Nach Schreibblockaden, Selbstzweifeln, unzähligen Angriffen auf meine montägliche Schreibzeit, sehr kurzen Nächten und viel Gejammer sind meine Texte endlich soweit gediehen, dass ich sie in die Hände des Verlags entlassen mag. Noch fehlt mir die Distanz, um Erleichterung oder gar so etwas wie Zufriedenheit mit meiner Arbeit zu verspüren, gedanklich bin ich aber bald wieder soweit, mich mit Schreibprojekten zu befassen, die in den vergangenen Monaten warten mussten. Zuerst aber werde ich wohl ein wenig verpassten Schlaf nachholen müssen, mir scheint nämlich, ich werde allmählich allzu kratzbürstig.
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Auf eine gute Nachbarschaft
Früher, wenn ein Kind eine Scheibe einschlug, meldete sich der Hausbesitzer bei den Eltern, die Eltern entschuldigten sich für das Vergehen ihres Kindes, bezahlten die Scheibe, verdonnerten ihr Kind zu Hausarrest und dann war die Sache gegessen. Die Erwachsenen sagten zueinander „Wir waren ja alle mal Kinder“, lachten über die Angelegenheit und später, wenn das Kind seine Strafe abgesessen hatte, lachte es auch wieder.
Heute geht das ganz anders: Das Kind schlägt eine Scheibe ein, sagt aus Angst vor der Strafe seinen Eltern nichts davon, der Vater des Kindes sieht das Loch trotzdem und schreibt dem Herrn Nachbar einen Brief, dass er sich doch bitte melden solle, weil der Herr Nachbar nicht zu Hause ist. Der Herr Nachbar meldet sich nicht, satt dessen steht drei Tage später der Polizist vor der Türe und will wissen, ob man etwas von einer eingeschlagenen Scheibe wisse, der Herr Nachbar wolle Anzeige erstatten. Die Kinder seien ja auch sonst schon negativ aufgefallen. Die Mama, die noch im Pyjama dem Polizisten gegenüber steht, wird ziemlich laut, weil sie nicht begreifen kann, weshalb der Herr Nachbar nicht den Anstand besitzt, selber vorbeizukommen, sondern einen Polizisten in Haus schickt, der die Personalien des Kindes aufnimmt. Der Polizist ist peinlich berührt, versucht die aufgebrachte Mutter zu beruhigen und meint, der Herr Nachbar sei ja auch mal Kind gewesen, er werde sich bestimmt verständnisvoll zeigen und die Anzeige zurückziehen. Die Mutter aber, die mit dem Herrn Nachbarn so ihre Erfahrungen gemacht hat, fragt sich allmählich, ob ein Nebeneinanderleben so überhaupt noch möglich ist, oder ob sie eine hohe, dicke Mauer zwischen den zwei Grundstücken bauen muss.
Lieber Herr Pöstler
Glauben Sie mir, Fronleichnam geht an meinem Allerwertesten vorbei. Wäre ich katholisch, würde ich vielleicht frühmorgens aus dem Bett hüpfen, um mich für die Prozession bereit zu machen, aber ich bin protestantisch-freikirchlich veranlagt und bleibe deswegen ganz gerne liegen, wenn die Kinder schon mal nicht aus dem Haus müssen. Das Liegenbleiben ist eigentlich das einzige, was mir an diesem Tag Spass macht, denn mit einem Mann, der im protestantischen Teil des Kantons Aargau unterrichtet und fünf Kindern, die im ziemlich katholischen Kanton Solothurn nicht nur einen freien Tag bekommen, sondern gleich wieder eine viertägige Brücke, bringt mir dieser Tag nur Zusatzarbeit.
Ja, ich weiss, man kann nicht immer all die komplizierten Familienverhältnisse der Leute berücksichtigen, wenn man die Aufgabe hat, Post und Pakete auszutragen und es ist auch voll und ganz unfair, dass Sie heute arbeiten müssen, wo doch fast alle anderen frei haben. Und das Paket, das Sie mir heute früh in den Eingang gestellt haben, habe ich tatsächlich sehnsüchtig erwartet und auch wenn ich weiss, dass es noch Jahre dauern wird, bis die bestellte Vanille-Orchidee blüht, freue ich mich doch jetzt schon darüber wie ein kleines Kind.
