Montagmorgen

Kaum waren heute Morgen Karlsson, Luise und der FeuwerwherRitterRömerPirat aus dem Haus, schnappte ich mir den Zoowärter und das Prinzchen und machte mich aus dem Staub, was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Nichts wie weg aus diesem Chaos! Nach der vergangenen Woche, in der ich rund um die Uhr damit beschäftigt gewesen war, die Unordnung einzudämmen und die Kinder davon abzuhalten, sich die Köpfe einzuschlagen, musste ich einfach wieder mal weg. Und weil ich inzwischen ziemlich sicher bin, dass des Prinzchens schlaflose Nacht durch Kälte hervorgerufen wurde, das arme Kind aber über keinen ganzen Schlafsack mehr verfügt, war ein Spontanausflug zu H & M das Einzige, was den Montagmorgen noch retten konnte. Dazu muss man noch wissen, dass montags sonst immer die Putzfrau kommt. Doch diese Woche macht sie Ferien. Weswegen ich heute Putzdienst hatte, was doch eindeutig zu viel ist für  einer Vollzeithausfrau, nicht wahr?

Also ab zu H & M. Dort herrscht am Montagmorgen bestimmt himmlische Ruhe. Dachte ich. Doch nichts da: Die Kinderabteilung war voller Eltern  mit quengelnden Babys und Kleinkindern. Meine Putzfrau ist wohl nicht die Einzige, die derzeit Ferien macht. Andere Eltern mussten wohl auch vor dem Chaos flüchten. Dennoch wurde es ein ganz vergnüglicher Einkauf. Weil ich ausnahmsweise nur zwei Kinder zu beaufsichtigen hatte, die ausserdem völlig friedlich im Wagen sassen, hatte ich mal wieder Zeit, Eltern zu belauschen. Folgende Szene hat mich besonders amüsiert:

Mama sucht eine Winterjacke für das anderthalbjährige Töchterlein, das sich nicht im Geringsten für das Thema interessiert. Papa scheint auch nicht gerade mit Feuereifer bei der Sache zu sein.

Mama, zuckersüss: „Willst du die hier?“

Töchterlein schüttelt trotzig den Kopf, Papa steht gelangweilt daneben.

Mama, etwas weniger süss: „Und die hier?“

Töchterlein schüttelt wieder trotzig den Kopf, Papa steht noch immer gelangweilt daneben.

Mama, etwas ungeduldig: „Und die hier? Die ist doch schön.“

Töchterlein schüttelt noch immer trotzig den Kopf, Papa schaut sich jetzt auch Jacken an, unterhält sich mit Mama.

Mama und Papa, leicht genervt: „Aber die hier ist wirklich schön. Willst du die?“

Töchterlein schüttelt weiterhin trotzig den Kopf.

An diesem Punkt musste ich das Geschäft fluchtartig verlassen, sonst hätte ich gebrüllt: „Um Himmels willen, kauft dem Kind die Jacke, die euch gefällt! Jetzt ist ihr nämlich noch völlig egal, was sie trägt. Doch bald schon wird sie bestimmen, was sie anzieht. Also kauft, solange ihr euer sauer verdientes Geld noch nicht für ‚Hello Kitty‘, ‚Disney Princesses‘ und ‚Hannah Montana‘ ausgeben müsst!“

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Grosse Worte

Manchmal weiss unser Zoowärter nicht, wovon er spricht. Er schnappt ja auch so viel von den grossen Geschwistern auf. So schaute er mich heute Mittag zärtlich an und sagte: „Mama, du bist ein dummer Scheissdreck!“ Und heulte los, als ich ihm erklärte, dass das, was er da gesagt habe,  frech sei. Er sei nicht frech, er sei ein liebes Kind, entrüstete er sich. Aber natürlich sei er ein liebes Kind, versicherte ich ihm, aber es sei trotzdem frech, was er gesagt habe. Worauf das Geheul wieder losging.

