Es gibt uns noch…

… bloss haben wir es geschafft, uns genau den Winkel Deutschlands für unsere Restferien auszusuchen, der noch nie etwas von Wireless & Handyempfang gehört hat. Nun ja, ich übertreibe mal wieder, das familiemfreundliche Feriendorf verspricht natürlich Internetempfang, wie es sich heutzutage gehört. Zu dumm nur, dass auf fünfzig Ferienwohnungen gerade mal 20 Modems kommen und von denen haben wir natürlich keines abbekommen. Internetcafés gibt’s nicht im Ort und wenn man die grosse weite Welt nicht aus den Augen verlieren möchte – mal kurz Mails und die neueste „Spiegel“-Ausgabe herunterladen und ein paar Zeilen bloggen – muss man bis Regensburg reisen.

Nun könnte man ja gut und gern einmal ein paar Tage ohne meine Gedankenergüsse auskommen und sogar ich habe mich beinahe damit abgefunden, dass ich gezwungenermassen mal eine Woche Kreativpause einlege, aber da gibt es ja noch die Swissmom-Kolumne, die jeweils am 1. des Monats fällig ist und aus mir vollkommen unerklärlichen Gründen habe ich in Prag keine Zeit für diese Kolumne gefunden. Und so kam es, dass wir am Sonntag eiligst nach Regensburg fuhren, damit der Text noch rechtzeitig online geschaltet werden konnte. Offen gestanden war meine Familie nicht gerade begeistert darüber, dass man meinetwegen durch Regensburg hetzen musste, immer auf der Suche nach der besten Internetverbindung.

Immerhin haben wir dabei festgestellt, dass Regensburg eine wunderschöne Stadt ist, so, dass wir heute gleich noch einmal gekommen sind. Und diesmal, das schwöre ich, hat es nichts mit meiner Schreiberei zu tun. Wobei, wo wir schon mal hier sind, kann ich ja gleich….

Familienticket

Auch in Prag hat man erkannt, dass Eintrittspreise zu Sehenswürdigkeiten ins gute Tuch gehen, wenn man mit der Familie reist und darum werden vielerorts vergünstigte Familientickets angeboten. Dumm nur, dass die Definition dafür, was eine Familie ist, meist ziemlich eng gefasst wird: 1 Familie = 2 Erwachsene + 2 Kinder.

Kommt ein Erwachsener mit drei Kindern daher, kann er die Reduktion glatt vergessen. Auch zwei Erwachsene mit drei oder vier Kindern haben keine Chance, die überzähligen Kinder mit der Pauschale hereinzuschmuggeln. Wer nicht fähig ist, seine Familie nach dem 2 + 2 – Schema zu planen, der hat keine Vergünstigung verdient, die Kinder, die zuviel sind, werden ganz normal verrechnet, so dass man am Ende trotz Familienticket ziemlich tief in die Tasche greifen muss. Zumindest, wenn man nicht dazu bereit ist, die überzähligen Kinder im Schliessfach zu deponieren.

Zwei Ausnahmen sind mir in dieser Woche begegnet: Im jüdischen Viertel lautet die Gleichung 1 Familie = 2 Erwachsene + 4 Kinder, im Botanischen Garten heisst es 1 Familie = 3 Erwachsene + 2 Kinder, was ja durchaus Sinn macht, denn wenn man schon den mühsamen Onkel, der sich sonntags immer so einsam fühlt, mitschleppen muss, will man nicht eigens für ihn bezahlen, nicht wahr?

Ins Schwarze getroffen

Als „Meiner“ und ich im Januar durch Prag spazierten, fielen immer wieder Bemerkungen wie „Das müssten unsere Kinder sehen“ oder „Stell dir bloss vor, wie begeistert sie davon wären“. Wir sahen all die malerischen Winkel, die uns schon bei unseren früheren Besuchen so sehr gefallen hatten, mit den Augen unserer Kinder und das war auch der Grund, weshalb wir uns dazu entschlossen, diesen Sommer mit ihnen hierher zu kommen. Wir konnten es kaum erwarten, ihnen zu zeigen, was uns selber immer wieder aufs Neue begeistert.

