Möbelsamstag

Man sagt uns ja hin und wieder, wir seien verrückt, aber so richtig wahrhaben wollen wir das nicht. Wir tun so, als sei alles ganz normal und vernünftig, was wir tun. Bis wir mal wieder in der Tinte sitzen und wir der Tatsache ins Auge schauen müssen, dass andere weitsichtiger sind als wir. Viel weitsichtiger. Die sind zum Beispiel so vernünftig, dass sie einen Babysitter engagieren, wenn sie ins Schwedische Möbelhaus fahren. Oder sie nehmen nicht nur ein Handy mit, sondern zwei, damit man einander anrufen kann, wenn man sich im Getümmel nicht mehr findet. Gut, dass wir heute Morgen mit der ganzen Meute in zwei Autos losgefahren sind, um ein Zoowärter-Bett, einen FeuerwehrRitterRömerPiraten-Schreibtisch, ein „Meiner“ und ich – Bett und noch ein paar andere Dinge zu besorgen, ist ja so unvernünftig nicht. Okay, man kann sich fragen, ob der Zoowärter unbedingt mitmusste, wo er doch beim letzen Mal einen Fieberkrampf bekam, als er im Möbelhaus Köttbullar ass. Und vielleicht hätte „Meiner“ ja wirklich zu Hause bleiben und aufräumen können, aber mit wem hätte ich mich denn darüber streiten können, ob wir nun einen neuen Schrank fürs Kinderzimmer oder eine neue Kommode fürs Elternschlafzimmer erstehen sollten?

Wie auch immer, wir fuhren los, der festen Überzeugung, dass heute nichts schief gehen konnte, weil wir a) genügend Geld im Portemonnaie hatten, b) eine ziemlich klare Vorstellung hatten, was wir wollten (mal abgesehen von der Meinungsverschiedenheit betreffs Schrank oder Kommode), c) die Kinder mit der Aussicht auf viele schöne neue Dinge motiviert wie selten waren und wir d) zu dritt waren, um fünf Kinder bei Laune zu halten. Anfangs sah die Sache wirklich erfolgsversprechend aus. Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter liessen sich bereitwillig im Kinderparadies abgeben. Also zogen wir – drei Erwachsene, zwei Kinder und zwei Einkaufswägen – los. Hätte nicht das Prinzchen, der in diesen Tagen gewöhnlich pausenlos an meinem Rockzipfel hängt, auf einmal diesen unbändigen Entdeckerdrang verspürt, wären wir beinahe in Versuchung geraten, den Einkauf zu geniessen. Damit dies nicht geschehen konnte, versteckte sich unser Jüngster immer mal wieder, so dass wir nach einer Stunde doch schon ziemlich müde waren.

Und dann fing das übliche Chaos an. Wir begingen den groben Fehler, am Kinderparadies vorbeizuspazieren, Luise sah uns, sah, dass Karlsson ein neues Stofftier im Arm hielt und vorbei war die Ruhe. Luise wollte raus, wollte auch ein Stofftier, wollte mal das Känguru, mal den Frosch, mal den Hund. Ich wollte keine Kommode, „Meiner“ wollte keinen Schrank, das Prinzchen wollte den Plastikhammer, den er in der Kinderabteilung entdeckt hatte, nicht mehr aus der Hand geben, Karlsson wollte sein Stofftier in der Gegend herumwerfen und die Frau im Kinderparadies wollte, dass wir den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten abholen, weil die Zeit um war. Und dann ging es weiter mit wollen: Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat wollten auch ein Stofftier, das Prinzchen wollte den Plastikhammer, den wir inzwischen für ihn in den Wagen gelegt hatten, ausprobieren, bevor er bezahlt war, „Meiner“ wollte keine weiteren Stofftiere kaufen und ich wollte essen gehen, damit wir am Tisch endlich die leidige Diskussion ob Schrank oder Kommode zu einem Ende bringen könnten. Im Restaurant wollten Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat eine grosse Portion Fleischbällchen und dann, als die Teller erst zur Hälfte leer waren, wollten sie nicht mehr weiter essen, der Zoowärter wollte mehr Fleischbällchen und weniger Pommes Frites, „Meiner“  und ich wollten reden und konnten nicht, weil die Kinder nicht wollten, dass wir miteinander reden, sondern mit ihnen. Was das Au Pair wollte, weiss ich nicht. Sie hielt sich vornehm zurück und half, das Chaos unter Kontrolle zu halten, aber ich nehme an, dass sie wollte, dass wir endlich mal Ruhe geben und uns wie normale Menschen gebärden, die still und artig am Tisch sitzen.

