Skistar in spe

Als wir heute Vormittag am Übungs-Skilift standen und unseren vier Skifahrern beim Abschlussrennen zuschauten, wurde mir mal wieder überdeutlich klar, was „Meinem“ und mir fehlt: Das „Schaut mal hier, mein Kind ist ein Star“-Gefühl. Oh ja, auch wir sind stolz auf unsere Knöpfe, die am Anfang der Woche noch kaum wussten, wie man sich Skier montiert und die heute schon mehr oder weniger sicher den Hügel hinuntergleiten. Aber sich heiser schreien, bloss weil der  Zoowärter, der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise  und Karlsson vorzeigen, was sie gelernt haben? Mit der Videokamera mitten  auf der Piste stehen und damit die Kinder gefährden,  nur damit ich auch wirklich jede Sekunde der Abfahrt für die Ewigkeit festhalten kann? Mich lauthals darüber beschweren, dass alle Kinder, die mitgemacht  haben, eine Medaille bekommen haben, dass alle den ersten Rang gemacht haben? Und nicht nur meine Kinder, die doch so viel talentierter sind als alle anderen? Und ist es nicht eine absolute Frechheit, dass die keine Zeiten gemessen haben? Dann hätte jeder sehen können, wer das Zeug zum Skistar hat.

Nein danke, auf all das kann ich verzichten. Ich bin den Veranstaltern sogar von Herzen dankbar, dass sie auf ein „Wer ist der Beste?“-Wettrennen verzichtet haben. Sie haben dait unseren Familienfrieden gerettet. Seit Tagen schon hatte ich mich darum gesorgt, was geschehen würde, wenn die einen mit  Auszeichnung, die anderen mit leeren Händen nach Hause kämen. Denn seien wir doch ehrlich: Nicht alle unserer Kinder sind fürs Skifahren gleich talentiert. Einsatz gezeigt haben alle, den inneren Schweinehund musste jeder mal überwinden, wenn es draussen kalt und im Bett so gemütlich warm war und besser als ihre Mama fahren die vier allemal. Also eindeutig verdient, diese Medaillen, auch wenn die Eltern, die neben uns für ihre Töchter gefiebert haben, dies ganz anders sehen.

Feierabendglotzen

Es kommt gar nicht so sehr darauf an, was auf dem Programm steht. Ob sie nun Zeichentrickfilme schauen, eine schlaue Kindersendung oder einen alten Kinderfilm, das Resultat ist immer das gleiche, zumindest wenn der Fernsehkonsum nach dem Abendessen stattgefunden hat: Die beiden Jüngsten kommen unzählige Male aus dem Bett gekrochen, weil sie Angst haben oder weil sie unbedingt noch einmal erzählen müssen, was Laura mit dem Stern und Heidi mit Klaras Rollstuhl angestellt hat. Wenn sie dann endlich doch eingeschlafen sind, kannst  du darauf wetten, dass mindestens einer der beiden gegen drei Uhr morgens ins Elternbett gekrochen kommt. Manchmal kommen auch beide und dann muss man wieder Ängste wegbeten und sich zum hundertsten Mal anhören, wie unfair es doch ist, dass „Meiner“ und ich „Yakari“ erst ab 7 freigegeben haben.

Man könnte ja glauben, die drei  Grossen kämen besser klar mit abendlichem Fernsehkonsum und vordergründig ist das auch so. Wegen Ängsten kommt immerhin niemand von ihnen die Treppe heruntergeschlichen. Dafür aber stürmen wir Eltern alle zehn Minuten die Treppe hoch, um zu verhindern, dass Blut fliesst. Unglaublich, wie viele Aggressionen so eine halbe Stunde ganz gewöhnliches Fernsehen an die Oberfläche spült. Da kommen Schimpfwörter über die Lippen, für die sie sich gewöhnlich schon im Voraus entschuldigen, es werden Schläge ausgeteilt und anstelle des üblichen netten „Fandest du Mama heute nicht auch furchtbar unfair?“-Getuschels hört man alle paar Sekunden ein „Mama, Papa, kommt schnell, Karlsson ist soooooo gemein zu mir!“-Gebrüll. Und das alles nur wegen dieser elenden Glotze.