Jetzt, wo wir hier sind, zeigt sich, dass wir für einmal voll ins Schwarze getroffen haben. Der Zoowärter wandelt auf den Spuren des kleinen Maulwurfs, Luise shoppt bis zum Umfallen – soll sie doch, ist ja ihr eigenes Erspartes -, Karlsson träumt davon, eine der wunderschönen Geigen aus dem Musikmuseum zu besitzen, der FeuerwehrRitterRömerPirat deckt sich mit Holzwaffen und Schmuck ein und das Prinzchen hat die ganze Stadt zu seinem Abenteuerspielplatz erklärt. Somit sind alle rundum zufrieden, mal abgesehen von dem üblichen Gejammer über müde Füße und „ich will jetzt aber auf der Moldau Ruderboot fahren und nicht mehr länger in dieser langweiligen Synagoge bleiben“. Perfekter können Ferien mit sieben doch ziemlich unterschiedlichen Menschen wohl nicht sein.

Bloss eines haben „Meiner“ und ich nicht in Betracht gezogen, als wir diese Ferienwoche planten: Die Ausdauer, die unsere fünf Knöpfe an den Tag legen. Die ziehen ohne mit der Wimper zu zucken ein zehnstündiges Touristenprogramm durch und wenn wir Eltern danach in der Ferienwohnung erschöpft aufs Sofa plumpsen fragen die Kinder, die eben noch behauptet hatten, sie könnten keinen weiteren Schritt mehr tun: „Was machen wir denn heute Abend? Gehen wir noch auf die Karlsbrücke?“

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Kenne ich die?

„Meiner“ und ich sollten es inzwischen ja schon längst wissen: Es gibt Tage, an denen man mit unseren Kindern nicht auswärts essen sollte. Heute war so ein Tag, aber wir taten es trotzdem. Klar, vier von fünf Kindern waren schrecklich aufgedreht und das fünfte klagte noch immer laut über Bauchschmerzen, wenn auch etwas weniger als gestern. Aber nachdem ich den ganzen Tag mit wirrem Kopf und grummelndem Bauch im Bett verbracht hatte und „Meiner“ sich vom Apotheker – nicht dem gleichen wie gestern – hatte sagen lassen, der FeuerwehrRitterRömerPirat brauche frische Luft, beschlossen wir, auf der Halbinsel Kampa eine böhmische Kartoffelsuppe zu essen. Genau das Richtige für Mägen, die zwar vor Hunger grummeln, aber nicht sicher sind, ob sie das Essen dann auch wirklich behalten wollen.

Nach einigem Suchen fanden wir das perfekte Restaurant: Ein lauschiger Garten, ein Tisch etwas abseits von den anderen Gästen und grossfamilienfreundliche Preise. Nachdem auch noch die Kellnerin voller Bewunderung fragte, ob all diese Kinder aus eigener Produktion stammten, hatten „Meiner“ und ich das Gefühl, dass heute ein Abend werden könnte, an den man noch Jahre später sehnsüchtig zurückdenken würde. „Wisst ihr noch, damals, auf der Halbinsel Kampa, als wir diese köstliche böhmische Kartoffelsuppe aus dem Brot löffelten…“

Nun, ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns immer mal wieder an diesen Restaurantbesuch erinnern werden, wenn auch nicht voller Sehnsucht. Es fing damit an, dass der Zoowärter und das Prinzchen unablässig über die Sitzbänke kletterten und dazu einen Riesenlärm veranstalteten. Etwas später meldeten sich die Bauchschmerzen und damit auch das laute Jammern unseres Dritten zurück. Karlsson und Luise stritten sich derweilen, wer den grünen Trinkhalm bekommen sollte.

