Voll erwischt

Noch keine acht Jahre alt ist sie, unsere Luise, und schon hat es sie erwischt, dieses Fieber, an dem wir Romantikerinnen früher oder später erkranken. Ich musste ganze zweiundzwanzig Jahre alt werden, bevor ich vom Jane-Austen-Virus befallen wurde, aber wenn das Virus mal in der Familie ist, dann dauert es meist nicht lange, bis auch andere Familienmitglieder ansteckt. „Meiner“ war der Erste, was mich doch sehr erstaunte, können doch Männer, Romantiker hin oder her, gewöhnlich wenig mit Emma Woodhouse, Lizzie Bennet & Co. anfangen. Nun, „Meiner“ konnte und so ist es wohl kaum verwunderlich, dass Luise schon jetzt auf den Geschmack gekommen ist.

In den Ohren lag sie uns ja schon lange mit ihrem Wunsch, sie möchte doch endlich einmal die Verfilmung von „Emma“ sehen, doch nachdem unsere Nichten damals wenig begeistert gewesen waren von dem Film, wehrten wir ab, mit der Begründung, Luise würde sich bloss langweilen. Gestern aber liess sich unsere Tochter nicht mehr länger vertrösten und suchte bei YouTube nach Filmausschnitten. Natürlich wurde sie fündig und bald darauf sass sie schmachtend da, entrückt in eine andere Welt. In eine Welt, in der die Kleider schöner, die Männer galanter und die Liebe romantischer ist. Spätestens als Luise sehnsüchtig seufzte, als Mister Knightley und Emma sich hingebungsvoll küssten, wusste ich, dass es unsere Tochter ganz gewaltig erwischt hat. Man konnte die rosa Wölkchen, auf denen sie schwebte, förmlich sehen.

Das Ende des Trailers brachte Luise wieder auf den harten Boden der Tatschen zurück: „Ich glaube, ich werde nie einen Mann finden“, seufzte sie und ich wollte schon bemerken, dass es wohl heutzutage wirklich schwierig werden könnte, einen Gentleman wie Mister Knightley zu finden, als sie fortfuhr: „Mein Mann muss nämlich so schön sein wie Papa und so einen finde ich ganz bestimmt nicht.“ Karlsson, der daneben sass und nicht so recht wusste, ob er nun bei der romantischen Schwelgerei der beiden einzigen Frauen im Haus mitmachen sollte oder nicht, ermahnte seine Schwester: „Aber Luise, du weisst doch, dass es nicht nur auf die äussere Schönheit ankommt. Die innere Schönheit ist viel wichtiger.“ Luise überlegte einen Moment lang und sagte dann: „Aber Mama hat bei Papa auch auf die äussere Schönheit geschaut, als sie ihn geheiratet hat.“

Nun, ich meine, dass Luise sich noch ein wenig Zeit lassen soll mit der Frage nach dem Mann des Lebens, aber dass ich nun endlich weibliche Gesellschaft habe, wenn ich mir mal wieder einen Kostümfilm reinziehen will, freut mich natürlich ungemein. Denn auch wenn es schön ist, dass „Meiner“ meine Liebe zu Schnulzen teilt, so richtig schwelgen lässt sich eben nur mit anderen Frauen. Auch wenn diese Frau, mit der ich in Zukunft schwelgen werde, noch keine acht Jahre alt ist.

Reden wir mal über Geld

Okay, ich weiss, das Thema ist hoch unanständig und ich würde mich nicht darüber wundern, wenn ich den einen oder anderen Leser verliere, weil ich über solche Schweinereien schreibe. Aber nachdem sich in der Weihnachtszeit die Schlagzeilen zum Thema „Armut in der reichen Schweiz“ und „Working Poor“ wieder häufen und sich zudem zum  Jahresende die Rechnungen bei uns türmen, komme ich nicht umhin, mich mal wieder mit den schmutzigen Geheimnissen unseres Lebens zu befassen.

Vergleicht man den Lebensstandard von uns Schweizern mit dem Lebensstandard eines Grossteils der Weltbevölkerung, dann muss man gestehen, dass hierzulande wohl kaum einer weiss, was es bedeutet, richtig arm zu sein. Also arm im Sinne von kein Dach über dem Kopf, keine warmen Kleider, keine Gewissheit, ob man morgen wieder etwas zum Essen haben wird. Diese Art von Armut kennen die Wenigsten von uns und wenn unsere Kinder jeweils wissen wollen, ob wir arm oder reich seien, erkläre ich ihnen genau dies: Dass wir, verglichen mit den meisten Menschen auf diesem Planeten, steinreich sind. Und es stimmt ja auch, wir haben mehr als genug. Ein Haus, Schränke voller Kleider, mehr als genug zu Essen und dann noch sehr viele Dinge, von denen die meisten Menschen nicht mal träumen können. Zum Beispiel, um nur etwas zu nennen, diesen Computer, in dessen Tasten ich jeweils meine Texte haue. Nein, arm sind wir wirklich nicht.

