Mama, lass mich schlafen!

Da habe ich mich doch wieder mal für besonders schlau gehalten heute. „Glaube bloss nicht, dass du mich heute wieder mit deiner ‚ich gönne mir um halb fünf einen ausgiebiges Schläfchen und Haue dann bis Mitternacht auf die Pauke‘-Phase stressen kannst“, sagte ich zum Prinzchen, als er sich am späten Nachmittag verdächtig die Augen rieb und nach Kakao verlangte. „Heute schläfst du dann, wann ich es will und darum kommst du jetzt mit mir einkaufen.“ Das Prinzchen war nicht sonderlich begeistert, was mich nicht weiter hätte wundern sollen, wo mir doch Luise bereits im zarten Alter von drei Jahren erklärt hatte, dass „nur wir Frauen gerne einkaufen“.

Nun, ich halte mich nicht an solche Klischees und so musste das Prinzchen eben mit. Als wir drei Minuten später in der Migros ankamen, schlief das Kind tief und fest. „Na warte, mein Kleiner. Du wirst jetzt schön brav wieder aufwachen und in den Einkaufswagen sitzen. Dort ist es so unbequem, dass dir die Lust am Schlafen vergeht“, brummte ich vor mich hin und hob das inzwischen halb wache Kind in den Sitz, der schon bald zu eng sein wird für ihn. Dort behielt er tatsächlich dreissig Sekunden lang die Augen offen, dann fielen sie ihm wieder zu und wenige Momente später schlief er so tief, dass alles Kitzeln und „Komm Prinzchen, mach die Augen auf und schau dir diesen schönen Samichlaus an“ nicht mehr half.

Und wieder einmal musste ich einsehen, dass ein Kind, wenn es gerade eine Phase durchmacht, sich nichts, aber auch gar nichts von Mama sagen lässt. Immerhin bekam ich mal wieder ein paar „Ach, wie süß“-Kommentare zu hören. Etwas, was ich wohl schon bald nicht mehr erleben werde, hat mich doch meine Erfahrung gelehrt, dass kleine Jungen spätestens wenn sie vier sind nicht mehr als süss gelten, auch wenn sie es noch immer sind.

 

Nur eine Phase

„Es ist nur eine Phase“, sagen wir Mütter, wenn unser Kind plötzlich keine Kartoffeln mehr essen will und deshalb bei jeder Mahlzeit den Inhalt des Tellers auf den Fussboden kippt. „Sie hat mal wieder eine ihrer Phasen“, entschuldigen wir uns, wenn die Tochter nicht mehr aufhören will, nach einem Überraschungsei zu schreien. „Ach, ich zerbreche mir lieber nicht zu sehr den Kopf über die Sache, er hat wohl wieder eine Phase“, seufzen wir, wenn der Sohn die Sandkuchen, die er bäckt, auch wirklich aufisst. Und wenn die Phase vorbei ist, wird alles wieder normal und man kann sich ein wenig erholen, bevor die nächste Phase kommt.