Dann kam das Esen und jetzt ging es richtig los. Luise verschüttete ihre Erdbeerlimonade über die gebratenen Zwiebelringe, das Prinzchen füllte sich die Windel, der FeuerwehrRitterRömerPirat raste aufs WC und der Zoowärter wollte sich aus dem Staub machen, weil er in nächster Nähe einen Spielplatz vermutete. Derweilen versuchte Karlsson, den griechischen Salat, den er sich mit Luise teilte, in Essig zu ertränken. Aus irgend einem Grund gerieten sich das Prinzchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat in die Haare, weshalb unser Jüngster seine Sandalen auszog, um sie dem grossen Bruder an den Kopf zu werfen. „Meiner“ schaffte es in letzter Sekunde, das Schlimmste zu verhindern, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat heulte dennoch Rotz und Wasser. Auch der Zoowärter heulte, weshalb weiss ich nicht mehr, ich weiss nur noch, dass ihm vor lauter Heulen das Abendessen wieder hochkam. Ich schaffte es gerade noch, ihm eine leere Schale hinzuhalten, deren Inhalt „Meiner“ mithilfe von zwei – sauberen – Windeln im nahe gelegenen Abfalleimer diskret entsorgen konnte. Danach wollten wir eiligst unsere Rechnung bezahlen und sofort verschwinden. Währenddem wir auf die Kellnerin warteten, stellte der Zoowärter fest, dass er jetzt, wo sein Abendessen in Windeln gewickelt im Abfalleimer lag, wieder hungrig war und da sonst nichts mehr auf dem Tisch war, wollte er sich über die letzten Pommes Frites seines größeren Bruders hermachen. Natürlich liess ihn dieser nicht einfach so gewähren, was zu erneutem Geheul führte.

Als wir uns wenige Minuten später mit unserer Barbarenhorde – mindestens drei davon laut heulend – aus dem Staub machten, glaubte ich, das Schlimmste sei überstanden. Doch was musste ich sehen, als ich mich ungeduldig umwandte, um zu sehen, wo „Meiner“ und die Kinder so lange blieben? Die machten sich doch tatsächlich über den Inhalt eines Abfalleimers her, allen voran „Meiner“, der voller Begeisterung zwei hässliche alte Ledertaschen, die wohl noch die Anfänge des Kommunismus in Prag miterlebt hatten, herauszog. Der Zoowärter tat es seinem Papa gleich und schwenkte bald darauf voller Stolz einen ausgedienten Squash-Schläger.

Als ich das sah, tat ich etwas, was ich noch nie zuvor getan habe: Ich ging so schnell als möglich weiter und tat, als würde ich die da hinten nicht kennen.

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Wie hätte es auch anders sein können?

Das mit der käferfreien Reise hat sich einmal mehr als netter Wunsch herausgestellt. Okay, die meisten von uns haben es zumindest geschafft, den guten alten Noro auf Sparflamme zu halten, aber den FeuerwehrRitterRömerPiraten hat es erwischt wie seit Jahren nich mehr. Das arme Kind verbrachte heute den ganzen Tag entweder schreiend auf dem WC oder dösend im Bett. Und so war heute Morgen eben zuerst die Apotheke dran und nicht der Prager Zoo. Mit Händen und Füssen sowie der Hilfe einer netten Kundin schaffte ich es, dem Apotheker klar zu machen, dass ich leider kein Tschechisch spreche, worauf er seine Englisch sprechende Mitarbeiterin herbeirief, die mir ein paar Medikamente verkaufte, von denen ich hoffe, dass sie gegen Durchfall helfen. Um dies herauszufinden gibt es zwei Möglichkeiten: Beobachten, ob sich beim FeuerwehrRitterRömerPiraten endlich eine Besserung einstellt, oder aber ganz schnell Tschechisch lernen, damit ich den Beipackzettel verstehen kann. Momentan habe ich den Eindruck, dass ich mit Tschechisch lernen schneller ans Ziel käme, denn von einer Besserung ist weit und breit nichts zu sehen. Ich habe schon mal angefangen, mich nach einem ärztlichen Notfalldienst umzusehen. Und nach einem Tschechisch-Kurs, damit ich den Arzt auch verstehen würde, falls wir einen aufsuchen müssten.

