Zwischenbericht aus der Betreuungswüste

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich mit der Kinderbetreuungswüste Schweiz in Berührung komme. Immerhin haben „Meiner“ und ich schon Stunden am Telefon verbracht, um herauszufinden, ob es irgendwo jemanden gäbe, der uns dabei helfen könnte, aus dem Sumpf zu kommen. Zum Beispiel damals, als ich mit dem Zoowärter im neunten Monat schwanger war und mir ein Ikea-Möbel auf den Fuss fallen liess. Der Zeh war futsch, die Mama lag flach und der Haushalt geriet aus den Fugen. Und ausser der Grossmama im Haus, die eigentlich schon längst den Ruhestand geniessen sollte, niemand da, der den Laden hätte schmeissen können. Weil in der Schweiz solche Notfälle nicht vorgesehen sind. Oder als ich von zu Hause aus zu arbeiten begann und feststellen musste, dass Kinderbetreuung für unsereinen schlicht unbezahlbar ist, es sei denn, wir würden ein Au-Pair anstellen. Was gar nicht so einfach ist, da Au-Pairs, die mit fünf kleinen Vendittis klarkommen, dünn gesät sind. Inzwischen haben wir ja das perfekte Au-Pair gefunden, aber mir graut schon heute vor dem Tag, an dem sie uns wieder verlassen wird und wir uns auf die Suche nach einer neuen Lösung machen müssen.

Das also sind einige der Erfahrungen, die ich persönlich mit der Betreuungswüste Schweiz gemacht habe. Seitdem ich mich aber aufgemacht habe, um mit einigen Frauen der Misere zumindest bei uns im Dorf ein Ende zu setzen, erfahre ich täglich, dass „Meiner“ und ich bei Weitem nicht alleine sind in dieser Wüste. Hier eine Mama, die ganz dringend einen Babysitter sucht, damit sie hin und wieder ein paar Stunden Schlaf bekommen kann, da eine neu zugezogene Familie, die sich erstaunt die Augen reibt, weil man in Schönenwerd die Kinder offenbar nicht auswärts betreuen lassen kann, es sei denn, man habe das Glück, eine der wenigen Tagesmütter zu kennen oder man sei mit einer hilfsbereiten (Schwieger)mutter gesegnet. Dann wieder ein Anruf einer verzweifelten Frau, die erst seit kurzer Zeit in der Schweiz lebt und die ganz dringend auf eine Arbeit angewiesen wäre, die sie sich aber nicht suchen kann, solange sie nicht weiss, wo ihre Kinder während ihrer Abwesenheit untergebracht werden sollen.

Die Anfragen gehen mir an die Nieren. Zum einen, weil ich zu gut weiss, wie man sich als Mama fühlt, wenn Anspruch und Realität zu weit auseinander klaffen. Zum anderen, weil es mich masslos ärgert, dass man hierzulande zu lange aus ideologischen Gründen darauf verzichtet hat, sinnvolle Lösungen zu finden, damit Kinder nicht sich selbst überlassen bleiben, wenn Mütter arbeiten müssen oder –  man stelle sich so etwas Schreckliches vor – gar arbeiten wollen. Am meisten aber machen mir die Anfragen zu schaffen, weil ich weiss, dass ich trotz all der Arbeit, die wir geleistet haben, noch immer sagen muss: „Ich werde mich nach Kräften darum bemühen, eine Betreuungsperson zu finden. Aber im Moment ist es wirklich nicht so einfach.“ Viel lieber wäre es mir, wenn ich jetzt schon sagen könnte: „Bringen Sie Ihr Kind doch einfach zu uns ins Familienzentrum.“ Klar, uns trennen nur noch wenige Monate von unserem Ziel. Aber weil ich weiss, dass ein paar Monate sehr sehr lang sein können, wenn eine Mama Hilfe braucht, bin ich jedes Mal frustriert, wenn ich jemanden auf nächstes Jahr vertrösten muss. Und dann muss ich mir jeweils fast die Zunge abbeissen, um nicht zu sagen: „Bringen Sie doch das Kind solange zu mir.“

Denn beides geht nun wirklich nicht: Ein Familienzentrum aufbauen und die Kinder betreuen, die dereinst das Zentrum mit Leben füllen sollen.