Bei einem oder zwei Kindern mag das so sein, aber spätestens ab Kind Nummer drei sind Verschnaufpausen zwischen den Phasen reines Wunschdenken. Denn kaum hat ein Kind seine Phase hinter sich, fängt das Nächste mit etwas Neuem an. Bei uns sieht das zum Beispiel so aus: Vor den Herbstferien befand sich Karlsson in der „Wagt bloss nicht, etwas von mir zu fordern. Ich denke nicht im Traum daran, mich auch noch zu Hause stressen zu lassen, wo doch die Schule schon anstrengend genug ist“-Phase. Zum Glück verschafften die Ferientage eine gewisse Erleichterung, doch natürlich dauerte die Entspannung für uns Eltern nicht lange. Denn nach den Herbstferien geriet Luise in eine Phase von „Meine Eltern sind voll doof, wollen mich immer nur ärgern und darum motze ich sie bei jeder Gelegenheit an“. Ziemlich anstrengend diese Phase und auch verletzend, denn wenn das Kind, das du so sehr liebst, in dir nur noch einen Gegner sieht, ist das ziemlich schmerzhaft. Mit der Zeit erkannte unsere Tochter, dass es nicht gerade nett ist, die Eltern anzubrüllen, sie fing an, sich für ihre Ausfälligkeiten zu entschuldigen und seit einigen Tagen scheint sie wieder das nette, sozialkompetente Kind zu werden, das sie eigentlich ist. Zeit für den Zoowärter, sich etwas einfallen zu lassen. Die „Ich weigere mich standhaft, in den Kindergarten zu gehen“-Phase hat angefangen. Gestern schaffte ich es gar nicht, das Kind aus dem Haus zu bringen, heute Morgen stand er fünf Minuten, nachdem er das Haus verlassen hatte, strahlend in der Tür und verkündete: „Heute hat der Kindergarten nur ganz kurz gedauert!“ Morgen wird er zum Glück ausschlafen können und am Sonntag wird er wohl auch keine Probleme machen, denn zum Kindergottesdienst geht er wirklich gerne. Aber mir graut schon jetzt vor dem Montagmorgen, auch wenn ich die Hoffnung, dass es sich diesmal nur um eine Kürzest-Phase handelt, noch nicht aufgegeben habe.

Je schneller die „Ich weigere mich standhaft, in den Kindergarten zu gehen“-Phase wieder vorbei ist, umso besser, denn das Prinzchen gedenkt nicht, mit seiner Phase zu warten, bis sein älterer Bruder seine beendet hat. Der Kleine kostet seine „Ich gönne mir nachmittags um halb fünf ein ausgiebiges Schläfchen und haue dann bis Mitternacht auf die Pauke“-Phase in vollen Zügen aus. Zum Glück verhält sich der FeuerwehrRitterRömerPirat in diesen Tagen so vorbildlich, dass er diese Woche nur ein einziges Mal zu spät zur Schule gekommen ist. Allerdings wage ich nicht, mich allzu laut darüber zu freuen, denn ich fürchte, dass es nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Die nächste Phase kommt bestimmt, auch bei ihm. 

 

(Nicht ganz)alles beim Alten

So eine Auszeit, wie ich sie mir vergangenes Wochenende habe gönnen dürfen, ist ja schnell wieder vergessen. Kaum fällt die Wohnungstür hinter dir ins Schloss, bist du nicht nur  umringt von deinen Lieben, die dich vermisst haben, sondern auch von all dem Kram, den der Alltag jeweils liegen lässt. Spätestens eine halbe Stunde später hältst du zum ersten Mal wieder einen Putzlappen in der Hand und wenn du am nächsten Morgen die Kinder weckst, ist es, als wärest du nie weg gewesen; sie motzen dich an wie eh und je, weil du dazu gezwungen bist, sie aus dem Schlaf zu reissen. 

Es gibt Mütter, die auf Auszeiten verzichten, weil der Stress des Heimkommens grösser ist als der Genuss der Entspannung. Auch ich habe am Montagmittag geseufzt, als ich mich gehetzt wie eh und je  zum Essen hinsetzte. „Ich weiss schon nicht mehr, wo mir der Kopf steht und dabei war mir während der Tage im Ländli so einiges klarer geworden“, klagte ich. „Ich hatte mir doch so sehr vorgenommen, ein wenig Ruhe in den Alltag einfliessen zu lassen. Aber mir scheint, ich bin nicht lernfähig.“