Und doch gibt es da dieses Gefühl von Ohnmacht, wenn an einem Tag wie heute die Krankenkasse mitteilt, dass sie uns hunderte von Franken an Leistungen zuviel ausbezahlt hätten, die wir nun gefälligst zurückzahlen sollten. Zur gleichen Zeit lassen sie uns wissen, wie hoch der Betrag sein wird, den wir ab nächstem Jahr zu bezahlen hätten und „Meiner“ und ich schauen uns nur noch schweigend an, weil wir uns fragen, wie wir das alles bezahlen sollen. Wo wir doch genau wissen, dass die Prämienverbilligung, die uns dabei hilft, die Krankenkassenprämien zu bezahlen, erst im Laufe des nächsten Jahres ausbezahlt wird. Wir wissen auch, dass neben den Krankenkassenrechnungen noch ganz viele weitere Rechnungen darauf warten, beglichen zu werden. Rechnungen, die einfach so ins Haus flattern, ohne dass wir einen Einfluss darauf hätten. Weil das Leben in der Schweiz eben etwas kostet. Und zwar ziemlich viel.

So viel, dass wir reichen Leute nicht umhin kommen, uns bei der Fülle an Auslagen, die wir kaum oder gar nicht beeinflussen können, zuweilen sehr arm fühlen. Diese Überforderung, sich abzurackern und doch nie genug zu haben, diese Angst vor unvorhergesehenen Auslagen, welche das Ganze Budget aus dem Lot zu bringen drohen, dieses Gefühl von Ohnmacht, weil der Reichtum, in dem der Durchschnittsschweizer lebt, einen sehr hohen Preis hat, das alles kann einem ganz schön zusetzen. Nein, ich will nicht jammern, zumal man mir sofort den Vorwurf machen würde, wir hätten eben nicht so viele Kinder haben sollen. Ich will dankbar sein für alles, was wir haben, aber zuweilen wünsche ich mir eine Verschnaufpause in dem endlosen, unglaublich kräfteraubenden Spiel von Geld einnehmen und Löcher stopfen. Hin und wieder träume ich von einem Leben, in dem die Angst vor dem finanziellen Abgrund nicht existiert.

Und dann träume ich auch von einem Leben, in dem es nicht als unanständig gilt, über solche Dinge zu reden. Wie viele von uns reichen Schweizern fühlen sich als absolute Versager, weil sie glauben, sie seien die Einzigen, die es einfach nicht schaffen, etwas für Notzeiten auf die Seite zu legen? Wie viele von uns machen sich selber schwere Vorwürfe, wenn ihnen die Monatsabrechnung mal wieder die Tränen in die Augen treibt? Wie viele von uns fürchten sich hin und wieder vor dem Tag, an dem sie den Kindern Winterschuhe kaufen müssen, weil sie nicht wissen, ob bis dahin wieder genug Geld auf dem Konto ist? Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umsehe, habe ich jeweils das Gefühl, wir seien die Einzigen, denen es so geht. Wenn ich aber die Statistiken anschaue, wird mir bewusst, dass es noch ganz vielen anderen ähnlich gehen wird, dass aber jeder sich schämt, darüber zu reden, weil er glaubt, wenn er sich nur etwas mehr anstrengen würde, sähe es anders aus mit seinen Finanzen

Nein, ich will nicht klagen, denn bei uns ist es am Ende immer irgendwie aufgegangen. Manchmal besser, manchmal schlechter, aber irgendwie kommen wir immer über die Runden. Aber ich wünschte schon, dass ich nicht jeden Luxus, den wir uns hin und wieder leisten, später wieder bereuen müsste, wenn ich merke, dass das Geld dafür nicht gereicht hätte, wenn ich gewusst hätte, welche Rechnung demnächst wieder bei uns eintreffen würde. Und manchmal wünschte ich auch, dass andere Leute offener über die schmutzigen Geheimnisse in ihrem Leben reden würden. Damit wir uns nicht immer wie die einzigen Deppen in unserem reichen Land fühlen müssen.