Abendstille nirgendwo….

…. zumindest nicht bei Vendittis. Da muss auch zu später Stunde noch einer ein Nuschi haben, der andere eine kurze Aufmunterung und der Dritte eine Ermahnung, weil er trotz mehrmaliger Aufforderung noch immer nicht im Bett liegt. Und wenn man glaubt, jetzt sei endlich Ruhe eingekehrt, brüllt das Prinzchen ein freudiges „Yo Man!“ in die himmlische Stille des Feierabends. Wenn das so weitergeht, kommt die Zeit, in der „Meiner“ und ich schon vor den Kindern schlafen noch bevor das erste Kind zum Teenager geworden ist.

Si tacuisses….

Nein, es geht nicht um die Philosophenwürde, die „Meiner“ wegen einer unbedachten Bemerkung verloren hat. Dennoch hätte er besser geschwiegen. Hätte er nichts gesagt, dann wäre es einfach ein ganz gewöhnlicher Tag gewesen, der schon im Eimer ist, bevor er richtig begonnen hat. Ein Tag, an dem man bereits um zwanzig nach sieben zum ersten Mal laut werden muss, weil keiner zuhört. Ein Tag, an dem man sich am Morgen vornimmt, die Wäscheberge zu beseitigen, den Haushalt auf Vordermann zu bringen und dem Zoowärter das Liederbuch von vorne bis hinten und wieder zurück vorzusingen. Ein Tag, an dem diese Pläne aber so oft durchkreuzt werden, dass man bereits um neun Uhr schon gar nicht mehr weiss, was man eigentlich vorgehabt hätte. Ein Tag, an dem man es erst um zehn Uhr unter die Dusche schafft, wo man, kaum ist man von Kopf bis Fuss eingeseift, vom Telefon gestört wird. Und dann, nachdem man wieder unter dem warmen Wasserstrahl steht, gleich noch einmal einen Anruf bekommt. Ein Tag, der in ähnlichem Stil weitergeht und der seinen Höhepunkt darin findet, dass man einen heulenden Karlsson abends um Viertel nach acht zum Strafjäten in den Garten schicken muss, weil er versucht hat, Luise eins mit der Geige überzubraten. Kurz, ein Tag zum Vergessen.

Wenn „Meiner“, der heute krank war und deswegen vom Sofa aus jedes Drama miterlebt hat, nicht diese Bemerkung gemacht hätte: „Das ist ja nicht zum Aushalten, was du da alles über dich ergehen lassen musst. Da drehst du ja irgendwann durch!“ Vor dieser Bemerkung war es ein Tag gewesen wie so viele. Nach dieser Bemerkung war es ein Tag, an dem ich mich von Minute zu Minute tiefer ins Selbstmitleid stürzte, so dass ich gegen Abend, als das Fass auch für mich am Überlaufen war, beinahe in Tränen ausgebrochen wäre. Hätte „Meiner“ nichts gesagt, dann hätte ich mir keine weiteren Gedanken über diesen miesen Tag gemacht. So aber wurde mir plötzlich bewusst, dass gewisse Tage tatsächlich eine ziemliche Zumutung sein können.

Doch weil er nicht geschwiegen hat, bin ich mal wieder ins Philosophieren geraten und zwar über die wohl nie zu beantwortende Frage, ob Tage wie heute  zum gewöhnlichen Lauf der Dinge gehören, oder ob das ganze Chaos nur an mir liegt.