Dennoch muss ich Sie fragen, ob es wirklich unvermeidbar war, noch ausdauernd auf die Klingel zu drücken, ehe Sie wieder weitergefahren sind. Ist das Dienstvorschrift, oder haben Sie das einfach nur getan, um irgend jemandem eins auszuwischen, weil Ihr Arbeitgeber Sie dazu zwingt, an einem Feiertag der verhätschelten Kundschaft Vanille-Orchideen und andere Luxusgüter auszutragen? Also ich hätte gerne einen Tag länger auf das Paket gewartet, wenn Sie mich dafür hätten schlafen lassen. Wenn Sie wollen, dürfen Sie das Ihrem Chef gerne ausrichten.
Suche fünf Fehler
Viele von uns, die wir uns dazu entschieden haben, jemanden für uns putzen zu lassen, haben ein Problem: Wir sind zwar einerseits unendlich dankbar dafür, dass jemand sich unseres Drecks annimmt, andererseits ist es uns aber auch ein wenig peinlich, einer anderen Person den ganzen Mist zu überlassen. Deshalb – und weil wir ziemlich abhängig sind von der Person, die uns dabei hilft, den Karren aus dem Dreck zu ziehen – geben wir uns grosse Mühe, bei jedem ihrer Einsätze im Vornherein perfekte Ordnung zu schaffen. Wir kaufen die Putzmittel, die sie gerne benützt, obschon sie nur ein paar Stunden die Woche im Einsatz ist, wir aber täglich. Vielleicht lassen wir uns sogar dreinreden in die ach so wichtige Frage, welcher Staubsauger in unserem Haus in Einsatz kommt. Wir entschuldigen uns für die Unordnung im Haus, obschon die Person ja eigentlich gekommen ist, um diese zu beseitigen, vielleicht rechtfertigen wir uns ihr gegenüber sogar dafür, dass wir ihre Dienste in Anspruch nehmen, obschon sie vermutlich ganz froh ist darum, einen Job zu haben.
Bei einigen von uns – zum Beispiel bei mir – führt dies irgendwann zu einem ziemlich schrägen Verhältnis. Eigentlich wäre ich ja diejenige, die sagt, was getan werden muss, aber irgendwann zitiert sie mich in die Küche und sagt mir, was sie von mir erwartet. Muss ich während ihrer Anwesenheit weg, erkläre ich ihr des Langen und Breiten, weshalb ich heute leider nicht helfen kann beim Putzen. Tut sie etwas, was mir nicht passt, wage ich nicht, es ihr direkt zu sagen, weil sie dann vielleicht nicht mehr kommen will und dann sitze ich in der Tinte.
Peinlich, ich weiss, aber dem Vernehmen nach bin ich nicht die Einzige, die aus lauter Dankbarkeit, dass sich jemand ihres Drecks annimmt, nicht mehr den Mut aufbringt, im eigenen Haus zu sagen, wo es langgeht.
Übergangszeit
Ohne dass ich richtig Zeit gefunden hätte, sentimental zu werden, hat heute das Prinzchen einen Lebensabschnitt abgeschlossen. Dank einer heftigen Erkältung und der stetigen Suche nach der perfekten Formulierung nahm ich nur verschwommen wahr, dass er heute seinen letzten Tag in der Kinderkrippe hatte. Gut, ich habe natürlich brav Küchlein gebacken und Schokolade für die Betreuerinnen gekauft, aber das kann man ja alles machen, ohne gedanklich richtig bei der Sache zu sein.
Erst als unser Jüngster am Abend mit seinem Abschieds-T-Shirt und seinen gesammelten Werken nach Hause kam, dämmerte mir, was geschehen ist: Das Prinzchen hat einen weiteren Schritt in Richtung Kindergartenkind getan. Zwei Monate noch und dann wird auch er Morgen für Morgen das Haus verlassen und nachmittags mit seinen Freunden spielen wollen. Nach fast dreizehn Jahren wird es nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein, dass ich morgens alleine zu Hause bin. Momentan noch fast unvorstellbar, bald aber Alltag und von den anderen Kindern weiss ich bereits, wie schnell es geht, bis auch die Nachmittage der Schule gehören.
Und nun, was überwiegt? Die Vorfreude auf mehr freie Zeit oder die Trauer über das Ende der Kleinkindphase? Noch kann ich es nicht sagen, also werde ich wohl noch öfters über das Thema schreiben. Das Prinzchen übrigens nimmt den Wechsel gelassen. Okay, ein wenig traurig ist er schon, aber wer hat schon Zeit, einem Lebensabschnitt nachzutrauern, wenn draussen schon der beste Freund wartet, um Baustelle zu spielen?
