelernt, mit seiner Sammelwut klar zu kommen, auch wenn ich mich jeweils verschämt hinter einer Hecke verkrieche, wenn er mal wieder einen Abfallkübel durchwühlt, in dem er einen wertvollen Schatz – eine alte Ledermappe, ein leerer Kanister, der zur Tasche werden soll oder vielleicht auch nur eine entsorgte Zeitung, in der er unbedingt noch einen Artikel lesen will – vermutet. 

Ich habe mich daran gewöhnt, dass „Meiner“ nicht tickt wie alle anderen und meistens macht es mir unglaublich viel Spass, mit ihm zusammen zu leben. Von seiner neuesten Verrücktheit jedoch muss ich mich in aller Form distanzieren. Dieses „gefällt mir“ auf dem Facebook-Profil von Silvio Berlusconi ist des Guten zuviel. Ja, ich weiss, „Meiner“ hat das nur getan, damit er dem altersschwachen Lüstling mitteilen kann, dass es allmählich Zeit werde, zurückzutreten und ich weiss natürlich auch, dass er kaum einen Menschen so sehr verabscheut wie den Herrn, der sein Herkunftsland in den Ruin treibt. Aber denkt er denn nicht daran, wie sehr sein Ruf unter diesem „gefällt mir“ leiden könnte? Was, wenn der alte Herr Berlusconi plötzlich bei seinem Facebook-Freund in der Schweiz um Asyl bittet, wenn ihm die Ablehnung seines Volkes zuviel wird? Soll der dann vielleicht in unserem ehemaligen Au Pair-Zimmer nächtigen? Was sollen denn die Nachbarn von uns denken? Was, wenn eines unserer Kinder mal etwas Grosses vorhat und irgend ein schlauer Journalist stösst in den Weiten des Internets auf dieses „gefällt mir“? Wie sollen sich unsere armen Kinder dann von der Schande, die der Vater durch einen unbedachten Click über die Familie gebracht hat, distanzieren? 

Woher sollen denn die Leute wissen, dass dieser eine Click ironisch gemeint war? Okay, ich hab’s euch jetzt gesagt, aber das habe ich nur getan, um zu verhindern, dass man mich demnächst in der Migros mitleidig fragt, wie es mir denn gehe, jetzt, wo „Meiner“ bestimmt bald in die Klapsmühle eingeliefert werde. Wie er seinen eigenen besudelten Ruf wieder herstellen will, überlasse ich voll und ganz „Meinem“.

 

Was nun?

Sie haben vollkommen Recht, die zwei Experten, die in der heutigen Ausgabe der „NZZ am Sonntag“ kritisieren, dass Kinder zur Therapie geschickt werden, kaum tanzen sie mal ein wenig aus der Reihe. Völlig unrealistisch sei das, was Lehrpersonen, Eltern und Therapeuten heute von den Kindern erwarteten, völlig unnötig ein Grossteil dessen, was angeordnet werde, vollkommen falsch der Fokus auf die Schwächen des Kindes. Natürlich alles viel geschliffener und ausführlicher formuliert, als ich es jetzt wiedergebe, aber das war mehr oder weniger die Kernaussage des Interviews, das mir einmal mehr bestätigte, dass ich mit meinen unguten Gefühle gegenüber der aktuellen Therapiewut nicht alleine dastehe. Endlich mal Fachleute, die klar und deutlich sagen, dass ein Kind seine Schwächen haben darf und dass man als Eltern die Dinge durchaus gelassener sehen darf, ohne sich gleich dem Vorwurf ausgesetzt zu sehen, man sei nicht bereit, das Beste aus dem Kind zu holen. Alles sehr befreiend für eine Mutter wie mich, die davon ausgeht, dass die Kinder lernen müssen, ihr Leben mit den ihnen eigenen Stärken und Schwächen zu meistern und dass es überhaupt nichts bringt, sie in irgend ein Schema pressen zu wollen. 

In der Theorie ist das alles ganz einfach. Aber was mache ich nun mit dem Brief der Logopädin, die beim Routineuntersuch im Kindergarten festgestellt haben will, dass der Zoowärter beim Sprechen Auffälligkeiten zeigt? Ist ihr sein Lispeln aufgefallen? Was sich damit erklären lässt, dass seine Zunge etwas lang geraten ist, aber da kann man ja wohl kaum etwas ändern. Oder hat unser Zweitjüngster beim Untersuch in Babysprache gesprochen, was er öfters tut, wenn er verlegen ist? Auch das kein Problem, das sich nicht mithilfe der Logopädie lösen liesse. Natürlich, unser Sohn redet noch nicht wie ein Sechsjähriger, aber er ist ja noch nicht mal fünf. Natürlich rollt er das r noch nicht so schön, wie es sich für einen rechten Schweizer gebührt, aber das war bei seinen grossen Geschwistern nicht anders und heute können sie es auch. Nun werde ich natürlich trotzdem zum Gespräch mit der Logopädin gehen, denn ich weiss, dass sie eine besonnene Frau ist, die einen nicht einfach ohne Grund zum Gespräch aufbietet, aber ich glaube, ich weiss schon jetzt, was ich ihr sagen werde. Nämlich, dass ich mir keine Sorgen mache, solange der Zoowärter fähig ist, all die komplizierten Dinosaurier-Namen zwar mit Lispeln, sonst aber fehlerfrei herunterzurattern.