Artgerechte Au-Pair-Haltung

Zum Glück haben wir uns gestern gemeinsam mit dem Au-Pair noch einmal dieses Vertragswerk mit dem poetischen Titel „Normalarbeitsvertrag für Arbeitnehmer im Hausdienst“ angeschaut. Sonst hätten wir wieder alles falsch gemacht. Besonders im Abschnitt B) Entlöhnung, §9.3 werden da ein paar ganz heikle Punkte angesprochen: „Der Naturallohn besteht aus Kost, Logis, Wasch – und Badegelegenheit sowie Pflege der Wäsche. Das Essen muss gesund und ausreichend sein, der allgemeinen Führung des Haushaltes entsprechen und zu geregelten Zeiten gegeben werden…“

Nun, dann müssen wir wohl damit aufhören, unser Au-Pair mit Fastfood vollzustopfen, während der Rest der Familie Vollwertkost bekommt. Und eins auf die Finger geben dürfen wir ihr auch nicht mehr, wenn sie sich unserer Meinung nach zuviel schöpft. Der Mustervertrag in Anlehnung an die „vom Ministerkomitee des Europarates am 18. Januar 1972 gebilligten Fassung“ geht gar noch weiter: „Der Au-Pair-Beschäftigte nimmt an den gemeinsamen Mahlzeiten teil und erhält dasselbe Essen wie die Familienangehörigen…“ Ja, dann werden wir wohl in Zukunft auch nicht mehr sagen dürfen, dass gewisse Speisen nur für die Herrschaften vorbehalten sind.

Uns allen ist jedoch unklar, wie wir die beiden Vertragswerke miteinander in Einklang bringen sollen. Denn während am einen Ort verlangt wird, dass das Au-Pair an den gemeinsamen Mahlzeiten teilnimmt, schreibt uns das andere vor, dass das Essen „zu geregelten Zeiten gegeben“ werden muss. Was doch ganz eindeutig danach klingt, als ob wir der jungen Frau das Essen jeweils in einem Blechnapf durch eine Klappe in der Zimmertür reichen müssen. Oder ist damit gemeint, dass wir ihr das Essen eingeben sollen, so wie einem kleinen Kind?

Wir waren alle ein wenig verwirrt und konnten uns nicht so recht vorstellen, wie wir die Sache handhaben sollen, ohne Probleme mit dem Arbeitsamt zu bekommen. Schliesslich haben wir beschlossen, uns völlig rebellisch zu verhalten: Das Au-Pair isst mit uns am Tisch, wenn sie will, darf sie ungesund essen, wenn sie Lust hat, weniger zu essen, dann weisen wir sie nicht zurecht, sie solle gefälligst „ausreichend“ essen weil alles andere vertragswidrig sei und wenn sie mal genug hat von uns allen, dann darf sie auch in ihrem Zimmer essen. Im Arbeitsvertrag werden wir dann wohl einfach schreiben: „Die Arbeitnehmerin darf zu jeder Zeit soviel essen wie sie will, wo sie will und wovon sie will.“

Alos ja, eine Einschränkung gibt’s noch: Auf dem Sofa wird erst gegessen, wenn die Kinder im Bett sind, sonst machen die das noch nach….

Was darf’s denn sein?

Fussball oder Tennis, lieber FeuerwehrRitterRömerPirat? Oder vielleicht gar beides? Und dann ab der ersten Klasse noch Jungschar, ab der dritten Trompete? Ach so, du willst Tennisprofi werden? Dann vielleicht doch besser nur Tennis und dafür kein Fussball. Auf ein Musikinstrument müsstest du dann wohl auch verzichten. Ja, natürlich, wir können eine Probelektion besuchen. Ja, in beiden Sportarten. Nein, mit einem Musikinstrument musst du noch warten. Du hast jetzt ja schon die Musikgrundschule, das muss reichen fürs Erste.

Ja, klar Luise, du darfst bei den Synchronschwimmerinnen ins Probetraining gehen. Aber dann kannst du nicht auch noch Unihockey spielen. Du hast ja auch schon Ballett, Querflöte und Jungschar. Nein, es wäre schade, mit dem Ballett aufzuhören, jetzt, wo du schon einiges gelernt hast. Und vergiss nicht, dass im Herbst wieder der Schwimmkurs anfängt, dann warten wir vielleicht doch lieber noch ein Jahr mit dem Synchronschwimmen. Ja, stimmt, du hast schon Recht. Es gibt ja nicht überall Vereine für Synchronschwimmerinnen. Da müsste man die Gelegenheit schon beim Schopf packen.