Do it my way or…
Wer mit einer Person das Leben teilt, die im gemeinsamen Haushalt keinen Finger krumm macht, ist für einmal gebeten, nicht weiterzulesen, denn heute muss ich über ein Luxusproblem schreiben. Ja, richtig gelesen, ich muss, denn lasse ich es bleiben, wird „Meiner“ aufs Schlimmste zusammengestaucht, sobald er von seiner Spätschicht im Schulzimmer zurückkehrt. Es ist nämlich so, dass „Meiner“, den ich auch schon aus voller Überzeugung „den perfekten Hausmann“ genannt habe, in Sachen Wäsche voll und ganz unbegabt ist. Er, der nahezu hochbegabt ist, wenn es darum geht, eine verdreckte und unordentliche Wohnung innert kürzester Zeit auf Vordermann zu bringen, lässt jeglichen Eifer vermissen, wenn es darum geht, eine Ladung Wäsche so zu behandeln, wie es ihr zusteht.
Das fängt schon beim Sortieren an, das bei „Meinem“ schlicht nicht stattfindet. „Völlig unnötig“, findet er und stopft in die Maschine, was ihm gerade in die Finger kommt. Ist das Zeug gewaschen, geht es ab auf den Wäscheständer und zwar so, wie es gerade kommt, zerknittert, ineinander geschlungen, manchmal auch in mehreren Lagen übereinander, Socken und Unterhosen landen gerne mal zusammengeknüllt auf dem Fussboden und ist kein Platz mehr auf dem Ständer, müssen eben der Fussballtisch, der Heizkörper, der Dachbalken oder das Regal mit der sauber gefalteten, trockenen Wäsche herhalten. Selten einmal werden trockene Wäschestücke vom Ständer gezerrt, um Platz für Nasses zu schaffen, gewendet wird aus Prinzip nichts und wenn ich ihm zum hunderttausendsten Mal weismachen will, er solle sich doch endlich mal an meine Regeln halten oder die Finger von der Wäsche lassen, dann grummelt er, ich solle froh sein, dass er überhaupt etwas mache, andere Männer… Bla, bla, bla.
Natürlich bin ich von Herzen dankbar, mit einem Mann das Leben zu teilen, der im Haushalt voll mit anpackt, aber ist es denn so schwer zu begreifen, wie ich mir die Sache mit der Wäsche vorstelle? Nämlich so:
- Rot gehört zu Rot, Blau zu Blau, Grün zu Grün, etc. Bei den Bergen, die wir täglich zu Waschen haben, ist es wirklich kein Problem, die Maschine mit einem Farbton voll zu bekommen.
- Vor dem Aufhängen der nassen Wäsche wird alles, was trocken ist, gefaltet und nach Besitzer im Regal eingeordnet. Nach Möglichkeit wird nicht à la Grossmamma Venditti, sondern à la Mama Venditti gefaltet, weil sonst die Beige schief wird, wenn die zwei Faltstile gemischt werden.
- Was verkehrt herum ist, wird vor dem Aufhängen gewendet, denn gibt es etwas Unangenehmeres, als trockene Wäschestücke vor dem Falten – oder schlimmer noch: vor dem Anziehen – wenden zu müssen?
- Grundsätzlich wird alles so glatt und ordentlich wie möglich aufgehängt, denn ihr glaubt doch nicht im Ernst, im Hause Venditti werde gebügelt?
- Neben Einzelsocken wird eine kleine Lücke offen gelassen, denn man kann ja immer noch darauf hoffen, dass in einem der nächsten Waschgänge der verloren geglaubte Partner auftaucht.
- Es müssen immer mindestens zwei Wäschestücke auf einer Leine hängen, damit sich keines einsam fühlt.
Okay, beim letzten Punkt kann ich ein Auge zudrücken, denn da bin ich vielleicht etwas gar pingelig, aber alles andere muss einfach so sein. Nicht, weil ich mich plötzlich zum Perfektionismus bekehrt hätte, sondern weil die Sache so schnell und effizient als möglich abgehakt werden muss, weil es sonst zum Wäschestau kommt.