Auch „Meiner“ kommt zuweilen unter die Räder. Als der Zoowärter vorige Nacht nicht schlafen konnte, sich unruhig hin und her wälzte und nach dem Grund seiner Unruhe suchte, weckte er „Meinen“ nachts um zwei mit folgendem Kompliment: „Papa, du besch en domme Scheldchrott“, was soviel heissen soll wie „Papa, du bist eine dumme Schildkröte.“ Und die dumme Schildkröte blieb „Meiner“ für die nächsten vierundzwanzig Stunden. Bis „Meiner“ es irgendwann nicht mehr lusitg fand und den Zoowärter zurechtwies, er sei frech. Worauf der Kleine natürlich wieder losheulte…

„Scheissdreck“, „dumm“ und was der Schlötterlinge sonst noch sind, muss man als Eltern eines Zweieinhalbjährigen ertragen können. Der Kleine versteht ja noch nicht wirklich, was er da sagt. Aber glaube ja nicht, du könnest dem kleinen Menschen weismachen, dass du ihn auch dann über alles liebst, wenn du ihm erklären musst, dass das, was er da gesagt hat, frech gewesen sei. Eine solche Beleidigung ist einfach eine zuviel. Was sind die Eltern doch für dumme Schildkröten...

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Klamauk in der Ruhezone

Wenn ich mich alle Schaltjahre einmal in eine kinderfreien Zone begebe, werde ich innert Sekunden zum Kinderfeind. Man sollte es nicht für möglich halten, dass ich, die ich dafür plädiere, dass Kinder jeden hintersten Winkel dieses heruntergewirtschafteten Planeten beleben, mich je über kleine Menschen aufregen könnte. Aber ich kann es. Zum Beispiel, wenn man mir verspricht, dass in der Sauna nur Personen über fünfzehn Jahren Zutritt haben. Dann will ich dort keine Personen unter fünfzehn Jahren sehen, so gerne ich sie an allen anderen Orten auch sehen mag. Und erst recht will ich sie nicht hören. Und schon gar nicht herumschreien, lachen und blödeln hören. Dann will ich einfach meine Ruhe haben.

Noch mehr als herumblödelnde Kinder in der Sauna nerven mich die Mamas, die dies ihren Sprösslingen erlauben, die nicht einmal einschreiten, wennn es in der Ruhezone wirklich unerträglich laut wird. Brauchen die denn nie eine Verschnaufpause von ihren Kindern? Ist es denn wirklich zuviel verlangt, dass man sich an diese eine simple Regel hält? Ich schleppe ja meinen Nachwuchs auch nicht mit in die Sauna. Auch nicht dann, wenn sie mich auf Knien darum anflehen. Mütter müssten doch wissen, dass andere Mütter zuweilen ganz froh sind um einige Momente der Ruhe. Warum gönnen sie die einem dann nicht? Vielleicht deshalb, weil sie selber die Sauna auch nicht als einen Ort der Entspannung sehen.  Sondern als einen Ort, an dem man mit der Busenfreundin den neusten Tratsch austauscht.

Und jetzt ist fertig gejammert. Der Rest meines Geburtstags ist nämlich äusserst angenehm verlaufen.

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Vorurteile

Okay, ich geb’s ja zu. Ich habe zugelassen, dass sich in meinem Kopf Vorurteile bilden, und zwar gegen die Franzosen. Wer gerne nach England reist und auch sonst eher anglophil ist, denkt wohl mit der Zeit automatisch, die Franzosen seien arrogant, unfreundlich und was der Klischees sonst noch sind. Allein schon wegen  der Kontinentalsperre zu Zeiten Napoleons. Und Nicolas Sarkozy hat nicht eben dazu beigetragen, dass mir die Franzosen sympathischer wurden. Doch jetzt, wo ich nach vielen Jahren wieder mal in Frankreich bin, merke ich einmal mehr, dass Vorurteile nichts taugen. Die Franzosen sind ebenso nett, ebenso hilfsbereit, ebenso kinderfreundlich wie der Rest der Welt, nämlich mal mehr, mal weniger.

In einem Bereich werden wir uns aber trotz  aller wiedergewonnenen  Sympathie wohl nie finden: In der Abfalltrennung. Da soll ich doch tatsächlich PET-Flaschen, zerfledderte Zeitungen, Konservendosen und Aludeckel in den gleichen Sack schmeissen! Und Grünabfälle zusammen mit dem „Restmüll“ entsorgen! Wie können die nur? Bei jedem Aludeckeli, das im Sack landet, schreit die umweltbewusste Schweizerin in mir, die von frühester Kindheit an auf Aludeckelisammeln trainiert wurde, entsetzt auf. Bei jedem Salatblatt, das ich zum  „Restmüll“ schmeisse, schaue ich vorsichtig über meine Schultern. Hat mich auch ganz bestimmt keines der Kinder beobachtet? Nicht dass sie dieses frevelhafte Tun übernehmen und zu Hause den Abfall plötzlich à la francaise trennen.