Wie, Karlsson? Du möchtest auch noch ein weiteres Hobby? Reicht es dir denn nicht mit der Geige und der Jungschar? Nun gut, du könntest vielleicht mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten im Tennis schnuppern gehen. Ach so, das interessiert dich nicht? Wie wär’s denn mit Leichtathletik? Auch nicht. Gut, dann lass mich mal überlegen…. hmmmmm, was hältst du von den Pontonieren? Wie, das würde dich interessieren? So ein Mist, ääähm ich meine natürlich so toll. Dann schauen wir doch mal, in welchem Alter man damit anfangen kann. Ich denke aber, dass du da noch ein paar Jahre wirst warten müssen. Vielleicht könntest du ja bis dahin mal mit Reitstunden anfangen, was meinst du? Reiten wäre doch auch toll, nicht wahr?

Was bis vor Kurzem noch so einfach war – einmal Sport, einmal Musik, einmal Jungschar – wird von unseren Kindern plötzlich in Frage gestellt. So viele wunderbare Möglichkeiten und so sture Eltern, die immer wieder mit der gleichen Leier kommen: „Und was ist mit der Schule? Du brauchst ja auch Zeit zum Lernen. Und dann brauchst du auch noch Freizeit. Man kann nicht immer beschäftigt sein, man muss sich hin und wieder auch einfach mal langweilen können. Und Papa und ich wollen ja auch nicht die nächsten zehn Jahre als Chauffeure verbringen. Also wenn schon Hobbys, dann bitte in der Nähe, damit ihr bald schon selber gehen könnt.“

So argumentieren wir und im Grunde bin ich ja auch weiterhin überzeugt von unseren Argumenten. Aber was, wenn ich meinem Kind ausgerechnet seinen Herzenswunsch verwehre? Was, wenn wir ein Talent verhindern? Gut, ich bin der festen Überzeugung, dass sich wahres Talent immer einen Weg bahnt und ausserdem würde ich es keinem unserer Kinder antun wollen, es in eine bestimmte Richtung zu drängen. Aber die Unsicherheiten bleiben dennoch. Wo liegt er denn, der goldene Mittelweg zwischen Fördern und Überfordern? Und sieht er für jedes Kind gleich aus, oder ist das, was für den einen schon zu viel ist, für den anderen zu wenig? Ist weniger tatsächlich mehr oder reden wir uns das nur ein, weil wir sonst bei fünf Kindern allmählich den Überblick verlieren über all die Freizeitaktivitäten?

Nun, die Antworten auf all die Fragen kenne ich noch nicht und wir werden wohl nicht umhin kommen, das eine oder andere Mal tüchtig daneben zu greifen. Aber während ich auf Antworten warte – was nicht als Aufforderung zu verstehen ist, mir Erziehungstipps zukommen zu lassen, die mag ich nämlich nicht – bleibe ich natürlich nicht untätig und melde unsere Kinder schon mal fröhlich zu der einen oder anderen Schnupperstunde an.

Gartenweisheiten

Gartenarbeit & Co., das wissen meine geneigten Leser, dienen bei mir nicht in erster Linie dazu, eine reiche Ernte zu produzieren und eine englische Idylle ums Haus herum herzustellen. Nein, eigentlich ist das Ganze für mich mehr so eine Art Selbstfindungs-Seminar. Eine Stunde im Garten und schon weiss ich wieder ein paar Dinge mehr über mich selber. Zum Beispiel:

– Mein Optimismus ist auch nicht mehr, was er einmal war. In alten Tagen konnte Thomas Bucheli hundertmal mit besorgter Miene behaupten, der Sommer liege in den letzten Zügen, ich räumte das Planschbecken erst beim ersten Schnee weg, denn man konnte ja nie wissen, ob nicht doch noch ein paar heisse Tage kommen würden. Heut genügt ein sorgenvoller Blick des Wetterfrosches und schon renne ich in den Garten, um den Pool zu säubern und für den Winter einzulagern.