Bis dahin war alles noch in den für uns gewohnten Bahnen gelaufen, doch dann, als wir uns am Ende unseres Einkaufsabenteuers wähnten, ging es erst richtig los. Während das Au Pair, die Kinder und ich uns ans Bezahlen und Einpacken des Kleinkrams machten, machte sich „Meiner“ auf, die Dinge zu organisieren, die wir uns nach Hause liefern lassen wollten, weil unser Fünfplätzer sich weigerte, sie zu transportieren. Nachdem wir fertig eingepackt hatten, warteten wir auf „Meinen“, aber der kam nicht. Also gingen wir zum Parkplatz, um die Autos zu beladen. Aber „Meiner“ hatte den Schlüssel, ich das Auto. Also beluden wir das Auto des Au Pairs, verfrachteten – nachdem wir den Streit, wer mit wem fahren darf und wer auf dem Weg welche CD hören darf geschlichtet hatten – Karlsson und den FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Au Pair-Auto und schickten die drei auf die Heimfahrt.

Die drei fuhren los und wir warteten weiter auf „Meinen“, der noch immer nicht auftauchte und den ich nicht anrufen konnte, weil sein Handy nicht mitgekommen war. Irgendwann tauchte „Meiner“ auf, drückte mir den Autoschlüssel in die Hand und entschwand wieder in der Menschenmenge, weil er „nur noch ganz schnell“ alles bezahlen musste. Nett wie ich bin, organisierte ich in der Zwischenzeit, was es zu organisieren gab: Auto beladen, Kinder anschnallen und dann schnell Richtung Ausgang fahren, um „Meinen“ ins Auto zu packen. Aber „Meiner“ war spurlos verschwunden. Also warteten wir wieder. Während die Kinder artig im Auto sassen und abwechslungsweise jammerten und beteten, dass der Papa doch endlich kommen möge, tigerte ich immer gereizter in der Tiefgarage herum, in der Hoffnung, irgendwo „Meinen“ auf der Suche nach uns herumirren zu sehen. Aber „Meiner“ irrte nicht in der Tiefgarage herum, sondern im Laden, wo man ihn von Pontius zu Pilatus schickte, bis er endlich, nach einer geschlagenen Stunde völlig entnervt wieder auftauchte. Fragt mich bitte nicht, weshalb er so lange gebraucht hat, um ein paar Möbel zu bezahlen. Er hat’s mir erklärt, aber verstanden habe ich es nicht.

Nun, irgendwie haben wir die Sache hinter uns gebracht und ich bin auch wirklich ganz stolz auf uns, dass es zwar zur einen oder andere Reiberei, nicht aber zum üblichen Krach, gekommen ist. Wobei, vielleicht habe ich gar keinen Grund zum stolz sein, denn vermutlich hatten wir bloss deshalb keinen Krach, weil wir nach all dem Stress einfach zu müde waren dazu.

Keine Petersilie

Okay, ich hatte ja gehofft, ihr würdet mir vorschlagen, dass ich mir Petersilie in die Ohren stopfe, um dem ewigen Lärm bei uns im Hause ein Ende zu setzen. Dann hätte ich endlich mal gewusst, wohin mit der Petersilie, die mir auch in meinem reifen Alter noch immer nicht schmecken will. Aber die Mehrheit von euch ist der Meinung, dass ich in Zukunft nur noch flüstern soll. Nun, ich habe da so meine Zweifel, ob das gut kommt, denn flüstern, wenn sechs andere Krawall machen, kann ziemlich anstrengend sein.