Ganz die Mama

Wer kennt das nicht: Eines Tages dämmert einem, dass man endlich mal wieder etwas für die Fitness tun sollte und man fängt an, bei jeder Gelegenheit davon zu reden, dass man unbedingt mehr Sport machen sollte und dass man sich einfach noch nicht entscheiden kann, ob man lieber schwimmen oder Rad fahren möchte. Irgendwann gibt man sich einen Ruck, besorgt sich ein Abo und eine Ausrüstung und dann nimmt man sich ganz fest vor, sich regelmässig am Riemen zu reissen und die ersten drei Wochen geht das wirklich ganz gut. Voller Elan macht man sich auf zur körperlichen Ertüchtigung, voller Stolz verkündet man im Bekanntenkreis, man betreibe jetzt regelmässig Sport, voller Freude hätschelt man den ersten Muskelkater. Nach drei Wochen, manchmal auch etwas früher oder etwas später, ist es vorbei mit der ersten Euphorie, doch man rafft sich noch zwei oder dreimal auf, sich dennoch in die Sportkleider zu stürzen und den Lesesessel zu verlassen. Gut, während man dabei beim einen Mal noch den Weg in die Sporthalle findet, landet man beim anderen Mal schon vor dem Training im Café. Schliesslich ist der gute Vorsatz ganz verpufft und das Abo läuft ab, ohne dass man es je voll ausgeschöpft hätte.

So ähnlich war das auch mit dem Zoowärter und dem Muki-Turnen. Den ganzen Sommer über freute er sich darauf, im Herbst wieder jede Woche mit mir in die Turnhalle zu gehen. Jedes Mal, wenn er seine Turnhose sah, redete er davon, was er alles machen werde, wenn der Spass erst wieder losginge. Jedem, der es hören wollte, erzählte er, dass er dann wieder mit Mama ins Turnen gehen werde. Als es endlich soweit war, war die Begeisterung riesig. So riesig, dass ich ihm gleich ein Muki-T-Shirt bestellen und uns in die Liste der regelmässigen Teilnehmer eintragen musste. In der ersten Zeit hätte er täglich dorthin gehen mögen. Doch so langsam aber sicher kühlt sich die Begeisterung ab. Irgendwann begann er, auf dem Weg zu trödeln, er fragte mitten in der Stunde, wie lange das denn noch dauern würde und seit einer Woche nun weigert er sich, das Haus zu verlassen. Er wolle lieber schlafen, lässt er mich jeweils wissen, wenn ich ihn morgens zur Eile antreiben will.

Nun wäre es natürlich an mir, den Zoowärter zu motivieren, ihm zu sagen, dass Sport eine ganz tolle Sache sei und dass wir uns doch verbindlich angemeldet hätten. Und ich war heute Morgen, als er wieder nicht aus dem Bett kommen wollte, tatsächlich nahe daran, ihn zu überreden. Doch dann liess ich es bleiben. Denn weshalb soll ich von meinem Sohn etwas erwarten, was ich selber nicht zustande bringe? Wozu soll ich ihn zwingen, seinen inneren Schweinehund zu überwinden, wo ich doch meinen eigenen nicht im Griff habe? Und zu guter Letzt: Warum soll ich ausgerechnet in einem der wenigen Bereiche einschreiten, in denen mein Zoowärter nach mir kommt? Wo er doch sonst ganz der Papa ist.

Verschmähte Liebe

Wer mich kennt, weiss, dass ich für die Kinder über fast jeden Schatten springe. Der FeuerwehrRitterRömerPirat wünscht sich eine jener unsäglichen Autorennbahnen mit Loopings zu Weihnachten? Natürlich kriegt er sie, auch wenn sowohl Mama als auch Papa von einer Welt ohne Autos träumen. Die Kinder möchten so furchtbar gerne einmal Toast Hawaii essen? Na dann, bereiten wir ihnen eben diese kulinarische Sünde zu. Wir können dann ja immer noch auf den Stockzähnen grinsen, wenn die Kinder erkennen müssen, dass aufgeweichtes Toastbrot mit Schinken, Käse, Ananas und Kirsche nicht der Gipfel aller Genüsse ist. Karlsson will deutsche Schlager und Ländlermusik hören? Nun, soll er doch, solange er es in einer einigermassen erträglichen Lautstärke tut. Und wenn er die Geschmacksverirrung danach durch das Hören von Bach, Mozart und Mani Matter ausgleicht, ist die Welt auch für uns wieder in Ordnung.