– Vielleicht ist mein Optimismus inzwischen gar inexistent. Anders lässt es sich kaum rechtfertigen, dass ich im Frühjahr, kaum war die Gefahr von Bodenfrösten vorbei, je ein Tütchen Gurken- und Kürbissamen im Garten verteilt habe, in der der Hoffnung, dass wenigstens ein Pflänzchen wachsen würde. Ja du gütiger Himmel, wie konnte ich denn wissen, dass Gurken und Kürbisse in Sachen Fruchtbarkeit „Meinem“ und mir gar nicht so unähnlich sind? Immerhin bin ich nicht nur Anfängerin im Umgang mit Pessimismus,  auch in Sachen Gartenarbeit kann ich nicht auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen.

– Grosse Visionen zu haben ist das eine, ihnen auch zum Gedeihen zu verhelfen, das andere. Ganz offensichtlich bringt es nichts, im Frühjahr fröhlich Mohn –  und Sonnenblumen anzusäen, Fenchel, Salbei und Thymian zu setzen, in der Hoffnung, dass dadurch der Garten zu einem bunt blühenden Tummelplatz für Bienen, Hummeln und anderes Getier werde. Gut, die Nacktschnecken haben sich sichtlich wohl gefühlt in dem Gewirr. Aber ob je eine Biene den Weg zum Nektar gefunden hat, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht hätte ich ja doch hin und wieder jäten sollen….

– Sollten „Meiner“ und ich je wieder an unserer Intelligenz zweifeln, brauchen wir nur an die Kartoffelernte 2010 zurückzudenken, um uns bewusst zu machen, dass es so schlimm ach nicht sein kann mit unserer Dummheit:

Was diese Minikartoffeln mit unserer Intelligenz zu tun haben? Nun, bekanntlich hat der dümmste Bauer die grössten Kartoffeln.

Gut, einige sind ja schon grösser rausgekommen, aber ich glaube, auch damit schaffen wir es nicht ins Buch der Rekorde:

Ist doch gut, dass wir einen Garten haben. Der sieht zwar auch nach drei Stunden jäten nicht perfekt aus, aber immerhin kennen wir uns jetzt wieder ein bisschen besser.

Warum nicht gleich so?

Theorie

„Die einen – auch als Frührhythmiker bezeichnet – können besonders gut am Morgen arbeiten, sind dafür aber am Nachmittag umso eher müde. Die anderen (Spätrhythmiker) kommen erst am späten Vormittag in Schwung, arbeiten dann aber am liebsten bis in den Abend oder gar bis tief in die Nacht hinein.“

„Wenn Sie das herausgefunden haben, versuchen Sie nicht, gegen Ihren natürlichen Tagesrhythmus zu arbeiten, sondern nutzen Sie diese Gesetzmässigkeiten für Ihre Tagesgestaltung. Legen Sie insbesondere die wichtigen Aufgaben mit höchstem Anspruch an die Konzentrationsfähigkeit, die Qualität und die Leitung in das Hoch Ihrer Leistungskurve.“

Praxis, August 2005 – Juni 2010 (Eigentlich schon seit November 2000, aber in leicht abgeschwächter Form)

Ein quietschfideler „Meiner“ hüpft morgens um Viertel vor sechs aus dem Bett, gönnt sich ein kleines Frühstück, rennt zum Bahnhof, fährt mit dem Zug nach Windisch und beglückt dort eine Horde von Kindern mit einer guten Laune, die jeden Morgenmuffel das Fürchten lehrt. Irgendwann, zwischen halb sieben und halb acht quäle ich mich aus den Federn, versuche verzweifelt, mir mit Hilfe von Gesichtsgymnastik ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, um danach die Kinder aus dem Bett zu jagen. Sind alle mehr oder weniger wach, geht es so richtig los mit dem Gemotze, jeder hat etwas auszusetzen: Der Kakao nicht süss genug, die Kleider nicht geeignet für das Wetter, die Hausaufgaben nicht gemacht, die Kinder zu laut, die Mama zu mies gelaunt, die Milch zu heiss, etc. Ein fröhlicher Start in den Alltag sieht im Erziehungsratgeber irgendwie anders aus.