Doch dann ertappte ich mich am Dienstag dabei, wie ich auf eine Anfrage etwas sagte, was ich sonst kaum über die Lippen bringe, nämlich die vier Buchstaben N-E-I-N. Nicht zu einem Kind, dem ich die Süssigkeiten verweigern musste, auch nicht zu „Meinem“, der mich zu einem gemütlichen Filmabend überreden wollte, sondern zu einer Anfrage, die einmal mehr dazu geführt hätte, dass ich irgendwie zwischen Kind, Haushalt,  Ehe und Arbeit noch eine Verpflichtung hineingewürgt hätte. Ein unglaublich gutes Gefühl. So gut, dass ich es heute gleich noch einmal ausprobierte. Es klappte, das Nein wurde akzeptiert, der Tag verlief deutlich ruhiger als wenn ich ja gesagt hätte. Er verlief nicht vollkommen beschaulich, natürlich nicht. Ist ja gar nicht möglich bei uns. Aber er verlief immerhin so beschaulich, dass ich mir heute Abend ohne schlechtes Gewissen und ohne „Mist, das hätte ich auch noch erledigen sollen“, die Borgias reinziehen konnte. 

Ich bin natürlich nicht so vermessen, vollmundig zu behaupten, ich hätte meine Lektion gelernt und ab jetzt werde alles anders. Dafür kenne ich mich viel zu gut. Aber ein kleines bisschen stolz bin ich schon auf die zwei N-E-I-N, die mir da über die Lippen gekommen sind. 

Senior citizen’s darling

Schon in meiner Kindheit fing es an: Je älter die Sonntagsschullehrerin, umso überzeugter war sie davon, dass ich braver war als die anderen. Weil ich freiwillig einen Rock trug, die Bibelverse leicht auswendig lernte und nicht den Mut aufbrachte, mitzumachen, wenn die anderen Schabernack trieben. Schon damals hätte ich am liebsten laut protestiert. „Ich bin nicht so brav, wie Sie meinen“, hätte ich gerne gesagt. „Neulich habe ich in der Wut gar eine Türe eingetreten.“ Aber wer hätte mir denn geglaubt? Ich war doch so nett.

Später wieder dasselbe. Je konservativer die alten Leute, umso begeisterter waren sie von mir. Weil ich den Mund weit aufmachte beim Singen und weil ich gerne Geblümtes trage. „Du bist immer so nett“, sagten sie mir, „so anders als die anderen jungen Leuten.“ „Ich bin gar nicht so anders“, pflegte ich zu widersprechen. „Fragt mal meine Mutter, die kann euch erzählen, wie anders ich bin. Keine in der Familie knallt die Türe so heftig wie ich, keine gibt so schnoddrige Antworten.“ Aber natürlich glaubten sie mir nicht, ich war ja so nett.

An diesem Wochenende im Ländli wieder das gleiche Lied: Ich bin ja so fleissig, so bodenständig, so anders als die anderen Mütter heutzutage, die ihre Zeit mit Kaffeetrinken und Maniküre vergeuden. Ha, von wegen! Erstens sind die „anderen Mütter heutzutage“ nie und nimmer so bequem, wie ältere Leute gerne behaupten und zweitens bin ich die Erste, die sich einen Latte Macchiato schnappt, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Und so bodenständig und fleissig, wie die Senioren es gerne hätten, bin ich auch nicht. Ja, klar, ich koche mit Leidenschaft Quittengelee ein, aber wenn die wüssten, wann ich das letze Mal ein Bügeleisen in der Hand hielt und wie oft unser Bett am Morgen ungemacht bleibt, sie würden wohl nicht mehr so freundlich sein zu mir. Obendrein wähle ich links, bin für die Abschaffung der Armee und für die schweizweite Einführung von schulergänzender Kinderbetreuung, wenn auch mit der Einschränkung, dass die Eltern selber wählen dürfen, ob sie davon Gebrauch machen wollen oder nicht. Aber all das nimmt man mir nicht ab, ich bin ja so nett.

Zuweilen habe ich es ganz gehörig satt, von älteren Leuten immer nur für die grosse Ausnahme unter den vielen „missratenen jungen  Frauen“ gehalten zu werden, denn ich weiss nur zu gut, dass ich es nicht bin. Neben meiner netten Seite, die ich durchaus auch habe, gibt es da noch meine Launenhaftigkeit, mein aufbrausendes Temperament und meinen Hang zum Chaos. Alles nicht besonders vorbildlich, aber eben auch Teil meiner Persönlichkeit. Dazu stehe ich, denn ich halte nichts davon, den Leuten etwas vorzumachen. Früher oder später kommt ohnehin alles ans Licht, spätestens dann, wenn die Kinder beim Psychiater landen und klagen „Unsere Mutter hat immer…“. 