Aber rebellisch wie ich nun mal tief in meinem Inneren bin, werde ich ohnehin nicht tun, was ihr mir vorschlägt, auch wenn ich euch ausdrücklich nach eurer Meinung gefragt habe. Für die kommenden Tage probiere ich es mal mit dieser Methode: Halsschmerzen, die mich nicht nur am Reden, Lachen und Herumbrüllen hindern, sondern auch am Essen, was mir momentan ganz gelegen kommt, habe ich doch in den vergangenen Wochen mal wieder zu tief in den Teller geschaut. Mit diesen Halsschmerzen hoffe ich zu erreichen, dass es bei Vendittis endlich stiller wird. Denn um eine arme leidende Mama herum darf man doch einfach nicht laut sein. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich es hinkriege, dass die Kinder bei all dem Lärm mein Stöhnen und Jammern hören können, damit hier mal endlich wieder himmlische Ruhe einkehrt.

Ach, à propos Halsschmerzen: So langsam scheine ich in meinem neuen Job Tritt zu fassen. Montag bis Freitag arbeite ich bis zum Umfallen, am Wochenende lasse ich mich von irgend einem Virus ins Bett zwingen, damit ich am Montag wieder frisch ausgeruht Raubbau an meiner Gesundheit und an meinen Nerven treiben kann.

Mein liebster Zoowärter

Jetzt bist du also auch schon vier und hast somit das Alter erreicht, in dem deine Mama allen Ernstes dachte, sie sei jetzt erwachsen und dürfe deswegen in Zukunft weder furzen noch in der Nase bohren. Weil Mama ihren Kindern diese Geschichte schon so oft erzählt hat, kennen sie deine grossen Geschwister in- und auswendig. Und deswegen hat Luise gestern zu dir gesagt, du wärest jetzt erwachsen. Anderen Vierjährigen würde diese Vorstellung vielleicht gefallen, du aber willst von Erwachsensein noch nichts wissen. Ganz besorgt kamst du zu mir und fragtest: „Mama, ist man mit vier tatsächlich schon erwachsen, oder ist man noch ein Kind?“ Deine Erleichterung, dass du noch Kind bleiben darfst, war riesig.

Und das ist es, was mir an dir so sehr gefällt: Du bist mit Leib und Seele Kind. Zwar freust du dich darüber, dass du grösser wirst und du warst heute Morgen auch ganz besorgt darüber, dass du in der Nacht, in der du vier geworden bist, nicht ein ganzes Stück gewachsen bist. Aber du willst noch nicht gross werden, um schneller erwachsen zu sein, sondern nur, um noch intensiver Kind sein zu können. Du willst noch mehr spielen können, noch mehr witzige Figuren wie den kleinen Maulwurf kennen lernen, noch mehr fantastische Geschichten erfinden, die du dir selber stundenlang erzählen kannst. Andere Kinder in deinem Alter malen sich aus, was sie werden wollen, wenn sie gross sind. Du malst dir aus, was du alles erleben würdest, wenn du nicht der Zoowärter, sondern eines der drei Musketiere wärest. Während die anderen losziehen, um die Welt zu entdecken, kuschelst du dich lieber mit einer Decke aufs Sofa und wanderst durch die Weiten deiner Fantasie, manchmal mit einem Buch als Reiseführer, manchmal ganz ohne Anleitung, auf eigene Faust.

Mein lieber kleiner grosser Zoowärter, ich wünschte, ich könnte mehr sein wie du, denn du scheinst begriffen zu haben, dass das Leben schöner ist, wenn man es gemütlich nimmt. Wenn dir danach ist, schläfst du bis Mittag, ohne dabei Angst zu haben, du könntest etwas verpassen. Du weisst, dass es manchmal einfach wichtiger ist, sich in einen Asterix-Band zu vertiefen, als das Zimmer aufzuräumen, auch wenn deine grossen Geschwister das vollkommen daneben finden. Und du weisst, dass man mehr vom Tag hat, wenn man ohne viel Gezeter in die Kleider schlüpft, um sich dann Wichtigerem zuzuwenden, zum Beispiel deiner neuen Ritterburg, die du von Piraten und Daisy Duck gegen gefährliche Eindringlinge verteidigen lässt. Mein Liebster Zoowärter, du bist ein wunderbarer Mensch. Darf ich von dir lernen, wieder vierjährig zu sein?


 

Laut, lauter, am lautesten

Vendittis sind schon von Natur aus nicht sehr leise. Wie sollten sie auch, wenn Papa Venditti aus Italien und Mama Venditti aus einer Grossfamilie stammt. Er ist laut, weil seine Eltern am Telefon immer so laut redeten, damit man ihre Worte aus dem kalten Norden auch im warmen Süden verstehen konnte. Sie ist laut, weil sie ihre grossen Geschwister übertönen musste. So zumindest erkläre ich mir den Umstand, dass das Leiseste, was es bei uns gibt, laut ist.