Wie, ihr glaubt, ich würde mal wieder massloss übertreiben? Tue ich nicht, ich beschreibe nur das übliche Szenario, wenn Vendittis in den Ferien sind und die Kinder abends ausnahmsweise KiKa schauen  lassen. Nicht, dass unser Alltag zu Hause komplett fernsehfrei wäre – schon gar nicht, wenn „Meiner“ von der Arbeit gestresst ist -, aber auf Gutenachtfernsehen verzichten wir jeweils gerne und auch sonst setzen wir lieber auf DVDs, weil die irgendwann einmal zu Ende sind, im Gegensatz zum Fernsehprogramm. Nach einigen Tagen Ferien wissen  wir  auch wieder, weshalb wir diesen Erziehungsgrundsatz noch nicht über Bord gekippt haben.

 

Well behaved

Die Voraussetzungen waren nicht gerade ideal für eine friedliche Zugfahrt zu dritt: Vierzig Minuten Verspätung und dies noch vor der Abfahrt, der spärliche Proviant bereits aufgegessen, bevor wir die Grenze nach Österreich überquert hatten, das Zugabteil überheizt, rund um uns herum kindelose Menschen, mehrheitlich Amerikaner. „Das kann ja heiter werden“, seufzte ich leise genug, damit meine beiden Jüngsten nicht mitbekommen konnten, was ich auf dieser Fahrt von ihnen erwartete.

Nun ja, es wurde dann auch mehr oder weniger heiter. Die Kleinen kletterten auf die Armlehnen, mussten immer dann aufs WC, wenn der Zug gerade in einem Bahnhof stand, schnitten Grimassen und brachten damit leider nicht  alle Sitznachbarn zum Lachen, sondern einige humorlosere Exemplare auch dazu, sich im überfüllten Zug einen neuen Sitzplatz zu suchen. Nun ja, ich selber fand, dass die beiden die Fahrt ziemlich gut meisterten,  aber ich bin abgehärtet.

Gegen  Ende der Fahrt, als meine Nerven trotz realtiver Friedlichkeit ziemlich strapaziert waren und ich mich ernsthaft um das Wohlergehen meiner Mitreisenden sorgte, wandte sich plötzlich einer der Amerikaner im vorderen Abteil an mich: „Your boys are  so well behaved. You should see my daughter’s sons when  they have  to be quiet for so long“, bemerkte er bewundernd. Zuerst war mir die Sache ziemlich peinlich, denn immerhin machte  der Mann seine  eigenen Enkel schlecht, um damit meine zappeligen Jungs aufs Podest zu heben. Dann aber dämmerte mir, dass die zwei sich tatsächlich ziemlich gut geschlagen hatten: 5 Stunden in einem überfüllten Zug, einizig mit einem 15-teiligen Puzzle, einem Lego-Katalog, zwei Armlehnen und drei Stofftieren als Spielzeug ausgestattet, 4 heisse Würstchen mit Ketchup und  zwei Flaschen „Almdudler“ als Notration und alles, was ich hin und wieder sagen musste war „Prinzchen, ich bitte dich!“ und „Ach, Zoowärter, das ist doch nicht so schlimm. Deswegen musst du doch nicht weinen.“

Ganz eindeutig eine der besseren Zugfahrten mit unseren Kindern. Das Problem lag wohl eher bei mir, denn so ganz ohne Lesestoff und iPad – die Katzen haben das Kabel durchgebissen und ein Neues habe ich noch nicht gekauft – wurde ich ganz schön ungeduldig auf dieser öden Zugfahrt. Vor allem als ich sah, dass die Amis vor mir „Trivial Pursuit“ auf dem iPad spielten und ich so gerne mitgespielt hätte…

Nein, ich suche keinen neuen Mann

Man sollte ja meinen, man könne heutzutage dem Computer alles beibringen. Ich meine, der Kerl ist inzwischen im Stande, auf den Punkt genau anzuzeigen, wo man gerade steht. Er kann dich fotografieren, wenn du ganz dringend ein Bild von dir brauchst und keine Kamera zur Hand hast. Er benimmt sich nach Lust und Laune wie ein CD-Player, ein Buch, ein Fernseher oder eine Schreibmaschine. Warum aber will der Kerl nicht begreifen, dass ich nicht auf Partnersuche bin? Egal, auf welcher Homepage ich mich aufhalte, überall will der Computer mir einen neuen Mann andrehen. Mal einen fürs Leben, dann wieder bloss einen für das kleine Abenteuer zwischendurch. Mal will er mir einen Akademiker aufschwatzen, dann wieder soll ich nur aufs Äussere schauen. Und wenn ich irgendwann aus lauter Frust auf die Frage „Sind Sie auf der Suche nach ihrem Traumpartner“ klar und deutlich „Nein“ anklicke, dann verschwindet die lästige Frage nicht etwa, sondern man macht mich dezent darauf aufmerksam, wo ich einen neuen finden könnte, sollte mein jetziger Traumpartner ganz unverhofft das Weite suchen. Okay, ich weiss, solche Dinge kommen vor und zwar öfter als man denkt, aber muss ich mir deswegen schon mal einen Mann auf Vorrat suchen? Einfach für den Fall, dass es mit „Meinem“ nicht klappen könnte? Nein danke, nicht mit mir. Da investiere ich lieber mehr Zeit in meine sehr reale Beziehung mit ihren Höhen und Tiefen, als im virtuellen Raum schon mal nach einem Ersatz Ausschau zu halten. 