Abends dann ein anderes Bild: Ich sitze umringt von fröhlichen Kindern auf dem Sofa, jedes hält sein Lieblingsbuch in der Hand. „Mein Buch zuerst!“, jubelt der eine. „Jaaaaa und meines zuletzt!“, freut sich die andere. „Und dann noch für jeden ein Lied!“, fordert der Dritte. Und ich mache bei allem fröhlich mit, tauche mit den Kindern in die Geschichten ein, schmücke noch ein wenig aus, beantworte Fragen. Alle sind selig. Alle, ausser „Meiner“ ,der völlig abgekämpft alle fünf Minuten ins Wohnzimmer geschlichen kommt, beim ersten Mal mit vorwurfsvollem Blick auf die Uhr, beim zweiten Mal mit einem tiefen Seufzer im Sinne von „Seid ihr immer noch dran….“, beim dritten Mal laut schimpfend: „Wann seid ihr denn endlich fertig? Ich will endlich Feierabend machen!“

Praxis August 2010

Ein quietschfideler „Meiner“ hüpft morgens um Viertel vor sieben aus dem Bett und bereitet singend und quatschend das Frühstück für die Familie vor. Zur gleichen Zeit mache ich mich grummelnd mit dem schmutzigen Geschirr von der vorabendlichen Feierabendfete zu schaffen. Und dann, nachdem die Kinder von im gewohnten Stil geweckt worden sind, geht die Party los: Die Frühstücksgäste werden mit einem Stück Banane und Kerzen auf dem Tisch begrüsst, bekommen zu jedem Löffel Corn Flakes einen Witz mitgeliefert und dürfen dann, zum Abschluss des Frühstücks zusehen, wie „Meiner“ eine Banane verspeist. Ach, was erzähle ich da? Es war gar keine Banane, es war eine Bundesrätin, die sich „Meiner“ mit Haut, Haar, Mageninhalt und  „Oh, sie hat gefurzt! Riecht ihr, wie das stinkt?“ zum Start in den Tag gegönnt hat. Nach dieser Show sind Waschen, Anziehen, Zähneputzen und Znüni einpacken eine Kleinigkeit und bevor ich so richtig wach geworden bin, machen sich „Meiner“ und unsere Grossen Kinder fröhlich singend auf, um die Welt zu erobern.

Nun muss eigentlich nur noch ein Weg gefunden werden, wie „Meiner“ und ich die Schichtarbeit für den ganzen Tag einführen können, so dass ich abends auch wirklich für die Kinder da sein kann, anstatt an Sitzungen zu sitzen und dann wären wir auf bestem Wege, Theorie und Praxis in Einklang zu bringen. Bleibt zu hoffen, dass wir für die nächste Etappe nicht wieder zehn Jahre brauchen.

Gibt es denn wirklich keinen Grund?

Nein, ganz ehrlich, ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Baustellen. Nun gut, mein Herz schlägt auch nicht unbedingt für sie und hin und wieder beschäftigt mich auch die Frage, ob die mein Steuergeld wirklich in der Strasse verlochen müssen, aber im Grossen und Ganzen kann ich damit leben, dass hin und wieder gebaut werden muss. Aber es bleibt für mich ein Rätsel, weshalb man an einer Strasse, die sich Schulstrasse nennt, die Baumaschinen exakt zum ersten Schultag auffahren lässt, und zwar nicht zu irgend einem ersten Schultag, sondern zum ersten Schultag nach den Sommerferien, wenn die frisch geschlüpften Kindergartenkinder und Erstklässler zum ersten Mal den Weg alleine unter die Füsse nehmen. Nun könnte man ja einwenden, so eine kleine Baustelle sei doch für die Kinder ganz interessant und ich würde  mich nicht erfrechen, diesem Argument zu widersprechen, muss ich doch selber wieder bei jedem Bagger stehen bleiben, weil das Prinzchen noch ein wenig länger schauen will. Wenn aber bei dieser „kleinen“ Baustelle das Trottoir – für deutsche Leser der Bürgersteig – aufgerissen wird und zwar so, dass die Kinder entweder die Strasse überqueren oder aber mitten auf der Fahrbahn laufen müssen, dann überkommen mich schwere Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit desjenigen, der den Zeitpunkt für dieses Sanierungsprojekt festgelegt hat.