Und ihr, die ihr jetzt in Versuchung seid, mir ein paar Erziehungsratschläge für „Meinen“ weiterzugeben, lasst es bitte bleiben. Wie gesagt, „Meiner“ ist nicht mein Kind und ich schreibe das alles wirklich nur, damit ich ihm nicht den Kopf abreisse, wenn er demnächst zur Türe reinkommt. Und natürlich auch, damit die Welt endlich weiss, wie man richtig wäscht…
Die Sache mit der Geduld
Liebe Kinderlein, heute möchte ich euch etwas zum Thema Geduld weitergeben. Der Volksmund behauptet gerne, die Geduld einer Mutter kenne keine Grenzen und ein paar ganz irregeleitete Menschen haben sogar mir unterstellt, äusserst geduldig zu sein, aber leider muss ich euch mitteilen, dass mütterliche Geduld sehr wohl begrenzt ist, in meinem Fall sind die Grenzen sogar ziemlich eng gesteckt. Oft marschiert ihr trotz klarer Markierung frisch und fröhlich über diese Grenzen hinweg und wenn’s dann irgendwann zur grossen Explosion kommt, reibt ihr euch erstaunt die Augen und klagt lauthals über eure böse Mama. Wie, meine Ausführungen sind euch zu theoretisch? Dann schauen wir uns doch an einem taufrischen Praxisbeispiel an, wie man meinen Geduldsfaden so lange strapaziert, bis er schliesslich mit grossem Donnerwetter reisst.
Meist fängt es abends gegen neun Uhr an, wenn sich mein Organismus allmählich auf Feierabend einstellt und ihr euch weiterhin standhaft weigert, dies zu respektieren. Ob ihr nun mit freudigen Nachrichten wie „Mama, ich hab in zwei Stunden ein ganzes Buch gelesen“, mit Schreckensnachrichten wie „Mist, morgen haben ich einen Test und noch überhaupt nichts geübt“ oder mit Nöten wie „Ich hab plötzlich so grossen Hunger, weil ich nichts essen mochte, als es Abendessen gab“ aus dem Bett geschlichen kommt, fällt nicht so sehr ins Gewicht. Ich bin dann einfach nicht mehr ganz fit und darum entsprechend kurz angebunden, wenn auch durchaus bereit, euch zu helfen, wenn es angebracht ist.
Schwieriger wird es, wenn es um halb elf noch immer Streit zu schlichten, Monster zu verscheuchen und vermeintliche Schrammen zu verarzten gilt. Vielleicht merkt ihr, dass ich dann nicht mehr allzu nett bin, aber vermutlich schert ihr euch einen Dreck darum, denn ihr könnt einfach nicht verstehen, weshalb ich so altmodisch auf Nachtruhe bestehe.
Natürlich stehe ich bereitwillig auf, wenn nachts um halb eins die Angst ins Kinderzimmer geschlichen kommt, auch wenn ich innerlich frustriert seufze. Wenn ich mir dann aber neunzig Minuten lang das Geheule anhören muss, die Wohnungstür stehe noch immer offen, obschon ich sie eigenhändig geschlossen habe, nachdem sich Kater Leone endlich zum Drinnenbleiben hat durchringen können, dann zerrt das ganz schön an meinen Nerven. Ja, ich weiss, die Angst ist eine nahezu unüberwindbare Macht, aber wenn ich sage, ich hätte die Tür geschlossen, dann könntet ihr mir das getrost glauben.
Brüllt einer von euch morgens um halb fünf seine Geschwister an, weil sie ihm den Platz im Bett streitig machen, versuche ich so gut als möglich, dies zu ignorieren. Was kann ich denn dafür, dass ihr darauf besteht, euch das Bett zu teilen, wo doch jeder sein eigenes hat? Meiner Nachtruhe und damit meiner Geduld kommt es natürlich trotzdem nicht zugute, wenn der Streit schon im Halbschlaf losgeht.
Ab sieben Uhr kommen dann unzählige Kleinigkeiten hinzu, die meinen Geduldsfaden weiter strapazieren: Einer will partout nicht wach werden, was auch kein Wunder ist, wo er doch abends dem Schlaf so lange widerstanden hat, eine behauptet, nichts anzuziehen zu haben, zwei streiten sich um eine Tasse Kakao, einer überhört meine hundertste Ermahnung, sich jetzt endlich anzuziehen, eine will eine Unterschrift, die sie schon vor drei Wochen hätte einholen müssen, vier ignorieren meine dringende Bitte, das Prinzchen nicht zu wecken, einer weigert sich, die Hose anzuziehen, die sauber gefaltet im Schrank lag und will stattdessen jene, die noch feucht am Wäscheständer hängt, einer wünscht ein Gebet gegen die Prüfungsangst, zwei wollen gleichzeitig haarklein ihre endlosen Träume erzählen, aber keiner will der Erste sein, der zuhören muss, einer kippt in der Eile die Milchschale der Katzen um und will es nicht gewesen sein…
Sechzig Minuten Hochbetrieb, die locker zu schaffen wären, hätte ich abends und nachts dienstfrei gehabt. Weil ich aber mal wieder ziemlich anspruchsvollen Bereitschaftsdienst hatte, der nur in den wenigsten Fällen auch wirklich notwendig gewesen wäre, bin ich morgens nicht taufrisch, sondern bereits am Ende mit meiner Geduld. Irgendwann in diesen sechzig Minuten fällt der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ich werde laut, wütend, vielleicht auch ungerecht, weil sich das Gewitter über dem Falschen entlädt. Ich bin die böse, launische Mama und ihr seid die armen, hilflosen Kinder, die obendrein auch noch zur Schule gehen müssen und alles ist so furchtbar unfair.