Warum bloss glauben mir die alten Leute nicht? Vielleicht sollte ich mich mal so aufführen wie zu Hause, dann würden sie mir glauben. Wobei man es im Ländli wohl nicht allzu gerne sähe, wenn ich in der Wut einen Teller gegen die Wand schmeisse.

 

So schlimm?

Wenn zwei heiraten: „Mal sehen, wie lange das hält. Hoffentlich haben die einen guten Ehevertrag abgeschlossen. Man kann ja nie wissen heutzutage…“

Wenn sich das erste Kind ankündigt: „Na, hoffentlich lässt es euch nachts noch schlafen. Und Zeit zu zweit werdet ihr euch jetzt wohl abschminken müssen.“

Wenn sich das zweite Kind ankündigt: „Wir wollen doch hoffen, dass es ein Junge ist. Wäre doch schön, wenn ihr ein Pärchen hättet. Wie, es ist schon wieder ein Mädchen? Na dann, viel Spass beim Schlichten des Zickenkriegs…“

Wenn sich das dritte Kind ankündigt: „Das wird aber eine teure Angelegenheit. Habt ihr euch schon mal überlegt, wie teuer euch so ein Kind zu stehen bekommt, bis es erwachsen ist?“

Wenn der erste Schultag naht: „Viel Spass beim Lösen der Hausaufgaben. Diese Lehrer heutzutage, einfach schrecklich, sage ich dir. Und dann noch das Mobbing in den Klassen. Habt ihr auch genügend Geld auf der Seite für die Markenkleider?“

Wenn die Pubertät sich ankündigt: „Glaubt mir, jetzt kommt’s jeden Tag nur noch schlimmer. Na ja, es soll einzelne Jugendliche geben, die ganz gut herauskommen, aber macht euch nicht allzu viele Hoffnungen. Die meisten saufen und prügeln bei jeder Gelegenheit. Und wer weiss, vielleicht werdet ihr schon bald Grosseltern.“

Wenn die Berufswahl bevorsteht: „Ja, das wird nicht einfach, bei dieser Wirtschaftslage. Wer stellt denn noch junge, unerfahrene Arbeitskräfte ein? Ich würde mich mal auf eine lange, erfolglose Suche einstellen.“

Wenn die Kinder ausfliegen: „Macht euch darauf gefasst, dass ihr die nicht so bald wieder sehen werdet. Die kommen nur noch, wenn sie Geld brauchen. Oder wenn ihr ihre Kinder hüten sollt.“

Wenn sich das erste Enkelkind ankündigt: „Lasst euch bloss nicht ausnützen. So ein Enkel ist ja ganz nett, aber die kosten einen Haufen Nerven. Und natürlich auch Geld…“

Wenn die Pensionierung naht: „Du Arme, jetzt hast du ‚Deinen‘ den ganzen Tag um dich herum. Wie willst du das bloss aushalten?“

Mir ist ja schon klar, dass die Familie nicht die schöne, heile Welt ist. Aber ist sie wirklich so schlecht wie ihr Ruf? 