Klar, ich könnte das aufdringliche Gehabe der Partnervermittler einfach ignorieren, aber das ist gar nicht so leicht, wenn einem ein Kind über die Schultern schaut und fragt, warum sich dieser nackte Mann da auf dem Laken räkelt. Und das nicht etwa auf einer einschlägigen Seite, sondern als Werbung, die mir gratis zu meinen Mails geliefert wird. Wenn ich dann noch bedenke, dass Karlsson jetzt auch eine E-Mail-Adresse hat und mit dem gleichen Mist, einfach in weiblicher Form, konfrontiert wird, dann kommt mir die Galle hoch. Wann endlich kommt der findige Computerexperte, der den „Stop! Keine Werbung!-Aufkleber für die Mailbox erfindet? Wann endlich kommt der Filter, mit dem ich angeben kann, was ich angepriesen bekommen will und was nicht? So schwer müsste das doch nicht sein, ich kann ja auch einstellen, ob ich meine Korrekturen in Deutsch(Schweiz) oder Deutsch (Deutschland) haben will. 

Und wo ich schon dabei bin, mich aufzuregen: Wann endlich begreift mein iPad, dass ich nicht Tamara heisse?

 

 

Einige Fragen

Trotz langjähriger Mutterschaft gibt es da einige Fragen, auf die ich noch immer keine Antworten gefunden habe. Da ich mir nun lange genug erfolglos den Kopf zerbrochen habe, stelle ich diese Fragen der Leserschaft:

Nun bitte ich euch, diese Fragen mit äusserster Sorgfalt zu beantworten, denn in Zukunft werde ich mich bei der Erziehung unserer Kinder strikte an die Resultate dieser Umfrage halten.

Doch kein Märchen

Pädagogen beklagen sich ja gerne über die heutigen Kinder. Sie wüssten sich nicht mehr zu bewegen, sie könnten nicht mehr mit der Schere hantieren, sie hätten keine Ahnung davon, wie man spielt. Alles Schwarzmalerei, pflegte ich zu denken, denn die Kinder, mit denen unsere Kinder spielen, sind nicht so. Klar, hin und wieder trifft man schon eines, das am liebsten nur fernsehen möchte, aber die meisten klettern mit Vergnügen und grossem Geschick auf Bäume, spielen mit Leidenschaft Theater und wissen, wie man Kuchenteig macht.

Hin und wieder aber begegne ich Kindern, für die es eine echte Herausforderung ist, zehn Minuten lang einer Geschichte zuzuhören. Ihre Kiefer sind nicht mehr stark genug, um ein frisches, knuspriges Brötchen zu kauen, denn etwas anderes als weiches Weissbrot haben sie noch selten zwischen die Zähne bekommen. Ein leeres Blatt und ein paar Farbstifte empfinden sie als Überforderung, denn wo bitte sehr sind da die vorgezeichneten Figuren, die man nur noch ausmalen muss? Es sind Kinder, die sich daran gewöhnt haben, alles pfannenfertig vorgesetzt zu bekommen. Mit ihren eigenen Werken sind sie nie zufrieden, weil sie nicht so grell und perfekt sind wie all das, was sich am Computer herbeizaubern lässt.

Wenn ich solchen Kindern begegne, wird mir jeweils bewusst, dass es doch keine Märchen sind, welche die Pädagogen jeweils über die Kinder von heute erzählen. Und doch erzählen sie nicht die ganze Wahrheit. Denn mit welcher Begeisterung diese Kinder den Teig kneten, wenn sie mal die Gelegenheit dazu bekommen, wie glücklich sie sind, wenn sie einfach mal ohne grosse Vorgaben drauflos malen können, mit welchem Genuss sie „mal etwas anderes als Pommes und Würstchen“ verspeisen, davon hört man selten. Gut, zuerst ist da meist eine gewisse Furcht vor dem Unbekannten, die es zu überwinden gilt, aber wenn sie mal Mut gefasst haben und etwas Neues gewagt haben, sind sie mit mindestens so viel Begeisterung dabei wie die Kinder, für die Kreativität und Herumtollen zum Alltag gehören. Vielleicht sogar mit mehr.