Was mich an der ganzen Sache am meisten irritiert, ist, dass man mich dazu auffordert, den Abfall der Umwelt zuliebe auf diese Art und Weise zu trennen. Da meint man ganz naiv, Umweltschutz sei ein universelles Anliegen und muss erkennen, dass das, was der Schweizerischen Umwelt schadet, der Französischen Umwelt nützt. Und vielleicht auch umgekehrt…

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Von Bildung und Liebe

„Das Einzige, das Eltern ihren Kindern dauerhaft vermachen können, ist gute Bildung“, muss ich in der aktuellen Ausgabe des „Spiegels“ lesen. Mit dieser Aussage will der Leiter einer elitären Privatschule erklären, weshalb teure Bildungsangebote sinnvoll seien. Seine Aussage macht mich stutzig.  Bis anhin hatte ich nämlich ganz naiv geglaubt, das Einzige, was wir Eltern den Kindern dauerhaft vermachen könnten, sei Liebe. Und damit hatte ich mich auf der sicheren Seite gewähnt. Denn während unser Bankkonto nicht ausreichend gepolstert ist, um unseren Kindern eine elitäre Privatschule zu ermöglichen, mangelt es bei uns nicht an Liebe zu den Kindern. Im Gegenteil: Sie wächst sogar täglich, trotz aller Widrigkeiten, denen man im Familienalltag so begegnet.

Bei der Bildung hatte ich bis anhin immer geglaubt, die nütze nur etwas, wenn das Kind seinen eigenen Beitrag dazu leiste, sich selber an die Arbeit mache um zu lernen, was es nur könne. Und wenn das Kind sich verweigere, nütze auch die beste Privatschule nichts. Doch jetzt muss ich mir sagen lassen, dass unsere Kinder von uns nur gute Bildung wollen und nicht so etwas Diffuses wie elterliche Liebe. Mist! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir all den Stress mit den fünf Kindern sparen können. Dann wäre ich besser Lehrerin an einer elitären Privatschule geworden. Da würde ich wenigstens anständig bezahlt für meinen Job.

Fragt sich bloss, wohin ich mit all der Liebe soll, wenn die doch gar nicht gefragt ist…

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Das geht mich alles gar nichts an

Früher hatte ich immer gedacht, zu Hause zu arbeiten sei eine unglaublich mühsame Sache. Ich stellte mir vor, dass es ein Ding der Unmöglichkeit sei, den Alltag hinter der geschlossenen Bürotür zu lassen und sich voll und ganz der Arbeit zu widmen, die da ansteht. Unmöglich ist dies auch heute noch, zumindest solange „Meiner“ nicht zu Hause ist. Schwingt aber „Meiner“ das Zepter, wird der Heimarbeitsplatz zum Besten, den man sich nur vorstellen kann.

Karsslon schreit mal wieder? Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat zanken sich um ein Bilderbuch? Der Zoowärter hat das Töpfchen neben dem WC ausgeleert? Das Prinzchen will nicht schlafen? Das, was mich sonst zum Wahnsinn treibt, lässt mich völlig kalt, wenn „Meiner“ Hausmann ist. Geht mich alles gar nichts an, ich muss die Probleme ja nicht lösen. Sollen die mal schauen, wie sie selber zurecht kommen. Ich kann dann morgen wieder Streit schlichten, herumliegende Socken in den Wäschekorb befördern, Telefonwerbung abwimmeln, Speisereste entsorgen, den Geschirrspüler ausräumen, Tränen trocknen, aufgeschlagene Knie verarzten, Bilderbücher erzählen. Würde ich ausser Hause arbeiten, müsste es ja auch ohne mich gehen, also geht es auch, wenn ich zwar  physisch anwesend, in Gedanken aber irgendwo bin. Und ich komme in den Genuss all der kleinen und grossen Dramen, ohne mich darüber aufregen zu müssen. Ja, zuweilen inspirieren sie mich gar in meiner Arbeit.

Ob ich bei all dem Chaos überhaupt arbeiten kann? Aber klar doch. Ausblenden zu können ist das Erste, was man als Mutter lernen muss, sonst dreht man früher oder später durch. Würde ich auswärts arbeiten, bekäme ich von all dem Trubel nichts mit. Ich würde also auch nicht so deutlich den Kontrast erleben zwischen dem  konzentrierten Arbeiten am Bürotisch und dem Hexenkessel, in dem ich mich normalerweise bewege.