Seht ihr, Kinderlein, so kommt es, wenn ihr wieder und wieder an meinem Geduldsfaden zerrt und so sehr ich euch wünschte, ihr hättet eine endlos geduldige und gütige Mama aus dem Märchenbuch, ihr werdet dennoch dazu gezwungen sein, euch mit eurer äusserst ungeduldigen Mama, die obendrein auch noch hormonellen Schwankungen unterworfen ist, zu arrangieren. Glaubt mir, wenn ihr dieser Mama spätabends und nachts so viel Ruhe wie möglich gönnt und sie während dieser Zeit nur im Ernstfall beansprucht, reisst ihr Geduldsfaden deutlich später, als wenn ihr pausenlos an ihm herumzerrt.
Pfingstwochenende
Mit Luise neun neue Wachteln gekauft, eine alte Wachtel beerdigt.
Dreimal das Tomatenhaus aufgebaut und die Sache schliesslich aufgegeben, weil bei diesem Wind nichts stehen bleibt.
Einen neuen Nymphensittich gekauft, weil Boris sich auf und davon gemacht und die arme Doris damit in eine tiefe Depression gestürzt hat. Der Neue ist sehr hübsch, heisst Loris, Doris ist überglücklich und wir alle fragen uns, ob Karlsson dereinst bei der Namensgebung seiner Kinder ähnlich vorgehen wird.
Drei Stunden auf dem Fussballplatz totgeschlagen, weil Luise trotz mangelnder Begeisterung beim Fussballturnier mitmachen wollte. Dabei für drei Portionen Pommes Frites länger angestanden, als meiner Tochter beim Fussballspielen zugeschaut, weil sie kaum je zum Einsatz kam. Oder weil sie nicht zum Einsatz kommen wollte?
Zahlreiche Setzlinge in ein neues Zuhause vermittelt.
Mir darüber den Kopf zerbrochen, ob ich dem FeuerwehrRitterRömerPiraten den schon lange gehegten Wunsch nach einem Besuch der Zahnfee erfüllen soll, oder ob ich es bleiben lasse, weil die Sache sonst früher oder später ausufert. Was, wenn Karlsson und Luise für jeden ausgefallenen Zahn rückwirkend auf Zahnfee-Besuche bestehen?
Eine Nacktschnecke auf der falschen Seite des Schneckenzauns erwischt und aus lauter Empörung Zetermordio geschrien.
Ein feierliches Wachtelbegräbnis mit anschliessendem Apéro besucht, das unsere Kinder organisiert haben.
Chauffiert, chauffiert, chauffiert, chauffiert…
Liebe Menschen getroffen.
„Meinem“ auf die Nerven gefallen und er mir. Aber ich bin trotzdem stolz auf ihn, weil er gerade ganz grossartige Illustrationen zu meinen Texten macht.
Nicht eine einzige Nacht durchgeschlafen, weil unsere Kinder noch immer nicht verstehen wollen, dass man nach dem dritten Geburtstag kein Recht mehr hat, den Eltern den Schlaf zu rauben.
In Prinzchens Apotheke Medikamente für den von Ohrenschmerzen geplagten FeuerwehrRitterRömerPiraten gekauft. Beim zweiten Mal musste ich das Zeug klauen, weil das Prinzchen zu tief schlief, um mir etwas verkaufen zu können.
Ziemlich darunter gelitten, dass meine Schreiberei bei dem vollen Programm keinen Schritt weitergekommen ist, obschon die Zeit drängt. Gut, eigentlich ist alles geschrieben, aber ich sehe noch zu viele Mängel.