Sehr weit Anlauf nehmen musste ich allerdings, als ich neulich beim Wocheneinkauf über meinen Schatten sprang und je zwei Blut- und Leberwürste in den Einkaufswagen legte. Offen gestanden bin ich in meinem doch nicht mehr ganz kurzen Leben noch nie mit dieser Scheusslichkeit in Kontakt gekommen. Aber seitdem Karlsson für alles schwärmt, wovor Mama sich ekelt und seitdem der FeuerwehrRitterRömerPirat es seinem grossen Bruder gleichtun will, dämmerte mir, dass ich wohl nicht ewig meine Augen verschliessen könnte ob der blutrünstigen Schlemmerei, die da jeweils im Herbst getrieben wird. Von Menschen, die einem solchen Gelage schon beigewohnt haben, habe ich mir sagen lassen, dass die Sache ziemlich abstossend sein muss. Von aufspritzenden Säften berichtete man mir und von einem Gestank, der für Aussenstehende nicht eben appetitanregend sei. Und deshalb habe ich lange so getan, als wüsste ich nicht, wovon er redet, wenn Karlsson bat, ich möchte ihm doch einmal Blutwürste kaufen. Aber ich wusste, dass ich irgendwann würde nachgeben müssen und so lagen also die Würste letzen Donnerstag im Einkaufswagen und heute Mittag im heissen Wasser. Ich habe mal angenommen, dass man die Dinger in heissem Wasser gart, aber vielleicht war das vollkommen falsch. Ich weiss nämlich nicht, welches die korrekte Art ist, Blut- und Leberwürste geniessbar zu machen.

Ich weiss übrigens auch nicht, ob das Zeug tatsächlich spritzt, wenn man mit der Gabel dreinsticht, ich weiss nicht, ob das Zeug so eklig ist, wie es aussieht und schon gar nicht weiss ich, ob meine Söhne Blut- und Leberwürste nun mögen oder nicht. Alles was ich weiss, ist, dass die Würste so bestialisch gestunken haben, dass weder Karlsson, noch der FeuerwehrRitterRömerPirat noch der Zoowärter sie angerührt haben. Und so liegen sie da, unberührt und eklig, ein Zeichen meiner überschwenglichen Mutterliebe, die über jeden Schatten springt. Die Art von Mutterliebe, die beim heutigen Mittagessen so herzlos verschmäht wurde.

Worüber ich übrigens gar nicht so unglücklich bin. Man stelle sich mal vor, wie unser Speiseplan in Zukunft aussehen würde, wenn die Jungs die Würste geliebt hätten.

 

Home sweet home?

Luise ist wieder zu Hause, was ich als fürsorgliche Mutter natürlich begrüsse. Ich meine, es gibt doch nichts Besseres für ein Kind, als in seiner vertrauten Umgebung gesund zu werden. Dort, wo die Menschen sind, die sie lieben und die sie liebt. Dort, wo sie all ihre Sachen, ihr gewohntes Essen und auch die Ruhe hat, die sie im Spitalzimmer, das sie mit einer fünfzehnjährigen Quasselstrippe teilen musste, vergeblich herbeisehnte. Ist doch einfach schön, dass man heute die Kinder nicht mehr unnötig lange im Krankenhaus behält, wo sie sich vor lauter Schläuchen und Apparaturen kränker fühlen, als sie wirklich sind. So sehe ich das, theoretisch zumindest.

Praktisch ist es leider so, dass in den Augen eines kleinen Bruders die grosse Schwester, die einen Infusionsschlauch hinter sich herzieht, ein schutzbedürftiger Mensch ist. Auf eine grosse Schwester aber, die zwar noch etwas müde und blass, sonst aber wieder ganz die Alte ist, muss man doch nicht sonderlich Rücksicht nehmen, nicht wahr? Jetzt ist sie ja wieder da, also kann man sich wieder wie gewohnt mit ihr streiten. Wegen dieser klitzekleinen Wunde am Bauch soll die doch kein Geschrei machen. Ist doch alles halb so wild. Dann will sie auch noch ganz alleine mit Mama Guetzli backen, bloss weil sie nicht dabei war, als die anderen das Lebkuchenhaus bauten. Und das, nachdem sie Mama einen Tag und zwei Nächte lang ganz für sich alleine haben durfte. So ein Affentheater, bloss wegen diesem kleinen Blinddarm.

Aber auch für uns Eltern ist es im Alltag gar nicht so einfach, Luise die Ruhe zu bieten, die sie eben auch jetzt noch braucht, obschon sie zwischendurch schon ganz fit und munter ist. Liegt dein Kind im Krankenhausbett, klein, hilflos und müde, dann wird dir bewusst, wie sehr sie auf dich angewiesen ist. Liegt dein Kind zu Hause auf dem Sofa, musst du aufpassen, dass du überhaupt mal Zeit findest, dich um sie zu kümmern. Zwischen dem schrillenden Telefon, den anderen Kindern, die jetzt auch wieder Aufmerksamkeit brauchen, zwischen Abwasch, kochen und Aufwischen geht ein krankes Kind zuweilen fast vergessen. Und dies, obschon sie auch jetzt noch ganz viel Zuwendung bräuchte, um wieder ganz auf die Beine zu kommen.