Ist es nicht schön, wie ich mich jetzt mit ein paar überzeugenden Argumenten darüber hinweggetröstet habe, dass ich noch immer keine bezahlte Arbeit gefunden habe und wohl in naher Zukunft auch keine finden werde? Es sei denn, ich würde putzen gehen.  Aber ich kann ja nicht auswärts tun, was ich zu Hause um alles in der Welt meide.

Ach und überhaupt: Bei welchem Job wird man denn so umsorgt, wie hier? In regelmässigen Abständen kommt „Meiner“ ins Büro, fragt, ob ich etwas brauche und bringt mir das Gewünschte, egal ob Tee, Latte Macchiato oder eine Duftkerze. Ich glaube, an dieses Leben könnte ich mich gewöhnen, obschon ich zurzeit noch gratis arbeite…

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Mein Sohn, ein Bürgerlicher?

So langsam mache ich mir Sorgen um den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Wie er am Aarauer Bachfischet dastand und die Verbindungsbrüder bewunderte, war beängstigend. Während Karlsson sich, wie er es von Mama und Papa gelernt hat, angewidert abwendet, bekommt der FeuerwehrRitterRömerPirat glänzende Augen, staunt über die polierten Stiefel, die Fackeln,  den Degen – oder ist es ein Säbel? -, die Gesänge, die so gar nicht zu Rest des stimmungsvollen Lichterumzugs passen wollen. Noch Tage später löchert er uns mit Fragen, was es denn mit diesen Studentenverbindungen auf sich habe.

Oder nehmen wir das Militär. Rollen, wie neulich, Panzer durch die Strassen, schwört Karlsson hoch und heilig, dass er nie Militärdienst leisten wird. Luise fleht ihre vier Brüder auf Knien an, dass sie allesamt den Dienst verweigern  und Zivildienst leisten werden, wenn sie erwachsen sind. Der FeuerwerRitterRömerPirat steht derweil stumm da und staunt und man hat den Eindruck, dass er innerlich die Jahre zählt, bis er endlich auch Panzer fahren darf. Das sind dann die Momente, in denen ich mich gedrängt fühle, ihm zu sagen, dass ich ihn auch dann über alles lieben werde, wenn er sich dereinst einmal für das Militär entscheidet.

Doch ein wenig graut mir ja schon vor dem Tag, an dem unser Dritter im Vollwichs vor uns stehen wird und sagen wird: „Mama, Papa, ich muss euch etwas gestehen. Ich bin jetzt Mitglied bei der FDP.“

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Wer ist hier der Chef?

Der FeuerwehrRitterRömerPirat braucht wiedermal eine Ewigkeit, bis er sein Mittagessen aufgegessen hat. Als wir alle bereit wären fürs Dessert, fragt er zum ersten Mal nach einem Nachschlag und da er für einmal am Essen nichts auszusetzen hat, ist davon auszugehen, dass er noch einen zweiten, ja vielleicht sogar einen dritten Nachschlag verlangen wird. Luise hält es derweilen fast nicht mehr aus auf ihrem Stuhl, sucht nach Ausreden, weshalb sie jetzt auf keinen Fall mehr länger am Tisch sitzen bleiben kann. Und wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben, dass auch ich besseres zu tun hätte, als dem FeuerwehrRitterRömrPiraten dabei zuzusehen, wie er sich genüsslich aber in einer unbeschreiblichen Langsamkeit Knödel und Zwetschgenkompott in den Mund schiebt.

„Ob es sinnvoll wäre, die Essenszeit auf eine halbe Stunde zu beschränken? Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann ja dann alleine fertig essen.“, schiesst es mir durch den Kopf. Es kann ja nicht sein, dass die ganze Familie immer auf einen warten muss, der sich alle Zeit der Welt lässt. „Muss mal herausfinden, was Erziehungsexperten zu dieser Frage meinen“, denke ich. Und bin sogleich schockiert. Was habe ich da gedacht? Ich will einen Experten zu Rate ziehen, um herauszufinden, ob ich meinem Sohn sagen darf, ab jetzt könne er alleine fertig essen, wenn alle anderen bereits ausgegessen hätten und nur noch auf ihn warteten! Bin ich denn nicht Expertin genug, um zu bestimmen, welche Abmachungen zu unserer Familie passen? Kenne ich meine Kinder nicht gut genug, um zu wissen, was ihnen gut tut und was ihnen schadet? Und überhaupt: Ich drohe ja dem FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht an, er müsse ab jetzt alleine in der dunklen Speisekammer ausessen!