Mehrmals den Entschluss gefasst, Waldmeister sammeln zu gehen und die Idee dann doch wieder verworfen Das Prinzchen ist ziemlich böse auf mich deswegen.
Fast geplatzt vor lauter Stolz, weil der Zoowärter sein erstes Buch gelesen hat.
Der Tatsache ins Gesicht gesehen, dass die Zeit der Schlaflieder wohl endgültig vorbei ist, weil Zoowärter und Prinzchen nur noch Geschichten hören wollen.
Mit Karlsson nach der perfekten Sportart gesucht und noch keine gefunden. Gibt es sie überhaupt, die perfekte Sportart?
Alle paar Minuten das Programm geändert, obschon es eigentlich gar kein Programm gab.
Monolog
„Mama, hast du gesehen, wie schrecklich die angezogen war? Diese scheussliche Hose und dazu die Tussi-Schuhe, einfach peinlich. Und die Katharina hat auch so schreckliche Schuhe, rosarot mit Glitzerherzchen und Sternen drauf. So etwas würde ich nie anziehen. Gestern in der Schule war Mario voll frech zu mir, er hat gesagt, ich könne nicht Fussball spielen, dabei kann er es nicht viel besser als ich. Und im Volleyball ist der voll schlecht. Sieh mal, Mama, die Braut dort. Hässlich, diese Frisur, nicht wahr? Also wenn ich mal heirate, will ich eine perfekte Frisur, nicht so ein Besen. Das Kleid ist zwar noch schön, aber diese Frisur… So ein doofer Hund, voll schlecht erzogen. Der Hund von Barbara übrigens auch, kläfft immer und springt an den Leuten hoch. Und stinken tut der… Der Roland sollte sich wirklich mehr waschen, hat sogar die Lehrerin gesagt, aber er tut es trotzdem nicht. Seine Mutter müsste ihm doch mal ein Deo kaufen. Iiiih, hast du diese Wurst gesehen? Schmeckt sicher scheusslich und die Leute dort vorne haben sie gerade in ihren Einkaufswagen gelegt. Bei denen möchte ich nie essen müssen. Mann, die Verkäuferin an der Kasse war voll unfreundlich. Hat nicht mal guten Tag gesagt. Du, Mama, das Mädchen dort drüben ist voll frech. Hat uns die längste Zeit angestarrt, mit dem Finger auf uns gezeigt und dann etwas zu ihrer Mama gesagt. Ich habe zwar nicht verstanden was, aber so etwas tut man doch nicht, gell Mama?“
Nein, so etwas täte man wirklich nicht, mein Kind, aber ich bin mir nicht sicher, ob du dieser Wahrheit auch wirklich ins Gesicht sehen magst.
Hätten wir keinen Garten…
…dann hätte ich heute Morgen nach Frühstück, Zeitungslektüre und Prinzchengeplauder lustlos die Küche aufgeräumt, Wäsche gefaltet, ab und zu einen traurigen Blick auf das traurige Wetter geworfen, Mittagessen gekocht, die Kinder angemotzt, hinter ihnen hergewischt, vielleicht eine Tasse Kaffee getrunken und abends „Meinem“ die Ohren voll gejammert.
Weil wir aber einen Garten haben, trieb mich das Regenwetter nach draussen, denn hätte ich nicht ganz schnell eingegriffen, hätten die Schnecken meinen liebevoll gehätschelten Setzlingen einen frühen Tod bereitet. Mit Schere, Nematoden, Schneckenzaun und Bierfallen gingen das Prinzchen und ich auf Schneckenjagd, ich führte ihn ein in die Welt der biologischen Schädlingsbekämpfung, er spürte für mich noch die winzigste aller Schnecken auf. Anfangs jammerten wir noch über Regen und Kälte, doch irgendwann merkten wir wohl beide, dass schlechtes Wetter vom Fenster aus betrachtet trüber ist, als wenn man sich draussen bewegt, die Vögel zwitschern hört und den Flieder riecht. Wären wir drinnen geblieben, hätten wir wohl erst spät bemerkt, dass die Wolkendecke allmählich löcherig wurde, so aber waren wir mittendrin, als das Wetter sich allmählich besserte.
Hätten wir keinen Garten, dann wäre ich heute drinnen versauert, aber weil wir einen Garten haben, war der heutige Tag ganz nett. Ich glaube, das Prinzchen würde mir beipflichten, hätte er nicht vor lauter frischer Luft sehr früh sehr tief geschlafen.