Lauter ist es geworden, seitdem ein Kind nach dem anderen Teil der Familie geworden ist. Jeder will gehört werden und weil man in all dem Geschnatter nicht gehört wird, wenn man leise ist, muss man eben etwas lauter sein als alle anderen. Nur so hat die Botschaft eine Chance, überhaupt anzukommen. Dass man auch warten könnte, bis derjenige, der gerade am Reden ist, ausgeredet hat, darauf ist noch keiner gekommen. Vielleicht auch deshalb, weil man bei uns ewig warten würde, bis alle, die etwas sagen wollen, ausgeredet haben. Denn kaum holt der Eine mal Luft, springt schon der Nächste ein. Auf dass es gar nicht erst vorkomme, dass mal absolute Stille herrscht.

Ich hätte ja nicht erwartet, dass es noch lauter werden kann. Aber es kann. Wenn da ein Prinzchen ist, das zwar schon ziemlich gut redet, aber eben noch nicht gut genug, um den grösseren Geschwistern Paroli zu bieten. Deshalb muss das Prinzchen heulen, wenn er sich anders nicht durchsetzen kann. Und heulen macht mehr Lärm als reden, ist ja klar, sonst würde man gar nicht die Mühe auf sich nehmen, damit anzufangen. Wenn da auch noch ein Tageskind ist, das die deutsche Sprache noch nicht gut genug beherrscht, um in diplomatische Verhandlungen mit den fünf kleinen Vendittis zu treten, dann ist da noch einer mehr, der heult, wenn es anders nicht geht. Und zwei, die heulen, machen mehr Lärm als einer alleine, ist ja klar.

Aufgefallen ist mir dies alles erst, als mich Abend für Abend ein schlechtes Gewissen und ein kratziger Hals plagten. Ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte mal wieder den ganzen Tag nur rumgebrüllt und ein kratziger Hals vom Rumbrüllen. Dann aber fiel mir auf, dass ich gar nicht böse war, wenn ich rumbrüllte und da wurde mir klar, dass ich getan hatte, was ich schon als Kind getan hatte, wenn es um mich herum immer lauter geworden war: Ich hatte mich nach Leibeskräften darum bemüht, noch lauter zu sein als alle anderen, damit ich mal endlich gehört wurde. Dumm nur, dass ich dennoch nicht gehört werde, denn unsere Kinder tun es mir gleich und schrauben die Lautstärke noch einmal eine Stufe höher.

Nun frage ich mich natürlich, wie wir den Lärmpegel wieder senken können und weil ich mir selber nicht mehr zu helfen weiss, hier meine Frage an meine Leser:

 

Zukunftspläne

Die Kinder haben vergangene Nacht eine neue Cousine bekommen – das 21. Enkelkind meiner Eltern – und so reden wir beim Abendessen über Babys. Irgendwann wirft „Meiner“ die Frage in die Runde, wie viele Kinder unsere Kinder mal haben möchten. Luise zögert keine Sekunde: „Hundert Mädchen“, platzt sie heraus. Doch dann erinnere ich sie daran, dass ich als kleines Mädchen mal 99 Mädchen und einen Jungen haben wollte und dass sie ja sehen könne, was geschehe, wenn man solche Wünsche hätte. Schnell korrigiert sie sich und erklärt: „Ich werde sechs Kinder haben. Drei Mädchen und drei Jungen.“ Der FeuerwehrRitterRömerPirat weiss auch sehr genau, welche Sorte Kinder er will: „Eine Milliarde Jungs“. Der Zoowärter weiss zwar nicht, wie viele  er mal haben will, dafür aber, was sie sein sollen: Ritterjungen. Mal sehen, wo er die auftreiben wird.

Karlsson, der bis anhin stets verkündet hatte, er wolle gar nie Kinder haben, dafür aber ein paar zahme Eisbären, scheint so langsam zu erkennen, worauf es beim Kinderhaben ankommt: „Ich werde mal so viele Kinder haben, wie meine Frau ertragen kann“, verkündet er weise. „Kluges Kind“, sage ich und denke im Stillen, dass er, falls seine Zukünftige mir auch nur ein ganz kleines bisschen ähnlich ist, ein ziemlich kinderreicher Mann werden könnte. Hätte „Meiner“ nach Karlssons Grundsatz gehandelt, wäre das Prinzchen wohl kaum unser jüngstes Kind geblieben.