To do

– Den Schlüssel der Vorratskammer verstecken, damit die Kinder nicht mehr hinter die Schokolade gehen.
– Ein Schlüsselversteck finden, das zwar kindersicher ist, aber nicht so sicher, dass „Meiner“ und ich den Schlüssel nicht mehr finden können.
– Mehr Ruhe ins Familienleben bringen.
– Endlich einen Kurs im Neinsagen besuchen.
– Dem Prinzchen die Windeln abgewöhnen.
– Leberpastete für Karlssons Geburtstag zubereiten.
– Diese fiese Erkältung auskurieren und zwar wenn möglich in den nächsten zehn Stunden.
– Eine Sammlung anlegen für alle Absurditäten des Lebens, über die erst in zehn Jahren gebloggt werden darf, wenn die Leute, die sich im Text wieder erkennen würden, schon längst vergessen haben, dass sie mir je begegnet sind.
– Herausfinden, ob ich das, was ich will, wirklich will, oder ob ich nur glaube, es wollen zu müssen, weil andere wollen, dass ich will.
– Endlich mit dem Entspannungstraining anfangen, damit ich am Freitag fit bin für den Entspannungsmarathon: 72 Stunden im Ländli, ganz für mich alleine. Eine echte Herausforderung.
– Die Küchenkombination gründlich putzen.
– Adventskalender vorbereiten.
– Dem Zoowärter beibringen, dass das elterliche Budget für Weihnachtswünsche beschränkt ist.
– Ein Ausrede überlegen, weshalb ich auch diesen Winter keine Skiferien machen will und wir das Geld lieber für eine Reise im Sommer sparen wollen.
– Die letzten Blumenzwiebeln setzen und endlich diese Kürbislaternen entsorgen.
– Schlafen und zwar sofort! Auch wenn das Prinzchen, das vor einer Stunde wieder aufgewacht ist, gerade einen Kreativitätsschub hat und mir Autos, Garagen und Kanonen malen will. Und das alles in rosarot.

Spiegel

Luise kurvt auf Prinzchens Bobby Car durch die Wohnung und spielt „Mama beim Autofahren“:

„Mist, schon wieder verfahren! Mal sehen, wo ich wenden kann. Ach, komm schon, wo kann ich denn wenden? Vielleicht da? Ja, das könnte gehen. Wenn bloss nicht dieser Trottel hinter mir wäre. Mist, schon wieder verfahren und das iPad ist auch ausgeschaltet. Wie soll ich denn jetzt wissen, wo ich durchfahren muss? Jetzt kauf‘ ich mir dann doch noch ein Navi. Und dann muss ich auch noch tanken.“ Lusie steigt vom Auto, tut so, als würde sie tanken, geht zur imaginären Kasse und wird nervös. „Wo ist denn schon wieder mein Portemonnaie? In der Tasche? So ein Mist, hier in der Tasche ist es nicht. Dann vielleicht in der Hosentasche? Auch nicht. So ein elender Mist. Habe ich das Ding schon wieder zu Hause vergessen? Aber halt, vielleicht…ja, da ist es. Gott sei Dank! Aber teuer war das wieder. Immer muss man so viel Geld ausgeben. So, mal sehen, dass wir nicht zu spät kommen. Oh je, jetzt habe ich mich schon wieder verfahren…“

Eigenartig. Jetzt habe ich stets gemeint, ich sei Luises Mama, doch nach dieser Imitation bin ich mir da nicht mehr so sicher. Nun ja, ein oder zweimal in meinem Leben habe ich mich schon verfahren und es soll sogar schon vorgekommen sein, dass ich mein Portemonnaie zu Hause vergessen habe, aber dass ich  so oft „Mist“ sage, ist eine unverschämte Unterstellung. 

Was nun?

Sie haben vollkommen Recht, die zwei Experten, die in der heutigen Ausgabe der „NZZ am Sonntag“ kritisieren, dass Kinder zur Therapie geschickt werden, kaum tanzen sie mal ein wenig aus der Reihe. Völlig unrealistisch sei das, was Lehrpersonen, Eltern und Therapeuten heute von den Kindern erwarteten, völlig unnötig ein Grossteil dessen, was angeordnet werde, vollkommen falsch der Fokus auf die Schwächen des Kindes. Natürlich alles viel geschliffener und ausführlicher formuliert, als ich es jetzt wiedergebe, aber das war mehr oder weniger die Kernaussage des Interviews, das mir einmal mehr bestätigte, dass ich mit meinen unguten Gefühle gegenüber der aktuellen Therapiewut nicht alleine dastehe. Endlich mal Fachleute, die klar und deutlich sagen, dass ein Kind seine Schwächen haben darf und dass man als Eltern die Dinge durchaus gelassener sehen darf, ohne sich gleich dem Vorwurf ausgesetzt zu sehen, man sei nicht bereit, das Beste aus dem Kind zu holen. Alles sehr befreiend für eine Mutter wie mich, die davon ausgeht, dass die Kinder lernen müssen, ihr Leben mit den ihnen eigenen Stärken und Schwächen zu meistern und dass es überhaupt nichts bringt, sie in irgend ein Schema pressen zu wollen. 