Nun, wenn ein Kind krank ist, kann man nicht gut von allen anderen erwarten, dass sie den ganzen Tag in der Wohnung sitzen, so schön diese auch sein mag. Also doch in den Zoo. Ich ganz alleine mit den vier gesunden Kindern mit U-Bahn und Bus. Zwei von diesen vier Kindern musste ich zuerst mal erklären, was eine U-Bahn ist und ich glaube „Meiner“, der danebenstand und den Rucksack für unseren Ausflug packte, zweifelte einen Moment lang dran, ob er Frau und Kinder je wieder sehen würde, oder ob sie irgendwo zwischen vystúp und nàstup verloren gehen würden.

Wir gingen natürlich nicht verloren. Wie denn, wo doch die Prager U-Bahn übersichtlicher ist als unser Vorratsschrank zu Hause? Und ausserdem verhielten sich unsere Kinder, als hätten sie seit ihrem ersten Lebenstag nichts anderes getan als U-Bahn fahren. Es wurde ein ganz und gar gelungener Familienausflug mit Eis essen, Lieblingstieren anschauen – Eisbären für Karlsson, Flamingos für Luise, Elefanten für den Zoowärter und „Tiger ist sooooooo cool“ für das Prinzchen -, mit einem Besuch beim Baby-Nilpferd, mit einem Riesenkrach, weil wir nicht mit der Sesselbahn fahren konnten, weil der Zoowärter Angst hatte und ich auf dem kleinen Sessel nicht zwei kleine Jungs auf den Schoss hätte nehmen können, mit müden Beinen, sich paarenden Riesenschildkröten – „Mama, findest du doof, was die zwei Schildkröten da machen?“ -, mit Gedränge auf der Rutschbahn und „Nein, Prinzchen, nicht über den Zaun klettern!“. Ein Familienausflug, wie er im Buche steht, wunderschön und anstrengend zugleich.

Ein Familienausflug, den wir unbedingt werden wiederholen müssen. Denn der FeuerwehrRitterRömerPirat will den Zoo ja auch noch sehen. Sobald die Medikamente endlich gewirkt haben und er nicht alle drei Minuten aufs WC rennen muss. So es denn überhaupt Medikamente gegen Durchfall und nicht gegen Verstopfung sind…

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Welt, du machst mir Sorgen

Du schlenderst mit deinen Kindern durch Prag und unvermittelt kommen die Fragen: „Mama, warum steht auf diesem alten Schild im Restaurant, dass Gespräche über Politik verboten sind?“ „Warum hätten deine Eltern mit euch nicht einfach mal schnell nach Prag reisen können, als du ein Kind warst?“ „Was bedeutet dieses Poster mit der Matroschka, die ihre Zähne fletscht?“ „Wer hat diese hässlichen Häuser gebaut, die so gar nicht zum Rest der Stadt passen?“ Und schliesslich die Mutter aller dieser Fragen: „Mama, was ist überhaupt Kommunismus?“

Keine einfachen Fragen, aber dennoch solche, die ich gerne beantworte, oder zumindest versuche zu beantworten. Wer erzählt nicht gerne die Geschichte von den Menschen, die sich nach Freiheit sehnten, die sich gegen ihre Unterdrücker aufgelehnt haben und die schliesslich wohl selber erstaunt waren, dass ihr Aufstand erfolgreich war? Es war wohl eine der wenigen Sternstunden der Geschichte, als damals die Grenzen fielen und man plötzlich Zugang zu Menschen, Sehenswürdigkeiten, Landschaften und Geschichten hatte, die eben noch unerreichbar waren. Auch wir rieben uns alle erstaunt die Augen, hatten wir doch in der Schule gelernt, dass es durch den Eisernen Vorhang kein Durchkommen gebe.