Mag sein, dass Luise sich zu Hause wohler fühlt, aber ich bin mir fast sicher, dass ihr ein weiterer Ruhetag im Krankenhaus dennoch ganz gut getan hätte. Auch wenn ich theoretisch weiterhin der Meinung bin, dass man zu Hause schneller gesund wird.

Krippenspiel-Karriereleiter

Wie fast überall im Leben, gibt es auch bei den Krippenspielen eine Karriereleiter. Im ersten Jahr startet man als Schaf, im zweiten Jahr darf man ein Hirte sein,  im dritten dürfen die Jungs einen der drei Könige sein, die Mädchen ein Engel und schliesslich folgt im vierten Jahr die Krönung, wenn man Maria oder Josef sein darf. So zumindest sieht die Karriere aus, wenn sie ohne Hindernisse verläuft.

Bei Luise nun ist die Karriere ins Stocken geraten. Eigentlich sollte sie schon längst die Maria machen dürfen, aber seit drei Jahren nun ist sie auf der Stufe Engel stehengeblieben. Was vielleicht an ihrem engelsgleichen Aussehen liegt. Luise findet es dennoch  ziemlich doof, dass es karrieremässig nicht vorwärts geht und man weiss ja, dass die Zeit drängt, wo sie doch in wenigen Jahren zu alt sein wird, um noch eine Rolle in einem Krippenspiel zu kriegen. Krippenspielregisseure sind da noch gandenloser als Hollywood-Regisseuere. Unter diesen Umständen ist es für Luise natürlich auch kein Trost, dass sie in diesem Jahr zumindest den Engel Gabriel machen darf. Sie findet, dass sie jetzt lange genug auf die Krönung ihrer Karriere gewartet hat und es tröstet sie auch  nicht, dass ihre Mama damals auch auf der Stufe Engel stehen geblieben war. Ob wir nächstes Jahr mit Bestechungsgeldern nachhelfen müssen?

Ernsthafte Sorgen machte ich mir, als der FeuerwehrRitterRömerPirat mir meldete, er sei in diesem Jahr als  Kartoffelsack zu sehen sein. Haben die jetzt tatsächlich weitere Hierarchiestufen eingeführt und unser armer kleiner Sohn muss noch einmal ganz unten anfangen, obschon er sich doch  einmal schon ganz leidlich durchgeschlagen hat? Wie kann ich mich denn damit brüsten, wenn ich den Leuten sagen muss: „Mein Sohn hat in diesem Jahr den Kartoffelsack so bravourös gespielt, dass er im nächsten Jahr ganz bestimmt die Eselsrolle bekommt.“? Nach mehrmaligem Nachhaken hat sich aber herausgestellt, dass ich ganz unbesorgt sein kann. Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist ein Hirte, so wie es sich gehört, wenn man schon zum zweiten Mal dabei ist. Aber weil dieser Hirte einen alten Kartoffelsack trägt, war der FeuerwehrRitterRömerPirat offenbar anfangs ein wenig verwirrt, wer er denn nun sei.

Was mache ich bloss falsch?

Es ist mal wieder soweit: Der Käfer, der alle unsere Kinder mal kurz gestreift hat, so dass sie ein paar Stunden lang ein wenig kränklich waren, hat mich niedergestreckt. Das ist immer so, wenn mal wieder alles ein bisschen viel wird. Und viel war es in den letzten Wochen eindeutig. Zu viel, wie mein Brummschädel, meine Gliederschmerzen und meine zittrigen Beine sagen wollen. Was nicht weiter schlimm ist, denn Au Pair sei Dank kann ich endlich wieder einmal krank machen, wenn ich krank bin und muss nicht durchbeissen bis zum  Wochenende, wenn ich eigentlich schon längst wieder gesund wäre, mich aber dann aus Trotz doch noch einen Tag ins Bett lege. Nein, diesmal ist das Kranksein schon fast Genuss: Schlafen, soviel wie nötig, auf dem Sofa liegen und schreiben, wenn ein Text da ist, dem Gequassel der Kinder lauschen und mich daran freuen, dass ich krank sein darf.

Eines aber gab mir heute früh schon zu denken: Da sorgten „Meiner“ und das Au Pair dafür, dass die Kinder satt und sauber aus dem Haus gehen konnten und ich lag im Halbschlaf im Bett und wartete auf das übliche Geschrei. Aber das Geschrei kam nicht. Alles blieb so still, dass ich hin und wieder sogar ganz in den Schlaf abdriftete. Es war beinahe schon unheimlich: Kein Tobsuchtanfall von Luise, weil die Lieblingshose noch nicht gewaschen ist, kein Herumbrüllen von „Meinem“, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat mal wieder keinen Wank tat, kein Gejammer von Karlsson, weil er seine Hausaufgaben nicht finden konnte. Der Zoowärter und das Prinzchen noch in seligem Schlummer, weil sie für einmal vor dem üblichen Radau verschont blieben.