Zum ersten Mal wird mir bewusst, wie viele „Experten“ auch bei mir in die Erziehung dreinreden, wie viele „Fachleute“, die weder mich noch meine Kinder kennen, meine Entscheidungen beeinflussen. Es ist ja nicht so, dass ich grundsätzlich etwas gegen Experten hätte; manchmal hilft einem ein Ratschlag wirklich weiter, wenn man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Doch eigentlich ist es beängstigend, wie viele Eltern sich das Erziehen nicht mehr zutrauen, nicht mehr daran glauben, dass sie es instinktiv richtig machen werden, dass auch Fehler dazugehören, die meistens gar nicht so schlimm sind. Es sei denn, man erhebe die Fehler zum einzig richtigen Erziehungsstil, nur damit man nicht zugeben muss, dass man falsch lag. Heute glaubt jeder, eine Super Nanny zu  brauchen, die ihm auf die Finger schaut. Ohne die Erlaubnis des Erziehungsratgeber traut sich keiner mehr, seinem Kind laut und deutlich nein zu sagen, wenn es die Finger im WC baden will und wenn nicht ein Experte das O.K. gegeben hat, wagt man es nicht einmal mehr, dem Baby die Fingernägel zu schneiden, wenn sie zu lang sind.

Und ich bin keinen Deut besser! Was habe ich damals gelacht, als mir die Hebamme nach der Geburt des Prinzchens eingeschärft hatte: „Es ist ihr Kind. Sie bestimmen, was gut ist für ihn und was nicht.“  Ich hielt mich allen Ernstes für unabhängig und erfahren genug um zu wissen, dass mir bei meinen Kindern keiner dreinredet, es sei denn, ich gebe ihm das Recht dazu. Und jetzt ertappe ich mich beim Gedanken, ob ich bestimmen darf, wie lange meine Familie am Tisch sitzen muss. Und wenn ich die Zeit hätte, weiter darüber nachzudenken, würde mir bestimmt noch öfters auffallen, dass nicht ich, sondern irgend ein „Experte“ bestimmt hat, was gut ist für meine Kinder.

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Ade, du kleine heile Welt

Bevor ich hier loslege, muss ich eines klarstellen. Ich gehöre nicht zu jenen Müttern, die an das Prinzip „Kleine Kinder, kleine Sorgen, grosse Kinder grosse Sorgen“ glauben. In meinen Augen gibt es nichts Gemeineres, als einer übernächtigten, überforderten und vom schlechten Gewissen geplagten Mutter eines Kleinkindes zu sagen, dass das, was ihr so zu schaffen mache, überhaupt nicht schlimm sei, sie werde dann sehen, was ihr blühen werde, wenn die Kinder erst mal gross seien. Das ist nämlich gleich zweifach unfair: Erstens nimmt man die Probleme der Mutter nicht ernst und zweitens nimmt man ihr allen Mut für die Zukunft. Wenn ich jetzt also zu jammern beginne, wie schwer es mir fällt, von der Kleinkinderwelt Abschied zu nehmen, will ich damit keineswegs sagen, die Kleinkinderwelt sei immer nur rosarot und himmelblau.

Jetzt, wo dies klargestellt ist, kann ich ja hemmungslos klagen, dass Karlsson und Luise langsam gross werden und mir neue Probleme ins Haus bringen, von denen ich zwar schon gelesen habe, die ich aber in der Praxis noch nicht habe lösen müssen. Wie soll ich zum Beispiel damit leben können, dass Luise mich plötzlich jedesmal schräg ansieht, wenn ich ihr rosarote Kleider anschleppe? Mein einziges Mädchen fühlt sich zu gross für Rosa! Bald schon wird sie wohl schwarz gekleidet und gepierct vor mir stehen!

Oder nehmen wir die Sonntage. Bis vor zwei Wochen war alles noch so einfach: Sonntag ist Familientag, wir bestimmen gemeinsam, was wir machen und mit Klassenkameraden abgemacht wird am Sonntag grundsätzlich nicht. Ja, und jetzt stehen da plötzlich Luises Freundinnen vor der Tür und wollen, dass sie rauskommt. Uns Eltern bleibt die Wahl zwischen einer übellaunigen Luise, die sehnsüchtig vom Balkon aus ihre Freundinnen beobachtet und nichts mit uns zu tun haben will oder einer Luise, die wir sonntagnachmittags nur noch von Weitem zu sehen bekommen.