Ja, diese Fragen beantwortet man gern. Aber es gibt in diesen Tagen Fragen, die man als Mutter oder Vater nicht beantworten möchte. „Mama, warum tun Menschen so etwas Furchtbares?“ „Könnte so etwas bei uns auch geschehen?“ „Wieso gibt es Menschen, die so sehr hassen?“ „Warum tut ein Mensch, der sagt, er glaubt an den lieben Gott, so etwas Schreckliches?“

Offen gestanden bin ich froh, dass unsere Kinder diese Fragen nicht gestellt haben, denn ich wüsste keine Antwort. Ich bin froh, dass die Schlagzeilen hier in einer Sprache geschrieben sind, die sie nicht lesen können. Ich bin froh, dass ich ihnen jetzt noch nicht erzählen muss, dass es auch in einem Land, das schon immer zur „freien“ Welt gehört hat, lebensgefährlich sein kann, eine politische Überzeugung zu haben. Auch darüber reiben wir uns erstaunt – und erschüttert – die Augen, denn hat man uns nicht immer erzählt, dass bei uns jeder frei sei, zu denken und zu glauben, was er wolle?

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Geht doch

Morgen früh verreisen wir nun endlich auch in die Ferien und jetzt solltet ihr euch bitte irgendwo festhalten, denn das, was ich jetzt schreibe, ist beinahe nicht zu glauben: Wir sind bereit. Nein, nicht bloss im Kopf. Die Koffer sind gepackt – bis auf denjenigen von „Meinem“, aber der musste heute noch Plakate malen – , das Auto ist beladen, die Kühlschränke sind nahezu geräumt und sogar die Reiseunterlagen inklusive gültige Identitätskarten für alle sieben liegen bereit. Ich habe es sogar fertig gebracht, eine Tasche mit Gummistiefeln und Regenjacken zu packen, weil ich irgendwo am Rande mitgekriegt habe, dass es in Prag derzeit auch ziemlich nass sein soll. Mag sein, dass dies in den Augen meiner Leserschaft nichts Besonderes ist, aber ich muss leider darauf hinweisen, dass es so etwas im Hause Venditti seit mindestens sechs Jahren nicht mehr gegeben hat. Ich glaube, mich vage daran erinnern zu können, dass wir das damals, als Karlsson und Luise noch sehr klein waren, auch schon hingekriegt haben, aber spätestens seit der Geburt des FeuerwehrRitterRömerPiraten herrschte ein heilloses Durcheinander wann immer wir verreist sind. Eigentlich erstaunlich, dass wir kaum je etwas zu Hause vergessen haben. Wo doch unsere Reisevorbereitungen eher Fluchtversuchen gleich kamen. 

Aber diesmal ist wirklich alles anders. So anders, dass wir sogar daran gedacht haben, uns die Magen-Darm-Seuche, die wir uns gewöhnlich im Urlaub leisten, in diesem Jahr bereits zu Hause zu geniessen. Ja, ich weiss, das ist nun wirklich ein wenig übertrieben, aber wo wir schon mal am Durchorganisieren waren, haben wir uns gedacht, dass wir das mit der Planung für einmal bis ins kleinste Detail durchziehen sollten.

Johann Sebastian sei Dank

Der gute alte Johann Sebastian ist und bleibt der Beste. Was ich in zwei nervenaufreibenden Stunden nicht hinkriege, schafft er innert Minuten. Nichts half, weder singen, kuscheln noch drohen. Das Prinzchen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat wollten heute Abend einfach keine Ruhe geben und irgendwann war es auch mit meiner Ruhe vorbei, so dass ich nicht mehr ganz die nette Mama war, die ihre Kinder singend in den Schlaf begleitet. Irgendwann war ich an dem Punkt, an dem ich nur noch lauthals schimpfen konnte, sogar mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der den ganzen Tag fiebernd auf dem Sofa gelegen hatte und dennoch abends so lieb war, mich bei meinen erfolglosen Versuchen, die zwei Jüngsten zum Schweigen zu bringen, zu unterstützen.