In der Theorie ist das alles ganz einfach. Aber was mache ich nun mit dem Brief der Logopädin, die beim Routineuntersuch im Kindergarten festgestellt haben will, dass der Zoowärter beim Sprechen Auffälligkeiten zeigt? Ist ihr sein Lispeln aufgefallen? Was sich damit erklären lässt, dass seine Zunge etwas lang geraten ist, aber da kann man ja wohl kaum etwas ändern. Oder hat unser Zweitjüngster beim Untersuch in Babysprache gesprochen, was er öfters tut, wenn er verlegen ist? Auch das kein Problem, das sich nicht mithilfe der Logopädie lösen liesse. Natürlich, unser Sohn redet noch nicht wie ein Sechsjähriger, aber er ist ja noch nicht mal fünf. Natürlich rollt er das r noch nicht so schön, wie es sich für einen rechten Schweizer gebührt, aber das war bei seinen grossen Geschwistern nicht anders und heute können sie es auch. Nun werde ich natürlich trotzdem zum Gespräch mit der Logopädin gehen, denn ich weiss, dass sie eine besonnene Frau ist, die einen nicht einfach ohne Grund zum Gespräch aufbietet, aber ich glaube, ich weiss schon jetzt, was ich ihr sagen werde. Nämlich, dass ich mir keine Sorgen mache, solange der Zoowärter fähig ist, all die komplizierten Dinosaurier-Namen zwar mit Lispeln, sonst aber fehlerfrei herunterzurattern.

Schwieriger wird es da schon bei Luise, denn bei ihr sehen sowohl „Meiner“ als auch ich, dass irgend etwas sie daran hindert, ihre Fähigkeiten auszuschöpfen. Wir können nicht so genau sagen, was es ist, aber wir sehen, dass es ihr zuweilen ganz schön zusetzt. Und so werden wir natürlich hellhörig, wenn eine Fachperson eine gründliche Abklärung vorschlägt. Wir möchten unsere Tochter ja nicht alleine lassen in einer Situation, die ihr sichtlich zu schaffen macht. Ich habe nichts gegen eine Hilfestellung, die dem Kind ermöglicht, mehr sich selbst zu sein, aber ich will keine Korrekturmassnahmen, die nur dazu dienen, das Kind zu normieren, damit es nicht aus der Reihe tanzt. Bloss, wer sagt mir, wann die Grenze vom einen zum anderen überschritten ist? Wer hilft mir dabei, mich  gegenüber sinnvoller Unterstützung nicht zu verschliessen und gleichzeitig laut und deutlich nein zu sagen, wenn man Luise nicht mehr Luise sein lassen will? 

Ja, die zwei Experten aus der „NZZ am Sonntag“ haben vollkommen Recht, wenn sie finden,  man solle nicht so viel an den Kindern herumdoktern und doch habe ich zuweilen keine Ahnung, was das Richtige ist für die Kinder, mit denen ich Tag für Tag unterwegs bin.

Das heilige Buch

Seit gut zwei Wochen ist die Neuauflage des heiligen Buches zu haben. Ein kleines Oeuvre nur, gedruckt auf dünnem Papier, deutlich mehr Bild als Text und das, was da geschrieben steht ist noch nicht mal besonders tiefgründig. Erhältlich ist das begehrte Stück am Ausgang jeder Migros-Filiale. Also eindeutig ein Produkt für die Massen, ohne jede Chance auf den Literatur-Nobelpreis.