Und dann gerate ich ins Grübeln: Muss dass denn wirklich jetzt getan werden oder hätte man das Ganze auch drei oder vier Wochen früher tun können? Sitzt da irgendwo ein Sadist in einem Büro, der die Baustellen so plant, dass sie in einen möglichst unpassenden Zeitpunkt fallen? Oder am Ende gar ein Kinderhasser? Hat sich da einer das Projekt angeschaut und gesagt: „Super, die wollen das Trottoir an der Schulstrasse erneuern! Das machen wir doch gleich in der ersten Schulwoche, damit die Kinder auch sehen, wie sehr wir uns ins Zeug legen. Und vielleicht entschliesst sich ja der eine oder andere dazu, eine Lehre als Strassenbauer zu machen…“ ? Oder gibt es wirklich gar keinen Grund für diese stupide Planung, ausser dass sich da einfach keiner etwas dabei gedacht hat? Hat man einfach die Agenda gezückt und geschaut, wo noch eine weisse Lücke im Kalender zu füllen wäre?

Ich hoffe sehr, dass es einen guten Grund gibt, weshalb die armen Kinder wieder unnötig Gefahren ausgesetzt werden. Denn sollte das alles wirklich nur ein dummer Zufall sein, müsste ich das nächste Mal bei der Zahlung meiner Steuern den folgenden Vermerk anbringen: „Diese Spende darf nicht zur Sanierung von Strassen verwendet werden.“

Und ja, ich weiss, dass ich über dieses Thema auch schon geschrieben habe, aber es sind nun mal die grossen Fragen des Lebens, die mich am meisten beschäftigen….

Machen wir uns doch nichts vor

Wir können dem Vollmond die Schuld geben, oder der Lehrerin, die zu viele Hausaufgaben aufgegeben hat, der Schulkameradin, die eine gemeine Bemerkung fallen gelassen hat oder wir können behaupten, das schlechte Wetter sei Schuld. Und wenn am nächsten Tag das Wetter besser, die Laune aber noch immer gleich mies ist, dann schieben wir die Schuld eben der Hitze in die Schuhe. Oder der grossen Müdigkeit. Oder dem Virus, das gerade die Runde macht. Egal, ob die Ferien erst gerade angefangen haben, oder ob sie schon wieder vorbei sind, egal, ob eine ungestörte Nacht hinter uns liegt, oder ob sämtliche Kinder von Albträumen geplagt wurden, egal, ob die Kinder zu viel Zucker in sich reingeschaufelt haben oder ob sie seit fünf Tagen nichts Süsses mehr angerührt haben, wir Eltern finden immer einen Schuldigen, den wir für die miese Laune unserer Kinder verantwortlich machen. Knallt einer die Tür, dann schütteln wir den Kopf und seufzen: „Immer dieser Schulstress…“, tritt einer den anderen aus lauter Wut gegen das Schienbein, murmeln wir etwas von: „Er hat wohl noch immer nicht überwunden, dass sein Geburtstag schon wieder vorbei ist“ und wälzt sich einer wegen der kleinsten Kritik heulend auf dem Fussboden, dann wissen wir ganz genau, dass dieses Verhalten nur durch einen Wachstumsschub oder  vielleicht auch durch einen akuten Eisenmangel hervorgerufen werden kann.