Ich war schon fast den Tränen nahe, weil es mal wieder ganz klar darauf hinauslief, dass ich erst die ganz böse Mama würde spielen müssen, ehe die übermüdeten Kinder endlich schlafen würden. Da hatte ich den rettenden Einfall, es mal wieder mit Johann Sebastian zu versuchen. Und siehe da, der alte Knabe hat unsere Söhne noch immer bestens im Griff. Kaum erklangen die ersten Takte, hörte das Prinzchen auf, mich mit kleinen, fiesen Schubsern zu provozieren, fünf Minuten später lag sein Kopf friedlich auf meinem Schoss und bald schon schlief er tief und fest. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat liess nur noch einen tiefen Seufzer hören, dann liess auch er sich von der Musik in den Schlaf lullen. Der Zoowärter brauchte etwas länger als seine zwei Brüder, was wenig verwunderlich ist, wo er doch heute Abend einer der drei Chipmunks war und meines Wissens sind die nicht wegen ihres phlegmatischen Wesens berühmt geworden. Aber auch der kleine Chipmunk wurde deutlich ruhiger und schon bald einmal verkündete er, er werde sich jetzt in seine Chipmunk-Höhle zurückziehen um tief und fest zu schlafen. 

Es gibt viele gute Gründe, Johann Sebastian zu verehren, in meinen Augen aber ist seine grösste Leistung eindeutig die, dass er es fertig bringt, unsere aufgedrehten Söhne abends zu beruhigen. Nun ja, eigentlich gibt es etwas, wofür ich ihn fast noch ein wenig mehr verehre: Er schafft es, auch mich wieder zu beruhigen, nachdem die aufgedrehten Söhne mich mal wieder zur Weissglut getrieben haben. Und glaubt mir, wenn ich mich mal aufrege, bin ich gar nicht so leicht zu beruhigen und deswegen bitte ich euch, dem guten alten Herrn Bach einen tosenden Applaus zu geben.

Armes Prinzchen

Allmählich nähert sich das Prinzchen seinem dritten Geburtstag und so langsam kommt bei mir das Mitleid auf, das ich immer empfinde für die Dreijährigen. Nun ja, es dauert noch gute drei Monate, bis der grosse Tag da ist, aber als jüngstes Kind ist das Prinzchen immer etwas schneller als die anderen es waren. Und darum zeichnet sich bei ihm jetzt schon ab, was früher oder später kommen muss: Die Schonzeit nähert sich ihrem Ende. 

Es fängt damit an, dass nicht mehr alle „ach, wie süüüüüüüüss“ kreischen, wenn das Prinzchen einem seiner Geschwister eins überbrät. Plötzlich heisst es „Prinzchen, du nervst!“ und der arme Junge ist ganz verdattert. Warum sind sie plötzlich nicht mehr entzückt, wenn er den Grossen zeigt, wer hier der Meister ist? Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass seine Schläge inzwischen ganz schön schmerzhaft sind und das ist nun mal nicht mehr besonders süss.

Ein weiteres Anzeichen, dass es für unseren Jüngsten langsam ernst gilt: Der Satz „Ach lass ihn doch. Er ist noch so klein und versteht noch gar nicht, dass er kein Eis haben darf, wenn er bereits Gummibärchen genascht hat“ fällt deutlich seltener. So langsam entwickelt unser Prinzchen ein Gefühl für den Tagesablauf und von einem Kind, das schon ziemlich gewieft mit den Begriffen „heute“ und „morgen“ jongliert, erwartet man automatisch, dass es damit leben kann, dass es erst morgen wieder etwas Süsses gibt. Natürlich weiss ich, dass der Junge trotz seiner grossen Worte noch keinen Zeitbegriff hat, aber wer sagt denn, dass Mütter sich immer schön brav an das halten, was sie wissen? Oh ja, es fällt mir durchaus schwer, bei dem herzigen Bengel konsequent zu bleiben, wo er doch im Vergleich zu seinen Geschwistern tatsächlich noch sehr klein ist, aber irgendwann muss er wohl lernen, dass er hier nicht im Schlaraffenland lebt. 