Dennoch wird wohl kaum ein Werk so eifrig studiert wie dieses. Vor allem die Drei- bis Siebenjährigen legen es kaum mehr aus der Hand. Man erzählt von überdurchschnittlich intelligenten Vierjährigen, die im Schlaf auswendig daraus rezitieren. Und dann erst die Kritiken, einfach unglaublich. „Dieser Dino hier ist der Schönste, den ich je gesehen habe! Und schau dir nur diese Ritterburg an. Soooooo coooool! Wow, der Bagger hier ist der Hammer…“ Wenn sie mal angefangen haben mit Loben, dann können sie gar nicht mehr aufhören damit. Gute Literatur verleitet bekanntlich auch zum Träumen und so heisst es bald einmal „Diesen Teddy will ich unbedingt haben und die Legos wünsche ich mir auch und dann natürlich noch das Riesenpuzzle und das Piratenkostüm…“

Natürlich ruft dies sogleich die Miesepeter auf den Plan. Menschen, die auch im heiligsten aller Bücher Fehler ausfindig machen müssen. „Aber die Puppe ist doch vollkommen überteuert“, kritisieren sie. „Findest du dieses Monster nicht auch fürchterlich geschmacklos“, mäkeln sie. Und dann, zum Schluss ihres üblen Verrisses, das vernichtende Gesamturteil: „Was willst du mit all dem Mist bloss anfangen?P Und hast du dich überhaupt schon mal gefragt, wer das alles bezahlen soll?“

Ein wahrer Liebhaber lässt sich dadurch die Freude am heiligen Buch nicht nehmen. Im Gegenteil, er läuft zur Hochform auf und gerät so sehr ins Schwärmen, bis die Kritiker kleinlaut zugeben müssen:“Ja, diese Holzeisenbahn ist tatsächlich ganz toll. Lass mich mal sehen, wie viel sie kostet…“

Die Kritiker lassen sich also meist rumkriegen. Richtig schlimm aber sind jene, die den Glauben an das heilige Buch verloren haben. Es sind diejenigen, die vor wenigen Jahren noch ebenso ehrfürchtig über dem Werk gebrütet hatten, die nun aber nur noch Hohn und Spott übrig haben dafür. „Sieh dir mal diesen Bob de Soumaa an! Soooooo peinlich. Und dann erst die hässlichen Barbies. Früher fand ich die ja noch schön, aber jetzt…“

Auch damit könnten die Liebhaber des heiligen Buches wohl noch klar kommen, aber wenn einer der vom Glauben abgefallenen zur Schere greift und die bunten Bilder zu einer absurden Collage zusammenfügt, dann ist das des Guten zuviel. Dann gibt’s nur noch eins: Ab in die nächste Migros-Filiale, um sich ein neues Geschenkebuch zu holen. Wie soll man denn ohne der Mama und dem Papa beibringen, was sie unter den Tannenbaum legen sollen?

Wegsehen verboten

Erstaunlich, was man auf Facebook alles erfahren kann. Zum Beispiel, dass die Klassenkameradin der achtjährigen Tochter Jahrgang 1980 hat und somit gerade mal sechs Jahre jünger ist als ich. Hab gar nicht gewusst, dass die einen so lange in der Primarschule behalten. Regelrecht mulmig wird mir allerdings, wenn da steht „Interessiert an: Männern“. 

Und wieder einmal wird mir klar, dass man als Eltern nicht darum herum kommt, zu wissen, was der minderjährige Nachwuchs im Netz so treibt. Auch wenn es einem noch so sehr zuwider sein mag, auf dem neuesten Stand der Entwicklung zu bleiben, wo man doch eigentlich ganz gerne sagen möchte: „Muss ich wirklich über jeden Spleen der kleinen Menschen Bescheid wissen? Es reicht doch, wenn ich darauf achte, dass sie nicht zu viel vor der Glotze hocken und dreimal täglich etwas zwischen die Zähne bekommen.“