Standortbeurteilung

Früher nannten sie es Beurteilungsgespräch. Das Kind bekam in der Schule oder im Kindergarten einen Fragebogen mit Smiley-Gesichtern, auf dem es einzeichnen durfte, was es gut kann und was ihm Mühe bereitet. Die Lehrerin füllte den gleichen Bogen aus, dann wurden Eltern und Kind zu einem Gespräch eingeladen. Das Kind stand im Zentrum, man sprach über sein Wohlbefinden, über seine Stärken und seine Schwächen. Man liess das Kind reden, stärkte sein Selbstbewusstsein mit lobenden Worten und einigen Hinweisen, was es besser machen könnte. Das Beurteilungsgespräch war nicht perfekt, es gab immer wieder Eltern, die mit einem mulmigen Gefühl nach Hause gingen. Heute erinnert man sich dennoch sehnsüchtig an das Beurteilungsgespräch zurück.

Der Begriff „Beurteilungsgespräch“ wurde abgeschafft, man spricht jetzt von „Standortgespräch“. Das läuft so ab: Man zitiert die Eltern zum Gespräch – je nach Lehrperson bitte lieber ohne Kind – und präsentiert ihnen einen Zettel mit Kreuzen drauf. „Trifft in hohem Masse zu“ – gibt es nicht. „Trifft zu“ – wen interessiert das schon? Über das, was gut läuft, braucht man nicht zu reden. „Trifft teilweise zu“ – hier wird es allmählich interessant. „Wenn wir in diesem Bereich nichts unternehmen, besteht die Gefahr, dass es zu einem Defizit kommt“, heisst es dann. „Es ist natürlich nicht dramatisch, aber eine Fördermaßnahme wäre angezeigt“ oder „Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass Ihr Kind hier ein Problem hat?“ Die Spalte „Trifft nicht zu“ bleibt gewöhnlich leer, aber der Hinweis „Wir wollen doch nicht, dass das Kind hier landet“ macht sich immer mal wieder gut, wenn das Kind nicht den gewünschten Einsatz zeigt.

Der Hauptteil des Gesprächs dreht sich um „Trifft teilweise zu“, wenn man Glück hat, fällt irgendwann noch die Bemerkung, dass man eigentlich ganz zufrieden sei mit dem Kind und dann steht man plötzlich auf der Strasse und fragt sich, ob man in den falschen Film geraten ist. Da will man nicht mehr von „Beurteilung“ reden, tut aber genau das in einem Mass, dass man sich als Eltern fragen muss, was aus dem Wohlwollen geworden ist, auf das die Kinder so sehr angewiesen sind, um sich gesund entwickeln zu können.

Warum tun wir uns das bloss an? – Teil II

Wie nicht anders zu erwarten war, sind wir auch heute noch ohne Telefon. Weil die alte Telefongesellschaft, die uns am Freitag noch den sofortigen Rauswurf angekündigt hatte, es bis heute nicht geschafft hat, die Verbindung vollends zu kappen. Telefonieren können wir zwar schon längst nicht mehr, was aber noch lange nicht bedeutet, dass auch hinter den Kulissen alles so weit geregelt ist, dass uns die neue Gesellschaft wieder ans Netz anschliessen kann.

Also ein weiterer Tag mit „Ja, Luise, du darfst deine Freundin anrufen. Oh nein, Mist, wir haben ja gar kein Telefon. Wo hab ich bloss das Handy wieder hingelegt?“ und „Nein, Karlsson, du kannst den Vortragstext nicht in die Schule mailen, wir sind noch immer offline.“ Wieder hängt „Meiner“ in der Warteschlaufe fest, währenddem wir uns nebenbei über den Entwicklungsstand unserer Kinder unterhalten. Das klingt dann etwa so: „Findest du nicht auch, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat – jawohl, ich bin noch dran, nein, haben wir nicht, okay, ich warte – in letzter Zeit viel hilfsbereiter geworden ist? Dafür hat Luise neulich – Wie? Die Leitung ist bei ihnen noch immer offen? Aber Sie haben doch gesagt… okay, zehn Minuten habe ich noch, dann muss ich weg – ein Riesentheater gemacht, bloss weil ich ihr – Jawohl. morgen Vormittag? Ja, dann bin ich zu Hause. Wie? Ich muss einen Elektriker organisieren? Gut, dann fragen Sie doch kurz nach. Ich warte derweilen – gesagt habe, dass sie mir den Geschirrspüler ausräumen – Okay, gut. Kein Elektriker. Sie melden sich wieder, wenn Sie mehr wissen. Ach so, die alte Nummer können wir nun doch behalten? Gut, geben Sie mir einfach Bescheid.“

Mühsam das Ganze, wenn auch nicht wirklich schlimm, denn zur Not geht’s auch ohne Festnetz und ADSL. Etwas besorgt war ich nur, weil die heute Abend „Meinem“ gesagt haben, dass sie wohl auch den mobilen Internetzugang abschalten müssen. Was, um Himmels Willen mache ich dann? Wobei, wozu sorgen? Die tun ja ohnehin nichts von dem, was sie ankünden.