Dann wäre da noch die Technik. Bis anhin waren der Computer, das Handy und der Fernseher die Domäne von Mama und Papa. Okay, unsere Kinder haben zum Glück noch immer nicht begriffen, dass man sich am Fernseher rund um die Uhr Mist anschauen könnte, doch beim Handy und dem Computer sind sie kräftig am Aufholen. So weckte mich heute Karlsson mit meinem Handy in der Hand, auf dem Display irgend ein Spiel mit Bomben, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, dass es existiert, geschweige denn auf meinem Handy installiert ist. Ein paar Tastendrucke später sieht sich Karlsson mit der Frage konfrontiert, ob er noch weitere Spiele auf mein Handy laden wolle. Spätestens jetzt war ich hellwach und zum ersten Mal wurde mir so richtig bewusst, dass ich für die nächsten zwanzig Jahre hellwach werde bleiben müssen, wenn ich nicht will, dass meine Kinder vor die Hunde gehen.

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Ausgestellt

War das mal wieder ein Auftritt! Zuerst war ja alles glatt gelaufen: Die ganze Familie stand geputzt und gestriegelt zum Abmarsch bereit, – ich hatte sogar noch die Zeit gefunden, meine Ersatz-Tussischuhe anzuziehen, – und für einmal sah es ganz so aus, als würden wir  ohne Gehetze den Weg zur Bushaltestelle unter die Füsse nehmen können. Die glückliche Grossfamilie auf dem Weg zur Kirche. Sind sie nicht hinreissend?

Doch wie immer, wenn alles zu perfekt läuft, kommt etwas dazwischen. Diesmal wahren es Karlssons Finger, die zwischen die Tür kamen und deshalb verarztet werden mussten. Und so kam es, dass „Meiner“ nicht rechtzeitig fertig war und mit dem Auto zum Gottesdienst fuhr, während ich mich mit den fünf Rabauken im ÖV abplagte. Ja, und dann hatten wir eben unseren Auftritt. Nun ja, eigentlich hätte es „Meinem“ schon noch auf den Bus gereicht, doch da er kein Münz mehr im Portemonnaie hatte, musste er nochmals nach Hause rennen und da reichte es dann eben doch nicht mehr.

Und ausgerechnet heute musste  der Bus gerammelt voll sein mit Leuten, die entweder keine Kinder haben, oder die zwar mal Kinder hatten, die aber alles besser gemacht haben und die einem dies auch ohne Worte zu spüren geben. Allein die Tatsache, dass der Bus voll war,  ist  eine Unverschämtheit, denn der Neunuhr-Bus ist am Sonntag eigentlich reserviert für uns und unserer Freunde mit den vier Kindern. Die anderen sollen gefälligst früher oder später fahren. Doch weil  heute all die Unbefugten im Bus sassen, fanden unsere Kinder nicht auf Anhieb einen Sitzplatz und da ich ja nicht wildfremde Buspassagiere anbrüllen kann, musste ich eben meine Kinder anbellen, sie sollten sich endlich irgendwo hinsetzen. In der Hoffnung natürlich, dass irgend einer so nett wäre, meinem taumelnden Zoowärter einen Platz anzubieten. Was aber nicht geschah, so dass ich, auf meinen Keilabsätzen schwankend, mitten im Bus einen brüllenden Zoowärter auf dem Arm halten, des Prinzchens Karosse festhalten  und den anderen Fahrgästen Platz machen musste, weil diesen unmöglich zugemutet werden konnte, dass sie im vorderen Teil des Buses sitzen.

So standen wir da, ausgestellt auf dem Podest, auf die Kritik wartend, die da kommen würde. Und es dauerte tatsächlich nicht lange, bis eine ältere Frau mich darauf hinwies, dass der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat  noch etwas schmutzig seien im Gesicht. Ist doch nett, dass wenigstens jemand sich darum kümmert, dass unsere Kinder sauber zur Kirche gehen.  Auch die anderen Kritiker hielten sich nicht zurück, doch da sie sich auf böse Blicke und ein leises Tuscheln beschränkten, weiss ich leider nicht, was ich sonst noch alles falsch gemacht habe.

Dass ich nach so einer Busfahrt nicht mehr in der andächtigsten und frömmsten Stimmung war, ist ja wohl verständlich. Zum Glück glaube ich an einen Gott, der nichts dagegen hat, dass man von Zeit zu Zeit mal wütend wird, sonst müsste ich nächsten Sonntag mit Erbsen in den Schuhen zur Kirche pilgern. Was zwar unbequem und bei meinen Ersatz-Tussischuhen beinahe unmöglich wäre, aber immerhin den Eisbären nicht schaden würde.

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