So langsam begann ich, mir Sorgen zu machen. Ich meine, irgend etwas kann doch nicht stimmen, wenn die selben Kinder, die mich Morgen für Morgen fast in den Wahnsinn treiben, auf einmal so friedlich und folgsam sind. Und wie wir Mütter eben so sind, fing ich an, mir selber Vorwürfe zu machen. „Du bist eben einfach zu ungeduldig mit den Kindern, darum habt ihr jeden Morgen Krach“, meldete sich eine Stimme zu Wort. „Und du bist in deiner Morgenmuffeligkeit eben einfach so unausstehlich, dass man dich kaum ertragen kann“, meinte eine andere Stimme. Eine dritte warf mit vor, ich müsste mir eben jeden Morgen etwas Spezielles einfallen lassen, dann würden die Kinder auch fröhlicher in den Tag starten. So lag ich da, lauschte den Stimmen und wartete darauf, bis endlich das grosse Chaos vor der Schlafzimmertüre ausbrechen würde, doch das Einzige, was ich hörte, waren die Schritte der Kinder, als sie sich kurz vor acht Uhr fröhlich auf den Weg machten. Was meinem Selbstbewusstsein einen weiteren Stoss versetzte. Warum sind die immer so störrisch, wenn ich Dienst habe und kaum bin ich mal krank, sind sie lammfromm und tun, was Papa und Au Pair von ihnen erwarten?

Die Sache setzte mir derart zu, dass ich nicht mehr weiter schlafen konnte. Also kämpfte ich mich aus dem Bett, um mal aufs WC zu gehen. Und da sah ich auch gleich, weshalb unsere entzückenden Kinder heute so brav aus dem Haus gegangen waren: Draussen fiel der erste Schnee.

In oder out?

Okay, eigentlich bin ich ganz glücklich, dass es in unserem Haushalt weder Wii, noch x- Box, noch all den anderen Mist gibt, mit welchem unsere Kinder die Zeit vertrödeln könnten. Ich bin auch nicht traurig darüber, dass die kleinen Vendittis scheinbar die einzigen Kinder sind, die Star Wars nur vom Hörensagen kennen. Und ich finde es auch nicht weiter schlimm, dass Hannah Montana in Luises Kleiderschrank noch nicht Einzug gehalten hat.

Es ist nicht so, dass wir unseren Knöpfen das alles einfach verbieten, sie haben bis anhin einfach kein großes Interesse an solchen Dingen gezeigt, und ich sehe keinen Grund, dieses Interesse künstlich zu wecken. Wir sind auch nicht grundsätzlich gegen technischen Fortschritt, aber wir sehen nicht ein, weshalb wir immer gleich jeden Mist mitmachen sollten. Unsere Kinder scheinen auch ohne den ganzen Kram ganz glücklich zu sein und immerhin dürfen sie ja hin und wieder mit Mamas iPad spielen.

Zuweilen aber Stelle ich mir die Frage, ob wir hier nicht ein gigantisches Nachholbedürfnis herbeizüchten, das unsere Kinder dereinst werden stillen wollen. Die Zweifel befallen mich zum Beispiel dann, wenn wir gemeinsam einen Katalog durchblättern und unsere Kinder nicht wissen, dass man dieses hässliche schwarze Ding auf dem Bild x-Box nennt. Noch mulmiger wird mir, wenn ich ihnen nicht erklären kann, wozu diese gut sein soll. Hätten wir nicht ein sehr schlaues Au Pair, unsere Kinder würden weiter im Dunkeln tappen.

Mulmig wird mir auch, wenn ich mit einem Ohr zuhöre, wie unsere Kinder beim Zeichnen miteinander reden. „Ich zeichne der Frau eine Hannah Montana auf den Pullover“, verkündet Luise und Karlsson meint, er hätte doch schon
immer geahnt, dass Luise Hannah Montana cool finde. Worauf Luise so laut protestiert, dass mir sofort klar wird, wie sehr unsere Tochter hin- und hergerissen ist zwischen Faszination und Abscheu. Ganz ähnlich wie damals ihre Mutter, die zwar wusste, dass Barbie fürchterlich doof und stillos ist, die aber dennoch ganz gerne mal so ein doofes, stilloses Ding ihr Eigen genannt hätte.