Klar, meistens haben die Kinder tatsächlich Gründe dafür, dass sie sich vollkommen daneben benehmen und es lohnt sich bestimmt, immer wieder nachzuhaken, sich dem Kind zuzuwenden und zu fragen, was ihm denn über die Leber gekrochen sei. Und häufig hat man tatsächlich ein paar Tage später, wenn die Ärztin eine Allergie diagnostiziert hat, oder das Kind wieder mal einen ausgedehnten Mittagsschlaf gemacht hat, ein Aha-Erlebnis und man weiss, was der Grund für das Gezeter und Geschrei war. Aber machen wir uns doch nichts vor: Es gibt Tage, an denen unsere Kinder einfach nur mies gelaunte kleine Monster sind, die noch nicht gelernt haben, dass man die Wut nicht an Mama, Papa, Au-Pair und Geschwistern auslässt, sondern an einem zu langsamen Computer, an einem Billett-Automaten, oder, wenn’s gar nicht anders möglich ist, an einem Autofahrer, der einem zu nahe gekommen ist.

Hab‘ ich’s doch geahnt….

…. dass ich mein Potential nicht ausgeschöpft habe. Laut diesem Quiz bei Facebook hätte ich eine unbegrenzte Anzahl Kinder haben können. Gut, mehr als zwölf sollte man nicht haben, werde ich noch ermahnt, weil sonst die „individuelle Erziehung“ nicht gewährleistet werden könne. Nun ja, wenn man meinen Post von heute Morgen gelesen hat, weiss man, dass das mit der individuellen Erziehung auch bei fünf Kindern schon hin und wieder hapert…..

Wie ich überhaupt dazu gekommen bin, bei diesem unsinnigen Quiz mitzumachen? Nun, meine von Natur aus begabte Babysitter-Nichte hat bei dem Quiz bestätigt bekommen, dass sie dazu geeignet wäre, vier Kinder zu haben und da wollte ich herausfinden, ob ich ihr vier meiner Kinder überlassen muss, weil das Quiz mir nur eines zutraut. Aber ich kann aufatmen: Nach Beantwortung der fünf Fragen wurde mir bescheinigt, dass ich „sehr geeignet“ sei, viele Kinder zu haben. Ich darf also meine Kinder behalten und meine Nichte kann ihre Ausbildung fortsetzen.

Gut, wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich ein klein wenig geschummelt habe. Zum Beispiel bei der Frage, ob ich meinem Kind eine zweite Softgun kaufen würde, wenn es darum bettelt. Weil die Antwort „Mein Kind bekommt nicht mal eine Softgun und wenn es mich auf Knien anfleht“ nicht zur Verfügung stand, habe ich eben das kleinste Übel gewählt und meinem imaginären Kind erlaubt, mit seinem eignen Geld so ein elendes Ding zu kaufen. Meine sehr realen Kindern würde ich das mit einem kurzen Exkurs über die moralische Verwerflichkeit von Waffen ausreden, so dass sie am Ende ihr sauer verdientes Taschengeld zugunsten von Landminen-Opfern spenden würden.

Auch die Frage, wie ich reagiere, wenn mein Kind mit einem Regenwurm in der Hand daherkommt, habe ich nicht ganz wahrheitsgetreu beantwortet. Ich habe behauptet, ich würde die Begeisterung meines imaginären Kindes teilen und ihm danach erklären, wie sich Regenwürmer fortbewegen. Wenn meine realen Kinder mit Regenwürmern auftauchen – was Luise mit Vorliebe tut – kreische ich zuerst mal, sie sollten das Ding so schnell als möglich verschwinden lassen und dann erkläre ich ihnen nicht nur, wie sich die ekligen aber sehr nützlichen Viecher fortbewegen, nein, ich erzähle auch, wovon sie sich ernähren, was passiert, wenn sie versehentlich halbiert werden, wie die Verdauung funktioniert, dass der Körper behaart ist und wie die Dinger aussehen, wenn man sie seziert. Man sieht also, ich bin zwar eine Memme, die aber auch in den schlimmsten Momenten noch daran denkt, den Horizont ihrer Kinder zu erweitern. Und das ist doch viel besser, als bloss die Begeisterung der Kinder zu teilen, nicht wahr?

Alles in allem bin ich ja sehr beruhigt über das Resultat dieses Tests. Wenn ich mich das nächste Mal als Versagermama des Jahres fühle, kann ich mich jetzt auf eine anerkanntes Assessment berufen, welches mir bescheinigt, dass ich gar nicht so unfähig bin, wie ich hin und wieder meine.