So kann man das auch sehen

Gestern Abend beklagte sich Luise darüber, ich würde zu viel arbeiten. Auch „Meiner“, meine Mutter und das Au Pair winken stets mit irgend welchen Zaunpfählen in der Gegend rum, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass es so langsam aber sicher reicht. Und mein Körper, dieser Schwächling, muckt auch alle paar Wochen auf, mal mit Magen-Darm-Seuche, dann wieder mit Husten und Schnupfen. Bei so viel Gemecker kommt man nicht umhin, sich Gedanken zur eigenen Arbeitshaltung zu machen und schliesslich kam ich zum Schluss, dass es tatsächlich etwas viel geworden ist. Und so kam es, dass ich heute beim Frühstück mehr zu mir selber als zu den Kindern sagte: „Es stimmt ja schon, ich arbeite einfach zu viel.“ Karlsson und Luise nickten zustimmend, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat sah das etwas anders: „Nein Mama, das stimmt nicht“, widersprach er. „Du arbeitest nicht zu viel, du machst einfach zu kurze Pausen.“

So kann man das natürlich auch sehen. Und vielleicht könnte man ja sogar mehr leisten, wenn die Pausen etwas länger wären?

Nach den Ferien ist vor den Ferien

Man nimmt es sich ja jedes Mal vor, wenn man wegfährt: Nach der Rückkehr wird man sich nicht sogleich wieder vom Alltag mitreissen lassen. Nein, diesmal ganz bestimmt nicht. Man wird die guten Gewohnheiten, die man in der freien Zeit ausgiebig gepflegt hat – alle zwei Stunden einen Tee oder einen Kaffee trinken, das Schöne bewundern, den Gedanken nachhängen – ins ganz gewöhnliche Leben mitnehmen. Man wird sich nicht mehr so leicht hetzen lassen, man wird mit den Kindern geduldiger sein, man wird das Telefon auch mal einfach klingeln lassen, weil man in den Ferien gemerkt hat, dass es auch ohne ständige Erreichbarkeit geht. Ja, so wird man das machen.

Und dann kommt man zu Hause an und alles ist wieder wie immer. Allein das Auspacken der Koffer verursacht ein derartiges Chaos, dass man gar nicht anders kann als aufzuräumen. Dann sind da natürlich auch noch die Wäscheberge und all die Anrufe, die man während der Abwesenheit nicht hat entgegennehmen können. Spätestens nach einem Tag sind die neuen, guten Gewohnheiten wieder verschwunden, die alten, schlechten wieder da: Den Tee kalt werden lassen, weil man nur noch ganz kurz eine Mail beantworten will, den Fussboden fegen und den Tisch abräumen muss, bevor man sich so richtig entspannen kann. Die Kinder anschnauzen, obschon man sie doch eben noch so sehr vermisst hat. Irgendwann zwischen Telefonaten, Windeln wechseln und Essen einkaufen noch kurz irgend etwas in sich hineinschlingen, damit man wieder genügend Treibstoff für die nächste Runde hat. Nichts da mit genüsslichem Essen, mit bewusster Entspannung, mit Zeit zum Nachdenken. Man ist wieder da, mitten drin im Alltag, der niemals ruht.

So ist es jedes Mal und es gibt nur eines, was sich dagegen tun lässt: Den letzten Rest an neu gewonnenem Idealismus in das Organisieren der nächsten Ferien investieren. Wenn sich die Ferienstimmung nicht konservieren lässt, muss man sich eben hin und wieder eine frische Portion holen.