Kindergartenkrankheit

Früher oder später erkrankt wohl jedes Kind daran. Gewöhnlich im letzten Quartal des zweiten Kindergartenjahres, wenn das Kind sich reif für die Schule fühlt. Blass und zittrig sitzt das Kind dann am Frühstückstisch und klagt über Übelkeit, Bauch- und Kopfweh. „Mama, mir tut jeder Knochen weh. Du musst die Kindergärtnerin anrufen und ihr sagen, dass ich nicht komme“, klagt das Kind. „Bist du dir auch ganz sicher, dass du krank bist? Letzte Woche bist du durchs Haus geschwirrt wie eine wütende Wespe, kaum habe ich das Telefon aufgehängt.“ „Aber Mama, ich bin wirklich krank. Fühl mal meine Stirn. Ich glaube, ich habe Fieber.“ Mama fühlt und findet: „Ja, vielleicht hast du tatsächlich Fieber. Ich melde dich ab. Aber du versprichst mir, dass du den ganzen Tag im Bett bleibst, Tee trinkst und Bilderbücher anschaust.“ „Versprochen, Mama.Ruf jetzt endlich an.“ Mama ruft die Kindergärtnerin an – „Ich weiss auch nicht, was ihm fehlt. Ja, schon wieder krank. Vielleicht muss ich wirklich mal zum Arzt gehen mit ihm. Ja, ich mache mir auch allmählich Sorgen.“ – und noch ehe sie das Telefon aus der Hand gelegt hat, hüpft das Kind vom Sofa hoch und will spielen, die Grossmama besuchen, in die Ikea fahren, einen Spielkameraden einladen, basteln… „Mein liebes Kind, wenn man krank ist, kann man all dies nicht tun“, wehrt die Mama ab. „Aber Mama“, sagt das Kind und grinst. „Ich bin doch schon wieder gesund. Ich hatte doch einfach keine Lust, in dem Kindergarten zu gehen.“

Wie gesagt, die Kindergartenkrankheit ist nichts Neues für mich. Neu aber ist, dass sie beim Zoowärter bereits wenige Monate nach dem ersten Kindergartentag auftritt. Und zwar fast jede Woche. Was ziemlich anstrengend ist, denn ich mag nicht jeden Morgen diskutieren, mag ihn auch nicht immer und immer wieder bei der Grossmama parkieren, wenn ich zur Arbeit muss. Dumm ist nur, dass ich den Zoowärter so gut verstehen kann. Wenn ich nur montags etwas zum Zeigen hätte mitbringen dürfen, ich wäre auch nicht gerne in den Kindergarten gegangen.

 

Hamsterrad-Tag

Heute hatte ich mal wieder einen jener schrecklichen IchKannNichtsBinBlödUndHässlichUndÜberfordert-Tage. Das Schreiben meiner neuen Kolumne ein stundenlanges Ringen um Wörter, die sich gestern in meinem Kopf noch so schön zu netten Sätzen zusammengefügt hatten, jeder Blick in den Spiegel ein Ärgernis, jeder zweite Gedanke negativ. Ein Tag wie in einem Hamsterrad.

Wie gut, dass sich das Prinzchen von meiner miesen Stimmung nicht anstecken liess. Abends, als ich mich eigentlich gerne in meine Höhle zurückgezogen hätte, bat er mich, ihn zum Spiegel hochzuheben, damit wir uns gemeinsam bewundern könnten. „Muss das sein?“, dachte ich, aber ich tat trotzdem, was er von mir wünschte. Im Spiegel sah ich zwei Gesichter, das eine hübsch und pausbackig, das andere müde und verkniffen. Das Prinzchen sah offenbar etwas ganz anderes als ich. „Du bist so toll und ich bin so speziell“, sagte er vollkommen zufrieden mit sich selbst und der Frau, die ihn geboren hatte.

Ach, Prinzchen, dein Selbstbewusstsein und deinen rosaroten Blick auf deine Mama möchte ich haben.