Als Kind von Eltern, die schon vor dreißig Jahren auf Bio, Handgestricktes, Umweltschutz und Konsumverzicht schworen, weiss ich nur zu gut, wie sehr es nerven kann, wenn Erwachsene einem mit ihren Überzeugungen jeden politisch oder ökologisch inkorrekten Spass verderben. Als Erwachsene, die weiß, dass ihr diese Erziehung nicht geschadet hat, sondern sie zu einem mehr oder wenigen kritisch denkenden Menschen gemacht hat, bin ich aber heute überzeugt, dass meine Kinder durchaus auch zu glücklichen Menschen heranwachsen, wenn sie nicht jeden Mist mitmachen müssen.

Und so wird mir einmal mehr bewusst, dass es in der Erziehung nicht den einzig gangbaren Weg gibt, dass es ein stetiges Abwägen bleibt zwischen Ja und Nein, sinnlos und sinnvoll, In-sein und Out-sein. „Meiner“ und ich werden wohl nicht davor verschont werden, uns hin und wieder sehr unbeliebt zu machen bei unseren Kindern, aber ich hoffe doch sehr, dass wir es auch ab und zu hinkriegen, Dinge zu erlauben, die unseren Überzeugungen nicht in allen Punkten entsprechen.

Für den Moment aber bin ich einfach nur froh, dass unsere Kinder noch ganz zufrieden sind, wie die Dinge sind. Zumindest dieses Jahr werde ich noch guten Gewissens sämtliche Weihnachtswünsche erfüllen können. Mal abgesehen davon, dass Luises „Sylvanian Famileis“ in China hergestellt worden sind.

Wieder Kind werden

Beim ersten Kind war es ja noch ganz einfach und beim Zweiten auch: All die Wunder der Kindheit, die man in bester Erinnerung hat, sind wieder da. Der erste Tannenbaum, unter dem ein echtes Baby liegt und nicht bloss eines aus Holz oder Maisstroh. Der erste Geschenkekatalog, der ins Haus flattert und der einen fast ebenso magisch anzieht wie damals, als man selber noch einen Wunschzettel zusammenkleistern durfte. Das erste Weihnachtsfenster, das endlich einmal so werden soll, wie man es sich als Kind immer erträumt hatte. Die Auferstehung all der Traditionen, die man als Kind so geliebt hatte, die sich aber ganz allmählich mit dem Grösserwerden der Kinder aus dem Leben geschlichen hatten, weil das, was für die Kinder so wunderbar, so magisch war, für die Eltern mehr und mehr zum Stress verkommen war.

Bei uns würde das natürlich ganz anders sein, das wussten wir, schon bevor wir Kinder hatten. Bei uns würde die heilige Zeit heilig bleiben, die Geheimnisse würden Geheimnisse bleiben, die Freude der Eltern jedes Jahr so echt und ungetrübt wie die Freude der Kinder. Und anfangs war dies, wie bereits erwähnt, noch sehr einfach. Mit den ersten Kindern wurden wir selber wieder ein bisschen Kind, machten uns voller Elan an das Umsetzen all der Träume, die wir schon als kleine Kinder hatten, die dann aber unsere Eltern nicht immer so erfüllen konnten oder wollten, wie wir dies erwartet hätten. Ja, bei uns würde das anders sein, zauberhafter, kindlicher, stressfreier.

Doch dann wurden der Kinder mehr und diejenigen, die schon da waren, wurden grösser, die Jahre jagten sich immer schneller und bald einmal ertappte man sich dabei, wie man seufzte: „Mist, wir sollten schon wieder den Samichlaus organisieren. Wo sollen wir  denn den noch in den Terminkalender quetschen?“ Den kleineren Kindern die Vorfreude auf den Samichlaus nicht zu verderben und den grösseren dennoch zu gestehen, dass unter dem roten Mantel und dem weissen Bart ein ganz gewöhnlicher Mann steckt, ist gar nicht so einfach. Noch schwieriger ist es, zu verhindern, dass die Grossen den Kleinen den Zauber ruinieren, bevor diese überhaupt eine Chance gehabt hatten, so richtig an den Samichlaus zu glauben. Und während man in den ersten Jahren des Familienlebens noch sehnsüchtig darauf gewartet hatte, endlich das Glöckchen läuten zu dürfen und sich an den glänzenden Augen der Kinder zu erfreuen, wenn sie zum ersten Mal den Tannenbaum sehen, so muss man heute aufpassen, dass das Ganze nicht zu der ewig gleichen Routine wird. Nicht, weil man dies will, sondern weil halt alles, was man mehrmals erlebt hat, zur Routine werden kann. Wenn wir nicht aufpassen, dann sind wir schon bald soweit, dass wir uns fragen, ob wir für einmal nicht auf den Samichlaus verzichten sollen, oder ob es den Kindern wohl etwas ausmachen würde, wenn sie in diesem Jahr ohne Adventskalender auskommen müssten….