Reise(un)fertig

Seit Tagen schon hatten wir alle auf morgen hingefiebert. Die Kinder, weil sie es kaum erwarten können, bis sie endlich drei Tage mit (Paten)tante, Grossvater, Freunden,  Au Pair und was es sonst noch für liebe Menschen auf diesem Planeten gibt, verbringen dürfen, „Meiner“ und ich, weil wir nach bald zehn Jahren mal wieder einen Kurzausflug nach Prag machen dürfen. Prag, das ist die Stadt, die wir am meisten lieben. Die Stadt, die wir wenige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf der Maturareise besuchten, die Stadt, die wir ein paar Jahre später auf unserem Interrail-Trip durch Osteuropa kaum mehr wieder erkannten, weil sie so touristisch geworden war, die Stadt, die unser erstes Reiseziel nach Karlssons Geburt war. Und morgen früh wollen wir uns ein viertes Mal auf den Weg machen, diesmal mit dem Ziel, dem Alltag mit all seinen Belastungen, die in letzter Zeit ein Übermass angenommen haben, für ein paar Tage zu entfliehen. Damit das Ganze nicht allzu sehr nach Freizeit aussieht, habe ich dem Kurztrip den Anstrich einer Vor-Ort-Recherche verpasst, denn es gibt da in der Nähe von Prag etwas, was in einer Geschichte, die vielleicht eines Tages werden soll, eine Rolle spielt.

Darauf also haben wir uns alle gefreut und Luise hat mich diese Woche immer und immer wieder gefragt: „Wann geht ihr denn endlich weg? Ich will euch jetzt los sein.“ Fas schon hätte ich mir ihre Bemerkungen zu Herzen genommen und einmal mehr an meinen mütterlichen Qualitäten gezweifelt. Aber weil ich meine Tochter nur zu gut kenne, habe ich der Sache dann doch nicht zu viel Bedeutung beigemessen. Und siehe da, heute Abend beim Gutenachtsagen kamen die Tränen. Erstaunlicherweise war der FeuerwehrRitterRömerPirat der Erste, der still und leise in seinen Riesenteddy schluchzte, aber bald stimmte auch Luise ein und Karlsson sass mit besorgtem Gesichtsausdruck still daneben. Der Zoowärter begriff zwar noch nicht so ganz, weshalb alle so traurig waren, aber wo die Stimmung schon so gedrückt war, konnte er ja auch gleich nach seinem winzigen Plastikkönig schreien, den er heute aus dem Dreikönigskuchen gefischt hatte. Einzig das Prinzchen blieb gelassen und mahnte die anderen, sie müssten doch nicht so traurig sein. Auch „Meiner“ und ich heulten nicht, aber nur, weil wir nicht wollten, dass der Abschied noch trauriger wird. Ich weiss ja nicht, wie es „Meinem“ dabei erging, aber ich für meinen Teil musste mich ganz gewaltig zusammennehmen, damit ich nicht zum Telefon griff, um die Reise abzusagen.

Ich habe es dann doch nicht getan. Weil ich weiss, dass die Kinder bestens aufgehoben sind. Weil ich weiss, dass „Meiner“ und ich mal wieder eine Auszeit brauchen. Weil ich weiss, dass Prag mich erneut in seinen Bann ziehen wird, auch wenn es bestimmt wieder ganz anders sein wird als beim letzen Mal.

Bob de Soumaa

Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind gross geworden. Das merkt man nicht nur daran, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat seinen ersten Zahn verloren hat, Luise keine Lust mehr auf Rosa und Hello Kitty mehr hat und Karlsson unverschämt grinst, wenn wir Eltern einen Witz machen, der nur für Erwachsene gedacht ist. Auch nicht nur daran, dass sie jeden zweiten Satz mit „Früher, als ich noch klein war…“ anfangen. Nein, man merkt es auch daran, dass all die Helden ihrer frühen Kindheit – Bob der Baumeister, Franklin, Pingu und wie sie alle heissen – plötzlich nur noch doof sind. Nannte ich den Mann mit dem gelben Helm vor zwei Jahren „Bob de Soumaa“ (Bob der Saumann) schrieen sie alle entsetzt auf, heute sagen sie weitaus Schlimmeres über ihn und seine Rita. Kaum zu glauben, wie da über die Helden des Kinderzimmers gelästert wird.