Ja, und da wäre natürlich noch die Sache mit dem Chaos. So langsam ist es einfach nicht mehr süss, wenn das Prinzchen wie ein Wirbelsturm durch die Wohnung fegt. Er braucht gerade mal so lange, wie Mama auf dem WC sitzt, um den Küchenschrank leer zu räumen, eine halbe Tüte Mehl zu verschütten und den Brotteig mit bunten Zuckerstreuseln zu verzieren. Ja, ich weiss, ihr denkt jetzt, ich würde wohl den halben Vormittag im Badezimmer verbringen und glaubt mir, die Versuchung ist gross, eben dies zu tun, um das Durcheinander, das unser Jüngster innert Kürze anrichtet, nicht sehen zu müssen. Aber weil ich inzwischen die unzähmbare Neugierde unseres Jüngsten und deren desaströse Folgen für Mobiliar, Bastelarbeiten und Lebensmittelvorräte kenne, wage ich kaum mehr, die Tür zum Badezimmer zu schliessen, aus Angst, ich würde ausgerechnet in dem Moment weg sein, in dem er beschliesst, das iPad aus dem Fenster zu werfen oder Karlssons Zeugnis etwas bunter zu gestalten. Und sagt jetzt nicht, wir müssten die Dinge eben prinzchensicher verstauen. In den vergangenen Monaten mussten wir durch diverse schmerzhafte Erfahrungen lernen, dass es so etwas wie Prinzchensicherheit nicht gibt, das Kind kommt überall hin, wenn er es sich nur fest genug in den Kopf setzt. Und weil man ein solches Kind nicht bremst, indem man ihm sanft ins Ohr säuselt „Mein lieber kleiner Schatz, willst du das nicht lieber bleiben lassen? Mama ist ganz traurig, wenn du jetzt diesen Blumentopf vom Balkon schmeisst“, kommt es hin und wieder vor, dass wir ziemlich laut und ernst werden müssen, ehe er von seinem Tun ablässt.

Wenn ich lese, was ich bis jetzt geschrieben habe, frage ich mich, weshalb ich diesen Text mit „armes Prinzchen“ überschrieben habe. Sind nicht wir anderen die Armen? Immerhin versuchen wir den lieben langen Tag mit mässigem Erfolg zu verhindern, dass der kleine Lausebengel unser Leben noch vollends auf den Kopf stellt. Aber ich bleibe dabei, dass nicht wir die Armen sind, sondern er. Denn währenddem wir wissen, dass sich das alles wieder legen wird, wenn der Verstand des Prinzchens anfängt, mit seinem Können Schritt zu halten, hat er keine Ahnung, weshalb es immer öfters „Prinzchen neeeeeiiiiiiiin! Jetzt hörst du sofort auf damit!“ heisst und nicht mehr „Ach schau mal wie süss! Jetzt hat er schon wieder den ganzen Sirup ausgekippt, weil er versucht hat, sich selber einzuschenken.“

Mama, spielst du mit mir?

Eigentlich hätte ich auf die Frage vorbereitet sein müssen, nachdem ich am Samstag stundenlang mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten die Lego-Burg zusammengebaut hatte. „Mama, spielst du mit mir Lego?“, wollte er am Sonntag von mir wissen und mit spielen meinte er diesmal nicht zusammenbauen, sondern richtig spielen, mit Angriffen auf die feindliche Burg, Verfolgungsjagden und allem was sonst noch dazugehört. Ich hätte ja nur zu gerne ja gesagt, aber weil ich eine miserable Spielkameradin bin, musste ich meinen Sohn enttäuschen. Zusammenbauen? Liebend gerne. Abenteuerliche Geschichten von Zeitreisen ins Mittelalter vorlesen? Noch lieber. Tausendundeine Frage über die Ritterzeit beantworten? Nur zu. Aber spielen? Nicht mit mir. Denn spielen mit mir ist geradezu einschläfernd.