So würden wir wohl denken, wäre ich in den vergangenen Tagen nicht wieder vermehrt dem Kind begegnet, das ich mal war. Da sass ich am Computer und verirrte mich schreibend in eine weihnächtliche Welt, die immer zauberhafter wurde, immer mehr so, wie ich mir das damals, als ich noch klein war, vorgestellt hatte. Und wenn ich wieder auftauchte aus meiner Weihnachstwelt, traf ich auf den Zoowärter, der gedankenverloren auf dem Sofa sass, das „Geschenkebuch“ der Migros von vorne nach hinten und wieder zurück durchblätterte und murmelte: „Das wünsche ich mir und das hier und dann natürlich noch das da oben…“ Plötzlich wurde mir wieder klar, dass die Weihnachtszeit für jedes Kind eine besondere Zeit ist, egal, wie oft die Familie schon Weihnachten gefeiert hat, egal, wie sehr man den ganzen Konsumwahn verteufeln mag, egal, wie sehr man sich darüber ärgert, dass der Sinn des Festes im ganzen Trubel verloren geht. Und so fasse ich heute den Entschluss, dass ich immer wieder Kind werden will. Denn ich ahne, dass nur wer Kind bleibt, es zustande bringt, in der guten alten Advents- und Weihnachtszeit einzig das Schöne zu sehen und das Schlechte auszublenden.

Zehn Jahre Karlsson

Zugegeben, meine Liebeserklärung an Karlsson kommt heute etwas sehr spät. Dies hat zwei Gründe: Erstens durfte ich heute nach ausgiebigen Geburtstagsfeierlichkeiten auch noch der Geburt eines Vereins beiwohnen und zweitens hat sich Karlssons ja damals auch erst drei Minuten vor Mitternacht dazu entscheiden können, Mamas Bauch doch noch am 17. und nicht erst am 18. zu verlassen. Und deshalb wird er ja streng genommen erst in einigen Minuten zehn Jahre alt.

Wird man Mama von einem Jungen, kommt man nicht umhin, mit zahlreichen Klischees konfrontiert zu werden. Die Leute schenken dem Kind marineblaue und dunkelbraune Kleider, sie bringen Spielzeugautos und Bagger mit und sie glauben, dich vorwarnen zu müssen, dass es nun wohl ziemlich rund gehen würde bei dir zu Hause. Würde man sich nach den Klischees richten, man hätte als Eltern eines Sohnes eine wahrlich eintönige Zukunft vor sich. Aber wir wurden ja Gott sei Dank nicht Eltern eines Klischees, wir wurden Eltern von Karlsson. Und dieser Karlsson, das wird mir an Tagen wie heute ganz besonders bewusst, entspricht ganz bestimmt nicht den gängigen Klischees.

Nehmen wir mal das Thema seiner Geburtstagsparty, die übernächstes Wochenende stattfindet: „Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert“, wie er auf der Einladung an seine Freunde schrieb. Oder nehmen wir das Geschenk, das er sich mit Gotte und Götti ausgesucht hat: Eine 130-jährige Petroleumlampe, die er hütet wie seinen Augapfel und die er am liebsten als einzige Beleuchtung im ganzen Haus einsetzen würde. Oder nehmen wir seine Antwort, als ich ihn heute fragte, ob er denn nicht seinen besten Freund zum Mittagessen einladen wolle: „Ach weisst du, Mama“, meinte er, „an meinem Geburtstag möchte ich eigentlich beim Mittagessen nur mit meiner Familie zusammen sein.“

So ist er, unser Karlsson und ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich daran denke, wie man uns damals, als er noch ganz klein war, gewarnt hatte, das Kind werde bestimmt ganz wild, ja, vielleicht sogar hyperaktiv, so, wie Jungs eben seien. Karlsson ist – wie wohl sehr viele Jungen – das pure Gegenteil von dem, was man uns damals gesagt hatte. Karlsson ist Karlsson, einmalig mit seinem Humor, mit seiner Liebe zu alten Dingen, mit seiner Fantasie, mit der er sich die Welt besser erträumt, mit seinen bunten Kleidern, mit seinem aufbrausenden Temperament, das in lebhaftem Kontrast zu seiner sensiblen Art steht, mit seiner Treue, die ihn in einem unansehnlichen Stück Stoff noch immer den geliebten Eisbären sehen lässt, den er zum ersten Geburtstag geschenkt gekriegt hat.

So bist du, geliebter Karlsson. So und noch ganz anders, denn wer könnte je einem Menschen mit einigen wenigen Sätzen gerecht werden? Und auch wenn ich dir weder mit meinen Worten noch mit meinen Taten je werde voll und ganz gerecht werden können, Eines bleibt: Ich bin so unglaublich dankbar, dass du mein Sohn bist.