Was von mir aus gesehen völlig in Ordnung wäre, finde ich doch die meisten Figuren, welche die Kinder unterhalten sollten, reichlich platt und fantasielos. Das Problem ist aber, dass es da noch zwei kleinere Kinder gibt in unserer Familie. Für diese zwei kleineren Kinder ist niemand grösser als Pingu und Bob der Baumeister. Diese zwei kleineren Kinder mögen es nicht ausstehen, wenn man ihre Helden beleidigt. Und das gibt Zoff. Jedes Mal, wenn die Grossen lachen, heulen die Kleinen und wenn die Kleinen jubeln, spotten die Grossen. Zwar nicht über die Kleinen, aber diese fühlen sich dennoch persönlich angegriffen. Schaut nämlich der Zoowärter ein Pingu-Filmchen, ruft er mich immer wieder herbei und sagt: „Schau mal, Mama, was ich mache! Ich rutsche gerade mit Pinga über das Eis.“ Dann dämmert mir, dass der Zoowärter im Film nicht Pingu, sondern sich selber sieht und darum beleidigt derjenige, der über Pingu spottet, nicht einen Pinguin aus Knete, sondern einen kleinen Zoowärter, der sich selber sehr ernst nimmt und der deswegen rasend wird, wenn man lacht.

Als jüngstes von sieben Kindern kann ich den Zorn des Zoowärters nur zu gut verstehen, habe ich doch selbst unzählige Male erlebt, wie meine grossen Geschwister über etwas gelacht haben, was mir heilig war. Anfangs habe ich noch geheult, später dann habe ich so getan, als würde ich mitlachen und irgendwann habe ich es aufgegeben, ein Kleinkind zu sein. Heute aber, als Mutter, sehe ich nicht nur die Sicht des Kleinkindes. Ich sehe auch, dass es für die Grossen wichtig ist, sich abzugrenzen, sich zu lösen von dem, was nicht mehr in ihr Leben passt. Und darum ist das Problem nicht gelöst, wenn ich den Grossen verbiete, Witze zu machen. Das Problem ist aber auch nicht gelöst, wenn ich die Grossen einfach machen lasse, denn das würde unweigerlich dazu führen, dass der Zoowärter und das Prinzchen eines Tages nicht mehr den Mut aufbringen, klein zu sein.

Wie also bringen wir es fertig, jedem unserer Kinder die Freiheit zuzugestehen, so gross oder so klein zu sein, wie es ist? Eine Patentlösung habe ich nicht, aber ich ahne, dass es etwas damit zu tun haben könnte, dass ich den Kindern lehre, den anderen in seiner Art zu respektieren. Weiter muss ich wohl oder übel versuchen, nicht mitzumachen, wenn die Grossen ihre Witze reissen, so sehr es mich auch reizen würde. Und schliesslich werde ich Bob dem Baumeister, Pingu und Konsorten noch ein paar Jährchen länger den Heldenstatus zubilligen müssen. Was mir gar nicht so schwer fallen dürfte, schaue ich doch jetzt schon mit einer gewissen Wehmut dem Tag entgegen, an dem auch mein jüngstes Kind nicht mehr entsetzt aufschreien, sondern lauthals lachen wird, wenn ich von „Bob de Soumaa“ rede.

Wie werden sie mal über uns reden?

Mama Venditti sitzt auf dem Sofa und sinnt darüber nach, wie ihre Kinder wohl dereinst, wenn sie erwachsen sind, über sie und „Ihren“ reden werden. Man mag sich fragen, weshalb Mama Venditti über solche Dinge Gedanken macht. Doch wenn man bedenkt, dass sie zu einer Generation gehört, die für alles, was im Leben schief läuft, die Schuld bei den eigenen Eltern sucht, dann ist es nicht mehr als normal, dass Mama Venditti sich diese Frage stellt. Lange ist sie nicht alleine mit ihren Gedanken, denn bald gesellen sich der Optimismus und der Pessimismus zu ihr, die beide ihren Senf zum Thema geben wollen.

„Also ich bin mir sicher, dass eure Kinder ganz zufrieden sein werden mit eurer Leistung“, sagt der Optimismus. „Die werden sich daran erinnern, wie ihr jeweils zusammen Kuchen gebacken und Lieder gesungen habt, welchen Spass ihr auf Ausflügen hattet und wie wunderschön es jeweils an Weihnachten war.“