Das war schon immer so. Ich war keines jener Kinder, die sich stundenlang rollenspielend in einer Fantasiewelt tummeln konnten. Lesend und später auch schreibend ja, aber spielend? Nein, dazu war ich viel zu bodenständig. Klar, auch ich spielte mit Puppen und Playmobil, aber diese Spiele mussten immer nahe an der Realität sein. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie ich meine Schwester dazu überreden wollte, dass unsere Puppen sich mal ganz heftig in die Haare geraten sollten, weil man im richtigen Leben ja auch hin und wieder streitet. Es kam dann auch tatsächlich zum Streit, aber nicht zwischen den Puppen, sondern zwischen uns Schwestern, weil die Gute einfach nicht einsehen wollte, weshalb unser Spiel das wahre Leben spiegeln sollte. Rückblickend verstehe ich nur zu gut, dass meine Schwester nur selten Lust hatte, mit mir zu spielen. Wer will denn schon die doofsten Seiten des Kinderalltags nachspielen?

Auch heute kommt es selten gut, wenn die Kinder versuchen, mich in ihr Spiel hineinzuziehen. Nehmen wir mal an, die Kinder würden mit mir Einkaufsladen spielen wollen. „Mama, du wärest jetzt die Kundin, die noch kurz vor dem Mittagessen eine Büchse Ravioli kaufen möchte“, würden die Kinder zum Beispiel sagen. „Müssen es denn unbedingt Ravioli sein?“, würde ich dann protestieren. „Ihr wisst doch, dass ich nie so etwas Ungesundes auf den Tisch bringen würde. Ich könnte doch auch die Kundin sein, die kurz vor dem Mittagessen noch Tofubratlinge und einen grünen Salat einkaufen möchte.“ „Aber nein Mama, das ist doof. Du sollst jetzt diese blöde Kundin sein, die ihren Kindern nie etwas Anständiges kocht und die immer erst in letzter Minute in den Laden gerannt kommt. Und dann schimpfst du mit der Verkäuferin, weil sie keine Dosenravioli mehr hat“, würden dann die Kinder sagen. „Aber die arme Verkäuferin kann doch auch nichts dafür, dass es keine Dosenravioli mehr hat. Wo doch alle Mütter zu faul waren, etwas Anständiges einzukaufen. Da kann die Kundin doch nicht mit der Verkäuferin schimpfen. Also ich würde viel lieber Tofubratlinge…“ „Nein Mama, Tofubratlinge gibt es in diesem Laden nicht! Ravioli sollst du kaufen!“ „Aber ich will keine Ravioli kaufen…“ „Dann spielst du eben nicht mit, Mama. Mit dir zu spielen macht überhaupt keinen Spass. Luise, spiel du die doofe Kundin und ich spiele die Verkäuferin, die ….“

Zugegeben, die Szene ist frei erfunden, aber nur, weil unsere Kinder schon längst begriffen haben, dass mit Mama spielen keinen Spass macht. Nun ja, die meisten haben es begriffen, der FeuerwehrRitterRömerPirat will noch immer nicht glauben, dass die Mama, die mit Leib und Seele dabei ist, wenn es etwas Aufzubauen gilt, völlig unbrauchbar ist, wenn eine Burg eingenommen werden soll. Ich fürchte, ich werde demnächst einmal mitspielen müssen, damit er sieht, wovon ich rede, wenn ich ihm versichere, dass es öde ist, mit mir zu spielen.

Ich nehme an, dass einige meiner Leser mich jetzt ganz furchtbar herzlos finden. Bin ich aber nicht. Zwar bin ich keine Spielkameradin für meine Kinder, dafür habe ich in enger Zusammenarbeit mit „Meinem“ dafür gesorgt, dass es an Spielkameraden nie mangelt, auch dann nicht, wenn sämtliche Freunde und Nachbarn in den Ferien sind. Und glaubt mir, das war kein Kinderspiel, sondern knochenharte Arbeit, besonders dann, als es galt, diese Spielkameraden zu gebären.