Schwieriger wird es da schon bei Luise, denn bei ihr sehen sowohl „Meiner“ als auch ich, dass irgend etwas sie daran hindert, ihre Fähigkeiten auszuschöpfen. Wir können nicht so genau sagen, was es ist, aber wir sehen, dass es ihr zuweilen ganz schön zusetzt. Und so werden wir natürlich hellhörig, wenn eine Fachperson eine gründliche Abklärung vorschlägt. Wir möchten unsere Tochter ja nicht alleine lassen in einer Situation, die ihr sichtlich zu schaffen macht. Ich habe nichts gegen eine Hilfestellung, die dem Kind ermöglicht, mehr sich selbst zu sein, aber ich will keine Korrekturmassnahmen, die nur dazu dienen, das Kind zu normieren, damit es nicht aus der Reihe tanzt. Bloss, wer sagt mir, wann die Grenze vom einen zum anderen überschritten ist? Wer hilft mir dabei, mich  gegenüber sinnvoller Unterstützung nicht zu verschliessen und gleichzeitig laut und deutlich nein zu sagen, wenn man Luise nicht mehr Luise sein lassen will? 

Ja, die zwei Experten aus der „NZZ am Sonntag“ haben vollkommen Recht, wenn sie finden,  man solle nicht so viel an den Kindern herumdoktern und doch habe ich zuweilen keine Ahnung, was das Richtige ist für die Kinder, mit denen ich Tag für Tag unterwegs bin.

Das heilige Buch

Seit gut zwei Wochen ist die Neuauflage des heiligen Buches zu haben. Ein kleines Oeuvre nur, gedruckt auf dünnem Papier, deutlich mehr Bild als Text und das, was da geschrieben steht ist noch nicht mal besonders tiefgründig. Erhältlich ist das begehrte Stück am Ausgang jeder Migros-Filiale. Also eindeutig ein Produkt für die Massen, ohne jede Chance auf den Literatur-Nobelpreis.

Dennoch wird wohl kaum ein Werk so eifrig studiert wie dieses. Vor allem die Drei- bis Siebenjährigen legen es kaum mehr aus der Hand. Man erzählt von überdurchschnittlich intelligenten Vierjährigen, die im Schlaf auswendig daraus rezitieren. Und dann erst die Kritiken, einfach unglaublich. „Dieser Dino hier ist der Schönste, den ich je gesehen habe! Und schau dir nur diese Ritterburg an. Soooooo coooool! Wow, der Bagger hier ist der Hammer…“ Wenn sie mal angefangen haben mit Loben, dann können sie gar nicht mehr aufhören damit. Gute Literatur verleitet bekanntlich auch zum Träumen und so heisst es bald einmal „Diesen Teddy will ich unbedingt haben und die Legos wünsche ich mir auch und dann natürlich noch das Riesenpuzzle und das Piratenkostüm…“

Natürlich ruft dies sogleich die Miesepeter auf den Plan. Menschen, die auch im heiligsten aller Bücher Fehler ausfindig machen müssen. „Aber die Puppe ist doch vollkommen überteuert“, kritisieren sie. „Findest du dieses Monster nicht auch fürchterlich geschmacklos“, mäkeln sie. Und dann, zum Schluss ihres üblen Verrisses, das vernichtende Gesamturteil: „Was willst du mit all dem Mist bloss anfangen?P Und hast du dich überhaupt schon mal gefragt, wer das alles bezahlen soll?“

Ein wahrer Liebhaber lässt sich dadurch die Freude am heiligen Buch nicht nehmen. Im Gegenteil, er läuft zur Hochform auf und gerät so sehr ins Schwärmen, bis die Kritiker kleinlaut zugeben müssen:“Ja, diese Holzeisenbahn ist tatsächlich ganz toll. Lass mich mal sehen, wie viel sie kostet…“

Die Kritiker lassen sich also meist rumkriegen. Richtig schlimm aber sind jene, die den Glauben an das heilige Buch verloren haben. Es sind diejenigen, die vor wenigen Jahren noch ebenso ehrfürchtig über dem Werk gebrütet hatten, die nun aber nur noch Hohn und Spott übrig haben dafür. „Sieh dir mal diesen Bob de Soumaa an! Soooooo peinlich. Und dann erst die hässlichen Barbies. Früher fand ich die ja noch schön, aber jetzt…“

Auch damit könnten die Liebhaber des heiligen Buches wohl noch klar kommen, aber wenn einer der vom Glauben abgefallenen zur Schere greift und die bunten Bilder zu einer absurden Collage zusammenfügt, dann ist das des Guten zuviel. Dann gibt’s nur noch eins: Ab in die nächste Migros-Filiale, um sich ein neues Geschenkebuch zu holen. Wie soll man denn ohne der Mama und dem Papa beibringen, was sie unter den Tannenbaum legen sollen?

Wegsehen verboten

Erstaunlich, was man auf Facebook alles erfahren kann. Zum Beispiel, dass die Klassenkameradin der achtjährigen Tochter Jahrgang 1980 hat und somit gerade mal sechs Jahre jünger ist als ich. Hab gar nicht gewusst, dass die einen so lange in der Primarschule behalten. Regelrecht mulmig wird mir allerdings, wenn da steht „Interessiert an: Männern“. 

Und wieder einmal wird mir klar, dass man als Eltern nicht darum herum kommt, zu wissen, was der minderjährige Nachwuchs im Netz so treibt. Auch wenn es einem noch so sehr zuwider sein mag, auf dem neuesten Stand der Entwicklung zu bleiben, wo man doch eigentlich ganz gerne sagen möchte: „Muss ich wirklich über jeden Spleen der kleinen Menschen Bescheid wissen? Es reicht doch, wenn ich darauf achte, dass sie nicht zu viel vor der Glotze hocken und dreimal täglich etwas zwischen die Zähne bekommen.“