„Ist doch vollkommener Quatsch“, mischt sich der Pessimismus ein, noch ehe Mama Venditti etwas zur Sache sagen kann. „Wenn die Kinder sich ans gemeinsame Backen erinnern werden, dann werden sie bloss daran denken, wie gereizt du jeweils nachher beim Aufräumen warst. Und von den Ausflügen werden sie nur in Erinnerung behalten, wie oft ihr im Zug geschimpft habt, weil die Kinder sich wie eine Horde wild gewordener Wikinger aufführten. Glaub mir, den Kindern bleibt nur das Schlechte in Erinnerung. Das weisst du doch von deiner eigenen Kindheit…“

„Aber ich erinnere mich doch auch an viel Schönes“, wehrt sich Mama Venditti. „Klar, es war nicht alles perfekt und es gab auch eine Zeit, da habe ich unter den Fehlern meiner Eltern gelitten. Aber inzwischen habe ich erkannt, dass meine Eltern eben auch nur Menschen sind, die ihre guten und schlechten Seiten, ihre guten und schlechten Tage haben…“

„Siehst du, genau so wird es bei dir und deinen Kindern auch sein: Sie werden dir ein paar Dinge übel nehmen, aber im Grossen und Ganzen werden sie dir dankbar sein für das, was du ihnen mitgegeben hast“, ermutigt der Optimismus.

„Pah! Von wegen! Hast du schon mal erlebt, dass Kinder ihren Eltern dankbar waren?“, spottet der Pessimismus.

Mama Venditti schaut etwas verwirrt vom einen zum anderen und weiss nicht so recht, was sie sagen soll. Also redet der Pessimismus weiter: „Und überhaupt. Wofür sollen dir deine Kinder je dankbar sein? Etwa dafür, dass du sie angebrüllt hast? Oder dafür, dass du dich so viele Stunden hinter dem Computer verschanzt hast, um dich deinem Geschreibsel zu widmen?“

„Halt, das geht jetzt aber zu weit!“, schaltet sich der Optimismus sich ein. „Es könnte ja auch sein, dass sich die Kinder voller Stolz daran erinnern, dass ihre Mutter ihnen ein Buch gewidmet hat. Ich glaube, die Kinder werden alles Negative vergessen und sich nur an all das Schöne erinnern, was sie mit dir und ‚Deinem‘ erlebt haben.“

Der Pessimismus schüttelt mitleidig den Kopf und meint: „Ach, was bist du doch naiv. Denk doch mal daran, was die Leute ihren Eltern alles vorhalten. Die einen beklagen sich, sie hätten nie Taschengeld gekriegt, die andern jammern, sie hätten immer zuviel davon gehabt. Die einen finden, ihre Eltern hätten keine Zeit für sie gehabt, die anderen beklagen sich über Überbehütung. Es ist doch einfach so: Was immer man als Eltern auch macht, in den Augen der Kinder ist es falsch und der Tag wird kommen, an dem sie dir die wüstesten Vorwürfe machen werden. So sie denn überhaupt noch mit dir reden werden…“

Der Optimismus unterbricht und schimpft: „Jetzt hör doch mal auf, solchen Mist zu erzählen. Von wegen, die werden nicht mehr reden mit dir! Schau doch nur, wie offen ihr heute miteinander reden könnt. Glaubst du wirklich, dass so etwas verloren gehen kann? Wo ihr doch sogar ganz offen über euer Versagen redet und euch bei euren Kindern entschuldigt, wenn ihr etwas falsch gemacht habt. Wie sollen die Kinder euch da nur etwas nachtragen können?“

„Und ob die euch etwas nachtragen können: Die werden keinen Respekt haben vor euch, weil ihr jedes Mal zu Kreuze kriecht, wenn ihr versagt habt. Und glaub mir, eure Entschuldigungen nützen einen alten Hut, denn es reicht nicht, wenn man versucht, sein Bestes zu geben. Man muss der Beste sein, um vor dem strengen Urteil der Kinder bestehen zu können“, sagt der Pessimismus.

In diesem Stil tobt die Diskussion weiter. So lange, bis Mama Venditti nicht mehr hinhören mag, sich die Finger in die Ohren stopft und vor sich hin murmelt: „Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als zu sehen, was die Zukunft bringt. Und immer schön gesprächsbereit bleiben, damit wir später, wenn die Vorwürfe kommen, noch miteinander reden können, um die Missverständnisse wieder aus dem Weg zu räumen. Denn was immer wir auch falsch machen, eigentlich meinen wir es ja nur gut, ‚Meiner‘ und ich…“